Zweites Kapitel. Kriminaloide. 313
vorhandenen Instinktes, ist mehr Vorwand als Gelegenheit;beim Gelegenheitsverbrecher dagegen ist es ein wirklicher'Trieb, der, wenigstens auf geeignetem Boden, verbrecherischeKeime, die noch nicht entwickelt waren, hervorspriessen lässt.Beim geborenen Verbrecher ist es eine That, in der eine vor-herbestehende, instinktive Kraft sich entladet, beim Gelegenheits-verbrecher eine That, die einen verbrecherischen Instinktgleichzeitig hervorbrechen und wachsen lässt.
Bei tieferem Eingehen in das Gebiet der Kriminal-psychologie finden wir, dass von den beiden Faktoren desVerbrechens, von der moralischen Gefühllosigkeit das angeboreneund Gewohnheitsverbrechen, von der Unbedachtsamkeit dasGelegenheitsverbrechen sich herleitet.
Während nämlich der Mangel an sittlichem Gefühl es ist,der den geborenen Verbrecher vor seinen Missethaten nichtzurückschrecken lässt, fehlt das sittliche Gefühl bei demGelegenheitsverhrecher nicht, sondern es ist nur zu stumpfund er giebt dem äusseren Anstosse nach, weil er die Folgendes Verbrechens nicht lebhaft genug im voraus empfindet;anderenfalls würde er auf dem richtigen Wege zu bleibenimstande gewesen sein.
Jedem, auch dem unschuldigsten Menschen, kommt ein-mal bei verlockenden Gelegenheiten ein flüchtiger Gedanke zueiner unehrenhaften Handlung.
Bei dem Ehrenmann jedoch — vorausgesetzt, dass er esdurch und durch, seiner Organisation und geistigen Anlagenach ist — gleitet die Versuchung, welche zugleich dasBild der möglichen Folgen erweckt, von dem glatten Stahleiner kräftigen geistigen Konstitution ab und lässt sie un-berührt.
Bei dem weniger starken und bedächtigen Geiste legt dieVersuchung eine Bresche, wird von dem wenig festen mora-lischen Sinn nicht zurückgeschlagen und trägt schliesslich denSieg davon, weil, um mit Victor Hugo zu sprechen, derPflicht gegenüber zweifeln so viel heisst wie besiegt sein."
Ebenso und vielleicht noch bestimmter drückte sich Garo-t'ALO aus. v