Das Gehör der Verbrecher. 375
Ihre Lebensweise, ihre lasterhaften Gewohnheiten setzensie mehr als die normale Bevölkerung krankmachenden Ein-flüssen aus, Ton denen Ohrenkrankheiten hervorgerufen undfortdauernd erhalten werden.
Ich erinnere in dieser Beziehung, dass in den Statistikenüber Ohrenkrankheiten Nasen- und Ilachenleiden, — diebei Verbrechern infolge von Rauchen und Priemen alssehr häufiges Vorkommen durch mich nachgewiesen wordensind —, in 33—40%, und Rheumatismus in 15% der Fälleangeführt werden. Als hauptsächliche Quellen der Ohren-krankheiten gelten ferner Syphilis, Skrofulöse, Tuberkulose,Erblichkeit u. s. w. Dazu kommt der Einfluss gewisser Ge-werbe, Kopftrauma u. s. f.
Man kann aber die Erage aufwerfen, ob, abgesehen vonden genannten krankmachenden Ursachen, bei den Verbrecherneine geringere Widerstandsfähigkeit, eine ihnen eigenthümlicheHinfälligkeit des Gehörorgans degenerativen Charakters bestehe,welche die Entwickelung jener Leiden befördere.
Meine Erfahrungen in der Sache gestatten mir nicht, eineentschiedene Antwort darauf zu geben. Zu gunsten derHypothese spricht allerdings der Umstand, dass oft, namentlichaber in den von mir als nicht genau zu lokalisirendeDysakusien aufgeführten Eällen, bei Verbrechern von25—30 Jahren ein Hörorgan gefunden wurde, welches aus-geprägte Funktionserscheinungen degenerativer Art oder senilerInvolution zeigte, wie man sie nur am Ohr von Greisen, etwaim Alter von 60 Jahren, normalerweise findet.
Ottolenghis Untersuchungen zufolge findet bei den Ver-brechern Abstumpfung der Sinnesorgane, mit Ausnahme desGesichtes, statt.
Meine eigenen Beobachtungen haben gleichwohl konstanteVerhältnisse zwischen der Abstumpfung des Tast-, Geschmack-und Geruchsinnes und der Verminderung der Hörschärfe nichtergeben.
Schlussfolgerungen. — Die Ergebnisse meiner Be-obachtungen zur Sache lassen sich folgendermaassen zusammen-fassen.