360 Nachträge.
11. Seltsame Gewerbe.' —■ Eines derselben ist dasZähmen von Tbieren. ..Pagano, einer der wildesten Mörderin Buenos-Aires, 1 hält vier Mäuse, die jede ihren Namen be-kommen hat. Am Fenster sind überall Gerätbe zu gymnasti-schen Uebungen angebracht, in der Mitte hängt der Tempeloder das Theaterchen, wo die Mäuse mit aus Lumpen oderPapier gefertigten Pigürcben ihre Vorstellungen geben. Sehrmerkwürdig sind die musikalischen Instrumente, da alles mitden geringen Materialien, die einem Gefangenen zu Gebotestehen, beschafft wurde, mit Stückchen Schuhleder, Nägeln,Topfscherben u. dgl. m. Die Mäuse tanzen auf dem Seil,gehen auf den Vorderbeinen, schlagen Rad am Trapez, läutenGlocken, ziehen Brunnen Schwengel, stecken Lampen an —alles, wie es ihnen befohlen wird. Eine seltene Kunstfertig-keit entwickeln sie aber, wenn Pagano sie die Messe feiernlässt; er bekleidet sie dann mit einem halb-priesterlichen Rockvor einer Art von Altar, der im Innenraum des Tempels an-gebracht lind mit Modefigürchen und Karikaturen ausge-schmückt ist. Eine spricht die Messe, die anderen stehen aufden Hinterbeinen in andächtiger Haltung. Sonderbar klingtes, wenn P. eine kleine Flöte bläst und Psalmen absingtzwischen ein und dem anderen Liede, das weder Gott nochder Teufel verstehen mag, und so lange zu singen und zublasen fortfährt, bis man es ihm untersagt. Noch wunder-licher aber ist es, dass P., wenn eine Maus ihre Jungen ge-säugt und entwöhnt hat, er die Mutter fortjagt, und die Sorgeder Erziehung übernimmt, weil er kein Gefängnisswärter sei,folglich auch nicht Gefangene halten wolle, wie es seineWärter thun."
Ich sah Verbrecher nicht bloss Ratten, sondern auchMurmelthiere, Wölfe und sogar Flöhe zähmen.
Diese Vorliebe der Gefangenen für Thiere beruht nichtbloss auf der erzwungenen Einsamkeit, sondern hängt mit derVorliebe der moralisch Irren und geborenen Verbrecher zu-sammen. (S. Bd. I.)
Drago, Los Hombres de presa, Buenos-Aires 1888.