Erstes Kapitel. Unterscheidungszeichen. 23
Hier war also die Liebe nur ein Vorwand oder vielmehrnur ein Schleier, um die unbefriedigte Begierde und die Rach-sucht zu verhüllen.
In ähnlicher Weise verbirgt sich unter dem weiten Mantelder Liebe ein grosser Theil der Fälle von Giftmorden, diebesonders bei ungetreuen Gatten beliebt sind.
Wie unähnlich ist aber dennoch das Bild Derjenigen, dieaus Liebe Verbrechen begehen, dem Bilde Derer, die (wie dieEberzeny, Brinvilliers, Toddi, Contri) das Verbrechen langevorher erwägen, und unter Schmeichelworteu und Küssen denTod bereiten; wie unähnlich Denen, die mit der Vergangenheiteiner Messalina nicht nur den ersten Gemahl, sondern auchihm Liebhaber verrathen; Denen endlich, die wie zum ScherzeHunden, Dienern, Nachbarn und sogar den eigenen Kinderndas Gift reichen und keine Reue zeigen, sondern sogar (LaPommerais, Taylor) bis zum letzten Momente ihres Lebensdas begangene Verbrechen leugnen.
Bei Diesen kann zwar die Liebe auch einen der Beweg-gründe zum Verbrechen gebildet haben, aber der schlimmeBoden war längst vorhanden und nur ein Zufall Avar es, dassLiebe als Grund unter den anderen Gründen auftauchte.
24. Die Zahl der Verwundungen. — Das Merkmal,welches Locatelli als bezeichnend für die Verwundungenaus Leidenschaft aufstellt und welches darin bestehen soll,dass in letzterem Falle nur einmalige Schläge geführt werden,können wir nicht als für durchweg geltend bestätigen. Loca-telli sagt: „Während die gewerbsmässigen Mörder und Räuber,ohne eigentlichen Hass gegen ihr Opfer, dasselbe tödten,beschränken sie sich gewöhnlich nicht auf einen einzigenSchlag, sondern schlagen so lange zu, bis sie des Erfolgessicher sind.' ;
Es ist allerdings wahr, dass die gemeinen Mörder Cavaglia,Fratini, Alberti, Fassi, Danieli, Zucca, Rognoni, Lacenaire,Rourse u. A. m. ihren Opfern viele Wunden beibrachten,während die Mörder in Leidenschaft, wie Bouley, Bancal, De-litala, Leoni,' Marino, Becchis, Milani, Sand, Cardinali, Brennernur einen Schlag führten.