Zweites Kapitel. Scheinbare Verbrecher. 279
Behendigkeit ausraubten, ehe die Bestohlenen etwas davonmerkten (Ave-Lallemant).
Um 1600 waren die Raubritter auch in Italien zahlreichund erlangten sogar historische Bedeutung. Mancini, ein«gewöhnlicher Dieb, besetzte Gargano und wurde Hauptmannbeim König vom Sardinien. Pezzola, der die Priester aus-plünderte, wurde mit fast königlichen Ehren in Born empfangenund erhielt Ritterorden von Spanien und dem Grossherzogvon Toscana (Gozzadini, Pepoli e Sie.sto V, 1878).
De L'Etoile schreibt: „Heutzutage (1589) ist Rauben undNotzüchtigen Sache eines guten Katholiken. Nothzucht, • selbstin den Kirchen, ist ein galanter Scherz." Zu Heinrich desVierten Zeiten machte Condes Mutter die Kupplerin. Brantömedurfte sein Werk einer — Königin widmen.
Im Jahre 1770 unterhielt die adlige Dirne De Choisyeinen Briefwechsel mit der Königin. Zu derselben Zeit un-gefähr stiftete Mme. Roncourt einen Dirnenorden für Tribaden,die sich gegenseitig Treue schwuren, und die geschminktenNonnen tanzten mit Soldaten.
In Rom war vor einiger Zeit die Zahl der Verbrechen,besonders derer gegen das Eigenthum, weit höher als in vielenGegendeD Italiens. Der Grund davon lag, wie Gabelli(Rom und die Römer, 1881) gezeigt hat, grossentheils inbesonderen Verhältnissen; erstlich in der alten Tradition vonder Straflosigkeit und in der auf dieser beruhenden moralischenAtmosphäre, dann in dem Auftauchen und Hinzuströmen einerzweideutigen Bevölkerung, wie das nach jeder Revolution derFall ist, von Individuen, welche die neue Regierung auf dieProbe stellen wollen, wie Schüler den neuen Schulmeister —und das um so mehr in Rom, wohin der Gewinn lockte unddas Räuberwesen von der früheren Regierung väterlich geduldetworden war; endlich in dem Ungestüm, in welches dieUnschuld gewaltsam unterdrückter Seelen ausbricht, die nochnicht gelernt haben, die Folgen ihres Ungestümes zu berechnen.Daher genügt ein beim Spiel entwischtes unbedachtes Wort, ein"Verdacht der Untreue, Brotneid, besonders auf dem Lande, umzu einem Morde zu veranlassen, der so wenig der Bedeutung