Kunst- und Gewerbebetrieb der Verbrecher. 359
J. Gr., im Zuchthause von B., zog aus der Deckwandder Zelle, wo er sass, einen Nagel, versah, ihn mit einemStiel, den er aus dem vorher zerbrochenen Eimer machte undverbarg diese Art von Dolch im Strohsack. Dieser Waffewollte er sich gegen den Arzt und den Direktor der An-stalt bedienen, um sich an ihnen wegen auferlegter Strafenzu rächen.
In den Irrenhäusern verfuhren manche moralisch Irreganz ebenso. In Pesaro nahm ein wegen Mordes sehr strengüberwachter derartiger Kranker vor den Augen der AufseherSchilfrohr an sich, das man wegen seiner Zerbrechlichkeit fürungefährlich hält, spitzte es zu und versuchte damit einenarmen Wächter zu durchbohren.
10. Zum Zwecke des Selbstmordes. — In denZellen, wo man nicht leicht dazu gelangt, Andere zu verletzen,strengen die Gefangenen alle ihre Gedanken darauf an, Selbst-mord zu verüben, öfter auch nur zum Schein. Bekannt istder Fall, wo der Betreffende einen zugespitzten Löffel in denMastdarm eintrieb und infolgedessen starb. Viele zerbrechenGlas, mit dem sie sich ritzen, um glauben zu machen, dasssie schwer verwundet seien. Häufiger machen sie sich Schlingenaus Schnüren, die sie aus ihren eigenen Kleidern, aus Bett-decken und dergleichen mehr drehen, worauf sie monate-, jasogar jahrelange Arbeit verwenden — und hinterlassen, wiewir es von Eusil und dem Königsmörder Bumeno wissen, einAndenken an ihren Selbsmord' in Gestalt von Zeichnungenund Versen. Verschiedenartige Exemplare solcher Schlingenmachten Tardieu und Hoffmann 1 bekannt; auch ich selbstbesitze eine reiche Auswahl davon.
Es fehlt also im ganzen genommen den Verbrechernnicht an Thätigkeit, leider entfaltet sie sich aber stets zumSchaden Andere]-, bisweilen auch ihrer selbst, und sicherlichwürden die Schäden noch viel ernstlicher sein, wenn die Vor-sicht der Gefängnissreglements sie nicht verhütete.
1 Tardieu, Sur la penclaison 1882. — Hoefmann, Handb. d. gerichtl.Medizin, Wien 1885.