Zweites Kapitel. Scheinbare Verbrecher. 277
Unter den Poesien von Neri Tanfucio befindet sich eine,worin Einer dem Anderen den Vorschlag macht, Wecksel-fälschungen zu machen: „Das ist ja nicht so schlimm, da esso Viele thun!"
Der Mensch befindet sich auf dem Standpunkt des Wildenden Thieren gegenüber, wo das Verbrechen noch ein physio-logischer Vorgang ist. Die Grausamkeiten gegen die Thieresind jetzt nicht strafbar, wohl aber werden sie es späterwerden, wenn die Vorstellungen der Juristen sich geklärthaben werden.
Es ist wohl zu beachten, dass in dieser Hinsicht dasUnrecht sehr verbreitet und wahre Ehrlichkeit eine besondereAusnahme ist.
Man denke an die vielen Geschäfte, in denen Ueber-vortheilungen durch Preis und Gewicht stattfinden, andie Handwerker, die ihre Kunden prellen, an die Professoren,die wissentlich Unwahres vortragen ; an die Beamten, die ihrenGünstlingen gegenüber ein Auge zudrücken ; an die Regierenden,die ihre Machtstellung und die Justiz missbrauchen, — sohaben wir eine Summe von Unrecht, welche die der offiziellenSchuldigen weit übertrifft.
Dahin gehören auch die Steuerdefrautionen, die Holz-diebstähle in den Landbezirken, die Fruchtabtreibungen in dengrossen Städten, die von den ehrlichsten Personen ohne eine ■Ahnung von Unrecht und ohne Gewussensbisse begangen undunbefangen eingestanden werden.
Dahin auch viele Vergehen beim Militär, wie Gehorsams-verweigerung u. dergl. m., ferner politische Vergehen, wenneine schlechte Regierung die ehrlichen Leute zur Verzweiflungund Empörung bringt.
Im Berggebiet (Montello) werden unausgesetzt Hundertevon Waldbewohnern (Holzhauer) mit Gefängniss bestraft, diemit Ausnahme von Holz, aus dem sie ibren Unterhalt beziehen,keines Diebstahls fähig sind. Täglich werden 2, 8, 10, 15, 20junge Leute, Frauen, Kinder in das Gefängniss von Monte-belluna geführt. Viele stellen sich freiwillig an dem Tage,wo sie ihre Strafe abbüssen w r ollen, und kommen wieder, wenn