22 Erster Theil. Verbrechen aus Leidenschaft.
und den Geschworenen, das hartnäckige Leugnen, indem siesogar noch nachher, als ihre Schuld erwiesen war, that, als obsie ein Neuling wäre, die Hochmüthige spielte, mit Hand undFuss die Anklage bestritt, immer neue Entschuldigungen, undBeschuldigungen vorbrachte und endlich, in Ermangelung andererHülfsmittel, in Ohnmacht und Krämpfe verfiel, kurz, als voll-endete Schauspielerin sich darstellte. — Die Gras hatte denMuth, ihren früheren Liebhaber, dem sie durch fremde Handmittelst Scheidewasser das Gesicht hatte verbrennen lassen, inihr Haus aufzunehmen und eigenhändig zu pflegen. Vor denAssisen zeigte sie dieselbe Fühllosigkeit. Auch sie war über dieAlterslinie der Liebesgluth hinaus.
Desgleichen war die Biere, die vor einigen Monaten diePariser Welt in Aufregung versetzte und 'den Geschworeneneine ungerechte Freisprechung abrang, auf Grund des Vor-wandes, dass ihr früherer Liebhaber — auf den sie einenMordversuch gemacht hatte — den Tod ihres gemeinsamenKindes dadurch beschleunigt habe, dass er es in Kost (!!)gegeben habe, nichts als eine gemeine Verbrecherin, viel-leicht mit der Beschränkung, dass sie einer Familie von Irrenentstammte. Sie war über die Dreissig hinaus, hatte 10 Jahrebeim Theater gestanden, was gerade nicht "für eine Schule derKeuschheit gilt; sie hatte ihre Stimme verloren, hatte eineGeldentschädigung im Betrage von 3000 Lire von jenemLiebhaber verlangt und Anweisung darauf erhalten, und trotzdessen den Vermerk in ihr Tagebuch eingetragen: „Ich willnicht von Almosen, von Prostitution leben." Sie hatte ihnvon einer Kutsche aus, abends, in einer einsamen Strasse an-gegriffen, nachdem sie ihm vier Tage lang aufgelauert, siebenMonate seit dem Tode ihres Knaben, ja sogar noch bei Leb-zeiten des Letzteren, da sie elf Monate vorher gegen ihn aus-gesprochen: „Dein Leben hängt von dem des Kindes ab."Schon seit ihrem Abgang aus der Schule hatte sie böseNeigungen gezeigt. Nach ihrer Verhaftung äusserte siekeinerlei Reue, meinte sogar ihren Wächtern gegenüber:„Fürchtet nicht, dass ich mich umbringe, noch ist Jenernicht todt.' ;