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2 (1890)
Entstehung
Seite
278
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278 Dritter Theil. Der GelegenheitsVerbrecher.

das Gefängniss schon zu voll ist. Man sah zwei Mädchen vorder Gefängnissthür warten, bis sie geöffnet wurde, als wäre esdie Thür einer Schule. 1

Wie nun die Anschauungen über Moral in den verschie-denen Ländern und Zeiten wechseln, ebenso ist es der Fallmit fast allen in barbarischen Zeiten und Ländern begangenenVerbrechen.

"Wie der religiöse Fanatismus des Mittelalters die unbe-kannten grossen Baumeister hervorbrachte, welche die Wunderunserei' Kathedralen schufen, so erzeugte die Ehrfurcht vor derKraft und Gewalt in den Zeiten der Barbarei ein endemischesVerbrechen, welches weder in anthropologischer, noch in juri-discher Beziehung als solches galt, ebensowenig wie es in Be-ziehung auf das Thier der Fall ist. (Vgl. Bd. I., Th. I, Kap. 2.)

Die Highlanders, sagt Buckle, kannten kein anderesMittel ihren Unterhalt sich zu verschaffen, als durch Mordund Baub, die ihnen als eine ehrenvolle Beschäftigung er-schienen.

Zu Macchiavellis Zeiten galten die Verbrechen der Borgiaals politische JSTothwendigkeit. Gregor von Tours schilderteChlodwig, der seine Verwandten umbrachte, wie einen Heiligen,weil er ein guter Christ war, und Chilperich als einen Ver-worfenen, weil er dem Papst Widerstand leistete.

Die deutschen Raubritter des XIV. Jahrhunderts warenadlige Herren, und manch einer von ihnen brandschatzte ganzeStädte, wie der- berüchtigte Epelin.

Zu Jakob IL von England Zeit gab es unter den Räu-bern Leute aus den höchsten Ständen; einer, King, hatte inCambridge studirt, ein anderer, Claude Duval, war Page desHerzogs von Bichmond gewesen. (Maoaulay, Story of Eng-land cap. HI.)

Mersen, ein Dorf von 2000 Einwohnern an der holländisch-deutschen Grenze bei Aachen, war im Jahre 1687 durchseine Spitzbuben berüchtigt, die sich selbst Mersen nannten,und die Umgegend ohne Aufsehen und Gewalt mit grösster

1 Lioy, In alto, Milano 1888.