Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 247
Wie soll man nun aber dieses unwillkürliche Bewusstseinerklären? Jene jungen Mädchen besitzen doch keine Er-fahrung in solchen Dingen. Was bleibt also übrig? DerSinn des unmittelbaren Erkennens, wird man sagen. Das istdie gewöhnliche Erklärung, mit der das grosse Publikum sichbegnügt, weil sie eben nichtssagend ist. Ich vermuthe, dassdahinter eine ererbte Erscheinung steckt. Der Eindruck, denunsere Väter unseren Kindern hinterlassen haben, ist gleichsamzum unbewussten Wahrnehmen geworden, ähnlich demjenigender kleinen Vögel, die, in unseren Wohnungen gross geworden,vor Schreck mit Flügel und Schnabel gegen die Gitter desKäfigs schlagen, wenn sie einen Raubvogel vorüberfliegensehen, der nicht ihnen, sondern nur ihren Voreltern bekanntgewesen ist. — Täglich erfahren wir, welch wichtigen Antheildas Uhbewusste an den Handlungen des Menschen hat undwelch' eine Rolle Atavismus und Erblichkeit dabei spielen.
Wer von uns denkt daran, wenn er sein Knie beugt unddie Hände faltet, dass dies eine ererbte Bewegung ist, eineHinterlassenschaft aus den Zeiten der Barbarei, wo der Kriegder Normalzustand war? — Damals versuchte der Besiegtein solcher Stellung, die das Binden der Hände erleichterte,den Verdacht von sich abzuwenden und das Mitleid desSiegers zu erregen, der den sicheren Tod in Gefangenschaftverwandeln sollte. (Darwin.)
4. Blick. — Das, was den geborenen Verbrecher amdeutlichsten kennzeichnet und verräth, ist sein Blick. IJnieinen Verbrecher zu erkennen, brauche ich nicht sein ganzesGesicht zu sehen, es genügt mir schon, wenn ich einen seinerBlicke erhaschen kann, sagt VlDOCQ.
Wenn der Verbrecher auch alle seine Gesichtszüge inGewalt hat, so gelingt es doch cfem grössten Heuchler nicht,den Blick, der sein Innerstes verräth, zu verstecken.
Ich finde eine grosse Aehnlichkeit zwischen dem Blickdes Mörders und dem der Katze, wenn sie im Hinterhaltelauert oder zum Sprunge bereit ist, und ich erkläre mir dasaus der beständigen Wiederholung der bösen Streiche, dennbei den schlimmsten Kindern habe ich diese Art wilden