1 ULB DüsseIdorf +4029 041 01 DER VERBRECHER (HOMO DELINQUENT) IN ANTHROPOLOGISCHER, ÄRZTLICHER UND JURISTISCHER BEZIEHUNG CESARE L0MBR0S0 PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT TURIN. IN DEUTSCHEE BEARBEITUNG DR. M. 0. FRAENKEL Membbo Cobrisp. della Societa Fbeniatbica Italiama, Socio Coeb. dell'Accademia Med.-Fisica Fiobentina. EESTEE BAND. MIT VORWORT VON PROF. De. Jdk. VON KIRCHENHEIM. ZWEITER ABDRUCK. HAMBURG-. VERLAGSANSTALT ü. DRUCKEREI A.-G. (VORM. J. F. RICHTER), KÖNIGLICHE HOFBUCHHANDLUNG. 1894. %w ^ *h tanMs* u. Stabt» 71 Btbliottyzk [7] llDüffelborflll Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vorm. J. F- Richter) in Hamburg. °i ' l 4 $4. Zur Einführung. Das vorliegende Werk, welches die Naturgeschichte des Verbrechers enthält, ist bereits in mehreren italienischen und in einer französischen Ausgabe erschienen. "Wenn der Verfasser an den Schreiber dieser Zeilen die ehrenvolle Aufforderung richtete, der deutschen Uebersetzung ein Geleitswort auf den Weg zu geben, so mochte dies persönlich gerechtfertigt sein, da der Unterzeichnete, ebenso wie F. v. Liszt in Marburg — ohne der LoMBROSOschen Schule anzugehören — mit lebhaftem Interesse deren Bestrebungen verfolgt hat, und zwar bereits im Jahre 1878, als sie in Deutschland noch ziemlich unbekannt waren. 1 Heute dürfte in engeren Fachkreisen eine Einführung des Werkes kaum nöthig sein, da die Richtung desselben mehr und mehr bekannt geworden: keins der gebräuchlichen Lehrbücher des Strafrechts (Berner, Liszt, Meyer), das nicht wenigstens kurz der LoMBROSOschen Bestrebungen ge- 1 Die hauptsächlichsten Artikel von Kirchenheims über die Lom- BRoso-FERRische Schule sind enthalten im Gerichtssaal XXXI. S. 252, 558, XXXII. S. 630, XXXIII. S. 228 und Attgem. konservative Monatsschrift XLII. Heft 11. — Vgl. ferner Centralblatt für Bechtsivissenscliaft II. S. 185, ni. S. 52, IV. S. 120, 298, 381. (Liszts Zeitschrift f. dei ges. Strafrechtswissenschaft; vgl. bes. I. 108 ff., 135 ff., II. 330, 358, III. 1 ff., 457, 499, 568, 706, V. 420, 670, VI. 760.) IV Zur Einführung. dächte. Dem Wunsche des Verfassers aber will ich mich trotzdem nicht entziehen, und mag es gestattet sein, für weitere Kreise des wissenschaftlichen Publikums einige Worte der allgemeinen Obarakterisirung voranzuschicken: dieselben können nur den Zweck haben, zu vergegenwärtigen, welche Stellung und Bedeutung dieser neuen Wissenschaft vom Verbrecher zukommt. Die Probleme des Strafrechts beschäftigen auch unser Jahrhundert in gleichem, ja vielleicht in höherem Maasse, wie die früheren. Ein Zeitalter wachsender Kultur ist auch eine Epoche zunehmender Verbrechen: mit den Mitteln jener steigt die Möglichkeit mannigfachen Missbrauchs. Auf keinem Gebiete des Lebens äussert sich der Einfluss der Zeit deutlicher, als im Strafrecht; hier ist ein Spiegelbild, wenn auch ein trübes, der sich wandelnden Kultur, hier der engste Zusammenhang mit dem Denken und Fühlen dahineilender Geschlechter. So starr die privatrechtlichen Begriffe, die den Jahrhunderten trotzen, so wandelbar ist das Strafrecht, in dem jede Regung des Volkslebens wahrnehmbar wird. Doch — blicken wir nicht nur auf diese Nachtseite des Kulturlebens. Das Zeitalter des Fortschrittes und des Dampfes ist ein Zeitalter der Verbrechen, aber auch hoher, edler, menschenfreundlicher Bestrebungen. Der alltäglichen Phrase, dass die Gegenwart ohne Ideale sei, kann nicht beigestimmt werden. Wer nicht bloss die Schatten sehen will, wird anerkennen, dass kaum eine Epoche, nicht die der weithin wirkenden mittelalterlichen Kirche und nicht die des bevormundenden Polizeistaates, an Wohlfahrtseinrichtungen und Werken der Wohl- thätigkeit so reich war wie die unsere. Und wie vielgestaltig sind vor allem die Bestrebungen, die seit Elisabeth Frey hervorgetreten sind, um den Verirrten, den Verbrechern nachzugehen, nach dem Worte des Jesaias den Gefangenen eine Erledigung zu bringen. Alle aber sind zusammengehalten durch eine Devise: Justüia et Caritas! Zur Einführung. V Also lautete die Aufschrift einer Denkmünze, welche die italienische Regierung zur Erinnerung an den letzten Gefängniss- kongress prägen Hess: ein anderes Andenken aber demgegenüber war ein Album, in welchem mehrere Hundert Kriminalisten in kurzen Kernsätzen ihre Anschauungen niederlegten. Dort die Einheit, hier die Mannigfaltigkeit. Regierungen und Einzelne beherrscht von den gleichen Zielpunkten, und doch so verschieden gesinnt über Grund und Mittel der Strafrechtspflege! In der That, wie sehr weichen doch gerade hierüber die sachverständigen Meinungen voneinander ab: über alle Grundlagen und Grundfragen finden wir die mannigfachsten Ansichten. Da sind zunächst einige juristische Theoretiker, welche das Strafrecht als rein juristische, formal-logische Wissenschaft betrachten, interpretiren und deduciren, nicht anders als die Glossatoren die libri terribiles oder der deutsche Grossinquisitor Carpzow die Sprüche des Leipziger Schöppenstubles erklärten. Durchaus anderes Sinnes die Männer der Gefängnissverwaltung, voller Milde und bester Bestrebungen, allein beseelt von dem einen Gedanken — zu bessern. Beiden gegenüber wiederum solche, welche sowohl die Arithmetik der Strafzumessung verwerfen und absolutere Strafsätze verlangen, wie auch die gesamte Gefängnisswissenschaft als einen „widerlichen Gedanken- und Gefühlsbrei" bezeicbnen, dieselbe als eine Verkehrung der Gerechtigkeit und planmässige Anleitung zum Verbrechen beschuldigend (z. B. Klöppel, Staat und Gesellschaft. 1887. S. 394). Mit andern Worten, es kämpfen auch heute die verschiedenen Theorien, welche dem Rechtsphilosophen als absolute und relative bekannt sind. Jene, die absoluten, sind reine Gerechtigkeitstheorien, die relativen allein beherrscht durch den Zweckgedanken: Abschreckung, Besserung, Schutz. Dazwiscben wohl auch Vereinigungstbeorieen, welche, um mit Feuerbach zu sprechen, aus zwei zerrissenen Lappen ein Staatskleid zusammenflicken wollen. VI Zur Einführung. Aber fast alle diese Theorien sind einseitig, indem sie eine Seite der Strafe für das Wesen derselben nebmen, einen ibrer Zwecke zum alleinigen Zweck des Strafrechts machen. Sie beruhen auf falschen Verallgemeinerungen. Der Gegensatz des „quia peccatum est" und des n ne peccetur" ist ein eingebildeter. Mit Recht kann Liszt die gleichwertige Frage aufwerfen: „Nehme ich Arzenei, weil ich krank bin oder damit ich gesund werde?" Die Theorie will zuviel, wenn sie Grund und Zweck der Strafe mit ein em Worte feststellen will. Etwas anders, so lehrte schon Kant, die Strafgerechtigkeit, etwas anders die Strafklugheit. Wir können nicht so ohne weiteres Straf be griff und Straf mittel feststellen. Jener ist, wie jeder Begriff, eine Abstraktion. Er entwickelt sich aus dem Be- dürfniss der Vergeltung, das als Axiom angenommen werden kann. Insofern durfte ein neuerer Philosoph (Laas) die Strafe als ethisirte, nationalisirte Rache bezeichnen, in unseren Zeiten geübt vom Staate, jener Gemeinschaft, deren Organe allein unbefangen genug sind, die Strafe auszusprechen, machtvoll genug, sie zu vollstrecken. Aber womit gestraft wird, welche Strafmittel die gerechten seien, das ist eine Frage, auf die es eine für alle klimatischen und socialen Verhältnisse gleiche Antwort nicht giebt. Nicht die Gerechtigkeit als solche, wohl aber ihre äusseren Mittel sind in den Fluss der Zeiten gestellt. Der Verbrecher, der heute ein paar Jahre eingesperrt wird, musste vor einem Jahrtausend vielleicht zwölf Arme speisen oder wurde vor zwei Jahrtausenden durch Elephanten zerstampft: Gerecht waren die Richter, die jene indischen Gesetze und die, die den Koran anwandten, ebenso wie unsere Gesetzgeber und Richter. Aber die Strafmittel werden eben gewählt mit Rücksicht auf sehr verschiedene Zwecke, und sie wechseln mit Zeit- und Volksanschauungen. Doch genug hiervon! Wir wollen und können das Problem der Jahrhunderte nicht in einer flüchtigen Vorbemerkung Zur Einführung. VII lösen. Es genüge, darauf hingedeutet zu haben. Schon daraus ergiebt sich, dass die reiferen Kriminalisten mehr wie je von dem Gedanken ergriffen sind, dass das heutige Strafrecht der heutigen Verbrecherwelt nicht entspricht. Keine Wissenschaft ist so auf dem Boden der Scholastik stehen geblieben, wie die Jurisprudenz: auf dem Gebiete des Strafrechts aber wird dies am meisten empfunden. So hat sich bereits in weiten Kreisen die Anschauung Bahn gebrochen, dass es anders werden müsse mit der Strafgesetzgebung. Auch der Kampf wider das Verbrechen ist ein anderer geworden, als zu jenen Zeiten, da man mit Pfeil und Bogen in den Krieg zog: auch gegen das moderne Verbrecherthum brauchen wir gleichsam Bepetirgewehre! In solche Bewegungen trat weitere erzeugend Lombrosos Werk ein. Durchaus neue Gesichtskreise werden der Strafrechtspflege eröffnet. Keine dialektischen Spitzfindigkeiten, sondern Erforschung der Thatsachen, das schreibt Lombroso auf sein Banner. Ihn fesseln nicht abstrakte Theorien von Delikt und Strafe, mit einem Worte nicht das Verbrechen, sondern der Verbrecher; Ziel aller seiner Studien ist die Er- kenntniss der Eigenart des Menschen, welcher Strafthaten begeht, die Erforschung der Ursachen, welche ihn treiben, die Aufsuchung der Mittel, ihn zu zügeln. In dieser Richtung bewegen sich nun alle Arbeiten Lombrosos: zuerst veröffentlichte er einzelne Untersuchungen in den Atti dell'Instituto Lombardo (1876—76). Später vereinigte er dieselben in einem Bande. 1885 erschien das Werk in der neuen und erweiterten Gestalt, die dieser Uebersetzung zu Grund liegt. Aus einzelnen Bruchstücken und Bausteinen ist ein festgefügtes System geworden, über dessen Inhalt und Bedeutung der Leser aus dem Buche selbst sich eine Ansicht bilden möge. L. giebt jetzt zunächst, was früher nur aphoristisch behandelt wurde, eine Embryologie des Verbrechens, die Anfänge dieser Erscheinung nach den Gesetzen der Ent- wickelungstheorie in die Thierwelt und die Welt der Wilden, VIII Zur Einführung. insbesondere aber zu den Kindern zurückverfolgend. Eine zweite Lehre, welche überhaupt der Ausgangspunkt war, ist die Anatomie und Anthropometrie: zahlreiche körperliche Eigentümlichkeiten in Schädelbildung, Physiognomie, Haarwuchs, Schmerzempfindlichkeit etc. treten bei den Verbrechern hervor. Eine dritte Reihe von Beobachtungen bezieht sich auf Verbrecher-Biologie und Psychologie: die krankhaften Triebe der Delinquenten, ihre Litteratur und Handschrift, ihre Religion und Sprache, ihr ganzes Verstandes- und Gemüths- leben findet hier reiche Berücksichtigung. Soweit der erste Theil; der zweite Theil des Werkes giebt dann gewissermaassen die Aetiologie und Therapie des Verbrechens. Nach allen Untersuchungen des ersten Theiles stellt sich der Verbrecher dar als ein besonders gearteter Mensch. Das Verbrechen ruht in somatisch-psychischen Eigenthümlichkeiten, die durch Erziehung und Umgebung zurückgehalten werden können, aber plötzlich unter dem Einflüsse gegebener Umstände wieder hervortreten: diese Umstände, Klima und Jahreszeiten und Beruf u. s. w. werden im zweiten Theile von L. eingehend geprüft und danach die Mittel bestimmt: Aufhebung der Schwurgerichte, Vermeidung der kriminalistischen Ansteckung in den Gefängnissen, Hemmung des übermässigen Einflusses des Advokatenstandes, kalte Douchen und körperliche Züchtigung, vor allem aber Vorbeugung durch Minderung des Alkoholkonsums, der Jahrmärkte u. a. n. Der allgemeine Standpunkt Lombrosos ist damit gekennzeichnet: er ist durchaus deterministisch, evolutionistisch, utilitaristisch. Eine starke Stütze fanden Lombrosos anthropologische Untersuchungen in zwei anderen Wissenschaften: der empirischen Psychologie und der Statistik. Erstere leugnete die Freiheit des Willens: „Die Welt ist willenlos nichts weiter als ein Kreisel, den in Bewegung setzt der Leidenschaften Geissei; — die Leidenschaften selbst, sie sind Naturgesetze, ganz unabhängig von moralischem Geschwätze, und folglich ist Zur Einführung. IX allzeit, so man es recht erwägt, unstrafbar für sein Thun, was Menschenantlitz trägt." Einen Bundesgenossen glaubte diese Ansicht in der Statistik zu finden, welche allerdings schon seit einigen Jahrzehnten die Gesetzmässigkeit in den scheinbar will- kürlicben Handlungen der Menschen nachwies, insbesondere nachdem Quetelet sein berühmtes eisernes „Budget des crimes" aufgestellt hatte. Diese schwierigen Fragen können hier nur berührt werden. Nach meiner persönlicbeu Ansicht, die ich hier nicbt ausführen kann, stebe ich in Bezug auf erstere Lebre etwa auf dem Standpunkte "Wahlbergs [Ges. Abhandl. I.), und glaube nicht, dass es der neuen Scbule gelingen wird, die ethischen Ueber- lieferungen der Jahrtausende zu stürzen, in Bezug auf die Statistik auf dem v. Oettingens [Moralstatistih a. E.). Es giebt keine absolute Freiheit, aber ein relatives Prinzip der Zurechnungsfähigkeit, womit zugleich gesagt ist, dass wir allerdings Zahlen sind im grossen Weltganzen, aber doch nicht •gerade Nullen, sondern Zahlen, die ihren Werth (wenigstens theilweise) selbst bestimmen, Unter strenger Leugnung der Willensfreiheit und unter steter Yerwerthung der Statistik, welche beweist, dass auf den Gang der Kriminalität alles eher denn die Strafgesetzgebung Einfluss übe, bat Ferri mit dem ganzen Eifer eines jungen Italieners die Ideen Lombrosos weiter entwickelt und mehrfach berichtigt, indem er dessen Untersuchungen nur für einen Bruchtheil von Delinquenten zutreffend erachtet und eine Scheidung der letzteren in verschiedene Gruppen für noth- wendig erklärt. An Lombroso und Ferri hat sich eine vollständige Schule angeschlossen, in welcher der Staatsanwalt zu Neapel, Garofalo, hervorragt. Nach seinem Vorgange betont diese Schule, die sich meist die positivistische nennt, dass allein die Gefährlichkeit des Verbrechers den Maassstab der Strafbarkeit bilde. Mannigfache, oft recht spöttische Angriffe gegen diese „rein ideale, positivistische Schule" blieben nicht aus, X Zur Einführung. deren Wiederlegung der Herr Verfasser weiterhin selbst giebt. Gewiss wird noob manches in den Forschungen dieser Schule berichtigt werden, aber dass sie mehr geleistet, als die Anhänger der sogenannten klassischen Jurisprudenz, kann man nicht in Abrede stellen. Auch ausserhalb Italiens finden sich bereits, ganz besonders in Frankreich und Russland, zahlreiche Gelehrte und Praktiker, welche jener Schule huldigen oder nahe stehen, und erst unlängst konnte man ibre Frucht erkennen in einem glänzend geschriebenen, an alle Gebildeten sich wendenden Werke des Leiters der belgischen Gefängnissverwaltung. (Prins : Gri- minalite et repression.) Wenn F. v. Holtzendorfe vor kurzem bereits eine Reihe von Richtpunkten für oine positive Reformbewegung, über welche im wesentlichen Einigkeit herrscht, zusammenfassen konnte, so darf gesagt werden, dass die Lombroso- FERRlsche Schule nicht unerheblich zur Umgestaltung und Klä- ung der Ansichten beigetragen hat, mag auch über die Möglichkeit der Verwirklichung aller einzelnen, insbesondere das Processrecht betreffenden Vorschläge jener Schule berechtigter Zweifel bestehen, und mögen auch manche Konsequenzen nicht ungefährlich sein. Sollen wir kurz die Richtungen bezeichnen, in welchen diese neue Schule bereits Wirkung geübt, so dürften vielleicht folgende Punkte mit immer grösserer Deutlichkeit hervortreten. 1. Erstlich handelt es sich immer mehr darum, den Menschen, nicht den Begriff zu studiren. Eine fruchtbare Reform der Strafrechtswissenschaft — schreibt ein deutscher Kriminalist — wird erst eintreten, wenn die Kriminalisten ihre Studien weniger in alten und neuen Rechtsquellen, in philosophischen Konstruktionen und Abstraktionen, als in den Strafanstalten gemacht haben werden. Wer weiss"; ob nicht in kurzer Frist von allen in der Strafrechtspflege thätigen Beamten eine durchaus andere Ausbildung verlangt wird, als von den Oiviljuristen und Verwaltungsbeamten! 2. Das Studium des Homo delinquens führte dann zu der immer weitere Kreise ergreifenden Erkenntniss, dass das Ver- Zur Einführung. XI brechen eine sociale Erscheinung ist: zu neuer Bedeutung gelangt die kaum gepflegte Wissenschaft, welcher Franz Lieber, der Bürger zweier Welten, den Namen Poenologie beilegen wollte; Darstellung des Verbrecherthums, Aufsuchen der Ursachen, Angabe der Mittel, es zu bekämpfen, das ist Aufgabe dieser Wissenschaft, die wohl auch jetzt Kiiminalsociologie genannt wird, die aber nicht so neu ist, wie es zuweilen verkündet wird; man erinnere sich, dass Mittermäier, Friedrich Gall, Casper vor ein, zwei Menschenaltern in ähnlicher Richtung thätig waren! 3. Mit Hülfe solcher Forschungen aber erkennen wir, dass mannigfache äussere Ursachen zum Verbrechen treiben. Es giebt nicht nur individuelle Faktoren desselben, es giebt auch sociale. In der modernen Kulturwelt finden wir eine besondere Schicht, in welcher das Verbrecherthum wie üppig wucherndes Unkraut vornehmlich gedeiht. Mag nun auch bewiesen werden, dass zum Theil der „penchant au crime" auf physischen und socialen Faktoren beruht, so ist damit das Strafrecht nicht aiifgehoben: wohl aber tritt neben den Vergeltungsgedanken das Schutzprinzip. Der Verbrecher ist auch ein Kind seiner Zeit. Ein bitterer Ernst lag in dem Worte jenes Vagabunden, der stolz aussprach: „Ich bin doch wenigstens — ein Zeitgenosse." Ja, wie jeder Mensch, wie der grosse Künstler und Redner, ein Kind seiner Zeit und seines Volkes, das Erzeugniss von zahllosen, auch dem schärfsten Gelehrtenblick nicht völlig erkennbaren Einflüssen und Schicksalen, so ist es auch der grosse Verbrecher — und wie wir Jenen trotz alledem persönlich ebren und belohnen, so dürfen wir Diesen strafen und verfolgen. 4. Weiter aber ergiebt sich eine grosse Lehre aus diesen letzten Betrachtungen in Bezug auf die Bekämpfung des Verbrechens. Zunächst treten mehr als jemals die präventiven Zwecke in kriminalpolitischen Betrachtungen in den Vorder- ( grund, die schon seit einem Jahrhundert scharf betont, aber unter dem Einfiuss begriffsgymnastischer Jurisprudenz wieder XII Zur Einführung. zurückgedrängt wurden. Es handelt sich um Hervorhebung der „sostitutivi penäli u , es handelt sich darum, das Verbrechen möglichst zu „neutralisiren". In dieser Beziehung können vereinzelte Maassnahmen nichts erreichen: mit dem Staate müssen hier Kirche und Gesellschaft zusammenwirken. Was nützt das trefflichste Medicinalwesen, wenn nicht eine umfangreiche Sanitätspolizei vorbeugende Thätigkeit übt! In dieser Richtung hat sich neuerdings ja auch bei uns mannigfache Thätigkeit entfaltet: erinnert sei an die Bildung der Vereine für entlassene Sträflinge, an Bodelschvvinghs Liebeswerke und ähnliches. 5. Wenn mit solchen Maassregeln, insbesondere auch im Hinblick auf die jugendlichen Delinquenten, der Armee des Verbrechens gewissermaassen die Bekrutirung abgeschnitten werden soll, so ist aus den Werken der italienischen Schule andererseits der Gedanke zu immer grösserer Klarheit gelangt, dass vor allem den Veteranen des Verbrecherthums eine andere Behandlung zu theil werden muss. Der „strategische Ausgangspunkt" im Kampfe gegen das Verbrecherthum ist die Scheidung von Gewohnheits- und Gelegenheitsverbrechern und die verschiedene Behandlung derselben, eine Forderung, die z. B. in England schon 1864 [abitually und camially offenders) Befriedigung gefunden hat. Nur dadurch, dass erstere möglichst verhindert werden, immer von neuem Strafthaten zu begehen, ist eine Lösung dieser Fragen- möglich. Dass gegenüber diesen Stammgästen der Strafanstalten die Theorie der Unschädlichmachung am Platze ist, darüber herrscht Einigkeit, während wohl im übrigen geschieden und eine Gruppe der Besserungsfähigen eingeschoben wird. Danach würden sich für drei Gruppen von Delinquenten drei verschiedene Strafzwecke: Unschädlichmachung, Besserung, Abschreckung ergeben. Das etwa wären die Erfolge, welche die neue Schule angeregt oder bewirkt: eifrigeres Studium des Verbrechers als Naturerscheinung, Belebung der Kriminalsociologie, Erkennt- Zur Einführung. XIII niss der Faktoren des Deliktes, Verschärfung der Vorbeugungs- maassregeln, Umgestaltung des Strafrechts und Strafvollzuges durch unbedingte Scheidung der Verbrechergruppen. Hiermit glauben wir die Hauptgesichtspunkte dieser neuen Schule beleuchtet zu haben; als objektiver Berichterstatter sind wir aufgetreten, da hier nicht der Ort ist, unsere Stellung zu dieser Schule im einzelnen darzulegen. Inwiefern die Theorien derselben haltbar und der Weiterbildung fähig sind, möge der Leser jetzt selbst prüfen. Das Material, welches im vorliegenden Werke dargeboten wird, ist ein so reiches, wie es nur je zusammengetragen wurde, und wir sind überzeugt, dass aus ihm manches Saatkorn entnommen werden kann, um in den Geistern zu keimen und zu reifen, und um einen der wichtigsten Zweige der Gesetzgebungspolitik, die Kriminalpolitik, zu fördern! Wie die ärztliche Kunst sich nicht mehr in den alchimistischen Bahnen der früheren Jahrhunderte bewegt, ängstlich nach Mittelchen und Pülverchen suchend, sondern fast alljährlich durch sorgsame Untersuchung der Naturobjekte Portschritte aller Art, insbesondere auf dem Gebiete der Epidemiologie macht, so eröffnet sich auch für die Wissenschaft vom Verbrecher und für die staatliche Thätigkeit, die der endemischen und epidemischen Kriminalität entgegenzutreten hat, ein neuer Gesichtskreis, und vielleicht erscheint einmal als Frucht der gekennzeichneten Untersuchungen eine tiefere Auffassung von den Aufgaben der Straf rech tspflege. Heidelberg, 5. August 1887. A. von Kirchenheim. Vorwort des Verfassers. Dem bescheidenen Insekte gleich, das unbewusst den befruchtenden Blüthenstaub überträgt, hat dieses Buch bei seinem ersten Erscheinen einen Keim belebt, der vielleicht noch viele Jahre geschlummert haben würde, bevor er sich entwickelt und Früchte getragen hätte. Es hat nämlich Veranlassung zur Entstehung einer neuen Schule gegeben, die auf Grund der werth- vollen Arbeiten unten genannter Gelehrten 1 die zahlreichen Lücken in den ersten Ausgaben des Werkes auszufüllen und die praktische Verwerthung der neuen Lehre für die Rechtswissenschaft nachzuweisen vermocht bat. , Durch die Unterstützung jener Herren, denen ich zu grösstem Danke verpflichtet bin, ist es mir zum ersten Male gelungen, die Begriffsunterschiede zwischen angeborenem und 1 von Liszt, Kraepelin, Biliakoff, Troiski, Koenfeld, Knecht, V. HoLTZENDOEFF, SOMMER, V. KlRCHENHEIM, MENDEL, PüLIDO, EcHEVEREIA, Zanches, Drill, Kowalewski, Likaceff, Minzloff, Kolokoloff, Espinas, Letoubneau, Tonnini, Reinach, Soürt, Corre, Motet, Orchanski, Manoutrier, Fioretti, Le Bon, Bordieb, Boüenet, Boüssel, Bibot, Heger, Albrecht, Warnott, v. Lenhossee, Tamburini, Fregeeio, Laschi, Mator, Majno, Benelli, Fülci, Pavia, Agdglia, Sergi, Tüeati, Makro, Venezian, Lacassagne, Flesch, Benedikt, Beltrani-Scalia, Virgilio, Morselli, Garofalo, Puglia, Ferri. Vorwort des Verfassers. XV Gelegenheitsverbrechen sowohl, als auch zwischen jenem und Irresein und Alkoholismus (denen ich demnächst specielle Monographien widmen will) auf das Bestimmteste festzustellen. Ihnen verdanke ich ferner, dass ich meine Untersuchungen auf die Urformen des Verbrechens beim wilden Menschen, beim Kinde und beim wilden Thiere ausdehnen, das anatomische Studium desselben vervollständigen und das physiologische beginnen konnte, besonders das der Sensibilitätsstörungen, sowie der Gefäss- und Reflexreaktion, Störungen, welche uns endlich über die widerspruchsvolle Erscheinung von blühender Gesundheit bei Individuen, die oft von Geburt an krank sind, belehren. Erst durch den Nachweis, dass bei ihnen die Krankheit mit dem Atavismus sich verknüpfte, habe ich jene Verschmelzung der Begriffe der angeborenen Verbrechernatur und des moralischen Irreseins endlich ermöglicht, welche bereits von Mendel, Sergi, Verga und besonders von Virgilio geahnt und behauptet wurde, die aber nicht feststand, solange die Umrisse dieser Formen nicht genau festgestellt waren und solange sie einer erschöpfenden wissenschaftlichen Beschreibung ermangelten. Wenn ich das Glück hatte, aufgeklärte Kritiker und ausgezeichnete Mitarbeiter zu finden, so war ich nicht minder vom Glücke begünstigt, Gegner zu finden, mit denen der Kampf selbst im Falle des Unterliegens rühmlich ist, Männer, wie Tarde, Baer, Messedaglia, Oettingen, Brusa, Ungern- Sternberg. Es wäre ein Verstoss gegen die einfachsten Regeln des Anstandes, wenn ich auf die Einwendungen dieser Männer nicht antworten wollte. Ihrer Meinung nach soll ich in meinen Schlussfolgerungen ein zu grosses Gewicht auf vereinzelte Thatsachen legen. Hat Jemand z. B. einen asymmetrischen Schädel oder abstehende Ohren u. dergl., so sei ich gleich bereit, daraus einen Schluss auf Irresein oder verbrecherische Neigung zu ziehen, — ob- XVI Vorwort des Verfassers. schon diese Zustände in keinem direkten und sicheren Zusammenhange mit jenen Anomalien ständen. — Wollen wir zunächst davon absehen, dass im menschlichen Krystalle keine Bildungsanomalie vorkommen kann, die in der Regel nicht ihren Grund in Entwickelungshemmungen hat; auch davon wollen wir absehen, dass erfahrungsgemäss die Entartungserscheinungen zwar meist zu mehreren auftreten, doch auch zuweilen ganz vereinzelt bei sittlich verkommenen Individuen angetroffen werden und dass heutzutage eine ansehnliche psychiatrische Schule sich oft auf eine einzige von jenen Anomalien stützt, um die Diagnose der sogen, degenerativen Geistesstörungen zu begründen; das müssen wir aber betonen, dass wir unsere Schlussfolgerungen nicht a priori ziehen, sondern nachdem wir die betreffenden Anomalien in überwiegendem Verhältnisse bei Verbrechern, im Vergleich zu normalen Menschen, angetroffen haben, und dass wir die vereinzelten Anomalien nur als ein Indicium betrachten, gleichsam wie einen musikalischen Ton, aus welchem wir keinen Accord bilden können, wenn nicht andere körperliche oder geistige Merkmale zusammentreffen. Ist denn ein begangenes Verbrechen an sich, oder auch nur der Verdacht schon nicht von Bedeutung? Uebrigens lege ich in der vorliegenden Auflage dieses Werkes ein besonderes Gewicht auf das Gesamtbild der gleichzeitig vorhandenen Anomalien, welches den sogenannten Typus darstellt, und habe mich bemüht, den Leser in den Stand zu setzen, dass er mit den Dokumenten in der Hand diesen Typus selbst erkenne. Weniger um die Langeweile besorgt, die der Leser dabei empfinden könnte, als um den Nutzen, der ihm daraus erwächst, habe ich dieses System nach Möglichkeit vervollständigt und als Belege für jede Schlussfolgerung möglichst viele Beweismittel beigebracht, die sich gegenseitig kontrolliren und ergänzen oder nöthigenfalls einander, ersetzen. Nun hält man mir aber vor, wie ich von einem Verbrecher- Vorwort des Verfassers. XVII typus reden könne, wenn aus meinen eigenen Angaben ersichtlich sei, dass 60 °/° der Verbrecher nichts von diesem Typus aufzuweisen haben, sondern mehr oder weniger dem normalen Menschen gleichen. Darauf die Antwort: Abgesehen davon, dass 40 °/o schon einen sehr ansehnlichen Beitrag bilden, zeigt sich ein ganz allmählicher Uebergang von einem Merkmal zum anderen auch in der Tbier- und Pflanzenwelt, ja selbst zwischen diesen beiden, um so mehr aber auf anthropologischem Gebiete, wo die individuelle Variabilität in geradem Verhältnisse mit der Vollkommenheit und dem Kulturgrade steigt und den vollständigen gemeinsamen Typus beinahe verwischt. So wird man z. B. auf 100 Italiener schwerlich 5 finden können, welche den bekannten Typus ihrer Nationalität aufweisen, während die übrigen nur Fragmente davon zeigen, welche bloss beim Vergleiche mit den Fremden in die Augen fallen; und dennoch wird Niemand die Existenz eines italienischen Typus leugnen wollen, und noch viel weniger die eines mongolischen u. dergl. Kurz, ich glaube, der Typus muss mit demselben Vorbehalte aufgenommen werden, wie die mittleren Zahlen in der Statistik. Wenn man sagt, dass die mittlere Lebensdauer 32 Jahre beträgt und dass der December der verhängnissvollste Monat ist, so meint Niemand damit, dass alle Menschen in jenem Alter und in jenem Monate sterben müssen. Diese Einschränkung des Typus ist übrigens den praktischen Anwendungen unserer Lehre keineswegs ungünstig, sondern vielmehr förderlich. Denn die strenge Maassregel der lebenslänglichen Gefangenschaft und der Todesstrafe, worauf unsere Untersuchungen hinauslaufen, würde schwerlich durchführbar sein an einer sehr grossen Zahl von Verbrechern, während ihre Durchführung an wenigen möglich erscheint. Für diese Wenigen erscheint auch der Vorschlag, das Vorhandensein des verbrecherischen Typus, in Verbindung mit sonstigen Verdachtsgründen, als ein Anzeichen der verbrecherischen Neigung anzuseben. Lombboso, Der Verbrecher. I. * XVIII Vorwort des Verfassers. In betreff des Typus selbst wird uns ferner ein schwerer Vorwurf daraus gemacht, dass die Aufstellung desselben auf dem Studium weniger Tausende von Verbrechern beruhe, während die Zahl der letzteren sich auf Millionen belaufe, ein Gesetz aber nicht sicher sei, wenn es sich nicht auf grosse Zahlen stütze, (v. Oetttngen.) Hier glauben wir an das biologische Gesetz errinnern zu dürfen, das, nach Ferris Ansicht, mit dem der grossen Zahlen zu verbinden ist: „Im allgemeinen sind "das die wesentlichsten Daten, welche dem geringsten Wechsel unterworfen sind. Während z. B. die Länge der Arme individuellen Schwankungen von mehreren Centmietern unterliegt, wechselt die Breite der Stirn nur um wenige Millimeter. Es erhellt daher, dass bei den anthropologischen Untersuchungen die Noth- wendigkeit grosser Zahlen im geraden Verhältnisse steht zu der Variabilität der untersuchten Merkmale, oder im umgekehrten Verhältnisse zu der biologischen Wichtigkeit derselben." [Nnovi orizzonti. 1883.) Die grossen Zahlen sind nützlich, wofern es sich um Erscheinungen handelt, die von Jedermann verzeichnet werden können. Handelt es sich nicht um die blosse Aufzeichnung des Alters, des Geschlechts oder des Berufes, sondern um die des psychischen Charakters oder der Schädelform bei einer Gruppe von Verbrechern, so genügt ein menschliches Leben nicht, um zu grossen Zahlen zu gelangen. Bei so heiklen Fragen, welche eine specielle Bildung und Befähigung erheischen, haben die grossen Zahlen der officiellen Statistik, die meistens von ungebildeten Kanzlisten zusammengetragen werden, einen viel geringeren Werth, als wenige, aber von kompetenten Männern gesammelte Beobachtungen. Die Zuverlässigkeit der Untersuchungen ist es, die hier einen Ersatz bietet für die Zahl. Nehmen wir z. B. die gar nicht schwer zu erhebenden Daten der Rückfälligkeit: Hielte man sich an eine mehr als Vorwort des Verfassers. XIX 80000 Verurtheilte umfassende Statistik, die von Beltrani- Scala [zusammengestellt worden ist, dem kompetentesten Manne, den Italien auf diesem Gebiete besitzt, so betrügen die Rückfälle 18 % in den Zuchthäusern, 27 % in den Strafhäusern, also viel weniger als in Frankreich (42 %) und in Holland (80 %); und dabei wären die Rückfälle am wenigsten zahlreich gerade in denjenigen Provinzen Italiens, wo die Verbrecher die grösste Frequenz aufweisen, und umgekehrt (nämlich 10—14 % in Süd-Italien, 51—59 % in den lombardo-venetia- nischen Provinzen). Glücklicherweise ist auf Grund weniger, aber sicherer Thatsachen, aus denen man das Wesen des Verbrechers durch und durch zu erkennen und die Verbrechergesellschaften zu entlarven im stände war, jener Irrthum, den die grossen Zahlen erweckt hatten, hier, wie durch v. Oettingen in Russland, richtiggestellt worden. Tarde [Oriminalite comparee. 1886) wirft mir vor, dass ich die Aehnlichkeit zwischen dem geborenen Verbrecher und dem Irren nicht zugestehe und schliesslich den Zustand des erstem mit dem der Moral insanity zusammenwerfe, aber den Atavismus übersehe, der mit der Krankheit nichts zu thun hat. Zugegeben, dass es sich so verhält, so finde ich doch darin keinen Widerspruch. Moral insanity ist etwas anderes als Geisteskrankheit; das Individuum, welches an jener leidet, ist nicht ein Kranker, sondern ein Kretin, was Moral anbetrifft. Uebrigens werde ich im nachfolgenden zeigen, dass es ausser den echt atavistischen Merkmalen noch andere, entschieden pathologische giebt, die erst erworben werden, wie z. B. Gesichtsasymmetrie, die bei den Wilden nicht vorkommt, Schielen, Ungleichheit der Ohren, Verkennen von Farben, einseitige Parese, unbezwingliche Triebe, das Bedürf- niss Böses zu thun u. s. w.; ferner der Galgenhumor, der sich in der Gaunersprache neben einer Art abergläubischer Reli. giosität bekundet und so oft hei Epileptischen gefunden wird. XX Vorwort des Verfassers. Nimmt man noch die Hirnhautentzündung, die Hirnerweichung hinzu, die doch sicherlich nicht dem Atavismus zugeschriehen werden können, so wird man erkennen, wie ich dazu gekommen bin, den Moral-insane und den Verbrecher von Geburt den Epileptoiden anzureihen. Es wäre allerdings weit verführerischer, den Ursprung des Verbrecherthums auf den Atavismus zurückzuführen, — aber leider ist die Wahrheit oft weniger schön als der Irrthum. Tardes berechtigtem Einwurf, dass die Wilden nicht immer braun, hochgewachsen sind, dass die mittlere Hinterhauptsgrube auch bei Volksstämmen, wie z. B. bei den Arabern, die wenig Lust am Verbrechen haben, gefunden und wiederum bei grausamem Stämmen nicht gefunden wird, antworte ich mit dem, von den Anthropologen mehr zu beherzigenden Gesetz, welches lautet: Die atavistischen Anomalien kommen nicht immer insgesamt bei den wilden Stämmen vor, sondern nur häufiger bei ihnen als bei den civilisirten Nationen, und wenn auch ihre Zahl wechselt, so ist doch die Abwesenheit der einen oder der andern nicht ein Zeichen für die grössere Inferiorität der Rasse. So kommen beispielsweise die zwei Anomalien, der Inkaknochen und die mittlere Hinterhauptsgrube, bei halb- civilisirten Stämmen, wie die amerikanische Rasse ist, beisammen vor, während sie bei den rohen Negern fehlen. (Anütschin, BuUet. societ. Moskau 1891.) Abgesehen davon, dass die Krankheit oft genug jede Spur von Atavismus verwischt, darf man nicht vergessen, dass man bei dem Versuch, die Gesetze des Atavismus für Erscheinungen beim Menschen aufzufinden, selbst da, wo sie wie in der Embryologie am sichersten festzustehen scheinen, der Gefahr zu irren oft ausgesetzt ist. Für etwas seltsam muss ich mit Herrn Turati (s.Arch. III.) den weitern Vorwurf halten, dass unsere Schule von Leuten begründet worden sei, die, der Rechtswissenschaft fremd, auf das Gebiet derselben sich eingedrängt hätten. Vorwort des Verfassers. XXI Diese Herren, die es beklagen, dass Gerichtsärzte gerichtliche Medicin getrieben und Anthropologen ihr Fach auf sociale oder Rechtsfragen angewandt haben, vergessen, dass auf dieselbe Weise Chemiker Industrie und Mechaniker Hydraulik und Technologie getrieben; dass auf diese Weise Buckle und Taine zum ersten Male eine wahre Geschichte schufen, indem sie in die Geschichtsschreibung zugleich die Staatswirthschafts- lehre, die vergleichende Ethnologie und die Physiologie einführten; sie vergessen, dass die moderne Physiologie nur eine Reihe von Anwendungen der Optik, der Hydraulik u. s. w. darstellt. Das Merkwürdige ist, dass solche Leute Protest erheben gegen Diejenigen, welche das Aergerniss und die Gefahr beseitigen wollen, die daraus entspringen, dass man, ohne den Menschen zu kennen und zu studiren, Gesetze für ihn machen will, und das bloss aus Scheu vor einer fremdartigen Einmischung, als handelte es sich um eine geheime Wissenschaft, die sich schamhaft zu verstecken hätte; dass sogar aber dabei viele von diesen Kritikern ihrerseits nicht nur das Bünd- niss, sondern geradezu die Herrschaft einer Disciplin anerkennen, ja sogar empfehlen, die nicht bloss der Rechtswissenschaft, sondern überhaupt jeder Wissenschaft fremd ist, nämlich der Metaphysik. So hatte man die Kühnheit, auf diese und selbst auf ihre streitigsten Hypothesen, wie z. B. die der Willensfreiheit, die Gesetze zu stützen, von denen die Sicherheit der Gesellschaft abhängt! An diesem Punkt greifen mich viele Juristen an und werfen mir vor, ich führe das Strafrecht auf ein Kapitel der Psychiatrie zurück und werfe das ganze Straf- und Gefängnisssystem über den Haufen. Das ist nur zu einem kleinen Theile wahr, denn in betreff der Gelegenheitsverbrecher würde man aus dem Kreise der allgemeinen Gesetze nicht heraustreten, ausser etwa um die Präventivmittel zu erweitern; was aber die geborenen Verbrecher anlangt, so würden sich die Gesetze ihnen gegenüber XXII Vorwort des Verfassers. nur in so weit ändern, als sie die öffentliche Sicherheit besser schützen würden durch die lebenslängliche Detention, welche sich von der Gefängnissstrafe nur dem Namen nach unterscheidet. Auch sind die meistbestrittenen unserer Schlussfolgerungen so wenig neu, dass sie beinahe aus vorgeschichtlichen Zeiten her datiren, von Homer, wo er von Tbersites spricht, von Sa- lomo (Eccles. XIII. 31), wo er sagt, dass das Herz das Antlitz des bösen Menschen verändert, und besonders von Aristoteles, Avicenna, J. B. Porta, Polemon, welche weitläufig die Physiognomie der Verbrecher besprechen, wobei die beiden letztgenannten vielleicht weiter gehen als wir. Ja, Polemon hebt ganz ausdrücklich die schmale Stirn der Verbrecher hervor und spricht sogar von der Linkshändigkeit der Verbrecher, auf welche ich zuerst aufmerksam gemacht zu haben glaube. Daher rühren vielleicht jene Sprichwörter, die, wie wir sehen werden, hinsichtlich der den Verbrechern zuzuschreibenden physiognomischen Züge viel weiter gehen als wir und gewiss eine Ueberlieferung des Alterthums dar stellen. Das Volk hat auch seit Jahrhunderten die Unverbesserlichkeit der Verbrecher betont, besonders der Diebe, sowie die Nutzlosigkeit der Gefängnisse. 1 Wir heben diesen Umstand Denjenigen gegenüber hervor, welche behaupten, unsere Schlüsse widerstreben dem Volksbewusstsein. Selbst diejenigen praktischen Anwendungen unserer Theorien, die Vielen am gewagtesten erscheinen, sind keineswegs neu. Valsrio und Lotseau führen einen mittelalterlichen Erlass an, wonach, im Falle des Zweifels zwischen zwei verdächtigen Individuen, der minder wohlgestaltete der Tortur unterworfen werden sollte. Schon in- der Bibel ist der geborene Verbrecher erwähnt und mit der Todesstrafe 1 S. Archivio di Psichiatria. III. S. 451. Vorwort des Verfassers. XXIII bedroht, und Solon erdachte in seinem Deicterion das erste sociale Präventivmittel gegen Nothzucht und Päderastie. Doch dieser Vorwurf des revolutionären Bestrebens ist mir z. Th. sehr lieb, weil er mir zur Vertheidigung dient gegen den entgegengesetzten Vorwurf, der mir auch von Vielen gemacht wird, ich hätte in meinen letzten Schlüssen (Noth- wendigkeit des Verbrechens, Theorie des strafrechtlichen Schutzes) eine veraltete Lehre wieder ins Leben rufen wollen, oder doch eine solche, die sich nicht mehr der Gunst Derjenigen erfreut, welche ich die Dandys der Wissenschaft nennen möchte, Leute, die gewohnt sind, vor der Formulirung einer wissenschaftlichen Ueberzeugung die neueste Mode der Sorbonne oder der Leipziger Messe abzuwarten. Der Vorwurf ist nicht einmal gerecht, da hervorragende Männer, wie Breton, Ortolan, Tarde, Despine in Frankreich, v. Holtzendorff, Grollmann, Hofmann, Hommel, Ruf, Feuerbach in Deutsch-, land, "Wilson, Thompson, Bentham, Hobbes in England, Eller, Poletti, Seraeini in Italien, alle, mit neuen Waffen, die von Beccaria, Carmignani, Romagnosi verfochtene alte Ueberlieferung verfechten. Und wäre der Vorwurf auch wahr, dürfte deshalb eine Wahrheit zurückgewiesen werden? Ist es nicht eben eines der Kennzeichen der Wahrheit, dass sie ewig bleibt, dass sie immer üppiger wieder aufschiesst, wenn sie eine Weile durch den Modetand, durch den Pedantismus der Rhetorik und durch die vergeblichen Bemühungen grosser aber verirrter Geister unterdrückt war? Sind die Theorien der molekularen Bewegung, der Ewigkeit des Stoffes nicht immer noch frisch und lebendig, obwohl sie von den Zeiten der Pythagoräer her datiren? Ein anderer Einwand scheint mir auch wenig begründet, der nämlich, ich beschäftige mich nicht genug mit der Psychologie des Verbrechers. Ist ja doch mein ganzes Buch nichts anderes als eine Darstellung der Kriminalpsychologie, gegründet XXIV Vorwort des Verfassers. auf die Untersuchung der Thatsachen. Psychologie ist das Studium der Leidenschaften, der Schriften, des Jargons, der Religion, der Moral, der Erziehung, der Geistesstörungen, der geschichtlichen, Witterungs-, Erblichkeits-, Ernährungseinflüsse auf das Verbrechen, so dass der anatomische Theil, der von den Kritikern aufs Korn genommen wird, obgleich er bloss der Untergrund des Bildes ist, nur ein Anhang der Psychologie heissen kann, welch letztere aber eine anatomische Grundlage braucht, soll sie nicht in den Wolken schweben und sich dort verlieren. Aber zu diesen, von ernsten Gelehrten erhobenen Einwänden haben Andere, an Kenntnissen und Redlichkeit viel niedriger stehende Gegner einen um so gefährlicheren Einwand hinzugefügt, als derselbe anonym, unbestimmt, ungreifbar und der Erörterung unwürdig erscheint: den Einwand, den ich den legendenhaften nennen will. Dieser behauptet, dass man durch solche Studien das Strafgesetz umstürzen, alle Bösewichte in volle Freiheit setzen und die menschliche Freiheit untergraben will. 1 Wer sieht aber nicht ein, dass, wenn wir die individuelle Verantwortlichkeit einschränken, wir an deren Stelle die der Gesellschaft setzen, welche viel strenger und unnachsichtiger ist; dass, wenn wir die Verantwortlichkeit einer Gruppe von Verbrechern vermindern, wir damit ihr Schicksal keineswegs mildern, sondern eher erschweren wollen, indem wir auf ihre lebenslängliche Detention dringen, während die Gesellschaft, entweder von tbeoretischen Voraussetzungen ausgehend, die 1 Es ist merkwürdig, dass eine ähnliche Legende auch gegen Bbccaria ersonnen wurde. Die Legende erzählt in der That, er habe auf die Frage, welche Strafe ein Uebelthäter verdiene, der Frau und Kinder getödtet und verzehrt habe, geantwortet: „Verurtheilt ihn, sein Leben lang von Gemüsen zu leben." Auch die Anklage der Unsittlich- keit, die man uns nicht erspart, erhob man gegen jeden Neuerer, auch den rechtgläubigsten, selbst gegen den, der die Findelhäuser, den Kaffee und Tabak einführte. Vorwort des Verfassers. XXV Gefangenschaft auch der habituellen Verbrecher auf eine bestimmte Dauer beschränkt, was nur zum öffentlichen Schaden ausschlagen kann, oder aber einen sehr unsicheren, unregelmässigen und ungerechten Weg einschlägt, indem sie zu einer so zu sagen halbkontinuirlichen Strafe in Gestalt der polizeilichen Aufsicht, der Verweisung in entfernte Städte u. dergl. greift, weil sie von diesen mangelhaften, schwerlich wirksamen Maassregeln jene Sicherheit erwarten, welche ihr die Gesetze nicht gewähren? Allerdings würde mit den neuen Maassregeln die Strafe den Charakter der Schande verlieren; aber diesen halten auch unsere Juristen durchaus nicht für nothwendig, da sie ihn als eine atavistische Anwandlung, einen Rest des alten Prinzips der Rache betrachten, das jeden Tag mehr verschwindet. Und wer sollte auf so viele Vortheile verzichten, lediglich um ein so gehässiges Gefühl zu befriedigen. Wer fühlt nicht, dass der Spruch „Alles erkennen heisst alles vergeben" das Evangelium unserer Zeit ist. Fürchtet man aber, das Prinzip der Abschreckung aufgeben zu müssen, welches doch heutzutage von Niemand mehr als letzter Zweck der Strafe angesehen wird, so hat man wahrlich in der lebenslänglicheu Einsperrung des Abschreckenden genug. Ebenso grundlos ist die Furcht, dass die Moral geschädigt werden könne, wenn man einerseits das Verdienst herabsetze, andererseits die Verachtung beseitige, die den Handlungen an. haften, welcbe dem freien Willen entzogen sind. Weder die Achtung, die man dem Verdienste zollt, noch die Verachtung, die man gegen das Verbrechen hegt, erleidet eine Einbusse durch die Erkenntniss, dass der grösste Theil der Tugenden und der Laster auf Molekular-Veränderungen im Gehirn beruht. Indes ist es wohl wahr, dass, wenn einmal die Identität des an moralischem Irresein Leidenden und des geborenen Ver- XXVI Vorwort des Verfassers. brechers, die Existenz der „Mattoidi" l — Halbnarren —, sowie gewisser Monomanien und systematisirter Verrücktheiten anerkannt ist, streng genommen der Sachverständige Denen gegenüber, die den freien Willen zur Grundlage der Strafbarkeit machen, den Lauf der Gerechtigkeit hemmen könnte, indem er da einen Kranken nachweist, wo andere einen Schuldigeu erblicken. Was hat dies aber zu sagen? Sollen wir deshalb die Wahrheit verdrehen oder verleugnen, weil das Gesetz sie nicht anerkennen will und deshalb auf einen falschen Weg gerathen ist, indem es das Verbrechen studiren will, ohne den Verbrecher zu kennen? Und ist es nicht riohtiger, die Gesetze den Tbatsachen anzupassen, als die Thatsachen zu fälschen, um sie mit den Gesetzen in Einklang zu bringen, und dies bloss, um die behagliche Ruhe Derer nicht zu stören, die sich nicht befassen mögen mit diesem neuen Element, das ins Gebiet der Forschung eingeführt ist? Gleichwohl könnte man sich alles gefallen lassen, wenn die bisher ersonnenen und unseren Schlussfolgerungen zuwiderlaufenden Maassregeln wenigstens die Sicherheit der Gesellschaft herbeigeführt hätten, die unser Aller höchstes Ziel ist. Aber leider stimmen die ehrlichsten und einsichtsvollsten, praktischen Kriminalisten darin überein, dass das Werk der Gerechtigkeit eine Sisyphusarbeit ist, unsäglich ermüdend und von wenig oder keinem Erfolg: und dass die angeblichen BLülfsmittel, die von den modernsten Strafrechtsschulen empfohlen werden, wie das Schwurgericht, die bedingungsweise, die provisorische Freilassung, statt das Verbrechen einzuschränken, dasselbe nur fördern oder höchstens umgestalten. Und was soll man denken von jenen anderen Maassregeln, die das letzte Wort der Wissenschaft sein sollen, in Wirklichkeit 1 Bin vom Verfasser geschaffenes Wort, etwa mit „Halbnarren" zu übersetzen. Vorwort des Verfassers. XXVII aber nur der klarste Beweis für ihren Mangel an praktischem Sinne sind! Ich meine die Strafmilderung für die Rückfälligen, die Straflosigkeit des Versuchs, die Ausdehnung der Schwurgerichte auf die korrektioneilen Strafen. Darf man nun dasselbe von den praktischen Schlussfolgerungen unserer Schule sagen? Darf man behaupten, dass sie die Gefahr nicht beschwöre, wenn sie die Gründung von Kriniinalirrenhäusern, von Gefängnissen für Unverbesserliche verlangt, wenn sie vorschlägt, Geldstrafe oder auch wohl einmal körperliche Züchtigung 1 an die Stelle der ersten Gefängnissstrafe treten zu lassen? Wird man ihre Vorschläge über Ehescheidung, Kinderarbeit, Alkoholmissbrauch missdeuten, da sie den Zweck haben, Nothzucht, Ehebruch, Mord u. s. w. zu verhüten? Ist wohl auch die Forderung unbillig, dass der Schuldige gezwungen werde, den angerichteten Schaden nach dem Maassstabe seiner Kraft und seines Vermögens zu ersetzen? Und wer kann leugnen, dass bei den Processen wegen Päderastie, Vergiftung, Mord, wo so viele Indicien zu fehlen pflegen, die Einführung der anthropologischen Kriterien viel nützlicher werden kann, als manches unsichere anatomische Merkmal und manche jener chemischen Reaktionen, die alljährlich verschwinden und wieder auftauchen? Die Tättowirung z. B. verräth sowohl durch ihre Obscönität, als auch durch ihren Sitz in gewissen Fällen das begangene Verbrechen weit nachdrücklicher, als manche anatomische Läsion, wie Lacassagne das nachgewiesen hat. Auch bei rein juristischen Fragen können diese Studien eine ausgedehnte Anwendung finden. So bietet die Theorie, welche das Recht der socialen Vertheidigung an die Stelle der theologischen Sündentheorie und die Gefährlichkeit des Ver- 1 Soll doch wohl nur für russisch-türkische Bedürfnisse gelten? D. Uebers. XXVIII Vorwort des Verfassers. brechers an die Stelle des freien "Willens setzt, endlich eine feste Grundlage für die Philosophie des Strafrechts, welche bisher unschlüssig zwischen entgegengesetzten Anschauungen schwankte. Und hat man einmal die Gefährlichkeit des Verbrechers als Kriterium und die körperlichen und geistigen Kennzeichen der angeborenen Delinquenz als Indicien angenommen, so ist die Frage über den Versuch und die über Verbrechen aus Fahrlässigkeit, die den Tod zur Folge hatte, gelöst. Derartige Fälle sind strafbar, wenn sie von einem Gewohnheitsverbrecher begangen sind. (Garofalo, Kriminologie. 1885.) Ferner wird nachgewiesen, dass die Art der Strafe je nach dem Einfluss des Klimas auf die Verübung von Verbrechen verschieden ausfallen muss, widrigenfalls das Gesetz in Widerspruch mit der öffentlichen Meinung gerathen und ein todter Buchstabe bleiben würde. Den triftigsten Beweisgrund für unsere Annahme, dass die Rechtsanschauungen unter dem Einfluss des Himmelsstriches sich verschieden gestalten und dem geschriebenen Recht nicht selten schnurstracks zuwiderlaufen, bieten die häufigen Freisprechungen in den südlichen Provinzen einerseits und die Verurtheilungen im Norden bei Behandlung eines und desselben Verbrechens. „In der Provinz Aosta," schreibt Morano, „gilt den Geschworenen das Leben mehr als die Börse, im Thale von Mazzara dagegen üben sie grössere Nachsicht, wenn es sich um Angriffe auf das Leben mit bewaffneter Hand handelt. Daher fallen ihre Wahr Sprüche in den beiden Gegenden so äusserst verschieden aus." Dasselbe ist der Fall, wenn es sich um Nothzucht und geheime Gesellschaften, Camorra und Mafia, handelt, die im Süden weit milder beurtheilt werden als im Norden. Das genügt wohl, meine ich, als Antwort für meine Gegner, die zwar das Ergebniss meiner Forschungen nicht leugnen, aber die Anwendbarkeit desselben auf die Jurisprudenz und die socialen Verhältnisse nicht zugestehen wollen. Vorwort des Verfassers. XXIX Die Herren aber, die uns verstohlen anklagen, dass wir mit unserer Neuerung nach Volksgunst haschen, sollten denn doch lieber nicht vergessen, dass die Hefe der Akademien wie die der Hallen von jeher die bitterste Feindin jeder Neuerung ist, und dass jedweder Fortschritt nur auf Kosten dessen zu Stande kommt, der ihn veranlasst. Sie scheinen zu vergessen, dass man uns als Zielscheibe für das Rachegelüst der Dunkelmänner und für den Hohn leichtfertiger Strohköpfe hingestellt hat, in deren Augen etwas Neues nur dann Werth hat, wenn es, flach wie ein Ding der Mode, weder Mühe noch ernste Arbeit erfordert. Unbegreiflich ist es zudem, wie manche unserer Gregner unter dem Vorwande, die freie Selbstbestimmung aufrecht erhalten zu wollen, sich für Vertheidiger der Freiheit ausgeben können. Mögen sie doch um sich sehen, dann werden sie einsehen, dass die Theorie vom freien Willen nichts ist, als eine von den Feinden der Gedankenfreiheit und von den rechtgläubigen Kirchen vorzugsweise ausgenutzte Lehre. Sie mögen leugnen, wenn es ihnen möglich ist, dass ihre Anhänger seltener unter den Opfern, als unter den Spiessgesellen des Despotismus zu finden sind. Schliesslich bleibt mir nur noch übrig zu gestehen, dass ich trotz aller Mühe, die ich auf die Lösung meiner Aufgabe verwendet habe, doch mir bewusst bin, dass ich noch weit von dem Ziele, wie es mir vorschwebt, entfernt bin. Je mehr ich auf dem Wege fortschreite, desto grössere Lücken erblicke ich. So liegt zwischen dem genialen Verbrecher und dem, welcher zum Pöbel des Verbrecherthums gehört, eine un- ermessliche Kluft. Und eben so gross ist der Abstand zwischen der Welt der Betrüger und der der Mörder. Den Rechtswissenschaften fremd, konnte ich auch jene praktischen Anwendungen nicht vollständig überblicken, ohne welche jede Theorie unnütz bleibt. Diese Lücken ergänzen reichlich einige Zeitschriften, wie XXX Vorwort des Verfassers. die Rivista sperimentale di Freniatria in Reggio, die Rivista di filosofia scientifica von Morselli, das Archivio di psichiatria, scienze penali e antropologia criminale in Turin, die Psichiatria in Neapel, die Rivista di Giurisprudenza von Pugliese, der Gravina von Precone, die Temi veneta von Bolaefio ; und im Auslande die Zeitschrift für das gesamte Strafrecht von Liszt (vgL jedoch S. III.), das Archiv dla psichiatrii i dla sudebnei mediciny [Arch. für Ps. und gerichtl. M.) von Kowalewski, der Wjestnilc sudebnoi Psichiatrii [Anzeiger f. krimin. Psych.) von Mierzejewski, das Bulletin de la societe d'Anthropologie de Bruxelles, das gleichnamige Biäletin in Lyon, die Revue scientißque und die Revue philosophique in Paris, les Arehives ä'anthropöl. crimin. von Lacassagne, welche ohne Zeitverlust die Entdeckungen mittheilen, die nach und nach von den oben erwähnten Mitarbeitern veröffentlicht werden. Zur Vervollständigung und dauerhaften Befestigung des Gebäudes dient ferner eine ganze Bibliothek, deren Herausgabe von unseren Verlegern und von Zanichelli unternommen wurde. Unter den darin begriffenen Werken will ich folgende nennen: Die Kriminalrechislehre von Garofalo, die Form irresistibile von Setti, VOmicidio von Ferri, und von demselben Verfasser noch I nuovi oriszonti di diritto penale, 11 reato studiato giuridicamente secondo la scuola positiva; Tcorica deWimputabilitä fondata sulla negazione del libero arbitrio; ferner das Trattato giuridico sidl'aborto von Balestrini; die Evoluzione del diritto in Italia von Oogliolo, die anthropologische und juristische Studie SuWinfanticidio von Pavia und Bergesio; von Camous Sid conato; von Venezlan Sul ri- sareimento, von Barzillai Sui reeidivi, von Licata Selvaggi e crimindli, von Virgilio Pazzi e criminali studiati antropologi- camente; ferner die Arbeiten von Lacassagne, Kocher, Roussel, Bordier; die von Drill, Benedikt Plesch, Sommer, Knecht u. A. Vorwort des Verfassers. XXXI Die Mitwirkung jener Männer ist mir eine sicherere Bürgschaft des Erfolges, als es alle von mir auf das Werk verwendete Mühe sein könnte. — Vielleicht wird von diesem in kurzer Zeit kein Stein mehr auf dem andern hleiben. Aber der Gredanke, der es leitete, nach und nach geläutert und gekräftigt durch jene wackeren Mitarbeiter, gleichsam . . . cursores qui vitae lampada trahunt (Ltjcbetius) dieser Gedanke wird nicht vergehen. C. Lombroso. Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. I. Verhalten der Pflanzen und Thiere. 1. Nachdem Espinas das Studium der Zoologie auf die sociologischen Wissenschaften, Coöneti, de Martiis und Rabbeno auf die ökonomischen, Post auf die Rechtswissenschaft und Houzeau auf die Psychologie angewandt, lag es nahe, dass die neue strafrechtliche Schule, die aus den modernen vergleichend-biologischen Studien über die Entwickelungs- vorgänge so vielen Nutzen zieht, eine Anwendung davon auf die Kriminal-Anthropologie zu machen suchte und sogar das Unternehmen wagte, sie zur Grundlage dieser Wissenschaft zu erheben. Auf meinen ersten Versuch in dieser Richtung folgte in der That alsbald ein zweiter von Lacassagne und hierauf eine Studie von Ferri, die beinahe als erschöpfend zu bezeichnen ist. 1 1 Ferri: Bell' omicidio. 1882. — Babbeno: Evolucione del lavoro. 1884. — Beehm: Thierleben. 1878. — Pierquin: Traue de la folie des animaux et de ses rapports avec celle de l'homme et les legislations actuelles. Paris 1839. — Büchner: Bas Geistesleben der Thiere. — Bocoardo: Lombroso, Der Verbrecher. I. 1 2 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Auf den ersten Blick scheint die Aufgabe sehr leicht; ja, wenn man mit der gewöhnlichen Kurzsichtigkeit menschlicher Urtheile einen oberflächlichen Blick auf die Naturerscheinungen wirft, so möchte man sagen, die Handlungen, die uns als die verbrecherischten gelten, seien im Gegentheil vollkommen regelrecht, so sehr sind sie verbreitet und häufig unter den Thier- arten und selbst unter den Pflanzen, indem uns die Natur, wie Renan mit Recht sagt, das Beispiel der unerbittlichsten Gefühllosigkeit und der grössten Unsittlichkeit darbietet. Allgemein bekannt sind die schönen Beobachtungen, die zuerst von Darwin und nach seinem Vorgange von Drude, Oohn, Rees und Will 1 angestellt worden sind über die insektenfressenden Pflanzen, worunter 11 Droseraceen, 4 Saracenaceen, 5 Nepentaceen, 11 Lentibularieen (s. Utricularien) und der Cephalotus follicularis. Diese Pflanzen verüben an den Insekten wahre Morde. Wenn z. B. das kleinste Insekt (Vmooo Gran genügt, um die Reaktion hervorzurufen) auf ein Droserablatt fällt, so wird es sofort durch dessen Sekrete festgeklebt und durch die zahlreichen Tentakel zusammengedrückt, deren es etwa 192 an L'animale e Vuomo. Vorrede zum VII. Bande der Biblioteca delV JEconomista. III. Serie. Turin 1882. — Livt: In montagna. Bologna 1880. — Darwin : On the origin of species etc. London 1859. — Id.: Tlie descent of Man and Selection in relat. Sex. London 1871. — Lombroso: Archivi di Psichiatria, Turin 1881, vol. IL, fax. IV. : II delitto negli animali. — Lessona: Dell'estema conformazione del cavallo. Turin 1829. — Kodet: Notions elementaires de veterinaire militaire. Paria 1847. — Houzeau: jßtiides sur les facult&s mentales des animaux comparees ä Celles de Thomme, Mons 1872, 2. vol. — Espinas : Des societes animales, etude de Psychologie comparee, Paris 1878, 2. edit. — Lacassagne : De la criminalite chez les animaux, v. Bevue scientifique, 14 Janvier 1882. Deutsch: Kosmos. VI. 4. S. 263. — Id. Separat-Abdruck, Lyon 1882, S. 32. — Bousse: Instinct des animaux. Paris 1835. — Koberts : Les animaux domestiques. Brüssel 1837. — Id.: Les animaux sauvages. 1831. — Bomanes: Animäl intelligente. London 1882. — Camerano: Scelta sessuale negli anfibi anuri. 1882. 1 Darwin : Insectivorous plants. 1880. — D. 0. Drude : Die insektenfressenden Pflanzen, im Handbuch der Botanik, herausgegeben von Prof. Schenk. Breslau 1881. — P. Oohn: Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bd. IL Heft 1. — Rees und Will: Botanische Zeitung. 1875. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 3 jedem Blatte giebt. Diese letzteren beugen sieb über dem Insekt binnen 10 Sekunden und erreieben nacb andertbalb Stunden das Centrum des Blattes, worauf sie sieb niebt eber wieder erbeben, bis das Tbier todt und zum Tbeil verdaut ist. Die Verdauung wird dureb eine Säure und ein unserem Pepsin äbnlicbes Ferment vermittelt, welcbe in grosser Menge dureb Drüsen secemirt werden, deren Reizung auf die benachbarten und die umstebenden Tentakel dureb einen nacb Daewin der Reflexbewegung der Tbiere sebr äbnlicben Mechanismus wirkt. Wenn das Insekt auf einer Blattseite sitzen bleibt, so biegen sieb die umstebenden Tentakel sämtlich gegen den Berührungspunkt, wo derselbe auch gelegen sein mag, und treiben das Opfer gegen die Mitte; der von einer oder mehreren Drüsen ausgehende motorische Impuls verbreitet sich durch das Blatt bis an die Basis der benachbarten Tentakel, übt aber zugleich eine Rückwirkung auf den gereizten Punkt aus, indem es die Sekretion der Drüsen vermehrt und derselben eine saure Reaktion ertheilt; ihrerseits wirken die Drüsen auf das Protoplasma. Bei der Dionaea museipula werden die Kontraktionen der mörderischen Borsten weder durch den Hauch, noch durch flüssige Körper hervorgerufen, sondern nur durch feste Körper, welche zudem stickstoffhaltig und feucht sein müssen. Ferner ist zu bemerken, dass die gekreuzten Borsten kleinere Insekten entlaufen lassen, welche für die Ernährung der Pflanze untauglich wären. Bei den Pinguicula-Arten bewirken Wasserköpfen keine Kräuselung der Blätter; auch feste, aber anorganische Körper wirken nicht viel mehr. Dickflüssige stickstofflose Substanzen erregen zwar die Sekretion der Drüsen, aber nicht in erheblichem Maasse und ohne dass das Sekret sauer wird. Sobald aber ein fester stickstoffhaltiger Körper mit dem Blatte in Berührung kommt, so wird die Sekretion äusserst kopiös und wirksam und das Blatt krümmt sich rasch. Die Genlisea ornata fängt kleine Thierchen in ganz ähnlicher Weise wie es die Fischer mit der Aalfalle thun. 4 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.' Die Utricularia neglecta zieht die Insekten mittelst eigener vierspaltiger Fortsätze an; indem die Thiere mit diesen Fortsätzen spielen, gerathen sie unversehens auf eine elastische Klappe, die sich hinter ihnen schliesst und sie in einem Schlauche begräbt, worin sie sterben. (Darwin: Fleischfressende Pflanzen.) Diese Thatsachen, in denen ich das erste Aufdämmern verbrecherischen Wesens zu erblicken glaube, erwähne ich so eingehend, weil man bier vielleicht, bei Unbekanntschaft mit ihrer absoluten Abhängigkeit von den histologischen Bedingungen, Vorbedacht, Hinterhalt, Tödtung aus Habsucht und gewissermaassen auch jene Freiheit der Wahl (Versehmä- hung kleiner Insekten und stickstoffloser Substanzen) vermutheu könnte, welche von vielen Seiten irrthümlicher- und phantastischerweise zur Grundlage der Verantwortlichkeit gemacht worden ist. 2. Weit deutlicher tritt die Analogie zu Tage, wenn man die Thierwelt ins Auge fasst. Betreffs der Gründe, warum ein Thier das andere tödtet, hat Fbrri (a. a. 0.) nicht weniger als 22 unterschieden, deren viele den in unseren Gesetzbüchern verzeichneten entsprechen. So vor allem die Tödtung zur Beschaffung der Nahrung, wovon die Beispiele so zahlreich und bekannt sind, dass ich sie nicht aufzuführen brauche. Sie entspricht unseren Verbrechen aus Hunger oder Nothstand. — So ferner die Misshandlungen und die Tödtung um der Herrschaft über den Stamm willen, die unsere Verbrechen aus Ehrgeiz u. dergl. wären und die sich bei Pferden, Stieren, Hirschen finden. Sobald ein neuer Affe in die Käfige der zoologischen Gärten eingelassen wird, untersuchen die Gefährten seine Muskeln und Zähne, ziehen zu diesem Zwecke seine Lippen auseinander, um sich zu überzeugen, ob man ihn zu fürchten habe oder ungestraft misshandeln könne. Wehe den kleinen schwachen Affen mit kurzen oder wackelnden Zähnen, wenn sie nicht etwa Vertheidiger finden unter den Cynoce- phalen oder Pavianen, welche gerne mit stolzer Herab- Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 5 lassung die kleinen Affen der verschiedensten Arten beschützen und liebkosen. Ein starker Affe mit kräftigen und langen Zähnen wird von den schwächeren geleckt, umschmeichelt, geliebkost; und diese Huldigung erstreckt sich auch auf seine Nachkommenschaft, wie hässlich und rhachitisch sie auch sein mag. (Lom- broso: TJuomo bianco e l'uomo di colore. Padua 1871.) Die Gorilla gina haben nur einen einzigen Häuptling, ein erwachsenes Männchen. Der Grund liegt darin, dass. der Stärkere jedesmal die schwächeren forttreibt und tödtet. Sobald aber die jungen Männchen gross geworden sind und ihre volle Kraft erlangt haben, greifen sie die alten an und nehmen keinen Anstand, sie zu tödten, wenn sie sich derselben entledigen wollen. Die Tarpans (wilde Pferde in Russland) führen wüthende Kämpfe untereinander um die Führung der Herde (Tabun), die nur einem Hengste folgt. (Ferri, a. a. 0.) Die Bienen haben nur eine Königin, und wenn sich zufälligerweise mehrere einfinden, so werden sie getödtet. Die alte Königin, welche noch nicht Zeit zum Hochzeitsfluge gehabt hat, wenn ihre Nebenbuhlerin eben geboren wird, thut alles Mögliche, um die Thronbesteigung ihrer Nebenbuhlerin zu verhindern; sie wirft sich in die Zellen, worin die Königinlarven stecken, durchbohrt sie und tödtet deren Insassen. 3. Tödtung im Streite umdenGenuss der Weibchen. — Bei allen Thieren mit geschlechtlicher Zeugung ist der wüthende Kampf unter den Männchen, um sich des Weibchens zu bemächtigen und den Zeugungstrieb zu befriedigen, eine so allgemein verbreitete Erscheinung, dass sie zu der DARWlNschen Hypothese der geschlechtlichen Zuchtwahl Veranlassung gegeben hat. (Ferri, a. a. 0.) Mit der Geschlechtsliebe wächst die Eifersucht und der Hass gegen die Neberbuhler; es werden wilde Kämpfe aus- gefochten, und die scheuesten Thiere werden dabei dreist und kampflustig. Die Löwen, die Tiger, die Jaguare, die Leoparden werden in ihren Liebeskämpfen fürchterlich. Hearne erzählt, dass die Moschusochsen um die Brunstzeit so heftige Kämpfe führen, dass viele dabei umkommen, weshalb die 6 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Zahl der Weibchen um ein Bedeutendes die der männlichen Thiere überwiegt. Beehm spricht von den Liebeskämpfen der Marder, Katzen, Känguruhs, Eichhörnchen, Hamster, Kamele, Moschusthiere. Die Hirsche und Elennthiere gehören zu den wüthendsten Kämpfern. Die virginischen Hirsche treiben es so weit, dass sie tagelang zu kämpfen fortfahren; und zuweilen kommt es vor, dass die beiden Gegner durch einen heftigen Stoss mit dem Kopfe ihr Geweih derart verstricken, dass sie sich nicht losmachen können und zu Grunde gehen. •— Unter den Gemsen enden die Zweikämpfe auch oft mit dem Tode der Besiegten, indem dieselben in die Abgründe gestürzt werden (Beehm); so auch unter den Antilopen, Kanna, Nilgauen, Caama, Steinböcken, den Ziegenböcken, den Muflonen, den Arvais (Beehm). Bekannt ist die Wuth der Bisons, der Stiere. Das Gleiche beobachtet man unter den wilden Schweinen, den Nashörnern, den Seehunden, den Alligatoren (Houzeaü, IL 59). — Umgekehrt sah Oameeano (a. a. 0. S. 7) ein Weibchen von Triton cristatus ein zudringliches Männchen beissen, welches zu rasch demjenigen nachfolgen wollte, mit dem sich das weibliche Thier in dem Augenblicke paarte. 4. Tödtung aus Nothwehr. — Es ist bekannt, dass die Bewohner eines Bienenstockes fremden Bienen den Zugang nicht gestatten. — Ein Bienenzüchter nahm eine Biene und steckte sie unter die, welche am Eingange eines Bienenstockes die "Wache hielten. Diese warfen sich auf den unfreiwilligen Eindringling, tödteten ihn und warfen ihn hinaus. Es kann vorkommen, dass eine Königin bei der Rückkehr vom Hochzeitsfluge den Weg verfehlt und in einen fremden Bienenstock geräth. Nichts kann sie dann vor einem sicheren Tode durch Hunger, Erstickung oder Gift retten. Hierher scheinen mir auch die Tödtungen zum Nutzen der Gemeinschaft zu gehören. So ist es bekannt, dass unter den Bienen den Männeben (Drohnen) nur die Verrichtung zufällt, die Königin zu befruchten, während die Arbeitsbienen für den Haushalt des Bienenstockes sorgen. Aber im Herbste oder zu Ende des Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 7 Sommers, nachdem einmal der Hochzeitsflug beendigt ist und ■während der Nahrungsvorrath knapper zu werden anfängt, durchbohren die Arbeitsbienen die Männchen mit ihren Stacheln oder vertreiben sie aus dem Bienenstocke, so dass sie vor Hunger und Kälte umkommen. 5. Tödtung aus Habsucht. — Die Ameisen, welche Blattläuse züchten, um ihren süssen Saft zu saugen, ziehen es manchmal vor, sich solche Herden durch Baub zu verschaffen. Fokel sah eine Kolonie von Formica exsecta unerschrocken zwei Nester von Casius niger und Casius flavus angreifen. Nachdem sie viele Feinde niedergemetzelt, warfen sich die Angreifer auf die in der Nähe wachsenden Sträucher und machten unbarmherzig Jagd auf die Ameisen, um sich ibrer Blattläuse zu bemächtigen. Ebenso grimmige und mörderische Kriege werden zeitweise von den Amazonenameisen unternommen, um sich eine grösstmögliche Zahl Puppen von Dienstameisen zu verschaffen, die sie alsdann als Sklaven aufziehen. — Zu demselben Zwecke überfallen die blutrothen Ameisen (Formica sanguinea) die Nester der Amazonen und unternehmen gegen dieselben abenteuerliche Feldzüge. — Die mexikanischen Honigameisen weiden oft ihresgleichen aus, um den von diesen aufgespeicherten Honig zu saugen. 6. Tödtungen aus Kriegslust.-—Bekanntlich kommt es vielfach vor, dass Thiere, selbst derselben Art, echte Kriege untereinander führen, die nur indirekt durch den Kampf um das Dasein bestimmt werden und nur das Tödten um des Tödteris willen zum unmittelbaren Zwecke haben. Es ist bemerkenswerth, dass der Gorilla, wenn er zum Kampfe auszieht, einen langen, dem Kriegesschrei des Wilden ähnlichen Kriegesschrei ausstösst; auch wirft er sich auf den Feind mit der "Wuth und dem Ungestüm der "Waldbewohner. Nirgends aber tritt das Gefühl der Feindseligkeit und des Widerwillens so stark hervor wie bei den Ameisen und Termiten. Wenn man in eine Schachtel einige Ameisen mit ihren Gegnerinnen zusammen einsperrt, so sieht man dieselben sich 8 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. aufeinander werfen. — M. W. stellte vor den Nestern verschiedener Ameisenarten mit Mousseline bedeckte Schachteln auf, die einige Ameisen enthielten, und zwar theils befreundete, theils fremde. Die freien Ameisen achteten gar nicht auf die ersteren, überfielen dagegen sofort die letzteren. Sie suchten die Mousseline zu durchbohren, und wenn ihrjen dies nach vielen Bemühungen gelungen war, so wären die eingeschlossenen Ameisen sämtlich getödtet worden, wenn der Beobachter es nicht verhindert hätte. — Sir John Lubbock machte dieselbe Beobachtung, wobei alle eingeschlossenen Ameisen getödtet wurden. (Ferbj, a. a. 0.) Zuweilen führen die Ameisen „auswärtige" Kriege, zu welchen es leicht kommt, wenn die Ameisenhaufen nahe aneinander stehen, zuweilen auch, wie es bei unserer rothen Ameise vorkommt, „Bürgerkriege", wobei die eine Partei sich bemüht, ihre Gegner aus dem Haufen zu vertreiben..... Kommt es zum Handgemenge, so wird der Kampf erbittert. Zuweilen werden Gefangene gemacht, die als Sklaven in das Nest der Sieger abgeführt werden.....Und ist das Schlachtfeld mit Leichen besäet, so trägt jede Partei ihre Gefallenen mit sich fort. Bei den Termiten giebt es eine besondere Kaste, eine Klasse von Kriegern, die ausschliesslich diesen Verrichtungen obliegen. 7. Einfacher Kannibalismus. —Obgleich es im italienischen Sprichworte heisst: „Kein Wolf frisst den andern" oder „Cane non mangia cane", fressen doch die "Wölfe einander auf. Ebenso fressen die Feldmäuse einander, sobald sie in die Falle gerathen. So auch die Ratten. Auch einige Käfer (Dytiscus, Gyrinus) fressen sich gegenseitig auf. Bekannt ist die Gefrässigkeit und der Kannibalismus der Hechte. Zwei Grashüpfer (Gryllus), in einen Käfig gebracht, fressen einander. — Vor wenigen Jahren lebten im Thiergarten zu London Riesenschlangen in einem Käfige zusammen; eines Tages hatte der Wächter kaum Zeit, die kleinere zu retten, die bereits zur Hälfte von ihrer Gefährtin verschlungen war. — Kaninchen Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 9 und Meerschweinchen verzehren mitunter ihresgleichen, auch wenn sie reichlich gefüttert werden. (Lacassagne.) Im Lahoratorium Fdes Prof. Bizzozero hat vor einigen Monaten ein Hund, obgleich reichlich gefüttert, einen Gefährten zerrissen und verzehrt. Im zoologischen Laboratorium in Turin befanden sich in einem Aquarium mehrere Frösche. Ein grösserer Frosch griff von hinten einen kleineren an und fing ihn zu verschlingen an, so dass nur noch der Kopf des kleineren Frosches aus dem Maule des grösseren herausragte. In diesem Augenblicke wurde die Sache bemerkt und der kleine Frosch gerettet. (Lessona: Anfibi anuri del Piemonte, Memorie deW Accaäemia dei Lincei. 1880.) Die Chaetocompa processionaea und die Thyatira leben gesellig; doch die stärkeren Thiere verzehren die schwächeren oder die durch zu reichliche Nahrung unbeholfen gewordenen. Aehnliches kommt unter den Mantidien, den Skorpioniden und den mexikanischen Ameisen vor. Die Ameisen, welche für die Leichen ihrer im Kampfe gefallenen Genossen Sorge tragen, zerreissen die der Feinde und saugen deren Blut aus. Ein Murmelthier des "Wiener Thiergartens, das ein anderes in seinem Behälter vorfand, tödtete es und frass es auf. — Die Siebenschläfer verzehren sich gegenseitig, sobald sie hungrig werden. 8. Kannibalismus. Mord von Jungen und Eltern. — "Was man alles von einer angeborenen Stimme des Blutes, von Kindes- und Elternliebe erzählt, erleidet auch bei den Thieren, wie die Erfahrung lehrt, vielfache Ausnahmen. (Houzeaü und Ferri, a. a. O.) Das 'Weibchen des Krokodils verzehrt zuweilen seine Jungen, die noch nicht schwimmen können. Man muss hier aber bemerken, dass bei vielen Thierarten, wie bei einigen barbarischen Völkern, die körperliche Unvollkommenheit einen Grand zu Verachtung abgiebt. ' Ich sah eine Henne, die mehrere kränkliche und missgestaltete Hühnchen hatte, eines Tages mit den gesunden das Nest verlassen, ohne sich um diese elenden Kiemen zu bekümmern. 10 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Wie einige Vögel ihre Eier zerschlagen und ihr Nest vernichten, sobald sie bemerken, dass dieselben angerührt worden sind, so fressen einige Nager ihre Jungen auf, sobald sie gestört werden. — Das Weibchen der Ratte frisst in einer Nacht seine junge Familie, wenn sein Nest angerührt wurde- Unter den Affen kommt es vor, dass die Weibchen des Mistiti (Hwpalc) den Kopf eines ihrer Kleinen auffressen oder ihre Jungen gegen einen Baum schleudern, wenn sie zu müde sind, um sie zu tragen. Das von Cuvibr in Paris beobachtete Mistitiweibchen frass den Kopf des ältesten seiner Jungen, während es sich gegen seine übrige Nachkommenschaft liebevoll und besorgt zeigte. Die Gurami (eine in China vorkommende Fischart) fressen ihre Brut. Unter den Baumwanzen suchen die männlichen Thiere ihre Brut aufzufressen, werden aber daran von den Weibchen verhindert. Bei den Katzen, Hasen, Kaninchen kommt es zuweilen vor, dass die Mütter ihre Jungen verzehren. Auch unter den Hündinnen, welche doch sonst Gefühle von Zärtlichkeit äussern, giebt es einige, die ihre Jungen auffressen. — Kannibalismus und Verwandtenmord wird unter den Füchsen beobachtet, „deren Junge sich gegenseitig und zuweilen auch die Mutter auffressen". (Brehm.) IL Das wahre Aequivalent des Verbrechens und der Strafe bei den Thieren. 1. Es dürfte wenig ernsthaft gemeint erscheinen, wenn wir die erwähnten Handlungen der Thiere als Verbrechen bezeichneten, sowohl die gegenseitigen Morde als auch den mit List und in Genossenschaft verübten Diebstahl der Affen, den Hausdiebstahl der Katzen, der Elster, den Kinderraub unter den rothen Ameisen, die Kindesunterschiebung beim Kuckuk, der sein Ei in das Nest des Sperlings legt und, um diesen besser zu betrügen, einige der seinigen fortbringt. Was uns hier wie Uebelthat vorkommt, ist vielmehr, wie leicht begreiflich, eine nothwendige Folge der Erblichkeit, der organischen Struktur, Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. H oder ist bedingt durch den Kampf um das Dasein (so die Tödtung der männlichen Bienen), durch die geschlechtliche Zuchtwahl, durch die in dem Interresse der Gemeinschaft begründete Nothwendigkeit, Zwistigkeiten zu verhindern (Tödtung der Häuptlinge) und durch das Nahrungsbedürfniss bei sehr ge- frässigen Thieren (Ratten, Wölfen), wobei sich die Thiere ganz ähnlich verhalten wie wir, wenn wir uns mit dem Feinde schlagen oder wenn wir uns erlauben, Hühner und Ochsen zu verzehren, ohne dass uns im entferntesten der Zweifel aufkommt, ob wir hiermit nicht vielleicht ein Verbrechen begehen. Auch wenn solche Handlungen gegen die Erhaltung der eigenen Art gerichtet sind, so werden sie doch in so grossem Maassstabe vollführt, dass sie offenbar zu den Gewohnheiten der Art zu rechnen sind. Sie sind es indes, die uns die Nichtigkeit des absoluten Gerechtigkeitsbegriffes darthun und uns ein erstes Hülfsmittel zur Erklärung des so beständigen Auftretens verbrecherischer Neigungen auch unter den civilisirtesten Völkern liefern, wo sie trotz der sich steigernden Hindernisse noch immer unter Formen erscheinen, die an das Verhalten der wildesten Thierarten erinnern. Sie machen es auch begreiflich, wesbalb in früheren Zeiten, wo man vielleicht im Grunde konsequenter war, als heutzutage, die schädlichen Thiere oder solche, welche sich der Schändung der dem Menschen heiligen Dinge schuldig gemacht, in aller Form verurtheilt wurden. 1 1 Das Mosaische Gesetz {Exodus XXI.) strafte mit dem Tode ein Sind, das den Tod eines Menschen verursacht hatte; und wenn solches mehrere Male geschah, so wurde auch der Besitzer des Eindes mit dem Tode bestraft. Im Mittelalter wurden die das menschliche Leben gefährdenden und die für den Ackerbau schädlichen Thiere verurtheilt. (Lacassagne, a. a. 0.) Unter Franz I. gab man ihnen jedoch einen Vertheidiger. Im Jahre 1356 wurde in Falaise eine Sau, welche ein kleines Mädchen aufgefressen hatte, zum Tode durch die Hand des Scharfrichters verurtheilt. Der Bischof von Autun sprach den Bann über Katten aus, welche heilige Gegenstände benagt hatten. Benoist Saint-Prix führt 80 Fälle derartiger Strafurtheile auf, worunter eine Reihe von Thieren, vom Esel bis zur Heuschrecke, figuriren. Der Stadt- rath von Turin kaufte vom Vatikan durch Vermittelung des Gesandten einen Bannfluch gegen die Baupen. Der Kirchenbann wurde denn auch mit grossem Pomp vom Bischof, unter Begleitung des Bürgermeisters 12 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Um die von Menschen begangenen Verbrechen etwas näher, und zwar unter einem anderen Gesichtspunkte als dem unserer mittelalterlichen Vorfahren zu betrachten, müssen wir vornehmlich bei den Hausthieren verweilen und unter den wilden Thieren hauptsächlich nur diejenigen ins Auge fassen, welche herdenweise leben und jene Thierstaaten bilden, die nach dem Ausdrucke von Espixas die ersten Anfänge unserer Gesellschaften darstellen und auch die Keime unserer Monstrositäten aufweisen. Die von uns den Thieren auferlegte und durch die Erblichkeit zum Instinkt umgewandelte Erziehung, die Bedürfnisse und Verhältnisse des Zusammenlebens baben bei ihnen besondere Gewohnbeiten erzeugt, von welchen die einzelnen Thiere nur unter ausserordentlichen Umständen abweichen und wo sie sich alsdann unseren Verbrechern ähnlich verhalten. 2. Angeborene Bosheit mit Schädelanomalien. Unter den hierhergehörigen verbrecherischen Neigungen ist, nach unserer Meinung, diejenige am bemerkenswerthesten, die bei den gezähmtesten und folgsamsten Arten beobachtet wird, meistens infolge von angeborenen Hirnläsionen. — Unter den Kavalleriepferden giebt es immer einige, die gegen die Dis- ciplin widerspenstig sind, das Gegentheil thun von dem, was man von ihnen verlangt, und sich sehr lebhaft jeder erlittenen Kränkung erinnern, ja monatelang Denjenigen nicht vergessen, der ihnen irgend ein Leid angethan hat. Sind es Hengste, so zeigen sie sich jähzornig, bochmüthig, geneigt, ihre Gefährten zu schlagen, und zwar immer in verstohlener, feiger Weise. Sind sie kastrirt, so sind sie gefrässig, zänkisch; — alle zeigen und der Rathsherren, aus einer Loge des Schlossplatzes zu Turin ausgesprochen. Ebenso häufig waren auch Processe dieser Art, mit zugehörigen Anklage- und Vertheidigungsakten. In Vercelli wurde einmal verhandelt, ob die Kaupen, welche die Beben der Pfarre beschädigt hatten, deshalb vom Civil- oder von den kirchlichen Gerichten ver- urtheilt werden sollten. (Lessona: I nemici del vino. Löschers Verlag. Turin 1880.) — Das kanonische Kecht drückt den Gedanken, welcher strafähnlichen Maassnahmen gegen Thiere zu Grunde liegt, treffend aus in C. 4. Causs. XV. q. 1: „Non propter culpam sed propter memoriam facti pecus occiditur." Vgl. auch Michaelis, Mosaisches Hecht. VI. 274 ff. — Grimm, Deutsche Bechtsalterthümer. 3. Aufl. (1881.) S. 664. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 13 viel Intelligenz, missbrauchen sie aber, um ihren Gefährten das Futter zu entziehen oder sie zu schlagen. Nach Rodet (Notions elementaires de veterinair) und Lessona (Vater) sind einige Pferde verrätherisch, lassen keine Gelegenheit unbenutzt, um dem Menschen und auch ihren Gefährten böses anzuthun, auch ohne allen Anlass; obgleich sie sich in Reih und Glied ganz gut verhalten. Andere werden erst schlecht nach erlittenen Misshandlungen oder „aus besonderen Abneigungen". Merkwürdig ist es dabei, dass im Gegensatze zu dem, was beim Menschen' geschieht, die Thierärzte nie darüber im Zweifel gewesen sind, dass diese bösen Neigungen von einer schlechten Organisation des Gehirns abhängen, so dass Viele ihre Gegenwart bei einem Pferde an der Schädelform erkennen, namentlich an der schmalen, flachen, hasenähnlichen Stirn, und die französischen Militär-Thierärzte solche Pferde chevaux au nez busque nennen, wegen der Krümmung, welche bei ihnen die Stirn gegen die Nase hin zeigt. Und man ist so sehr von der Erblichkeit dieser bösen Neigungen überzeugt, dass z. B. die Araber ihnen besonders Rechnung tragen und auf keinen Fall die Abkömmlinge der behafteten Pferde in ihren Gestüten zulassen. (Oornevin.) Etwas Aehnliches scheint bei den Elephanten vorzukommen. Das Thier, welches aus Eigensinn sich von einer Herde entfernt oder welches der Gefangenschaft entlaufen ist, ist gezwungen einsam zu leben. Es kann neben der Herde weiden, kann dieselben Orte besuchen, zu derselben Tränke gehen, kann den anderen folgen; immer aber muss es sich in einiger Entfernung halten und wird nie zu der eigentlichen Familie zugelassen. Sucht es sich einzudrängen, so wird es von allen Seiten mit Stössen und Schlägen empfangen; selbst das Weibchen, obgleich es milderen Gemüthes ist, schlägt den einsamen Elephanten mit dem Rüssel. Solche Thiere heissen bei den Indiern Gundalis, und wenn sie böse sind, Rogues. Sie sind ziemlich gefürchtet. Während die Herde ruhig und schweigsam ihren Weg geht, immer dem Menschen ausweicht und ihn nur im äussersten Nothfalle angreift, während sie sogar seine Besitzungen schont, kennen die Rogues keine solchen Rück- 14 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. sichten. Ihr einsames, widernatürliches Leben erbittert sie und macht sie wüthend. Es werden in Indien besondere Jagden gegen sie angestellt und Niemand hat Mitleid für sie. Lacassagne, s. a. O.) 3. Tödtung aus Abneigung. — Wie schwer es auch fällt, die einzelnen psychologischen Beweggründe, die zum Verbrechen treiben, zu isoliren, da letzteres nur selten durch einen einzigen und bestimmten leidenschaftlichen Antrieb veranlasst wird, so führt doch jedenfalls auch bei Thieren jene Abneigung, die nicht nur unter verschiedenen Arten, sondern auch unter Thieren derselben Art besteht, oft zu Gewaltthaten und zuweilen auch zur Tödtung. Gewisse "Weibchen haben eine unüberwindliche Abneigung gegen die Individuen ihrer Art und ihres Geschlechts: so z. B. die Weibchen der menschenähnlichen Affen, und insbesondere des Orang-Utangs, welche andere Weibchen mit einer instinkt- mässigen Feindseligkeit behandeln; sie schlagen dieselben und tödten sie sogar zuweilen. (Houzeau, II.) Jack, der friedliche und gute Gepard Brehms, wurde aus blosser Antipathie wüthend, als er in die Nähe eines Leoparden gebracht wurde, und man musste die beiden Thiere trennen, damit sie sich nicht tödteten. Von den Paradoxuren (Viverren) leben einige friedlich miteinander, während sich andere bis auf den Tod schlagen. Auf einer seiner Reisen in Persien wurde Lessona gewarnt, sich mit seinem Reitpferde dem eines Gefährten zu nähern, weil die beiden Thiere Feinde waren. Er wollte sich von der Wahrheit überzeugen; doch kaum hatte er sich dem anderen Pferde genähert, so wurde das seinige, das sich sonst gegen andere Pferde ganz friedlich verhielt, wüthend und suchte dreinzuschlagen. 4. Das vorgerückte Alter. — Es ist bekannt, dass unter den Menschen das Alter zum Egoismus, zur Hartherzigkeit dis- ponirt. (Maudsley.) Auch die Thiere werden im Alter ärgerlich, streitsüchtig und die älteren Thiere deshalb oft von ihren Gefährten vertrieben; durch die Einsamkeit aber werden sie noch schlechter. Derartiges erzählt Brehm von den Stein- Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niedern Organismen. 15 bocken, den wilden Ziegen und den Elephanten, welch letztere in diesem Falle sehr gefährlich werden, indem sie eine Art Wuth befällt, die sie antreibt, Menschen und Thiere zu verfolgen und niederzumetzeln. (Pierqüin, II.; Ferri, S. 41.) Eine Angorakatze war immer liebevoll gegen ihre Jungen gewesen; mit dem Alter wurde sie hässlich und wurde dabei von den Hausleuten vernachlässigt und misshandelt; ihr Charakter wurde dann immer finsterer und grimmiger, sie konnte nicht mehr die Spiele ihrer Jungen leiden, versagte ihnen die Milch und frass eines von ihnen auf. — Es sind das die Zustände, die beim Menschen „moralischer Irrsinn" heissen. 5. Tobsüchtige Anfälle. — Am 4. August 1833, einem Sonntage, um 2 Uhr nachmittags, wurde eine Kuh von einer Frau durch die B-ue Montmartre geführt. Plötzlich geräth die Kuh in die fürchterlichste "Wuth und wirft sich auf alles, was sie auf dem Wege findet. Sie tödtet und verwundet mehrere Personen, wirft rechts und links alles, was ihr in den Weg kommt, nieder, bis endlich ein Elintenschluss sie zu Boden streckt. (Pierqüin, II. 505.) 6. Zu dieser Kategorie gehören, ganz wie bei den Menschen, vielleicht auch jene nicht seltenen Fälle, wo die Thiere, wie Ferri richtig bemerkt, ohne allen Grund ihresgleichen tödten, im Widerspruch mit den Gewohnheiten der Mehrzahl und zum Schaden der Art selbst, ohne jedwede Beziehung zu der Organisation der Art, und nur in Abhängigkeit von der des Individuums selbst. Es ist das, was die alten Juristen brutale Gewalttätigkeit nannten. Auch in dieser Hinsicht ist die Behauptung Zannettis nicht ganz richtig: „Die Thiere derselben Art bekämpfen sich gegenseitig nur aus augenblicklich auftauchenden Motiven, wie etwa wegen Nahrung, oder um den Besitz des Weibchens, nicht aber aus unversöhnlichem, angeborenem Hasse." Sehr oft werden die Thiere von wüthender Streitsucht ergriffen, die sich durch nichts rechtfertigen, erklären, noch massigen lässt, und dies ohne allen äusseren Beweggrund, ohne Jg Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. die geringste Reizung. Unsere Hausthiere, besonders der Hund, bieten dafür viele Beispiele. Ein Pudel, erzäblt Gall, sebr geliebt von seinem Herrn, der ibn reicblicb fütterte, sucbte überall auf den Strassen Gelegenheit zum Streite. Jeden Tag kebrte er mit neuen Wunden beim. Man versucbte ibn wochenlang einzusperren, docb kaum war er wieder in Freiheit, so warf er sieb auf den ersten Hund, dem er begegnete, und biss sieb mit ibm berum, bis er ibn zu Boden streckte oder selbst ausser Kampf gesetzt wurde. Die Hamster beissen und tödten einander aus blosser Bosbeit. — Unter den Hirseben giebt es Männeben, welche die Weibeben obne allen Grund missbandeln. (Ferri, a. a. 0.) 7. Verbrechen im Affekt. — In anderen Fällen wird die Neigung zum Verbrechen, wie beim Menschen, unwiderstehlich hervorgerufen durch Leidenschaften, besonders durch Liebe, Habsucht, Hass. Die Dromedare, sagt Rousse, die sonst so geduldig sind, werden grimmig, wenn sie gereizt werden, und stampfen Den unter die Füsse, der sie misshandelt hat; sobald sie ihre Rache befriedigt zu haben glauben, werden sie jedoch wieder sanftmüthig wie vorher. Daher pflegen die Araber, wenn ihre Dromedare in Wuth gerathen, sich zu entkleiden und ihnen die Kleider hinzuwerfen, damit sie an denselben ihre Wuth auslassen, worauf die Thiere wieder an die Arbeit gehen. (Büchner, III.) Sonst fressen die Ameisen ihre Blattläuse nicht, auch wenn ihnen jede andere Nahrung fehlt. Aber Letjret berichtet den Fall einer Ameise, welche, über den Widerstand einer Blattlaus ungeduldig, sie tödtete und auffrass. Häufiger ist das Verbrechen aus tobsüchtiger Aufregung bei den rothbärtigen Amazonenameisen (Formica rufibarbis), Es kommt oft vor, dass sie nach einem ihrer gewöhnlichen Kämpfe plötzlich von einer wahren Raserei ergriffen werden, welche sie antreibt, blindlings alles zu beissen, was sie um sich finden, die erbeuteten Larven, die Genossen, ja selbst ihre eigenen Sklaven, die sie zu beruhigen suchen und sich bemühen, sie an den Beinen zu fassen und festzuhalten, bis ihre Wuth vergeht. (Forel: Les fourmis. 1874.) In sehr warmen Jahres- Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 17 zeiten sah man die zu den braunen Ameisen (Formica fusca) gehörenden Sklaven der Amazonenameisen die Geduld darüber verlieren, dass ihre Gebieter sie unablässig anstiessen, um ihnen Nahrung abzufordern; sie ergriffen dann dieselben an einem Gliede und suchten sie aus dem Neste fortzuschleppen; zuweilen bissen sie sie auch; nicht selten aber reagirten die gereizten Amazonen, ergriffen die widerspenstigen Sklaven mit den Kiefern am Kopfe und drückten immer stärker zu, bis sie sie getödtet hatten. (Id.) Hier handelte es sich von Seiten der Ameisen um ein leichtes Vergehen, vergleichbar etwa mit der Tödtung einer Sklavin durch eine römische Matrone, ein Vergehen jedoch, welches einen Schaden für die Art selbst bedingte, indem es dieselbe einer wichtigen Hülfe beraubte und auch den Gewohnheiten der Species zuwiderlief, weshalb es in der Jurisprudenz der Ameisen wohl eine strafbare Handlung darstellen dürfte. Einige Ameisen werden von einer plötzlichen Prostration ergriffen, andere verfallen in wild Raserei und werfen sich rücksichtslos auf alle anderen Ameisen, denen sie begegnen, gleichviel ob es Freunde oder Feinde sind. (Büchner, a. a. O.) Forel sah einige, welche ihre Sklaven, die sie zu beruhigen suchten, tödteten (a. a. O.). Es ist allgemein bekannt, dass der Elephant, je nach dem Maasse der erlittenen Kränkungen, sich entsprechend rächt, indem er Strassenkoth oder Wasser schleudert oder den Feind zermalmt. Vor kurzem ist es vorgekommen, dass ein Elephant mit einem Schlage seines Rüssels seinen Führer tödtete, weil er ihm Tabak gegeben hatte. Ein Bär, den ich leicht auf die Pfote geschlagen hatte, suchte mich anzupacken, und weil er es nicht konnte, so biss er in seine eigene Pfote und in das eiserne Gitter seines Käfigs. Ein Hund, welcher gezwungen war, sein Futter mit einem Schweine zu theilen, wurde wüthend gegen dasselbe, brach seine Kette, warf sich auf das Schwein und zerfleischte ihm den Bauch. Es kommen auch Tödtungen aus reiner Angst vor. Brehm erzählt, dass man im Prater zu Wien unter vielen anderen Lombroso, Der Verbrecher. I. 2 18 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. einen zahmen Hirsch hielt, der gerne unter das Publikum ging, wo er Naschwerk bekam und geliebkost zu werden pflegte. Eines Tages aber blieb er zufällig mit seinem Geweih an einem Sessel hängen; da erschrak er so sehr, dass er die Flucht ergriff, mit dem Sessel auf dem Geweih; sein Angstanfall erreichte einen solchen Grad, dass er mehrere seiner Gefährten verwundete und tödtete. 8. Körperliche Schmerzen. — Eine häufige Ursache von Gewaltthaten geben ferner die körperlichen Schmerzen ab. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur einmal den öffentlichen Schauspielen beigewohnt zu haben, die mit den sogenannten Riesenmikroskopen gegeben werden. In dem Maasse, als das Medium, in welchem die Asellen, die Daphnien, die Cyklopen eingeschlossen sind, durch die koncentrirten Lichtstrahlen sich erhitzt und schliesslich eine letale Temperatur annimmt, werden diese sonst friedlichen Thierchen grimmig und beissen einander. 9. Tödtungen aus Liebe. —Doch sind vielleicht auch unter den Thieren wie unter den Menschen diejenigen Verbrechen aus Affekt oder Leidenschaft am häufigsten, die durch geschlechtliche Liebe veranlasst werden. Der sonst so bedächtige Elephant geräth zur Brunstzeit bei der geringsten Veranlassung in Wuth. Bei den in Polygamie lebenden Hühnervögeln unterdrückt das Bedürfniss der Fortpflanzung alle anderen Bedürfuisse und Gefühle; in der Geschlechtswuth sind sie wie taub und blind und werfen sich sogar auf die Menschen. (Bkehm, S. 329.) Das Männchen der Kanarienvögel zerreisst in solchen Fällen oft das Nest, zerstreut die Eier (Hoüzbau, II. 394), tödtet das Weibchen, und um es zu beschwichtigen, muss man ihm zwei Weibchen geben. Der brünstige Truthahn wird rasend und wirft sich sogar auf den Menschen. (Bkehm, S. 320.) Cornevin erwähnt einer Stute, welche sonst ganz ruhig war, zur Brunstzeit aber unbändig wurde und ihm einmal beinahe den Arm gebrochen hätte. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 19 Eine ausserordentlich fruchtbare und mit Nymphomanie behaftete Angorakatze liebte leidenschaftlich, wie die meisten Hausthiere, ihre Jungen. "Wenn sie aber trächtig war, so konnte sie dieselben nicht leiden und schlug und biss sie, wenn sie in ihrer Nähe spielten. Bubdach und Marc finden eine Verwandtschaftsbeziehung zwischen dem Kindesmorde ohne nachweisbare Beweggründe, wie er so häufig im Wochenbette begangen wird, und den mörderischen Neigungen, die bei nymphomanischen Kühen und Stuten nicht nur während der Brunstzeit, sondern auch lange Zeit nach derselben beobachtet werden. Im Hamburger zoologischen Garten tödtete ein Känguruh in der Geschlechtswuth sein Weibchen und sein Junges. — Das brünstige Kamel wird sehr böse, beisst Alle, auch die Weibchen. Bei einigen Spinnenarten stellt das Weibchen, welches grösser ist als das männliche Thier, demselben nach der Begattung nach und tödtet es nicht selten. Huzard d. J. erzählt von einer Stute, bei der die Nymphomanie sich nur von Zeit zu Zeit äusserte. Das in den Zwischenzeiten sehr ruhige Thier wurde während des Erethis mus, welcher ein bis zwei, zuweilen drei Tage dauerte, unbändig. Hildebrand erwähnt eines Hundes, der von heftiger Satyriasis ergriffen war, und da er seinen erhöhten Geschlechtstrieb nicht befriedigen konnte, wüthend und zuletzt wasserscheu wurde. Rice sah einmal eine Herde Büffel, welche das Blut einer verwundeten Tigerin gerochen hatten, sofort mit rasender Wuth den Spuren desselben folgen, den Boden durchwühlen und Sträucher ausreissen und endlich auf der Höhe ihres Wuthanfalls, zum grössten Leidwesen ihres Führers, sich gegenseitig zerfleischen. (Brehm, II. 55.) Auch fehlen hier nicht die Ehebrüche, wie manchmal solche, die wie beim Menschen die Tödtung des Gatten zur Folge haben. Carl Vogt erzählt etwas derartiges von einem Storchenpaare, das seit mehreren Jahren in einem Dorfe bei Soletta 2» 20 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. nistete. Eines schönen Tages bemerkte man, dass, während das Männchen auf der Jagd war, ein anderer jüngerer Storch herkam und dem Weibchen den Hof machte. Anfangs wurde er zurückgewiesen, dann geduldet, dann empfangen; und endlich flogen eines Morgens die beiden Ehebrecher auf die Wiese, wo der betrogene Gemahl Frösche jagte, und schlugen ihn mit Schnabelstichen todt. (Figuier: Les oiseaux. 1877.) Selbst die Taube, die unschuldige Taube, zeigt sich nicht selten ehebrecherisch und neidisch und schlecht gegen ihre Gefährtinnen, vor welchen sie mit den Flügeln das überschüssige Futter versteckt. — Nimmt man einem Täuber sein Weibchen, so geht er in die benachbarten Taubenschläge und zwingt die Weibchen der anderen ihm zu folgen. 10. Uebervölkerung. — Hier haben wir eine andere Analogie mit den Ursachen der Verbrechen unter den Menschen: es sind dies nämlich die grossen Anhäufungen. Die sodomitischen Akte, die nie in den kleinen Ställen vorkommen, zeigen sich häufig in den grossen Gestüten. (Scarcey.) In den Pferde- und Kuhställen, in den Thierstaaten der Hymenopteren und unter den Hühnern führt der unbefriedigte Geschlechtstrieb zu widernatürlicher Befriedigung. Ein Verbrechen, welches den organischen Bedingungen zufolge der Nothzucht an Minderjährigen vergleichbar ist, oder richtiger der vom Tode gefolgten Körperverletzung, wurde von Hübeb an männlichen Ameisen beobachtet. Diese, wenn sie keine Weibchen haben, nothzüchtigen die Arbeiterameisen, welche bei dem rudimentären Zustande ihrer Geschlechtsorgane dadurch arg beschädigt werden und zu Grunde gehen. (Huber: Sur les abeiUes. IL 443.) Ein noch schlagenderes Beispiel von Nothzucht an Minderjährigen wurde von Houzeau an einem Hahne beobachtet, der ein unreifes Hühnchen vergewaltigte, infolgedessen letzteres mehrere Tage leidend blieb. (II. 291.) Lessona sah in Egypten, in den Umzäumungen, wo zur Nachtzeit viele Esel untergebracht werden, mehrere von ihnen sodomitische Akte ausüben, wenn keine Weibchen da waren. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 21 Aehnliches kommt unter den Hennen vor, die keinen Hahn haben. Im Turiner zoologischen Museum werden zwei gepaarte männliche Maikäfer im mumificirten Zustande aufbewahrt. (Camerano.) Die mit dem Namen Taureliennes bezeichneten Kühe werden so genannt, weil sie sich ihren Gefährtinnen gegenüber wie Stiere verhalten. In grossen Hühnerhöfen, in welchen die Männchen spärlich sind, benehmen sich oft die Hennen wie Hähne; und ebenso treiben männliche Thiere widernatürliche Unzucht in den Gestüten, in welchen zu wenig Stuten sind. (Scarcey.) Ein ähnliches Verbrechen wie beim Menschen die Thier- schändung ist die geschlechtliche Vermischung zwischen Schwan und Gans, zwischen Elen oder Auerochs und Kuh, welche ein steriles Produkt liefern, — eine Vermischung also, welche beiden Arten zum Schaden gereicht. (Houzeau, H. 205.) Houzeatj sah Hunde sich mit Wölfinnen paaren, sowie er einen Hund beobachtete, der die geschlechtliche Vermischung mit einer Tigerin begehrte. In der Umgegend von Turin sieht man oft Kröten, welche ihren Samen auf die Eier von Fröschen, die in denselben Pfützen leben, ausspritzen. (Lessona.) So erzählt Espinas (Societes animales, S. 380) von weiblichen Maulthieren, welche, einem falschen, verkehrten Mutterschaftstriebe folgend, durch List kleine Füllen ihren Müttern entwenden und zu sich anlocken, um sie sich folgen zu lassen. Da sie dieselben nicht füttern können, so lassen sie sie allmählich verhungern und begehen mithin Kindermord und Raub Minderjähriger. Die Papageien, die sich sonst fast ausschliesslich von Pflanzenstoffen nähren, überfallen nicht selten andere Papageien und sangen ihnen mit dem Schnabel das Gehirn aus. (Brehm, n. 42.) Brehm führt an (IV. 694), dass die Störche oft ihre Jungen vor den Augen der Mütter tödten; ebenso auch diejenigen ihrer Gefährten, welche im Augenblicke der Auswanderung nicht fortfliegen wollen oder können. Im allgemeinen zwar 22 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. gesellig, giebt es unter ihnen dennoch solche, welche schon aus der Ferne vor andern Störchen fliehen. 11. Verbindungen von Uebelthätern unter den Thieren. — Die Biber sind meist sanft und gesellig; dennoch spricht Figuier von drei Bibern, die sich an geeignetem Orte in der Nähe eines Flusses niederliessen und dort ihren Bau ausführten, während ein vierter für sich allein lebte; sie besuchten ihn und wurden von ihm gastlich aufgenommen; als er ihnen aber den Besuch erwiderte, tödteten sie ihn. Man erzählt, dass ein kleiner Hund, der von einem Bullen- beisser misshandelt worden war, mehrere Tage hindurch Knochen sammelte und in einen Keller schleppte, wohin er alsdann mehrere Nachbarhunde einlud. Nachdem sie sich satt gefressen hatten, hetzte er sie gegen seinen Feind und rächte sich auf diese Weise. Hier sieht man, dass bei den Hausthieren oder den gesellig lebenden die Keime jener verbrecherischen Erscheinung zuerst auftreten, die man für echt menschlich halten möchte, nämlich die Verbindung von Uebelthätern, Keime, die ihren Grund offenbar in den Massenansammlungen haben. Folgendes sind noch ein paar weitere Belege hierfür. Der Admiral Sullivan erzählte Darwin, dass er einen jungen englischen Hengst mit acht Stuten nach den Falkland- Inseln gebracht hatte, wo es zwei wilde Hengste gab, deren jeder eine kleine Herde von Stuten begleitete. Diese Hengste begegneten sich nie ohne in Streit zu gerathen. Jeder der beiden wilden Hengste suchte anfangs für sich allein den englischen Hengst zu schlagen und seine Stuten zu vertreiben; doch gelang es keinem von beiden. Eines Tages aber verbanden sie sich miteinander und setzten dann ihr Vorhaben durch. Etwas Aehnliches wurde im Parke von Chillingham beobachtet. Mehrere wilde Ochsen stritten um den Vorrang, und es wurde bemerkt, dass zwei von den jüngsten Ochsen im Einvernehmen den alten Führer überfielen, niederwarfen und regungslos liegen Hessen, so dass die Wächter glaubten, das Thier sei tödtlich verwundet. Doch nach einigen Tagen näherte sioh einer der jungen Ochsen jenem Walde; der alte, der in- Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 23 zwischen seine Rache gebrütet hatte, trat plötzlich hervor und warf ihn bald todt zu Boden. 12. Betrug. — Auch der Betrug wird nur bei grossen Anhäufungen von Hausthieren oder unter den intelligentesten Thieren, wie unter den Kavalleriepferden, den Affen und den zahmen Hunden beobachtet. Es giebt, sagt Lacassagne, verbürgte Fälle von Simulation und Betrug, wodurch sich die Thiere eine Mühe zu ersparen oder einen Vortheil zu verschaffen suchen. So soll es in den Kavallerieställen oft vorkommen, dass einige Pferde sich lahm stellen, um nicht zu den militärischen Uebungen gehen zu müssen. (Lacassagnb.) 1 LA Costb erwähnt eines Hundes, der, um seine Gefährten von einem Winkel am Kamin, wo er gern lag, zu entfernen, auf dem Hofe ein höllisches Gebell erhob, bis die anderen herbeileifen und ihm den Lieblingswinkel am Feuer Hessen. Ein Ohimpanse, der an Husten litt, wurde mit süssen Plätzchen behandelt. Als er geheilt war, simulirte er oft Husten, um sich die Leckerbissen zu verschaffen. (Lombroso: Uomo bianco. London 1871.) 13. Diebstahl. — Der Cercopithecus monas ist ein richtiger Taschendieb: während wir ihn liebkosen, fährt er heimlich mit den Händen in unsere Taschen, stiehlt unbemerkt etwas und verbirgt die Beute unter den Kleidern, zwischen den Bettdecken, gerade so, wie viele Dienstboten es thun. (Brehm.) Ein grosser Hund in Rennes stand im Verdacht, dass er Hammel raube und fresse. Sein Herr wollte es nicht zugeben, weil er ihn nie ohne Maulkorb gesehen hatte. Endlich beschloss er, ihn einmal in der Nacht strenger zu überwachen, und da sah er, dass, sobald es dunkel wurde, der Hund sich selbst den Maulkorb abnahm und, nachdem er seine Beute verzehrt, sich das Maul in Wasser ausspülte, sich dann seinen Maulkorb 1 Diese Thatsache wurde mir auch von dem Militär-Thierarzte Hauptmann Aglieei und vom Kavallerie-Hauptmann Harachequesne bezeugt. Doch Prof. Lessona und Prof. Lombardini, denen ich die Korrekturbogen dieses Kapitels mittheilte und die mir gütigst viele Verbesserungen machten, zweifeln sehr an der Richtigkeit dieser Angaben. 24 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. wieder aufsetzte 1 und sofort in den Hundestall zurückkam. S. Rousse, a. a. 0.) Das wäre ein wahrer Diebstahl [mit Vorbedacht und im Widerspruche zu den nunmehr erblich gewordenen Resultaten, welche die Erziehung an den Hausthierarten bewirkt hat. Aehnliches kommt bei Bienen vor; es giebt Bienenstämme, die nach und nach zu Dieben und oft zu echten Gewohnheitsverbrechern werden. Büchner spricht in seinem Geistesleben der Thiere von diebischen Bienen, welche massenweisse gut versorgte Bienenstöcke überfallen, die Schildwachen und Insassen überwältigen, den Bienenstock plündern und die darin vorhandenen Yorräthe fortschaffen. Nachdem sie die Unternehmung einige Male, oft mit schlechtem Erfolge, wiederholt, finden sie wie die Menschen Geschmack an Raub und Gewaltthat und machen dafür, ganz wie dies in den von Räuberbanden heimgesuchten Ländern geschieht, wahre Propaganda, indem sie immer zahlreichere Gesellen mit sich führen. — So bilden sich schliesslich wahre Kolonien von Raubbienen. Es giebt auch vereinzelte Individuen, welche von Raub leben und unbemerkt in fremde Bienenstöcke einzuschleichen suchen; ihr schüchternes Wesen zeigt zur Genüge, dass sie sich zu verbergen gezwungen und sich ihrer Missethaten bewusst sind. Man hat Paviane zu Hunderten sich zusammenscharen sehen, um schwer zugängliche Gärten leichter auszuplündern. Der älteste und listigste erforscht erst das Terrain, dann geht er voran und stellt am gefährlichsten Punkte eine Schildwache auf; die Paviane bilden dann eine Kette und übergeben einander die Früchte, die der zuletzt stehende in einem gemeinsamen Versteck birgt; giebt die Schildwache das Signal einer Gefahr, so löst sich die Kette auf, die Paviane fliehen, jedoch 1 Auch dieser Fall wird von Prof. Lombard ini für ziemlich unwahrscheinlich gehalten. Ich überlasse Kousse die Verantwortlichkeit für die Authenticität desselben; nur will ich bemerken, dass sich der Fall wirklich ereignen konnte, vermöge einer jener seltenen individuellen Befähigungen, die wie bei den Menschen, so auch bei den Hausthieren vorkommen, indem auch diese ihre Genies besitzen. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 25 mit einer Frucht im Munde, einer in der Hand und einer unter der Achselhöhle; wächst die Gefahr, so werfen sie erst die Frucht unter der Achsel weg, dann die in der Hand, nie aber die im Munde gehaltene. (Franklin.) Doch müssen wir in dieser Hinsicht bemerken, dass wir bei den Thieren jenen Unterschied nicht bemerken, welchen Spencer (JRevue philosophique. 1881) hinsichtlich der verbrecherischen Neigungen bei den menschlichen Gesellschaften im Urzustände vorfand, dass nämlich die kriegerischen mehr, die gewerbtreibenden weniger zum Verbrechen neigen; denn wir sahen diese Neigung sehr ausgesprochen bei den Ameisen, den Bienen, den Elephanten, welche doch vor allen andern als Vertreter der gewerbtreibenden Klassen im Thierreiche gelten dürfen. 14. Alcoholica u. dgl. — Thieren und Menschen gemeinsam ist die Verführung zum Verbrechen durch den Genuss geistiger Getränke und anderer berauschender Substanzen, zu welchem gerade die intelligenteren Thiere mehr Hang zeigen, als andere. "Wir haben oben der diebischen Bienen gedacht. Nun bemerkt Büchner, dass man diese Eigenschaft ihnen künstlich beibringen kann vermittelst einer besonderen, aus einem Gemische von Honig und Branntwein bestehenden Nahrung. Aehnlich wie die Menschen, gewinnen sie bald diesen Trank lieb, der auf sie denselben verderblichen Einfluss ausübt; sie werden aufgeregt, trunksüchtig und hören auf zu arbeiten. Macht sich der Hunger fühlbar, so verfallen sie wie die Menschen von einem Laster in das andere und lassen sich vom Rauben und Stehlen nicht zurückhalten. (Ferri, a. a. 0.) In der Chloroformnarkose werden die Ameisen am ganzen Körper unbeweglich, mit Ausnahme des Kopfes, mit dem sie nach allem, was sich ihnen nähert, beissen. (Forel: Les fourmis.) Abessinische Hirten hatten bemerkt, dass die Ziegen die wohlduftende Bohne eines in ihren Bergen einheimischen Baumes frassen; nachdem sie davon genossen, wurden sie lebhafter, munterer, hüpften zwischen den Felsen herum, liefen 26 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. einander nach und ringen oft erbitterte Kämpfe an. Man kostete von dieser Frucht und entdeckte auf diese "Weise den Kaffee. (Houzeau, IT.) Es ist bekannt, dass in der Sekte der Assassinen im Orient die mörderische Wuth durch ein Gemisch von Hanfsamen und Opium erregt wurde. Awsitek hatte Gelegenheit, die gleiche Erscheinung unter dem Einflüsse gleicher Ursachen bei Thieren zu beobachten, und erzählt, dass einige Kühe, nachdem sie Mohn gefressen hatten, rasend wurden. (Piekquin.) Magnan sah ruhige Hunde nach dem fortgesetzten Genüsse von Spirituosen streitsüchtig werden. Ich sah das Gleiche an Hähnen, die ich mit verdorbenem Mais fütterte, während dieselben ganz friedlich gewesen waren, so lange sie mit gesundem Mais gefüttert wurden. 15. Nahrungsmittel. — Auch der Meischgenuss wird bei Mensch und Thier zu einer das Verbrechen fördernden Ursache. Nicht nur sind die Fleischfresser die wildesten unter allen Thieren, sondern auch sonst sanftmüthige Thiere, z. B. Hunde, Elephanten werden unbändig und grausam, wenn sie mit Fleisch gefüttert werden. Die unter dem Namen Mustof bekannten Elephanten, die in Ostindien als Scharfrichter dienen, werden mit Fleisch gefüttert. (Jacolliot, I. 225.) Die in Alfort mit Fleisch gefütterten Hunde und Pferde wurden bösartig. 16. Abrichtung. — Hier müssen wir hervorheben, dass wie beim Menschen, so auch bei den Thieren eine besondere Erziehung, eine Dressirung es dahin bringen kann, Thieren, die von Geburt an keine bösen Anlagen hatten, verbrecherische Neigungen beizubringen. Der Mensch hat nicht selten die Thiere zum Menschenmorde dressirt (Pierquin: Folie des animaux), so die Indier den Elephanten, die Hottentoten den Ochsen. Eine Berühmtheit hat Borecillo, der Hund der Franzosen auf S. Domingo, erlangt, der die Indianer frass und Sold wie drei Soldaten zusammen erhielt. In solchen Fällen liegt freilich die Schuld nicht auf seiten des Thieres, sondern auf der des Menschen, seines Erziehers (Lacassagne, a. a. O.). Erstes Kapitel. Dag Verbrechen und die niederen Organismen. 27 17. Diese zweite Reihe von Handlungen nähert sich offenbar schon viel mehr denjenigen, die der Kulturmensch Verbrechen nennt, insofern als hier die Individualität des Thäters in offenem Gegensatze steht zu den allgemeineren angeborenen oder erworbenen Gewohnheiten der Art, und insofern als die Handlung zum Schaden der Art und des Individuums selber gereicht, wie z. B. die gewaltthätigen Racheakte der Ameisen an den Aphiden und an ihren eigenen Gefährtinnen, die Tödtung des Weibchens und der Jungen, die Sodomie. Bedenkt man — wie Ferri ganz richtig bemerkt, — dass z. B. von hundert Hunden oder Elephanten nur einer oder zwei streitsüchtig, unbändig, schlecht sind, und dass die Antipathie nur von diesen paar Individuen und nicht von allen Mitgliedern der Art ausgeht, dass von hundert Katzen- oder Hasenweibchen nur sehr wenige ihre Jungen vernachlässigen oder tödten, und so auch in den übrigen Fällen, so muss man wohl anerkennen, dass diese sittliche Verkehrtheit nur eine rein persönliche Tendenz der schlechten Individuen darstellt und allen anderen Wesen derselben Art fremd ist. Auch die Form der Verbrechen steht der von Menschen begangenen sehr nahe. So der Vorbedacht mit Hinterhalt (bei diebischen Hunden, Affen), die angeborene oder auch erworbene, aber später fortgepflanzte Neigung zum Diebstahl, die bei der Straflosigkeit sich weiter verbreitet und mit der Bildung von Verbrecherverbindungen den Charakter des Gewohnheitsverbrechens annimmt und die erste Andeutung des Räuberwesens darstellt; dann umgekehrt der Ungestüm anderer, durch heftige Affekte oder Leidenschaften, wie Zorn, Ehrgeiz, Antipathie u. dgl. hervorgerufener Akte. Am interessantesten ist aber die Analogie der ursächlichen Momente, die im ganzen und grossen auch in der Thierwelt dieselben sind wie unter den Menschen. Bei beiden sind es die Rache, die Liebe, die Uebervölkerung, der Genuss berauschender Substanzen, der animalischen Kost und die Vererbung, welche als die häufigsten Ursachen des Verbrechens erkannt werden. Von besonderer Wichtigkeit sind ferner die Fälle, wo 28 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Irresein und Verbrechen wie beim Menschen untrennbar verschmelzen, indem man verbrecherische Neigungen entweder plötzlich nach gewissen Krankheiten oder im Puerperium, im Greisenalter auftreten, oder von Geburt an bestehen sieht, bedingt durch die Erblichkeit und besonders durch die fehlerhafte Schädelbildung, welche die häufigste Ursache für angeborenes verbrecherisches Verhalten abgiebt (Frontal mikrokephalie der Pferde). Man hat es auch hier mit einer unmotivirten und zum Charakter der anderen Individuen derselben Art in schroffem Gegensatze stehenden Perversität zu thun. 18. Meteorische Einflüsse. — Portgesetzte Beobachtungen geben vielleicht noch Aufschluss über anderweite Analogien. So soll z. B. die Abhängigkeit von meteorologischen Einflüssen, dier eine so grosse Rolle bei den Verbrechen der Menschen spielt, in der That sich geltend machen. Man will nämlich beobachtet haben (in Amerika), dass Thiere derselben oder verwandten Art viel blutgieriger in der heissen Zone, als unter gemässigteren Himmelstrichen (Rousse, a. a. 0.) seien; umgekehrt wären die Löwen des Atlasgebirges viel sanfter, als die der "Wüste. Auch ist bekannt, dass die Ochsen bei sehr starker Sommerhitze, besonders beim Herannahen eines Gewitters, von wahren "Wuthanfällen ergriffen werden, wobei sie sich gegen die Menschen und gegen die Bäume werfen, bis ein tüchtiger Regenguss sie beruhigt. 19. Widerwille gegen Neuerungen. — "Wie wir es später bei den barbarischen Völkern sehen werden, so giebt auch bei intelligenten Thieren eine Veranlassung zu Verbrechen der Hass gegen alle Neuerungen ab, indem jede solche sie überrascht und erschreckt und von ihnen wahrscheinlich als eine persönliche Beleidigung, vielleicht gar als ein Verbrechen angesehen wird. Brbt Harte hebt treffend hervor, dass die Hunde oft einen echt konservativen Fanatismus zeigen und auf die Eisenbahnen, das Gaslicht, die Musik u. dgl. losbellen, wenn sie damit zum ersten Male zusammenkommen. Manche Pferde sind gewöhnt, nur von einem Offizier in Uniform geritten zu werden; sie bäumen sich und werfen den Reiter vom Sattel, wenn er nicht wenigstens eine militärische Kopf- Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 29 bedeckung trägt. — Ein Affe in Weiberkleidern und ein grün angestrichenes weisses Huhn wurden von ihren Gefährten, die sie früher gern hatten, mit Schlägen empfangen. 1 20. Wir haben sehr bemerkenswerthe Analogien im Schädelbaue hervorgehoben. Es ist leicht möglich, dass ein genaues Studium der Individuen uns auch Eigenthümlichkeiten in der Physiognomie enthülle; und muss ich hier daran erinnern, dass die blutgierigsten Thiere oft eine besondere Physiognomie aufweisen, die in der That einige Aehnlichkeit mit der des Verbrechers darbietet. So ist z. B. das graue mit Blut inji- cirte Auge des Tigers, der Hyäne wirklich den Mördern eigen. „Die Raubvögel," sagt Brbhm, „haben einen kurzen gebogenen Schnabel; ihr Oberkiefer ist oft mit einem scharfen Zahne versehen, welchem ein Ausschnitt im Unterkiefer entspricht; die Augenhöhle ist gross (wie bei den Verbrechern, Tamassia) und der Augapfel injicirt sich mit Blut." — Bei den Insekten, denen wegen der Unbeweglichkeit des Gesichts die Physiognomie fehlt, zeichnen sich die von Raub lebenden Arten durch ihre kräftigen Kiefer aus. 21. Wie sehr man sich auch abmühen mag, Unterschiede aufzufinden, so muss man doch jedenfalls gestehen: es giebt eine Kontinuität, einen unmerklichen Uebergang von vielen jener Handlungen, die wir kriminielle nennen, zu jenen, die für Menschen nur Vergehen wären, und umgekehrt. So können die Diebstähle der Affen, die Racheakte der Hunde, die Tödtungen der Ameisen einigermaassen der Tödtung im Kriege oder zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung im Kampfe um das Dasein gleichgestellt werden, ebenso wie die Tödtung aus Habsucht, welche Fälle daher sämtlich in der ersten Reihe d. h. unter den scheinbar verbrecherischen Handlungen der Thiere aufgenommen wurden. Viele Fälle von Tödtungen mit Kannibalismus oder gar mit Eltern-, Verwandten- oder 1 Es ist bekannt, das die Hunde alle Fremden anbellen. Lessona bemerkte ein einziges Mal einen Hund, der ihn freundlich begrüsste. Aber das war in einer Gebirgsherberge, wo die Ankunft von Fremden ein gutes Futter versprach. Hierin liegt der Ursprung mancher Reformen und vieler Reformatoren. 30 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Kindermord, wie sie bei manchen Arten, z. B. bei der Chaeto campa, bei den Bären, Wölfen u. a. m. beobachtet werden, sind ursprünglich, wie unter den Menschen in Theuerungszeiten, durch den Kampf ums Dasein bedingt, in dem die übermässige Fruchtbarkeit der Art schliesslich das Wohlergehen derselben gefährdet. In solchen Fällen gereicht die Tödtung der Individuen zum Nutzen der Art. Dasselbe gilt von den Fällen, wo die Neugeborenen (wie wir es bei den Hühnern sahen) aufgegeben werden, weil sie kränklich und nicht lebensfähig genug sind. Schon die Häufigkeit, mit der sich solche Handlungen bei manchen Arten wiederholen, ist ein Beleg dafür, dass sie nicht immer als abnorm zu betrachten sind. Ja, selbst die unmotivirten Grewaltthaten, die unter den Thieren den Typus der brutalen Bosheit darstellen, lassen sich sehr leicht aus dem Wiedererwachen atavistischer Triebe (wie z. B. beim Hunde aus der Erbschaft des Wolfes) erklären, vermöge der organischen Verhältnisse des Gehirns, wie dies bei den Pferden ä nee busque bestimmt dargethan ist. — Ist dem aber so, so fragen wir, welchen Unterschied es noch giebt zwischen diesen verbrecherischen Handlungen der Thiere und den von den Droseraceen und Dioneen vermöge ihrer organischen Struktur ausgeübten Tödtungen? Wie soll man sich also des Schlusses erwehren, dass das Verbrechen schon in seinen rudimentärsten Aeusserungen an die organischen Bedingungen gebunden und eine direkte Wirkung derselben ist. 1 HI. Was als Strafe beim Menschen und bei Thieren gilt. 1. Strafe. — Es würde noch einen zweiten Unterschied zwischen den beiden Keinen verbrecherischer Handlungen geben, wenn es wahr wäre, wie Ferri und einige andere Rechtsgelehrte annehmen, dass einige Thierarten eine Art Reue für die 1 S. T. Vignoli : lieber das Grundgesetz der Intelligenz im Thier- reich. (Ddmolakd: Bibl. internat. Mailand 1880.) Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 31 begangenen Missethaten an den Tag legen. Unstreitig zeigen die Raubbienen vor und nacb dem Diebstahle sieb gleichsam unschlüssig, als fürchteten sie eine Strafe. Herr Haeachequesne erzählte mir, dass einer seiner Affen, sei es aus Rache, weil man ihn allein zu Hause liess, sei es infolge einer Berauschung, alle Töpferwaren im Hause zerschlagen hatte; als aber die Herrschaft nach Hause kam, versteckte er sich so gut, dass man ihn nur schwer wiederfinden konnte. Als er ausgescholten und geschlagen wurde, wollte er eine Woche lang nichts essen. Beehm beschreibt uns das köstliche Bild, wie ein Affe in einem Zimmer etwas stehlen wollte, während Beehm sich stellte, als wenn er schliefe. Das Thier schaute sich unschlüssig um und hielt sofort inne, wenn es aus den Bewegungen seines Herrn schliessen konnte, er sei im Begriffe zu erwachen. Chaillu besass einen Ohimpansen, der in der Absicht, seine Bananen zu stehlen, sich zuvor seinem Bette näherte, um sich zu vergewissern, ob er schliefe. Erwachte Chaillu inzwischen, so lief das Thier davon und warf die gestohlene Frucht weit weg. Hatte es aber noch Zeit, so legte es dieselbe an ihre Stelle zurück und suchte seinen Herrn durch allerlei Schmeicheleien und Liebkosungen abzulenken. Mir scheint es, dass alle diese Handlungen nur auf der Furcht vor der Strafe, die auf das Vergehen zu folgen pflegt, beruhen, wie wir etwas Aehnliches bei Gewohnheitsdieben beobachten. Man wird mir zwar einwerfen, dass die Thiere selbst über ihre Jungen wahre Strafen verhängen. In den Affenherden, sagt Beehm, wird derjenige, der sich nicht willig fügt, nachdem sich der Kampf um den Oberbefehl zu Gunsten des stärksten entschieden, mit Gewalt, d. h. durch Faustschläge und Bisse zum Gehorsam gebracht. — Beehm fügt hinzu, dass bei Beginn einer gemeinsamen heimlichen Unternehmung die Jungen mit Faustschlägen und Maul-, schellen bestraft werden, wenn sie schreien oder lärmen. — Er sah auch eine Katze, die zu wiederholten Malen durch Schläge oder Bisse ihre Kätzchen am Stehlen hinderte. 32 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Doch auch hier scheint es mir, dass es sich eher um die Ungeduld der Eltern oder Anführer handelt, weil sie ihre Befehle von ihren Jungen oder Untergeordneten missverstanden und nicht befolgt sehen, wie dies auch uns, viel öfter als wir selbst glauben, passirt, wenn wir unseren Kindern gegenüber als Vertheidiger eines Rechts auftreten, während wir im Grunde eher unserem Zorne folgen, als einem pädagogischen Grundsatze oder gar einem Rechtsprinzipe. Noch viel weniger aber können wir die Existenz im voraus festgestellter und in den konkreten Fällen zur Ausführung gelangender Strafen bei den gesellig lebenden Thieren zugeben, nach Analogie unserer Strafgesetzbücher oder besser unserer wilden Stämme, die für jeden Fehl die Todesstrafe verhängen. Neander erzählt folgenden Fall. Im Flecken Taugen in Bayern lebten mehrere Störche in bester Eintracht miteinander. Doch Hess sich ein "Weibchen während der Abwesenheit seines Gatten von einem jungen Männchen verführen. Als der beleidigte Gatte heimkehrte, Hess er die Ungetreue vor einem Gerichtshofe erscheinen, der aus allen gerade zum Herbstfluge versammelten Störchen der Ortschaft bestand. Die Ehebrecherin wurde in Stücke zerrissen. (Figuibe, a. a. 0.) Im Norden Schottlands und auf den Faröer-Inseln sieht man oft Schwärme von Krähen,* die eine der Ihren für irgend ein Vergehen mit dem Tode bestrafen. (Ferri, a. a. O.) Linne erzählt, dass eine Schwalbe, als ein Sperling ihr Nest eingenommen und sie denselben vergeblich zu vertreiben versucht hatte, sich an andere Schwalben wandte, welche mit Lehm im Schnabel herbeifiogen und den Eindringling im Neste einmauerten. Die Paviane sind arge Diebe. Während sie mit der Plünderung eines Gartens beschäftigt sind, stellen sie eine Schildwache auf, die ihre Gefährten durch einen Schrei benachrichtigt, wenn ein Mensch naht. Die Schildwache ist immer sehr wachsam, weil sie weiss, dass sie mit dem Tode bestraft würde, wenn sie ihre Pflicht versäumte. 1 Auch in Deutschland nicht selten. « Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organismen. 33 Die Bewohner von Smyrna, welchen die ungemeine Entwicklung der Gattenliebe bei den männlichen Störchen bekannt ist, belustigen sich damit, dass sie Hühnereier in Storchnester legen. Beim Anblicke dieses ungewohnten Gegenstandes wird das Männchen zornig und giebt das Weibchen anderen Störchen preis, welche auf seinen Ruf herbeifliegen und es in Stücke zerreissen. (FiauiBR, a. a. O.) Wir Menschen sind geneigt, in diesen Fällen denselben Abscheu gegen den Ehebruch und dieselben juridischen Gebräuche und Gewohnheiten wie sie dem Menschen, ja wesentlich dem Kulturmenschen eigen sind, zu erblicken. Das ist aber nur unsere subjektive Anschauung: denn der Ehebruch kann höchstens nur den Zorn des Gemahles hervorrufen (und wir werden sehen, dass er ihn nur selten beim wilden Menschen veranlasst, der den Ehebruch lange für kein Verbrechen hielt), gewiss nicht den des Stammes, welcher hierin keine Verletzung seiner Interessen erblicken kann und daher jenes Zorngefühl gewiss nicht theilt. Wenn ferner bei den Cynocephalen die nachlässige Schildwache vom ganzen Stamme zum Tode verurtheilt wird, so scheint es mir, dass es sich auch hier nur um Ausbrüche der Bache handelt, wegen des misslungenen Streiches, wegen der Gefahr, der man mit Noth entgangen: und darin, glaube ich, sind auch Alle einverstanden; aber einen Beweis von Rechtsbewusstsein, ein Beispiel von eigentlichem Strafvollzug haben wir hier ebenso wenig, wie bei den von den Räuberbanden aus ähnlichen Gründen an ihren Mitgliedern begangenen Tödtungen und bei den sogen. Lynchgerichten, wo sich die Wuth des Pöbels Luft macht und die nie und nimmer als ein Ausdruck des Rechtsgefühls gelten können. Sind die erwähnten Fälle an sich wahr, so würde ich darin nur einen neuen Beleg dafür erblicken, dass auch bei den Thieren Verbrecherverbindungen vorkommen, wovon ich übrigens schon zahlreiche Beispiele angeführt (s. o) und deren Thaten sich unter Umständen thatsächlich, wenn auch nicht vorsätzlich, zu gerichtlichen Handlungen umgestalten. Kurz, wie wir in den früher besprochenen Handlungen Lombroso, Der Verbrecher. I. 3 34 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. eine embryonale Andeutung des Verbrechens vor uns batten, so baben wir hier eine ähnliche Andeutung der Strafe, die aber doch nur auf der Stufe der Rache, und zwar der gesellschaftlichen Rache stehen bleibt, ebenso wie bei den barbarischen Völkern; bei uns stellt dieses Stadium die Einrieb tung der „Schwurgerichte" dar, — bei der die Stufe des „Schadenssatzes" nicht erreicht wird, obgleich diese schon eine Schöpfung der einigermaassen civilisirten Wilden ist (s. Kap. II.). 2. Strafe bei den Hausthieren. Es ist unleugbar, dass wir im stände sind, durch Strafen gewisse Gewohnheiten bei einigen Thieren abzuändern, wiewohl bei weitem nicht alle Gewohnheiten und nicht bei allen Thieren. Wir suchen dadurch die Sittlichkeit der Thiere zu entwickeln, welche darin zu bestehen hat, dass dieselben uns bei möglichst geringem Schaden den grösstmöglichen Nutzen bringen. Es giebt jedoch, wie Brehm bemerkt, Thiere, bei welchen keine Drohungen und keine noch so grausamen Strafen gewisse Triebe auszurotten vermögen, die durch die langjährige erbliche Uebertragung organisch geworden sind. So ist es allgemein bekannt, dass die Katzen, trotz des langen Zusammenlebens mit den Menschen und der wiederholten Strafen, die Neigung zum Diebstahl nicht abgelegt haben. Unter den Affen lassen sich die Cercopithecus-, Inus-, Cebus- arten u. a. durch Drohungen und Strafen dressiren; die Kyno- kephalen dagegen, besonders die erwachsenen, widerstehen allen diesen Mitteln. (Brehm, I. 120, 109; Ferri, a. a. 0.) Was übrigens die Wirksamkeit der Strafen betrifft, so hat eine genaue Beobachtung gelehrt, dass bei den zähmbaren Thieren man oft viel mehr zu leisten vermag durch eine gute Behandlung oder durch indirekte Maassregeln, welche ihre Eitelkeit oder ihre Naschsucht befriedigen, als durch die Quälereien, die oft um so unwirksamer ausfallen, je grausamer sie sind. Schon vor Jahren bemerkte der Veterinärarzt Lessona [lieber die äussere Bildung der Pferde. 1829): „Wenn ein Pferd zufällig einen Fehler begeht, so ist es nicht nöthig, es zu bestrafen. Im allgemeinen erwirkt man mehr mit dem Abwarten der vollen Entwicklung, mit leichten Strafen zu Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 35 seiner Zeit, aber noch mehr mit guter Behandlung, als mit Gewalt und Misshandlung, wodurch die Thiere nur rachsüchtig werden. Ein Maulthiertreiber vom Mont Cenis erzählte mir (Prof. Lombkoso), dass seine Thiere, wenn sie hungrig sind, durch keine Gewalt oder Peitschenhiebe sich zwingen lassen, auch nur zehn Schritte über die Stelle hinauszugehen, wo sie ihr Futter zu bekommen gewohnt sind. — Gilt es einen neuen Weg einzuschlagen, so widersetzen sie sich. Man thut daher gut, sie zuvor unbeladen auf den Weg zu führen und bei der Ankunft zu füttern; dann gehen sie auch mit der Last willig dahin. Auch bei den schlimmsten Pferden, sagt Rodet (1. c), hilft milde Behandlung mehr als die Strenge: letztere mag bei schwachen Thieren etwas ausrichten; die kräftigeren aber widerstehen allen Bemühungen. Alles das bestätigt für die Thierwelt, was Ferri so überzeugend für den Menschen dargethan hat: nämlich den geringen Nutzen der Strafen und die Möglichkeit, viel bessere Erfolge durch minder rohe Mittel, welche die Strafen ersetzen, zu erzielen. Zweites Kapitel. Das Verbrechen und die Prostitution bei Wilden und Urvölkern. Dieselbe Schwierigkeit wie bei den Thieren verursacht das Studium des Verbrechens bei den Wilden. Hier wie dort erscheint das Verbrechen nicht als eine Ausnahme, sondern fast als allgemeine Regel; es wird daher von Niemand als solches aufgefasst und seine ersten Spuren vielmehr den tadellosesten Handlungen gleichgestellt. Das giebt sich schon in den Sprachen kund. 1 1 Pott: Etymolog. Forschungen. 1867. — Böttlingk und Eoth : Sanscrit. Wörterbuch. — Pictet: Origines indo-europeennes. IL 490. — Petron: Lexicon linguae copticae. — Gesenius : Lexicon linguae hebraicae. ■— Vanioek: Etymolog. Wörterbuch. 1874. — Tschddi: Über die Kueka- Sprache. 1862. — Ferri: Omiciclio. 1883. — Marzolo: Monumenti storiei rivelati coli' analisi delle parole. 1857. — Lombroso: L'uomo bianco e l'uomo di colore. Padua 1870. — Radiguet : Les derniers sauvages. 3* 36 Erster Theil. Uranfang dea Verbrechens. Nach Pictet soll das lateinische crimen auf das sanskritische härmen sich beziehen, welches That bedeutet, von Jcri = thun. (Vanicek bestreitet jedoch diese Abstammung und leitet crimen von &n<—hören ab, woher auch croemen=An- klage.) Jedenfalls entspricht auch das Sanskritwort: apaz= Sünde den Lauten apas—opus = Werk, und stammt das lateinische facinus= Verbrechen von /are=thun. — Auch soll c«Zpa = Schuld nach Pictet und nach Pott aus dem sanskritischen halp, Mrp=thun, ausführen, herrühren. Ursprünglich giebt es also keinen deutlichen Unterschied zwischen Handlung und Verbrechen. Nach Pictet giebt es im Sanskrit Hunderte von Wurzeln, welche die Begriffe tödten und verwunden ausdrücken (einige haben sich bis zu uns fortgepflanzt, wie mar, mori, nac, han), auch abgesehen von den sekundären Abtheilungen. Er sieht darin eine schwer zu erklärende Erscheinung (s. 437, IL 131); uns erscheint sie dagegen ganz natürlich, wenn wir bedenken, dass das Gleiche im Kauderwälsch vorkommt. — Für die Handlungen, welche oft wiederholt werden, giebt es immer eine Unzahl Synonyme. Alle Sprachen ferner weisen übereinstimmend auf Paub und Mord als die erste Quelle des Besitzes hin. So kommt das lateinische praedium — Qut von prae$m=rauben. 1881. — d'Azaba: Viaggi nelP America. 1835. — Bar: Deutsches Strafrecht. Berlin 1882. — Letourneau: Science et materialisme. Paris 1879. — Id. La sociologie d'apres Vethnographie. Paris 1880. — Lubbock: Yorgesehichtl. Zeit, übersetzt von Pahlow. Jena 1874. — Darwin : The Origin of man. — lb Bon : L'homme et les societes. 2 vol. Paris 1881. — de Nadaillac : Les premiers hommes et les temps pvehistorigues. Paris 1881. — Houzeau, a.a.O. II. — Maüry: La terre et l'homme. Paris 1877, 4. edit. — R. Hartmann: Die Völker Afrikas. 1879. — de Quatrefages: L'espece humaine. Paris 1879. — Id.: Histoire des Tasmaniens, Journal des Savants. 1878. — Dictionnaire des sciences anthropologiques. Paris 1881, 1882. — Spencer: Principes de sociologie. Paris 1878. — Ttlor: La civilisation primitive. Paris 1876—78, 2. vol. — C. Vogt : Anthropophagie et sacrifices humains. Bologna 1873. (Extrait des Comptes rendus du Congres Internat. d'Anthropol. et d'Archeol. prehistoriques.) — N. Marselli: Le orgini delF umanitä. Turin 1879. — Schortt: Transact. of the Etnölog. Society. VII. — Davt : Ceylon. — Earle : Besidence in New-Zealand- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 37 Im Sanskrit heisst kschi — vernichten, tödten, verwüsten, besitzen; ska — sJci, W = wohnen, wohnhaft machen; und s/ca=beleidigen, vernichten; ski = stehlen. (VANICEK, IL; BöTTLINGK.) Im Koptischen heisst amahi— entwenden, jagen, besitzen; wjoom — fischen, am Strande j agen, mit Gewalt nehmen, weilen. Im Hebräischen heisst jaras — nahm, trieb fort, be- sass; bazan und akas = entriss, raubte, besass. — Im Peruvianischen (Tschudi a.a.O.) heisst coraw —jagte, bekriegte, besass. — In der Tahitisprache heisst tao = Lanze, Besitz; cftamjji = Held, Dieb. Sanskrit gut — siegen und essen — wie dies die Silbe der Negritosstämme in Ostindien war — erinnert an das tahitaner pau = besiegt werden, gegessen werden, weist darauf hin, welch andern Zweck man mit dem Tödten verband. Ebenso deutet das ga-wisclita = Schlacht und Aufsuchen von Kühen auf den Zweck der damaligen Kriege. Das griechische neigdoo (woher das Wort Firat) heisst wagen. Das lateinische /«r=Dieb (nach Vanicbk von 6a/tr = tragen), sowie das hebräische ganaiv und das sanskritische sten = hängen mit beiseite legen, verstecken, bedecken (gonaiv) zusammen. Auch das griechische xXimeiv heisst verstecken und stehlen, klemmen (studentisch); es soll einerseits vom sanskritischen harp — Map abstammen, welches die gleichen Bedeutungen hat. Das deutsche stehlen heisst etymologisch ebenfalls verstecken, und das schwedische stiäla, welches ursprünglich in der Bedeutung von verstecken gebraucht wurde, heisst heutzutage stehlen. Das lateinische latro (-onis) kommt von üafere= verborgen sein; dies bezieht sich jedoch auf das sich verstecken der Räuber im Hinterhalte. Die Mythologie, diese vorhistorische Wissenschaft, zeigt uns sogar die Vergötterung des Verbrechens. Auf den Eidschi-Inseln giebt es einen Gott der Ehebrecher (Tumanbanga) und einen Gott der Mörder (JRawurawu.) Laverna war bei den Römern die Göttin der Diebe. — Die Peruaner 38 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. hatten einen Gott der Verwandtenmörder und einen Gott der Kindermörder. Auch verehrte man in Griechenland und in Rom eine Venus divaricatrix, eine Peribasia (in Argos), eine Kallipyge, eine Cullatrix und Luhrica (welcher goldene Phalli geopfert wurden) und eine Ca9tina, die Venus der Sodomiten. 1 I. Verbrechen der Unzucht. 1. Scham. — Schon die oben angeführtenThatsachen thun zur Genüge dar, wie wenig bei den Wilden und den Völkern des Alterthums das Schamgefühl entwickelt war. Ja, das Wort pudor soll nach Maezolo von putere = stinken abstammen. Danach schiene es, dass das Schamgefühl zunächst beim Weibe entstand und sich auf die Verdeckung der übelriechenden Ausdünstungen des zersetzten Vaginalsekrets bezog. Beim Urmenschen ist aber die Körperblösse die Regel. Bei den Matutas (Cameron: Africa equatorial. 1870) tragen die Weiber eine Schürze, welche die Geschlechtstheile unbedeckt lässt; ebenso die Männer auf den Neu-Hebriden. Die Eskimos entblössen sich vollständig in ihren Hütten, worin sie dicht zusammengedrängt sitzen. (Bove.) Auf Tahiti sah Cook einen erwachsenen Eingeborenen öffentlich den Beischlaf üben mit einem elfjährigen Mädchen, welchem die Königin besondere Anweisungen darüber ertheilte. [The first journey. V.) Der Anblick des Beischlafs hatte für viele Völker des Alterthums nichts Anstössiges. Die Bewohner des Kaukasus, die Ausier in Afrika und die Inder übten wie die Thiere ganz unbekümmert den Coitus in fremder Gegenwart. (Herodot, I. 305, III. 301.) Auch die Tyrrhener benahmen sich zuweilen auf diese Weise bei ihren Festgelagen. 2 1 Castor, aus Astaroth gebildet, wurde weiblich gedacht, weshalb nur die Römerinnen und nicht die Männer mecastor schwuren. * Athenakus, Deipnosoph. XII. 255. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 39 Der von den Indern verehrte Lingam stellte die Verbindung der aktiven und passiven Geschlechtswerkzeuge dar. Auch heutzutage ist das von Brama gesegnete Taly, das der Bräutigam seiner Braut um den Hals hängt, oft nichts anderes als ein Lingam. 1 Die Inderinnen halten in ihren Wohnungen kleine Lingams. In Syracus wurden in den letzten Tagen des Thesmophorien- festes aus Sesam und Honig plastisch dargestellte weibliche Genitalien unter dem Namen MvlXot, zur Schau ausgestellt; diese Sitte war in ganz Sicilien allgemein verbreitet. (Athe- SAEÜS. XIV.) Bei den PhaUephorien (Bacchusfest) in Griechenland trugen junge Mädchen in feierlichem Zuge einen riesigen Phallus umher, der sich aus einem blumengeschmückten heiligen Korbe erhob. Der Phallus wurde anfänglich aus Feigenholz, später aus einem rothen Leder angefertigt, welche die Itiphalli zwischen den Oberschenkeln trugen, so dass sich der Phallus von ihrem Körper zu erheben schien. (Aristophanes, Wolken. V. 735.) Beim Kultus des Bai Phegor (Priapus oder Gott der Gärten) sagt Rabbi Salomo Jarchi: dicunt Sapientes nostri ■mira de fabrica hujus idoli: erat enim ad speciem virgae virilis effectum, cui se maritäbant tota die. In den Heiligthümern von Eleusis waren- der Phallus und der KtsIc, (vnha) zur Schau ausgestellt. (Clem. Alex.: Protrept. 19), und ebenso in den Tempeln des Osiris. (Plutarchus : De Iside. 365.) 2. Prostitution anstatt der Ehe. — Ursprünglich gab es also keine Ehe, und die Prostitution war die allgemeine Regel. In Australien dürfen die Mädchen im erreichten Alter von zehn Jahren geschlechtlich mit Männern verkehren und werden dazu bei gewissen Festlichkeiten sogar aufgefordert. Die Indianer in Kalifornien haben kein Wort für den Begriff „Ehe"; von Eifersucht ist nur dann die Rede, wenn sich ein Weib einem fremden Stamm hingiebt. 1 Sonnerat, I. 79. 40 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Vor Kekrops, im XVII. Jahrhundert vor Christi Geb., lebten die Griechen in Mischehen. Die Kinder kannten daher nur ihre Mütter und erbten den Namen derselben. 1 Es ist das allerdings nur Sage, dieselbe wird aber durch viele Spuren bestätigt, die bis in die histoischen Zeiten hinein reichen. Lykurg erlaubte den Ehemännern, ihre Weiber kräftigeren Männern zu leihen, und Plato warf ihm vor, dass er nicht geradezu die Promiskuität eingeführt habe. Auch gab es in Sparta eine Zeit, wo die vom Heere heimgeschickten jüngeren Krieger bei den Frauen die abwesenden Männer derselben vertraten. (Justin, III. C. 4.) Bei den Massageten heirathete jeder Mann nur ein Weib; doch wurden die Weiber gemeinschaftlich zum geschlechtlichen Verkehre verwendet. Die Gemeinschaft der Weiber war eine ständige Einrichtung bei den Nasaumonen und Agathyrsen, „damit sie alle untereinander wahre Brüder heissen dürften und weder Hass noch Neid unter ibnen bestünde". (Herodot.) Bei den Gindanern in Afrika trugen die Weiber an den Beinen so viel lederne Zierrate wie die Zahl der Männer betrug, mit denen sie geschlechtlich verkehrt hatten. (Herodot, IV. 176.) Sextus Empiricus erzählt auch von den Aegypterinnen, dass diejenigen, welche viele Liebhaber gehabt hatten, ähnliche Zierrate trugen; je mehr eine solche Andenken besass, desto mehr wurde sie geschätzt [Hyp. Pyrrh. I. 14.) Desgleichen tragen die Weiber in Tibet um den Hals die Hinge ihrer Liebhaber; umsonst werden diese Ringe aber nie geschenkt. Je mehr Ringe ein Weib besitzt, desto glänzender wird ihre Hochzeit gefeiert. Auf den Andamanen (und auch bei einigen Indianerstämmen Kaliforniens) gehören die Weiber allen Männern des Stammes, und wenn sie Einen derselben abweisen wollten, so> würden sie sich hiermit eines grossen Verbrechens schuldig machen. Zuweilen giebt es auch temporäre monogame Verbindungen, besonders wenn das Weib schwanger wird; doch 1 Augustinus, XVIII. 9. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 41 hören dieselben mit dem Stillen des Kindes auf. Das ist der Anfang der Ehe, die mit der Nothzucht und der Prostitution beginnt, wie das Gesetz mit dem Verbrechen. Oft wiederholen sich diese improvisirten Verbindungen in bestimmten Zeiträumen, wie bei den Thieren zur Brunstzeit, und zwar geschieht dies wahrscheinlich in der warmen Jahreszeit und wenn Nahrung reichlich vorhanden. (Lombroso: Uomo bianco e uomo di colore. Padua 1870.) Kaum giebt es noch einen Unterschied zwischen den geräuschvollen Zusammenscharungen brünstiger Kynokephalen und denen der Australier, die das Jahr hindurch einsam leben, zur Beifungszeit der Yams aber, durch eine Art Brunst angetrieben, zusammenlaufen, eine von Gebüsch umkränzte elliptische Grube, welche die weibliche Scham darstellen soll, graben, ihre Lanzen darin eintauchen und diese Bewegung mit dem wilden Gesänge begleiten: „Nicht mehr die Grube, sondern die Vulva." 1 Das Fest der Luperkalien, der römischen Wölfin zu Ehre, das der Floralien, während dessen die Prostituirten nackt umhergehen und öffentlich ihr Handwerk treiben durften, und das Dschaganähta-Pest waren vermuthlich gleich unserem Karneval nur Ueberbleibsel jener periodischen stürmischen Aeusserungen des Geschlechtstriebes bei den Urmenschen. Diese Weibergemeinschaft liegt aber einer seltsamen Erscheinung zu Grunde, die scheinbar im schroffsten Widerspruche steht zu der Verachtung, in der das Weib gehalten wird, ich meine, die des Matriarchates, 2 d. h. des in der Urzeit üblich gewesenen Ersatzes der väterlichen Gewalt durch die der Mutter oder ihres Bruders. Heutzutage wird diese Sitte noch in Australien (Tylor: Besearches into the early History of Mankind. I. c. VI.) am Kongo, in Loango, bei den Tuäreg, den Nair, in Abessinien und bei vielen Indianerstämmen Amerikas 3 angetroffen. Der Name, der Bang, die Güter 1 Pulli niro, pulli niro, pulli niro watake. Novara-Beise, Anthropologischer Theil. III. Wien 1858. 2 Dabgdn, Mutterrecht. Breslau 1883. 3 Carwek: Travels in North-America. S. 285. 42 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. gehen dabei erblich von der Mutter auf die Kinder über, während der Vater und Onkel oft miteinander verwechselt werden. Ferner giebt diese Weibergeineinschaft zu der sogen. Cou- vade Veranlassung, d. h. zu der Simulation des Puerperiums seitens des Vaters, welche sehr verbreitet ist in Amerika und in Asien. Man greift nämlich zu derselben, wo man den Glauben befestigen will, dass auch der vermeintliche Vater an der Geburt der Kinder Antheil gehabt habe und daher auch an dem Eigenthume und an der Gewalt über die Kinder Antheil nehmen dürfe. 3. Prostitution als Akt der Gastfreundschaft. — Aus obigem ist es begreiflich, dass bei den Urvölkern die Prostitution als eine Pflicht der Gastfreundschaft geübt werden konnte. Auf Ceylon, in Grönland, auf den kanarischen Inseln, auf Tahiti bietet der Wirth seine Frau dem Gaste an, und es wird als eine Beleidigung betrachtet, wenn man ein angebotenes Mädchen abweist. Einem Priester, der darüber entrüstet war, sagte ein Häuptling: „Ich kann nicht glauben, dass es eine Religion gebe, welche ein unschuldiges Vergnügen zu geniessen verbiete, mittelst dessen durch Erzeugung eines neuen Wesens zugleich dem Lande ein Dienst erwiesen wird." . (Radiquet, a. a. 0.) Bei den Assin-Negern schickt das Familienhaupt seine Tochter dem Gaste. Unter den Nadowessis erwarb sich eine Frau ein hohes Ansehen, weil sie 40 von den vornehmsten Kriegern ihres Stammes bewirthete und sich ihnen nach dem Festmahle preisgab, (üarwer, a. a. 0.) 4. Die männliche und bestialische Prostitution. Was noch schlimmer ist: auch die Sodomiterei herrscht unter den Urmenschen, ohne als Schandthat angesehen zu werden. — Unter den Neukaledoniern ist es eine sehr verbreitete Sitte, dass sich viele Männer zur Nacht in einer Hütte versammeln und sich dort den schändlichen widernatürlichen Akten hin- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 43 geben.* Auf Tahiti standen derartige Versammlungen unter dem Schutze eines besonderen Gottes. (Letoürneau, S. 63.) Auch unter den alten Mexikanern war dieses Laster sehr verbreitet und keineswegs verpönt, durften doch die Cinädi öffentlich in weiblicher Tracht auftreten. 2 Wie schlimm es in dieser Hinsicht bei den alten Griechen und Römern um die öffentlicbe Sittlichkeit stand, ist allgemein bekannt. Zu des Alcibiades Zeiten wurde den Cinädi ein besonderer Platz bei den öffentlichen Vergnügungen angewiesen; dieselben waren die Lieblinge der Philosophen. Ueber die Normannen klagte der Abt von Olairvaux (1117), dass sie die Zeiten des alten Sodom erneuert und überall, wo sie landeten, die Knabenschändung verbreitet haben. Die Ausdrücke Hörnerträger, hebräisch lehren, italienisch far le corna, far becco, cervo, womit man den beschimpften Gatten verspottet, scheinen darauf hinzudeuten, dass unsere Voreltern sich schamlos mit den Thieren vermischten, wie es auch jetzt die Finnen mit ihren Rennkühen thun, wenn sie monatelang von ihren Frauen getrennt leben. Und auch hier hat die Religion der schändlichen Gewohnheit in dem Sinnbilde des Ziegenbockes von Hendes das Siegel der Heiligkeit aufgedrückt, sowie sie dem Gotte Pan eine Ziege zur Gemahlin angewiesen; und zu den Zeiten des Romulus hat ein Orakel diesen Ausspruch (der zu den Luperkalien Veranlassung gab) gethan: v Italidas matres caper hirtus inito. a (Ovid: Fasti. II. 441.) 5. Religiöse Prostitution. — Wie überhaupt die Religion alle alten Gebräuche ohne viel Unterschied als heilig gelten zu lassen pflegt, so that sie es auch mit der ursprünglichen Weibergemeinschaft und förderte dieselbe in Gestalt einer besonderen Art von Prostitution, der heiligen, die ebenfalls im Alterthume sehr verbreitet war und es in Indien noch heutzutage ist. 1 Bouegarel: Des races de VOceanie. II. 389- 2 Dian: Histoire de la conquete de la Nouvelle Espagne. II. 594. 44 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Herodot sagt, dass mit Ausnahme der Griechen und der Aegypter alle Menschen zu jener Zeit sich in den Tempeln mit dem anderen Geschlechte vermischten. (II. 64.) In Chaldäa musste sich jede Frau einmal jährlich im Tempel der Venus Mylitta mit einem Fremden prostituiren und musste so lange dort verweilen (die hässlichen warteten jahrelang), his sich Jemand fand, der sich mit ihr einlassen wollte und das heilige Geld hergah. (Herodot, I. 199.) Dasselbe geschah in Armenien zum Ruhme der Göttin Anais, und in Phönicien der Göttin Astarte zu Ehren, und dies dauerte his zum IV. Jahrhundert. — Dass diese Sitte auch von Juden angenommen worden sei, darauf deuten die Wörter Kadessa = Heilige und Hure, und Kadeschud == Bordell und Sakristei. Die Kosten für die Errichtung der Pyramide von Cheops wurden zu einem grossen Teile durch den Ertrag der Prostitution der Königstöchter bestritten. Letztere bauten auch eine Pyramide auf eigene Rechnung, indem sie ihre Buhlen einen Stein für jede Umarmung herbeischaffen Hessen, (Herodot, IL 126.) Auf der Insel Cypern verkauften sich die Mädchen den Fremden am Seeufer, und das eingenommene Geld wurde in eine gemeinsame Kasse niedergelegt, aus welcher die Mädchen ihre Mitgift erhielten. Und auch diese Sitte galt als eine heilige, indem die Mädchen in Cypern, der Sage zufolge, dazu gezwungen worden wären durch die Göttin, welche die wider- willigen in Steine verwandelte. (Düfour: Histoire de la Prostitution. 1836.) . In Lydien waren die heiligen Dirnen so zahlreich und wohlhabend, dass sie zur Errichtung des Mausoleum von Halyattes mehr beitrugen, als die Kunstler und Kaufleute zusammengenommen. (Herodot, I. 93.) In Armenien (Strabo, XII.) war die Vielmännerei ein Vorrecht der Priesterinnen, und in Medien stand eine Frau in hohem Ansehen, wenn sie fünf Männer hatte. Auch heutzutage werden Prostituirte massenhaft in den indischen Tempeln zugelassen, für die sie ihre Arbeit thun. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 45 Tausende solcher Frauenzimmer wurden in Griechenland bei den Tempeln gehalten; so z. B. in Korinth. (Dufour, (Hist. de la prost. II.) 6. Unter den nomadischen Oyreneern desAlterthums waren die Frauen wie bei einigen arabischen Stämmen allen männlichen Mitgliedern der Familie zum geschlechtlichen Genüsse angewiesen. In Tibet wählt der älteste Bruder seine Gattin, an deren Genüsse er seine Brüder theilnehmen lässt, und Alle zusammen lassen sich im Hause der Frau nieder, welche allein den Besitz auf die Kinder überträgt, weil natürlich nur ihre Mutterschaft für dieselben gewiss ist. (Türner : Histoire des voyages. XXXI. 437.) Bei den Toda wird das Weib zur Gemahlin aller minderjährigen Brüder des Mannes, je nachdem dieselben heranwachsen, und der Mann zum Gemahle der Schwestern des Weibes. — Das erste Kind, welches daraus hervorgeht, hat den ältesten Bruder zum Vater, das folgende den zweiten u. s. w. (Shortt, a. a. 0. 240.) Bei den Nair, der edlen Negerkaste in Malabar, hat die Frau fünf bis sechs Männer, darf aber deren bis' zehn haben und lebt mit jedem abwechselnd zehn Tage zusammen. Ja, sie kann sogar die Zahl der Männer nach Belieben vermehren, wenn sie nur gewisse Regeln der Kaste und des Stammes befolgt, — wobei die Männer zugleich andere Ebebündnisse eingehen. (Spencer: Sociologie. II.) — Man ersieht daraus, dass die Vielmännerei nur eine Uebergangsstufe, eine Weiterentwickelung der Weibergemeinschaft darstellt. Auch bei den Singhalesen sind alle Brüder die Gatten derselben Frau. Kurz, die Promiskuität geht von dem Stamme auf die Familie über. Denn auf einer gewissen Kulturstufe zieht man es schon vor, dass das Eigenthum lieber nur von den Familienmitgliedern genossen werde, als vom ganzen Stamm. So dient der gegen die althergebrachte Sitte sich auflehnende Eigenwille als Förderungsmittel der Sittlichkeit. 7. Blutschande u. s. w. — Doch der Familiengeist, der Begriff des reinen Blutes bei den Adeligen, den Häuptlingen, 46 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. vermittelte in einer anderen, viel unsittlicheren Weise den Uebergang von der Venus vaga zur Monogamie, nämlich durch die Begünstigung der Blutschande, in durchaus derselben Weise, wie er später die Ehen unter Blutsverwandten begünstigte, und wahrscheinlich mit demselben Resultate, dass gerade das Gegen- theil von dem, was man zu erstreben suchte, erreicht wurde. Die Inkas in Peru, die Edlen auf der Insel Hawaii, die Könige in Aegypten heiratheten ihre Schwestern, um ihr Geschlecht rein zu bewahren. Die Tschippewas und die Widdali heirathen oft ihre Schwestern, ihre Töchter und sogar ihre Mütter 1 (Hbarnb: Journey to the North Ocecm. 1771) und ebenso die Kitschi. 8. Entführung, Nothzucht. — Der Brauch indessen, der am meisten dazu beigetragen hat, die Venus promiscua zur Ehe in ibrer gegenwärtigen Gestalt umzubilden, war der der Entführung und Nothzucht, der noch sehr verbreitet ist in Australien. Der Freier erwartet seine künftige Frau, die meistens einem anderen Stamme angehört, hinter einem Zaune, betäubt sie durch einen Keulenschlag auf den Kopf, schleppt sie in diesem Zustande in seine Hütte und schändet sie (Dumont d'Urville, II. 357), oder dringt mit Hülfe seiner Freunde in ihre Wohnung, erschreckt und schlägt ihre Angehörigen und schändet sie unter Stockschlägen. (Letourneau.) Mit wenigen Abänderungen wird ein ähnlicher Mädchenraub von den Araukanern und den Feuerländern geübt und wurde es ehemals auch von den Russen, Lithauern, Polen, Chinesen und Römern, bei denen noch Spuren davon in den bekannten Hochzeitsgebräuchen zurückgeblieben sind, (de Gu- bernatis: Miti nusiali. Mailand 1878.) Auch einige Turkomanenstämme und die Tungusen (Prszewalski: Mongolei. II.) üben den Mädchenraub; sie entführen die Töchter ihrer Nachbarn oder Stammesgenossen 1 Hearne (Forsters Magazin von Eeisebeschreibungen. XIV. 128) spricht nur von den südlichen Stämmen und von den Athapuskows und Neheaways, während die nördlichen Stämme an der Hudsonsbay die Blutschande verabscheuen, obgleich auch Vielweiberei und Weiberraub gewöhnlich sind. (Uebers.) Zweites Xapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 47 und entschädigen hierauf ausgenommen in Kriegsfällen die Eltern. Dieser Sitte liegen mehrfache Ursachen zu Grunde: das Widerstreben des Weibes, das minder sklavische Mädchenleben aufzugeben, um unter die harte Knechtschaft des Mannes zu gerathen, der oft auch zu einem fremden Stamme gehört; dann der Vortheil, der daraus dem Gewinner erwächst, dass er zum alleinigen Besitzer dieser Quelle von Vergnügen und Reichthum wird. Denn die Frau dient ihm als Köchin, als Lastträgerin u. s. w.; sie stellt einen wirklichen Werthgegen- stand dar. In der That vertritt sie bei den Afghanen das Geld, wie einst die Kuh bei den Körnern, so dass man z. B. 12 Weiber zahlt, um einen Mord zu sühnen, 6 für den Raub eines Ohrringes, 3 für einen Zahn. (Elphinstone : Kabul. I. 152). Doch noch mehr ist es ein Ueberbleibsel des Kampfes um die Geschlechtswahl, der, wie wir gesehen haben, eine so grosse Rolle bei den Tödtungen der Thiere spielt und der auf die Venus promiscua gefolgt sein muss, sobald sich eine sexuelle Auswahl geltend machte und die Weiber im Vergleich zu den Männern in der Minderzahl waren. Bei den Rothhäuten entscheidet der Faust- und Ringkampf über den Besitz des Weibes. (Letourneau, a. a. 0. S. 326.) Dazu kommt noch, dass eben weil das Weib als Eigen- thum einen nutzbaren Gegenstand darstellt, die Eltern und die Stammesgenossen sehr wenig geneigt sind, es zu veräussern, da ihnen hieraus ein Verlust erwächst. Deshalb blieben beim Fortschreiten der Kultur dieser Weiberraub und dieser Kampf als eine Simulation bestehen, als ein religiöser Ritus bis auf neuere Zeiten, unter der Maske eines Kaufvertrags oder eines Uebereinkommens. So pflegen gegenwärtig einige Eskimostämme Verhandlungen mit der Familie vorangehen zu lassen, und in Isakita sucht der Freier seine künftige Gemahlin im Walde auf, wohin sich dieselbe schon eine Stunde früher begiebt, und führt sie daim heim. Bei einigen Stämmen Australiens war der Neuvermählte hereit, sich den Pfeilen der Eltern auszusetzen (ein bei diesen 48 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Völkern gebräuchlicher Modus der Busse), wobei er sich jedoch mit seinem Schilde schützen durfte. Nach dieser Scheinbusse (auch hier sieht man, wie die Religion in ihrem Ritual die Spuren der Verbrechen des Urmenschen bewahrt hat) endete alles mit einem heiteren Festmahle. Zuweilen wurde ein wahrer Ritus eingehalten, indem das Brautpaar an einen Baum angebunden und dem Bräutigam ein Schneidezahn abgebrochen wurde. Von da ab galt die Ehe als rechtmässig. Später wurde den Eltern Geld als Ersatz für das Eigen - thum, das sie verloren, gezahlt. — Nachdem die Frau einmal erworben oder erbeutet war, wurde, da- sie eben ein Eigenthum darstellte, der Erwerb und der Gebrauch desselben, ja sogar dessen Verleihung und Zurückerstattung geregelt. Auf Neuseeland sagt der Vater zum Bräutigam: „Verkaufe sie, tödte sie, iss sie auf, du bist der Herr." (Moerenhat: Voyage aux lies Marquises. IL 68.) Bei dem Araberstamm Kassanieh zahlt der Bräutigam eine gewisse Menge Hausvieh für die bestimmte Zahl von Tagen, während welcher er die Frau zur Verfügung haben will; die übrige Zeit ist sie frei. [Ausland. 1881.) Bei den Sulima kann die Frau ihren Mann verlassen und sich einem anderen anschliessen, wenn sie nur den für sie gezahlten Preis zurückerstattet. Bei den marokkanischen Juden giebt es Ehen, die vom Rabbiner nach allen Regeln gesegnet werden und für drei und sechs Jahre gelten. (Letourneua.) 9. Polygamie. — Wo einmal die Frau als Ware betrachtet wird, da suchen Diejenigen, die es können, den Erwerb derselben zu vervielfältigen. Bei den Apaches wird man um so mehr geachtet, je mehr Weiber man besitzt; und auch diese wollen gerne recht viele beisammen sein. Salomo, der Fromme, hatte 700 Weiber und 300 Kebsweiber, und ebenso viele besass der Slavenkönig Wladimir; die Inkas aber hatten deren 3000. 10. Ehebruch. — Eben weil die Frau als eine Ware galt, fing man an, den Ehebruch als einen Diebstahl zu be- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 49 trachten, besonders wenn er auf Unkosten eines Häuptlings begangen wurde. "Wurde aber auf den Marquesas-Inseln die Untreue der Frau mit einem Fremden als eine Geschäftssache angesehen, die mit einem Eingeborenen dagegen als ein "Verbrechen, so legte man auf Neuseeland umgekehrt das grösste Gewicht darauf, die Blutvermischung zu verhindern; der Ehebruch mit der Frau des Häuptlings, sowie der Beischlaf eines Plebejers mit einer Edelfrau wurde mit dem Tode bestraft. Bei den Assin ist die Frau so lange frei, als sie unvermählt ist; lässt sich dagegen eine verheirathete Frau mit einem Liebhaber ein, so muss dieser dem Manne 7 bis 12 Franken zahlen. [Revue anthropol. 1878.) Im alten Oumä wurde die Ehebrecherin inmitten des Forum, in Born aber in einem eigens errichteten Pavillon allen Staatsbürgern, die daran Lust hatten, nackt preisgegeben. (Dü- K>uk, a.a.O. IV.) Diese sonderbare Manier, die Sittlichkeit zu heben, dauerte bis ins fünfte Jahrhundert unserer Zeitrechnung. 11. Neuere Gebräuche und Gesetze, die von der Venus promiscua abzuleiten sind. — Auch nach der Stiftung und Begelung der Ehe blieb ein Ueberrest der Venus promiscua noch in den Heirathsgebräuchen bestehen. So z. B. bei den Santhala, wo der Ehe sechs Tage der Promiskuität vorausgingen, und auf den Balearen, wo die neuvermählte Frau ihre erste Nacht allen anwesenden Gästen opferte; so auch in der Feudalzeit, wo der Lehnsherr das Jus primae noctis hatte und sogar berechtigt war, ein Mädchen zur Heirath zu zwingen. 1 In Kambodscha musste jede neuvermählte Frau erst vom Bonzen (Priester) entjungfert werden, der für diese heilige Mühe (Ihin — tang) einen Lohn erhielt. (Bemusat, Melanges asiatiques.) Ein Ueberbleibsel der Vielweiberei stellt in China die Sitte dar, kleine Frauen zu kaufen, die der grossen, rechtmässigen Frau unterworfen sind, welche letztere auch als die 1 Sehr bestritten. Vgl. Schmidt : Jus primae noctis. Freiburg 1884. Uebers. Lombboso, Der Verbrecher. I. 4 50 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Mutter der von den kleinen Frauen geborenen Kinder angesehen wird. Und von der Vielmännerei bestellt noch ein Rest in dem Gesetze des Manu, das dem kinderlosen Weibe den Beischlaf mit ihrem Schwager vorschreibt. Ein ähnliches Ueberbleibsel stellt auch das Levirat dar, wie es bei den Juden, den Mexikanern, den Afghanen und den Tschippeväs gebräuchlich war und das in der Schwäche des Weibes und darin begründet ist, dass das Weib als Sache angesehen wird. Eine Sitte, die ebenfalls in der ursprünglichen Promiskuität ihre Quelle hat, ist ferner der Respekt, der bei manchen Völkern den Prostituirten gezollt wurde. So kamen z. B. die öffentlichen Dirnen in Japan nach abgelaufener Dienstzeit leicht an den Mann; und in Indien wurde der Begründer des Buddhismus in Vesali von der obersten Hure der Stadt empfangen. (Spier : Life in Ancient India. XXVIII.) — Die Deikterien der Griechen besassen das Asylrecht. So erklärt sich auch die Geringschätzung des Weibes beim uncivilisirten Mann, die Leichtigkeit, mit der er dasselbe ver- lässt, die Verachtung, mit der er es behandelt. Die Ehen werden in Abessinien sehr leicht geschlossen und gelöst. Der Australier, sagt Hovelaque, verzichtet auf seine Frau für eine Pfeife, für ein Glas Eum, für Brot. Der Samojede belegt seine Rennthiere mit einem Namen, nicht aber seine Frauen. Bei vielen uncivilisirten Volksstämmen, in Neukaledonien, in Senegambien, in Tahiti, bei den Rothhäuten der Hudsons- bay dürfen die Frauen nicht mit ihren Männern an einem Tische essen. IL Tödtung. 1 1. Fruchtabtreibung. — Die übermässige Vermehrung der Bevölkerung im Vergleich zu den Ernährungsmitteln 1 Ferri: Omicidio. — Letourneau : Sociologie S. 145 und S. 132 ff. Ploss: Bas Weib. 1884. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 51 bilden für den Wilden eine drohende und fortwährende Gefahr. Daraus erklärt sich der niedrige Stand der Sittlichkeit bei den Urvölkern und die grosse Zahl der Tödtungen, die bei ihnen nicht nur straflos, sondern oft als sittliche und religiöse Pflicht und auch als rühmlicbe Handlung begangen werden. Die vorsätzliche Fruchtabtreibung, die als solche den Thieren unbekannt ist, ist unter den Wilden sehr verbreitet, und erst im Zend-Avesta begegnen wir Vorschriften, welche sie verbieten. Unter den Tasmaniern wollten die Weiber nur nach mehrjähriger Ehe Mütter werden, um länger das frische Aussehen zu bewahren, daher suchten sie durch wiederholte Schläge auf den Bauch ihre Frucht abzutreiben. Gebräuchlich ist die Fruchtabtreibung auch in Amerika, an der. Hudsonsbay und im Stromgebiete des Orinoco. In La Plata treiben die Payaguas ihren Frauen, wenn sie schon zwei Kinder gehabt haben, die Frucht ab, und ebenso thun es ihre Nachbarn, die Mbayas. Unter den Papua von Andai sterben die Frauen jung infolge der allgemeinen Sitte, nach dem ersten oder zweiten Bände die Frucht abzutreiben. Besonders aber auf den Inseln, wo die Nahrungsvorräthe spärlich sind, werden die Fruchtabtreibung und die Tödtung gestattet. Ja, auf der Insel Formosa wird die Fruchtabtreibung, trotz der geringeren Barbarei der Einwohner, im Interesse des öffentlichen Wohlstandes und folglich der öffentlichen Moral zur Pflicht gemacht; ein Weib darf nicht vor dem 36. Jahre Kinder haben, und es giebt besondere Priesterinnen, welche jedem Weibe, das vor diesem Alter schwanger wird, den Abortus besorgen. In Neukaledonien werden zu diesem Zwecke unreife Bananen genossen. 2. Kindesmord. — Auf denselben ursächlichen Momenten beruhend, ist der Kindesmord bei den Wilden noch viel häufiger als die Fruchtabtreibung, vielleicht weil diese auch die Mutter gefährdet und auch schwerer zu bewerkstelligen ist. Vor allem ist es die Kegel, dass die Kinder geopfert werden, welche nach dem erst- oder zweitgeborenen zur Welt 52 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. kommen, und zwar die Mädchen mehr als die Knaben. (Le- totjrneau, S. 134.) Diese Sitte herrscht in ganz Melanesien. Der Australier tödtet leicht sein neugeborenes Kind, wenn es ein Mädchen ist oder wenn die Geburt schwer war. — In Indien, von Ceylon bis zum Himalaya, ist der Kindesmord durch die Religion geheiligt, nicht nur bei den roheren Ureinwohnern, sondern auch unter den Radschputas, den edlen Klassen, welche sich für entehrt halten, wenn sie eine unverheirathete Tochter behalten müssen. Die Bewohner der Insel Tikopia dagegen tödten häufiger die Knaben; daher herrscht bei ihnen die Vielweiberei. In Japan und in China war und ist der Kindesmord, wie bereits Marco Polo berichtete, ein gewaltiges Mittel des Malthusianismus. Ebenso ist es bei den Bewohnern der Fidschi- und der Sandwich-Inseln, bei den Buschmännern, den Hottentotten und den Indianern Nord- und Südamerikas. Auf Tahiti wurden den Angaben der Missionäre zufolge nicht weniger als zwei Drittel der Kinder von ihren Eltern ermordet. Bei vielen Indianerstämmen in Paraguay erzog jede Frau nur ein Kind; und da nur das jüngste verschont wurde, so kam es oft vor, dass die Weiber kinderlos blieben. Bei einigen Stämmen Südafrikas legen die Eltern ihre Kinder als Lockspeise in die Löwenfallen, und in einigen Gegenden Australiens tödten die Eingeborenen ihre Kinder, um ihr Fett als Köder zum Fischen zu verwenden. Bei den Guarany tödten die Mütter oft ihre Töchter, damit die übrig bleibenden mehr geschätzt werden. (AzARA: Viaggi neW America. 1835.) Eine andere Veranlassung zum Kindesmorde giebt ferner der Tod der Mutter, indem viele Wilde mit dem Leichname einer Frau auch ihre Kinder zusammen begraben, weil sie glauben, dass die Mutter, vom Aufenthalte der Tödten aus (dem Khillo) ihr Kind zu sich ruft. Vielleicht kommt hier auch die Schwierigkeit der Erziehung der kleinen Waisen in Betracht. — Diese Sitte Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 53 bestarid bei den Tasmaniern und besteht bei den Rothhäuten und Eskimos. Ais Ursache des Kindesmordes spielen auch noch andere Vorurtheile eine Rolle, wie z. B. der Abscheu gegen die Zwillinge, in denen man einen Beweis der Untreue der Mutter erblickt, weil man glaubt, dass ein Mann auf einmal nur ein Kind zeugen könne. So war es bei den Tasmaniern und so ist es noch bei den Moxos in Südamerika und den Eingeborenen in Peru, den B-othhäuten. Bei den Ibo in Ostafrika werden die Zwillinge den wilden Thieren preisgegeben und ihre Mutter aus der Gemeinschaft vertrieben. Bei den Hottentotten wird fast immer das schlechter ausgebildete Kind mit der Zustimmung des ganzen Kraals lebendig begraben. Bei den Hindus opfert das lange kinderlos gebliebene Weib sein erstgeborenes Kind der Göttin Durga, indem sie es erst so weit erzieht, dass es gehen kann, und es dann ertränkt. Auf Madagaskar werden die an unglücklichen Tagen geborenen Kinder dem Hungertode oder den wilden Thieren preisgegeben. Zuweilen treibt die Noth zum Kindesmorde, und Stanley erzählt, dass bei den Bari in Afrika während der häufigen Theuerungen die Mütter ihre Kinder in die Flüsse werfen. Endlich bei dem Vereine Ixquihami im alten Mexiko und bei den Arreoys auf Tahiti, zu denen der vornehmste Theil der Bevölkerung gehörte und die unter dem Mantel der Religion die schändlichsten Excesse verübten, war der Kindesmord Bedingung. Wurde eine zu dem Vereine gehörende Frau überwiesen, ein Kind aufgezogen zu haben, so wurde sie mit dem entehrenden Titel „Kinderträgerin" aus der Gesellschaft Verstössen. (Turnbull, 1. c.) 4. Tödtung der Greise, Frauen und Kranken. — Dies ursprünglich durch die Gefahr der Uebervölkerung begründete Aussetzen und Tödten der Arbeitsunfähigen, wie wir es. bereits bei den Thieren vorgefunden, hat sich später, durch die erbliche Uebertragung, auch da, wo kein Bedürfniss vorlag, und mit der eigenen Zustimmung der Opfer als eine Pflicht der Kinder und Angehörigen erhalten. 54 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Fitzroy erzählt, dass die Tahitier keinen Anstand nahmen, ihre Greise und Kranken, auch wenn es ihre Eltern waren, zu tödten. Diese Sitte wird auch in ganz Melanesien befolgt. In Polynesien vertreibt man die Greise und Siechen aus dem Hause and begräbt sie zuweilen noch lebend. Auf Neukale- donien lässt man sie meistens in der Verlassenheit sterben. Ebenso geschieht es bei dem Kaffernvolke Matkap und bei den Eingeborenen Amerikas, von der Hudsonbay bis zum Feuerlande. Bei den Hottentotten wird Jeder, der durch sein Alter arbeitsunfähig geworden und keine Dienste mehr zu leisten im stände ist, aus der Gesellschaft seiner Stammesgenossen ausgeschlossen und in eine einsame Hütte weit vom Kraal mit einem geringen Vorrath von Lebensmitteln verwiesen, bis er aus Hunger stirbt oder von den wilden Thieren verzehrt wird. (Kolben.) Auf Neukaledonien kommt den Opfern selber die Sache ganz natürlich vor; sie verlangen von selbst zu sterben und begeben sich ruhig zur Grube, wohin sie nach einem Kolbenschlage auf den Kopf geworfen werden. ■— Auf den Fidschi- Inseln war diese Sitte viel allgemeiner verbreitet und trug zu derselben auch der Glaube bei, dass man in der andern Welt in demselben Zustande anlange, in dem man dieses Leben verlassen hat. Der Missionär Hunt wurde von einem jungen Insulaner aufgefordert, der Bestattung seiner Mutter beizuwohnen. Als das Leichengefolge ankam, war er überrascht, keine Leiche zu sehen. Als er darüber den jungen Wilden befragte, zeigte ihm derselbe seine Mutter, die lustig mit den Anderen daherkam. Er fügte hinzu, sie thue es so aus Liebe zu ihm, und dass er und seine Geschwister sie aus Gegenliebe begraben würden, da ihnen die so heilige Pflicht zufalle. . . Sie sei ihre Mutter, sie müssten sie tödten. — Kapitän Wilkens sah in einer Stadt, die mehrere Hundert Einwohner zählte, keinen Menschen, der das Alter von 40 Jahren überschritten hätte. Als er fragte, wo die Alten wären, sagte man ihm, sie seien getödtet und begraben worden. — So thun es auch die Eskimo, die Koriak, die Tschuktschen und die Kamtschadalen. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 55 Uebrigens ist die Sitte, Greise und Sieche zu tödten, nicht nur den Wilden eigen, sondern wurde auch in Europa geübt, bevor die sittlichen und rechtlichen Begriffe die Entwickelungs- stufe der letzten Jahrhunderte erreicht hatten. So erzählt Herodot, dass die Massageten ihre Greise tödteten; Aelian erzählt das Gleiche von den Hyperboreern, Plato von einem Volke in Sardinien, Strabo von den Bewohnern des alten Baktrien, bei denen Hunde besonders darauf abgerichtet wurden, Greise und Sieche aufzufressen; Süeton spricht von den Römern, welche ihre kranken Sklaven auf einer Tiberinsel aussetzten; die Spartaner setzten ihre missgestalteten Kinder aus; eine alte skandinavische Sage spricht von kranken Kriegern, die sich vom AUernis-Stapi oder Familienfelsen herunterstürzten, und in Schweden bewahrte man bis 1600 grosse Keulen, Atta- Kluibor (Familienkeulen), mit welchen ehemals die Greise und Siechen feierlich von ihren Anverwandten getödtet wurden. (Letoürneau, S. 143.) 3. Andere Ursachen der Tödtung. — Indes nicht bloss die Schwächeren, sondern auch sehr starke erwachsene Männer fielen fortwährend z. Th. religiösen Gebräuchen, z. Th. der den "Wilden angeborenen Grausamkeit und Mordlust zum Opfer. a) Mord aus Zorn. — In Metambo endigen die Streitigkeiten zwischen den Gatten damit, dass der Mann die Frau erschlägt und ihr Herz, mit Ziegenfrikassee gemengt, verzehrt. (Livinöstone, a. a. 0.) Die wilden Rothhäute gehen von ihrem gewohnten phlegmatischen "Wesen zu fürchterlichen Ausbrüchen blutdürstiger Wuth über, wenn sie die Büffel tödten. Bei den Creaks kommen sehr leicht Selbstmorde und Morde bei der geringsten Kränkung vor. (Perez: Psychologie de Venfant. 1892.) b) Mord als Folge eines augenblicklichen Einfalls. — Speke war Augenzeuge, als ein König der Tuareg seinem Edelknaben den Befehl gab, einen Höfling nieder- zuschiessen, bloss um die Güte eines ihm geschenkten Gewehres zu prüfen. Es verging kein Tag, ohne dass eine (bisweilen drei oder vier) seiner Frauen zur Hinrichtung geschleppt wurde, und 56 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. zwar immer aus lächerlichen Gründen, z. B. weil sie ihm mit eigener Hand eine Blume gereicht. c) Mord als Trauerritus. — "Wenn die Wilden von einem grossen Unglück betroffen werden, so glauben sie gleich (wie auch unter uns Europäern die Leute, bei denen das Gefühl die Vernunft überwiegt), dass es ein Zeichen des göttlichen Zornes sei, und suchen daher denselben zu beschwören, anfangs durch Bussen und Kasteiungen, die sie sich selbst auferlegen, später durch Angriffe gegen andere Personen, welche irgendwie mit dem Opfer des Unglücks zusammenhängen. Doch besonders bei den Leichenbegängnissen erscheint der rituelle Mord als ein den verschiedensten Völkerstämmen gemeinsamer Brauch, wobei die Frauen, die nächsten Verwandten und die Sklaven des Verstorbenen geopfert werden. Bahodu, König von Dahomey, Hess bei dem Leichenbegängnisse seines schon seit längerer Zeit gestorbenen Vaters Gezo eine Unzahl von Menschen erwürgen. Nach Fynn schloss sich dem Leichengefolge der an Ruhr gestorbenen Umanda, Mutter des Zulukönigs Tschaka, eine unabsehbare Menge an, worunter die kriegerischen Legionen des Despoten. Man sah dabei zahllose Menschenleben opfern und die schwärmenden Krieger in wilder Verzweiflung sich selbst zerfleischen, bis 7000 von ihnen den Boden bedeckten. (Hartmann, 1. c.) Mit dem Leichnam der alten Königin wurden gleichzeitig zwölf der schönsten jungen Mädchen lebend begraben. In Amerika hatten die Natchez am Mississippistrome an ihrer Spitze einen grossen Häuptling, der sich Bruder der Sonne nennen Hess. Dieser Halbgott hatte das Recht über Leben und Tod. Seine Frauen und Diener wurden auf seinem Grabe getödtet. In Peru wurden bei dem Tode eines Inka seine Diener, Kebsweiber und Lieblingsfrauen, oft 1000 an der Zahl, geopfert. Bei den Mongolen werden die Könige und Fürsten mit grossen Kosten und zahlreichen Menschenopfern in einer geräumigen unterirdischen Grabstätte beerdigt. Um den fürstlichen Leichnam herum liegen, in der Haltung buddhistischer Andacht, die Leichen von Kindern, die man bei dieser Gelegen- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 57 heit vergiftet hat. Das eine hält den Fächer, das andere die Pfeife des Verstorbenen u. s. w. — Kaum brauchen wir an die in Indien übliche Tödtung der Witwen zu erinnern. d) Menschenopfer. ■—• Menschenopfer kamen bei fast allen barbarischen Völkern vor, so ursprünglich auch bei den Ariern, Griechen, Lateinern, Oelten, erreichten aber die grösste Häufigkeit und Grausamkeit bei den Negerstämmen Guineas und in den alten amerikanischen Staaten Mexiko, Yukatan und Peru. Auf Tahiti sah Bougainville dem Monde Menschenopfer darbringen, und Cook wohnte einer Feierlichkeit bei, bei welcher der Priester dem Haupte des Stammes ein Auge des Opfers darbot; da der Kannibalismus ausser Gebrauch gekommen, so wurde dieses Anerbieten zurückgewiesen und samt dem übrigen Körper den Göttern überlassen. In Yarriba (im Nigerbecken) erklärt zuweilen der Fetischpriester, dass ein Menschenopfer nöthig sei. Die grässlichste Menschenschlächterei wird noch heutigentages in Central- afrika getrieben. Die Menschenopfer in Dahomey und in Altkalabar sind durch die ungeheure Zahl der geopferten Menschenleben berüchtigt. Es sind dies eigentlich Festlichkeiten, die dem Andenken der Verschiedenen gewidmet sind. Da nun nach dem dortigen Volksglauben die Seelen der Voreltern das vergossene Blut trinken und sich damit nähren, so bringen sie ihnen soviel als möglich dar, und die Zahl der Opfer, die man bei einer Gedenkfeier für einen König darbringt, ist beinahe so gross wie die Zahl der Soldaten, die in einer grossen Schlacht der europäischen Etikette geopfert werden. Die Natchez am Mississippi und die in der Ebene von Bogota lebenden Stämme brachten ihren Göttern wie die Peruaner Menschen zum Opfer dar. Bei den Mexikanern aber waren Menschenopfer bei allen Festlichkeiten erforderlich; die Franziskanermönche, welche sich nach der Eroberung des Landes nach Neuspanien begaben, schlugen die Zahl der jährlich dargebrachten menschlichen Opfer auf 2500 an. Wurde der Inka krank, so opferte er der Gottheit seinen Sohn, auf dass sie ihn statt seiner selbst genehmigen möge. 58 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Auf den Gesellschaftsinseln (in Polynesien) bestand vor und noch lange nach der Ankunft der Europäer der Brauch der Menschenopfer, um die Gunst der Götter zu erwerben. Auf einen Wink des Priesters konnte jeder Polynesier, besonders aus dem niederen Volke, ergriffen und den Göttern geopfert werden. Und diese Sitte hat lange fortgedauert, sogar bei Völkern, welche später einen hohen Kulturgrad erreichten. Die ältesten Griechen suchten durch das Darbringen von Kinderopfern die "Winde zu beruhigen. Herodot erzählt, dass Menelaus sich den Zorn der Aegypter zuzog, weil er auf ihrem Gebiete zwei Kinder opferte, in der Hoffnung, dadurch den widrigen Wind zu ändern. Plutarch erzählt, dass Tbemistokles, bevor er gegen die Perser auszog, mehrere Gefangene tödten Hess, um sich die Gunst der Götter zu erwerben. Die alte Geschichte Spartas verzeichnet mehrere Fälle von Menschenopfern. Aehnlich ging es auch in Rom zu. Livius erzählt, dass unter dem Konsulat von Paulus Aemilius und Terentius Varro zwei Gallier und zwei Griechen in einer zu solchen Opfern hergerichteten Oisterne begraben wurden. 1 Die Bibel spricht von Menschenopfern bei den Hebräern, vom Opfer des Isaak, von dem der Tochter Jephthas und der sieben Nachkommen Sauls. (Samuel, II. 21.) In Karthago opferte man einst dem Kronos (Moloch) die edelsten und schönsten Kinder des Landes; später aber verwendete man dazu gekaufte und für die Opferung aufgezogene Kinder. Diese Sitte bestand auch bei den Phöniciern, den Aegyptern, Kretern, Cyprioten, den Rhodiem und den Persern. Wie sehr sie bei den Hebräern verbreitet war, das beweist die Beschneidung, welche, wie Spencer dargethan, ein Ueberbleibsel der auf ihr geringstes Maass zurückgeführten Menschenopfer darstellt. {Revue philosophique. 1878.) Die Massageten, Skythen, Geten, Sarmaten, Skandinaven glaubten, dass man weder Wohlergehen noch Gunst erreichen könne, ohne den Göttern Menschenopfer zu bringen. Die Skan- 1 Octavian liess 300 gefangene Bömer den Manen seines Oheims, Julius Caesar, opfern (Sueton). Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 59 dinaven brachten sie dem Odin oder dem Thor dar. Die Insel Rügen und besonders Upsala waren durch solche Opfer berüchtigt; desgleichen Irland und Seeland. Die Gallier und die Germanen begannen keine Unternehmung, ohne ihren Göttern Menschenopfer darzubringen. Der Schwarzwald und die Ardennen waren Schreckensorte durch die blutigen Opfer der Druiden. e) Mord aus Aberglauben. — Abgesehen von den rituell geübten Menschenopfern, werden bei den Urmenschen vielfach aus sonstigen abergläubischen Motiven mehr oder weniger religiösen Charakters Tödtungen begangen. Auf den Fidschi-Inseln tödtete man einen Menschen am Fusse jeder Säule des Hauses eines Häuptlings, um einen Geist an die Erhaltung des Gebäudes zu binden. Aehnlicher Aberglaube hatte sich in Europa bis zum Mittelalter aufrechterhalten. Man begrub oft im Fundament eines Gebäudes, um dessen Festigkeit zu sichern, einen lebenden Menschen, oft die Frau des Baumeisters. Zuweilen wird ein Mensch getödtet, weil man seinen Geist beauftragen will, an einem Feinde eine erlittene Beleidigung zu rächen. So erzählt Taylor, dass zwei Brammen, die sich von einem Manne bestohlen glaubten, ihre Mutter mit ihrer eigenen Einwilligung tödteten, auf dass ihr Geist den Dieb bis zum Tode verfolge. f) Mord aus Bosheit. — Diese Tödtungen „ohne scheinbaren Grund", wie Romagnoli dieselben nannte, sind bei den Kulturvölkern der Ausdruck der abnormen oder krankhaften Beschaffenheit einiger Individuen; bei den Wilden dagegen müssen sie sehr häufig sein, weil für den Urmenschen das menschliche Leben sehr wenig "Werth hat, besonders in den Beziehungen zwischen Unterthanen und Stammhaupt, zwischen Gläubigen und Priestern. Den Australiern gilt das menschliche Leben nicht mehr als das eines Schmetterlings. Ebenso ist es in ganz Melanesien, wie wir weiter bei der Besprechung des Kannibalismus sehen werden. —■ Auf Fidschi ass ein Mann seine Frau auf, nachdem er sie erst auf einem Feuer, das er sie selbst anmachen Hess, gebraten hatte. Er verübte diese Greuelthat 60 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. bloss, um sich, auszuzeichnen, um sich hervorzuthun. In diesem Lande hat die Tödtung eines Menschen keine unangenehmen Folgen für den Mörder, sondern macht ihn vielmehr rühmlich bekannt, weswegen die Eingeborenen immer bewaffnet gehen. (Letoürneau, S. 145.) Nach der MittheiluDg eines alten Reisenden, Nicolli Conti, der im Jahre 1430 schrieb, ist ein Mord für einen Ma- layen ein blosser Scherz. Wenn Einer unter ihnen einen Säbel kaufte, so probirte er denselben gern an dem ersten Besten, dem er begegnete, indem er ihm den Degen in die Brust bohrte. Die öffentliche Meinung hatte daran nichts auszusetzen, sondern pries sogar das Geschick des Mörders, wenn er den Streich kunstgemäss geführt. Die Aschanti begnügen sich nicht damit, einen Menschen zu tödten, sondern wollen ihn erst quälen, bevor sie ihn opfern. So sah Bowdich einen Mann mit auf den Rücken gebundenen Händen, dem man ein Ohr abgeschnitten und vor ihm auf einen Pfahl gelegt hatte, während das andere fast gänzlich vom Kopfe abgelöst war; eine Messerklinge war durch seine Wangen gebohrt; auf dem Rücken hatte er mehrere breite Einschnitte, und unter jedem Schulterblatte war ein Messer durch die Haut gesteckt; an einer Schnur, die durch seine Nase gezogen war, wurde er wie ein Lastthier geführt. Der berühmte König M'tesa lässt jeden Tag Odalisken aus seinem Harem hinrichten, wenn sie nicht mehr das Glück haben, ihm zu gefallen. (Stanley: Tlie bleich continent. 1878.) Cameron erzählt von dem Stammhäuptlinge Kassango, dass er überrascht war, unter den Gefährten desselben so viele Verstümmelte zu sehen; noch grösser war aber seine Ueber- raschung, als er erfuhr, dass viele dieser Verstümmelungen auf einfachen Einfall des Herrn vorgenommen worden waren oder um seine Macht zu zeigen. Von einem anderen Stammeshäuptlinge sagt er: „Diesem Elenden genügte es nicht, Nasen, Lippen, Ohren abschneiden zu lassen; einmal dehnte er seine Vivisektionen auf eine hochschwangere Frau aus und Hess sie, um seine monströse Neugierde zu befriedigen, ausweiden." Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 61 g) Mord aus Ruhmbegier. —In den Augen des Wilden gilt jeder Fremde fast immer für einen Feind und die Tödtung desselben nicht als ein Verbrechen, sondern oft als eine rühmliche That. Williams, der die Fidschi-Inseln studirt, sagt, dass es für den Fidschi-Insulaner das begehrens-wertheste Los ist, ein bekannter Meuchelmörder zu sein; die Handlungen, die bei uns als Verbrechen gelten, werden dort gewissermaassen vergöttert. Auf Borneo findet kein junger Mann ein Weib, wenn er nicht früher mindestens einen Mord begangen hat. In Ostafrika, sagt Burton, giebt es nicht was man Gewissen nennt, und Beue besteht nur in dem Bedauern, dass man eine Gelegenheit für ein Verbrechen sich hat entgehen lassen. Der Diebstahl verschafft dem Manne Achtung, der Mord macht ihn zum Helden. Ein Eingeborener Nordamerikas ist mit sich selbst zufrieden und von Anderen geachtet, wenn er einem Manne von einem fremden Stamme die Kopfhaut abreisst, und ein Dayak haut einem Harmlosen den Kopf ab und trocknet ihn, um ihn als Siegeszeichen aufzubewahren. Herr Galbraith, der lange Jahre hindurch als Begierungsagent unter den Sioux in den Vereinigten Staaten gelebt hat, erzählt, dass sie scheinheilig, barbarisch und höchst abergläubisch sind. Der Diebstahl, die Brandstiftung und der Mord gelten bei ihnen als Mittel, um sich auszuzeichnen. Der grösste Ehrgeiz des muthigen jungen Sioux ist der, dass er die „Feder" tragen dürfe, — d. i. die Auszeichnung für Denjenigen, der irgend ein menschliches Wesen ermordet oder sich am Morde desselben betheiligt hat; er begehrt lebhaft, die Zahl der Todten zu vermehren, denn der Muth eines Indianers wird nach den Federn, die er auf dem Kopfe trägt, bemessen. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Manjema, unter denen die Morde sehr zahlreich vorkommen. Viele von ihnen tödten nur, um das Fell der Bisamkatze anziehen und eine Papageifeder auf dem Kopf tragen zu dürfen. (Livingstone : From Zanzibar to Titomba.) Dort sieht man oft auf den Plätzen Jemanden eine Papageifeder auf den Boden werfen; 62 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. wer sie auf dem Kopfe fragen will, muss einen Menschen tödten, den ersten besten, der ihm unter die Hand kommt. (Id.) h) Mord aus Blutrache. — Der Kult der Feindschaft findet in den ersten Zeiten des gesellschaftlichen Fortschritts eine Stütze in dem selbstsüchtigen Verlangen nach Bewunderung und der Furcht vor der Verachtung der Stammgenossen. Die Meinung des Stammes giebt der Pflicht, eine blutige Bache zu üben, einen zwingenden Charakter. Man preist den Mann, der nach dem Tode eines Verwandten nie die Verfolgung des vermeintlichen Mörders aus den Augen lässt. (Ferri, a. a. O.) Wird z. B. ein Eingeborener von einem Weissen beleidigt, so genügt es, sich an irgend einem Weissen zu rächen. Für den Australier giebt es keinen natürlichen Tod; jeder Tod rührt von irgend einem bösen Einfluss her und muss gerächt werden. Daraus entspringt für jeden Eingeborenen eine Beihe blutiger Pflichten, die sehr lebhaft empfunden werden. Auf Tahiti wurde der Mörder von den Freunden des Gestorbenen angegriffen; siegten sie, so wurden sein Haus, seine Habseligkeiten, seine Ländereien u. s. w. zum Eigenthum der Angreifer, und umgekehrt. Auch auf Nukahiva wurde der Mord mit Mord gerächt. — 5. Anthropophagie. — Anfangs eine Folge des Hungers, besonders auf den- Inseln, später religiöser Gebrauch, durch die Kriegswuth gefördert und als Erbtheil seheusslieher Leckerei fortgepflanzt, ist die Anthropophagie die höchste Stufe der menschlichen Grausamkeit. Sie begleitet oft den Mord, nimmt alle die mehr oder weniger grässlichen Gestalten desselben an und hebt auch darin jeden Unterschied zwischen Mensch und wildem Thiere auf. (Ferri.) Es wurde mehrfach, und neulich noch von de Mortillet in Abrede gestellt, dass im prähistorischen Europa Anthropophagie geübt worden sei; doch die Mehrzahl der Alterthums- forscher, von Spring an, hat den Kannibalismus der Urbewohner Europas mit Sicherheit dargethan. Meisterhaft ist der Gegenstand in C. Vogts Anthropologie et sacrifices humains entwickelt. Die Beweisstücke sind unzählig, und nur beispielweise führen wir die von Professor Capillari in der Taubenhöhle ge- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 63 fundenen menschlichen Knochen an, von denen einige angeröstet, andere gespalten waren, um das Mark zu erhalten, noch andere die Spuren von Steinmessern oder menschlichen Zähnen trugen. Das Endergebniss dieser Forschungen lautet dahin, dasa es keine Easse, kein Volk giebt, bei dem in früheren Zeiten Anthropophagie und Menschenopfer nicht üblich gewesen wären. (L. Wojewodski weist den Kannibalismus in den griechischen Mythen nach. Petersburg 1874.) Auch fehlen keineswegs die geschichtlichen Ueberlieferungen über den Kannibalismus bei den höheren Menschenrassen, der mongolischen und der weissen. In der Bibel (5. Mos. XXVIII., 53; Jerem. XIX., 9) und in Homers Odyssee IX., 287—298, X., 115—125) findet man Andeutungen über Anthropophagie. Herodot erzählt von dem Kannibalismus einiger den Skythen benachbarten Stämme, der Androphagen und Issedonen (lib. IV. cap. XVIII. XXVI. u. s. w.). Aristoteles sagt dasselbe von einigen an den Ufern des Pontus Euxinus lebenden Völkerschaften (Politica, lib. VIH. cap. III. tradition Thurot. Paris 1824) Diodorus Siculus von den Salaten, Strabo und S. Hieron von den Iren, die schlechter- gewesen seien als die Briten und ihre verstorbenen Eltern verzehrt haben sollen (Geogr. lib. IV.), Bodinus von den Thraciern (De republica, lib. I. cap. V.). Alles das ist unter dem Einfluss der Oivilisation verschwunden; doch von Zeit zu Zeit tritt auch jetzt noch der Kannibalismus vorübergehend auf, so zunächst in Fällen äusserster Hungersnoth. Der Chronist Pierre de l'Estoile spricht umständlich von der Anthropophagie der Pariser während der Belagerung ihrer Stadt durch Heinrich IV. 1590. Und Schiller erzählt, dass „gegen das Ende des 30jährigen Krieges in Sachsen der Hunger den Abscheu vor Menschenfleisch überwunden" hatte. Endlich sind bis in die letzten Jahre hinein Fälle vorgekommen, wo Schiffbrüchige in äusserster Noth manchen ihrer Reisegefährten getödtet und verzehrt haben. Doch ist es nicht immer der Hunger allein, der zuweilen noch solche Greuel unter den civilisirten Völkern veranlasst. Es hat sich solches auch zu Zeiten entfesselter heftiger Leiden- 64 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Schäften unter deren Einfluss ereignet. Am Tage nach dem Tode des Marschalls d'Ancre wurde seine Leiche ausgegraben und zerstückelt; einer der Leichenschänder leckte sich seine mit Blut besudelten Finger ab, ein anderer riss das Herz heraus, briet es auf glühenden Kohlen und ass es öffentlich. — Als in den sechsiger Jahren in Süditalien der von der bourbo- nischen Partei angefachte Guerillakrieg (officiell als brigan- taggio, Räüberwesen, bezeichnet) wüthete, sind wahrhaft kannibalische Auftritte vorgefallen; die Leichen der Carabiniere (Gensdarmen) wurden zerstückelt, verkauft und gegessen. Doch nur die heutigen "Wilden gewähren ein geeignetes Objekt, um daran die ganze natürliche Entwickelung dieser grässlichen Form des Mordes zu studieren. a) Kannibalismus aus Noth. —"Es ist dies die gewöhnlichste Form, die namentlich dort vorkommt, wo die essbaren Säugethiere selten waren oder sind. Hungrige Australier graben Leichen aus, um sie zu verzehren. In Ermangelung von Leichen verschaffen sie sich eine, indem sie eine Frau, ein Mädchen oder ein Kind tödten. — Auf Tahiti hiess eine Theuerungsperiode „Jahreszeit zum Menschenfressen". Der Kannibalismus aus Noth kommt auch, mit Eltern- und Kindesmord vergesellschaftet, also bis zum äussersten Greuel getrieben, vor. Die gegen ihre Todten so pietätvollen Neuseeländer assen ab und zu ihre im Kriege gefallenen Verwandten; zuweilen wird bei ihnen auch die Mutter von den Kindern oder werden diese von ihren Eltern verzehrt. b) Kannibalismus als religiöser Brauch. — Auch hier wie immer heiligt die Religion die Gewohnheiten des Menschen. „Der ursprünglich auf Pflanzennahrung angewiesene Mensch wird seltener als man glaubt durch den Hunger zum Kannibalismus getrieben, ausser in Ländern, wo er durch die Jagd an den Fleischgenuss gewöhnt ist. So wachsen auf den Fidschi- Inseln das Ingam und der Taro in Fülle, und dennoch wurde dort, besonders bei manchen Festlichkeiten, z. B. bei der Feier der Volljährigkeit des Kronprinzen, Menschenfleisch verkauft. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 65 „Im alten Mexiko gab es Hausthiere, Ziegen, Hirsche, Hunde in Fülle, und bei der Hungersnotb während der letzten Belagerung nährten sich die Bewohner mit Rinden und Wurzeln, rührten aber Menschenfleisch nicht an, weil sie dies nur als Opfer oder als Siegeszeichen verzehrten." Auf Neuseeland hat die Religion den Kannibalismus geheiligt (Letourneau, S. 192, 193); fällt ein Häuptling in der Schlacht, so verlangt das dortige Volksrecht, dass die Frau desselben der Partei ausgeliefert wird, welche den Mann ge- tödtet hat; denn auch sie muss getödtet werden. Die vorher gebratene Leiche wird andächtig bei einer dazu anberaumten religiösen Festlichkeit verzehrt. Die Ariki (Priester) gehen mit ihrem Beispiele voran, indem sie feierlich kleine Stücke von den Opfern kosten. (Letourneau, S. 192, 193.) Wo aber die religiöse Anthropophagie samt den Menschenopfern den höchsten Grad der Grausamkeit erreichte, das war in Mexiko. „Dort wurde das Opfer auf den Opferstein gelegt, und das Haupt der Opferpriester — Papa Topitzine —, der zu diesem Feste den Namen des Gottes selber annahm, öffnete schnell mit einem Steinmesser die Brust des Opfers, um das Herz herauszureissen, das gewöhnlich der Sonne, seltener dem Monde geopfert wurde. Nur den alten Priestern war es erlaubt, davon zu essen. Darauf wurde die Leiche von der Treppe heruntergeworfen, wo die Menge betend harrte, um sie dann zu verzehren. Gehörte aber die Leiche einer Privatperson, so wurde sie von der Familie des Besitzers fortgebracht, um zu Hause verzehrt zu werden. Die Khonds in Oentralindien pflegten bis vor nicht gar langer Zeit nach vielen Oeremonien das Opfer in den heiligen Wald zu führen, wo der Janni (Priester) es mit seiner eigenen Axt traf. Kaum war dieser Akt vollbracht, so warf sich die Menge auf das Opfer, Jeder suchte sich eines Fleichstückes zu bemächtigen, und nach wenigen Augenblicken lagen nur noch die nackten Knochen auf dem Boden. (Lubbock, 1. c.) c) Kannibalismus aus Aberglauben. — Eine andere mit den religiösen Glaubenssätzen nahe verwandte Ursache der Anthropophagie ist der Aberglaube, dass man sich den Lombobso, Der Verbrecher. I. 5 66 Erster Teil. Uranfang des Verbrechens. Muth des Feindes aneignet, wenn man sein Herz isst, den Scharfblick, wenn man sein Auge, die Männlichkeit, wenn man seine Geschlechtstheile isst, und dass man sich gegen seine Rache schützt, wenn man seinen ganzen Körper verzehrt. Auf Neuseeland zieht man vor, das linke Auge zu essen, welches für den Sitz der Seele gehalten wird. Bei manchen Stämmen Australiens ist die Anthropophagie nur hei gewissen Zaubereien in Gebrauch. Auf den Sandwichinseln ass man den Körper guter, eines natürlichen Todes gestorbener Fürsten, damit ihrem Leibe keine Lästerung widerfahren könnte; das hiess: „den Häuptling aus Liebe essen". (Matjry, S. 761.) d) Kannibalismus aus kindlicher Pietät. — Das Gefühl kindlicher Liebe, das wir bereits als Beweggrund, die Greise zu tödten, kennen lernten, giebt auch zum Kannibalismus Veranlassung, im Glauben, das Los der Eltern werde im künftigen Lehen dadurch gebessert. Unter den Batta auf Sumatra, die doch minder wild sind als viele andere Stämme, bittet der Vater, wenn er alt und lebensmüde geworden, seine Söhne mögen ihn verspeisen; und diese versagen ihm den Gehorsam nicht. An dem zu dieser Verrichtung bestimmten Tage klettert der Greis, von Verwandten und Freunden umgeben, auf einen Baum. Letztere klopfen dann im Takt gegen den Stamm des Baumes und singen ein Trauerlied, das im allgemeinen lautet: Die Jahreszeit ist gekommen, die Frucht ist reif, sie muss fallen. — Dann klettert der Greis herunter, seine nächsten Verwandten tödten .ihn liebevoll und verzehren seinen Leichnam. Das ist eine Kindespflicht!! (Letourneaü, S. 199.) Der Mönch Rubruqüts (1253) berichtet, dass in Tibet die Kinder es für ihre Pflicht halten, die Leichen ihrer Eltern zu verzehren. Dieselbe Sitte herrscht nach Tylor bei einigen Indianerstämmen in den Urwäldern Südamerikas. Uebrigens berichtet Herodot (Hist. I. 216), dass in Osteuropa die Massageten aus Mitleid ihre alten Eltern getödtet und das Fleisch derselben, zusammen mit Fleischstücken von Hausvieh, bei ihren Festmahlen verzehrt hätten, um ihren Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei "Wilden. 67 Eltern die Schmach zu ersparen, von den "Würmern gefressen zu werden. Auch die Issedonen ässen die Reste ihrer Eltern, aber nur nach deren natürlichen Tode (IV. 26). Strabö erzählt, dass die Derbis in Nordasien ihre Greise erwürgten, wenn sie das Alter von 70 Jahren überschritten hatten, worauf die Verwandten die Leiche unter sich theilten. e) Kannibalismus im Kriege. — Die ursprüngliche Wildheit, die völlige Rücksichtslosigkeit gegen die menschliche Person und die Häufigkeit der Kriege mussten gewiss den wilden Menschen zu dieser Art von Anthropophagie antreiben, die eben so gewöhnlich ist wie die aus religiösem Gefühl. Es giebt sogar Völker, welche den Krieg nur in der Absicht unternehmen, die erlegten Feinde zu fressen; dann aber liegt der Beweggrund eher in der Gefrässigkeit als in der kriegerischen Wuth, und daher gehört der Fall zu der nächstfolgenden Kategorie. Die Kriegsgefangenen und die in der Schlacht Gefallenen haben in allen Ländern den Siegern als Speise gedient, und das geschieht noch jetzt. 1 Laplace wohnte auf Neuseeland der Rückkehr einer siegreichen Kahnflottille bei. Die Sieger brachten die Leichen der Besiegten mit, oder vielmehr nur Stücke davon, denn sie hatten dieselben zum Theil schon unterwegs verzehrt. Das Uebriggebliebene genügte zu einem grossen nächtlichen Festmahle mit Tanz und Gesang. Pater Bkeboeuf sah die Huronen einen seiner Bekehrten verzehren, und Charlevöix erzählt, dass einmal 22 Huronen von den Lokesen verspeist worden seien. In Südamerika fressen die Guarany, Tapuya, Tupinamba, Aymari die besiegten Feinde. Die Karaiben frassen auf dem Schlachtfelde die gefallenen Feinde und später zu Hause die Gefangenen; das Herz gebührte dem tapfersten Krieger. In Brasilien hörte Thevet 1 Wilfr. Powell, Unter den Kannibalen in Neubritannien, übers, v. Schröder, Leipzig 1884, sagt: In einigen Theilen Australiens isst man Zunge und Herz, das Herz, um die Verachtung des getödteten Feindes auszudrücken, die Zunge, weil sie Schmähungen gegen den Sieger ausgestossen hatte. Durch Einreiben mit dem Nierenfette glaubt man seine Stärke zu erhalten. (Uebers.) 5* 68 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. (in der Mitte des XVI. Jahrh.) einen Häuptling sich rühmen, mehr als 500 Feinde gefressen zu nahen. f) Kannibalismus aus Gefrässigkeit oder Feinschmecke rei. — Der Kannibalismus ist unter den Bewohnern der Fidschi-Inseln eine uralte Gewohnheit. Wollen sie ein Ragout als höchst gelungen preisen, so sagen sie: „Er ist weich wie ein todter Mensch." Sie verschmähen das Fleisch der Weissen, ziehen das Fleisch eines Weibes dem eines Mannes vor und halten den Vorderarm und den Oberschenkel für die schmackhaftesten Stücke. Das Menschenfleisch gilt ihnen als eine so werthvolle Delikatesse, dass es nur den Männern vorbehalten bleibt, indem sie die Weiber für unwürdig halten, davon zu essen. Zuweilen braten sie die Sklaven lebendig und essen sie dann sogleich, während sie in anderen Fällen die Körper bis zur vorgeschrittenen Verwesung aufzubewahren pflegen. — Noch 1854 sahen Seemann und Pritchard in Mbau (Hauptstadt der Viti-Inseln) Menschenfleisch auf dem Markte feilhalten. Unter den Eingeborenen Neukaledoniens gab die Gier nach Menschenfleisch eine der häufigsten Kriegsursachen ab. Der Krieg endete, sobald mit dem Tode einiger Menschen der Zweck erreicht war. Für die Nenkaledonier war das Menschenfleisch eine Leckerei und sie assen es aus Fein- schmeckerei. Einige Häuptlinge erlaubten sich auch, im Familienkreise einen ihrer Unterthanen zu verspeisen, und manchmal Hessen sie Stücke einsalzen, um immer ein Gericht Fleisch im Vor- rath zu haben. Die öffentliche Meinung urtheilte nicht etwa ungünstig über diese fürstlichen Mahlzeiten, sondern hielt sie sogar für äusserst rationell. Nach einem glücklichen Treffen beeilten sich die neukaledonischen Häuptlinge, die sich vom menschlichen Wildpret den Löwenantheil vorbehalten hatten, Stücke davon ihren unzuverlässigen Freunden zuzusenden, um sich ihrer Bundesgenossenschaft zu versichern. In Neuseeland zogen die Eingeborenen Hunderte von Meilen nach dem Innern in den Krieg und zwar nur aus dem Grunde, um sich an Menschenfleisch satt zu essen und um Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. (J9 Sklaven zu fangen, die oft dazu bestimmt waren, als Hauptgericht bei den grossen Mahlzeiten zu dienen. Die Neuseeländer waren grosse Liebhaber des Frauen- und Kinderfleisches. Sie verwertheten gewissenhaft die Leichen, an denen sie sich ersättigten, und bohrten mit Sorgfalt die Schädel an, um das Hirn herauszuziehen. Alle Kannibalen sind darüber einig, dass das Menschenfleisch einen ausgezeichneten Wohlgeschmack besitzt. „Sage immerhin," erwiderte ein Battahäuptling einem Missionar, der ihm Vorwürfe machte, „sage immerhin, es sei schändlich, aber sage nicht, es sei schlecht!" (C. Vogt.) Zu Earle sagte ein neuseeländischer Häuptling: „Menschenfleisch ist zart wie Papier." (Letoürnbau.) Auch für die Cobeus in Uaupes ist der Mensch ein wahres Wildpret, so dass sie den Nachbarstämmen Krieg erklären, lediglich um sich Menschenfleisch zu verschaffen. Sobald sie keins mehr brauchen, lassen sie es zertheilen, räuchern und als Vorrath aufbewahren. Manche Kaffernstämme, die aus Noth Menschenfresser wurden, blieben bei der Gewohnheit aus Leckerei. Gardiner konstatirte es bei den Zulus, und bis vor wenigen Jahren lebten die Basutos vom Kannibalismus inmitten einer fruchtbaren und wildreichen Gegend, und wie die europäischen Troglodyten, unsere Vorfahren, wohnten sie in Hütten, wohin sie ihr menschliches Wild auch schleppten und dort verzehrten. Ein vorübergehender Nothstand hatte sie zuerst gezwungen, zu diesem äussersten Mittel zu greifen; aber sie bewahrten lange die Gewohnheit, und im Jahre 1868 waren sie von ihr noch nicht geheilt. Im äquatorialen Afrika treiben die Fan ganz friedlich und geschäftsmässig den Kannibalismus, und da sie nicht die Leichen ihres eigenen Stammes verzehren wollen, so treiben sie gegenseitigen Leichenhandel mit ihren Nachbarstämmen. Aehnlich machen es die Niam- Niam am obern Nil, bei denen Schweinfurth eines Tags einem Akt kannibalischer Idylle anwohnte. Zwischen zwei Hütten war ein sterbendes Kind. An einer Thür spielte ein Mann ruhig die Mandoline, an der 70 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. andern schnitt und bereitete ein altes Weib inmitten einer Kinderschar Kürbisse für die Mahlzeit. Ein Kessel mit siedendem Wasser stand bereit, und Alle erwarteten den Tod des Kindes, dessen Leiche als Hauptgericht dienen sollte. Eine strahlende Mittagssonne beleuchtete die Scene. — In derselben Gegend führten die Monbuttos, Hirten und Ackerbauer, inmitten einer äusserst fruchtbaren Gegend beständige Kriege mit den schwächeren Stämmen, um sich menschliches Wild- pret zu verschaffen; Baker erzählte von einer Menschenfressermahlzeit in Gondokoro am oberen Nil, bei welcher Sklavinnen und Kinder die Gerichte lieferten. Cameron berichtet folgendes über die Eingeborenen von Manyema: „Hier scheinen die Bewohner sich gegenseitig sehr zu lieben, und sie haben entschieden mehr Kinder als alle Afrikaner von andern Rassen, die ich Gelegenheit hatte zu sehen. Aber trotz ihrer Tugenden sind sie nicht weniger Menschenfresser als die anderen. Sie verzehren nicht allein die in der Schlacht Getödteten, sondern auch die an Krankheiten Gestorbenen. Sie maceriren ihre Leichen in fliessendem Wasser, bis das Fleisch beinahe faul ist, und dann verzehren sie es ohne Zuthaten." In Amerika waren die Moxos und andere Guaranist am me Kannibalen und pflegten die Gefangenen zu mästen, ehe sie sie aufassen. — Die verhältnissmässig civilisirten Mexikaner hatten besondere Käfige für die Mästung der Gefangenen, bevor sie dieselben opferten und verzehrten. Die Nutka-Kolumbier, die zwischen den Rothhäuten und Eskimos wohnen, kommen sehr gern auf die Menschenfresserei zurück. Einige von ihnen boten Cook Schädel und Hände von Menschen an, die schon zum Theil gekocht und gegessen waren. Einer von ihren Häuptlingen war so lüstern nach Menschenfleisch, dass er jeden Monat einen Sklaven tödten Hess, um ihn bei einer den Häuptlingen einer niederen Kaste gegebenen Mahlzeit zu verzehren. Es war ein ganz feierlicher Akt. Mit Gesängen und Kriegstänzen griff der Häuptling mit verbundenen Augen einen Sklaven heraus, der sofort erwürgt und zerlegt wurde, und die dampfenden Stücke wurden unter die Gäste vertheilt. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 71 „Auf den Marquesasinseln zieht man die Frauen den Kindern als schmackhafter vor. Die Priester haben das Recht auf die saftigsten Theile." g) Eitelkeit. — Es kommt noch dazu die Eitelkeit, der Gedanke, seine eigene Ueberlegenheit zu erhöhen, indem man sich die Tugenden des Feindes aneignet, und indem man das Vorrecht gewinnt, das in einigen Gegenden bloss den Männern zusteht, in anderen nur den Vornehmen oder Häuptlingen, nach Belohnung für kriegerische Unternehmungen oder zur Siegesfeier, wie in Mexiko. h) Kampf ums Dasein. — In einigen Gegenden, z. B. bei den Feuer 1 ändern, trug der Kampf um das Dasein dazu bei. Man verminderte die Zahl der Konkurrenten im Kampfe um die Existenz und lieferte dem Ueberlebenden eine Nahrung, die gewiss mehr kräftigend und für das kriegerische Leben passend sein musste, als Pflanzenkost. Und dass der fortgesetzte und verbreitete Gebrauch zu einem Hülfsmittel wurde, die Bevölkerungszahl in Schranken zu halten, erscheint uns wohl glaublich, wenn wir von einem Häuptling hören, der allein 500 Eingeborene aufgezehrt hat. i) Gerichtlicher Kannibalismus. — Dieser Ausdruck, den Letoukneau gebraucht, um den Kannibalismus zu bezeichnen, der als Strafe für Uebelthäter in Gebrauch ist, dient uns dazu, auch den Kannibalismus als Blutrache zu bezeichnen, die, wie wir ■ wissen, der Keim der Strafe selbst ist. Als Cook den Tahitischen Archipel besuchte, war der Kannibalismus hier schon beinahe verschwunden, und es waren nur in den religiösen Gebräuchen noch Spuren davon vorhanden. Jedoch röstete und ass man noch von Zeit zu Zeit nur aus Rachsucht ein Stück vom besiegten Feind, während im allgemeinen die Menschenfresserei von der öffentlichen Moral verdammt wurde. Auf den Philippinen machen die Eingeborenen zur Erntezeit Streifzüge gegen die Nachbarstämme unter der Führung ihrer Priester und Häuptlinge. „Wenn der Feind todt am Boden liegt," berichtet Semper, „zieht der siegreiche Häuptling ein geweihtes Schwert, das speciell diesem Gebrauch gewidmet 72 Erster Tbeil. Uranfang des Verbrechens. ist, öffnet die Brust des Leichnams und taucht in das dampfende Blut die Talismane seines Gottes, die ihm am Halse hängen. Dann reisst er der Leiche das Herz oder die Leher aus und isst ein Stück zum Zeugniss der Vollendung seiner Rache. Dem Volk ist nie gestattet, Menschenfleisch zu essen; das ist das Recht und auch die Pflicht des priesterlichen Häuptlings." Bei einigen Indianern von Nordamerika zeigt sich der Kannibalismus als Fortsetzung der Blutrache, die am Feinde geübt wurde. Auch für die Indianer von Guayana ist die Menschenfresserei einfach ein Racheakt. Auf der Insel Bow verzehrte man die Mörder, und dieses ist der einzige Ort in Polynesien, wo man den gerichtlichen Kannibalismus konstatirt hat. Nach Bourgarel wurde er auch in Neukaledonien als öffentlicher Racheakt gegen die zum Tode Verurtheilten geübt. Nach Marco Polo war er bei den Tataren in Gebrauch. 6. Soweit stehen die psychologischen und juristischen Verhältnisse der wilden Völker im entschiedenen Gegensatz zu denen der civilisirten. "Wie aber in der Natur nichts unveränderlich ist, so können wir selbst in diesen natürlichen Verhältnissen der Wilden einen doppelten Entwickelungsprocess unterscheiden, der einerseits sie zu den allmählichen Ueber- gängen einer geringeren Wildheit führt und andererseits in ihnen die Keime der moralischen Gefühle und der juristischen Institutionen entwickelt, wie sie in der geschichtlichen Evolution des Todtschlages sich beobachten lassen. (Ferri.) Hat die im obigen behufs Verdeutlichung des Gegensatzes zwischen dem Urmenschen und dem civilisirten Menschen innegehaltene Reihenfolge der verschiedenen Formen des Menschenmordes einen immer wachsenden Grad von Wildheit erkennen lassen, so zeigt sich andererseits auch eine fortschreitende Abnahme in der Verminderung der abschreckendsten Formen. Die Tödtung aus Ruhmsucht und aus brutaler Bosheit, die Menschenfresserei im Kriege und aus blosser Leckerei werden immer seltener, während die religiöse Tödtung und der religiöse Kannibalismus fortdauern und anfänglich der ganze Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 73 Körper, später nur noch einige Theile verzehrt werden. Darauf folgt dann das Thieropfer und ganz zuletzt nur noch sinnbildliche Figuren (bei den Mexikanern das Bild des Gottes Quitzalcoatl aus Mehl und Blut; bei den Chinesen die Papierfiguren, die feierlich verbrannt wurden; bei den Römern die „Oscilla" genannten Statuetten). Die letzte und unbewusste Manifestation dieser Symbolik ist die katholische Hostie, wie Waitz und Vogt bemerken. (Ferri.) Aber nicht allein dieses; sondern der Menschenmord und der Kannibalismus nehmen in der Blutrache seit den Urzeiten auch eine moralische und juristische Form an, die aus ihnen wirklich den Keim [zu dem späteren socialen Vergeltungsrechte entnahm und es ersetzte, solange als dieses noch nicht organisirt war. (Ferri.) III. Diebstahl und andere Verbrechen. Die wirklich wilden und ursprünglichen Stämme, die keinen eigentlichen Besitz haben, kennen die Idee des Eigen- thums nicht und deshalb noch weniger die des Diebstahls. In Aegypten war die Profession des Diebes eine anerkannte. Wer sie ausüben wollte, schrieb seinen Namen in eine öffentliche Liste ein und trug an einen und denselben Ort alle gestohlenen Sachen, wo sie die Besitzer wieder holen konnten gegen Entrichtung einer bestimmten Summe. 1 Die Germanen wollten, dass ihre Jünglinge, um nicht im Müssiggang zu erschlaffen, sich darin übten, die Habe der Nachbarn wegzutragen. 2 Thuctdides bezeugt, dass die Griechen und alle Barbaren, die die Inseln und die Küsten am Festlande bewohnten, der Seeräuberei ergeben waren und sich dessen nicht etwa schämten, sondern sich vielmehr eine Ehre daraus 1 A. Gellius. XI., 18: Aegyptiis omnia furta licita et impunita. ! Caesar de hello gallico. VI., 23: Latrocinia nullam habent infamiam, quae extra fines cujusque civitatis fiunt, atque ea juventutis exoriundae ac desidiae minuendae causa fieri praedicant. 74 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. machten. In. Sparta war der Diebstahl erlaubt. Der Dieb wurde nur bestraft, wenn er auf frischer That ertappt wurde, nicht wegen der Aneignung fremden Eigenthums, sondern wegen Ungeschicklichkeit im Stehlen. Auch bei den halbcivilisirten Völkern bestand noch einige Zeit lang das gemeinsame Eigenthum fort; so benutzte man in Peru und Mexiko vor den Azteken sehr grosse Häuser, wo viele Familien beisammen wohnten. Auf den Pelewinseln besitzt die Bevölkerung an Eigenthum nur das eigene Haus und das Kanoe. Der König ist Herr von allem übrigen. In China war vor 2200 Jahren alles gemeinsam. Die Häuptlinge vertheilten das Land nach dem Alter. Ebenso in Sparta bis zum Peloponnesiscben Krieg. Cook erzählt uns, dass das Wort „Halbrasirter" für Dieb auf einer Insel Ostasiens eingeführt wurde, nachdem er einen des Diebstahls schuldigen Eingeborenen dadurch bestraft hatte, dass er ihm die Haare halb abrasiren liess; offenbar existirte also vorher der Begriff gar nicht. In Ostafrika (erzählt Burton, First Foot-Step. S. 176) wird der geehrt, der einen Diebstahl begeht. Ein Rongatura (Australier), ein erfahrener Dieb, wurde von einem Reisenden befragt, ob er nicht fürchte, von den Göttern bestraft zu werden. 0 nein! sagte der, als die Götter auf Erden waren, machten sie es ebenso, und die Eltern wollen, dass ihre Kinder ihnen nachschlagen. [Novara-Reise. Anthropol. Theil, S. 39, 1865.) In Caramansa in Afrika wohnen neben den friedlichen und ehrlichen Bagnous, welche Reis bauen, die Balanti, die nur von Jagd und Raub leben. Sie tödten Den, der in ihrem Dorfe stiehlt, halten es aber für erlaubt, bei anderen Stämmen zu stehlen. {Revue cCanthropologie. 1874.) Gewandte Diebe werden dort hoch geschätzt und gut bezahlt, um die Knaben zum Stehlen zu erziehen. Sie. werden zu Führern bei Kriegszügen gewählt. ' In Marokko haben die »Beni Hassan mit ihnen viel Aehnlichkeit. Der Diebstahl ist ihr Haupthandwerk. Sie sind Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 75 gut disciplinirt, haben von der Regierung anerkannte Häuptlinge, deren sie sich bedient, um manchmal die gestohlenen Sachen wiederzubekommen. Sie theilen sich in Korn- und Pferdediebe, in Dorf- und Strassenräuber. Es giebt Berittene, die ihre Sache so schnell machen, dass es unmöglich ist, sie zu verfolgen, (de Amicis : Marocco. S. 205.) Unter den Beduinen giebt es ehrliche und fleissige Stämme, aber auch viele, die auf Kosten Anderer leben. Sie sind bekannt durch ihre Sucht nach Abenteuern, durch ihre Tollkühnheit, Ruhelosigkeit und Räubereien. Die arabischen Räuber glauben, dass Gott ihnen in ihren Unternehmungen beisteht. (Gen. Damas.) Es gilt ihnen nicht nur für erlaubt, sondern sogar für ruhmvoll, den Feind zu berauben, und vor dem Antritt solcher Raubzüge geben sie den Armen Almosen und schwören einem ihrer Heiligen, Sadi-Abdallah: „Wenn wir zurückkehren, sei ein Theil für dich." Sie haben das Sprichwort, dass es gut ist zu stehlen das Vieh des Winters und in den Zelten des Sommers. (Id.) In Indien ist es der Stamm Zacka-Khail, der aus dem Raub ein Gewerbe macht. Wenn ein Knabe geboren ist, weiht man ihn dazu, indem man ihn durch ein Loch in der Haus wand schiebt und dreimal singt: Sei ein Dieb! In Noukahiva war das Stehlen Zeichen von Geschicklichkeit und galt als verdienstlich, Später, als zwar nicht die Einzelnen, doch der Stamm oder für den Stamm der Häuptling Besitz zu erwerben anfing, z. B. Jagdgründe, wurde der Diebstahl am Eigenthum des Stammes ein Verbrechen, während es erlaubt und verdienstlich blieb, Fremde zu bestehlen. In Tasmanien, in Kolumbien hatte jeder Stamm sein Jagdgebiet, und wer es verletzte, wurde getödtet. Bei den Germanen war es nicht schimpflich, ausserhalb der eigenen Stadt zu stehlen, wie wir gesehen haben. (S. 73.) Die Eskimos sind ehrlich in ihren gegenseitigen Beziehungen, aber nicht mit Fremden. (Parry, Dritte Reise.) 76 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Andere Verbrechen. Ausser dem Diebstahl wurden sehr wenige andere Vergehen als solche von diesen barbarischen Gesetzgebern angesehen. Später, als sich das Eigenthum ausdehnte und die Stämme sich besser organisirten, hauptsächlich unter dem Despotismus der Häuptlinge oder Priester, dehnte sich auch die Kategorie der Vergehen aus. Ausser dem Diebstahl kam noch in Betracht der Raub, der Ehebruch und vor allem die Vergehen gegen die Häuptlinge, oder gegen die Götter, oder gegen den Stamm. — Bei den Germanen waren die einzigen socialen Verbrechen, gegen die der Staat einschritt, der Landesverrath und die Desertion, wegen deren die Schuldigen aufgehängt, und die Sodomie, wegen deren sie in Schlamm erstickt wurden. (Bak, 1. c.) Der Justinian der Inkas, Pachacutez, erliess Gesetze gegen Gotteslästerung, Todtschlag, Vatermord, Landesverrath, Ehebruch, Raub und Schändung, besonders die der heiligen Jungfrauen, Entführung, Unzucht, Diebstahl, Sodomie, Bestechung der Richter. Fast al] dieses war mit Todesstrafe bedroht. Aber das schwerste von allen Verbrechen war der Ehebruch mit einer Inkafrau. Nicht nur wurden die beiden Ehebrecher bestraft, sondern ausserdem die Kinder, die Sklaven, die Verwandten, ja selbst alle Bewohner der Stadt, in der sie wohnten, und letztere niedergerissen und mit Steinen bedeckt. (Garcilasso, Histoire des Incas. I. 346.) Bei den Battas giebt es einen wahren Kodex für die juridische Menschenfresserei. Es werden dazu verurtheilt die Ehebrecher, die nächtlichen Diebe, die vornehmern der Kriegsgefangenen, Diejenigen, welche Individuen desselben Stammes heirathen, Diejenigen, die verrätberisch Menschen oder Häuser überfallen. Auf den Fidschi-Inseln sind Handlungen, die als strafwürdig gelten, von sehr geringer Zahl: der Diebstahl, die Entführung, die Zauberei, die Brandstiftung, die Verletzung der Achtung Vor einer wichtigen Persönlichkeit. Das heisst also: Beleidigung des Herrn und Attentat auf das Eigenthum. Denn es ist ja bekannt, dass bei den Wilden der verschiedensten Rassen der Ehebruch und die Entführung bestraft Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 77 werden als Attentate gegen das Besitzrecht des Gatten auf die Frau. (Letourneaü.) Bei den Azteken finden wir auch die Bestechung der Richter, die Trunkenheit, und bei den Assinen die Zauberei und die Vergiftung. Bei den Juden: das falsche Zeugniss, die Unzucht, die Sodomie, sowie die Körperverletzung und vor allem den Götzendienst, der das grösste Verbrechen ist. „Die ganze Stadt, darin Götzendiener sind, ist verflucht, und die Bewohner kommen durchs Schwert um zur Ehre des Gottes, dessen Namen auszusprechen schon ein Verbrechen ist." rv. Die wahren Verbrechen der "Wilden sind die gegen das Herkommen. Die wirklichen Verbrechen reduciren sich bei den Wilden, sogar bei den bestorganisirten, auf sehr wenige und auch diese nicht nach einer feststehenden Regel. Was bei uns für Verbrechen gilt, ist es bei ihnen nicht, und umgekehrt: was wir kaum für ein Vergehen ansehen, das ist für sie äusserst strafwürdig oder gilt, wenn es bei Fremden geschieht, für den Ausdruck einer niedern Kulturstufe. Dahin gehören vor allem die Verstösse gegen die landesüblichen, namentlich aber gegen die religiösen Gebräuche, Gewohnheiten, überhaupt gegen das Herkommen, — das zu allen Zeiten und allerorten mit der Vorstellung vom göttlichen Becht zu einem unantastbaren Ganzen verquickt worden ist. So dürfen in Australien nur die Häuptlinge und die Alten das Fleisch des Emu geniessen. Wenn ein ehrlicher junger Mann der Versuchung erliegt und von einem getödteten Emu isst, wird er von Gewissensbissen gepackt, verfällt in Melancholie und verlangt selbst, bestraft zu werden. (Stuart: Histoire universelle des voyages, S. 43.) Ebenso ergeht es dem Hindu, der gewisse dem Brammen allein erlaubte Getränke trinkt, oder dem Juden, der 78 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Schweinefleisch isst, oder dem Chinesen, der sich zwar nicht davor scheut, sich zu prostituiren, wohl aber davor, seinen Fuss zu zeigen. Dieselbe Moral, durch welche die Vertheilung des Emu geregelt wird, regelt die Blutrache, und zwar eine ganz blinde; z. B. ein von einem Weissen Beleidigter rächt sich nicht am Beleidiger, sondern an allen Weissen. So ist für die Australier jeder Todesfall durch irgend eine angebliche böse Beeinflussung bewirkt und schreit deshalb nach Bache. Ein Australier, erzählt Sander (Letourneaü), verlor seine Frau an einer Krankheit und erklärte, er habe dafür die Verpflichtung, eine Frau von irgend einem andern Stamm zu tödten. Er wurde deshalb mit Gefängniss bedroht. Von dem Tage an wurde er schweigsam, hatte Gewissensbisse bei dem Gedanken, seine Pflicht zu versäumen, bis er sich davon machte und nach einiger Zeit zufrieden heimkehrte, nachdem er seine heilige Pflicht erfüllt hatte. Man sieht (bemerkt Letourneaü dabei), dass gewisse Ideenassociationen sich allmählich in die Centren unseres Bewusstseins eingegraben haben und bei gegebenem Anlass unausbleiblich hervorbrechen müssen. Aber ich möchte noch hinzufügen, dass dies noch mehr deshalb geschieht, weil derselbe Mensch, der an kleinen Veränderungen ein lebhaftes Vergnügen empfindet (wie das kleine Kind, dem man ein neues Spielzeug giebt, der Wilde, dem man die elliptische Tättowirung in eine kreisförmige verwandelt), von tiefem Unbehagen ergriffen wird, wenn die Neuerungen zu radikal sind. In diesem Missbehagen, das er durch Bache zu beschwichtigen sucht, drückt sich der Schmerz aus, den er bei der Verpflichtung, die Neuerung zu begreifen, und bei dem Zwang empfindet, das eigene Ich zu rasche Schritte machen zu lassen, denen er nicht gewachsen ist, da die Trägheit und die Wiederholung angewöhnter Bewegungen, eigener oder vererbter, die eigenste Natur des gewöhnlichen Menschen und der Thiere ist. So haben wir gesehen, wie die Hausthiere Widerwillen gegen jede grosse Neuerung zeigen, z. B. gegen das Gas, den Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 79 Dampf (S. 28). Auch das Kind, das doch gerne spielt, wird aufgeregt und schliesslich ganz wild, wenn man es in ein anderes Zimmer bringt (was ich selbst beobachtet habe bei zwei Kleinen von meiner Bekanntschaft), und es hat Furcht bei jedem neuen Möbel, will immer dasselbe Bild sehen, die alte Geschichte mit denselben Worten Wiederhören u. s. w. Und das "Weib, das doch sonst so empfänglich für die Mode ist, ist immer die zäheste Gegnerin, wenn es sich um sociale, religiöse oder politische Neuerungen handelt. Es ist natürlich, dass bei den wilden Völkern, bei welchen die geistige Thätigkeit geringer ist als bei den civilisirten, der Widerstand gegen jede Neuerung, die so sehr die gewöhnlichen Köpfe verwirrt, sich im höchsten Grad entwickelt, so dass die Urheber solcher Neuerungen als die grössten Verbrecher betrachtet werden. Die Bibel drückt das an mehreren Stellen sehr gut aus, ebenso wie das uralte Gesetzbuch des Manu (Buch I. art. 108. 9): „Der unvordenkliche Gebrauch ist das oberste Gesetz, das von der Offenbarung und von der Ueberlieferung gebilligt wird. Wer folglich das Wohl seiner Seele wünscht, muss sich immer mit Ausdauer dem unvordenklichen Gebrauch anbequemen." „Deshalb gründeten die Munis in der Erkenntniss, dass das Gesetz sich auf unvordenklichen Gebrauch stützt, auf diesen jegliches Ansehen." Da die Religion die Haupterhalterin der Gebräuche war und sie in jedem Verstoss gegen das Herkommen sogleich eine Verletzung der Moral und eine Beleidigung gegen Gott erblickte, so kam es auch nach und nach, dass die Wächter der Religion, die Priester, Zauberer, Aerzte, Hexenmeister u. s. w., auch wenn sie nicht Stammeshäupter oder Landes- oder Volksfürsten waren, für heilig gehalten wurden und dass sie beinahe vollständiger Straflosigkeit genossen, während jede Verfehlung gegen sie das schwerste Verbrechen war. Verbrechen war nun auch jede Verletzung der von ihnen aufgestellten Gesetze, sie mochten noch so absurd sein. 80 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. "Wir haben gesehen, dass im Gesetzbuch des Manu der Bramme nur eine leichte Strafe bekommt, wenn er einen Sudra tödtet, während die Tödtung eines Braminen das grösste Verbrechen ist. Dort steht auch geschrieben (Buch I. 99): „Der Bramine hat den ersten Platz auf Erden, er ist höchster 77 * Herrscher aller "Wesen. "Was die "Welt einschliesst, ist Eigen- thum des Braminen" und weiter: „Gelehrt oder unwissend ist der Bramine eine mächtige Gottheit." (cap. IX. 3171.) Der König soll dem Unterthan siedendes Oel in Mund und Ohr giessen lassen, der die Frechheit hat, den Braminen betreffs ihrer Pflichten Rath zu ertheilen. Der König hüte sich, einen Braminen zu tödten, sollte er auch alle möglichen Verbrechen begangen haben, er verbanne ihn aus dem Reich, lasse ihm aber alle seine Güter, er thue ihm aber nicht das Geringste zu Leide." „Ein Bramine der das ganze Righ-veda kennt, wäre nicht schandbefleckt, auch wenn er alle Bewohner der drei Welten getödtet oder Speise vom geringsten Mann angenommen hätte." Im Mittelalter: Unde laici decollantur, inde clerici degra- dentur. Unde laici detruncantur, ibi clerici ab offico degraden- tur. (Peutz: Leg. H. 30, Bar: Deutsches Straft: 1882.) In der etruskischen, druidischen, indischen, ägyptischen, jüdischen Theokratie war Verbrechen die Verfehlung gegen die Gottheit, und die priesterliche Handlung trat an die Stelle der privaten und gesellschaftlichen. Das „Tabu", der angebliche "Wille der Götter, den die Priester Oceaniens dem Volk übermitteln, nahm eine bedeutende Entwickelung, als diese begriffen, welchen Nutzen sie daraus ziehen konnten, wenn sie ihn mit fürchterlicher Strenge beobachten Hessen. Sie wissen das Geheimniss der Verstösse gegen das „Tabu" mit seltener Schlauheit herauszubringen und bestrafen den Uebertreter beinahe immer im geheimen mit dem Strick,. mit Gift, mit Sturz in den Abgrund, auch wenn er nur aus Unwissenheit fehlte, oder nur im Verdacht des Frevels stand. (Radiguet, S. 159.) Der Ehrgeiz und die Rachsucht der Despoten, die Ränke der Priester, die sich mit der blinden Furcht des Pöbels und Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 81 mit der Gewohnheit verbanden, als Verbrechen jede Aenderung des väterlichen Herkommens zu betrachten, brachten nach und nach seltsame Verbrechen zu stände. So 'ist es in Oceanien Verbrechen (Tabu), den Leib des Häuptlings zu berühren, und für das Weib ist es ein Verbrechen, den Kopf oder das Werkzeug des Gatten, ja überhaupt eines Mannes zu berühren. Dann dehnte sich das Tabu auf das Verbot von weissen Kopfbinden aus (bei Todesstrafe), ferner auf das Verbot, von den Priestern übles zu reden, aus dem Hause zu gehen nach dem Tode eines Häuptlings, ehe ein Menschenopfer dargebracht war; Tabu war es, von einem Schweine mit weisser oder rother Haut zu essen. (Radiguet, S. 555.) Im Sachsenspiegel wird Demjenigen der Tod angedroht, der eine Leiche verbrennt, anstatt sie zu begraben, und Dem, der in den Pasten Fleisch isst. (du Boys, 1. c.) Im Gesetz des Manu finden sich unter den gerechtesten Bestimmungen ganz unbegreifliche für Den, der nicht weiss, bis wohin der religiöse Wahnsinn führt. Der Mensch, welcher Erdhaufen zertritt, das Gras mit den Nägeln zerreisst, der seine Nägel abnagt, wird schnell zum Tode geschleppt, wie der Verleumder und der Unreine. (Buch V.) Wer angesichts des Feuers, der Sonne, des Mondes, eines Gewässers und anderer Dinge urinirt, verliert die heilige Wissenschaft. Am Tage verrichte er seine Bedürfnisse mit dem Angesicht gegen Mitternacht, bei Nacht gegen Mittag u. s. w. (Manu, Buch IV. 28.) Der Alkohol aus Reis heisst Mala und ebenso eine schlechte Handlung, deshalb darf ein Bramine nie Alkohol trinken (Buch XI. 93), — ein Gesetz infolge eines Wortspieles. In der Bibel wird zum Tode verdammt, wer am Sabbat arbeitet (2. Moses XXXI., 15), wer ein geweihtes Thier tödtet, wer Blut (oder Fett) oder Thran isst (3. Moses XVIL, 12), ebenso wie Der, der Blutschande begeht, Mord, — desgleichen der falsche Prophet, sowie auch Derjenige, der während der Menstruation den Beischlaf ausübt (3. Moses XVIII., 19), oder Lombhoso, Der Verbrecher. I. 6 82 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. wer in der Osterzeit gesäuertes Brot isst und ohne beschnitten zu sein mit heiligem Oel gesalbt ist. Aus den zwei juristischen Papyrus aus Egypten geht hervor, dass dort als ein schweres Verbrechen betrachtet und der Tödtung eines Menschen gleichgestellt wurde die Tödtung eines heiligen Thieres, die Defäkation im Nil oder die Plünde- derung eines Grabes. Für die Dayaks war es ein Verbrechen, die Baumstämme mit V-förmigen Hieben, wie die Europäer es thun, anzuhauen. Sitte war, sie senkrecht zur Axe zu schlagen. V. Ursprung der Strafen. 1 1. Nach allem bis hierher Erörterten begreift man allmählich den Ursprung und Anfang der Strafe. Sie tritt zuerst auf als Folge eines Verbrechens, als neuer Missbrauch, als neue Unsittlichkeit. Zu Anfang existirte der Begriff des Verbrechens nicht, man dachte an keine Aufstellung von Strafgesetzen. Die persönliche Rache war nicht bloss erlaubt, sondern sogar eine Pflicht. 1 Alb. du Boys: Histoire du droit criminel des peuples anciens Paris 1845. — Id., Histoire du droit criminel des peuples modernes. I. Paris 1854. — T. Thonissen, Etudes sur l'Organisation judiciaire, le droit penal et la procedure criminelle de l'Egypte ancienne. Brüssel 1868. — Id., Etudes sur Vhistoire du droit criminel des peuples anciens, Inde Brahma- nique, Egypte, Iudee. 2. vol. Brüssel 1869. — Tissot, Le droit penal. II. edit., tom. I. eh. XXVII. Paris 1880. — Fr. v. Homzendorff, Handbuch des Deutschen Strafrechts. I. § 9 ff. Berlin 1871. — P. del Giüdice : La Vendetta nel diritto longobardo, im Archivo storico-lombardo. 1875. S. 217. — A. Pertile, Storia del diritto italiano. V. Pudua 1877. — A. Andreozzi : Le leggi penali degli antichi Cinesi. Florenz 1878. — Fulct : SuW evoluzione del diritto penale. 1883. — Puglia: SuW evoluzione del diritto penale. Messina 1882. — Ferri: SuW omieidio. Bologna 1883. — Wiarda: Geschichte und Auslegung der Salischen Gesetze. 1801. — Bar: Deutsches Strafrecht. 1882. — .Jastrow: Zur strafrechtlichen Stellung der Sklaven. 1878. — Waitz, Deutsche Verfassungsgeschiclüe. 1880. — Liszt, Zeitschr. f. StrafrechUwissensch. III. 1. — Post: Grundlagen des 'Rechts. 1885. Kap. 5 ff. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 83 2. Die Privatrache. — Die Beduinen lassen den Todt- schläger nicht vom Stammeshaupt bestrafen. Sie wollen mit ihm und seiner Familie Krieg führen und Diejenigen darunter erschlagen, die es ihnen beliebt, z. B. das Haupt der betreffenden Familie, sollte es auch durchaus unschuldig sein. — Die Abessinier überlassen jetzt noch den Todtschläger den nächsten Verwandten des Getödteten zu beliebiger Bestrafung. — Bei den Kurden bleibt ein Mord gewöhnlich unbestraft, wenn Niemand darüber Klage führt. Die Nachbarn haben die Pflicht, die Bestrafung zu verlangen. Aber es ist ehrenvoller, sich auf eigene Faust zu rächen, als sich an die Gerichte zu wenden. (Letourneau.) Bei den Australiern ist das Eachebedürfniss sehr lebhaft und sie befriedigen es ohne Unterschied an irgend einem Angehörigen des Stammes, zu dem der Angreifer gehört. Wenn z. B. ein Eingeborener von einem Weissen verletzt wurde, so genügt es ihm, sich an einem beliebigen Weissen zu rächen. Jeder übt auf dieser Kulturstufe die strafrechtliche Reaktion auf eigene Faust aus. Sie war nichs weiter als persönliche Bache. Sie zu vollführen, war aber eine religiöse und bürgerliche Verpflichtung. 3. Beligiöse und gerichtliche Rache. — Die Bache war die Leidenschaft der Götter der Walhalla, des Gottes der Juden und der Helden der Edda. Gudrun, die, um ihre Brüder zu rächen, welche Attila getödtet hatte, dessen Sohn in Stücke hieb und dem Vater das Herz zu essen gab, ward als ein Muster von Tugend angesehen. In der Bibel (4. Mos. XXXV., 19) wird dem Einzelnen das Becht zuerkannt, ja selbst die Pflicht, das Blut zu rächen, das heisst eine zufällige oder fahrlässige Tödtung. In den ältesten deutschen Gesetzen ist der persönlichen Rache ein unbegrenzter Spielraum gelassen. Abgesehen von den Verbrechen gegen den König oder die Gemeinde, betrachtete man in den ältesten Zeiten die anderen Verbrechen nicht als Störungen der öffentlichen Sicherheit, sondern als Privatsachen. Der Staat schützte sich nur gegen die öffentlichen 1 Pratjenstädt : Blutrache und Todtschlagsühne im Mittelalter. 1881. 84 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. oder militärischen Verfehlungen, wie Verrath, Feigheit und dergl. (Bak, a. a. 0.) So beginnt auch die Strafe bei den Wilden wie bei den Thieren mit dem Charakter der Privatrache, also mit einer neuen Art von Verbrechen. Die Reaktion gegen die Stärkeren und Mächtigeren führt zu gemeinschaftlichen Racheakten und Verbindung mit Anderen. Wenn diese dann ihren Zweck erreichen, so wird das Verbrechen seinerseits zum Vorgang der Sittlichkeit. Aber diese Art von Rache war im Anfang keine Gerechtigkeit. Die Reaktion schwankte genau nach Maassgabe der Schwere der Verletzung, und was schlimmer ist, nach der Empfindlichkeit des Opfers und seiner Freunde. Deshalb lief sie fast immer hinaus auf den Tod oder auf die Talion, Auge um Auge, Zahn um Zahn (5. Moses XV., 21), Verstümmelung des Finger für die Diebe (Manu) oder Zurückgabe der gestohlenen Gegenstände. Nooh heute kann man an unseren Kleinen beobachten, wie sie sich nicht beruhigen, ehe sie auf Schläge reagirt haben, und zwar nach Maassgabe ihrer Heftigkeit, oft sogar schlagen sie dabei einen Andern auf denselben Punkt, wo sie Schläge bekommen hatten. 4. Macht der Häuptlinge. — Verbrechen gegen das Eigenthum. Das menschliche Leben hat wenig Werth bei den Wilden. Deshalb rief auch der Todtschlag eine geringere oder keine Reaktion hervor. Ja, er war kaum ein schweres Verbrechen, wenn es nicht einen Häuptling oder einen Priester, den Stellvertreter Gottes auf Erden, betroffen hatte, oder wenn es von den Angehörigen eines fremden Stammes verübt war. Umgekehrt war eine Tödtung, wenn vom Häuptling oder Priester verübt, nie ein schweres Verbrechen. Bei den Aschantis in Afrika ist die Tödtung eines Sklaven etwas absolut Gleichgültiges. Dagegen ist die Tödtung einer grossen Persönlichkeit mit Todesstrafe belegt, wobei jedoch dem Schuldigen gestattet wird, sich selbst den Tod zu geben. Umgekehrt wird nie eines der königlichen Kinder bestraft, es mag begangen haben, was es wolle. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 85 Auf den Fidschi-Inseln macht sich im Strafrecht die Hierarchie bemerklich, unter deren Einfluss die Gesellschaft dort steht. Die Schwere eines Verbrechens wechselt je nach der socialen Stellung des Schuldigen, wie in den Satzungen des Mittelalters. So ist ein Diebstahl, den einer aus dem Volk begangen, ein viel schwereres Verbrechen als ein Mord, den ein Häuptling verübte. Wenn die Häuptlinge infolge des Wachsthums ihrer Herrschaft und durch Waffengewalt bei Kriegszügen an Stelle des Stammes sich einmal persönliches Eigenthum erworben haben, dann wird der Diebstahl zum erstenmal Verbrechen. Und weil sie die Gesetze geben und anwenden, so wird er selbst das grösste Verbrechen, in derselben Weise wie der Ehebruch, wenn er zu ihrem Nachtheil geschieht. Von diesem ersten persönlichen Fall ging man dann dazu über, die Strafbestimmungen auch auf Beraubung anderer Individuen anzuwenden. Deshalb wird der Diebstahl beinahe immer für ein grösseres Verbrechen angesehen als der Mord, weil dieser das Eigenthum und die Interessen der Häuptlinge nicht verletzte. Es giebt Rassen, bemerkt Ferei treffend, wie die Dayaks, bei denen der Mord noch in Ehren steht, die aber den Diebstahl und die Lüge verabscheuen. In Polynesien entwickelte sich eine Art roher Sittlichkeit. Der Diebstahl und der Ehebruch wurden dort für die grössten Verbrechen gehalten und oft mit dem Tode bestraft. In Neuseeland köpfte man den Räuber und hing den Kopf an einem Kreuz auf. Die Häuptlinge centralisirten so die Justiz, übten sie aber nur aus, wenn ihnen persönlich Unrecht geschah. Bei den Kaffern in Afrika steht auf Diebstahl ziemlich regelmässig eine Geldstrafe und selbst der Tod; desgleichen auf Ehebruch, aber nur als auf eine Art von Diebstahl. Umgekehrt ist das Menschenleben sehr wenig geschützt, und der Mann kann seine Frau um der nichtigsten Gründe willen tödten. (Letotjrneau.) Bei den Guaranis in Amerika werden zwei Verbrechen streng; bestraft; es sind die beiden Hauptformen von Eigen- 86 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. thumsbeschädigung, Diebstahl und Ehebruch. Endlich wird in Asien bei den Mongolen, den Bewohnern von Tibet und Birma der Diebstahl für ein viel schwereres Verbrechen gehalten als der Mord. l 5. Umwandlung der Strafe. Zweikampf. — Im Anfang bedeuteten persönliche Rache und Strafe ein und dasselbe. Sie liefen beide hinaus auf eine Tödtung oder Verletzung von der Art, dass sie geeignet erscheinen konnte, das Opfer oder seine Angehörigen für den ihnen zugefügten Verlust oder Schmerz zu entschädigen. Aber man verfuhr natürlich aufs Gerathewohl oder vielmehr nach Maassgabe der Impulse oder Instinkte des Einzelnen und damit zum desto grösseren Schaden der Mehrzahl. Da wahrscheinlich die immer heftiger einander folgenden Reaktionen schliesslich den Stamm ausgetilgt hätten, gab der letztere zur Sicherung seines Fortbestandes diesen Ausbrüchen persönlicher Rache Gesetz und Regel, man möchte sagen, einen Ritus, der noch viel Ursprüngliches an sich trug, aber doch schon eine Milderung in der geordneten Form enthielt. So sehen wir, dass in Tahiti der Mörder von den Angehörigen der Getödteten angegriffen wurde. Er vertheidigt sich mit dem Schild, und wenn er besiegt wird, wird sein ganzer Besitz die Beute Jener, und umgekehrt. Offenbar ist das ein im Grossen sich reproducirender Akt der Privatrache. Bei den Germanen wie bei den Australiern durfte man den Gegner tödten, aber keine Hinterlist dabei üben, und nach den ripuarischen Gesetzen musste man bei der Leiche weilen oder im stände sein, den Angehörigen den Ort zu zeigen, wo sie lag. Die Bestrafungen in ibrer Gesamtheit nehmen die Natur von Streitigkeiten oder besser von Zweikämpfen, ja von wahren Kämpfen an, die in solchen Ländern auch den Charakter des Zweikampfes tragen. Die Stämme benachrichtigen sich vorerst gegenseitig und versehen sich mit gleichen "Waffen. 1 Letourneau .- Sociologie. 433. 436. 438. 450. 452. 465. 466. 471. 478. — Tylor : Revue scientifique. 1874, S. 1204. — Ferri : Omicidi a. a. 0. . Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 37 Auf ein Signal beginnt das Speerwerfen. Ist die vorher bestimmte Anzahl von Todten gefallen, so geben sie sich die Hand und endigen mit Tänzen. (Tyloe, a. a. 0. S. 108.) Oder sie stellen sich einander gegenüber auf. Die Krieger treten in Gruppen aus den Reihen und werfen sich mit dem Speer, aber nie mehr als einmal, und stets nach dem Kopf, wobei es verboten ist, den "Wurf zu pariren. Die ersten Formen gesetzlicher Strafe waren sicherlich Zweikämpfe oder Kämpfe Mehrerer gegen einen muthmass- lichen Uebeltbäter, wie wir es bei den Thieren sehen, im Grunde Streitigkeiten eines oder mehrerer Individuen, Kämpfe, die später rituellen und gesetzlichen Charakter bekamen. 6. Geldstrafen. Entschädigungen. — Als sich die Sitten immer mehr milderten und das Menschenleben mehr an "Werth gewann, zu gleicher Zeit auch das Eigenthum immer mehr geschätzt wurde, suchte man die Ausgleichung nicht mebr in Körperverletzungen, sondern in materiellen Werthen oder in einer vom Stamm gewährleisteten Wiedererstattung. Diese Ausgleichung folgte den gleichen Regeln wie die Privatrache. Auch sie schwankte je nach der socialen Stellung des Geschädigten oder des Schädigers. Bei den Assinen und bei den Aschantis stand eine Geldbusse auf Diebstahl. Bei Zahlungsunfähigkeit hafteten die Angehörigen oder das ganze Dorf. Auch in Tibet konnten die Verwandten des Thäters zur Strafe oder besser Geldbusse herangezogen werden. Wer bei den Aschantis einen Sklaven tödtet, zahlt seinem Eigenthümer den Preis desselben. Wer Jemand aus einer niedern Kaste tödtet, zahlt den Preis von sieben Sklaven, und ebensoviel, wer einen Grenzstein zerstört. Die Familie des Schuldigen ist mitverantwortlich. Sie kann ihn aber ihrerseits tödten, wenn sie ihn für unverbesserlich hält. (Eevue anthro- pol 1882.) So lange der Mensch kein anderes Eigenthum hatte als seinen Körper, war die Ausgleichung für jedes Vergehen der Tod oder die Verletzung im Zweikampf. Als sich ab9r das 88 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Eigenthum ausdehnte, fand man in den materiellen "VVerthen eine praktischere Ausgleichung, sofern man ja im Verbrechen vor allem nur auf den zugefügten Schaden sah. Dieser Tendenz zur Milderung der Strafen erwies sich dann noch das milde Naturell förderlich, das einige Stämme von Anbeginn an hatten, wie bei uns manche kleine Kinder, und das sie zum Verlassen der kriegerischen Gewohnheiten trieb. So erklärt es sich, dass die Todas, die Bodas, die Ainos, weche sanften Charakters und gewissenhaft sind, ihnen geliehene Summen über den Betrag hinaus zurückerstatten. So wohnen nahe bei den räuberischen Balantis die friedlichen Reis bauenden Bagnus. 7. Andere Ursachen der Ausgleichung. — Zur Umwandlung der Privatrache in eine materielle Entschädigung trugen die Uebergriffe der Racheakte selbst bei. Diese waren immer im Missverhältniss zur Ursache und mussten so eine unaufhörliche Störung der öffentlichen Ruhe bilden infolge der unablässig sich verkettenden neuen Gewaltthaten. Den irischen Gragas zufolge war die Blutrache nur anderthalb Jahre lang nach der That den Angehörigen und den Zeugen der That gestattet. Nach Ablauf dieser Zeit blieb nur noch die gerichtliche Klage. Ebenso durfte man sich für die leichten Verletzungen nur im Moment der That selbst rächen. (Gragas, cap. XIII.) So erlaubte auch das mosaische Gesetz die Blutrache selbst für eine fahrlässige Tödtung (5. Moses XIX.,), aber es bestimmte für letztere drei (sechs) Asylstädte (4. Moses XXXV., 15). In dem spanischen Gesetzbuch „Fuero Juzco" war die Talion für Verletzungen am Kopf nicht gestattet, weil die Entschädigung das Maass der Verletzung überschritt, (du Boys, 1. c.) Auch war die Blutrache nicht gestattet, wenn der Getödtete keine nahen Verwandten hatte. 8. Einfluss des Besitzthums. — Aber vor allem erweist sich in der gedachten Richtung das Aufkommen von Wohlhabenheit und der Besitz von Eigenthum wirksam, mit dem man in angemessener Weise den Schaden gut machen konnte. Und dieser Umstand erhöhte seinerseits die Macht Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 89 der Häuptlinge, da sie die Bussen zu bestimmen und aufzulegen hatten. Wenn die Entschädigung an Stelle der Blutrache einmal eingeführt war, so ergab sich naturgemäss die Nothwendigkeit des Eingreifens einer Obrigkeit, die den Betrag zu bestimmen hatte, und die Ausdehnung dieses Systems auf alle andern Vergehen, die sämtlich unter den Begriff einer materiellen Beschädigung fielen. 9. Häuptlinge. —Die Vortheile, welche die Häuptlinge und die Priester von diesen in Geldbussen umgewandelten Strafen hatten, trugen weiter zur Befestigung dieses Systems bei. In Tibet kann der Reiche einen Mord dadurch sühnen, dass er dem Rajah, den hohen Beamten und der Familie des Todten eine Busse entrichtet. In Uganda (Speke) konnte einer zum Tode verurtheilt werden, wenn er in Gegenwart des Königs einen kleinen Verstoss gegen die Etikette begangen, etwa zufällig die Kleider oder den Thron des Königs berührt hatte. Hier haben wir den Einfluss der despotischen Gewalt, die, einmal eingeführt, zu Absurditäten führt. Doch ist nach Speke soviel sicher, dass viele von diesen Majestätsbeleidigungen von den Königen, wie wir später es bei den Cäsaren sehen werden, aus Finanzgründen erfunden wurden. Speke erzählt uns zum Beweis, dass ein Offizier, der keinen eleganten Kopfschmuck bei Hofe trägt, deshalb den Kopf verlieren kann, dass aber immer die Strafe in eine Busse an Ochsen, Hühnern und Messingdraht verwandelt wurde.,— In der Reisebeschreibung von Speke findet man noch ein lehrreiches Beispiel einer Verwandlung von Todesstrafe in eine Busse am Vermögen. — Ein Läufer Mtesas hatte sich allem Recht zuwider ein Tigerfell umgethan, eine Insignie der königlichen Familie. Ein Offizier sagte darauf zu Speke : „Wenn ich ihn anzeige, verliert er nichts weniger als den Kopf." unter diesen Umständen war der Schuldige sehr froh, sich mit hundert Färsen loskaufen zu können. 10. Religion. — Da die Religion immer dazu bereit ist, die überlieferten Gebräuche in ihren Dienst zu stellen und 90 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. zu verewigen, so nutzte sie auch zuerst die Bussen zu ihrem Vortheil aus in Ländern, in denen das theokratische Element das kriegerische überwog, und überlieferte das System bis auf uns. Im Gesetzbuch Hanns (IX., 522) ist verordnet, dass der König den Braminen alle Erträgnisse der Busse überweisen soll. Diese heiligen Bussen müssen sehr gebräuchlich gewesen sein, wenn schon in der Bibel das "Wort Sünde und Schuld, Katta und Nuavon, vollständig synonym geworden ist mit Opfer, das für die Sünde und die Schuld gebracht wird. Ebenso bedeutet im Sanskrit Kleseva Sünde und Opfer. Solche Worte sind wahre Gedächtnissmünzen („parole medaglie", wie Harzolo sie nannte), die uns zeigen, wie der Begriff „Verbrechen" im Henschen nicht aufstiege ohne den Begriff der für das Verbrechen erlittenen Strafe, gerade so wie es noch der Fall ist bei der Verbrechernatur, die wir später kennen lernen werden. Aus der theokratischen Beeinflussung erklären sich auch die berühmten Gottesgerichte, die mit merkwürdiger üeberein- stimmung von allen primitiven Völkern angenommen wurden. 1 Wenn wirkliche Zeugen fehlten, musste es den Völkern, die die Religion mit der Gerechtigkeit und die Richter mit den Priestern verwechselten, nicht ganz natürlich erscheinen, dass man sich an den Gott wandte, der, das Oberhaupt aller Häuptlinge, die menschlichen Geschicke lenkt? Bei solchen Gelegenheiten war aber die Dazwischenkunft der Priester nie eine unentgeltliche. So heisst es Leviticus 5: „Wer eine Leiche oder sonst etwas Unreines berührt hat, soll für die Schuld dem Herrn ein Schaf oder eine Ziege opfern, oder wenigstens zwei Tauben, die eine zum Sündopfer, die andere zum Brandopfer. Und bringe sie dem Priester. Der soll sie erst zum Sündopfer machen und ihr den Kopf abkneifen u. s. w. Vermag er aber nicht zwei Tauben, so bringe er für seine Sünde einen zehnten Theil Epha-Semmelmehl zum Sündopfer. Und wenn sich einer vergreift an dem, was dem Herrn geweiht ist, soll er zum Opfer bringen einen makel- 1 Kohler: Beiträge s. d. Lehre v. d. Ordalien (Birmanen, Westafrika). Liszt: Zeitschr. V. 681. VI. 365. Zeiischr. f. vergl. Bechtsivissensch. V. 368. Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 91 losen "Widder, dazu das, was er an dem Geweihten gesündigt hat, wiedergeben und das fünfte Theil darüber geben und soll's dem Priester geben." Bei genauerer Betrachtung sind auch diese Fälle wahre Beispiele von Simonie oder von Betrug in gewinnsüchtiger und herrschsüchtiger Absicht seitens der Priester und Stammeshäupter. Und doch ist durch Vermittelung dieser und anderer analoger unsittlicher Praktiken die wahre Sittlichkeit in die Welt gekommen, der eine zu strenge und reine Tugend vielleicht nicht hätte helfen können. Nach du Boys begann der Todtschlag (a. a. 0.) bei den Germanen zu verschwinden durch den Kult der Göttin Freya; während der Dauer der ihr zu Ehren gefeierten Feste (Freda) war Waffenstillstand zwischen Feinden und Gegnern. In dieser Ruhezeit entwickelten sich friedliche Beziehungen, die später sich befestigten. So führte die Einmischung der Religion zum Verschwinden der Verbrechen und zur Einführung einer Strafgesetzgebung, denn wer den Frieden (die Freda) brach, wurde mit dem Tode bestraft. Ueberhaupt hat die Religion neben vielen abergläubischen Vorstellungen doch auch den Begriff der Schuld befestigt. Zwar beruhte sie anfangs wesentlich auf den selbst strafbaren Interessen weniger Schlauköpfe, überhaupt Solcher, die aus ihr Vortheil zogen. Aber wenn auch anfangs „Strafen" nur für die Gesetzgeber sich vortheilhaft erwiesen, so gereichten sie doch allmählich dem ganzen Menschengeschlechte zum Nutzen, das ohne andere Zügel als die Muskelkraft sich nicht hätte in einen wirklichen Organismus umbilden können. 11. Sekten. — Manchmal trug zu dieser Umwandlung und zur Einführung der Strafe auch die Bildung geheimer Genossenschaften bei, oft mit religiösem Anstrich, von denen es bei den barbarischen Stämmen wimmelt, und ebenso in den civilisirten Ländern, die unter dem Druck von Tyrannei schmachten. Es sind meistens die Schwachen, die, getrieben von dem Bedürfniss, gegen die Uebermacht der Starken sich zu wehren, Verbrechen begehen, die im Grunde nichts anderes sind, als ein sehr roher Strafvollzug; allerdings ein sehr 92 Erstes Theil. Uranfang des Verbrechens. unreines, aber doch wirksames Mittel der Sittlichkeit, welche aus diesem Grunde oft den Sieg davonträgt. So war es im Anfang der Camorra, die eine Art von Vertheidigung geordneter Gewaltthätigkeit gegen anarchische Gewaltthätigkeit war. So waren im Mittelalter die Heilige Vehme und die Hermandad berühmt, welch' letztere sich gegen das Räuberwesen so nützlich erwies, dass die Könige von Spanien ihr Vollmachten gaben und sie begünstigten, (du Boys IV.) Noch heute bilden die Nihilisten in Russland eine verbrecherische Gesellschaft mit humanitärem Zwecke. 12. Ein ganz brutales ungerechtes verbrecherisches Repressionsmittel war die' „gerichtliche Menschenfresserei", wie sie Letoueneau nennt. So haben wir gesehen, wie bei den Battas die Ehebrecher, die nächtlichen Diebe u. B. w. dazu verurtheilt wurden, vom Volke aufgezehrt zu werden. Bei der Verbrecherin hatte der Gatte das Recht auf das beste Stück. (Letourneau.) Auch auf der Insel Bow verzehrte man die Mörder, und das ist der einzige Punkt Polynesiens, wo man die „gerichtliche Menschenfresserei" konstatirt hat, die nach Bourgarel auch in Neukaledonien üblich war als öffentliche Rache gegen die zum Tode Verurtheilten, und die nach Marko Polo auch bei den Tataren Sitte war. Wer kann sagen, wie viele Todesurtheile mögen diktirt worden sein von der Gefrässigkeit, von dem Appetit nach Menschenkotelettes? Und doch konnte diese scheussliche verbrecherische Praxis, die sich noch erhielt, als die Civilisation schon etwas vorgeschritten war, dazu beitragen, die Verbrechen auszurotten! Auch die Sitte der allgemeinen Kohabitation mit der Ehebrecherin, die im alten Latium herrschte, kann oftmals lüsterne Männer zu ungerechten Urtheilen verführt haben — und in unseren Augen ist sie ja selbst verbrecherisch. 13. Schlussfolgerungen. — Bedenken wir, dass der mächtigste Antrieb zur Reaktion gegen das Verbrechen das Be- dürfniss der Blutrache war; dass ferner die Weibergemeinschaft verschwand infolge der Unzucht, die durch die Laune der Vor- Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 93 nehmen eingeführt wurde, der Vielmännerei nnd Vielweiberei, die viel öfter als durch die Seltenheit oder Häufigkeit der Weiber geschaffen wurde durch die Vorliebe, welche das Haupt oder der Mächtigste des Stammes für bestimmte Frauen hatte, sehen wir, welche Rolle später der Raub spielte und die Uebermacht eines Häuptlings, dessen Frau zu berühren allein als Verbrechen galt, nicht aber, wenn es sich um die Frauen Anderer handelte, — bedenken wir, wie die Strafe finden Diebstahl zuerst auftrat unter dem vorwiegenden Einfluss von Raubzügen der Häuptlinge oder Mächtigsten, welche die geraubten Besitzthümer mit den Schwächeren nicht theilen wollten, so dass es vor allem der gegen Häuptlinge begangene Diebstahl war, wo die Justiz zuerst in gleicher "Weise wie beim Ehebruch sich einmischte, — so darf man, ohne in den Verdacht der Lästerung zu gerathen, dreist behaupten, dass die Sittlichkeit und die Strafe grossentheils aus dem Verbrechen hervorgegangen sind. 14. Spuren der alten verbrecherischen Tendenzen. — Wie so manche rudimentäre Eingeweide und Muskeln als Zeugen von ihrer Wichtigkeit und Präexistenz in grösserem Maassstab in anderen Organismen und im Fötalzustand fortbestehen, ebenso ist es mit manchen alten Gebräuchen, die meistens von der Religion geschützt werden. Die Gebräuche erinnern an die Existenz der alten barbarischsten Sitten, obwohl man längst die Spur ihrer Abstammung verloren hat, und dauern bis auf unsere Tage fort. Vom Kannibalismus und Kinderopfer ist die Beschneidung bei Juden und Mohammedanern als Symbol verblieben. Die Weibergemeinschaft, die nothwendigerweise zur Herrschaft der Mutter führen musste, besteht noch in Andamano — wie sie bei den etruskischen Völkern bestanden hat —, aus deren Hinterlassenschaft, wie man glaubt, die weiblich klingenden Familiennamen: la Ceoilia, la Margheritta, la Russa herrühren. 15. Ebenso ist es mit den ursprünglichen Begriffen von Justiz und Strafe an bis zum Kriminal verfahren der Wilden. Das Duell besteht immer noch, obgleich in weniger gefährlicher, 94 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. oft nur noch lächerlicher Form. Der Instinkt der Rache 1 besteht noch sehr lebhaft in unseren niederen Klassen, aber schleicht sich häufig auch unwillkürlich als Lapsus linguae in die Reden unserer Richter ein. Die TJrtheile fallen immer desto härter aus, je mehr die Richter noch unter dem frischen Eindruck eines Verbrechens stehen, je kürzer die Zeit ist, da es begangen wurde. Ein Rest der alten Kirchen- (Geld-) busse für ein Verbrechen bestand noch viele Jahrhunderte fort. Ja, die Missbräuche des Ablasses wurden zur Hauptursache der Reformation Luthers. Es ist noch nicht lange her, dass für jedes Verbrechen öffentlich die Taxen verlangt wurden. Jedes hatte seinen genauen Tarif, 2 der, abgesehen von der grösseren Genauigkeit, 1 Verhältni8smässig am längsten erhielt sich das Recht, den Ehebrecher zu tödten. Vgl. fr. 20 ad leg. Juliani de adulteriis, vgl. auch fr. 4 § 1 Dip. IX. 2. 2 Les taxes de la S. Penitencerie Apostolique, traduction nouvelle en regard du texte latin, par P. Saint Andre, ecc. Paris 1870. Ein Laie, der einen Priester getödtet hatte, wurde absolvirt, wenn er sieben bis neun Groschen zahlte. Keine Absolution, wenn er widerspenstig war. War aber der Getödtete ein Laie, so genügten fünf Groschen. — Die Absolution für Den, der seinen Vater getödtet hat oder Mutter, Bruder, Schwester, kostet für jeden solchen Todschlag fünf bis Bieben Groschen. Für dasselbe Verbrechen wurde später die Taxe von einem Dukaten und fünf Carlin verlangt. — Die Absolution für Plünderung, Brandstiftung, Diebstahl und Laienmord kostete acht Groschen. — Für einen Laien, Priester oder Kleriker kostete die Absolution für Schläge, die einen Dekan, Priester, Diakonen oder Kleriker oder irgend einen Geistlichen oder auch einen Laien trafen, wenn Blut dabei floss, neun Groschen. Ohne Blut und Gewaltthat sieben Groschen. Bemerkenswerth ist ferner der Gegensatz zwischen den Taxen für einige neue sehr unpassend als solche bezeichnete Vergehen, und für andere dagegen, welche der menschlichen Natur zuwiderlaufen und doch viel niedriger veranschlagt sind. So kostet die Nichterfüllung eines Pilgerschaftsgelübdes drei Dukaten. So zahlt zwei Dukaten und drei Carlin, wer ein geistliches Gelübde abgelegt hat und nachher heirathet. Wer von einem religiösen Orden in einen anderen übergehen will, zahlt vier Dukaten und vier Carlin. Der Priester, der sich vor 25 Jahren ordiniren lässt, zahlt neunzehn Groschen u. s. w. Wer Leichen zur Zeit eines Bannes begräbt, zahlt neun Groschen. Dagegen zahlt nur sechs Groschen, wer bei seiner Frau durch Stösse Abortiren hervorruft. Die Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 95 in moralischer Hinsicht keinen Unterschied aufwies von dem des ärgsten Wilden. Als Beispiel hierfür kann jene Rolle dienen, deren Text ich in meinem Buch Zunahme des Verbrechens (2. Aufl. S. 148 ff.) veröffentlichte, die in Sicilien his 1860 volle Geltung hatte und zu deren Abschaffung es ministerieller Dekrete bedurfte. Bin Rest der ursprünglichen Justiz auf Grund der Volksleidenschaft, ja der zoologischen Justiz (s. Kap. II.) besteht noch in dem Institut der Geschworenen, welches noch jetzt hauptsächlich in den warmen Ländern den Mörder freispricht, während es den Dieb verurtheilt, geradeso wie in den Uranfängen der Justiz. Buchstäblich wiederholt sich auch diese verbrecherische Justiz in Amerika im Lynchgesetz, das ein Publicist als eine Explosion der Volkswuth definirt unter der Form einer Rechtspflege, und das ganz anders geübt wird gegen die Neger als gegen die Weissen. Oft wird es ausgeübt, wie auch die gerichtliche Menschenfresserei, als ein Akt barbarischer Genugtuung, wegen des Vergnügens, einer Hinrichtung beizuwohnen und daran theilzunehmen. Auch heute noch ist das Wohlgefallen, das im Publikum sich zeigt über die Verurtheilung, selbst die eines Geisteskranken, der gewaltsame Handlungen begangen hat, eine Art des alten Gefühls der Rache, das seinerseits, wie wir sehen werden, die Ursache der Mehrzahl der Verbrechen ist, da es beim geborenen Verbrecher in viel grösseren Proportionen noch erhalten ist. Der zähe Widerstand, dem die neue juristisch-anthropologische Schule begegnet, welche die Verbrecher als Kranke betrachtet, sie aber trotzdem oder vielmehr gerade deswegen Frau, die durch innere oder äussere Mittel abortirt, zahlt ebensoviel, ebenso der, der eine Jungfrau nothzüchtigte. "Wer mit seiner Mutter oder Schwester Unzucht treibt, zahlt nur fünf. — Genug davon. Das Ganze ist gekrönt durch eine Bulle des Papstes Paul, welche daran erinnert, „dass wenn bei jedem Urtheil man gerecht und gewissenhaft sein soll, dieses vor allem nöthig ist in den Angelegenheiten des Schutzes der kirchlichen Hechte". 96 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. für immer unschädlich gemacht wissen will, — der Widerstand gegen sie kommt eben von diesem Raehegefühl, das in Jedermann im stillen schlummert, auch in Demjenigen, welcher sich davon am meisten frei erklärt, und das sich mit der einfachen Unschädlichmachung nicht genug befriedigt fühlt, sondern auch noch die grausame Genugthuung haben will, Den leiden zu sehen, der Andere leiden machte, d. h. doch nichts anderes als die Talion begehren, die man freilich bei ihrem wahren Namen zu nennen sich schämt. 16. Die allgemeine Verbreitung des "Verbrechens, die wir in einer gegebenen Epoche nachwiesen, und sein allmähliches Verschwinden infolge von neuen Verbrechen, welche die Spuren ihres Ursprungs bis in unsere heutigen Strafen hereingetragen haben, lässt uns mehr noch als das Verbrechen bei den Thieren an der vorgeblichen „ewigen Gerechtigkeit" der Metaphysiker zweifeln und weist uns hin auf die wahre Ursache der beständigen Wiederholung des Verbrechens, sogar inmitten der civilisirten Rassen, auf den Atavismus. Schliesslich kann uns der unsaubere Ursprung der Justiz ibre ungleiche Vertheilung zwischen den verschiedenen Völkern erklären, und was noch schlimmer ist, zwischen den verschiedenen Ständen. Während vom Katheder herab über die ewige Gerechtigkeit deklamirt wird, die für Alle gleich sei, findet der Arme nur - ausnahmsweise und aus Mitleid wirkliche Gerechtigkeit, im Gegensatz zum Reichen, der viel eher als der Arme Mittel findet, der Strafe zu entgehen und sie zu mildern. Die Erinnerung dessen, dass die Justiz oft der Ausfluss der Launen eines Despoten oder eines Priesters oder der Volksleidenschaft war, erklärt uns, weshalb viele Völker sich noch nicht von dem absurden, aber atavistischen Recht der „königlichen Gnade", und von der so zweckwidrigen, verderblichen und unsicheren, aber auch atavistischen Einrichtung, dem Schwurgerichte, befreit haben. Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 97 Drittes Kapitel. Das moralische Irresein und das Verbrechen bei den Kindern. I. Einleitung. Eine Thatsache, die vielleicht der Mehrzahl der Beobachter entgangen ist, gerade um ihrer Einfachheit und Häufigkeit willen, und auf die bis jetzt auch Moreau, Peeez und Bain kaum hingewiesen haben, ist die, dass die Keime des moralischen Irreseins und der Verbrechernatur sich nicht ausnahmsweise, sondern als Norm im ersten Lebensalter des Menschen vorfinden, gerade so wie sich beim Embryo regelmässig gewisse Formen finden, die beim Erwachsenen Missbildungen darstellen, so dass das Kind als ein des moralischen Sinnes entbehrender Mensch das darstellen würde, was die Irrenärzte einen moralisch Irrsinnigen, wir aber einen geborenen Verbrecher nennen. Dass es auch die ganze Heftigkeit der Leidenschaft eines solchen besitzt, wird im folgenden nachgewiesen. 1. Zorn. — Perez macht auf die Häufigkeit und das frühzeitige Auftreten des Zornes bei den Kindern aufmerksam. — In den ersten zwei Monaten zeigt das Kind durch die Bewegungen der Augenbrauen und Hände Spuren wahrer Zornanfälle, z. B. wenn man es baden will, wenn man ihm' einen Gegenstand wegzunehmen droht. Beim einjährigen Kinde geht der Zorn soweit, dass es seine Umgebung schlägt, Teller zerbricht oder nach Denjenigen, die ihm etwas angethan haben, wirft, ganz wie es die Wilden machen. (Prrez.) Das Kind wird zornig, wenn es Schmerzen leidet oder das Bedürfniss fühlt, zu schlafen oder sich zu bewegen, wenn es sich nicht verständlich machen kann, wenn man es in seinen Gewohnheiten stört oder es hindern will, zu weinen, sich auszutoben, wenn man es dazu anhält, gegen Fremde liebenswürdig zu sein, oder wenn man es durch die Dienstboten strafen lässt. Aber viel-häufiger ist die Ursache eine sinnlose. Denn bei den Kindern, wie Perez richtig bemerkt, herrscht der Eigensinn und das Triebleben vor, wie Jedermann weiss, Lombroso, Der Verbrecher. I. 7 98 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. der Kinder zu pflegen, zu waschen, anzukleiden, zu Bett zu bringen hat. Und der Zorn nimmt dann hei ihnen den heftigen Ausdruck der Laune, der Eifersucht, der Rache an, schadet ihrer Entwickelung, besonders denen, welche Anlage zu Krämpfen haben, und kann eine furchtbare Heftigkeit erreichen. Manche Kinder, sagt Moreau — De l'homicide chez les enfants. 1882 —, können keinen Augenblick ruhig abwarten, bis man ihnen das Verlangte gewährt, sondern gerathen bei dem geringsten Verzug in einen merkwürdigen Zorn. Moreau kannte einen achtjährigen, sehr intelligenten Knaben, der auf den leisesten Tadel seiner Eltern oder Anderer hin in den heftigsten Zorn gerieth, aus allem, was ihm unter die Hände gerieth, sich eine Waffe machte, und wenn er seine Ohnmacht einsah, alle Gegenstände, deren er habhaft wurde, zerbrach. Ein 4 Monate alter Knabe konnte nur mit Hülfe mehrerer Personen in die Wiege gelegt werden. Als er 6 Monate alt war, versuchte die Mutter, ihn zu sich ins Bett zu nehmen. Dann fing aber die Wuth wieder an, wenn man ihn in die Wiege zurücklegen wollte. Als er 1 Jahr alt war wurde er heiter und gutmüthig, aber immer noch eigensinnig in manchen Gewohnheiten, so z. B. darin, dass er er durchaus in das Bett seines Vaters gebracht werden wollte. Ein Mädchen, welches ebenso heftig war, wurde am Ende des zweiten Jahres gutmüthiger. (Perbz, a. a. 0.) „Ich sah," erzählt Perez, „ein 11 Monate altes Mädchen, das in Wuth gerieth, weil es die Nase seines Grossvaters nicht erreichen konnte. Eine andere zweijährige Kleine wurde wüthend, weil sie ein Kind sah, das eine ähnliche Puppe hatte wie sie. Sie suchte das Kind zu beissen und wurde vor Wuth drei Tage krank." „Ein zweijähriges Mädchen bekam so heftige Wuthanfälle, wenn man es schlafen legte, dass die Nachbarn kommen mussten, um es zu beruhigen." „Ein 15 Monate alter Knabe biss seine Mutter, wenn sie ihn badete. Ein dreijähriger Knabe, der aus dem Speisezimmer weggeschickt worden war, warf sich mitten unter der Thür auf den Fussboden unter fürchterlichem Heulen." Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 99 Der Zorn ist demnach beim Menschen ein elementares Gefühl, das man erziehlich beeinflussen mnss, das man aber gänzlich auszurotten nicht hoffen darf. 2. Rache. — Schon die angeführten Fälle zeigen die Häufigkeit und das frühe Auftauchen des Rachegefühls im Kindesalter. Es giebt Kinder, die schon im siebenten oder achten Monate ihre Amme kratzen, wenn sie ihnen die Brust entziehen will, oder Schläge mit Schlägen erwidern. Ich kannte einen geistig zurückgebliebenen Knaben mit massigem Wasserkopf, der vom sechsten Jahre an sich sehr reizbar zeigte für den geringsten Verweis und für jede körperliche Strafe. Konnte er Denjenigen schlagen, der ihn geärgert hatte, so beruhigte er sich. Sonst fing er an zu schreien und biss sich in die Hände mit einer eigenthümlichen Geberde, wie ich sie schon in Menagerien an Bären beobachtet habe, die sich für eine gegen sie ausgelassene Drohung nicht rächen konnten. Zuweilen reagirte er noch mehrere Stunden nach der ihm widerfahrenen Kränkung, und immer suchte er die Anderen an derselben Stelle des Körpers zu treffen, an welcher er getroffen oder auch nur bedroht worden war. Besonders wüthend wurde er dann, wenn er sich ungerecht oder nur aus Hass bestraft glaubte, viel weniger, wenn aus Scherz. Im zehnten Jahre besserte er sich. Ein anderer Knabe, der im Alter von 4 Jahren so wild war, dass er seine eigene Mutter auf der Strasse schlug, wurde nach zurückgelegtem elften Jahre folgsam und gut. 3. Eifersucht und Neid. — Die Eifersucht ist allen Thieren eigen und zeigt sich auch bei den ruhigsten Menschen. Bald bricht sie in heller Flamme aus, bald glimmt sie unter der Asche. Ihre Ursache kann Liebe oder auch ein materielles Besitzthum sein. Pbrez kannte ein Kind, das nicht nur eifersüchtig war auf Diejenigen, die sich seiner Amme, sondern sogar auf Diejenigen, die sich seiner Saugflasche näherten. Oft zerbrechen Kinder lieber einen Gegenstand, ehe sie ihn an Andere abtreten. Fänölon (Education des enfants. chap. V.) sagt: Bei den Kindern ist die Eifersucht heftiger als man sich vorstellt. 100 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Es giebt Kinder, die allmählich verkümmern, weil sie sieh weniger geliebt fühlen als andere. . Tiedemann bemerkte an einem 22 Monate alten Knaben, dass er gelobt sein wollte, wenn man seine Schwester lobte, und dass er diese schlug, wenn sie ihm nicht abtrat, was sie geschenkt bekommen hatte. Ein Knabe von 3 Jahren, der mit vielem Vergnügen von seiner zu erwartenden Schwester sprach, fragte sofort, als er sie auf die Welt gekommen und geliebkost sah, „ob sie nicht bald sterben müsse". Ich habe dies Gefühl im ersten Monat entwickelt gesehen, ja in den erten Lebenstagen, bei einem kleinen Mädchen, das nicht mehr saugte, wenn es an der andern Brust seine Zwillingsschwester säugen sah, so dass man sie sofort trennen musste. Als sie 4 Jahr alt war, hörte sie auf zu essen, wenn sie vom Fenster aus auf der Strasse ein Kind sah, das wie sie gekleidet war. Im 15. Lebensjahre schien es nach einem überstandenen Typhus, als ob sie sich gebessert hätte; später jedoch im Alter von 25 Jahren war sie mehr heuchlerisch als gut. Bei hydrokephaler Schädelbildung litt sie an hysterischer Hyperästhesie; ihr Vater hatte an Moral insanity gelitten. Valbust (Moreau, S, 57) erzählt von einem sechsjährigen Knaben, der auf seinen jüngeren Bruder so eifersüchtig war, dass er seinen Eltern oft ein Messer reichte und sie aufforderte, ihn zu tödten. 4. Lüge. — Montaigne sagt, die Lüge und der Eigensinn wächst bei den Kindern in gleichem Maasse wie ihr Körper. Boudin sagt, alle Kinder sind Lügner, vor allen aber die Findelkinder, die sich ein Vergnügen daraus machen zu lügen. Pekez ist derselben Meinung und sieht als hauptsächlichsten Grund dafür die Leichtfertigkeit an, mit der wir die Kinder schon in ihren ersten Lebensmonaten täuschen, wenn wir sie beim Waschen u. s. w. beruhigen wollen. Sie lügen v um das zu erreichen, was man ihnen versagt, oft um einen Tadel zu vermeiden, oft auch, um den Schein zu erwecken, Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 101 als ob sie keinen Tadel verdient hätten. So hatte ein kleiner Knabe seine Mutter garstig genannt, als sie ihn wusch, und als man ihn fragte, wen er damit meine, sagte er: Das Wasser! Manchmal lügen sie, um einen Leckerbissen zu bekommen, indem sie der Wahrheit zuwider versichern, noch nichts davon gegessen zu haben. Oder sie lügen unter dem Eindrucke eines lebhaften Schmerzes nach einem Falle, entweder um sich stark zu zeigen, oder um die demüthige Lage, in der sie sich befinden, vor sich selbst zu verbergen. Einige lügen aus Eifersucht (ein Mädchen z. B. suchte ihren kleinen Bruder dadurch bei der Mutter, die ihn liebkoste, herabzusetzen, dass sie angab, er habe den Papagei geschlagen); andere aus Trägheit (sie stellen sich z. B. krank, wenn sie an einen gewissen Ort gehen sollen). Ich selbst erinnere mich, dass ich — im Alter von 5 bis 6 Jahren — unter einem ähnlichen Vorwande die mir langweilige Rechenstunde mehrere Monate lang geschwänzt — und sogar die Aerzte getäuscht habe. Nach dem dritten oder vierten Jahre lügen Kinder aus Furcht vor Strafe und zwar infolge der Art und Weise, in der wir unsere Fragen an sie stellen und ihre Antworten erwarten. Häufig jedoch lügen sie zum Vergnügen und aus Eitelkeit. „Fallebam innumerabilibus mendaciis paedagogos amore ludendi" etc. bekennt St. Auöustin. Es giebt Kinder, die sich aus Eitelkeit unmögliche Belohnungen vorspiegeln. Ein Mädchen z. B. erzählte sich selbst Märchen, in denen sie die Rolle der Königin spielte und tagelang entzückt davon war. Eine der häufigsten Ursachen davon, dass Kinder lügen, ist ihr triebartiges Wesen und das mangelhafte, minder tiefe Gefühl für Wahrheit. Daher fällt es ihnen nicht so schwer wie andern, die Wahrheit zu verheimlichen oder zu entstellen, wenn es gilt, einen Zweck leichter zu erreichen, — ganz so wie bei den Wilden und Verbrechern. Sie können sich oft in einer unglaublichen Weise verstellen, wie wir es kaum Personen in reiferen Jahren zutrauen. So kannte ich ein Mädchen, welches im Alter von 4 Jahren so geschickt Zucker stahl, dass es nie dabei ertappt wurde 102 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. und ausserdem noch den Verdacht auf das Dienstmädchen zu lenken verstand. Noch durchtriebener zeigte sich eine andere, die, bloss um Aufsehen zu erregen, die Lüge ersann, es gingen ihr Knochen aus der Vagina ab, und jahrelang erfahrene Aerzte damit täuschte. Ein anderes fünf- bis sechsjähriges Mädchen hatte ihre Pflegemutter einen Zeitungsbericht über einen Skandalprocess lesen hören. Wenige Tage darauf erlog sie, dass ihr Vater und Grossvater schmutzige Dinge mit ihr verübt hätten; ein Process "war die Folge davon; die objektive Untersuchung ergab jedoch, dass alles auf Erfindung beruhte, deren einziger Beweggrund in dem Wunsche des Kindes lag, im Zeitungs- blättcben von sich sprechen zu hören. (Botjrdin : Des enfants menteurs. Paris 1883, und Kosibk: Aus den Papieren eines Vertheidigers. Graz 1885.) Bourdin, der von der Häufigkeit des Lügens unter den Kindern so sehr betroffen war, dass er obengenanntes Buch darüber veröffentlicht hat, erzählt: In der Schule stellte sich ein Knabe, in der Absicht frei zu kommen, als ob er eine Erbse im Ohre habe, und schrie darüber so entsetzlich, dass ihm die Meisten glaubten. Ein anderer Knabe simulirte zu demselben Zwecke einen sehr komplicirten Veitstanz. Ein erst dreijähriges Mädchen, dem seine Mutter verboten hatte, um Esssachen zu betteln, sagte zu einer Dame, sie möchte ihr nur geben und der Mutter nicht sagen, dass sie etwas angenommen habe. Dieses Mädchen war zugleich eitel und wünschte sich ein besseres Kleid; um das zu erlangen, log sie ihrer Mutter vor, obige Dame habe ihr vorgeworfen, dass sie nicht anständig angezogen sei. Ueber diese neue Lüge zur Rede gestellt, leugnete sie hartnäckig. Einmal behauptete sie, kein Frühstück bekommen zu haben, und verlangte zum zweitenmal ihre Portion. Das ist übrigens ein Fall, der bei Kindern häufig vorkommt. 5. Moralischer Sinn fehlt den Kindern in den ersten Lebensmonaten, ja im ersten Lebensjahre gänzlich. Gut oder böse ist für sie nur das, was vom Vater oder von der Mutter erlaubt oder verboten wird; von selbst fühlen sie Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 103 niemals, dass etwas schlecht ist. „Es ist garstig, wenn man lügt und ungehorsam ist," sagte ein Knabe zu Pbrez, „das sieht die Mutter nicht gern." Alles andere aber, was um ihn her geschah, hielt er demnach für recht und also auch für gut. „Wenn ich weine," sagte ein Kind, „so bringt mich Mama zu Bett und schiebt mir ein Kissen unter." — Und so halten sie es auch mit den moralischen Handlungen: sie finden gut, was ihnen Lob einträgt. So kannte ich ein wohlerzogenes Kind, das sich fürchtete, als ob es ein Verbrechen beginge, wenn es seine Nothdurft im Zimmer verrichten sollte. Ein Knabe von 2 7a Jahren sagte, wenn er artig gewesen zu sein glaubte: „Die Leute werden sagen: Bin ein gutes Kind!" (Perez.) Einen vierjährigen Knaben sperrte seine Mutter zur Strafe, weil er gelogen hatte, in den Keller. Auf dem Wege dahin sagteer: „Ja, ich verdiene noch weit Schlimmeres." Derselbe Knabe aber sträubte sich und schrie und hielt es für eine Ungerechtigkeit, als ihn seine Grossmutter zur Strafe nur in eine dunkele Kammer schicken wollte. Der schmerzliche Eindruck, den eine Strafe bei Kindern verursacht, ist also verschieden je nach den Personen, von denen dieselbe ausgeht und gegen welche sie gefehlt haben, — ganz so, wie wir es von den Wilden wissen. Kurz, die Begriffe der Gerechtigkeit, des Eigenthums entwickeln sich bei Kindern erst dann, wenn sie den Schmerz des Verlustes dessselben empfunden haben, oder wenn sie sagen hören, dass etwas schlecht sei. Im allgemeinen hasst das Kind die Ungerechtigkeit, besonders wenn es selbst darunter leidet; für das Kind selbst besteht sie aber nur in dem Widerspruch der gewöhnlichen und der zufälligen Behandlung, die es erfährt. Unter neuen Verhältnissen fühlt sich das Kind als ein ganz anderes. So änderte ein Kind, das vom Hause seiner Mutter zu Perez hinübergebracht worden war, sein gewohntes Betragen je nach den neuen Personen, die es zu sehen bekam, es suchte mit Schreien und Toben seinen Willen durchzusetzen und gehorchte nur Perez selbst. 104 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Der moralische Sinn ist also eines derjenigen Geistesvermögen, die am empfindlichsten für die Einflüsse der moralischen Atmosphäre sind. Der intellektuelle Keim des moralischen Sinnes, die Vorstellung von Gut und Böse äussert sich nie vor dem sechsten oder siebenten Lebensmonate. Perez sah einen 7 Monate alten Knaben, dem seine Mutter die Einsicht beigebracht hatte, dass es unrecht sei, wenn es beim Waschen schreie oder auf den Arm genommen sein wollte. Die meisten lassen es sich aber nicht beibringen und schreien und benehmen sich um so un- geberdiger, wenn man es versucht. Das erste Aufdämmern des moralischen Sinnes tritt ein, wenn die Kinder für gewisse Geberden und Betonungen, die einen Verweis zum Zwecke haben, Verständniss äussern, wenn sie aus Eurcht oder Gewohnheit zu gehorchen anfangen. Das Interesse, die Eigenliebe, die Leidenschaft, die Ent- wickelung der Intelligenz und des Nachdenkens fördern die Unterscheidung von Recht und Unrecht; noch mehr vielleicht thut es die Theilnahme, die Macht des Beispieles und die Furcht vor Tadel; aus allen diesen Elementen baut sich das Gewissen auf. — Das Kind kann mehr oder minder rasch, je nach seiner Charakteranlage und nach äusseren Umständen, dazu gelangen. L. Eerris Töchterchen sagte ihm eines Tages: „Ich fühle, dass ich heut nicht gut sein kann." 6. Zuneigung. — Auch dieser Affekt ist bei den Kindern in geringem Maasse vorhanden. Sie äussern allerdings Gefallen an hübschen Gesichtern und fühlen sich zu Denjenigen hingezogen, die ihnen Vergnügen verschaffen, z. B. zu kleinen Thieren, die sich von ihnen ergreifen und quälen lassen. "Widerwillen haben sie insbesondere gegen alle neuen Gegenstände und gegen alles, was ihnen Schrecken einflösst. Wahre Liebe fühlen sie nicht, und sogar nach dem siebenten Jahre noch vergessen sie leicht ihre eigene Mutter, wenn sie dieselbe auch noch so zärtlich zu lieben schienen. Nur zu oft sieht man zwei bis drei Jahre alte Kinder bei den schmerzlichsten Verlusten gleichgültig bleiben. Perez selbst war, als man ihn an das Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern 105 Sterbelager einer seiner Schwestern geführt hatte, nur von ihrer Aehnlichkeit mit einem seiner Kameraden betroffen und hatte nichts eiliger zu thun, als das seiner Mutter mitzutheilen. — Ein anderer vierjähriger Knabe hatte seinen liebsten Freund verloren, der Vater des letzteren schloss ihn schluchzend in die Arme; er aber machte sich rasch los und sagte: „Nun da Peter todt ist, wirst du mir sein Pferd und seine Trommel geben, nicht wahr?" Wenn die Kinder uns zu lieben scheinen, so hängen sie im Grunde, wie die feilen Weiber, nur um der Geschenke willen, die sie erhalten haben und zu erhalten hoffen, an uns, und ihre Liebe ist dahin, sobald sie nichts mehr zu erwarten haben. Ausnahmen giebt es wohl. — Doch die Seltenheit solcher Fälle, wie die der wenigen gutmüthigen Naturen unter den Wilden, den Wedas, den Santola, bekräftigt die Regel, zumal da fast immer, weil es eben Ausnahmen sind und weil diese frühzeitige Gemüthsfülle eine kräftige Körperentwickelung nicht zulässt, solche Kinder uns vor der Zeit entrissen werden. — Das ist nur zu wahr! 7. Grausamkeit. —• „Cet äge est sans pitie," sagt Lafontaine, der treue Maler der Natur. — Die Grausamkeit ist in der That einer der gewöhnlichsten Charakterzüge im Kindesalter. Schwerlich giebt es ein Kind, sagt Bkoussais (Irritation et folie, S. 20), das seine Kraft Schwächern gegenüber nicht missbraucht. Es ist das seine erste Regung, aber die Klagen des Opfers halten es zurück, wenn es nicht von Natur grausam ist, bis es durch einen neuen instinktmässigen Impuls zu neuem Vorgehen getrieben wird. Im allgemeinen zieht das Kind das Böse dem Guten vor, es ist mehr grausam als gut, weil dadurch sein Gemüth kräftiger erregt wird und zugleich einen Beweis von unbeschränkter Kraftäusserung geben kann. Darum zerbrechen Kinder so gern leblose Gegenstände. — Sie finden Vergnügen daran, Schmetterlinge aufzuspiessen, Fliegen zu ertränken, Hunde zu schlagen, Spatzen zu ersticken. Manche überziehen Mai- und Hirschkäfer mit Wachs, um sie als Soldaten zu verkleiden 11)6 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. und monatelang zu Tode zu quälen. — Das Kind ist es, sagt Dr. F., welches den Binsenkäfig, die Falle, das Schmetterlingsnetz und tausend andere kleine Zerstörungswerkzeuge erfunden hat. Dr. Blatin (Nos cruautes envers les animaux, S. 414) sah ganz gescheute Strassenbuben mit Meerschweinchen Ball spielen, die sie sich mit der Pritsche einander zuwarfen. Im Juli 1865 sah man in der Arena von Mon-de-Marsan zehnjährige Knaben gegen halbtodte Stiere wüthen und sie mit Degenstichen tödten. In Murcia, Spanien, sah man junge Mädchen in der Axena als Matadore auftreten. 8. Trägheit und Müssiggang. — Bin weiterer Charakterzug, den das Kind mit dem geborenen Verbrecher gemein hat, ist die Unlust an Beschäftigung, welche gleichwohl die Lust an Vergnügungen und Spielen nicht ausschliesst. — Es sträubt sich gegen anhaltende Arbeit, besonders gegen neue und gegen solche, der es sich nicht gewachsen fühlt. — Wird das Kind zum Lernen angehalten, so wiederholt es nach einer ersten Anstrengung dasselbe Thema immer wieder, weigert sich aber, zu einem andern zu schreiten, — nach demselben Gesetz der Trägheit, nach welchem es den Zimmerwechsel nicht liebt und die neuen Gesichter nicht sehen mag; denn unser Geist leidet unter jedem neuen starken Eindruck, während er bei den alten und weniger starken sich behaglich fühlt. Manchmal kommt auch das Gefühl der Muskelschwäche hinzu, wodurch es geschieht, dass Kinder ihr Bett besudeln, um sich nur ja nicht zu rühren. — Einen Gegensatz hierzu, aber durchaus keinen Widerspruch, bildet die Sucht der Kinder nach fortwährendem Ortswechsel, nach neuen Spielzeugen, das Verlangen nach der Gesellschaft zahlreicher Spielgenossen, die sie trotz der geringen gegenseitigen Zuneigung aufsuchen, um miteinander zu lärmen und zu toben, besonders, wie die Meteorologen beobachtet haben, an Tagen vor Gewittern, und zwar nicht selten auf Kosten armer Greise, Blödsinniger oder schwächerer Kameraden. Diese Erscheinung steht nicht im Widerspruche mit ihrer Trägheit. Sie werden beweglich, wenn es sich um Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 107 ein Vergnügen handelt, das rasch und mühelos sich verschaffen lässt, sie lieben das Neue, wenn es das Gehirn nicht angreift, und haben an der Berührung mit ihren Genossen eine Freude, die mit einer tiefern Zuneigung nichts zu schaffen hat, — ganz so, wie man es bei den Verbrechern beobachtet. 9. Kauderwälsch. — Dem geselligen Beisammenleben der Kinder entspringt eine Art von Jargon, der in gewissen Zeichen mit der Hand und — oft wechselnden, aber doch gewissen Regeln unterworfenen — "Wortverdrehungen besteht und ursprünglich wohl den Zweck hat, ihre Geheimnisse der Kenntniss der Vorgesetzten zu entziehen. Ich babe das in vielen Schulen bei den Kindern von 7 bis 12 Jahren beobachtet. 1 10. Eitelkeit. — Auch jene hochgradige Eitelkeit und der Eigendünkel, die den Grundzug des Grössenwahnes und des erblichen Verbrecherthums bilden, sind bei Kindern sehr ausgesprochen. In zwei Familien, wo die Grundsätze der Gleich, heit das Erbtheil der Eltern waren, äusserten die Kinder schon im dritten Lebensjahre ein Verständniss für die vermeintlichen künstlichen Standesunterschiede und behandelten die Armen von oben herab, die gleichalterigen Kinder der Reichen dagegen mit Respekt. Auch unter den Thieren findet man ähnliches, z. B. beim Hunde, der den Bettler anbellt. Ein schweigsames, wenig begabtes Kind, das von seiner vortrefflichen, über alle Standesunterschiede erhabenen Mutter selbst erzogen wurde, forderte von der Tochter ihrer Dienerin beim Spielen allerlei Dienste und schalt sie aus. Kam hierbei auch die Nachahmung etwas ins Spiel, so war doch vieles auf Rechnung der Grössenvorstellung zu stellen. Alle Kinder, schon im Alter von 7 bis 8 Monaten, sind auf die neuen Stiefel oder.Hüte eitel, die man ihnen anzieht, 1 Auch in deutschen Knaben- und Töchterschulen und Gymnasien ist das der Fall und — seltsamerweise — haben die Grundregeln der mannigfaltigen neugebildeten Sprachen grosse Aehnlichkeit mit denen der deutschen Gaunersprachen, wie wir sie aus Thiele, Die jüdischen Gauner, kennen lernen, d. h. abgesehen von den der hebräischen und der Zigeunersprache entnommenen Ausdrücken. Uebers. 108 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. und gerathen in Zorn, wenn sie dieselhen ablegen sollen. Selbst unter Knaben, die sich später als sehr beschränkt und in der geistigen Entwickelung zurückgeblieben erwiesen, sab icb viele, die im Alter von 9 bis 10 Monaten weinten, wenn man ihnen nicht ein gewisses auffallenderes Kleidchen anzog. Ein 20 Monate altes Kind verlangte stets das blaue Kleid, ein anderes das Hochzeitskleid. Die Kinder sind auch darauf eitel, dass ihr Vater Professor, Graf, Eigenthümer und dergl. ist. — Es giebt aucr solche, die trotz beschränkter Mittel für ihre Freundinnen verhältnissmässig viel ausgeben, um für reich gehalten zu werden. Die unwissendsten Kinder gestehen nie zu, dass sie wegen Unfähigkeit von ihren Lehrern mit Recht gescholten werden, sie suchen den Beweggrund dafür immer wo anders. Alle glauben in ihren, wenn auch geringen Leistungen Andere zu übertreffen. So sah Perez einen Knaben, der von der Schaukel herab rief: „Seht her, wie ich mich leicht schwinge; das kann keiner so wie ichl" Und doch leisteten die Spielgenossen genau dasselbe wie er. Da haben wir, bemerkt Pekez sehr richtig, die Verblendung des Eigendünkels. Das Selbstgefühl steigert sich schon bei kleinen Kindern bis zur Eigenliebe, Anmassung und Pedanterie, oft auch entwickelt es sich, bei vorhandener Neigung zur Sympathie, bis zu zärtlicher Hingabe und Leichtgläubigkeit, wodurch später die Entwickelung des moralischen Sinnes gefördert wird. Im e/sten Lebensjahre ist das Selbstgefühl allerdings kaum in den Umrissen vorhanden, wie bei den Thieren. Doch schon im zweiten und vierten Jahre tritt es fast bis zum Uebermaasse hervor. Ein 26 Monate alter Knabe heulte bei der geringsten Berührung. Später änderte er sich so, dass er aus Stolz sich nicht beklagte, sondern es für einen Scherz nahm, wenn man ihn schlug. Eines Tages wollte er in Gegenwart kleiner Mädchen nicht lesen lernen, weil er meinte, sie lachten ihn aus. 11. Trunksucht und Spiel. — Wer nur in den höheren Gesellschaftskreisen verkehrt, hat keine Vorstellung davon, in Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 109 welchem Maasse die Kinder zum Genüsse von geistigen Getränken neigen, beim niederen Volke dagegen sieht man nur zu oft sogar Säuglinge, welche mit ganz eigenem Wohlbehagen Wein und Liqueure trinken, während ihre Eltern ein Vergnügen daran haben, sie betrunken zu sehen. (Mokeau, S. 115.) Sträflinge haben mir oft erzählt, dass sie schon als kleine Kinder von ihren Eltern berauscht worden sind. Die Spielwuth der Kinder ist eine so bekannte Thatsache, dass man nichts weiter darüber zu sagen braucht. 12. Lüsterne Begierden zeigen sich auch bei Kindern schon im dritten und vierten Lebensjahre, wenn auch, infolge der noch nicht vorgeschrittenen Entwickelung, in beschränkterem Maasse. In allen Asylen wurden mir ein oder zwei Knaben gezeigt, die der Onanie ergeben waren — und es haben, wie wir später sehen werden, alle verkehrten Heize des Geschlechtstriebes, ebenso wie die verbrecherischen Neigungen schon im ersten Kindesalter ihren Ausgangspunkt. 13. Nachahmungssucht. — Sogar das Gehen und Sprechen, sagt Perez, ist grossentheils eine Folge des Nachahmungstriebes, und es wird natürlich sowohl das Gute als auch das Schlechte nachgeahmt. Die Tochter eines zornigen Vaters fing schon im 15. Monate an, die Augenbrauen zu runzeln und zu kreischen wie ihr Vater es that. Im Alter von 3 Jahren sagte sie zu Jemandem, der mit ihr stritt: „Schweige, du lassest mich ja nicht aussprechen!" ganz so wie ihr Vater es that. Die Nachahmung tritt also auch im Charakter schon auf, noch ehe wir daran denken, ihn beeinflussen zu wollen. Ein Idiot, erzählt Gall, sah einst ein Schwein schlachten; sofort fiel ihm ein, einem Menschen den Kopf abschneiden zu wollen, und er that es. Prosper Lucas erzählt den Fall, dass ein sechs- bis achtjähriger Knabe seinen jüngeren Bruder erwürgte, weil, wie er das Geschehene seinen zurückkehrenden Eltern weinend vortrug, er es dem Teufel habe nachahmen wollen, den er im Guignol den Polichinell habe erwürgen gesehen. HO Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Marc berichtet, dass einer seiner Freunde als Kind beinahe von seinen Spielgenossen gehenkt worden wäre. Sie hatten nämlich in Metz einer Hinrichtung beigewohnt und wollten das Schauspiel nachmachen. Marcs Freund wurde zum Delinquenten erwählt, ein anderer zum Beichtvater, und zwei andere sollten die Henker vorstellen. Sie hingen ihn wirklich an einem Treppengeländer auf, wurden aber dabei gestört, liefen davon und vergassen dabei den armen Jungen, der sicherlich umgekommen wäre, wenn nicht Leute ihn noch beizeiten abgeschnitten und ins Leben zurückgerufen hätten. Die Kinder haben das mit den Wilden und den Verbrechern gemein, dass sie die Folgen nicht erwägen. "Was ihnen nicht unmittelbar in die Augen fällt, das beeinflusst ihr Vorstellungsvermögen nicht. Es gilt ihnen ganz gleich, ob sie ein Vergnügen in acht Tagen oder erst nach einem Jahre zu erwarten haben. 14. Aus der Kenntniss solcher und ähnlicher Thatsachen erklärt sich ganz einfach, wie bei Despoten die Moral insanity, infolgedessen, dass jede Art von Zügelung der Leidenschaften schon von Jugend auf fehlt, Wurzel schlagen kann, und wie dieser Zustand nichts als die Fortsetzung der durch die Erziehung nicht unterbrochenen Jugendgewohnheiten ist. Solche Kinder, sagt Campagne in seiner Folie raisonnante, wo er von den zur Moral insanity Beanlagten spricht, sind für Lob und Strafe unempfindlich. Da sie nicbt empfinden, wie peinlich ihr Betragen für ihre Familie sein muss, bleiben sie unbändig, sorglos und widerspenstig. Der Müssiggang, die Selbstbefleckung und ■ Schlemmerei, die Ueberreizung jeder Art sind die grossen Stationen, die sie durchlaufen, ehe sie bei jener eigenthümlichen Exaltation ankommen, die man Folie raisonnante nennt, und die sie zu triebartigem Handeln unwiderstehlich fortreisst. Dann macht die Trägheit einer grenzenlosen Dreistigkeit Platz, und bei dem geringsten Vorwurfe schreien sie, zerbrechen, was ihnen unter die Hände kommt, und schlagen auf ihre Umgebung los. Grausam zeigten sich schon seit ihrer ersten Jugend Caligula, Caracalla, Commodus, der im Alter von 13 Jahren Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. Hl einer unbedeutenden Veranlassung wegen einen Sklaven in einen brennenden Ofen werfen Hess; ebenso Ludwig XI. und Karl IX., welche Tbiere marterten, und Ludwig XIII. , der einem kleinen Vogel den Kopf langsam zwischen zwei Steinen zerquetschte und eines Tages gegen einen missliebigen Edelmann so aufgebracht wurde, dass man, um ihn zu beruhigen, ihm vorreden musste, der Mann sei getödtet worden. Als König fand er einen Genuss daran, dem Todeskampfe verurtheilter Protestanten beizuwohnen. Da Moral insanity und verbrecherische Neigungen einander so nahe verwandt sind, so erklärt sich hieraus, warum fast alle grossen Verbrecher schon in frühester Jugend böse Neigungen verriethen. — Die Lafarge fand als Kind ein grosses Vergnügen daran, die Hühner zu schlachten; — einem spätem Vatermörder machte es Vergnügen, wie Feuerbach erzählt, Hühner zu blenden und umherlaufen zu lassen. — Dumbey stahl im Alter von 7 1 /« Jahren, der Räuber B. war schon im Alter von 9 Jahren Dieb und Stuprator. — Cartouche stahl mit 11 Jahren. — Crocco rupfte im Alter von 3 Jahren "Vögeln die Federn aus, Lassagna, kaum 11 Jahre alt, nagelte den Ochsen die Zunge an einer Bank fest. — Die zwölfjährige Mörderin Marie Schneider stach schon als kleines Kind Kaninchen die Augen aus. Locatelli hat beobachtet, dass die Neigung zum Stehlen schon im frühesten Alter sich kundgiebt, mit unbedeutenden Hausdiebstählen anfängt und allmählich wächst. Mörder dagegen werden plötzlich zu solchen und zwar in sehr frühem Alter. Dasselbe bemerkt Roüssel in seiner grossartigen Enquete sur les mineurs. 1883, hinsichtlich der Prostitution in Frankreich, zu welcher die Minderjährigen einen grossen Beitrag liefern, z. B. 1500 auf.2582 im Jahre 1887 Verhaftete. In Bordeaux fand sich, dass, während 461 aus Noth oder Zwang (32) seitens der Eltern der Prostitution verfielen, bei 44 der Geschlechtstrieb allein den Grund dazu abgab. Unter letzteren fanden sich die Töchter eines Ingenieurs und eines reichen Grundbesitzers. 112 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. II. Weitere Beispiele. Aus den oben entwickelten Gründen ist die Zahl der Verbrechen bei den Kindern nichts weniger als eine geringe, und es scheint mir von Interesse zu sein, noch die folgenden Fälle anzufahren. 1. Vimont [Traue de Phrenol. 1838) erzählt von einem elfjährigen Burschen, der einen anderen fünfjährigen Buben mit sich zu einem Sumpfe rief, ihn dort nothzüchtigte, ihm einen Stock in das Rectum einsteckte und ihn dann ertränkte. Als er deswegen angeklagt wurde, leugnete er seine Missethat und beschuldigte derselben andere Knaben. 2. Am 15. Juni 1834 wurde in der Stadt Bellesme aus einem Brunnen der Leichnam eines zweijährigen Mädchens herausgezogen. Zwei Tage später zog man aus diesem selben Brunnen die Leiche eines zweieinhalb jährigen Knaben hervor. Der Verdacht fiel auf ein elfjähriges Mädchen, welches im Dorfe seiner bösen Neigungen wegen bekannt war und nie einem jüngeren Kinde begegnete, ohne es zu schlagen oder irgendwie zu misshandeln. Es stellte sich in der That heraus, dass dieses Mädchen die beiden Kinder in die Nähe des Brunnens gelockt und sie dann hineingestossen hatte. (Moreau, a. a. 0.) 3. Das Schwurgericht des Departement du Doubs hatte über einen achtjährigen Brandstifter zu entscheiden, welcher an die Häuser seines Dorfes Feuer gelegt hatte, und zwar, wie er später gestand, nur um sich mit andern Kindern an dem Anblicke der Flammen zu belustigen. (Moreaü.) 4. Ein schottischer Räuber, der wegen Anthropophagie zum Tode verurtheilt wurde, hinterliess eine kleine Tochter, die im Alter von 12 Jahren die wildeste Begierde nach Menschenfleisch kundgab. „Und weshalb denn," fragte sie ganz unbefangen, „soll es uns vor Menschenfleisch ekeln? — Wüssten nur Alle, wie köstlich es schmeckt, so würden alle Menschen ihre Kinder aufessen." (Morbaxt.) 5. A. M., 11 Jahre alt, zum achtenmal wegen Landstreicherei verhaftet, erklärte, dass er von seinen Eltern gut ernährt und Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 113 gepflegt werde, dass er aber trotzdem das Bedürfniss fühle, frei zu sein, und dass er seiner Mutter entlaufen werde, wenn man ihn zu ihr zurückführe. Das liege in seinem Blute; er wolle lieher in einer Besserungsanstalt als daheim bleiben. 6. Zwei Knaben in Lagny, der eine 13, der andere 11 Jahre alt, nährten einen Groll gegen einen siebenjährigen Kameraden. Sie riefen ihn an einen einsamen Ort am Ufer der Marne, unter dem Vorwande, sie wollten zusammen im Flusse baden; dort warfen sie ihn an einer tiefen Stelle ins Wasser und Steine hinterher, um seine Rettungsversuche zu vereiteln. Am folgenden Tage gestand der jüngere der Beiden die Wahrheit. (MOEEAÜ.) 7. Ein dreizehnjähriger Knabe, B. A., brachykephal (Index 87) und oxykephal, mit schrägen Augenhöhlen, hervorragenden Jochbögen, unmässig grossen Kiefern, abstehenden Ohren und mit einem Kröpfe behaftet, verwundete tödtlich durch einen Messerstich ins Herz einen Kameraden, der ihm das Geld nicht zahlen wollte, welches er ihm verspielt hatte. Schon im Alter von 12 Jahren besuchte er Freudenhäuser, wurde sechsmal wegen Diebstahl verurtheilt. Dabei war er fromm — besuchte wenigstens die Kirchen; doch sein Verbrechen gestand er seinem Beichtvater nicht. Erbliche Belastung nachweisbar: die Mutter war eine Verbrecherin, ein Bruder war ein Dieb, eine Schwester trieb das Handwerk einer Prostituirten. 8. Mainero, ein Knabe mit ältlicher Physiognomie und von geringer Körperentwickelung, so dass er im Alter von 12 Jahren nur 6 Jahre alt zu sein schien, 1,24 Meter gross, zeigte eine Schädelcircumferenz von 490, Index 80, Ohren abstehend, Jochbögen vorragend, Augen sehr lebhaft, fing im Alter von 8 Jahren zu stehlen an. Ein Onkel von ihm war ein Mörder, und der Bube prahlte damit, ihm in seinen Unternehmungen gefolgt zu sein, Banden von Dieben zum Eaube der Kirchenalmosen und zum Bestehlen der Hühnerhöfe gebildet, dabei aber oft auch den Antheil gestohlen zu haben, der seinen kleinen Helfern zukam, weswegen er eben von denselben verrathen wurde. Lombroso, Der Verbrecher. I. 8 114 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. 9. L. B. aus Genua zeigte einen grossen Schädel, eine schmale Stirn und Tättovirungen am Arme mit der Aufschrift: Morte ai vili; e viva Välleansa! (Tod den Feiglingen, es lebe das Bündniss.) Er stahl seit dem Alter von 8 Jahren, trieb das Handwerk eines Taschendiebes und hatte sieben Brüder, wovon drei im Gefängnisse sind. 10. L. P. war im Alter von 19 Jahren ein geschickter Betrüger und Dieb und hatte einen Tödtungsversuch gemacht. Er zeigte vollkommene Apathie des Gemüths. Körperwuchs hoch, Kopf klein, länglich; kein Bartwuchs; Nase unverhältniss- mässig gross und unförmlich gekrümmt. — Stammt von einem dem Trünke ergebenen Vater und einer liederlichen Mutter; der Vater der letzteren starb als Selbstmörder. — Seit dem Alter von 3 Jahren fing L. P., als er mit den Knechten auf den Markt ging, Geld, Fische, Obst aus den Körben zu stehlen an. Seidem fuhr er fort, zu Hause und in der Schule zu stehlen. 11. Der Pläuber und Menschenfresser Salvatore aus Ca- tania, der dreimal Wahnsinn simulirte, überliess mir ein handschriftliches Notizbuch, aus welchem sich folgende Einzelheiten ergeben. Seit dem Alter von 5 Jahren stahl er bei seinen Eltern Speisen, um sie seinen Kameraden zu schenken. Im Alter von 9 Jahren stahl er im Gasthause ganze Käse. Mit einem Freunde beim Spiele in Streit gerathen, riss er ihm ein' Stück vom Ohre ab. Fuhrmann geworden, stahl er Hühner. Im Alter von 14 Jahren versetzte er einem Spielgenossen einen Messerstich und verwundete ihn gefährlich. Mit Hülfe falscher Schlüssel stahl er bei seinem Vater Geld. Im Alter von 19 Jahren tödtete er einen Menschen. — Sein Vater war ein biederer Mann und züchtigte ihn ernstlich. 12. Vier Brüder stammten von einer hysterischen, aber geistreichen Mutter und einem geistreichen Vater, der jedoch ein Sonderling war und überdies allzu angestrengt arbeitete. Ein Onkel war intelligent, ein anderer geisteskrank. Von den vier Brüdern war einer sehr ehrenhaft, ein anderer sehr lüstern und endete mit Selbstmord, nachdem er im Affekt einen Todt- schlag begangen hatte; der dritte war sehr tüchtig in Handels- Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 115 geschäften, hatte aber in seiner Jugend Diebstähle begangen und durchaus nichts lernen wollen; der vierte endlich, ein rhachitischer Junge mit flacher Stirn, war ein so eingefleischter Dieb, dass er, trotz der strengsten Strafen, im Hause seiner Verwandten Uhren und andere Gegenstände stahl; im Alter von 16 Jahren wurde er indessen wieder ehrlich, vielleicht durch die Bemühungen der Mutter, und erlangte eine grosse Fertigkeit in den Geschäften. 13. Zwischen zwei blinden Knaben, die in einer Privatanstalt untergebracht waren, bestand ein geheimer Groll. Eines Abends geriethen sie in Wortwechsel und gingen bald zu Thätlichkeiten über. Der schwächere Ool. . ., unterstützt von einem Kameraden, mit dem er sich schon früher verständigt hatte, bemächtigte sich seines Gegners und drückte ihm den Hals zu, während der andere ihn an den Beinen hielt. Er hätte gewiss seinen Freund erwürgt, wenn der Lärm nicht von den Hausleuten gehört worden wäre, welche noch zeitig zur Hülfe herbeiliefen. Der blinde Ool. . . ist 13 Jahre alt. Er ist ein Kind ehrenhafter, aber unwissende^ Eltern. Nachdem seine erste Erziehung vernachlässigt worden, wurde er im Alter von 8 Jahren in C. untergebracht und zeichnete sich durch ein ausserordentliches Gedächtniss aus, indem er z. B. eine Reihe von Namen in der Ordnung, in welcher sie ihm vorgesagt wurden, wiederholen konnte. Doch die Erziehung zähmte nur anscheinend seinen wilden Charakter, und es war schon längst bemerkt worden, dass er nicht nur auf die geringste Beleidigung von Seiten seiner Kameraden reagirte, sondern sich auch für die Verweise seiner Vorgesetzten durch die Vernichtung oder Beschädigung der der Anstalt angehörenden Gegenstände rächte. Eines Tages warf er aus einem derartigen Grunde einen Strumpf in den Abtritt. Mehrere Male versuchte er sich zu ermorden, bald durch Erhängen, bald durch Anprallen mit dem Kopfe gegen die Wand, oder indem er sich mit dem Kopfe auf den Boden warf, wie er letzteres einmal that, weil er durch eine erlittene Strafe gekränkt wurde. 116 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Er hatte seltsame religiöse Einfälle. Auf den Spaziergängen kniete er oft plötzlich nieder. An Festtagen wollte er, trotz kirchlicher Erlaubniss, auf keinen Fall Fleisch essen. Wollte man ihn aber an einem Werktage zur Messe schicken, so sträubte er sich dagegen heftig, oft gar mit Schimpfwörtern. Nach dem erwähnten Mordversuche zeigte er zwar keine Reue und erklärte sich vielmehr bereit, die That zu wiederholen, unterwarf sich aber geduldig der Kerkerhaft im Zellengefängnisse. Uebrigens wusste er sich daselbst mittelst einer Zeichensprache, worin jeder Buchstabe durch eine Anzahl Schläge ausgedrückt war, mit einem Gefangenschaftsgenossen in Verkehr zu setzen. Körperwuchs 1,30 Meter. Gesichtsfarbe blass. Häufige krampfhafte Zuckungen in der Muskulatur des Gesichts, des Rumpfes und der Extremitäten. Kopf zuckerhutförmig; Oircumferenz 52 Oentimeter, Index 85; Stirnböhlen vorragend, Ohren abstehend, Nase an der Wurzel abgeplattet. 14. B. R., ein 7 x /2Jähriges Mädchen, makrokephal, prog- nath, schielend, brünett, hat eine nicht ganz gescheidte Mutter, die nur wenig an ihrer Tochter und gar nicht an ihrem kränklichen Manne hängt. Die kleine B. R. stahl zu Hause Orangen und Konfekt, um sie für Geld oder Bilder zu verkaufen. Sie stahl auch bei ihrer Mutter Geld und kaufte sich dafür Spielzeug. Einmal gab sie ihren Spielgenossinnen 2 Francs, ein anderes Mal 50 Centimes, um ihnen ihre Medaillen abzukaufen. Sie schenkte 50 Centimes, um sich eine Banknote von 5 Francs auswechseln zu lassen. Sie nahm einmal heimlich eine Goldmünze von 20 Francs, die ihrer Schwester gehörte, zeigte sie andern Kindern und behauptete, die Münze sei ihr geschenkt worden; später aber legte sie dieselbe zurück, wahrscheinlich, weil sie entdeckt zu werden fürchtete. Als sie merkte, dass ihr eine Untersuchung bevorstand, verständigte sie sich mit ihren Gefährtinnen, damit diese nach ihrem Sinne antworteten, und dachte zu ihrer Rechtfertigung allerlei Fabeln aus. 15. Lüsternheit. —- Wie bereits erwähnt, fehlt es unter den Kindern nicht an Beispielen verfrühter Lüsternheit. Schon seit lange (IScmore nei paszi. 1881) hatte ich bemerkt, Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 117 dass alle Fälle monströsen Geschlechtstriebes (mit Ansnahme der anf Altersschwäche beruhenden) von der Kindheit herstammten, und zwar zusammen mit anderen verbrecherischen Neigungen. Dahin gehört z. B. der Fall des Diebes Bor . . ., der im Alter von 9 Jahren fortwährenden Erektionen unterworfen und von der heftigsten geschlechtlichen Erregung beherrscht war, mit dem seltsamen Umstände, dass er namentlich durch den Anblick ausgehängter und flatternder Wäsche zur Nothzucht angetrieben wurde. Er giebt an, dass dies sonderbare Symptom von den Zeiten seiner frühesten Kindheit (vom Alter von 3—4 Jahren) her datirt, wo er in das Kinderasyl geschickt wurde und dort seine Kameradinnen mit weissen Schürzen sah; das Geräusch der Wäsche bereitete ihm ein ähnliches Wohlbehagen, wie die Berührung des Weibes. Daher machte er sich mehrere Male des Verbrechens der Nothzucht schuldig, fühlte ein fortwährendes Bedürfniss nach Begattung und fing zu stehlen an, um diesem Hange nachgehen zu können. Als Kind hatte er ein heftiges Trauma am Kopf erlitten, und überdies liegt auch hier wie gewöhnlich in solchen Fällen, eine hereditäre neuropathische Belastung vor: die Mutter des Bor. . . leidet an Migräne, die Schwester ist hysterisch, der Grossvater starb aus Kummer wegen Zerrüttung seiner Vermögenslage, die Grossmutter starb infolge einer Vergiftung, ein Vetter ist halb blödsinnig, ein Bruder stottert. Anfangs mochte ich nicht an die Wahrheit seiner Geständnisse glauben, da es sich um einen Verbrecher handelte, der alles Interesse daran haben konnte, einen krankhaften Zustand zu simuliren; da traf ich auf zwei Krankengeschichten von Maönan und Charcot, die eine so vollständige Aehnlichkeit mit meinem Falle darboten, dass alle meine Zweifel gehoben wurden. 16. Die genannten Autoren beobachteten einen Bauer 0. von 37 Jahren, dessen Vater dem Trünke ergeben, ein Onkel und ein Bruder geisteskrank, die Mutter und die Schwestern nervös und schwermüthig waren; er selbst war plagiokephal. 118 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Im Alter von 15 Jahren, sah er einst eine weisse Schürze, die im Sonnenschein aufgehängt war; er bemächtigte sich derselben, band sie sich um den Leib und masturbirte hinter einem Zaune in Berührung mit der Schürze. Seit jener Zeit konnte er nie eine Schürze sehen, ohne sie zu gleichem Gebrauche zu benutzen und später wegzuwerfen. Sah er Jemanden mit einer Schürze, so achtete er nicht auf das Geschlecht der Person, sondern nur auf die Schürze und fühlte sich angetrieben, der Person zu folgen und ihr die Schürze zu stehlen. Im Jahre 1861 schickten ihn seine Eltern, um damit ein Ende zu machen, in den Seedienst; und in der That, da er dort keine Schürzen sah, beruhigte er sich. Als er aber nach drei Jahren nach Hause beurlaubt wurde, kehrte die seltsame Neigung zurück, und er-fing wieder an Schürzen zu stehlen. Er dachte daran in der Nacht, und auch am Tage stellte er sich dieselben vor, wie sie ihm das erste Mal vorgekommen waren, und es drängte ihn, Schürzen zu stehlen, aber auch nur solche und nichts anderes. Er wurde deshalb viermal auf kurze Zeit mit Gefängniss wegen Diebstahls bestraft. 17. Nicht minder seltsam ist der andre Fall. M. X. 34 Jahre alt, ist mit einer Phimosis behaftet und hat eine Vorhaut, die um mehrere Oentimeter die Länge der Eichel übertrifft; das Glied ist an der Basis angeschwollen. Seine Eltern waren neuropathisch, beinahe geisteskrank. Als Kind zeichnete er sich durch frühzeitige Geistesentwickelung aus und konnte schon im Alter von 3 Jahren lesen, war aber körperlich schwach. Zwischen dem 6. und 7. Jahr stellte sich bei ihm die sonderbare Neigung ein, die Füsse der Weiber anzuschauen, um zu sehen, ob sie in den Schuhen Nägel hätten; der Anblick der letzteren erfüllte ihn mit einem unbeschreiblichen Lustgefühl. Er bemächtigte sich der Stiefel seiner beiden Cousinen und zählte daran zu wiederholten Malen die Nägel; abends im Bette dachte er fortwährend an den Schuhmacher, der die Nägel einschlägt, und an die Qualen, die ein Mädchen empfinden müsste, dem dieselben bis ins Fleisch eindrängen; gleichzeitig trieb er Onanie. Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 119 Dieses war der Ursprung einer Zwangsvorstellung, die eine fast ausschliessliche Herrschaft über sein G-emüth erlangte, so dass er später den Anblick weiblicher Fussbekleidung dem geschlechtlichen Verkehre vorzog. — Er wurde eines Tages verhaftet, während er sich vor den Fenstern eines Schuhmacherladens masturbirte. [Archives de Neurologie. No. 11. 1882.) Was derartige paradoxe Aeusserungen des Geschlechtstriebes glaubwürdig macht, das ist ihre Analogie mit verwandten Erscheinungen, die ich bei Geisteskranken beschrieb (L'amore nei paszi. 1881), und was noch wichtiger ist, die Aehnlichkeit der einzelnen Fälle. Dieselben wurden sämtlich bei neuropathischen Subjekten beobachtet, von denen viele zugleich Verbrecher sind, alle aber oder fast alle der Onanie fröhnen; und bei allen findet man, dass genau in derselben Weise, wie es bei den impulsiven Manien und bei der Paranoia vorkommt, eine Empfindung, welche einmal in ihrer Jugend ihr Gemüth lebhaft erregt hatte, eine wachsende Herrschaft über dasselbe gewinnt. Während sonst bei den meisten Menschen die Beminiscenzen solcher Eindrücke höchstens in untergeordneter Weise, durch Ideenassociation, einen erregenden Einfiuss zu üben vermögen, wirken sie bei den besagten Subjekten wie gewisse Virusarten, indem sie sich nicht nur fixiren, sondern nach und nach den Organismus durchdringen, bis sie sich desselben ganz bemächtigen und unwiderstehlich zu Handlungen, meistens verbrecherischer Art, antreiben. 18. Vorzeitiger Ausbruch des Geschlechtstriebes. — Alle diese Aeusserungen des Geschlechtstriebes entwickelten sich, oder keimten wenigstens in der frühesten Kindheit, zuweilen schon im Alter von 3—4 Jahren, indem das frühzeitige Auftreten zu ihren charakteristischen Kennzeichen gehört. Die „konträre Sexualempfindung" wurde fast immer schon frühzeitig bemerkt, etwa im Alter von 8 Jahren, wie z. B. bei dem Kranken von Westphal. Hier wollen wir einige neue Beispiele aufführen. P. B. (Archives de Neurologie. 1881) fing seit dem 6. Jahre an, Vergnügen daran zu finden, nackte Männer zu sehen und besonders ihre Geschlechtstheile anzuschauen. Von der Zeit 120 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. an liebte er es, sich als Weib zu verkleiden, und ebenso datirt von damals her seine Neigung zum Diebstahl. So stahl er eines Tages seinem Lehrer ein Tintenfass. — Er stammte von einem bejahrten Vater und hatte eine excentrische Grossmutter. Im Mannesalter fehlte ihm der Bartwuchs nicht; doch war er prognath und hatte lange Ohren. 19. Ich habe in meiner Behandlung ein Mädchen mit auffällig ältlicher Physiognomie. Sie ist die Tochter einer anständigen Frau; doch ihre Grossmutter war lüstern, ihr Grossvater ein Säufer und ein Vetter von ihr ein Verbrecher. Seit dem Alter von 8 Jahren zeigte sie eine Neigung zur Onanie und liess sich davon weder durch Zureden und Drohungen, noch durch ärztliche Maassregeln abhalten, ja, sie benutzte zur Masturbation dasselbe Instrument, welches zur Injektion von Anaphrodisiacis dienen sollte. 30. Frau X. stammte von einem Vater, der an Konvulsionen und Hautausschlägen litt. Ueberhaupt waren die Mitglieder ihrer Familie neuropathisch. • Sie selbst war klein, dolichokephal, intelligent, seit dem Alter von 12 Jahren men- struirt. Im Alter von 8 Jahren fing sie an, auf Zureden einer Kameradin Onanie zu treiben, und fuhr damit auch nach ihrer Heirath fort, besonders wenn sie schwanger war. — Sie hatte zwölf Kinder, wovon fünf frühzeitig starben; vier haben einen schlecht geformten Schädel und schlechte Gemüthsanlagen, sind heftig, jähzornig. Eines von ihnen, intelligent, trieb im Alter jvon 7 Jahren mit auffallender Hartnäckigkeit Onanie; ein anderes, von verspäteter geistiger Entwickelung, fröhnte diesem Laster seit dem Alter von 4 J /2 Jahren. 21. Zambaco (Encephale. 1—2. 1882) beschreibt ein kleines Mädchen, das von einem seltsamen Hang zur Onanie und zu Verbrechen beherrscht war. N. B., 10 Jahre alt, hatte sie einen Ausdruck vorzeitiger Beife in den Gesichtszügen und Geberden; eitel, stolz, über- müthig bei den Spielen, wusste sie sich durch Liebkosungen und Einschmeicheln ihre Gewaltthaten verzeihen zu lassen, besonders bei den kleinen Knaben, für welche sie eine Vorliebe zeigte. Seit dem Alter von 5 Jahren hatte sie Neigung zum Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 121 Diebstahl und eignete sich heimlich fremde Gegenstände an, welche sie umsonst hätte haben können; wenn sie aber etwas gestohlen hatte, leugnete sie es hartnäckig. Mit lebhafter Phantasie begabt, liebte sie die Kunst, machte sich aber nichts aus religiösen Dingen. Im Alter von 7 Jahren stellte sich bei ihr Leukorrhoe, welche auf Rechnung von Oxyuren gesetzt wurde, und zugleich Abmagerung ein. Schon damals wurde bemerkt, dass sie in einer Hütte mit kleinen Knaben allein zu bleiben suchte, um angeblich mit Nüssen zu spielen. Statt dessen masturbirte sie sich mit ihnen. Im Alter von 9 Jahren stellte sich bei ihr infolge der excessiven Masturbation Schwellung der äusseren Geschlechts- theile ein. Man versuchte die Ruthenstrafe, allein diese besserte sie keineswegs, sondern machte sie nur dumm, schlecht und falsch. Ebenso wenig half die Zwangsjacke und kaltes Wasser, womit man sie anfangs zu beruhigen versucht hatte. Der obere Theil ihres Körpers magerte ab, während der untere sich stärker entwickelte. Sie betastete ihre Geschlechts- theile in Gegenwart Aller und pflegte zu sagen: „Warum soll ich mir ein so unschuldiges Vergnügen versagen?" — Dann fügte sie hinzu: „Ich weiss, dass es unschicklich ist, aber ich kann es nicht aushalten." Zuweilen fühlte sie Heue, weinte beim Anblicke der Thränen ihrer Mutter; doch bald kehrte sie zu ihren Gewohnheiten zurück. Während ein Priester sie ermahnte, vom Laster abzustehen, masturbirte sie sich mit einem Zipfel seines Gewandes. Man versuchte die Kauterisation der Klitoris mit Perrum candens; doch führte auch dies zu nichts. „Es ist etwas Entsetzliches," sagte sie, „wenn man Lust hat und es nicht thun kann! — Ich wäre fähig Denjenigen umzubringen, der mich daran hindern wollte. In jenen Augenblicken überkommt mich ein Schwindel, ich sehe nichts, ich fürchte nichts, wenn ich es nur thun kann." Sie erinnert sich, dass, als sie noch klein war, eine Wärterin sich in ihrer Gegenwart masturbirte. Als ihr später eine Lehrerin verbot, ihre Geschlechtstheile zu betasten, wurde dadurch ihre Neugierde angeregt. Seitdem betastete sie sich 122 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. erst recht, doch anfangs aus blosser Neugierde, ohne Lust dabei zu empfinden. Später bildete sie sich ein, krank zu sein, applicirte sich Umschläge von Kräutern und Säckchen mit Sand und rieb sich ihre Geschlechtstheile mit Stöcken. Später überkam sie die Begierde zu bestimmten Stunden. Sie verführte ihre vierjährige Schwester, welche aber erst im Alter von 8 Jahren Lust zu empfinden anfing. Esquikol nnd Marc erzählen zwei interressanta Fälle, wo neben der Lüsternheit und zum Theil unter dem Einflüsse derselben sich eine Neigung zum Muttermorde kundgab, trotzdem die Intelligenz ungestört, ja vorzeitig entwickelt war, so dass hier zwei exquisite Beispiele von Moral insanity und verbrecherischer Neigung in stato nascenti vorlagen. Das von Esquirol beschriebene Mädchen war von lebhaftem Aeussern mit kastanienbraunen Haaren und gebogener Nase. Seit dem Alter von 5—7 Jahren beherrschte sie der Gedanke, ihre Mutter zu tödten, um sich ungestört mit den Knaben abgeben zu können. Als ihre Mutter vor Kummer erkrankte, gestand sie derselben, es sei ihr gar nicht unlieb, wenn sie stürbe. — Dann bekomme ich, sagte sie zu der Mutter, Ihre Kleider. — Und was fängst du an, wenn die Kleider einmal vertragen sind? — Dann kaufe ich mir für Ihr Geld andere. — Und dann? — Dann gehe ich mit den Männern. ■— Du weisst ja gar nicht, was Tod heisst; sollte ich heute Abend sterben, so würde ich morgen wieder auferstehen. Ist Herr Jesus nicht gestorben und nicht wieder auferstanden? — Herr Jesus konnte es, weil er Gott war; Sie aber stehen sicher nicht wieder auf. Ist doch meine verstorbene Schwester nie wieder zurückgekommen. — Wie willst du es denn anfangen, um mich umzubringen? — Wenn Sie einmal in den Wald gingen, würde ich mich darin unter dem Laube verstecken, und sobald Sie vorbeigingen, würde ich Sie zu Boden werfen und Ihnen einen Dolch ins Herz stossen. — Du musst wissen, dass ich nie in den Wald gehen werde, um micb umbringen zu lassen! — Ach, Mama, das ärgert mich ja eben sehr; doch könnte ich Sie noch nachts mit einem Messer tödten. — Und warum thatest du es nicht, als ich Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 123 krank war? — Weil Sie immer überwacht wurden. — Und warum thatest du es nicht später? — "Weil Sie einen leichten Schlaf haben und ich daher fürchtete, Sie könnten sehen, wenn ich das Messer nähme. — Wenn du mich aber tödtest, so bekommst du meine Kleider gar nicht, sondern alles bleibt für den Vater. — Oh, ich weiss wohl, dass Papa mich dann ins Gefängniss einsperren Hesse; doch meine Absicht ist eben, auch ihn umzubringen. — Während ein Herr sich mit ihr unterhielt, konnte sie ihre Augen von einer Nadel, die er an der Brust trug, nicht abwenden. Als man sie darüber befragte, erwiderte sie, dass, wenn sie es nur könnte, sie den Herrn gerne umbringen möchte, um seine Brillantnadel zu bekommen. Eines Tages erzählte man zu Hause von einer Köchin, die mit Blut besudelt war, weil sie einem Knaben die Kehle durchgeschnitten hatte; da wurde die Kleine sogleich nachdenklich und liess sich bald dahin vernehmen, sie hätte ein Mittel ausgedacht, Jemanden umzubringen, ohne sich dabei zu beschmutzen, nämlich durch Arsenik, womit sie die Hühner auf den Feldern vergiften sah. — Eines Tages drohte ihr der Vater, um sie einzuschüchtern, er werde sie aus dem Hause jagen, Auf diese Drohung antwortete sie ganz ruhig, sie würde auf der öffentlichen Strasse einen Winkel aufsuchen, um dort zu schlafen; ihr Auskommen wollte sie sich mit Singen oder Betteln verschaffen; für das erste Geld, das sie bekäme, würde sie Zündhölzer und Feuerschwamm erstehen, um sie den Leuten zu verkaufen. — Sie sass fast immer mit gekreuzten Händen, und sobald sie sich allein sah, trieb sie Onanie. Alles wurde versucht, um sie zu bessern, von den einfachsten Ermahnungen an bis zu wiederholten körperlichen Züchtigungen und allerlei Entbehrungen; jedoch alles vergeblich. Sie antwortete immer ihrem Vater, sie würde sich nie ändern, und sollte sie ihr Leben darüber verlieren. Einige Worte ausgenommen, die sie einst gegen ihre Mutter von einer alten Verwandten hatte äussern hören, war hier keine psychische Ursache nachweisbar. Die Intelligenz war ungetrübt; es lag ein klarer Beweggrund zum Verbrechen vor und war 124 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. der schlaueste Vorbedacht vorhanden. — Wenn es sich nicht um ein kindliches Subjekt handelte, wer hätte daran gezweifelt, dass man es mit einer Verbrecherin und nickt mit einer Geisteskranken zu thun habe? — Nur etwas mehr Muskelkraft, mehr Energie in den Trieben, und man hätte eine der schauerlichsten Formen der sogenannten impulsiven und räsonnirenden Manien, bei völlig ungetrübtem Verstände, vor sich gehabt. 23. In der That berichten Tamburini und Seppilli über ein Individuum dieser Art, bei welchem zu dem bösen Willen auch die Kraft hinzutrat. (Bivista di Freniatria. II. III. 1882) Sbrocco, Enkel und Sohn von Mördern und Stupratoren, mit asymmetrischem Schädel und vollkommener Analgesie, vergiftete seinen Vater, um sich Geld verschaffen und sich den geschlechtlichen Genüssen hingeben zu können, zu welchen er vorzeitig neigte. Er plante die Ermordung einer Frau, die ihn angezeigt hatte, und tödtete seinen Bruder. Alles dies vollzog er mit einer unglaublichen Geschicklichkeit, wie namentlich aus seinen autobiographischen Notizen erhellt. Er litt an Moral insanity. Der Einwand, es handle sich hier nicht um Verbrechen, sondern um Geisteskrankheit, ist nicht stichhaltig. Hätte man es mit Erwachsenen zu thun, so hätte man keinen Anstand genommen, die betreffenden Subjekte für echte Verbrecher zu erklären. Jedenfalls beweisen diese Fälle, dass ein Unterschied zwischen Moral insanity und Verbrechen in den ersten Anfängen dieser Zustände gar nicht zu begründen ist. III. Anthropometrie. Statistik. Die wenigen vereinzelten Geschichten würden indessen nicht genügen, um bei den Kindern das Vorkommen einer ähnlichen Kriminalität wie bei Erwachsenen darzuthun. Wir haben unsere Untersuchungen durch Studien in den Besserungsanstalten und Asylen vervollständigen wollen, um zu ermitteln, ob bei den jugendlichen Verbrechern diejenigen körperlichen Anomalien vorkämen, die wir bei den Erwachsenen kennen gelernt. Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 125 1. Jugendliche Verbrecher. — Bei 79 in einer Besserungsanstalt untergebrachten Minderjährigen, worunter 40 Diebe, 27 Faullenzer oder Landstreicher, 7 Mörder, 3 ohne Angabe, fanden wir folgende Anomalien, die wir nach dei Reihenfolge ihrer Häufigkeit aufführe n: 30 mal abstehende Ohren. 3 mal [ flache Stirn mit vorragen 21 , kleine und niedrige Stirn. dem Orbitalrande des Stirn19 „ Plagiozephalie. beins. 16 „ vorragende Jochbögen. 2 » Spuren von Verletzungen 15 „ Leistenform, der Schädelam Kopfe. nähte. 2 » Ultrabrachykephalie. 14 „ grosse Unterkiefer. 2 n unförmlicher Mund. 14 „ Asymmetrie des Gesichts. 2 » Prognathismus. 10 „■ Flaum auf der Stirn. 2 n rechtsgekrümmte Nase. 10 „ kretinenhaftes Gesicht. 2 » zurücktretendes Kinn. 9 „ Kropf. 2 » düsterer Blick. 9 „ unförmliche Nase. 2 n Herzfehler. 8 „ kleine und ausdruckslose 2 » Skrophulose. Augen. 2 » Persistenz der (Stirn-) 7 „ vorragende Stirnhöhlen. Kreuznaht. 6 „ Hydrokephalie. 1 » Platykephalie. 5 „ Schrägheit der Ohren. 1 M Oxykephalie. 5 „ Schielen. 1 » vorzeitiges Grauwerden 5 „ Entwickelungsstillstand. des Haares. 4 „ sehr dichtes Haar. 1 n voluminöses Gewicht. 4 „ vorzeitige Reife des Gesichtsausdrucks. 1 n übereinander gedrängte Zähne. 4 „ Ultradolichokephalie. 1 7) Glotzauge. 3 „ voluminöse und lange 1 n Nystagmus. Ohren. 1 » ungleiche Pupillen. Körperlich normal waren nur 7 (also 8,86 Proc), wovon einer vielleicht gar nicht als Verbrecher anzusehen ist, sondern als ein Opfer seiner Eltern, die ihn in die Besserungsanstalt schickten, weil er nicht lernen wollte; einer war der fahrlässigen Tödtung schuldig; zwei Diebe, wovon einer Epileptiker; 2 Faullenzer und 3 Landstreicher. Bei 47 waren 3 oder mehrere krankhafte Erscheinungen verbunden, so dass sie sich dem echten Verbrechertypus näherten. Darunter waren 27 Diebe, also 67 Procent der auf 40 sich belaufenden Gesamtzahl der Diebe. Bei diesen fand 126 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. sich, die Plagiokephalie bei 25 Procent, die niedrige und kleine Stirn bei 47 Procent, das Vorragen der Jocbbögen bei 22 Pro- cent, die voluminösen Kiefer bei 20 Procent, Flaum auf dem Gesicht bei 12 Procent. Von 7 Raufbolden näherten sich 3 mehr dem Verbrecher- typus, indem sie 3 oder mehrere Anomalien vereinigten. Dergleichen 17 unter 27 Faullenzern. Die hereditären Verhältnisse konnten nur in 59 Fällen ermittelt werden. Darunter waren in 27 Fällen Anomalien des Nervensystems bei den Eltern oder den nächsten Verwandten nachweisbar, und zwar: In 3 Fällen Geisteskrankheit im engeren Sinne. (1 mal beim Vater, 2 mal bei einem Onkel.) In 1 Falle sonderbares Wesen (bei einem Onkel). In 3 Fällen Heftigkeit. (2 mal beim Vater und zwar 1 mal mit Trunksucht; 1 mal bei der Mutter.) In 4 Fällen Neuropathien, und zwar 3 mal beim Vater, (1 mal Epilepsie nebst Trunksucht, 1 mal Faulheit, 1 mal Bleivergiftung), 1 mal bei der Mutter (habituelle Kopfschmerzen). In 9 Fällen sittliche Verkommenheit, und zwar: in 4 Fällen Dieberei (2 mal beim Vater, neben Trunksucht, 1 mal bei einem Bruder, 1 mal bei einem Onkel), in 1 Falle Prostitution (bei einer Schwester), in 4 Fällen Unsittlichkeit ohne nähere Angaben. (1 mal bei der ganzen Familie, 1 mal bei der Mutter, 2 mal bei einem Bruder.) In 7 Fällen Trunksucht (allein): 6 mal beim Vater, 1 mal bei einem Bruder. Rechnen wir die oben unter anderen Rubriken aufgeführten 4 Fälle von Trunksucht des Vaters hinzu (2 mal in Verbindung mit Dieberei, 1 mal mit heftiger Gemüths- art, 1 mal mit Epilepsie), so haben wir im ganzen 11 mal die Trunksucht, und zwar 10 mal beim Vater. In 8 von diesen 10 Fällen waren die Kinder Diebe. Aus dieser Zusammenstellung wäre der Schluss zu ziehen, dass der Verbrechertypus bei den Minderjährigen die Frequenz von 58 Procent erreichen kann, wobei einige Anomalien besonders vorherrschen, wie abstehende Ohren, niedrige Stirn, Plagiokephalie, voluminöser Unterkiefer, Asymmetrie des Ge- Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 127 sichts imd Behaarung der Stirn — welche Anomalien, mit Ausnahme der letztgenannten, sämtlich mit denen der erwachsenen Verbrecher zusammenfallen. Auch in Bezug auf die Erblichkeitsverhältnisse ist die Analogie zwischen den jugendlichen und den erwachsenen Verbrechern unverkennbar, und spricht sich hier dieselbe in dem Vorherrschen der Trunksucht, des Irreseins und der sittlichen Verkommenheit bei den Eltern oder Verwandten der betreffenden Individuen aus. Indessen steht es fest, dass bei einem bedeutenden Theile jugendlicher Verbrecher, nämlich bei 79 Procent, keine ausgesprochene erbliche Belastung vorlag. 2. Unbezüchtigte. — Zur Vervollständigung dieses Studiums mussten andererseits Untersuchungen an Kindern von muthmasslich untadelhafter Führung angestellt werden; und wir haben solche in verschiedenen Asylen und Schulen unternommen. Wir untersuchten im ganzen 900 Kinder; doch bei 740 von ihnen haben wir genauere Untersuchungen nur an denen angestellt, die uns von den Lehrern als lasterhaft bezeichnet worden waren. Von 490 Knaben vom 1.—3. Elementarkursus wurden nur 8 als lasterhaft bezeichnet. Davon waren 4 echte Diebe, 2 Lügner; 2 waren schlecht gegen ihre Kameraden und misshandelten dieselben. Bezüglich der Verwandtschaftsverhältnisse dieser 8 Knaben ist zu bemerken, dass einer derselben von unehelicher Geburt, ein Bruder und eine Tante eines anderen Verbrecher waren; ein dritter hatte eine untadelige Schwester; von den übrigen war nichts bekannt. — Zwei von diesen Knaben werden nie roth; von den übrigen zeigt einer eine gewölbte Stirn und kleine Augen, Vorspringen der grossen Fontanelle und Prognathismus; ein anderer, 9 Jahre alt, diebisch, hat den Gesichtsausdruck eines fünfzehnjährigen Burschen; er ist dolichokephal, prognath, mit abstehenden Ohren; kennt das Kauderwelsch (er ist derselbe, der einen Bruder und eine Tante hatte, welche als Verbrecher quaMcirt wurden). Unter 150 drei- bis sechsjährigen Kindern eines Asyls fand ich zwei Knaben, welche Onanie trieben, und einen, welcher stahl. 128 Brater Theil. Uranfang des Verbrechens. Von 200 fünf- bis neunjährigen Kindern aus den drei ersten Elementarklassen wurden uns von der Lehrerin 5 Mädchen als schlecht bezeichnet. Eine war eine echte Diebin, hatte «ine Medaille und Geld gestohlen und zeigte im Alter von 9 Jahren eine gewölbte Stirn, Strabismus und Makrokephalie. Zwei Knaben waren heftig; einer von ihnen hatte einen stark entwickelten Unterkiefer und stammte von einer geisteskranken Mutter. Betrachten wir jetzt specieller die 160 Kinder der Stadtasyle, die wir direkt und einzeln untersucht haben. fEltern normal 64 Normal 89 , Abnorm 71 Onanisten 11 {Ohne körperl. Anomalien 27. Mit körperl. Anomalien 62. JOhne körperl. Anomalien 3. \Mit körperl. Anomalien 8. „ unbekannt 13 y „ abnorm 12 ("Eltern normal 3 „ unbekannt 1 I „ abnorm 7 Mattoid 11 (Halbirr)......\Mit körperl. Anomalien 7. } \ „ abnorm Eltern normal ,_, ... , . ,. . (Eltern normal 4 (Ohne korperl. Anomalien 4. , , , ._ unbekannt 2 Diebe 6. Boshaft 43 JOhne körperl. Anomalien 1. \Mit körperl. Anomalien 5. {Ohne körperl. Anomalien 14. Mit körperl. Anomalien 29. 5 2 „ unbekannt 0 [ „ abnorm 4 [Eltern normal 21 „ unbekannt 5 „ abnorm 17 Das Erste, was in dieser Tabelle in die Augen springt, ist das ausserordentlich häufige Vorkommen sittlicher Anomalien, die mit der Zeit verschwinden müssen. Nicht viel weniger als die Hälfte der untersuchten Kinder, (44 Procent) zeigte Temperaments- und Charakterfehler, Zorn- muth, Müssiggang, hartnäckiges Lügen oder schlechte Gewohnheiten (Unruhe, Zerreissen der Kleider und dergl.), weshalb sie von den Lehrerinnen als halbwahnsinnig (mattoid) angesehen und uns als solche bezeichnet wurden. Bei 17, also über 10 Proceut, waren die den Verbrechern eigenen Neigungen zu Diebstahl, vorzeitiger Lüsternheit und dergl. vorhanden. Aus dieser Zusammenstellung erhellt auch das Ueber- wiegen sowohl der krankhaften körperlichen Merkmale, als der Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 129 erblichen Belastung bei schlechten Kindern, im Gegensätze zu den guten. Unter diesen letzteren waren ungünstige Erblichkeitsverhältnisse nur bei 10 Procent der Fälle und körperliche Anomalien nur bei 30 Procent nachweisbar. (7 mal erhabene Schädelnähte, 3 mal Behaarung des Gesichts, 6 mal voluminöse Kiefer, 1 mal voluminöse Ohren, 2 mal männlicher Gesichtsausdruck, 1 mal niedrige Stirn, 1 mal Rhachitismus, 3 mal Pro- gnathismus, 1 mal Kretinismus, 1 mal schräges Auge, 1 mal Strabismus, 2 mal vorragende Stirnhöhlen, 1 mal Asymmetrie des Schädels; dabei fanden sich nur 4 mal zwei körperliche Anomalien vereinigt, kein einziges Mal drei.) Unter den Kindern mit abnormer sittlicher Anlage waren dagegen die körperlichen Anomalien bei 60 Procent der ; Fälle und krankhafte erbliche Belastung hei 46 Procent nachweisbar. Und diese Verhältnisse waren noch ausgesprochener bei den Kindern, die ich halbe Verbrecher nennen möchte, nämlich bei den Onanisten und den Dieben, bei denen die krankhafte erbliche Belastung 63 resp. 66 Procent und die körperlichen Anomalien 72 resp. 83 Procent erreichen. Daraus erhellt der grosse Einfiuss der erblichen Belastung auf die Erzeugung abnormer sittlicher Anlagen, wiewohl derselbe nicht soweit geht, dass er die Entstehung eines normalen sittlichen Charakters unmöglich macht; denn unter 45 Kindern mit erblicher Belastung waren 12, also 26,66 Procent, gut. Ebenso sieht man, dass körperliche Anomalien sich häufiger bei Kindern von schlechtem Charakter vorfinden, als bei sittlich normalen, obgleich sie doch zuweilen (bei 30,3 Procent) bei den letzteren vorkommen und ebenso zuweilen (bei 31 Procent) bei den ersteren fehlen können. 3. Verhalten der Eltern. —• Bei den Eltern, welche ihre traurige Erbschaft auf ihre Nachkommen übertragen haben, fanden sich in 11 Fällen Trunksucht, in 7 Fällen Zornmuth, in 5 Fällen Konvulsionen, Hautkrankheiten beim Vater und Un Sittlichkeit bei der Mutter, in 3 Fällen ein mattoider Zustand, in 2 Unehrlichkeit, in 2 vorgerücktes Alter, in 1 Skro- phulose, in 1 Taubstummheit, in 1 Unsittlichkeit des Onkels. Lombroso, Der Verbrecher. I. 9 130 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Die körperlichen Anomalien, die sich bei den Kindern mit schlechten sittlichen Anlagen vorfanden, waren folgende: 8 mal ältliches Gesicht. 4 mal Prognathismus. 8 „ grosser Unterkiefer. 3 „ Trochokephalie (Kreiselform). 6 „ Erhabenheit der Nähte. 3 „ flaumige Behaarung der Stirn. 6 „ Plagiozephalie. 2 „ schwache Entwickelung. 6 „ asymmetrisches rhachitisches 2 „ düsterer Blick. oder schiefes Gesicht. 2 „ abstehende Ohren. 6 „ vorragende Stirnhöhlen. 1 „ vorragende Jochbögen, 4 „ schmale niedrige oder ab- grosser Kopf, unförmlicher geflachte Stirn. Mund. Mehrere Male (8) fanden sich drei von diesen Charakteren bei einem und demselben Kinde vereinigt, und zwar in 4 von diesen 8 Fällen mit dem den angeborenen Verbrechern eigenen Typus: Plagiokephalie, grimmiger Blick, Strabismus; in 2 Fällen vorragende Stirnhöhlen, grosser Unterkiefer und voluminöse Jochbögen; in 1 Falle Verwachsung der Nähte, Trochokephalie, abgeflachte Stirn. Eine eingehendere Untersuchung von Zöglingen einer Erziehungsanstalt, nämlich des Collegio internationale zu Turin, ergab auf 100 Individuen 53 in körperlicher und in geistiger Beziehung absolut normale, 44 mit einigen Degenerationszeichen : 10 mal Erhabenheit der Nähte. 3 mal Prognathismus, 10 » abstehende Ohren. 3 JJ Asymmetrie des Gesichts. 5 n flaumartige Behaarung des 2 » Plagiokephalie. Gesichts. 2 n vorragende Stirnhöhleu. 4 n Kephalonie. 2 7) flache Stirn. 4 M grosser Unterkiefer. 1 » kretinhaftes Aussehen. 3 i) flache Stirn. 1 » Strabismus. 3 jj vorragende Jochbögen. 1 n Platykephalie. 3 •» frühreife Physiognomie. 1 n schlecht geformte Zahne. Nur in 3 Fällen summirten sich diese Anomalien. Nur in 6 von diesen 44 Fällen finden sich einige Gemüthsanomalien: Heftigkeit, zänkisches AVesen, Nachlässigkeit im Lernen, Neigung zur Lüge. Zwei Knaben waren-sogar, trotz solcher Anomalien, von sehr gutem Charakter, und fünf (worunter einer mit Plagiokephalie), waren ebenfalls gut und überdies Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 131 ausserordentlich intelligent, — zum Beweise dafür, dass eine Anomalie nicht jedesmal eine andere nach sich ziehen muss. Doch die Seltenheit der psychischen Anomalien in jener Erziehungsanstalt widerspricht keineswegs unsern Beobachtungen. Da es sich um zahlende Zöglinge aus den wohlhabenden Ständen handelte, so hatte hier aus gesellschaftlichen und pädagogischen Gründen eine sorgfältige Auswahl stattgefunden, wie sie in anderen Lehranstalten und besonders in den Asylen nicht platzgreift; bei der geringsten Unordnung werden die Zöglinge weggeschickt, und man zeigte uns das Porträt eines Knaben, der im vorigen Jahre wegen Diebstahls fortgeschickt wurde. Derselbe hatte all die oben beschriebenen Anomalien: grosse abstehende Ohren, Oxykephalie, kleine Stirn, stark vorragende Jochbögen. Unsere weitere Untersuchung von 35 Blindgeborenen und 50 Taubstummen ergab, dass alle jene körperlichen Anomalien im Verhältniss von mehr als 70 Procent bei ihnen vorkommen, auch wenn sie schon erwachsen oder einer Auswahl unterworfen sind, Anomalien, die mit tiefer sittlicher Perversität, Egoismus und Grausamkeit zusammentreffen. Aus diesen Untersuchungen dürfen wir folgern, dass jene sittliche Anomalie, welche beim Erwachsenen Verbrechen heisst, beim Kinde viel häufiger und zwar in Begleitung derselben Kennzeichen, besonders aber unter dem Einflüsse einer hereditären Anlage vorkommt, dass sie aber später, zum Theil unter dem Einflüsse einer passenden Erziehung, entschieden verschwinden kann. Andernfalls wäre das seltenere Erscheinen verbrecherischer Gesinnung unter den Erwachsenen unerklärlich; auch dann unerklärlich, wenn man die durch Sterblichkeit und Strafentziehung in Abgang kommenden Fälle berücksichtigt. Die körperlichen Anomalien waren mehr als zweimal so häufig, und die Frequenz der erblichen Belastung mehr als dreimal so gross. — Indessen steht es fest, dass sich beide Faktoren, wiewohl minder häufig, auch bei Kindern mit den besten sittlichen Anlagen vorfinden können, und haben wir recht oft vollkommen gute und anständige Kinder angetroffen, die von ruchlosen Eltern stammten; auch finden sich diese 9* 132 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Faktoren noch häufiger als bei Verbrechern bei gewissen anderen krankhaften Zuständen, die wahrscheinlich mit Entwickelungs- hemmuDgen zusammenhängen, wie angeborene Blindheit, Taubstummheit. 4. Weiterer Lebenslauf. — Eine Bestätigung dieser Schlussfolgerungen fanden wir bei einer Untersuchung über den Lebenslauf einiger (29) Kinder bis zu ihrer Volljährigkeit. Elf von diesen Kindern waren körperlich normal; drei darunter waren in der Kindheit schlecht, faul, heftig und grausam, wurden aber später gut; acht waren in der Jugend gut gewesen und gut als Erwachsene. Der Kinder mit ähnlichen körperlichen Anomalien, wie sie bei den Verbrechern angetroffen werden, waren achtzehn an der Zahl. Vier von ihnen waren in der Jugend gut und blieben gut in den späteren Jahren; zwei dagegen wurden mit dem Alter unsittlich. Die bei den vier ersteren beobachteten Anomalien waren: 2 mal Prognathismus, 1 mal grosser Unterkiefer, 1 mal asymmetrischer Kopf und 1 mal vorragende Stirnhöhlen zugleich mit Prognathismus. — Bei den Zweien, welche in den späteren Jahren schlecht wurden, fand sich ein grosser Unterkiefer, und bei dem Einen ausserdem vorragende Stirnhöhlen. Zwölf zeigten zugleich körperliche und sittliche Anomalien, vier waren heftig, drei Onanisten, zwei neidisch, einer rachsüchtig, zwei diebisch. Von diesen zwölf besserten sich später sechs, bei denen sich folgende Anomalien vorfanden: Prognathismus mit vorragenden Stirnhöhlen bei einem Onanisten; rhachitisches Gesicht bei einem Individuum von sehr heftigem Charakter; Plagiokephalie bei einem andern mit heftigem Charakter und bei einem Onanisten; Submikrokephalie und Bhachitismus hei zwei Dieben, welche sich nach dem sechzehnten Jahre besserten. Bei den andern sechs, die als Erwachsene schlecht blieben, fanden sich folgende körperliche Anomalien: grosser Unterkiefer bei einem jungen Manne von heftigem Charakter und bei einem rachsüchtigen und eigensinnigen Mädchen; grosser Unterkiefer nebst vorragenden Stirnhöhlen bei einem heftigen Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 133 und zugleich naschhaften jungen Manne; Plagiozephalie, verbunden mit niedriger Stirn bei einem von heftigem und rachsüchtigem Charakter; grosse Ohren mit ältlichem Gesichte bei einem Onanisten; asymmetrisches Gesicht bei einem schlechten und neidischen Mädchen. Auch hier sieht man deutlich, dass die körperliche Anomalie, welche offenbar sehr oft mit unsittlichen Neigungen zusammenfällt, dennoch die Möglichkeit einer günstigen Wendung nicht ausschliesst, da wir eine solche in sechs Fällen auf zwölf eintreten sahen. Wo indes körperliche Anomalien fehlen, da scheint die Besserung eines ursprünglich schlechten Charakters leichter erfolgen zu können. Andererseits aber ist nicht ausser Augen zu lassen, dass manche Besserung nur scheinbar sein und auf Heuchelei beruhen könnte. IV. Strafe und sonstige Mittel, den Vergehen der Kinder . vorzubeugen. Es beibt also erwiesen, dass bei einer gewissen Anzahl von Verbrechern die bösen Anlagen von den ersten Lebensjahren her datiren, gleichviel ob erbliche Belastung mit im Spiele ist oder nicht; richtiger gesagt, wenn es Viele giebt, die durch schlechte Erziehung zu Verbrechern werden, so giebt es auch viele, die durch gute Erziehung vom Verbrechen nicht abgehalten werden. Gleichwohl macht sich der günstige Einfluss der Erziehung gerade dadurch bemerklich, dass ohne denselben die sozusagen normale Verwandlung der beim Kinde überhaupt vorhandenen bösen Anlagen unerklärlich wäre. Uebrigens verstehen wir unter Erziehung nicht die einfachen moralischen Belehrungen, welche sogar bei Erwachsenen selten etwas leisten, weshalb wir auch von den sogenannten moralbefördernden Künsten, Schriften und Predigten so wenig Erfolg sehen, noch weniger verstehen wir darunter die schulmeisterlichen Zuchtmitte], wodurch im besten Falle Heuchler 134 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. erzogen und nicht das Laster in Tugend, sondern nur ein Laster in ein anderes verwandelt wird. Wir verstehen vielmehr unter Erziehung eine Reihe von Reflexbewegungen, welche nach und nach an die Stelle derjenigen treten müssen, welche die bösen Neigungen direkt veranlasst, oder ihre Entwickelung wenigstens gezeitigt haben. Als vorzügliches Erziehungsmittel dient in diesem Sinne die Nachahmung, die durch den Verkehr mit anständigen Leuten und durch weise Vorkehrungen nach und nach sich bildende Gewöhnung, wodurch das Auftreten von Wahnvorstellungen verhütet wird, die im Kindesalter einen so fruchtbaren Boden finden und, wie wir sahen, so verhängnissvoll werden. Hierbei leisten Strafen weniger als gewisse Vorbeugungsmittel, als günstige Luft-, Licht- und Raumverhältnisse, eine dem Einzelfalle angemessene Ernährung, z. B. vegetabilische Kost bei Blutreichen, Entziehung von geistigen Getränken u. s. w. — Man vermeide alles, was Eifersucht erweckt und dadurch zu gewaltsamen Handlungen fortreisst, man unterdrücke den vorzeitigen Stolz durch die so leicht zu liefernden handgreiflichen Beweise für die menschliche und besonders für die kindliche Schwäche; man kultivire den Geist vermittelst der Sinne und das Herz vermittelst des Verstandes, wie es in so ausgezeigneter Weise durch das Fröbelsche System geschieht. Manche Kinder sind traurig oder heftig und onaniren, weil sie kränkeln, an Rhachitis oder Würmern leiden. In diesen Fällen ist eine Stärkungskur oder sind Wurmmittel dasjenige, was allein zur Besserung dient. 1 1 Galavardin (Comment le traitement homoeopathique peut ameliorer le caractere. Paris 1882) will mit homöopathischen Arzneien unsittliche Neigungen geheilt haben, so mit Piatina und Nux die lüsternen Neigungen eines Mädchens, mit üriganum majorani bei drei anderen den unwiderstehlichen Trieb zum Onaniren, mit Kochsalz die Bosheit eines kleinen Mädchens, das sogar seine Mutter schlug. Sehr unwahrscheinlich — wenn die Charakterfehler angeborene waren. Lombroso. (Man vergleiche jedoch die neuesten Erziehungsresultate, welche A. Voisin in Paris und Libkault in Nancy mittelst Suggestion erzielt haben. S. Bev. de VHypnotisme, an I. H. 1 und 4. Uebers.). Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 135 Das einzige Mittel, um zu verhindern, dass so unglückliche Geschöpfe, wie es die Verbrecher sind, auf die Welt kommen, wäre vielleicht, dass man die Ehen der Alkoholisten und Verbrecher verhinderte. Gehen wir dennoch von der Ueberzeugung aus, dass der geborene Verbrecher unverbesserlich ist, so begegnen wir uns mit der von Roussel, Borzillai und Ferri getheilten Ansicht, dass die sogenannten Besserungsanstalten vielmehr Verderbnissanstalten sind. Zweckmässiger als diese würden Anstalten für verbrecherische Irre, oder noch besser Asyle zu lebenslänglicher Aufbewahrung solcher Minderjährigen sein, die mit hartnäckigen bösen Neigungen oder mit Moral insanity behaftet sind. Für sie würde das Asyl ebenso, oder sogar noch weit förderlicher sein als für die Erwachsenen, da es von Jugend auf die Folgen jener bösen Neigungen beschränkt, denen wir leider immer zu spät und erst, wenn sie verhängnissvoll geworden, unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Schliesslich ist doch dieser Gedanke weder neu noch revolutionär. Hat doch schon die Bibel ihn ausgesprochen und zwar in einer weit radikaleren und weniger humanen Weise, wenn es (Deuteron. XXI.) darin heisst: „Hat Einer einen störrigen Sohn, der ein Trunkenbold ist und widerspenstig gegen seine Eltern, so sollen ihn diese .. . den Aeltesten übergeben und steinigen lassen, auf dass er sterbe." Die Erziehung vermag zwar ein mit guter Gemüthsanlage begabtes Kind vor dem Uebergang der kindlichen Untugend in gewohnheitsmässiges Laster zu behüten, aber Diejenigen, die mit perversen Naturtrieben geboren sind, vermag sie nicht zu ändern. IL Theil. Pathologische Anatomie und Messungen an Verbrechern. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 1 I. Messungen. Das anthropologische Studium des Verbrechers muss notwendigerweise von jenen physischen Eigenthümlichkeiten ausgehen, die sich zunächst auf dem Secirtische erkennen lassen. Indes veranlasst uns die grosse Zahl der untersuchten Individuen, die von 55 auf 383 bis jetzt angewachsen ist, sowie die Rücksicht auf den Leser, die Ergebnisse summarisch wiederzugeben. 1. Sehädelkapacität. — 121 Schädel italienischer Verbrecher männlichen Geschlechtes verglichen mit 116 normalen italienischen nach Moeselli und mit 212 nach Amadei und 1 Coügnet e de Paoli: Su 26 erani di criminali (Archivio di Psichiatr., scienze penäli etc. 1882, p. 107). — Bordier: Etudes anthropolog. sur une serie de cränes d'assassins (Bev. d'Anthropol. II. Serie, fasc. 2). — Amadei: Orani di assassini e considerazioni di craniologia psicliialrico- criminale (Archiv, di Psich., scienze penali etc. 1883, p. 98). — Ferri: Studi di antropometria su criminali, pazzi i sani. 1881. — Lombroso e Manuelli: Craniometria di 39 delinquenti e 66 normali del Piemonte 1881. — Boggio e Collino : Tipi di delinquenti mattoidi. 1881 — v. Len- hossek: Orani di delinquenti rumeni, unghercsie e croati. 1880. — de Paoli: Quattro crani di delinquenti. 1880. — Tex-Kate et Pawlowski: Sur quelques cränes de criminels (Bev. d'Anthrop. 1881, p. 116). — iL Flesch: Untersuchungen über Verbrechergehirne. Würzburg 1881). — Corre: Cränes de criminels (Bullet, d. I. Soc. d'Anthrop. 1881). — Ardouin: Craniologie des assass. (ibid. 1879). — Heger et Dallemagne: Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 137 Mantegazza ergaben ein Uebergewicht der erstem sowohl in der Reibe der Minimalkapacität von 1101 bis 1200, als auch in derjenigen von 1251 bis 1300 ccm. Fast gleich sind die Kapacitäten einander in der Reihe von 1401 bis 1450, um ein weniges höher- die der Verbrecher zwischen 1351 bis 1500. Die Kapacität von 1501 bis 1550 dagegen ist bei den Verbrechern seltener; der normalen wiederum gleich bei 1551 bis 1600 und bei 1651 bis 1700. Von 1601 bis 1650 sind die Verbrecherschädel seltener und die höheren Kapacitäten von 1700 an fehlen ihnen gänzlich. Demnach herrschen im ganzen die geringeren Maasse, darunter die von 1451 bis 1500 vor, und sind die sehr hohen selten. Auch muss ich bemerken, dass ich bei meinen Messungen der Verbrecherschädel des Sandes mich bedient habe, wodurch die Kapacität um ca. 100 ccm höher erscheint; ferner auch, dass die Körperlänge der Verbrecher, wie wir sehen werden, die normale überragt. Nach den Landstrichen unterscheidet sich die Kapacität folgendermaassen: Piemont hat 1439, die Lombardei 1438, Neapel 1393, Sardinien 1303, Ligurien 1434, Venetien 1528, Rom 1415, Toscana 1417, die Emilia 1386. 2. Verschiedenheit nach der Art des Verbrechens. Die Minimalkapacität von 1101 bis 1200 wird bei den Mördern ungleich seltener als bei den Dieben angetroffen, die hohen Zahlen von 1551 bis 1700 (um das Dreifache) mehr bei ersteren als bei letzteren. Am häufigsten (17,6 %) dürfte be den Dieben eine Kapacität von 1451 bis 1550, bei den Etudes s. I. caract. cräniol. d'assassins execuüs en Belgique. 1881. •— Giacomkii: Varietä delle circonvoluzioni delV uonio. 1881. — Peli: Intorno alla craniologia degli alienati. 1882. — Schwekendiek : Untersuchungen an 10 Gehirnen von Verbrechern und Selbstmördern. Würzburg 1881. — Benedikt: Anatom. Studien an Verbrecliergehimen. Wien 1879. — Ibid. Schädelmessung. 1880. — Weissbach: Beitr. z. Kenntniss der Schädelformen osterreich. Völker (Wiener mediz. Jahrb. 1864 und 1867). — H. Welcker: Wachsthum und Bau des menschl. Schädels. 1882. — Em. Huschke : Schädel, Hirn und Seele. 1854. — E. Zuckerkandl: Morphologie des Gesichtsschädels. 1877. — Meynert: Kraniol. Beiträge (Wiener Jahrb. f. Fsych. 1879). — E. Morsei.li: Critica e riforma del metodo in antropologia. Koma 1880. — Orchanski: Cränes d'assassins (Bullet, d. I. Soc. d?Anthr. 1882). 138 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Mördern eine solche von 1351 bis 1400 und von 1450 bis 1500 vorkommen. Von 1551 bis 1600, noch mehr aber über 1600 hinaus ist die Schädelkapacität bei Dieben ein selteneres Vorkommen als bei normalen Individuen und sogar seltener als bei Mördern. Vergleicht man Mörder und normale Individuen Italiens miteinander (s. Tabelle 1), so findet man bei den Letzteren ein leichtes TJeberwiegen bei der Minimalzahl 1151 bis 1250, ein etwas geringeres Verhältniss bei 1251 bis 1350. Zwischen 1501 Tabelle 1. Schädelkapacität cem Mörder (53) % Diebe (36) % Gesunde °/o Irre (475) %> Epileptische 1101—1150 — 2,9 — — 0,5 1151-1200 — 11,7 0,9 1 — 1201—1250 — — 1,7 3 — 1251—1300 11,3 2,9 4,3 3 2,0 1301—1350 9,4 11,7 6,9 10 1,0 1351—1400 16,9 11,7 12,9 8 7,2 1401-1450 11,3 11,7 12,9 22 8,8 1451—1500 15,0 17,6 15,5 12 14,4 1501—1550 5,4 17,6 14,6 -12 20,1 1551-1600 11,3 8,6 11,2 11 16,1 1601—1650 13,2 — 9,5 10 11,3 1651—1700 5,4 2,9 5,2 2 11,9 1701—1750 — — 3,4 4 3,62 1751—1800 — — 0,9 1 1,52 1800—2000 — — — 1 2,59 und 1550, das heisst den mittlem Normalzahlen, ist das Verhältniss auf Seiten der Gesunden um 1 /s günstiger, nämlich 12 (Amadei) und 14,6 (Morselli) gegenüber 5,4 bei den Mördern. Eine Kapacität von über 1700 findet man bei Letzteren niemals, während sie in ihren Maximalzahlen den andern in dem Verhältniss von 13 zu 9 und 10 gegenüberstehen (was nach Amadei auch in der Kategorie von 1401 bis 1450 der Fall ist). Die Diebe stehen bezüglich Minimalzahlen 1101 bis 1200 zu den Gesunden wie 14 zu 1; die etwas grösseren und die Maximalzahlen kommen bei den Dieben seltener, als bei Ge- Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. \ 39 sunden und bei Mördern vor; um die mittleren Normalzahlen herum (1451 bis 1550) ist der Unterschied gering, etwa 35 zu 30. Wir haben nur zwei Fälle von Gelegenheitsverbrechern, die wir abgesondert betrachten werden; die Schädelkapacität beträgt bei ihnen 1355 und 1520. Auch im arithmetischen Mittel, welches nach Calori im Normalzustande 1550 (nach Amadbi nur 1474) beträgt, sind die Zahlen bei den Verbrechern niedriger, nämlich 1455, bei den Mördern etwas höher (1457) als bei den Dieben (1499). Tabelle 2. Schädelkapacität ccm Verbrecherinnen 7o Gesunde °/ (Amadbi) Frauen 0 (MORSELLI) Irrsinnige (Amadei) 1000—1050 — 0,91 --- — 1051—1100 1,72 1,82 1,1 2,50 1101—1150 6,89 5,45 4,6 3,54 1151-1200 12,25 10,0 4,6 3,93 1201—1250 20,60 10,9 9,2 8,21 1251—1300 25,86 10,9 20,7 13,57 1301-1350 12,25 20,0 14,0 19,63 1351—1400 10,34 10,9 16,1 17,49 1401—1450 5,17 9,09 8,0 15,35 1451-1500 3,44 6,36 5,7 10,00 1501—1550 — 5,45 6,9 3,21 1551—1600 — 5,45 5,7 1,43 1601—1650 1,72 1,82 2,3 — 1651-1700 — — — 1,07 1701—1750 — 0,91 1,1 — Aus diesen Vergleichungen erhellt, dass die Schädelkapacität bei den Verbrechern üherhaupt geringer ist, besonders bei den Dieben, weniger bei den Mördern, und dass sie infolge des vorwiegenden Vorkommens der kleinen und des seltenern Vorkommens der grossen Schädelräume von der normalen abweicht Sehr kleine Schädelräume finden sich bei 50 verbrecherischen Weibern und zwar weit häufiger als bei normalen Frauen, nämlich im "Verhältniss von 42 zu 29. Bei den etwas höheren Schädelräumen war der Unterschied gering, bei 1251 bis 1400; für die sehr grossen Bäume war das Verhältniss der Verbreche- 140 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. rinnen zu den Gesunden wie 11 zu 29 (s. Tabelle 2). Auch hier ist das Verhältniss der Minima zu denen der gesunden Frauen wie 2 zu 1 (Moeselli), nämlich 37 Procent zu 19,5 Procent bis 18 Procent. Bei den höheren Kapacitäten von 1251 bis 1400 gleicht sich das Verhältniss fast aus, z. B. 48 zu 51 bis 50 Procent. Bei 5 Giftmischerinnen betrug die Mittelzahl 1384. Das arithmetische Mittel, 1322, ist bei den Verbrechern etwas höher als bei den Normalen, 1310 (Nicolucci) oder 1316 (Amadei und Mantegazza) . Auch Weisbachs Zusammenstellung deutscher Verbrecherschädel (Tabelle 3) mit denen von normalen Deutschen Tabelle 3. Normale Kapacitäten (216) Verbrecherkapacität (175) Berüchtigte ccm % ccm % Verbrecher 1000—1100 — 1000—1100 2,3 1 — 1101—1150 0,4 1101-1200 2,3 — 1151—1200 1,7 1201—1300 15,5 1 1201—1300 4,0 1301—1400 30,8 1 4 1301—1450 29,5 1401—1500 24,9 I 4 1451—1600 47,6 1501—1600 13,2 2 1601—1750 14,8 1601-1700 6,8 3 1751—2000 3,6 1701—1800 3,5 — 2001—2100 0,4 1801—1900 — — — — — 1901—1920 0,6 — ergiebt in den niedrigsten Zahlreihen ein bedeutendes Ueber- wiegen der ersteren und zwar im Verhältniss von 18 zu 6,1, während beide sich gleichkommen in den Zahlreihen von 1300 bis 1600. Höher hinauf sind wiederum die Verbrecherschädel in der Minderheit und zwar im Verhältniss von 18 zu 10. Das Mittel bei den Verbrechern = 1386 (bei den Frauen = 1316) steht dem Mittel der normalen männlichen Schädel = 1510 bedeutend nach. Ranke (Altbayerische Landbevölkerung) fand mehr Minima bei den Mördern als bei normalen (Verhältniss 25 zu 19) aber auch mehr Maximalzahlen unter ihnen (Verhältniss 28 zu 6); vielleicht infolge des endemischen Kretinismus. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 141 Die mittlere Kapacität von 100 Altbayern beträgt = 1502, Minimalz. 1260, Maximalz. 1780 ccm (s. Tabelle 4). Die von Heger betreffs seiner belgischen Schädel erwähnten Schwankungen sind uns wenig verständlich (s. Tab. 5). Die Minimalkapacitäten der Verbrecher sind in der Minderzahl gegenüber den normalen, dagegen sind die niedrigen von 1340 Tabelle 4. Schädelkapacität bei 100 Verbrechern bei 100 gesunden Bayern com % %> . von 1200—1300 3,0 2,8 „ 1301-1400 22,0 17,0 „ 1401—1500 22,0 35,0 „ 1501—1600 19,0 21,0 „ 1601—1700 15,0 18,0 „ 1701—1800 9,0 6,0 „ 1801—1900 9,0 —. ---------------------- bis 1400 und die maximalen bei jenen um das Doppelte häufiger, die höchsten sogar noch mehr. Das Mittel der Verbrecher- Tabelle 5. Kapacität Verbrecher Gesunde ccm % %> 1200—1300 — 4,5 1301—1400 20,8 18,0 1401—1500 20,0 40,9 1501—1600 30,0 21,7 1601—1700 23,3 22,7 1701—1800 6,6 — schädel verhielt sich in Brüssel bedeutend höher, nämlich wie 1538 zu 1490, noch mehr in Gent (1555), dagegen niedriger in Lüttich (1487). Ten-Kate und Pawlowski wollen folgende Maasse bei Verbrechern gefunden haben: bei bei Männern Weibern Minimum.........1303 ccm 1250 ccm Maximum.........1940 „ 1587 „ Mittel............ 1545 „ 1374 „ 142 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen Bordier [Revue anthropolog. 1879) behauptet, dass die mittlere Kapacität der Verbrecherschädel höher als die normaler Individuen sei. Zieht man aber die abnorme Zahl 2076 von den übrigen ab, so ergiebt sich eine mittlere von 1531, die von der normalen (1529) doch nur wenig abweicht. Uebrigens handelt es sich bei ihm auch nur um Mörder, deren Medien, wie wir gesehen haben, grösser als die bei Dieben sind und den Normalen näherstehen. Vergleichen wir die einzelnen Reihen, so findet sich, dass das Minimum bei den Mördern fast um die Hälfte, die Reihe von 1400 bis 1500 indes nur um ein weniges, dagegen die von 1500 bis 1600 um ein bedeutendes niedriger ist als bei den Gesunden. Tabelle 6. Kapacität Friedhof im Westende Mörder ccm % Yo 1300—1400 21,87 11,42 1400—1500 18,75 14,28 1500-1600 43,75 28,57 1600—1700 3,12 22,85 1700—1800 6,25 16,66 1800—1900 3,12 2,77 1900—2000 3,12 — 2C00—2100 — 2,77 Umgekehrt sind die höheren Zahlenreihen von 1600 bis 1700 fast um das Dreifache bei den Mördern vertreten und die höchsten, aber abnormen Zahlen von über 2000 finden sich bei den Gesunden gar nicht (s. Tabelle 6). Vergleicht man meine Angaben über Verbrecherschädel mit denen von Peli und Amadei über Irrenschädel, so findet man, dass die Mittlere der letzteren, gleich 1544 bei Männern und 1341 bei Weibern, die Mittlere der ersteren gleich 1455 bei Männern und 1322 bei Weibern, mithin um 89 bei irren Männern und um 19 bei irren Weibern höher ist. Die Zahlen des Minimum und Medium bis zu 1500 cm kommen bei den irren Männern seltener als bei den Verbrechern, die Zahlen über 1500 bis 1600 etwas häufiger und die sehr hohen von Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 143 1700 und mehr sogar häufiger als bei Gesunden vor. — Die weiblichen Irren sind in Mehrzahl gegenüber den Verbrecherinnen bei den niedrigsten Werthen von 1041 bis 1100, in Minderzahl bei den niedrigen von 1150 bis 1300, und überragen jene an Zahl bei den hohen Werthen von 1400 bis 1500. Eben dasselbe findet statt, wenn man die Irrenschädel von Wien und Allenberg mit den normalen von Königsberg (vgl. Benedict, a. a. 0.) mit Ausschluss der Frauen, vergleicht, wo die geringeren Kapacitäten kleinere Quoten abgeben, nämlich 11 zu 5,8, und die grösseren, wenigstens von 1500 bis 1550 fast dreimal so gross, die noch grösseren von 1600 bis 1650 doppelt so gross sind. Im ganzen also ist der Schädelraum der Verbrecher, namentlich der der Diebe, kleiner als der der Gesunden und Irren; im einzelnen, d. h. in den mittleren und höchsten Zahlenreihen steht er demjenigen der Irren näher als dem der Gesunden, während überdies so geringe Kapacitäten, z. B. bei den Dieben, vorkommen, wie sie sich weder bei Irren noch bei Gesunden finden lassen. Wenn aber ein sehr grosser Schädelraum bei Verbrechern vorkommt, der nicht von Hydrocephalus herrührt, so spricht derselbe für eine höhere Intelligenz, als sie der Rasse des Trägers im Durchschnitt zukommt. Dahin gehören unter meinen Fällen, wo das Mittel bis 1600 cm betrug: der wilde, aber intelligente Räuberhauptmann Artusio aus Piemoot und sein nicht weniger verschmitzter Helfershelfer Violini; ferner Mendario, der nach Ermordung seines Weibes sich durch die Flucht rettete und lange Zeit der Strafe sich entzog; J. . ., aus Vercelli, ein hochbegabter Strassenräuber; die äusserst schlaue Giftmischerin C . . . aus Verona; ein Mönch aus Brescia, der zugleich Dieb und Mörder war; der Mörder und Schänder Soldati aus Treviso, der sich lange allen Nachforschungen zu entziehen wusste und mit 70 Jahren noch offene Schädelnähte hatte; endlich ein Venetier, der dreimal wegen Mordes bestraft war und einen Schädelraum von 1633 ccm besass. Dabei sei bemerkt, dass der Schädelraum der Venetier sehr gross ist, wie aus meinen früheren Untersuchungen erhellt. 144 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Unter Hegers belgischen Verbrechern hatten Rooxels und Jansen, die mehr geistigen als selbstthätigen Führer einer Räuberbande, einen sehr weiten Schädelraum; auch sie verstanden es, ihre Verbrechen lange Zeit zu verheimlichen. Le Pelly (s. Ten-Kate und Pawlowski), ein echter Industrieritter und Mörder, war zuvor Wechselagent und so verschmitzt, dass er für ein Tugendmuster galt; sein Schädel hatte die enorme Kapacität von 1945 ccm. Bordiers grosse Schädel gehören wirklichen Räuberhauptleuten an, die eine Art bureaukratischer Ordnung bei ihren Tabelle 7. Umfang Mörder Diebe Normale ccm % % % 461—470 1,6 — 1,6 471-480 — 1,6 481—490 6,6 8,6 11,1 491—500 13,3 11,1 15,5 501-510 38,3 44,4 17,5 511—520 15,0 13,8 17,5 521—530 36,0 11,1 17,5 531—540 3,3 11,1 11,1 541—550 3,3 3,1 551-560 3,3 — — 561—570 — — — 571—580 1,6 — 3,1 581—590 — — 591—600 — — — Banden eingeführt hatten, so Minder-Krafft mit 1631 ccm, Pascal mit 1771 ccm, Lacenaire mit 1590 ccm. Der Occipalabschnitt des Schädelraumes beträgt nach Severi [Archiv, di Psichiatr. VII.) 142 bei Gesunden, 146 bei Verbrechern, 158 bei epileptischen Männern. Unter 14 deutschen Verbrechern finden wir 5 mit Schädelräumen, die über das gewöhnliche Mittel hinausgehen (s. oben). 3. Schädelumfang. — Die niedrigsten Verhältnisszahlen des Schädelumfanges der Verbrecher sind, nach Morselli, den normalen beinahe gleich, geringer jedoch von 481 an bis 500mm. Von 501 bis 510 sind die Zahlen um mehr als das Doppelte höher. Von 511 bis 530 sind sie niedriger bei Dieben, höher Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 145 bei Mördern. Von 531 bis 549 sind sie gleich bei Dieben, niedriger bei Mördern. Die noch höheren Zahlen fehlen gänzlich bei Dieben und sind bei Mördern entweder ebenso hoch oder höher als bei normalen Individuen (s. Tabelle 7). Vergleicht man "Weisbachs 215 deutsche Schädel von Normalen mit den 164 Bonner Verbrecher-und mit Zuckerkandes 83 Irrenschädeln (s. Tab. 8), so findet man, dass die Irren in den Minimalzahlen den Verbrechern gegenüber die Mehrzahl bilden; sie sind ihnen entweder gleich oder überwiegen sie ein wenig in den Reihen bis 53. In den höheren Zahlenreihen Tabelle 8. Umfang Normal Verbrecher Irre ccm % % % 47,6-48,0 — — 1,2 48,5—49,0 1,9 1,8 — 49,1-50,0 12,6 1,3 9,6 50,1—51,0 20,0 8,5 22,9 51,1-52,0 31,1 22,0 22,9 52,1—53,0 22,6 18,2 24,1 53,1—54,0 13,0 18,2 8,4 54,1-55,0 2,8 11,5 9,6 55,1—56,0 — 5,5 1,2 56,1-57,0 — 0,6 — 57,1-57,4 0,5 1,8 — stehen sie unter ihnen. Mit den normalen verglichen, stehen die Verbrecherschädel in den höchsten Zahlenreihen von 54 und drüber über jenen; etwas niedriger als dieselben aber in denen von 52 bis 53, und um vieles niedriger in der Reihe von 51 bis 52. Die Verbrecherschädel sind in den Reihen von 49 bis 53 weit seltener als die normalen und bis 51 sogar seltener als die der Irren, mit denen sie von 51 bis 52 fast ganz gleich stehen. Von 53 an sind sie aber in der Mehrzahl sowohl den Irren als auch den normalen gegenüber. Auch Clapham und Clark [The cranial outlines. 1876) nehmen einen Umfang von 22 Zoll bei Verbrechern mit schwarzen Haaren und einen solchen von 21,9 bei blonden Haaren an; bei Normalen mit schwarzen Haaren 22,1, bei Blonden und bei Irren 22,2. Lombkoso, Der Verbrecher. I. 10 146 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen, Bordiers Mörderschädel zeigen in der Reihe von 51 bis 52 einen um 5,5 Procent grösseren Umfang als die mit ihnen verglichenen Schädel von Dienern, Adligen, Bürgern und Gelehrten. In den anderen Reihen ist das nicht der Fall, wo sie vielmehr, sogar auch in den Reihen von 53 bis 55, einen geringeren Umfang als diese haben. Umgekehrt soll bei Gelehrten und Dienern die Zahlenreihe 56 bis 57 und bei den Dienern auch die von 57 bis 58 einen höheren Procentsatz aufweisen Tabelle 9. (Bordiers Franzosen.) Umfang Gelehrte Bürger Adel Diener Mörder cem % % % °/o % • 51-52 — — — — 5,55 52—53 — 0,6 — 1,8 8,33 53—54 2,0 1,9 3,7 5,4 13,80 54—55 4,0 6,2 9,2 5,4 25,8 55-56 6,0 14,0 12,8 33,9 13,8 56-57 18,0 24,0 28,5 42,8 16,6 57-58 36,0 24,5 22,0 10,7 11,11 58-59 18,0 14,0 12,0 — 10,0 59-60 8,0 7,0 8,0 — 2,61 60—61 6,0 3,3 1,8 — 2,61 61-62 2,0 1,8 — — — 62—62,5 — 0,7 0,9 — — (s. Tabelle 9). Endlich geben Heger und Dallemaöne den mittleren Umfang für Mörderschädel von Lüttich mit 529 mm, von Gent mit 527,6 mm, von Brüssel mit 534 mm an, während der Normalumfang für Brüssel nur 525 mm betrage. 4. Halber Schädelumfang. — Bordier hält die Differenz zwischen dem vorderen und dem hinteren Schädelumfang für wichtig. Der letztere sei um deswillen grösser, weil die Stirn der Verbrecher schmäler ist. Die von ihm mit- getheilten Befunde sind jedoch, aufrichtig gesagt, nicht beweiskräftig. In seiner Tabelle (s. Tab. 10), zu welcher ich 33 meiner Fälle mitbenutzt habe, ist in 1 Falle Gleichheit, in 19 allerdings der hintere Umfang grösser als der vordere, — in 13 Fällen dagegen ist der letztere merklich grösser. Hegers Tabelle dürfte einen sichereren Schluss gestatten. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 147 Hinterer Vorderer Umfang Umfang Mörder aus Brüssel . 244 „ „ Lüttich . .... 289 240 „ „ Gent . .. .... 291 236 Normale „ Brüssel . . .... 277 248 Hier ist der Unterschied zwischen Verbrechern und Nor malen allerdings gross. Tabelle 10. Halbumfang. Vorder- Hinter- Vorder- Umfang Hinter- 268 256 252 257 263 250 250 258 252 250 270 271 272 255 259 252 277 237 272 263 250 255 266 248 257 238 252 242 251 259 251 256 269 270 255 253 255 270 262 248 257 263 276 234 270 248 245 250 260 252 244 255 272 240 260 244 230 268 263 237 245 275 240 245 270 260 240 245 5. Vordere Projektion. — "Wichtigere Aufschlüsse möchte die Untersuchung der Schädelprojektionen gehen. — Orchanski hat an 24 französischen Mördern folgende gefunden: „.,, , bei normalen bei Mittel Europäern Negern Gesichtsprojektion .... 143 164 137 Vordere Schädelhälfte.. 355 409 361 Hintere „ ..501 525 501 Das ergieht denn doch etwas deutlichere Unterschiede zu Gunsten der vorderen Projektion bei den normalen im Vergleich zu der Enge des Hinterhauptes. 10* 148 Zweiter Tlieil. Pathologische Anatomie und Messungen. Dasselbe fand Heger in Belgien. Unterschied vorn hinten Mörder aus Brüssel ... 82,0 100,5 18,0 „ Lüttich... 80,0 94,4 14,4 „ Gent..... 80,2 94,2 16,9 Normale „ Brüssel ... 83,6 93,7 9,9 6. Bogen und Kurven. — Bordier bestimmt die einzelnen Abschnitte der Längskurve, für welche letztere er die Zahl 100 annimmt, in Procenten, woraus sieb ergiebt: . . Stirn- Stirn- Scheitelbein- Hinterhaupts- Dei Nasenwurzel kurve kurve kurve Verbrechern........... 7,32 26,92 34,41 31,35 Normalen der Stadt .... 5,07 29,48 33,85 31,60 „ im Pindelhaus 4,80 29,90 33,74 31,56 Westend..... 5,16 29,66 33,39 31,79 wobei der Scbeitelbeintbeil den Stirntbeil in einer Weise überragt, wie das bei modernen normalen Scbädeln niebt vorkommt. Bei unseren Scbädeln baben wir dagegen Zablen erbalten, die zwar für eine grössere Länge des Parietaltbeiles spreeben, am Frontaltbeil indes eine Abweichung von Bordiers Normalmaass niebt zeigen; die Nasenwurzelkurve ist auch bei unseren Verbrechern grösser. Nasenwurzel Mörder... 6,27 Diebe ___ 6,61 Bei den Mördern aus Brüssel (Heger) ist die grössere Länge der Scheitelbeinkurve sehr gering. Eben das ist der Fall bei Berechnung der innern Kurve, die 34 bis 34,6 gegen 35 der Brüsseler Normalschädel beträgt. — Nicht anders ist auch das Verhältniss zwischen dem Frontal- und dem Occipital- abschnitt, nämlich: Stirnkurve Scheitelbeinkurve Hinterhaupts kurve 29,22 34,29 30,27 29,76 33,49 29,98 bei Frontaltheil Occipital iheil Mördern aus Brüssel.. 27,8 32 >i j? Lüttich .. 28,0 31 >) i) Gent 28,0 32 Normalen ,, Brüssel.. 23,8 32 Benedikt verglich die Verbrecherschädel von Bonn mit Königsberger normalen und fand Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 149 für den Scheitelbeinbogen Hinterhaupts- bogen 12,2 11,4 11,8 11,2 12,2 10,0 12,6 11,8 bei Stirnbogen Normalen................... 12,4 Irren....................... 12,2 15 seiner L, , , ,..-,,( 12,9 -,.1-™ ?Verbrecherschadeln< 164Bonner) ( 12,9 mithin bei den Verbrechern ein grösseres Volumen für alle Bogen, namentlich aber für den Stirnbogen. Nach Reihen geordnet waren die Verhältnisse folgende: für den Stirnbogen: bei den 216 Normalen bei den 164 Verbrechern bei den Irren V» % % von 10,9—11,0 0,9 2,5 2,7 „ 11,1-12,0 14,8 20,8 21,6 „ 12,1-13,0 55,1 51,2 15,9 „ 13,1-14,0 25,5 23,1 29,9 „ 14,1-14,3 3,7 2,5 (14,1—14,9) — für den Scheitelbogen: 9,7-10,0 1,3 0 10,1—11,0 2,2 7,9 11,1-12,0 23,6 28,0 12,1—14,0 47,2 40,8 13,1—14,0 21,7 17,7 14,1—15,0 3,7 3,9 15,1—15,5 — 1,3 i *ür den Hinter tiaupts 9,1—10 3,6 1,8 10,1—11 32,8 30,4 11,1-12 52,3 46,3 12,1—13 10,6 17,1 13,1—14 0,4 1,3 2,7 8,1 27,0 43,2 16,2 2,7 5,4 27,8 37,8 21,6 8,1 Aus der vorstehenden Tabelle ersieht man, dass die Stirnkurve bei den Verbrechern in der Minimalreihe stärker, in der mittleren und maximalen schwächer entwickelt ist. Scheitel- und Hinterhauptskurve sind in der Minimalreihe bei ihnen mehr, in der mittleren gleich und in der Maximalreihe weniger entwickelt. Ich verweile nur ungern bei diesen Kleinigkeiten, denen man eine übertriebene "Wichtigkeit beigemessen und auf Grund 150 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. deren man sich so weit verstiegen hat, dass man von einer, Scheitelbeinrasse der Verbrecher sprechen konnte. 7. Indices. — Bei dem Verhältniss der Schädeldurchmesser zu einander ist vor allem der Einfluss der Landschaft zu beachten. Tabelle 11 giebt zunächst ein Normalbild dieser landschaftlichen Verschiedenheiten, die bei den Verbrechern, wie sich später ergeben wird, in hochgradiger Weise hervortreten. Demnach herrscht in Piemont die Brachykephalie, in Sardinien und Sicilien Dolichokephalie vor. Vergleichen wir z. B. eine Gruppe von 40 Verbrechern mit einer anderen von 83 Normalen, beide aus Piemont, so zeigt sich, dass 8% der Verbrecher und 10% der ehrlichen Leute dolichokephal 12; 80, sind. 19 „ 69 „ mesokephal brachykephal Tabelle 11. ° CO 1 ^ 'S CO £ o S> & oä Ol s CD 'ü 3 a CD •ä 3 CO a CD 5) 3 CD a CD > a o M Tose i s S.2 ana cö 's 3 o Eh Brachykephal...... 30 Ultrabrachykephal . 9 6 7 6 4 5 5 1 3 2 4 4 2 2 2 1 5 1 10 5 29 33 53 9 Hochgradige Brachykephalie hat man bei einigen Mördern, besonders bei solchen aus Piemont mit einem LäDgen-Breiten- Index von 90—88, auch vereinzelt bei Kretinen, gefunden. — Auch in Toscana und der Lombardei erreicht der Index bei Mördern oft die Höhe von 87, was, soviel ich weiss, bei gesunden Individuen selten der Fall ist. Man hat dieses seltsame Faktum, welches, wie wir sehen werden, auch an Lebenden und Kretins sich bestätigt, seitens der Phrenologen auszubeuten versucht, indem dieselben das Organ der Grausamkeit in die Schläfenklappen (des Gehirns) verlegten. Gleichwohl giebt es eine Reihe von Mörderschädeln mit sehr kurzem Breitendurchmesser und grossem Längsdurchmesser, Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 151 also mit niedrigem (dolichokephalem) Index. So hat der Schädel des grausamen Mörders Oipolla einen Index von 72, der eines Mörders Gasparone aus Turin von 71, bei Lacenaire fand ich 76, bei Helouin 79, bei Hulbach 78, bei A.vril 72, bei Lemoine 73, bei Moreau 72. Die berüchtigten französischen Mörder sind demnach, Lecouffe ausgenommen, der einen Index von 85 hat, sämtlich dolicho- oder doch mesokephal. "Wiederum hatte die grausame Bouhors einen Index von 89 und die aus Barkows Atlas bekannten Matzke, Flegel 86, 83. Bei den Dieben und Fälschern, namentlich bei Ersteren, scheint dagegen die Dolichokephalie vorzuherrschen. Von 16 Dieben fanden wir 9 dolichokeph., 3 mesokeph., 4 brachyk. „ 4 Betrügern „ „ 2 „ . — „ 2 „ Zählt man die Mesokephalen, wie es Manche thun, zu den Dolichokephalen, so hätten wir 12 von Letzteren unter 16 Dieben. 1 Dazu kommt, dass die Dolichokephalie bei einigen derselben einen sehr hohen Grad, z. B. den Index von 70 bei einem Genuesen und von 68 bei einem Oalabresen, von 73 bei einem Gauner aus Pavia erreicht; am merkwürdigsten aber ist ein Index von 72 bei einem Piemontesen. — Die Sardinierinnen geben 70,9 anstatt 72,3 bei Normalen. Gleichwohl darf man keinen anderen Schluss daraus ziehen, als den, dass der Volkstypus ungewöhnlich hervortritt, nicht aber, dass einer oder der andere Index für dieses oder jenes Yerbrechen vorzugsweise bestimmend sei. v. Lenhossek fand nur in 1 Falle unter 12 rumänischen und ungarischen Schädeln einen von dem Volkstypus abweichenden Index, nämlich hochgradige Brachykelaphie (s. Archiv, di Psichiatr. e Sciense penali. I.). In Hegers schöner Arbeit findet sich als mittlerer Index 1 In Deutschland gelten gegenwärtig folgende Maassbestimmungen für T .. Breiten- ljan ° e durchmesset Dolichokephalie___ 100 bis 75,0 Mesokephalie....... 100 von 75,1—79,0 Brachykephalie..... 100 „ 80,0—85,0 Hyperbrachykephalie (Rundschädel) „ 85,1 u. darüber. J. Ranke: Der Mensch. I. 381. Leipzig 1886.) 152 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. für die Mörder aus Brüssel 77,9, für die aus Lüttich 80,9, aus Gent 78,5, für die normalen Individuen 78; der Unterschied ist also geringfügig. Die einzelnen Reihen ergeben kein günstigeres Resultat, wie nachstehende, nur die Mörder aus Brüssel betreffende Tabelle zeigt: .-B.-Index Mördern Ton Normalen 73—76 8 9 77—81 17 12 81—87 12 12 ausser dass etwa ein etwas merklicher Unterschied zu Gunsten der Mesokephalen sich hervorheben lässt. Tabelle 12. Deutsche Oesterreich. Index Verbrecher Gesunde Irre (Weisbach) (Benedikt) (ZüCKERKANDL) % % % 62—63 0,6 — —• 66—70 1,7 — 3,4 71—72 2,8 0,5 4,5 72-75 6,2 0,9 4,5 75—76 10,8 3,3 3,4 76-83 48,3 50,5 59,1 83—87 19,8 34,2 22,1 87-88 5,6 3,3 2,2 88—90 2,2 5,5 — 90—92 — 1,5 — 92—93 1,7 — — Nicht anders ist es mit den französischen Erhebungen Orchanski fand an 24 Mördern einen Index von 85 im Mittel aus nachfolgenden Reihen: Index von 86—88 bei 2 „ „ 83-84 „ 4 „ „ 80-82 „ 6 i, ,) 71—73 „ 8 „ „ 74-79 „ 4 Unter den deutschen Verbrechern fanden Benedikt (Schädelmessung. 1882) und Weisbach die niedrigen Indices von 62 bis 75 vorherrschend, während solche bei Gesunden fast gar nicht vorkommen und niedriger sind als bei Irren; desgleichen, Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 153 wenn auch in geringem Grade, die Indices von 78 bis 76; ferner niedriger in den Einzelstellen, gleich im Mittel die von 76 bis 82 und auch im zweiten Mittel von 83 bis 87; doch um weniges höher von 87 bis 88 und von 92 bis 93. Während die Normalen nur 1,25 Proc. bis zum Index von 75 liefern, geben die Verbrecher bis 11,3 Proc. und einen Index von 76 bis 10,8 Proc, während die Normalen nur 3,3 Proc. geben. Im Vergleich mit den Irren (s. Tab. 12) soll dann unter den Verbrechern eine grössere Zahl von Dolichokephalen und eine geringere von Mesokephalen sich herausstellen. Aus allen diesen Angaben lässt sich indes kein sicherer Schluss ziehen, weil ein mehr oder minder grosses Kontingent von Rasseneigen- thümlichkeiten, die in Oesterreich und selbst in Deutschland vorhanden sind, die Rechnung beeinflussen dürfte. Auch Ten-Katb und Päwlowski fanden unter 54 Ver- brecherschädeln: 31 brachykeph., 10 mesokeph., 13 dolichokeph. und unter 35 Selbstmördern: 25 brachykeph., 2 mesokeph., 3 dolichokeph. Corre und Akdoüin fanden in Frankreich bei Mördern Indices von 72, 75, 76, 79, 83, 85. Auch Bordier fand eine beträchtliche Mehrzahl Dolichokephalen bei Mördern. 8. Höhendurchmesser und Index.—Obgleich Bordier auch auf das flöhenverhältniss des Schädels bei Verbrechern ein grosses Gewicht legt, so finde ich doch keinen deutlichen Unterschied. Schon Heger hatte bei seinen Brüsseler Mördern einen H.-Dm. von 130 und H.-I. von 69 angegeben, bei denen aus Lüttich H.-Dm. 133, H.-I. 73, bei denen von Gent H.-Dm. 129, H.-I. 70, während bei Normalen H.-Dm. 131, H.-I. 71 seien. Die Einzelreihen ergeben: bei 66—68 3 Mörder 6 Normale „ 69-70 6 „ 4 „ „ 71-72 i „ 7 „ „ 73—76 — _ „_ _ 7 _ „ Bordier hat trotz der Wichtigkeit, die er der Sache beilegt, einen H.-I. von 73,2, der dem normalen fast gleich ist; 154 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Orchanski fand an 24 Schädeln von Mördern aus Paris einen mittlem H.-I. von 75,3 gegenüber 72 bei Normalen. In den Einzelreihen stellt sich bei ihm das Verhältniss so: 4 mit H.-I. von 80—82,6 u. A. bei Benoit 7 „ „ „ 79—75 „ „ Lemoine 10 „ „ „ 74—70 „ „ Fiesehi, Achard 1 „ „ „ 68 „ „ Lacenaire. Auch bei meinen eigenen Messungen, die ich in 2 Gruppen eintheilte, fand ich bald grössere, bald geringere Abweichungen, so dass ich mir nicht erlaube, bestimmte Schlüsse daraus zu ziehen; z. B. fand ich in der Lombardei 4 Durchmesser von 120 bis 136, 8 von 138 bis 152, und bloss 2 von 109 bis 119; ebenso 8 Indices von 72 bis 76, 4 von 78 bis 81 und bloss 2 von 66 bis 68; — unter 9 aus der Emilia 4 von 75 bis 76, 3 von 71 und bloss 2 von 61 bis 69; — im ganzen bei 40 Verbrechern einen Index von 61 bis 81 „ 60 Verbrecherinnen „ „ „ 70,4 „ 81,1 9. Index frontalis (I. f.). — Auch dieser Index zeigt keine auffallenden Verschiedenheiten. Heger fand ihn von 66,7 bis 67,8 bei den unehrlichen und 67,7 bei den ehrlichen Leuten, woraus doch kein Schluss zu ziehen ist. In den Einzelreihen findet man folgende Yertheilung: D agegen: bei 32 bei 28 I. f. Verbrechern Normalen 58 bis 64 8 6 65 „ 68 13 13 67 „ 71 10 5 72 „ 76 1 4 60 „ 65,2 32 Proc. 36 Proc. 66 „ 70 40 „ 36 „ 72 „ 83 16 „ 26 „ 75 „ 78 4 „ )) (Sergi) bei den von mir in Gemeinschaft mit Sergi angestellten Untersuchungen. Aus letzteren Zahlen ergiebt sich aber gerade das Gegentheil von dem der Brüsseler, nämlich das häufigere Vorkommen von hohen und das seltenere von niedrigen Indices bei Verbrechern. Offenbar lassen solche Ergebnisse einen sichern Schluss nicht zu. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 155 An 60 Verbrecherinnen fand ich: die grössten Stirnindices bei Unzucht...................... 75,43 „ Kindesmord................... 71,47 „ Mord......................... 70,39 „ Giftmord..................... 70,28 „ Brandstiftung................. 69,18 die kleineren Stirnindices bei Todtschlag und Körperverletzung 68,87 „ Prostitution................... 67,97 „ • Diebstahl..................... 67,76 An 49 Verbrecherschädeln aus Piemont kamen vor: Stirnindices Verbrecher Normale von 60-65,2 auf 32 % 36 % t„ 66-70,0 „ 44 „ 36 „ „ 72-73 „ 16 „ 26 „ „ 75-78 „ 4 „ 26 „ Tabelle 13. I. Crm. bei Irren bei Verbrechern bei Normalen (Mokselli) 7- 9 3 — — 10—11 12 13 18 12-13 17 20 29 14—15 4 3 36 16-17 1 3 25 10. Index Cranio-Mandibularis (I. Orrn.). — Bei der Untersuchung von 26 französischen Mörderschädeln will Manoüvrier (s. Bullet de la Societe zoolog. 1882) gefunden haben, dass der I. Crm. bei den Verbrechern stärker entwickelt sei als bei den Normalen, indem er bei Jenen 14,78 im Mittel, 18,7 im Max. und 10,3 im Min., bei Diesen nur 13,4 bis 12,8 bei einem Max. von 16,3 und Min. von 10,3 betrage. Aus unseren Ermittelungen an 41 Verbrechern und 47 Irren will sich diese Verschiedenheit nicht ergeben, da wir ein Med. von 13,1, bei den 31 Lombarden nur 13, bei denen aus Toscana und Venedig (MohSELLi) bis 14 finden und nur wenige Sarden niedriger stehen. Die Irren dürften ein Med. von 12,2 haben. 156 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Bei der Betrachtung der Einzelreihen (s. Tab. 13) finden wir, dass Irre und Verbrecher zwar gleiche Maximal-Indices, nämlich ein erstes Maximum von 12 und 13 und ein zweites von 10 und 11 haben, die Irren aber nebenbei eine Anzahl kleiner Indices (7, 8, 9) aufweisen, die bei den Verbrechern nicht vorkommen, und Letztere wiederum eine Zahl sehr hoher Indices, 16 und 17, die bei den Irren fehlen. 11. Gesicht. — Der kleine Stirndurchmesser bietet bemerkenswerthe Unterschiede. Bei Verbrechern aus Piemont beträgt er 96 mm, bei Normalen daselbst 109 im Mittel. Bei der Reihenbetrachtung stehen die Beträge von 95—105 bedeutend Tabelle 14. 46 Verbrecher 60 Normale (Sergi) Von 85— 90 1 2,5 % 2 3,3 > „ 91— 95 10 21,7 „ 10 16,6 „ „ 96-100 15 32,6 „ 29 48,3 „ „ 101—105 13 28,2 „ 17 28,3 „ „ 106-110 5 10,8 „ 2 3,3 „ „ 111-115 1 2,1 „ — — „ 116—120 — — — — „ 121—125 — — — — „ 126—130 1 2,1 „ | — — unter den Normalen, die von 106—115 über den letzteren (s. Tab. 14). Ten Kate giebt den mittleren Durchmesser mit 97,6 an, höher als bei den Selbstmördern, wo er 97,3 betrage, und etwas niedriger als bei Männern mit Geist (101,1). — Sein Maximum = 113,7 zeigt wenig Unterschied von dem eines Selbstmörders — 117,2 und des Mannes von Geist — 115,1. 12. Gesichtshöhe. — Die mittlere Gesichtslänge ist beim Verbrecher (~ 92) um 6 länger als beim Normalen (:= 86). Besonders in den Reihen von 98 zu 110 übertreffen die Verbrecher die Normalen, während sie in den niedrigeren Zahlen zurückstehen. Die Gesichtsbreite ist bei Beiden im Mittel fast ganz gleich, nämlich 13,3 bei Verbrechern, 13,2 bei Gesunden. Die Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 157 Betrachtung der Reihen ergiebt folgende Procentsätze, aus denen ersichtlich ist, dass die höchsten und die geringsten bei den Verbrechern spärlich vorkommen. Höhe. Breite 40 Verbrecher 38 Gesunde 40 Verbrecher 3S Gesunde (Sekgi) 71— 80 5,0 % 13,1 o/o 116—120 — °/o 2,6 % 81— 90 32,5 „ 63,1 „ 121—125 5,0 „ 10,5 „ 91—100 55,0 „ 21,0 , 126—130 27,5 „ 28,8 „ 101—110 7,5 „ 2,6 „ 131—135 32,5 „ 36,0 „ 111—120 2,5 „ » 136—140 35,0 „ 13,1 „ — — — 141—145 H 5,2 „ — — — 145—150 )) 2,6 „ 13 Der Nasenindex zeigt bei den niedrigen Beträgen, die bei Verbrechern nur halb so oft auftreten wie bei Gesunden, Tabelle 15. Piemonteaen Gesunde 43 (Sergi) % Verbrecher 40 I Index °/o 31—35 2,3 7,5 36-40 6,9 17,5 41—45 23,2 32,5 46-50 44,1 35,0 50-55 20,9 7,5 56—60 2,3 — ebensowohl bei den höheren Beträgen von 46—55, die bei Ersteren noch einmal so oft wie bei Letzteren auftreten, erhebliche Differenzen (s. Tabelle 15). Dagegen fand man bei den belgischen Mördern den umgekehrten Fall, nämlich mit einem Index von 39 bis 48 15 Mörder 12 Normale „ 49 „ 52 4 „ 11 14. Mandibula. — Bei den Verbrechern ist der Unterkiefer stärker entwickelt als bei den Normalen, indem das mittlere Gewicht bei Jenen 84, bei Diesen 80, bei Irren 78 beträgt. Sein Durchmesser ist bei Normalen in der Breite von 99—100 wenig verschieden von dem der Verbrecher; zwischen 1 58 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 100—110 dagegen überwiegen die Letzteren, während die niedrigeren Durchmesser von 80—90 ihnen gänzlich fehlen. Letztere erscheinen nicht bloss bei Gesunden, sondern viel öfter noch bei Irren, und diese stehen bezüglich der niedrigsten Durchmesser von 70—80 nicht nur den Verbrechern voran, sondern auch den Gesunden sehr nahe, während ihre mittleren Durchmesser einen höheren Procentsatz abgeben, als die der Tabelle 16. Abstand Gesunde Irre Verbrecher 110-120 1 1 — 100—110 14 22 29 90—100 11 24 15 80— 90 3 4 — 70— 80 — 1 1 Verbrecher und der Gesunden; einen geringeren indes bei den höchsten Stellen (s. Tabelle 16). Der mittlere Durchmesser wäre demnach bei Normalen = 98,2, bei Verbrechern = 103,9, bei Irren = 97,8. Die Höhe Tabelle 17. Gesunde Irre Verbrecher Höhe Zahl % Höhe Zahl 7o Höhe Zahl o/o 20—23 — — 20—23 2 4,5 20—23 1 2,0 24—27 2 7,1 24—27 17 38,6 24-27 9 23,6 28-31 13 46,4 28-31 15 34,0 28-31 15 39,4 32—35 10 35,7 32—35 3 18,0 32—35 10 27,3 36—39 3 10,7 36—39 — — 36-39 3 7,8 — — - 40—43 2 4,5 40-43 — — an der Symphysis menti gemessen, fanden wir im Mittel bei 48 Verbrechern = 30,4, bei 44 Irren == 29,1, bei 28 Gesunden = 31,3. Die Einzelreihen gaben die meisten Minima (= 30,23) und auch etwas höhere Zahlen (24,27) für die Irren. Danach kommen die Verbrecher; bei den Maximalnummern haben wieder die Irren den Vorrang; bei dem zweiten Maximum aber stehen sie gegen Gesunde und Verbrecher zurück. Letztere Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 159 haben geringere Mittelzahlen als die Gesunden (s. Tabelle 17). Es dürfte das die Folge öftern Vorkommens von Skorbut bei ihnen wie bei den Irren sein. Orchansky bestätigt die stärkere Entwickelung des Unterkiefers bei den Verbrechern auf Grund seiner Betrachtungen an den französischen Mörderschädeln und erhebt die Aehn- lichkeit mit den wilden Rassen (5. Bull. Soc. Anthrop. 1882). Danach wäre: Kinnbreite ... 46,0 bei Europäern 45,0 bei Negern.. . 46,0 Breite....... 33,0 bei Europäern 30,0 Winkelbreite... 99,4 bei Europäern . 95,0 bei Mongolen... 99,0 Länge der Aeste 66,4 bei Europäern. . 57,0 Symphysenhöhe 32,9 bei Europäern . 31,0 bei Neukaledon. 33,0 Index......... 50,0 bei Europäern. 53,0 Tabelle 18. Ind. fac. 40 Verbrecher 38 Normale °/o % 50-55 2,5 — 56-60 — 18,4 61—65 17,5 36,8 66—70 55,0 29,2 71—75 17,5 15,0 76-80 2,5 — 81-85 5,0 — Im ganzen ist demnach wohl eine, wenn auch nicht sehr hervorragende stärkere Entwickelung des Unterkiefers, was Gewicht und Breite, sowie Höhe und Aeste betrifft, anzuerkennen, womit Ferris Ermittelungen an Lebenden (s. Arch. di Psich. 1882) und Quatrefages an prähistorischen Schädeln sich vertragen. Gleichwohl müssen wir erklären, dass strenggenommen auch daraus ein allgemeiner Schluss nicht gezogen werden kann, weil der Abweichungen am Schädel denen gegenüber, die bei Lebenden sich finden, zu wenige sind. 15. Index facialis — Die niedrigen Zahlen 50—65 erscheinen hier weit spärlicher als bei normalen Individuen, die hohen und höchsten dagegen oft — und zwar, wie wir gesehen haben, infolge der grösseren Höhe des Gesichtes bei gleichbleibender Breite (s. Tabelle 18). 160 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Bei den Belgiern kommt der Index von 61—64 bei den Normalen häufiger vor, ebenso der von 66—67; bei den Verbrechern aber der von 72—78. Verbrecher Normale Ind. f. 61-64 9,1 % 23,5 % 66-69 27,3 „ 5,8 „ 70—78 38,1 „ 17,6 „ 16. Foramen occipitale magnum. — Kapacität der Augenhöhlen und Index cephalo spinalis. — Unter 49 Dieben fanden sich 14, bei denen das Hinterhauptsloch über 800 mm Quadratfläche hatte, ebenso 4 Mörder (darunter 1 Frau; 3 hatten über 1000), 7 Mörder, 4 Diebe und 1 Deserteur hatten unter 700. Die Kapacität der Augenhöhle betrug nach Bono (Arch. di Psich. 1880), der sie bei 50 männlichen Verbrechern gemessen hat, im Mittel 59,2, bei "Weibern 53,5. Er fand bei Lombarden........ 56,5 bei Piemontesen....... 56,5 „ lomb. Verbrechern.. 61,5 „ Verbrechern........ 57,7 „ „ Irren........ 56,2 „ Irren.............. 55,5 Sehr ähnlich war der Befund bei Kretins und zwar = 58 neben einem Index von 25 bei Männern und von 24,8 bei Weibern. Also nicht zu vergleichen mit Irren, die in dieser Hinsicht den normalen Individuen weit ähnlicher sind. Bei 27 meiner 29 Verbrecher, und zwar bei 14 Mördern, 10 Dieben, 1 Betrüger, 1 Hehler und 1 Frau reichte die Kapacität über das Medium hinaus, in den Beinen von 60 bis 78. — Bei 6 Verbrechern ging sie dagegen unter das durchschnittliche Mittel binab, bis auf 48, und zwar bei 3 Dieben, 2 Mördern und 1 Zuhälter. Diese stärkere Entwickelung der Augenhöhle ist schon von Tamassia und Raseri erkannt worden und lässt sich wie bei Raubvögeln aus dem Zusammenwirken der Organe infolge angestrengter Uebung erklären, weshalb denn auch die Höhle bei den Dieben grösser als bei den Mördern ist (Tamassia). Der Index cephalo-spinalis ist bei 20 Verbrechern, darunter 11 Mörder und 4 Diebe, grösser als er durchschnittlich zu Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 101 sein pflegt, und zwar bis zu 34,4. Unter dem Mittelmaass steht er in 6 Fällen und zwar von 17 bis 21. Der Index cephalo-orbitalis hat, nach Bono, ein Medium von 24,7 bei Verbrechern, 25 bei Kretins, 28,0 bei Verbrecherinnen; 26 bei Irren und 26,6 bei normalen Individuen. 27,6 bei Normalen aus Piemont, 25,3 bei Verbrechern, 27,6 bei Irren eben daher, 28,0 bei normalen Lombarden, 23 bei Verbrechern, 26,0 bei Irren. Daraus erhellt, dass der Index bei den Irren dem der Normalen näher steht als dem der Verbrecher. 17. Der Gesichtswinkel erreichte nur 3mal die Höhe von 80 und 81°, und zwar bei Mördern und Räuberhauptleuten (s. Bogöia: Soldaten und Bäuber in Terra di Lavoro); alle diese hatten zugleich die grösste Schädelkapacität. Bei den andern 38 erschien der Gesichtswinkel kleiner — fast ohne Unterschied der Herkunft der Betreffenden. — So hatte er z. B. bei einem Mörder aus Piemont nur 69°, bei 2 lombardischen Fälschern und Dieben 70°, bei einem Diebe von da nur 69°, bei einem Sicilier 68°; bei einem Mörder aus Toscana 70°, bei 4 anderen von dort 74° und bei einem Römer 72° (und doch hat man bekanntlich in Born und Toscana die grössten Gesichtswinkel in ganz Italien). Wir finden folgende mittlere Zahlen: 71° bei Mördern, 76° bei Dieben, aus Neapel 73» „ „ 72» „ „ „ Piemont 70° „ Kupplern aus der Lombardei. Unter 7 Schädeln von Mördern bei Barkow (Anatom. Äbhandl.) befinden sich nur 2 orthognate, der von Hahn, und Blank, während die der übrigen von Flegel, Fiebig, Fingass, Skurberg, Grapsk sämtlich prognath sind, gleich dem Negerschädel. Im ganzen entsprechen alle diese Untersuchungen doch nicht den Erwartungen, die man daran knüpfte. Mit Ausnahme des auch nicht immer vorhandenen hochgradigen Index cephalicus (L-.B.-I.) und der geringeren Schädelkapacität, betreffen die Lombroso, Der Verbrecher. I. 11 162 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Tabelle 19. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. Hervorragen der Arcus superciliares und Sinus frontales... Abnorm entwickelte Weisheitszähne..................... Pathologische Schädel.................................. Theilweise oder gänzliche Verschmelzung der Schädelnähte Fliehende Stirn........................................ Verdickung der Knochen, Osteoporosis................... Plagiokephalie und Asymmetrie......................... Wormsche Knochen.................................... Einfach abnorme Schädel............................... Nähte der Stirn sehr einfach ........................... Hervorragen der Protuber. occipital. externa............. Mittlere Hinterhauptsgrube ............................. Grosser Schädelraum................................... Wölbung des Stirnbeines............................... Geschweifte Nähte..................................... Kreuznaht (persistirende Stirnnaht)...................... Osteophyten am Clivus................................. Inkabein und Schaltknochen............................ Trochokephalie........................................ Niedrige, schmale und platte Stirn...................... Verdünnung der Schädelknochen........................ Kreisförmiges oder schiefes Foram. magnum.............. Asymmetrie und Schiefheit des Gesichts................. Spuren von Traumen.................................. Anomal entwickelte Hundszähne......................... Geringe Kahnbeinform des Schädels (Subscaphoceph.)...... Substanzverlust infolge von Knochenentzündung.......... Uebereinandergeschobene Schädelknochen................ Osteome des Felsen- und Hinterhauptbeines.............. Oxykephalie........................................... häufiger vorkommenden Anomalien die Maasse des Gesichtes und der Basis, insbesondere den Gesichts- und Nasen-Index und den Index cephalo-spinalis, sowie den Orbitalraum, mehr, als die des eigentlichen Schädels. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 163 c (0 M H P a o m u 3 H SS H pq a 3 SS B O SS d g « B ° O ö ° Ort ffl B jO SS •a m O 9 55 n s o CO H S=H a o l g CO 5 g 2 « S B B § S tu a S H 177 36 13 53 18 31 12 28 in Procenten 66,9 60,0 — 53,0 — 13,0 __ __ 58,3 206 57,0 — — 53,0 — — 8,0 — 44,6 47 40,1 58,0 — 53,0 — — — 43,7 183 37,0 — 53,8 , 3 > 7 22,2 25,8 8,3 — 28,9 304 31,7 33,0 — 3,7 5,5 — — __ 28,0 228 60,9 39,0 — 39,6 — 9,6 — 42,8 43,4 290 14,9 37,0 23,0 39,6 33,0 13,0 12,0 42,8 23,1 289 21,0 38,4 7,7 20,5 17,0 32,0 8,3 — 22,0 314 18,8 33,0 — 20,5 — — — 21,3 183 18,7 — — 9,5 — 32,0 — — 18,4 260 3,8 2,7 — 9,5 — — — 46,4 16,6 90 15,4 — 7,7 9,5 — — 33,0 — 16,0 193 10,3 45,0 — 9,5 — 6,4 — — 15,0 232 17,1 8,3 — 9,5 — — — — 14,1 106 10,7 25,0 — 9,5 — — 8,3 — 13,6 169 12,0 19,5 7,7 9,5 11,0 16,0 — — 12,7 299 10,3 — — 9,5 — — 8,3 — 10,1 118 4,5 — 23,0 9,5 — 16,0 8,3 — 10,5 136 10,0 — — 9,5 — — 16,0 3,5 9,0 110 9,3 — — 9,5 5,5 — — — 8,6 93 10,0 — — 7 : 5 — — — 7,1 8,4 131 V,0 — — 7,5 — — 8,3 — 7,3 82 7,6 3,0 — 7,5 — 9,6 — — 7,1 236 7,0 — 1,8 11,0 — — 10,7 6,6 242 6,0 — — 1,8 — — 8,0 — 6,2 96 4,0 5,5 15,3 1,8 — 4- — — 6,1 98 — 11,0 — 0,9 — — — — 5,6 89 4,0 11,0 — 0,9 — — — — 5,5 161 4,0 8,0 — 0,9 — — — — 4,8 62 ■ -------------— 6,0 — 7,6 1,8 5,5 — — — 4,5 133 n. Schädelanomalien. Einen weit reicheren Ersatz dafür liefern diejenigen Anomalien, welche ich auf Grund aller von europäischen Gelehrten 11* 164 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 6 0 gemachten Beobachtungen in Tabelle 19 zusammengefasst habe. In letzterer sind unter der Kubrik „Italiener" Amadeis, de Paolis, Oougnets, Bonos Beobachtungen, welche fast sämtlich aus meinem Laboratorium hervorgingen, zusammengestellt. 1. Die Untersuchung von 383 Schädeln (177 davon sind von mir untersucht) ergiebt, dass die häufigste Anomalie im Hervorragen der Supraciliarbogen besteht, mit 58,2 %. Darauf folgt die anomale Entwickelung der Weisheitszähne mit 44,6%; die verminderte Schädelkapacität mit 32,5%, Nahtverwachsung mit 28,9%, fliehende Stirn = 28,9%; Hyperostosen mit 28,9%; Plagiokephalie mit 23,1%; Wormsche Knochen 22 %; unentwickelte Nähte mit 18,4 % ; hervorragender Hinterhauptshöcker mit 16,6 % (Inion Brocas) ; mittlere Hinterhauptsgrube mit 16%; geschweifte Nähte mit 13,6%; Abplattung des Hinterhauptes mit 13,2%; Osteö- phyten am Clivus mit 10,1%; Inkabein mit 10,5%; Trochokephalie mit 9 %; kleine enge oder abgeplattete Stirn mit 8,6 %; Verdünnung der Schädelknochen mit 8,4 %; verunstaltetes, zu rundes oder schiefes Foramen magnum 7,3 %; Spuren von Traumen 6,6 %; fehlerhafte Entwickelung der Hundszähne 6,2 %; Subskaphokephalie 6,1 % ; Substanzverlust durch Osteitis 5,6; übereinandergeschobene Knochen 5,5 %; Osteome am Felsenbein und am Seitentheile des Occiput 4,8 %, Oxykephalie 4,5 %. Das Wichtigste ist die Thatsache, dass von diesen Anomalien an einem und demselben Schädel eine Menge vereinigt in 43 %, vereinzelte jedoch nur in 21 % vorkamen. Die in Tabelle 19 aufgeführten Anomalien sind indes nicht die einzigen, was man schon daraus ersehen kann, dass die Beobachter gewissen, jedenfalls ebenso häufigen Vorkommnissen ihre Aufmerksamkeit darum nicht geschenkt haben, weil sie dieselben, nicht etwa übersehen, sondern sie für weniger bedeutungsvoll gehalten haben. Es ist z. B. unmöglich, dass nur Corre und ich die zurückfiiehende Stirn sollten gesehen haben, ebenso, dass unter den 53 Fällen von Ten- Kate und Pawlowski nicht ein einziger von Plagiokephalie Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 165 vorgekommen sein sollte; ferner, dass trotz der Abhängigkeit der Gesichtsschiefe von der Plagiokephalie Benedikt und Coere jene nicht beobachtet haben sollten. Daher kommt es, dass wir als sicheres, der allgemeinen Beobachtung entspringendes Resultat nur das anführen können, was sich auf die Wormschen Knochen und auf die Verschmelzung der Nähte bezieht, falls man auf die italienischen Resultate allein sich nicht verlassen will. Diese sind gleichwohl für eine lange Reihe von Anomalien unentbehrlich, für welche die übrigen Beobachter kein Auge gehabt haben. Die wichtigsten derselben sind: der Prognathismus mit 69 %; die Orthognathie mit 36,1 %, das grosse Volumen des Unterkiefers mit 19,8 %, die Schiefstellung der Augenhöhlen mit 19,2 %. In zweiter Linie stehen die kleinen Augenhöhlen mit 13 %; das zurücktretende Kinn mit 12,9%; Exkavationen und Löcher im Schädeldach, von Pacchionischen Körpern herrührend, 11,8%; die vertiefte Possa canina mit 11,7 %; die Einsenkung des Os ethmoid. in der Orbita 11 %; die Quernaht im Jochbein 10,3 %, der vorspringende Orbitalwinkel am Stirnbein 9 %. Seltener kommen vor: Proc. H,"'^ 1. Doppeltes Foramen infraorbitale ............. 8,5 82 2. Wulstung des Schläfenbeines ................ 8,4 143 3. Doppelte Gelenkfläche der Condyli occipitales. 8,0 35 4. Gespaltener oder verlängerter Proc. odontoid. Bpistrophei ................................ 7,6 26 5. Verwachsung der Process. clinoid. anter. poster. 7,6 26 6. Vergrös8erung der linken Hinterhauptsgrube.. 6,3 31 7. Abnorme Entwickelung der Gesichtsknochen.. 6,0 49 8. Starke Vertiefung der Glabella .............. 6,0 82 9. Spuren von Intermaxillarnaht.............. 24,0 57 10. Verwachsung des Atlas mit dem Occiput ..... 7,9 67 11. Schädelwunden und -bräche ................ 6,3 94 12. Erweiterter Canal. Carotic ................. 6,0 49 13. Erweitertes Parietalloch .................... 6,0 49 14. Tiefe Rinnen für Art. mening. u. Sinus ....... 5,6 71 15. Trichterförmiger oder erweiterter Nasenkanal. 5,6 88 16. Offene Schädelnähte im Alter von 75 Jahren . 5,0 99 17. Sattelform des Schädelgewölbes .............. 4,0 49 18. Vorspringender Zahnrand am Oberkiefer ..... 4,0 49 166 Zweiter Tkeil. Pathologische Anatomie und Messungen. " oc - suchte 19. Fehlen des hinteren Bogens am Atlas.......... 3,8 26 20. Stark entwickelte Fossa pterygoidea........... 3,8 26 21. Schläfenfortsatz des Stirnbeins................ 3,4 49 22. Nanocephalia............................... 2,7 74 23. Plattes Gaumengewölbe....................... 2,2 131 24. Fehlendes Foramen infraorbitale............... 2,0 49 25. Grubiger Eindruck am rechten Stirnbein....... 2,0 49 26. Erhaltene Naht zwischen Grund- und Keilbein .. 2,0 49 27. Zapfenförmige Verlängerung des Stirnbeins in der Kranznaht............................... 2,0 49 28. Sehr langer Process. styloideus................ 2,0 49 Der Basilarfortsatz war in 2 Fällen geknickt wie bei Kretins, zugleich das Gaumendach platt und verlängert; am Clivus fanden sich unter 35 Fällen 6mal Osteophyten. Spuren von vollständig verheilten Schädelbrüchen kamen unter 100 Fällen 6,3 mal vor, in 2 Fällen am Stirn-, in 1 Fall am Scheitelbein; eben dasselbe fand Flesch in 3 Fällen von 54 neben Leptomeningitis in 1, und Meningeal-Hämatomen in einem anderen Falle, von denen sich indes nicht bestimmen liess, ob sie der Neigung zu verbrecherischen Handlungen vorausgegangen waren. Bei 1 Mörder aus Perugia waren die Höcker am Hinterhaupt stark .entwickelt (ohne besondere Neigung zur Wollust); bei einem Dieb aus Calabrien dagegen, sowie bei einem wegen Erpressung verurtheilten Piemontesen geradezu atrophisch; bei 7 Mördern das Schläfenbein gewölbt, bei einem Mörder der Unterkiefer prognath, bei orthognathem Oberkiefer, so dass die Kauflächen sich nicht berührten; 1 bei 15 von 35 Untersuchten — einige der ersteren waren noch jung — war der Weisheitszahn vorhanden, bei 5 noch nicht zum Durchbruch gekommen, obgleich sie bejahrt waren; bei 8 waren die Schneidezähne sehr gross, bei 2 die Eckzähne eigenthümlich entwickelt. Bei 3 von 23 fand sich ein doppeltes Foram. infraorbitale. 2. Anomalien bei Verbrechern und Verbrecherinnen den Normalen gegenüber. — Die vorstehenden Angaben erhalten indes erst dadurch ihren vollen Wertb, 1 Also progene. (Fr.) Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. I(j7 man sie mit denen an Normalen vergleicht und das Geschlecht und die Art des Verhrechens herücksichtigt. Zu diesem Behufe dienen die von Legge an 1770 normalen und die von mir und Amadei an 1320 Soldatenschädeln vom Schlachtfelde bei Solferino angestellten Erhebungen; ausserdem die von mir an 66 Verbrechern und 66 Verbrecherinnen und die von mir und Sommer an 150 Irren, endlich die von AnüTSCHIN und GrKUREK u. A. m. gemachten Beobachtungen an wilden Volksstämmen (s. Tabelle 20). 3. Normale. — Viele Anomalien 1 bei den Verbrechern verlieren an Bedeutung, wenn man, wie es der Fall ist, fast ebenso viele, ja sogar eine grössere Anzahl solcher auch bei Normalen findet, z. B. das Foramen Civinini, die ungemein breiten äusseren Platten der Proc. pterygoidei, die Prognathie, die Spuren von Intermaxillarnäthen, die Orthognathie, die vorspringenden Schläfenbeine. — Dagegen giebt es andere, die bei Verbrechern in doppelter, ja in dreifacher Häufigkeit auftreten, z. B. die Schädelsklerose, das Inkabein, die Asymmetrie, die fliehende Stirn, die grossen Stirnhöhlen und Brauenbogen, die Oxykephalie, die offene Nasenwurzelnaht, die Verbildung der Zähne, die Asymmetrie der Gesichtsknochen und vor allem die mittlere Hinterhauptsgrube bei Männern, die Verschmelzung des Atlas und die Anomalien des Hinterhauptsloches. 4. Geschlechtsverschiedenheiten. — Man erkennt sofort, um wieviel häufiger Anomalien bei dem männlichen Geschlecht in der Verbrecherwelt vorkommen. Bei den Verbrecherinnen fehlen nicht nur Subskaphokephalie gänzlich, oder fast gänzlich Oxykephalie, Inkabeine, Gesichtsschiefe, Schaltknochen am Pterion, sondern es kommen auch um mehr als die Hälfte weniger vor: Schädelasymmetrie, voluminöse Kiefer, verstrichene Nähte, Stirn- (Kreuz-) naht — und um 4- bis 6mal seltener werden der vorspringende Orbialwinkel des Stirnbeins, die fliehende Stirn und die mittlere Hinterhauptsgrube gesehen. Nur Platykephalie, Anomalien des Foramen magnum und der 1 Anutschin, Anomalien. 1880. — Id. De Vos des Incas (Bull. d. Amis des sciences nat. de Mosern. 1881—82). 168 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Tabelle 20. Männer Weiber >2 fc B T3 Asymmetrie, Plagiokephalie....... Schädelsklerose.................. Nahtverschmelzung.............. Kreuz- (Stirn-) naht.............. Wormsche Knochen.............. Inkabein........................ Atlasverwachsung................ Mittlere Hinterhauptsgrube....... Foramen Civinini................ Fliehende Stirn.................. Stirnfortsatz des Schläfenbeins .... Starke Brauenbogen und Stirnhöhlen Unterkieferzähne abnorm......... Voluminöse Kinnlade............. Sehr voluminöse Kinnlade........ Spuren von Zwischenkiefernähten.. Oxykephalie..................... Foramen infraorbitale duplex..... Subskaphokephal ................ Prognath....................... Jochbeine vorspringend.......... Glabella nasalis eingedrückt...... Platykephal..................... Gesicht unsymmetrisch........... Zähne übereinandergewachsen..... Schläfenbeine vorspringend....... Kranznath-Schneppe.............. Gruben von Corpp. Pacchioni..... Schaltknochen am Pterion........ Foramen magnum verbildet....... Weibisches Aussehen............. Männliches Aussehen............. Vorspringender Orbitalwinkel des Stirnbeins................... 20,0 18,2 25,0 9,0 2,8 0,5 0,8 4,1 27,0 18,0 1,5 25,0 6,0 29,0 4,5 52,0 2.0 6,1 6,0 34,0 29,0 13,0 15,0 6,0 6,0 27,0 2,0 20,9 16,0 .2,5 15,0 15,0 42,0 31,0 37,0 12,0 59,0 9,0 3,0 16,0 15,0 36,0 3,4 62,0 2,0 37,0 10,6 24,0 7,5 18,0 6,0 34,0 30,0 31,0 22,0 25,0 1,0 43,0 9,0 50,0 23,0 10,0 6,0 46,0 21,0 31,0 26,0 5,1 46,0 1,7 3,2 3,2 8,1 6,8 6,6 29,0 3,2 25,0 3,3 3,3 32,0 7,6 33,0 3,0 11,5 9,2 7,0 17,2 17,2 13,3 10,0 20,0 6,8 3,4 10,0 19,0 0,5 6,5 10,0 6,9 0,1 ? 100,0 8,0 5,0 5,4 26,0 12,0 100? 40,0 100? 100? 6,9 66,0 100? Stimfortsatz des Schläfenbeins sind bei ibnen häufiger. In gleicher Zahl wie bei den Männern kommen vor: Schädelsklerose, Verwachsung des Atlas mit dem Hinterhaupt und Prognathie. normal verschwunden 20mal 26mal 16mal 5mal 2mal 2mal Omal 3mal Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 169 Vergleicht man nun aber die Verbrecherinnen mit normalen Frauen, so findet man, dass sie weniger diesen letzteren, als den normalen Männern oder den Verbrechern ähneln, insbesondere in Bezug auf die Brauenbogen, die verstrichenen Näbte, die Kiefer, die Verbildungen des Hinterhauptsloches, — während bei den Männern, d. h. Verbrechern, eine Aehnlichkeit mit dem Weibe weit seltener als bei Normalen gesehen wird. 5. Einzelnes. — Bei 44 also waren die Nähte geschwunden, 11 mal vollständig, so dass keine Spur mehr davon aufzufinden war, obgleich die Betreffenden kaum das Mannesalter erreicht hatten; bei einem Karabinier aus Turin, der einen Mord aus Liebe begangen, war die Pfeilnaht verschwunden, bevor noch das Manubr. sterni verschmolzen war. Wir fanden die Nähte Dei 60 Mördern .... 21 Dieben...... 4 Betrügern .., 3 Kupplern . .. In 22 Fällen ist die Sut. coronaria auffallend einfach, bei 7 Alten ein wahrhaftes Gekritzel an ihrer Stelle. In 1 Falle war die Pfeilnaht ganz schief. Bei Lemoine war sie schon im Alter von 19 Jahren und bei Arioni mit 20 Jahren, bei dem Mörder Brusaferro mit 30, bei dem Stuprator Ho ffmann mit 31 und bei dem Mörder Francois und Lacenaire mit 34 Jahren verwachsen. Die persistirende Stirnnaht (Kreuznaht) findet sich in 12%, darunter bei 5 Alten, ohne die häufigen Spuren, die man davon an der Nasenwurzel sieht. Die Linea semicircularis des Schläfenbeins, die am normalen Schädel fast nur angedeutet zu sein pflegt, tritt bei 26 unter 66 stark hervor und liegt der Pfeilnaht näher als sonst; in 16 Fällen bildet sie wahrhafte Knochenleisten. — Fast bei Allen sind die Supraorbitalbogen und die Frontalsinus ausserordentlich entwickelt. Der Einzige, der keine Spur davon hatte,, war der Mörder Soldati. Neben der Verwachsung des Atlas mit dem Hinterhaupt bestand bei dem Mörder Villella eine grosse mittlere Hinterhauptsgrube, sowie Schiefheit des 170 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Schädels und Gesichtes; bei einem Mörder aus Trapani war dasselbe der Fall, nur war die Grube weit kleiner; bei einem Mörder aus Bologna, Amadei, fand sich ebenfalls die Grube, aber neben Hyper- und Brachykephalie, schiefem Schädel, Sklerose und einer Menge von Wormschen Knochen; bei dreien zeigten die Kondylen des Hinterhauptes doppelte Gelenkflächen. Die mittlere Hinterhauptsgrube, die bei 16% sich vorfand, hatte in 11 Fällen die gewöhnliche Grösse, wie sie bei 5 % überhaupt gefunden wird (s. Archiv, per Vaniropol 1872). In 6 der genannten 11 Fälle kam sie bei Dieben, in 5 bei Mördern vor. 5 von den 11 hatten überdies Wormsche Knochen, 2 Atlasverwachsung. Bei einem von diesen, einem Bolognesen, war die Grube doppelt so gross wie gewöhnlich, bei dem Calabreseu Villella, dem sehr rührigen Diebe, dessen Schädelnähte trotz seiner 70 Jahre noch offen standen, zeigte die Grube die ganz ausserordentlichen Dimensionen von 34 mm Länge, 23 mm Breite, 11 mm Tiefe. Daneben bestand Atrophie der seitlichen Hinterhauptsgruben, und die Spina occipitalis interna, deren Stelle die mittlere Grube einnahm, fehlte gänzlich. An den Seiten war letztere von 2 knöchernen Leisten begrenzt, die anfangs parallel verliefen, dadurch eine trapezähnliche Figur bildeten und in der Nähe des grossen Loches mit einem kleinen dreieckigen Knopf endigten. In diesem Falle handelte es sich um eine Hypertrophie des Vermis, besser gesagt, um ein wirkliches mittleres Kleinhirn, wie man aus der vergleichenden Anatomie und Entwickelungs- geschichte es kennt und zwar bei den Lemuren und Nage- thieren nicht bloss, sondern bei dem menschlichen Embryo vom dritten und vierten Monat. Nicht ich allein, sondern auch die Professoren Bizzozzeko, Foä, Oaloki, Bergonzoli, Bomiti und Tenchini fanden an 107 Leichen eine und die andere Anomalie, die in 60 % gleichzeitig auftraten mit der mittleren Hinterhauptsgrube, an welche ein Stück des vergrösserten Vermis oder der Olive sich anlegte. [Arch. per VAntropol. III. 1. 1873.) Andere Degenerationszeichen, wie fliehende Stirn, kamen in 47 von 124 Fällen, Einsenkung des Siebbeines der Lamina Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 171 papyracea zugleich mit Verkleinerung der Stirnlappen in 12 vor, und zwar 5mal bei Dieben, 5mäl bei Mördern, lmal bei einem Stuprator, im ganzen bei 112 Untersuchten. Das Hervorragen des Wangenbeinfortsatzes vom Stirnbein wurde 5mal bei Dieben, lmal bei einem Stuprator, einmal bei einem Mörder beobachtet, 5mal das Einsinken der Glabella. Die Auftreibung der Stirnhöhlen und der Supraciliarbogen ist vorzugsweise charakteristisch und bildet in Gesellschaft mit der fliehenden Stirn vielleicht dasjenige Merkmal, wodurch die von Heger und Flesch bezeichnete Verwandtschaft der italienischen, französischen und deutschen Verbrecher beglaubigt wird. Sie steht im Zusammenhang mit der Schädelsklerose, die in 1 Falle (Magone) in ein echtes Ostium überging; in einem anderen an einem 25jährigen Diebe (bei Flesch) wurde dadurch der Schädelraum auf 1080 ccm herabgesetzt und gab dem Gesicht ein löwenhaftes Aussehen, und in einem weiteren Falle wurde das Gewicht auf 1143 g, d. i. fast das Doppelte des normalen Durchschnittsgewichtes, erhöht. 6. Vorkommen von Anomalien je nach der Art des Verbrechens. — Die Seltenheit des Materiales gestattet nur ein sehr reservirtes Verhalten bezüglich dieses Punktes. Bei den Dieben scheinen Mikrokephalie, Nahtsynostosen, fliehende Stirn, Spitzkopf, dickere Schädelknochen, umfangreiche Augenhöhlen vorzuherrschen, bei den Mördern voluminöse Unterkiefer, zahlreiche Schaltknochen, Plattköpfe und Stirnnähte. Die 3 Schädel von solchen, die in der Leidenschaft ein Verbrechen begangen hatten, sind es allein, die gefälligere Linien zeigen, eine weite Stirn, die indes doch zurückfliegt; bei einem aber auch grosse Kiefer und den schnabelförmigen Portsatz der Kranznaht, bei dem anderen doch auch recht entwickelte Stirnhöhlen. — Bei dem Mörder und Selbstmörder Kermoret fanden sich Asymmetrie und Spuren von Verletzungen des Schädels. Nur bei dem Gelegenheits- und erst später zum Gewohnheitsverbrecher gewordenen Salvatore, der, früher ein redlicher Kaufmann, von seinem Weibe verrathen und beraubt, 172 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. nicht nur ein sehr geschickter Dieb, sondern sogar das Haupt einer Diebesbande wurde, fand sich ein Schädelraum von 1457 ccm und schöne Kopfform. In Erwartung weiteren Materiales diene nachstehende kleine Liste zur vorläufigen Orientirung. 7. Analogie mit Irren und Normalen. — Wie bei den Indices, zeigt sich auch hier eine Aehnlichkeit in den Erscheinungen mit denjenigen der Irren und der Wilden. Tabelle 21. © o 5 u s «o « S a |3g .2 s O , o a ^5 o a C-2.S ÄS 1 28 Fliehende Stirn.......... %l 39,2 Mittlere Hinterhauptsgrube % 28,4 15 13,3 6,6 13,3 9 11,0 11,1 12 33,3 8,0 21 4,7 5,0 24,0 4 75,0 5 30,0 20,0 40,0 Die frühzeitige Nahtverwachsung, die bei den Normalen in 2 % vorkommt, sieht man nach Pbli bei den Irren in 15 %, bei den Verbrechern in 28,9 %• Tabelle 22. Verbrecher Gesunde Gewicht (42) Irre (42) (72) 400— 500 - % - % 19,4 % 501— 600 14,2 „ 11,9 „ 40,2 „ 601— 700 19,0 „ 26,0 „ 29,2 „ 701— 800 30,9 „ 35,0 „ 8,4 „ 801— 900 26,0 „ 23,8 „ 2,8 „ 901—1000 9,5 „ 2,3 „ 17 .Die Anomalie des Foram. infraorbitale erscheint bei Normalen in 10 — 11 %, bei Irren nach Peli in 4 %, bei Ver- brechern in 10,5 %, — die des Foram. occipit. magnum bei Irren in 0,5 %, bei Verbrechern in 7,3 % (Lombroso); — die Schädelsklerose 1 bei Irren in 50 % (Peli), bei Verbrechern 1 Gseding fand unter den Schädeln von 100 Tobsüchtigen 78 mit sehr dicken Hirnschalen, Berti bei Irren in Venedig 35%, Hoffmasn in Holland 68 °/o. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 173 in 43% (Lombr.); das Schädelgewicht bei gesunden Männern = 654 g, bei gesunden Weibern = 636 g ist bei irren Männern = 693, bei irren "Weibern = 574 (Peli). Morse l.li und ich fanden 600 g bei Gesunden, 701,3 bei Irren und 746 g bei Verbrechern. Nach deutlicher zeigt sich die Analogie in den einzelnen Reihen. 1 (8. Tabelle 22.) Plagiokephalie und Asymmetrie kommt nach WlTLlGK normalerweise in 3,7 % vor, bei Irren in 7 %, bei Epileptischen, nach Amadei, sogar noch öfter, bei den Verbrechern im allgemeinen in 23 %. Noch höher würde sich das Verhältniss stellen, wenn man Bordiers und Corres Zahlen, die nur an Schädeln von Mördern gewonnen sind, 37 und 33 % annimmt, während ich und Lenhossek nur 12 und 14 % haben. Bei Frauen dürfte man 15% annehmen können. — Faella, Mörder, Moreau, Stuprator, Lorrain, Khermant, Mörder und Selbstmörder, hatten unsymmetrische Schädel, doch kommt es, wie Amadei richtig bemerkt, in diesen Fällen mehr auf die Ausdehnung der Plagiokephalie, als auf das häufige Vorkommen an. Amadei maass die beiden schrägen Durchmesser, deren grösseren er als Einheit (100) nahm, und fand folgende Verhältnisse : 99,3 bei dem trochokephalen Mörder Kossi. 96,3 „ „ „ Todtschläger Borris. 98,7 „ der „ Verwandtenmörderin N. N. 97,6 „ dem „ Räuber Carpinteri. Einen geringeren Grad von Mikrokephalie fand ich bei 8 von 100 Verbrechern, 8,6 bis 14,3 bei Irren. Die Zwischenkiefernaht wurde bei Normalen und Irren zu 60 % gefunden, bei 2 jedoch nur war sie vollständig ausgebildet. Die Wormschen Knochen kommen nach Sommers Berechnung bei Gesunden in 28 %, bei Irren in 68 % vor. Peli nimmt 40,9 %, Ranke bei Gesunden in Bayern 20,9 % 1 Neuerdings wurde bei Epileptischen die Schwere des Schädels als besonderes Kennzeichen wieder hervorgehoben. bei Irren bei Normalen 18 % 16 % 1,5 °/o 0,4% 4,5 °/o 0,7 % 174 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. an. In der Lambdanaht kommen sie der Zahl nach 150 mal häufiger bei Irren als bei Gesunden vor, in den Schläfennähten bei Beiden fast in einander gleichem Verhältnisse. 1 Bei den Verbrechern kamen sie mir im ganzen, abgesehen von den selteneren Fällen, in 32,5 % vor. Dabei habe ich die ganz kleinen Wormschen Knochen im Pterion, Stirnbein, nicht mitgerechnet, die bei 60 Verbrechern in folgendem Ver- hältniss sich zeigten: bei Verbrechern Am Pterion ................ 23,6 % „ Stirnbein ............... 6,6 % „ Orbitaltheil der Stirn .... 1,6 7" Die Verwachsung des Atlas ist bei Irren mit 2,7 %, bei Verbrechern mit 7 % verzeichnet, fast immer gleichzeitig mit der mittleren Hinterhauptsgrube und nur bei Männern. Bei 1320 Soldaten stiess sie uns nur in 0,8 % auf. Die Stirn- (Kreuz-) naht, die man bei Weissen in 8 %>, bei Mongolen (nach Anutschin) in 5,1, bei Melanesiern in 3,4, bei Malayen in 1,9, bei Australiern in 1,2 %, also bei den tiefer stehenden Rassen in abnehmender Zahl gefunden hat, wird von Sommer bei Irren auf 5 %, von Fischer auf 1,8 %, von Peli auf 7,5 % berechnet — gleich der Zahl der Normalen in Bologna, — von mir auf 5 %• An den 1320 Soldatenscbädeln hatte ich 5,9 % gefunden. Diesen geringen Unterschieden vom Normalen stehen 12,7 % bei "Verbrechern gegenüber. Das Inkabein, welches bei Gesunden in Europa, nach Rankes und Anutschins Berechnung in 10,9 °/o, bei den Peruanern in über 60 und bei den anderen Amerikanern in 38 % bei den Negern in 26 und bei Mongolen in 22 % vorkommt, finde ich bei Irren in 30 % und bei Verbrechern in 10,4 %, letztere Zahl nur dadurch, dass ich Hegers und Dallemagnes Angaben in Berechnung ziehe, während meine 1 Sommer in Virchoivs Archiv. Xfi. Bd. 1.1883. — Peli: Craniolog. degli Alienati. Bologna 1882. — Calori: Intorno alle Suture sopra- numerarie. 1886. — Richter : Bildungsanomalien bei Geisteskranken. 1881. — Rakke: Schädel der altbayerischen Landbevölkerung. 1879/80. ErBtes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 3 75 eigenen Untersuchungen die weit niedrigere Zahl von 4,5 % nachweisen. Wie wenig auch die aus den anthropometrischen Untersuchungen sich ergebenden Zahlen ausdrückten, so zeigten sie uns doch schon, dass die Maasse an den Verbrecherschädeln mehr denjenigen der Irren als denjenigen der Normalen nahestehen. So die Reihenberechnung der Schädelkapacität, des Stirn- und Scheitelbogens, des Gewichtes, vor allem aber die Anomalien. Sind die Verbrecher mit der mittleren Hinterhauptsgrube zahlreicher als die Irren, so überwiegt bei letzteren die frühzeitige Nahtverwachsung; kommt die einfache Stirn- (Kranz-) naht bei beiden fast in gleicher Zahl vor, so ist die Mikrokephalie doch seltener bei den Verbrechern als bei den Irren; so ist es auch mit dem Reichthum an Wormschen Knochen und mit der persistirenden Intermaxillarnaht, aber bei beiden bemerkt man ein häufigeres Vorkommen von Schädelsklerose als bei Normalen; bei den Irren ist die starke Ent- wickelung der Stirnhöhlen seltener, doch die Kreuznaht kommt häufiger bei Verbrechern als bei Irren vor. Auch die Verwachsung des Atlas, der grosse Unterkiefer, die Prognathie u. s. w. sind häufiger bei den Verbrechern als bei den Irren. Dagegen stehen die Irren den Normalen näher bezüglich der Maasse der Augenhöhlen, des Unterkiefers, des Umfanges der mittleren Hinterhauptsgrube. Alles das wird uns nicht in Erstaunen setzen, wenn wir erwägen, dass ein grosser Theil der Irren nicht von Geburt an so beschaffen sind, während bei den Verbrechern das Gegentheil der Fall ist. 8. Aehnlichkeit mit niederen und prähistorischen Rassen. — Aus dem Studium dieser Anomalien geht hervor, dass der Verbrecher weit mehr als der Irre den niederen Rassen nahesteht und zwar besonders durch das Vorkommen des Schläfenfortsatzes am Stirnbein, durch den kräftigen Unterkiefer, den vorspringenden Augenbrauenbogen, aber vor allem durch die mittlere Hinterhauptsgrube, die bei den Amerikanern allein in hohem Grade entwickelt ist. Die mittlere Hinterbauptsgrube fand sich bei 1320 gesunden Europäern zu 4,1 %, bei 126 antiken Aegypter- und 176 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Etruskerschädeln zu 10 %, bei 16 Negern zu 6 %, bei 252 Papuas zu 1 % (Virchow). Bei 46 Amerikanern kam sie in 26 %, bei Aymaras zudem in 40 % vor; an 7 prähistorischen Schädeln zu 14 %. Bei Irren — nach Romiti — in 12 bis 14%, nach Peli ausnahmsweise nur in 4,55% gefunden, gab sie bei Verbrechern einen Procentsatz von 16 %. Die "Wormschen Knochen am Pterion, die, wie wir sehen, bei den Verbrechern zu denen bei den Irren und Normalen wie 23 zu 18 und 16 sich verhielten, fand Anutschin bei Australiern in 28 %, bei Pinnen in 66, bei Melanesiern in 25, bei Malayen in 10, bei Peruanern in 6 °/o. Der Schläfenfortsatz — nach Sommer bei Normalen in 1,4%, bei Irren in 2,3 % — soll nach Anutschin bei Europäern überhaupt in 1,6 %, bei Negern in 12 %, bei Mongolen in 3,7 %, bei Amerikanern in 1,9 % vorkommen. Wir haben ihn bei 58 Verbrechern in 3,4 % gefunden. Bei dieser Gelegenheit finde ich mich zu einer Abschweifung bewogen, zu der mich eine äusserst geschickt gehaltene Kritik des Profeesor Calucci {Strafrecht und Phreniatrie. Venedig 1876) nöthigt. Auf Grund einiger Bemerkungen Huxleys, die mehr auf den unbekannten Uraffen anspielen, als auf den Urmenschen und Wilden, und auf Grund von Behauptungen gewisser Anthropologen, die dem Urmenschen eine grosse Schädelkapacität beimessen, leugnet der ausgezeichnete Jurist, dass es an prähistorischen Schädeln und an solchen von Wilden Zeichen niederer Bildung gebe, und glaubt damit mein ganzes Gebäude umzustürzen. Die zu meinen Gunsten sprechenden Gegenbeweise sind vielleicht in zu reichlicher Fülle vorhanden. Die antiken Menschenrassen, sagt Darwin (Origin of man) zeigen einen Bau, welcher dem der Tbiere mehr als dem der jetzigen Menschen gleicht; nach Strobel „stehen die neueren Formen den alten ferner als dem morphologischen Indifferenzpunkte" (Atti della Societä di Sciense natur. I. VIII.)- In der That fand Broca das Loch am Olekranon auf den Kirchhöfen von Paris nur in 4 % vertreten, Dupont in der Renn- thierperiode in 30 % und in der Zeit der Dolmen von Argenteuil in 55 %. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 177 Auch die Behauptung ist nicht wahr, dass die Schädel- kapacität des "Wilden oder Farbigen eine höhere sei, sie ist in der Kegel eine geringere. Die mittlere Schädelkapacität beträgt bei: Europäern .................................. 1400—1500 ccm Indern, Negern, Chinesen, Malayen............ 1300 „ Polynesiern, Hottentotten..................... 1200 „ Botokuden.................................. 1470—1385 „ Australiern nach Darwin ..................... 1295 „ „ QüATREFAGES ' ............... 1263 „ Andamanen 2 ................................ 1270 „ Negritos auf den Philippinen 8 ................. 1420 „ Buschmännern *.............................. 1330—1215 „ Mantbgazza fand an 3 neuseeländischen Schädeln die Zwischenkiefer erhalten, was bei den Säugethieren konstant der Fall ist. Die mittlere Hinterhauptsgrube wie so viele andere bei den Verbrechern vorfindlichen Anomalien ist an den Schädeln der Wilden häufig beobachtet worden, mit dem Unterschiede, dass sie bei der einen Rasse öfter als bei der anderen sich-vorfand, ohne dass man daraus auf die niedere Bildung der einen gegenüber der anderen einen Schluss ziehen konnte. Viele prähistorische Schädel sind allerdings modernen ganz ähnlich, aber der vorgeschichtliche Mensch braucht nicht immer ein Wilder gewesen zu sein. Hat doch der Pfahlbauer ein nicht viel anderes Leben geführt, als viele unserer Hirten es thun. Und doch finden sich bei ihm, insbesondere bei den Höhlenbewohnern, oft niedere Schädeltypen. Der Neanderthalschädel zeichnet sich durch seine Dicke und die enormen Brauenbogen vor den modernen Schädeln aus. Das sind die Merkmale, wie Schaaffhausen sagt, durch welche sich die wilden Thiere, z. B. das wilde Pferd, der Höhlenbär, das Wildschwein von den zahmen Thieren derselben Basse unterscheiden. Jener Schädel zeigt zugleich Schiefheit des Occiput, geringe Kapacität (ca. 1230 ccm nach 1 i Quatrefages: L'Espeee humaine. 1880. Lombroso, Der Verbrecher. I. 12 178 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. der Berechnung), 1 gleichwie unsere heutigen HottentotteD. Dass er nicht pathologisch ist, wie behauptet wird, zeigen viele Merkmale, die ihn den Schädeln von Egisheim, Lizere und Borreby anreihen. Der Engishöhlenschädel (Cro-Magno-Rasse) hat einen Index von 65, die Kapacität des Stirntheiles ist gering, die Augenhöhlen gross, die Stirn fliehend, schmal, doch springen die Brauenbogen nicht vor. „Er gehört einem Individuum an, dessen Geistesfähigkeiten nicht entwickelt waren," sagt Schmerling. Der Schädel von Liri, sagt Nicolucci (Arch. perVantropol. IV. 1873) hat eine Kapacität von 1806 ccm. — Der Eckzahn überragt die Ebene der anderen Zähne. Die prähistorischen Schädel von Verona haben ein zurücktretendes Kinn, ausgeprägte Prognathie, sehr entwickelte Stirnhöhlen und Wangenbeine, — an einigen Skeletten sieht man das Loch im Oberarm wie bei Hottentotten. Der Schädel von Gibraltar ist dolichokephal, hat starke Brauenbogen, kleine, fliehende Stirn und — wie bei Affen — fehlt ihm die Fovea canina. (Brocä: Memoires. II. 150). — Die Schädel von Eyzies sind sehr geräumig, die Stirn bedeutend gross, 2 aber sie sind stark prognath, der Unterkieferast mächtig und die Schädelnähte einfach u. s. w. (Ibid. S. 163.) Bei den prähistorischen Schädeln von Tenessee steht das Hinterhauptsloch nach rückwärts, an denen von Florida sieht man entschiedene Kämme an Stelle der Schläfenlinien. Die Schädel von Forbes, Quarry und in Spanien von Cueva de la Mujer haben fliehende Stirn, enorme Stirnhöhlen, vorragendes Hinterhaupt, grosse Augenhöhlen von 1 Neanderthalschädel ist chamäokephal .... mit einem Horizontalumfang von 527 mm (Virchow), wonach (Welcker) die Kapacität 1532 ccm betragen würde (Ranke: Der Mensch. II. 443. Leipzig 1887); übrigens trägt er Spuren von Arthritis senilis (Vikchow). Anm. d. Uebers. 2 Schädel aus der prähistor. Station Solutre hat eine Kapacität von 1615 ccm ... Ranke. „Die prächtigen Schädel von Auveegnieb stellen sich durch ihre Kapacität etc. den besten Schädeln der arischen Rasse an die Seite." Virchow bei Ranke 1. c. 477. (Pfahlbauperiode der Schweiz.) Anm. d. Uebers. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 179 0,039 Höhe, 0,051 Tiefe. (Quatrefages : Crania ethnica.) Wormsche Knochen sind wie dort an den Schädeln von Mentone, Grenelle, Cantaldpo und Cro-Magnon sehr zahlreich. Die Dicke der Schädelknochen, die fliehende Stirn mit den vorspringenden Brauenbogen, die wir in 58 % hei den Verhrechern finden, sind sehr ausgeprägt an den prähistorischen Schädeln von Borris, Neanderthal, Cro-Magnon, Oueva de la Mujer und bei dem Australier. Die Schädel der männlichen Parias haben eine Kapacität von 1337, die der weiblichen von 1114, daneben die grössten Augenhöhlen unter allen Rassen. Das sind die Ahnen unserer Zigeuner. Tabelle 23. Sarden Querkurve Längs Vorn kurve Hinten Horizont Vorn ilumfang Hinten Antike Heutige Verbrecher 292,50 303,17 281,00 33,53 29,95 33,61 66,47 70,05 60,39 49,26 50,56 45,73 50,74 49,64 54,37 Sarden Längs-Dm. Quer-Dm. Stirn-Max. Ges.-Breite Antike Heutige Verbrecherinnen 176 180 178 132 143 127 92,5 91,5 92,0 116 111 120 Auch das grosse "Volumen des Unterkiefers, wie das der Augenhöhlen haben die Wilden mit den prähistorischen Schädeln, z.B. denen von Solutre, gemein, während jene bei Irren nur spärlich vorkommen. An dem Schädel von Cro-Magnon findet sich die enorme Breite von 0,44 bei einer Höhe von 0,027 und einem Index von 61 für die Orbita (Quatrefages: Crania ethnica. 1882); der Unterkiefer ist an der Symphyse 0,017 dick und incl. der Aeste 44 cm breit. — Der Unterkiefer von Naulet und Clichi gab eine Dicke von 0,015 am Kinn und 0,016 am grossen Backzahn. Die Untersuchungen von Varaglia und Silva an 60 Schädeln von Verbrecherinnen ergaben die grösste Aehnlich- 12* 180 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. keit zwischen diesen und den antiken Schädeln derselben Gegenden. — So zeigten 3 bis 4 Schädel aus der Emilia und dem alten "Felsina wie bei den modernen Bolognern eine grössere Entwickelung des hinteren Kopfumfanges. Einer der selben gleicht den alten etruskischen Schädeln bezüglich des Index Ton 79,5, der Kapacität von 1386 und der Stirnrinne. So sind auch die modernen Schädel von sardischen Verbrecherinnen denen der antiken Sarden ähnlich bezüglich des mittleren Kopfdurchmessers, des Maximal-, des Quer-, des Tabelle 24. Normale Irre Verbrecher Wilde % 7» % % Asymmetrie 3,7 7,0 23,0 — Mikrokephalie — 6,0/4,0 8,0 häufig Schaltbein (Os interparietale) 10,0 30,0 42,0 22,0/60,0 Verschmelzung des Atlas 0,8 2,7 5,0 — Mittlere Hinterhauptsgrube 5,0 12,0/14,0 16,0 '1,0/26,0 Verbildung des Foram.magn. — 13,0 7,3 — Kreuznaht 8,0/10,0 7,5/5,0 12,5 1,9/5,1 Vorzeitige Nahtverwachsung 2,0 15,0 28,9 8,0 Persistirende Nähte 5,0 4,5 5,0 — Wormscher Knochen am Stirnbein 0,4 1,5 6,6 — Wormscher Knochen am Pterion 16,0 18,0 23,0 66,0 Stirnfortsatz des Schläfenbeines 1,4 2,3 3,4 3,7/12,0 Parietallöcher erweitert 29,0 39,0 14,0 — Persist. Intermaxillarnähte 52,0/60,0 60,0 24,0 — Minimal-, des queren Stirn- und Gesichtsdurchmessers und bezüglich der Kurven (s. Tabelle 23). Darin finden wir den anatomischen Nachweis für die dem Verbrecherthum anhaftende Empfänglichkeit für Ererbung von Körperformen, die nicht bloss der Urbevölkerung, sondern auch dem antiken Menschen aus historischer Zeit eigen waren. Tabelle 24 giebt ein übersichtlicheres Bild aller dieser Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten. 9. Einige andere Merkmale, vor allen die mittlere Hinterhauptsgrube, dann die doppelten Gelenkflächen der Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. 181 Kondylen, das flache Gaumendach, die Konkavität des Grundbeinfortsatzes, die Einbuchtung des Siebbeines, des Nasenganges, der geringe Cephal-, Spinal- und Orbitalindex, die hochgradige Prognathie, das Fortbestehen der Intermaxillarnaht und die enorme Kapacität der Orbita dürften uns auf ein noch weit entlegeneres Gebiet von Atavismus hinweisen, — aber es lässt sich daraus weder das häufige Vorkommen der Schiefheit des Schädels und des Gesichtes, noch die Verschmelzung des Atlas mit dem Occiput 1 erklären; ebensowenig die Plagiokephalie und die hochgradige Dicke des Schädels. Diese Dinge scheinen vielmehr ihren Grund in einer Entwickelungsstörung des fötalen Schädels zu haben oder das Produkt chronischer Krankheitsvorgänge in den Nerven- centren und deren Hüllen zu sein, die unmöglich ohne grossen Einfluss auf die Intelligenz und Moralität des Individuums geblieben sein können. Wir werden bald zahlreiche Beweise für diese Anschauung beibringen. Die Störungen finden sich nicht etwa isolirt vor, sondern vielfach in Gruppen, bei einigen Individuen bis zu 43 vom 100. So haben wir bei Villella nicht nur Verwachsung und Atrophie des Atlas, sondern auch Atrophie der seitlichen und Hypertrophie der mittleren Hinterhauptsgrube, Schiefheit des Schädels u. s. w. gefunden; bei einem fast mikrokephalen Mörder aus Trapani (Kapacität=1130) dieselben Erscheinungen; bei einem Diebe aus Sardinien Mikrokephalie, von 1156 Kap., fliehende Stirn, Clivus-Osteophyten, mittlere Hinterhauptsgrube, Prognathie von 68 Grad, kielförmige Pfeilnaht; bei einem Diebe aus Pavia Mikrokephalie, Einbuchtung der Lam. cribr. des Siebbeines, vorzeitige Nahtverwachsungen, Schädelsklerose, Prognathie, fliehende Stirn, Kämme am Schläfenbein und zahlreiche Wormsche Knochen. Der Calabrese Gatti zeigt eine echte Mikrokephalie, Siebbeinenge, Schädelsklerose, Atrophie der Stirnhöcker, in deren Folge die Stirnlappen — wie sich 1 Die Atlasverschmelzung sieht man auch an einem Grorillaschädel im Turiner zoologischen Museum; Verschmelzung der Halswirbel ist konstant bei den "Walen; an 1000 Soldatenschädeln von Solferino fand ich sie in 8 Fällen. 182 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. aus dem Gipsabguss des Schädelinnern erschliessen lässt — in der Mittellinie in schnabelförmige Ausläufer mit breitem Spalte enden mussten. Bei Lacenaire fand Bordier Verwachsung der Nähte, Osteoporose, Asymmetrie. Bei dem Turiner Diebe B. springt die enorme Entwickelung der Gesichtsknochen sofort in die Augen; sein Schädeldach ist stark verdickt, Diploe reichlich vorhanden, Nähte verschmolzen, mikrokephaler Kielkopf, Prognathie, Wölbung der Brauenbogen, enorme Grösse des Unterkiefers, zahlreiche Wormsche Knochen am linken Zitzenfortsatze vorhanden. Der berüchtigte Venetianer Mörder Brusaferro, welcher 99 Morde begangen, hatte ein im Ver- hältniss zu seinem Schädel sehr kleines Gesicht, Verwachsung sämtlicher Nähte gegenüber einer Spur von Intermaxillar- nähten, etwas Skaphokephalie, gewölbte Schläfenbeine, schiefes linkes Scheitelbein; Scissak (Lenhossek, a. a. O.) hatte einen sehr kleinen, trochokephalen, progenen Schädel. Wäre es denn nun wohl möglich, dass Individuen, an deren Köpfen eine so grosse Reihe von Unregelmässigkeiten sich befindet, denselben Grad von Einsicht und Gefühl besitzen sollen, wie Leute mit vollständig normaler Kopfbildung? und dabei ist wohl zu merken, dass jene Unregelmässigkeiten nur der Ausdruck der gröbsten Läsionen des Centrums für den Intellekt, nämlich nur Störungen im Umfange und in der Form desselben sind. Zweites Kapitel. Abnorme Beschaffenheit des Gehirns und der Eingeweide bei den Verbrechern. I. Wägungen. 1. Grosshirn. Gewicht. — Aus den Wägungen von 137 Verbrecherhirnen fand Bischöfe (Das Hirngewicht des Menschen. 1880), dass die niederen Quoten bis zu 1300 g bei beiden gleich, dass aber die niedrigsten Sätze bei den Ver- Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 183 brechern in der Mehrzahl vorhanden waren. Einen merklichen Unterschied zeigten die kleinen Zahlen von 1300—1400, wo die normalen zu den verbrecherischen Individuen wie 38,6 zu 34,3 sich verhielten. Von 1400—1500 dagegen war das Ueber- gewicbt wieder auf Seiten der letzteren und zwar im Verhält- niss von 24,8 zu 20,3 %. — Zwischen 1500 und 1600 wäre dasselbe für die Gesunden wie 7,3 zu 6,5 gegenüber den Verbrechern, welche von 1600 und darüber um Bruchtheile (3,6 gegen 3,3) höher stehen. Demnach ständen also die Verbrecher den Normalen bezüglich der Minimalgewichte fast gleich, in den mittleren Zahlreihen unter ihnen und in den Maximalzahlen ihnen gleichfalls, aber nur um weniges nach. Der Unterschied verschwindet indes, wenn man erwägt, dass es sich meist um hochgewachsene und häufig um solche Individuen handelt, bei denen die Todesursache (Erhängen) das Hirngewicht erhöht hat. Die Gewichtsdifferenz der beiden Hemisphären ist bei Normalen und Verbrechern gering. Bei den Letzteren ist allerdings die rechte Hemisphäre öfter schwerer als die linke. Bischoff fand in dem einzigen von ihm berichteten Falle ein Mehrgewicht von 21 g auf der rechten Seite, Ferrier dagegen ein Mindergewicht von 40 g. — Giacomini dagegen fand unter den 42 von ihm gewogenen Hirnen von Diebinnen und Mörderinnen 20 mit schwererem rechten Hirnlappen, 18, wo die linke Hemisphäre schwerer, und nur 4, wo beide gleich an Gewicht waren. Diese Zahlen sind mithin wenig entscheidend und lassen sich nur mit Hülfe der Asymmetrie ergänzen. Letztere überwog denn auch in 41 °/o auf der rechten und nur in 20 % auf der linken Hemisphäre. In 38 Fällen waren beide Hälften gleich. Sicherer ist, dass das Gewicht des Klein- und Mittelhirnes bei den Verbrechern schwerer ist. Aus Varaglias und Silvas Studien an 60 Gehirnen (Turin 1885) ergiebt sich ein Gewicht von 141 g bei Frauen aus dem Volke und von 155 bei Verbrecherinnen. 2. Hirnwindungen. — Viele Forscher hofften in den Hirnwindungen das Geheimniss der verbrecherischen Neigungen 184 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. finden zu können, und ohne auf die nicht immer grundlosen Uebertreibungen Galls zurückzukommen, finden wir, dass auch in unseren Tagen diese Anschauung wieder auftaucht. Bei Guiteau soll die Centralfurche von der Sylvischen Spalte nur durch eine kleine Brücke getrennt gewesen sein, — ebenso die quere Hinterhauptsfurche von der interparietalen. An der rechten Hemisphäre soll die Scheitelgegend atrophisch und der Paracentrallappen sehr klein gewesen sein; die Post- centralwindung aber um mehr als ein Viertel verschmälert. Die Insel habe links 7 Furchen, rechts 5, links 5 und rechts 6 Gyri aufgewiesen. (Mendels Neurolog. Ceniralbl. 1882.) Bei dem 43 jährigen Mörder Prevost war, nach Broca, die Uebergangsfalte vom Occipital- zum Parietallappen auf beiden Seiten tief, die innere Occipitalfurche setzte sich in die äussere fort, der Occipitallappen hob sich von dem Parietallappen haubenförmig, nach Gratiolets Ausdruck, und wie beim Affen ab. Links gingen die zweite Schläfen- und dritte Hinterhauptswindung ununterbrochen ineinander über, so dass sie von einem bis zum anderen Ende nur eine Windung bildeten. [Bullet, de la Soc. cFAnthropol. 1880.) Huschige (in Schädel, Hirn und Seele. S. 171. Anm.) fand bei einer Frau, die viermal Mordversuche gegen ihren Ehemann gemacht hatte (durch Feuer, Wasser, Gift und Schusswunden), ausser Verknöcherungen an der Sichel, die linke vordere Centralwindung in der Mitte ihrer Länge unterbrochen. Es ist dies der einzige Fall, wo H. eine Unterbrechung einer Centralwindung gefunden hat. Prof. Willingk in Olmütz beobachtete an einem 25jährigen jüdischen Gastwirth, Freud, der niemals Spuren von Geisteskrankheit gezeigt hatte, zum Diebe und Mörder geworden war und schliesslich gehenkt wurde, sehr auffallende Anomalien. Das Hirn wog nur 1340 g, der Balken, der sonst im Ver- hältniss von 22 % zur Hemisphärenlänge steht, hatte nur 8 %>• — Die erste Stirnwindung war an ihrem Ursprung 47 mm breit, d. i. gerade eben so breit wie die beiden anderen Stirnwindungen zusammengenommen; in ihrem Verlaufe nach vorn verschmälerte sie sich rasch, ohne an der Oberfläche der Hemi- Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 185 Sphären mit der zweiten Stirnwindung zu verschmelzen, mit der sie gleichwohl an der Spitze, die zwei schiefen Ueber- gänge bildete (nach Ecker ähnlich wie bei Cercopithecus). Die zweite "Windung schliesst sich mit einem schiefen Uebergangs- zwickel an die dritte. Die Furche des Calcar verläuft anfangs zusammen mit der Parieto-Occipitalfurche 15 mm rückwärts, biegt dann im rechten Winkel 15 mm um, wo sie sich gabelartig in zwei Aeste theilt, — ein Verlauf, welcher dem beim Pavian völlig gleich ist. (V. Jahresschr. f. praJct. Heilh. Prag 1875. S. 25.) Decaisne [Gas. medic. 1879) fand am Schädel eines im Alter von 23 Jahren enthaupteten Mörders an der inneren Fläche der grossen Hemisphäre längs der grossen Längsspalte und zwar in der Mitte einen weissen Streifen (Heterotopia?), 3—4 cm lang, der in das Innere des Gehirns eindrang; linkerseits, höher als diesen eine opalisirende Verfärbung, die sich über den vierten Theil der Hemisphären Oberfläche ausbreitete. D. schreibt beides dem Alkoholmissbrauch zu. Hanot fand unter 11 Verbrecherhirnen 4 mit doppelten mittleren Stirnwindungen. (Qaz. medic. 1880.) Benedikt, dem man die Wiederaufnahme der Frage in Europa verdankt, versuchte in seiner bekannten Schrift [Anatomische Studien an Verbrecherhirnen. Wien 1879) diese Beobachtungen auf ein bestimmtes Gesetz zurückzuführen und nachzuweisen, dass die Verbrecherhirne durch zahlreiche Anastomosen der Furchen, d. h. durch eine typische Form, die er die der zusammenfliessenden Furchen nennt, sich auszeichnen. Seine Worte lauten etwa: „Stellen wir uns vor, dass alle diese Spalten Flüsse wären, und ein Schwimmer könnte in alle Nebenarme durch die zahlreichen Kanäle eindringen, so zeigte sich, dass an 38 Hemisphären von Verbrecherhirnen die hinteren senkrechten Ströme mit den horizontalen und interparietalen 21 mal vollständig und 6 mal unvollständig zusammenhängen; an den 38 Hemisphären gäbe es demnach 113 Verbindungen der Fossa Sylvii mit den benachbarten Furchen, 67 Anastomosen der Interparietalfurchen, 19 des Sulcus Hippocampi mit der senkrechten Occipitalspalte, 11 mit 186 Zweiter Theil. Pathalogische Anatomie und Messungen. der Seitenspalte. u Besonders auffällig war ihm das häufige Vorkommen von vier "Windungen an den Stirnlappen. (27 mal von 83.) 9mal fand Benedikt eine Kommunikation der Balkenrandfurche mit der rechten Hinterhauptsfurche. 6mal an 16 Gehirnen war das Kleinhirn von den grossen Hemisphären nicht bedeckt. lmal sah er die senkrechte Furche ohne Zusammenhang mit der des Calcar verlaufen, wie das bei den Affen der Fall ist. G-iacomini (Varietä delle circonvoluzioni cerebr. 1882) verfolgte diese Untersuchungen mit grossem Interesse, da er diese Anomalien auch bei nicht verbrecherischen Individuen und noch da2u in grösserer Anzahl gefunden hatte, nämlich in 164 Hirnen normaler Individuen: 9mal die Theilung der oberen Stirnwindung 24mal „ „ „ mittleren „ 14mal ,, ,, „ unteren „ An 56 Hemisphären von Verbrechern fand Giacomini dagegen nur lmal die obere, 5mal die mittlere, 2mal die untere Stirnwindung getheilt; eins derselben Hirne hatte 4, ein anderes 5, ein drittes bloss 2 Stirnwindungen. Dagegen lässt sich nur das als Einwand erheben, dass die Hirne der Normalen aus dem Spitale stammten, wo die zweifelhaften und imbecillen Volksklassen die Mehrzahl bilden (Benedikt: Wien. Med. Z. 1883) und nur wenige der Soldatenklasse angehörten. Schweckendiek und Flesch ( Untersuchungen an 10 Gehirnen von Verbrechern und Selbstmördern) wollen gefunden haben, dass ein Theil jener Anomalien den von Benedikt ermittelten entsprechen. An mehreren Hirnen fanden sie die von Huschke erwähnte Unterbrechung der Oentralwindung, lmal die Abtrennung der Calcarwindung von der Occipitalwindung, ziemlich häufig die Bildung eines Deckels über dem Occi- pitallappen und Freiliegen der Fossa Sylvii. Dagegen widersprechen sie Benedikt bezüglich seiner Ansichten von der Unterbrechung der Furchen mittelst anastomosirender Schlingen Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 187 und gleichzeitiger Tendenz zum Zusaramenschliessen, was bei ihren Gehirnen häufiger vorgekommen sei. Die fragliche Tendenz fand Giacomini auch häufig an normalen Gehirnen, sogar oft an einem Lappen, während sie an einem anderen fehlte. An 164 Hirnen 934 überzählige Furchen rechts 1005 „ „ links 617 Uebergangsschlingen und 3 Anastomosen rechts 621 „ links Indes giebt auch er zu, dass die Schlingen bei den Verbrechern zahlreicher sind; er fand nämlich an 28 Verbrechern die Furchen im Mittel von 5,03, Schlingen von 4,64 an der rechten Hemisphäre, Furchen im Mittel von 4,89, Schlingen von 3,92 an der linken Hemisphäre; mithin eine geringere Zahl von Furchen und eine grössere von Schlingen, als das Medium für beide beträgt. Ferrier, der mit Benedikts Theorie über die Anomalien an Verbrechergehirnen nicht einverstanden ist, theilte (in Arch. neurol. 1882) den Fall einer unzüchtigen Verbrecherin mit, bei der die rechte Grosshirnhälfte kleiner (510) als die linke war. Die letztere zeigte keine weiteren Anomalien, als eine Verdoppelung der inneren Stirnwindung. Rechts dagegen war die Rolandosche Spalte durch eine (tiefe) Uebergangsschlinge, die von der daselbst atrophisch aufsteigenden Stirnwindung ausging, unterbrochen und in der Mitte von zwei Querspalten durchsetzt; die aufsteigende Scheitelwindung an ihrem oberen Drittel von einer tiefen Spalte gekreuzt, von einer minder tiefen an ihrem unteren Ende; die zweite Stirnwindung war doppelt. Die dritte Stirnwindung zeigte eine von unten nach vorn verlaufende Einsenkung, auf deren Boden viele kleinere und derbere Schlingen sich fanden, als die Uebergangsschlingen der übrigen Furchen waren. Die Fossa Sylvii theilte sich hinten in zwei sehr lange Aeste, um die herum zwei starke Schlingen sich wanden, so dass der Scheitellappen von drei Ansen durchbrochen war. Die Fissura interparietalis war von einer tiefen Schlinge unterbrochen. Der obere Scheitellappen war normal. Die erste Uebergangswindung von der Parieto-occi- 188 Zweiter Theil. Pathalogische Anatomie und Messungen. pitalis war abgeplattet, aber von der äusseren Hinterhaupts- spalte nicbt unterbrochen, dagegen war die dritte von der senkrechten Spalte durchbrochen. Ferrier hält die vordere Depression des Stirnlappens für die Folge einer Entzündung; die Verbildung der Rolandoschen Spalte dagegen für eine höchst seltene angeborene Anomalie, die er unter 800 normalen Gehirnen nur zweimal gefunden habe. Neuerdings hat nun Benedikt einen Fall mitgetheilt, der einen äusserst bösartigen Mörder, Dobrowicky, betrifft, an dessen linker Hemisphäre die Parieto-Occipitalspalte die Uebergangswülste durchbricht, welche die Scheitel- und Hinterhauptswindung verbinden. Solch einen Fall hat Giacomini nur einmal an 366 Hemisphären Gesunder beobachtet, ausser einem anderen Fall bei einem Mikrokephalen. Die Sache kam aber zugleich auch auf der anderen Hemisphäre vor, so dass es sich nicht bloss um 366, sondern um 732 Hemisphären handelt. Ausserdem fehlt an der linken Hälfte der hintere Ausläufer der Sylvischen Grube. An der inneren Fläche der rechten Hemisphäre fehlt der hintere aufsteigende Ast der Sylvischen Grube und demzufolge die entsprechende ßogenwindung, was ein sehr seltener Fall ist. — Eben da war der obere Ast des Sulcus falciformis oder die Fissura parieto-occipitalis nicht vorhanden, wie es bei den menschenähnlichen Affen normal und wie Giacomini nur ein einziger Fall bei einem blinden Idioten vorgekommen ist. Dr. Marchi fand unter Golgis Leitung bei Gasparone neben starken Adhäsionen der Pia am rechten Stirnlappen die erste Windung an der hinteren Hälfte gabelförmig gespalten, davon ein Ast geradeaus mit dem Lobus pararolandic. sich vereinigt, der andere an der gleichnamigen Furche in spitzem "Winkel nach unten umbiegt und so die Vorderwand derselben bildet. Die zweite und dritte Stirnwindung nehmen einen regelrechten Yerlauf. Am Stirnlappen der linken Hemisphäre ist die erste Windung fast ganz normal, die beiden anderen fiiessen ohne bestimmte Trennungslinien in- inander über. Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide 189 Die rechte aufsteigende Stirnwindung ist sehr unregelmässig; in ihrer Mitte zweigt sich ein dünnes Stück ab, das sich mit dem zweiten Ast der ersten Windung (s. o.) verbindet, alsdann aber, anstatt sich direkt mit der aufsteigenden Scheitelwindung behufs Bildung des Lob. pararoland. zu verbinden, an seinem oberen Drittel in zwei Aeste, einen oberen und unteren, sich spaltet. Der obere Ast biegt plötzlich nach vorn um, bildet einen nach vorn konkaven Haken und senkt sich am hinteren Ende der Spalte, welche die erste Stirnwindung begrenzt, in die Tiefe; der andere (tiefliegende), dünne Ast dagegen trägt zur Bildung des Lob. pararoland. bei. Die linke aufsteigende Stirnwindung ist in der Mitte von der oberen Stirnfurche, welche direkt in die Fissura Rolandi mündet, durchbrochen. 3. Kleinhirn. — Die häufigen Anomalien, welche am Cerebellum der Verbrecher vorkommen, beruhen, wie man sich denken kann, auf dem so häufigen Auftreten einer mittleren Hinterhauptsgrube, die so oft zu Verbildungen des Vermis sich gesellt. Tenchini (Singölare deformitä del verme cerebellare inferiore in im uomo adulto a tardo sviloppo intellettuale. Mailand 1881 ■— Entartung des Unterwurmes bei einem geistig zurückgebliebenen Erwachsenen) fand die Länge des Unterwurmes, 27 mm, weit unter der normalen beim Weibe, die Uvula breiter als gewöhnlich, dazu Sförmig verbogen wie bei niederen Wirbelthieren, hinter dem Nodulus, ihr vorderes Ende nach rechts bis auf eine Entfernung von 3 mm gegen die konvexe Fläche des Nodulus vorgeschoben. Die Höcker am Dache des 4. Ventrikels waren kreisförmig, wie beim Fötus, anstatt elliptisch. Das betreffende Individuum war ein Schlemmer und Prahler. Dagleur, ein geiler Dieb und Muttermörder, hatte ein atrophisches Gehirn von 818 g Gewicht, mit einem Kleinhirn, das nur 20 g wog. Das letztere war links flacher als rechts, hatte nur wenige sagittal verlaufende und nicht tiefe Furchen. (Otto : Ein Fall von Verkümmerung des Kleinhirns. Berlin 1874.) 19U Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Fleisch fand bei einer Diebin, die einen asymmetriscben Scbädel besass, an Pacbymeningitis gelitten batte und bei der die aufsteigende Stirnwindung links unterbrocben war, einen ecbten mittleren Kleinhirnlappen, wie das bei vielen Säuge- tbieren der Fall ist. Der letztere batte zwei Furcben, die von der Medianfurcbe ausgingen und der ganzen Länge der Hemispbären nacb die Horizontalwindungen des Mittellappens kreuzten. (Archiv, cli Psych. III.) 4. — Nacb alledem würde der Scbluss allerdings kübn sein, wenn man behaupten wollte, es seien damit die speci- fiscben Anomalien der Hirnwindung bei Verbrechern sichergestellt. Indes ist doch nicht zu leugnen, dass Abweichungen von den typischen Formen bei denselben häufig vorkommen, die an Bildungen von Thieren und Embryonen erinnern. (Fleisch.) 5. Blutgefässe. — Von Bedeutung dürfte in Zukunft noch die Untersuchung der Hirngefässe bei den Verbrechern werden. Unter 71 von Professor Giacomini gesammelten Fällen finden wir: Artt. Communicantes posteriores, sehr stark (6 grössere ^links, „ 8 rechts).................................. 18mal „ cerebelli, kleiner (4 rechts)................... 5 „ „ communicans anterior, doppelt................ 1 „ „ basilaris, sehr klein.......................... 1 „ „ communicans posterior, fehlt gänzlich......... 1 „ Diese Anomalien sind übrigens, mit Ausnahme der beiden letzten, nicht selten. Doch auch Fleisch theilt mir mit, dass er einen Fall gehabt, in welchem die linke Communic. poster. fehlte, dabei aber auch, was sehr selten sei, die linke A. corpor. callos. atrophisch und in ihrem vorderen Verlaufe durch A. commun. anter. ersetzt gewesen sei. In einem weiteren k Falle war die A. vertebralis dextra atrophisch und von einem abnormen Zweige der linken Carotis ersetzt. Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 191 II. Histologie und pathologische Anatomie. 1. Histologie. — Weniger zweifelhaft ist das häufigere Vorkommen pathologischer Bildungen, die fast bei jeder gerichtlichen Autopsie gefunden werden. Aus Aknolds und M'Connels Untersuchungen des Gehirns von Guiteau geht hervor, dass die perivaskulären Lymphräume von pigmentirten Körnermassen, den Resten früherer Blutextravasate, vollgestopft waren, die pericellularen aber von Lymphkörperchen. Die Kapillaren befanden sich an vielen Stellen, besonders in der grauen Substanz, im Zustande von Körnchenzerfall (Degenerat. granularis). Oft waren die Nervenzellen so stark pigmentirt, dass man den Kern nicht erkennen konnte. Die Gefässe der weissen Substanz waren stellenweise entartet und zeigten Spuren von zelliger Hyperplasie längs der Faserbündel, ähnlich wie bei Neuritis descendens optici. So besonders im Corp. striatum, und an den aufsteigenden Stirn- und Scheitel- und an den oberen Scheitelwindungen [Revue scientifique. 1883). Golgi fand bei Gasparone, dass die von der Pia in die Rinde absteigenden Kapillaren Anschwellungen zeigten, die bei geringer Vergrösserung Aneurysmen glichen, bei grösserer jedoch als Verdickungen der Adventitia sich erwiesen. Die Nervenzellen waren von Pigmentkörnern bedeckt, die sich bis auf die Protoplasmaausläufer erstreckten. Die ganze Rinde war von einer massigen Menge Amyloidkörper überstreut. Wo die Pia an der Rinde adhärirt, waren die Bindegewebszellen zahlreicher, stets von Pigmentzellen bedeckt und bildeten mit ihren Ausläufern ein sehr enges Netz. Die Kleinhirngefässe zeigten gleichfalls (kalkige) Entartung, und die Nervenzellen waren von Pigment so stark beladen, dass der Kern nicht zu entdecken war. (Schriftliche Mittheilung Golgis.) Bei dem obenerwähnten Mörder Freud fand Willige eine Menge Pigment in der Kapillarhaut, besonders aber in den arteriellen Gefässen zweiter, dritter und vierter Rindenschicht, 192 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. seltener in der obersten Schicht und in der Marksubstanz und den Centralganglien, sehr reichlich dagegen in den Stirnlappen. Gänzlich fehlte dasselbe in dem Kleinhirn, verlängerten Mark und den Grosshirnzellen, mit Ausnahme der von Betz entdeckten Zellen, wo es in der Nähe des Nucleus lagerte. Einzelne dieser pigmentirten Riesenzellen fanden sich auch in der vorderen Oentralwindung. Im Rückenmark war der Centralkanal unwegsam. „Dieser ungewöhnliche Befund beweist," sagt W., dass man in Fällen, wo die Zurechnungsfähigkeit in Frage kommt, nicht allein den architektonischen Bau des Gehirns, sondern auch die Struktur der Gewebe im Auge haben muss. — Auch das kann freilich nur nach dem Tode geschehen!" Spitzka {Evidence of insanity discoverable in the brain of criminals. New York 1882) führt den Fall eines gewissen Francis Goppot an, der, 58 Jahre alt, am hellen Tage in Gegenwart seiner Söhne einen Nachbar, dem er Geld schuldig war, tödtete und darauf sich zu tödten versuchte. Er wurde verurtheilt, entleibte sich aber. Der Leichenbefund ergab sehr derbe Adhäsion der Dura, Pigmentirung der Kerne des Vagus, Facialis und Quintus. Bergmann fand bei einem Mörder Verwachsung der Hinterhörner in den Ventrikeln als Reste früherer Entzündung (Virchow : Abhandlungen). Robin und Broca fanden anLemaire Schädelasymmetrie, kleine Stirn, Verwachsung der Nähte im Alter von 18 Jahren, Verwachsung der Pia mit der Rinde, Verdickung der Dura durch kleine fibrinöse Exsudate auf derselben, dazu ein Hirngewicht von 1183 g. Benoist, ein Dieb und Verwandtenmörder, zeigte eine fliehende Stirn, Adhäsion der Pia an der rechten Hemisphäre, Verdickung der Dura. Dieselben Dinge zeigten sich bei Momble, Leger, Greeman und Preedy. (S. Dümouture: Observat. sur Tetat pathölog. du cräne. Paris 1883, und Bulletin de la Societe tfAnthropol. 1867.) Die Autopsie von Menescloud, von Ohudzinski ausgeführt, ergab eine sehr ausgesprochene Erweichung des Stirn- Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 193 lappens beider Seiten; weniger, doch auch erweicht waren die erste und zweite Schläfenwindung; in geringem Grade der Hinterhauptslappen; die erste Uebergangswindung vom Stirn- Scheitelbein tief und haubenartig; Arachnoidea und Pia verdickt. [Revue philosophique. Mai 1881.) Flesch fand bei einem seiner Verbrecher Spuren von Kopfwunden und Atrophie der ersten Stirnwindung, bei einem anderen, 29jährigen, einen Erweichungsherd im Stirnlappen, seitlich von der Furche der Riechnerven. In einem dritten Falle zeigten sich Erweichungsherde der Bindenschichten, einer an der zweiten rechten Stirnwindung, ein anderer am linken Scheitellappen. Der letztere Herd erstreckte sich bis zur ersten und zweiten Stirnwindung und bis zu den grossen Ganglien. Dazu war die Dura stark pigmentirt, was für alte hämorrhagische Processe sprach. Bei einer 24jährigen Frau fand Flesch zahlreiche Cysten in den grossen Ganglien, vermuthlich infolge eines früheren embolischen Processes; bei einem 21jährigen Mörder stellenweise Sklerose auf der obersten Bindenschicht neben Leptomeningitis. Merkwürdig ist, wie Flesch sagt, dass diese Störungen auf der Hirnrinde ohne alle Sinnes- und Bewegungsstörungen verliefen. Dasselbe gilt für Guiteau, welcher ausser den oben genannten Anomalien eine enorme Asymmetrie und Verwachsungen alten Datums zwischen Dura und Pia längs des Sinus longitudin. zeigte; auch von Prunier, der ein altes Weib erst erstickt, dann geschändet, aber niemals eine Spur von Geisteskrankheit gezeigt hatte; sein Schädeldach war von enormer Dicke, Arachnoidea und Pia adhärent und verdickt. [Gazette medic. 1879.) Ebenso von Faella, den Boncati auf Geistesstörung untersucht, aber geistesgesund gefunden hatte und der gleichwohl später, ausser Asymmetrie der Scheitelbeine, Adhäsion der Dura, Verdickung der Pia, ein spitzes Osteom von 45 mm Länge und 30 mm Breite an der Sichel, gegenüber der aufsteigenden Stirnwindung zeigte. [Archiv, di psichiatr. II. 1882.) Lombkoso, Der Verbrecher. I. 13 194 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Bei 90 Verbrecherhirnen (von denen 71 durch Prof. GrlACO- MINI untersucht worden sind) fand sich folgendes: Trübung und Verwachsung der Hirnhäute............. 8 Hämorrhagien und Ecchimosen....................... 8 Entzündung der Hirnhäute........................... 3 Kleine Verknöcherungen an verschiedenen Punkten..... 1 Osteome ............................................ 3 Hirnerweichung..................................... 3 Hämorrhagische Punkte.............................. 2 Arterienentartung................................... 4 Tumoren (1 gelatinöser Krebs, 1 Endotheliom, 1 Syphilom) 3 Verwachsung des Hinterhorns........................ 1 Bluterguss in die Seitenventrikel...................... 2 Dazu fügen wir 2 Fälle von Meningo-Encephalitis, 1 Fall von Verhärtung der Zirbeldrüse, 1 Fall von Meningitis, 1 Fall von Kongestion in der Marksubstanz, 1 mal Erweiterung der Seitenventrikel und 1 mal der Ventrikel (5) im Septum pellucidum. Bei einem kleptomanen Communebeamten waren beide Stirnlappen fest miteinander verwachsen. (Arch. cVAnthropol. crimin. März 1887.) Eine noch genauere wissenschaftliche Untersuchung wurde von Flesch an 28 Verbrecherschädeln angestellt, die folgendes ergab: Veränderungen an den Hirnhäuten im allgemeinen in 50 % Verwachsung der Pia mit der Binde............. „ 4 „ „ „ Dura mit den Knochen......... „ 6 „ Pachymeningitis haemorrhagica interna............. 2 „ „ cranii.......................... „ 8 „ Leptomeningitis bei jungen Leuten von 21,27,29 u. 36. „ 14 „ Meningitis tuberculosa an der Basis.............. „ 1 „ Oedem der Pia................................ „ 7 „ Atherom der Art. basilaris....................... „ 8 „ Meningitis spinalis haemorrhagica................ „ 1 „ Hirnödem..................................... „ 1 „ Atrophie der graueu Substanz................... „ 1 „ Grosshirnhämorrhagie........................... „ 3 „ Die milchige Trübung der Pia fand Flesch in 26 % seiner Verbrecher, zugleich mit adhäsiven Exsudaten. Bei einem 21 Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 195 Jahre alten Mörder fand er kleine Blutgefässe und Erweichungsherde in den ohersten Rinden schichten neben Neubildungen. Zweimal, infolge langdauernder Hyperämie, starke Pigmentirung der grauen Substanz; dreimal schwere Kopfverletzungen, eine derselben in Begleitung von Hämatom und Leptomeningitis chronica. Wie wichtig diese Verletzungen sind, ersieht man daraus, dass wir mit Rindfleisch [PatJwl. Histologie. 1873/74) eine chronische Hyperämie der Bindensubstanz als die Basis aller Störungen bei den Irren annehmen müssen. 2. Osteome fanden wir 3 an 90 Verbrecherhirnen. — Battanoli fand bei 100 Irren in S. Servolo 3 Fälle von Osteom, bei 1 Epileptischen, 1 Pellagrösen und 1 Idioten. {Statist. Bericht. Venedig 1881.) Adriani führt in seinem Bericht über die Irrenanstalt in Perugia. 1881, der das Muster einer klinischen Studie ist, einen Fall, bei Wahnsinn, unter 200 Gestorbenen auf. Salvioli fand in der Irrenanstalt von Turin 3 unter 49. Dagonet sah 16 Fälle bei 250 Autopsien, oft bei Dement, paralytica, öfter noch bei Epilepsie. Frigerio fand zweimal Osteome bei 180 Leichenöffnungen und zweimal bei einem Mädchen, die im Alter von 17 Jahren geschändet und infolgedessen in Tobsucht verfallen war, ohne erblich belastet zu sein; sie litt an perversen Empfindungen und verfiel später in Blödsinn. [Arch. delle malatt. nerv. 1875.) Ich selbst fand bei 280 Leichenöffnungen von Irren nur zweimal Osteome, in dem einen Falle von entschiedenem Einflüsse auf die Geisteskrankheit. (S. Arch. di psichiatr. II. 1882.) 3. Meningitis, die also in 50 % bei Verbrechern vorkommt, kam bei Irren nur in 32 % unter den 180 von Adriani und Raggi untersuchten Leichen vor, nämlich bei 58 — und zwar in folgenden speciellen Formen: Trübung und Verwachsung von Dura und Pia 29,0% „ der Arachnoidea................. 17,0 „ Stauung in Pia und Dura................. 9,0 „ Granulationen............................ 1,0 „ Pachymeningitis haemorrhagica............ 2,0 „ 13» 196 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Peli fand Pachymeningitis haemorrhagica ............. 1,5 % Meningitis ................................7,6 „ Pachymeningitis (simplex) .................. 21,5 ,, Das wären demnach, wenn man die Hyperämien nicht hinzuzählt, Entzündungserscheinungen an den Hirnhäuten 30,6 %. Hopmann fand bei Irren dagegen 48,7 % Pachymeningitis. Im ganzen würden also Läsionen der Hirnhäute hei den Irren seltener als bei den Verbrechern vorkommen.. 4. Veränderungen am Grosshirn. —Das Umgekehrte findet statt, wenn man den Läsionen des Gehirns selbst Rechnung trägt, wie wir sie bei Adriani und Raggi, ohne die Anämie und Hyperämie mitzuzählen, 49 mal unter 180 Irrenleichen antreffen und zwar: partielle oder allgemeine Atrophie einer Hemisphäre 9 „ Atrophie eines Hirnlappens ............... 5 Blutergüsse ..................................... 17 Erweichung ..................................... 10 Hirnsklerose .................................... 8 Jedenfalls sind Hirnkrankheiten (wie das schon aus dem häufigen Vorkommen von Verdickung und Osteoporose am Schädel abzunehmen war) eine ebenso häufige, ja bisweilen eine noch häufigere Erscheinung bei den Verbrechern als bei den Irren. Und dabei, wie wir seheD, werden sie bei ihnen, sogar von Specialisten, trotz der bedeutenden Anomalien, oft nicht erkannt. Dass das Gehirn eines Menschen in so hohem Grade verändert sein kann und dennoch während des Lebens keine Krankheitssymptome erkennen lässt, ist ein Umstand, für den wir die Erklärung in Soltmanns Beobachtungen über die Entwickelung und allmähliche Vervielfältigung der willkürlichen motorischen Centren auf der Hirnrinde finden. Seine Versuche an neugeborenen Kaninchen und Hunden zeigen, dass unmittelbar nach der Geburt kein Punkt der Hirnrinde zu finden ist, an welchem elektrische Reizung eine Bewegung auslöst, die Centren für die verschiedenen Muskelgruppen vielmehr nachgerade sich entwickeln und zwar innerhalb der ersten 16 Tage. Das Fehlen dieser Centren in den ersten Lebensperioden erklärt es uns, dass Hirnkrankheiten in diesem Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 197 Zeiträume latent bleiben können. Haben letztere aber die Entwicklungshemmung eines Gebietes der Hirnrinde zur Folge, so kann aucb die Vervielfältigung der die verschiedenen Funktionen ordnenden Centren nicht mehr stattfinden, sondern es tritt nur eines oder wenige Centren, wie das im Fötalzustande oder kurz nach der Geburt der Fall ist, dafür ein, und die physiologishe Arbeit, auf zu wenige Stellen ver- theilt, bleibt unvollkommen, wie denn auch der pathologische Process latent bleibt. 1 in. Pathologische Anatomie des Herzens, der Gefässe, der Leber u. s. w. Die von Flesch begonnenen Untersuchungen haben uns noch eine andere und zwar nicht erwartete Thatsache eröffnet, nämlich die, dass Eingeweide und Gefässe der Verbrecher sehr häufig Abweichungen von der Norm, von denen manche angeboren sind, zeigen. Es fanden sich z. B. bei 54 Leichenöffnungen 20 % so bedeutender Herzfehler, dass sie die direkte Todesursache abgaben, und diese Zahl würde sogar auf 50 % steigen, wenn man die zufälligen Krankheiten, wie Perikarditis und Endokarditis, mitzählen wollte. Es war nämlich in 5 Fällen von 54 der Duct. Botalli offen, in 3 Fällen Verengung der Gefässe neben Verdickung der Aortenklappen, in 1 Fall Erweiterung der grossen Gefässe mit Spuren von Läsion der Meningen, in 39 Fällen von 51 Anomalie des Endokardium oder der Klappen, in 23 Fällen von 27 chronische Arterienentzündung mit atheromatöser Entartung u. s. f. vorhanden. Insbesondere sind es die angeborenen Fehler der Gefässe und des Herzens, welche Beachtung verdienen, denn auch ich 1 Soltmann: Experimentelle Studien über die Funktionen des Grosshirns der Neugeborenen. (Jahresber. f. Kinderheilkunde IV. 1875.) — Easeri: Sui erani veneli {Balle Memorie di Laborat. di Medic. legale di Torino. 1878) 198 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. habe bei 14 Leichen 9 mal Perikarditis, 3 mal Atherom der Aorta, lmal Aneurysma gefunden; so dass die Verbrecher häufiger, oder fast ebenso häufig wie die Irren Herzfehler aufweisen. Baggi und Adriani fanden bei ihren 180 Leichen von Irren nur 31 mal Veränderungen am Herzen, also in 17 % und zwar: Hypertrophie........................ 12 % Fettige Entartung ................... 3 ,, Klappeninsufficienz................... 1 „ Atrophie des Herzens................. 4 ,, Verdickung des Perikardium.......... 1 „ Klappenatherom..................... 3 „ Hagen fand Herzaffektion bei Geistesgesunden in 25 %, bei Geisteskranken in 27 %; bei Jenen sei die Hypertrophie im Verhältniss von 16:10 überwiegend und die Atrophie seltener (1:3), ebenso die fettige Entartung (3:5), als bei den Irren. Vergleichen wir nun diese Angaben mit denen von Flesch bei Verbrechern, so finden wir bei: üu- Irren Ver- besclioltenen brecheru Herzhypertrophie........... 16,0% 10,0% 11,0% Herzatrophie............... 1,2 ,, 3,1 „ 11,0 „ Fettentartung............... 3,6 „ 5,2 „ 9,0 „ Klappeninsufficienz.......... 3,6 „ 3,6 „ 17,0 „ Herzbeutelverwachsung...... 2,1 „ 2,6 „ 2,0 „ Herzaffektion im allgemeinen 26,0 „ 25,0 ,, 50,0 „ Daraus geht hervor, dass Klappeninsufficienz und Herzatrophie häufigere Erscheinungen bei den Verbrechern sind, ferner dass Letztere bezüglich der Fettentartung und der Hypertrophie den Irren näher stehen als die Gesunden. Diese Analogien sind von grosser Bedeutung. Hagen (in seinen Statistischen Untersuchungen. 1873) erklärt einen Fall von Idiotismus bei anscheinender Regelmässigkeit des Gehirns aus der ungewöhnlichen Kleinheit des Herzens und betont die Häufigkeit der Selbstmorde bei Herzkranken, insbesondere bei Insuffizienz der Mitralklappe, ebenso wie Mildner. Richter (Bildungsanomalien bei Geisteskranken. 1881) fand bei 200 Irren 4 mal Insufficienz der Mitralis, 1 mal Aortenstenose. Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide 199 Landerer und Lutz {Berieht über Göppingen. 1878) fanden bei 139 Leichenöffnungen: Herzleiden...................... 58 % Klappeninsuffieienz............... 11 „ Hypertrophie.................... 14 „ Atrophie........................ 5 „ Fettherz........................ 26 „ Atherom........................ 27 „ Herzbeutelwassersucht............ 7 „ Saucerotte und Füllet fanden unter 100 Irren 26 an Herzkrankheit, 40 an Tuberkulose leidend. Auch Berti in Venedig fand Herzleiden bei Irren äusserst häufig, namentlich Verengung des rechten Ventrikels und Verdickung der Wände, und — 20 mal Offenbleiben des Foramen ovale. Mendel [Die Manie. 1881) führt an, dass Herzleiden bei Maniacis in 3,4 bis 14 %>, bei Dementen in 5 % vorkommen. Leidesdorf meint, bei Exaltationszuständen sei Hypertrophie des linken, bei Melancholischen die des rechten Herzens häufig, dort infolge der durch Kongestionszustand gesteigerten Triebkraft des Herzens. Kirn theilt 2 Fälle mit, bei denen mit jedesmaliger Verschärfung des Herzleidens der Irrsinn wieder eintrat; ebenso Mildner [Psych. Corresp. 1880). Battaloni in S. Servolo fand in 100 Leichen von Irren 18 mal Herzhypertrophie, 15 mal Atrophie, 30 mal Fettherz [Relais. Statist. 1881). Voppel zählt 75 % Herzaffektionen, worunter allerdings sogar die Sehnenflecken mit eingerechnet sind; Hoffmann 41 % und von Hypertrophie mit Klappenfehlern 17—18 %. Ich selbst und GrOLöi [Süll eziologia delle malattie mentali. 1869), wir sahen bei 60 verstorbenen Irren meiner Klinik 15 mal Hypertrophie, 3 mal Atrophie, 5 mal Fettherz, 1 mal Myokarditis, 2 mal Mitralstenose; ausserdem bei lebenden Irren 40 mal Herzleiden, wovon 8 mal das Irresein direkt hervorgerufen war. Auch nicht irre Herzleidende zeigten bisweilen psychische Störungen, wie sie bei Verbrechern (z. B. bei Faella) gleichfalls vorkommen. 200 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. "Witkowsei bezeichnet den Hochmutb, die Unruhe, die Neigung, handgreiflich zu werden, sich selbst und Anderen ein Leid zuzufügen, als solche Aeusserungen der Krankheit, namentlich der Ventrikelhypertrophie. (Schule: Geisteskrankheiten. 1880.) d'Astros {Etüde sur Vetat mental des cardiaques. Paris 1881) nimmt auf Grund der Beobachtung von 39 Fällen an, dass die Herzkranken im allgemeinen krittlich und zu Geistesstörungen geneigt sind. Er unterscheidet die Kranken mit Aortaleiden, wobei plötzliche, nervöse Zornausbrüche vorkommen, von denjenigen Kranken, die mit Mitralklappen- leiden behaftet sind, wo "VVuthausbrüche, wie sie bei sanguinischem Temperament gewöhnlich sind, vorherrschen; Jene seien anämisch, Diese haben venöse Stauungen. Eine etwas hochgradige Aorteninsufhcienz bewirke mehr oder minder psychischen Schwächezustand, Neurasthenie, die bis zur Hysterie hinaufgehe; die Mitralklappenfehler dagegen veranlassen Melancholie und Ausbrüche von Gewaltthätigkeit; bei der Folie cardiaque herrschen Depressionserscheinungen, melancholische "Wahnvorstellungen mit Hallucinationen unter kurzen Schwankungen, besonders während der Anfälle der Asystolie vor; häufig seien dabei die impulsiven Formen. Dass es sich ähnlich verhält, dafür spricht der enge Zusammenhang, in welchem psychische Vorgänge und Blutlauf miteinander stehen, wovon uns der Plethismograph den deutlichsten Beweis liefert, wie denn auch die überhäufigeu Hirnläsionen bei Irren und bei unseren Verbrechern es erweisen, so die Pigmentirung der Zellen, die Verwachsung und Trübung der Häute, Sklerose und Pachymeningitis am Kadaver. Alle Ergebnisse der pathologischen Anatomie, sagt Rindfleisch {PatJiol. Histolog. § 712. 1873), zeigen, dass die anatomische Basis aller Geistesstörungen wesentlich in einer Anomalie der Blutvertheilung mit ihren Folgen zu suchen ist. Gedenken wir schliesslich des Ausspruches von Benecke (Konstitutionsanomalien, S. 244. 1878). Kein Organ ist für die Entwickelung des Organismus und für die Erhaltung der Gesundheit so wichtig, wie das Herz. Bleibt es iü seiner Ent- Zweites Kapitel. Gehirn und Eingeweide. 201 wickelung zurück, so wird das zur reichhaltigsten Quelle der mannigfaltigsten Leiden. 2. Leber. — Flesch fand bei 51 Leichen nur 6 mal die Leber normal. Dagegen: 15 mal Infiltration und Fettleber............. 29,4 %> 5 „ Atrophie und 6 mal braune Atrophie . . 9,8 „ 5 „ Hyperämie mit Gallenstauung......... 9,8 „ 5 „ Tuberkulose, dabei 2 mal Fettleber .... 9,8 „ 5 „ Sklerose, 1 mal syphilitisch........... 9,8 „ 1 „ Hypertrophie........................ 1,9 „ 4 „ Muskatleber......................... 7,8 „ 2 „ Karzinom, 1 mal der Gallenblase, 1 mal der Leber .......................... 3,9 „ 1 „ Parenchymatöse Hepatitis mit eitriger Perihepatitis ........................ 1,9 „ 1 „ vermuthlich Amyloidleber............ 1,9 „ Wie gering auch an Zahl diese Befunde sind, so sind sie doch um so wichtiger, wenn man erwägt, dass sie bei den Irren weit seltener sind. Landerer und Lutz fanden bei 358 Sektionen nur 2 mal Leber und 2 mal Magenkrebs und 1 mal Magenblutung; bei Adrianis 217 Leichenuntersuchungen kam Krebs der Leber nur 2 mal und ebenso nur 2 mal Oirrhose vor. Möglicherweise hat man dabei nur diejenigen Zustände im Sinne gehabt, welche für die direkte Todesursache angesehen wurden; wenigstens haben Raggis 31 Irre 11 mal Leberhyperämie gezeigt, Fettleber 4 mal, Hypertrophie 3 mal, Magenkrebs und Erweiterung je 1 mal. Demnach scheint es (und der Alkoholismus erklärt es zum Theil), dass Leberleiden bei den Verbrechern allerdings vorkommen; auch wir können dafür anführen, dass bei Milani, Agnoletti, Passanante die Leber nicht weniger als das Hirn litt. 3. Greschlechtstheile. — Die Geschlechtstheile wurden nur bei 9 unter 24 untersucht; dabei fand man: 1 mal Parametritis, 1 mal Oophoritis, 2 mal Endometritis, 1 mal Hydrops der Tuben und der Follikel, 1 Ovarieukrebs und 1 mal Ovariencyste. 202 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 4. Magen. — Bei 35 Magenuntersuchungen fand sich: 8 mal Katarrh, 2 mal Anschwellung der Schleimhaut, 4 mal Krebs, 3 mal Hyperämie, 1 mal Dilatation, 1 mal Polyp; 1 mal rundes Geschwür; in 15 Fällen war der Magen gesund. Bei 8204 Autopsien im Spital zu Mailand fand man Magenkrebs 155 mal, d. h. einen Procentsatz von 1,9, Leberkrebs in 0,5 %, das ist weniger als 1 /b von Fleschs Verbrechern. Knecht fand bei 120 Verbrecherleichen 5 mal überzählige Lungenlappen, öfter noch die Milz, Leber, Nieren gelappt, 1 mal rudimentäre Nieren. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck von 3839 Verbrechern. I. Einleitung. 1. Mitarbeiter. — Es dürfte Manchem verwegen und unnütz erscheinen, wenn ich, bloss auf Grund weniger Maasse an der Leiche, bezw. der Schädelformen der Verbrecher Schlüsse ziehen wollte. Das wäre auch der Fall, wenn es mir nicht gelungen wäre, jene wenigen Messungen durch 3839 an Lebenden zu kontrolliren. Darin wurde ich unterstützt durch Dr. Pel- lizzari und Beketta, die mir Maasse von 400 venetianischen Verbrechern verschafften, von Prof. Tamburini, der mir ein vollständiges anthropometrisches" Bild von 100 Galeerensklaven aus Ancona lieferte, von Dr. Virgilio, der 200 untersuchte und von den Drs. Raseri, Zavaldo', Zanca, Salis, Maino, Manfredi. Borgomanero, Frisetti, Tancredi, Siffredi, Lessona, Pasini, Mo, Mta, Andronico, Riccardi, Righini, die mit mir zugleich 565 Gefangene, darunter 357 Frauen und 268 Unmündige, untersucht haben. Ferner wurde ich bei dieser Arbeit unterstützt von den Herren Beltrani-Scalia, Fano, Oardou, Costa, Gamba, den Gefängnissdirektoren zu Pesaro, Alessan- dria, Mailand, Pavia, Ancona, Pallanza, Turin und Genua, Drittes Kapitel. Maasse und G-esichtsausdruck. 203 durch die mir gestattet war, 374 zu beobachten, die unter den berüchtigtsten Verbrechern ausgesucht wurden. Zu statten kamen mir ausserdem die neuen Untersuchungen Bischoffs an 134 deutschen, Corres und Lacassaönes an 100 französichen und Ferris an 699 italienischen Verbrechern, mit denen 301 Irre und 711 Soldaten verglichen wurden. Endlich habe ich noch der Herren Prof. v. Liszt, v. Holtzendorff und Dr. Kornfeld zu gedenken, denen ich das deutsche Verbrecheralbum, Photographien und Text, die National Police Gazette von New-York und die IUustrated Police Neivs von Boston verdanke, wodurch ich über 300 Photographien und Lebensbeschreibungen von Verbrechern erhielt, sowie ich auch der Freundlichkeit der Züricher Regierung die Einsichtnahme der drei Bände des illustrirten officiellen Verbrecheralbums daselbst verdanke. 2. Minderjährige. — Aus der Zusammenstellung von 437 nicht bestraften jungen Leuten desselben Alters und Standes, welche Dr. Pagliani untersucht hat, mit 188 bestraften Unmündigen geht hervor, dassdie Statur der Letzteren im Alter von 10 bis 13 Jahren ein wenig höher, von 13 bis 16 Jahren gleich, von 16 bis 18 Jahren aber bedeutend höher ist als die der Normalen (wie 1,54 zu 1,51), von 19 bis 21 indes wieder ein wenig fällt. An Gewicht übertreffen die Bestraften zu allen Zeiten die anderen, nur im Alter von 13 bis 16 Jahren sind sie einander gleich. Das liederliche Leben, der frühzeitige Geschlechtsgenuss, die Schmach der Verurtheilung und sogar die Gefängnissluft scheinen dem "Wachsthum dieser schon seit früher Kindheit für Schmerzen unempfindlichen Naturen keinen Eintrag zu thun, vor allem nach dem Eintritt der Pubertät, was mit den bei Erwachsenen gefundenen Zuständen übereinstimmt. Umgekehrt ist der Schädelumfang bei den bestraften Minderjährigen zu allen Zeiten geringer als bei den normalen. Der kleine Stirndurchmesser betrug bei 12 Bestraften von 12 bis 14 Jahren 107—108, der der Normalen desselben Alters 111 nach Eiccardi. 204 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Derselbe fand den Gesichtswinkel bei 21 Bestraften an 4 Individuen gleich 65° bis 68°, an 2 gleich 73° h 70° 2 75° 1 71° 4 74° „2 „ „ 70° bis 74° d. h. normal. Noch wurde von Rtccardi die Armbreite an 20 Individuen gemessen, und war dieselbe gleich der Körperlänge hei 5> grösser als letztere bei 15, und bei 10 sogar um 3 bis 6 cm grösser, während sie bei den Normalen niemals um mehr als 2,3 cm grösser befunden wird. 3. Erwachsene. — Körperlänge und Gewicht. — Die Statur der erwachsenen Sträflinge trägt fast immer den Typus der Gegend, in welcher sie geboren sind. Hochgewachsen sind die aus dem Venetianischen (1,69 cm), die Lukkesen (1,71 cm), ziemlich gross die aus Umbrien und der Lombardei (1,66), mittelgross die aus Emilia, Calabrien und Piemont (1,63), etwas kleiner die aus Neapel, Sicilien und den Marken (1,62), aber klein die aus Sardinien (1,59). — Diese Unterschiede lassen sich bis hinein in die einzelnen Bezirke jeder Provinz verfolgen; in Belluno z. B. ist die mittlere Höhe = 1,54, in Mantua 1,56, in Verona, Vicenza und Udine dagegen 1,69 cm. Vergleicht man die so erhaltenen mittleren Zahlen mit denjenigen, welche man bei Bekrutenaushebungen gefunden hat, so ergiebt sich folgendes: Soldaten Sträflinge gesunde gesunde chronische (LOMBROSO) (VlRGILIO) In Lombardei.. 1,64 1,66 — Calabrien... 1,62 1,63 1,61 Sicilien .... 1,61 1,62 1,67 - Venetien ... 1,65 1,69 1,69 Umbrien.... 1,63 1,66 — Emilia ..... 1,64 1,63 1,58 Marken .... 1,62 1,62 1,62 Sardinien... 1,60 1,50 1,56 Piemont. ... 1,63 1,63 1,69 Neapel ..... 1,62 1,62 1,61 Ligurien.... 1,64 1,60 — Lucca ...... 1,66 ],71 — Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 205 Ist demnach die mittlere Körperlänge der Verbrecher gleich der mittleren der Gesunden, nämlich 1,63, so ist sie doch in den einzelnen Gegenden, namentlich in Venetien, Umbrien, Lombardei, Sicilien, Lucca und nach Virgilio auch in Piemont, weit höher als die mittlere im allgemeinen. Diese Annahme steht in Widerspruch mit Thompsons und Wilsons Ermittelungen für Schottland, Irland und England — und hängt dies einestheils von der übergrossen Zahl von Strassenräubern und Mördern ab, deren Statur höher ist als die der Fälscher, Diebe u. s. w., von denen uns grössere Zahlenreihen nicht zu Gebote standen, andererseits davon, dass die mittleren Zahlen bei den Verbrechern dem Alter über 20 Jahre entnommen sind, wo das Wachsthum des Mannes noch nicht beendet ist. Im anatomischen Museum von Pisa befindet sich das Riesenskelet von Romero, einem der grausamsten Mörder in Südamerika. Virgilio fand 2 in der Höhe von 1,77 und 2 sehr kleine von 1,29 cm. — Mit meinen Angaben stimmen dagegen die von Biliakoff. 1 Vergleicht man Strassenräuber und Mörder miteinander, so zeichnen die Ersten sich durch höhere Statur in der Emilia, Lombardei und Neapel vor den Letzteren aus; gleicher Statur sind beide in Piemont und Calabrien, die Mörder ein weniges grösser in Venetien. Stellt man die hohen und die niedrigen Staturen nach den verschiedenen Arten des Verbrechens gruppenweise zusammen, so findet man: Höhere Statur Niedrigste Statur in bis von 1,47 bis 1,70 cm 1,57 cm 786 Fällen von Strassenraub und Todtschlag 56 (7,5 %>) 38 (4,83°/o) 271 „ „ Diebstahl.................. 24 (8,8 %) 23 (8,05 %>) 34 „ „ Nothzucht................. 6 2 40 „ „ Fälschung................. 7 8 27 „ „ Brandstiftung.............. 9 4 1 Biliakoff fand bei 100 russischen Mördern: kleinen Wuchs von 160 cm in 9 %>, mittleren Wuchs von 170 cm in 57 %>, hohen Wuchs von über 170 cm in 34%. 206 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Todtschlag und Diebstahl würden demnach bezüglich der Körperlänge ziemlich gleiche Werthe aufweisen, wenn die Minderzahl an niedrigen Staturen bei ersterem dieses Verhältniss nicht ausgliche. Dasselbe ist für die anderen Verbrecher der Fall, bei denen die geringe Anzahl der Beobachtungen überdies nichts Sicheres bestimmen lässt. Vergleicht man ausserdem noch die Sträflinge der Marken mit den Irren, wie es durch Riva geschehen ist, so ergiebt sich für die Letzteren, nämlich für Melancholische, Pellagröse, Epileptiker, Paralytische und Blödsinnige, eine mittlere Körperlänge von 168, d. i. 4 cm mehr, als für die Sträflinge. Letztere würden ungefähr eine gleiche Höhe mit den Maniacis und den Schwachsinnigen aufweisen, da sie 23% hohe und 21% niedere Statur haben. Ich habe übrigens an 112 Irren in Pavia für die mittlere Körperlänge 1,60 cm gefunden d. i. bedeutend weniger als für die Höhe der Verbrecher, die nicht Diebe sind, indem ich 5% mit hoher Statur (über 1,70) und 5% mit kleiner Statur fand. Das Gewicht der Sträflinge mit demjenigen von 1331 Soldaten verglichen, ergab nach meinen und Dr. Fbanchinis Aufzeichnungen in den verschiedenen Provinzen nachstehende Mittelzahlen: In Venetien Neapel.. Emilia .. Marken . Piemont Lombardei Siena..... Sardinien . Calabrien . Ligurien .. Abbruzzen. Appulien . . Soldaten gesunde kg 68,000 „ 65,093 „ 64,859 „ 64,295 „ 64,433 „ 63,785 „ 61,734 „ 61,389 ',' 65,659 Sträflinge gesunde chronisch (Lombhoso) (VlRQIMO) 63,5 — 71,0 60 68,0 69 64,0 61 67,0 61 65,0 — 66,0 61 63,0 62 63,0 59 61,0 60 — 60 — 60 In allen Provinzen, die Marken und Ve*netien ausgenommen (von Ligurien lässt sich wegen der geringen Anzahl der Beobachtungen nichts sagen), findet man demnach ein merkliches Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 207 Mehrgewicht bei den Verbrechern, was auch die Engländer dagegen sagen mögen; namentlich ist das in Neapel, Sicilien und Piemont der Fall. Damit stimmt das über die Körperlänge, wenigstens für Calabrien, Lombardei und Sicilien Hitgetheilte überein; es erklärt sich auch aus dem Umstände, dass unter den Sträflingen solche sich befinden, die jünger als die Soldaten sind. Virgilios Zahlen erscheinen allerdings weit niedriger; bei ihnen handelt es sich jedoch um chronisch kranke Individuen, deren Gewichtsabnahme auf ganz anderen und solchen Ursachen beruht, die mit dem Verbrechen nichts zu thun haben. Uebrigens ist auch das Köpergewicht der Sträflinge viel höher, als das der Irren. In Pavia fand ich bei 165 Irren ein mittleres Körpergewicht von 54,90 kg, um — 10 kg geringer, als das der lombardischen Sträflinge. Betrachten wir überdies die Mörder und Strassenräuber gesondert von den anderen, den Dieben und Fälschern, so finden wir bei diesen Letzteren recht niedrige Zahlen, besonders in der Eomagna, Neapel, Sicilien und Venetien. Die Mörder sind schwerer an Gewicht als die Räuber in der Emilia, in Venetien, den Marken, in der Lombardei, auf Sicilien; leichter als diese in Neapel, einander gleich in Calabrien und Piemont, wo auch die Körperlänge fast die gleiche ist. Die Fälscher dürften (wenn die betreffende Statistik nicht so unsicher wäre) das geringste Körpergewicht von allen Verbrechern haben, die venetianischen Stupratoren ausgenommen. Die Brandstifter aus Venetien gaben, nach den Mördern, das höchste Körpergewicht; das allerhöchste gaben die in Sicilien und das niedrigste in den Marken Die Stupratoren, die in der Emilia das höchste Gewicht haben, gaben in den Marken und der Romagna eine der niedrigsten Zahlen, gleich den Fälschern; eine genügend hohe Zahl gaben die in und um Neapel. Fassen wir zu besserer Veranschaulichung der Gewichtsunterschiede die Daten in folgender Tabelle zusammen: 208 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Maxima Minima Mittel 70—80 kg 49—54 kg nach Virgilio Von 567 Mördern___ 115 = 20% 47= 8% 139 = 50—61 kg „ 143 Dieben .... 22 = 15 „ 25 = 17,, 78 = 63 „ 21 Stupratoren . 3 = 14 „ 4 = 19,, 7 = 50—60 „ ,. 34 Fälschern... 7 = 20 „ 6 = 17 „ 8=61 . 23 Brandstiftern 5 = 21 „ 3 = 13,, 4 = 67 Daraus ersieht man, dass die Brandstifter, Fälscher und Mörder die grössten Procentsätze für die Maximalgewichte aufweisen, Mörder und Brandstifter zugleich geringere Procente an Minimalgewicht; das Umgekehrte ist bei den Fälschern der Fall. Stupratoren und Diebe gaben die höchsten Procente an Minimalgewicht und die niedrigsten an Maxima. Stupratoren und Brandstifter haben nach VlßGlLio das niedrigste Gewicht. Die Kontrolle dieser Verhältnisse, sowohl vermittelst Berechnung der Reihenquoten, als auch durch Vergleichung mit den von Bischoff in Bonn an 400 Leichen von Normalen und 134 von Verbrechern gewonnenen Maassen und Gewichten bestätigt unsere Ergebnisse, nämlich dass die Minimalgewichte bei den ehrlichen Leuten häufiger sind als bei den Uebelthätern und zwar sich verhalten wie 18,6 zu 13,4; ferner dass die Mittel- und die hohen Gewichte von 40 bis 70 kg bei den Verbrechern häufiger sind und sich zu denen der Ehrlichen verhalten wie 84 zu 75; endlich, dass die höchsten Gewichte, die übrigens sehr spärlich vorkommen, bei den ehrlichen noch einmal so oft wie bei den Verbrechern auftreten d. h. wie 4 zu 2,2. Auch in betreff der Körperlänge verhalten sich die Ehrlichen — was die Minimalzahlen von 1,40 bis 1,50 betrifft — zu den anderen wie 1,2 zu 0; in geringerem Maasse findet dasselbe bei den niedrigen Zahlen von 160 cm statt, und zwar ist das Verhältnis = 16,4 zu 13,1. Sehr gering ist der Unterscbied (52,9 zu 51,3) bei den hohen Zahlen. Dagegen ziehen die Ehrlichen den Kürzeren bei den noch höheren, indem diese sich zu denen der Verbrecher wie 1,70 zu 1,85, d. h. also wie 27 zu 34 verhalten. Bei den allerhöchsten Zahlen über 180 cm ist der Unterschied ziemlich gering, doch zu Gunsten der Ehrlichen, nämlich wie 48 zu 43. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 209 4. Armbreite und Spannweite. — Von eigentümlichem Belang für die Beurtheilung der Verbrecher ist auch die Breite der ausgespannten Arme. Riccardi schon hat bei den Minderjährigen und Lacassagne bei 800 französischen Verbrechern daraufhingewiesen, dass bei Letzteren die Armbreite grösser ist als die Körperlänge. In 623 Fällen war sie bedeutend grösser; in 86 Fällen entweder gleich oder nur um 5 bis 6 cm grösser; in 91 Fällen aber kleiner als die Körperlänge. Noch ausführlicher ist der diesbezügliche Bericht von Ferri. Die Armbreite der Taschendiebe zeigte sich um ein Bedeutendes kürzer als die der gewöhnlichen Diebe, nämlich im Verhältniss von 11,6 und 15,4 zu 36 und 34 (bei einem Uebermaass gegen die Körperlänge von 4 bis 6 und von 7 bis 9). Bei den Unterschieden unter 4 bis 6 standen Jene dagegen zu Diesen im Verhältniss von 3,8 zu 1,4. — Bei vollkommener Gleichheit der Armbreite und Körperlänge war der Procentsatz der Taschendiebe den anderen gegenüber um neunmal höher. Nach Provinzen (s. Tabelle 25) verglichen, sind die Arme der Mörder (Verbrecher von Pesaro) im Vergleich zur Körperlänge weit länger als die der Soldaten in Piemont, Venetien, Emilia, Romagna und Calabrien, kürzer in der Lombardei und Sicilien, zum Theil kürzer, zum Theil länger in den Marken und im Neapolitanischen. Um sich das Verhältniss klar zu machen, genügt es, aus Tabelle 25 zu erfahren, dass die Zahlenreihen, welche die grösseren Unterschiede zwischen Armbreite und Körperlänge bezeichnen, nur für die Verbrecher gelten, und dass in den nachfolgenden Reihen die Soldaten um das Vierfache, oder je nach der Herkunft um das Doppelte mehr vertreten sind. Bei ihnen ist die grösste Differenz nach unten 7 bis 9. Maxime du Camp hat auf die grosse Länge der Arme bei dem blutgierigen Oommunard Verig aufmerksam gemacht (du Camp : Sur les prisons de la commune. 1877). — Thiebert zeichnete sich nicht nur durch seine ungeheuren Kiefer, sondern auch durch seine langen, chimpanse-ähnlichen Arme Lombkoso, Der Verbrecher. I. 14 210 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. aus, wie Cartouche durch die auffällige Beweglichkeit und Länge seiner Finger, dem ein affeuähnlicher Schädel entsprach. 5. Die Hand. — Was man über die Hand der Verbrecher gesagt, ist vielleicht mehr, als der Gegenstand es verdient. Claude und Vidocq behaupteten, dass grosse Mörder gewisse lange und grobe Hände besitzen. Auch bei mir tauchte dieser Gedanke mitunter auf. Thatsächlich herrscht bei den Anthropologen eine grosse Unsicherheit in diesem Punkte. Aus Humphreys Messungen Tabelle 25. Unterschied zwischen Armbreite und Körperlänge Verbr in Caste Diebe echer lfranco Pick- pockets Ven Soldaten ädig Verbrecher in Pesaro Calal Soldaten >rien Verbrecher in Pesaro +19—21 16-18 0,7 — — 5,9 — — 13—15 1,4 — 2,9 — ,. 1,4 4,1 10-12 4,8 — 14,9 11,8 9,7 8,3 7-9 24,4 11,6 24,0 29,4 15,4 23,0 + 4-6 36,0 15,4 36,0 35,2 31,9 35,5 1-3 16,7 19,2 16,4 11,8 31,9 16,8 — 2,1 19,2 2,9 — 1,4 6,2 -=- 1-3 18,5 30,8 2,9 5,9 5,5 4,1 -=- 4-6 1,4 3,8 — — 1,4 2,0 H- 7-9 — — — — 1,4 — Untersuchte 44 26 67 17 72 48 geht hervor, dass die Länge der Hand im Verhältniss zur Körperlänge einen ziemlich höheren Index bei den Primaten liefert, nämlich 14,5 beim Gorilla, 18,0 beim Chimpansen, 20,8 beim Orang, 11,8 beim Menschen. Dem scheint es zu widersprechen, dass bei den farbigen Rassen, z. B. den Chinesen und Neukaledoniern, zwar die hohen Zahlen von 12,8 und 12,7, bei den Nicobareninsulanern sogar 13,2 vorkommen, dagegen bei den Berbern eine niedrigere Zahl als bei den Europäern gefunden wird, nämlich 11,1 und bei den Polynesiern sogar nur 10,4. Diese Unsicherheit scheint auch uns bei der Untersuchung von 238 Sträflingen verfolgen zu wollen, die wir nicht allein Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 211 nach dem von ihnen begangenen Verbrechen, sondern auch nach den früher angeschuldigten Vergehen eintheilten (s. Tabelle 26). Es scheint, dass die Verbrecher im allgemeinen oft ähnliche Verhältnisszahlen betr. der Hand erkennen lassen wie die Belgier und Rumänen, nämlich 11,5, nur eine kleine Reihe (11) geht merklich darüber hinaus, bis zu den Indices von 12,2 bis 12,7. Eine noch geringere Anzahl (9) liefert dagegen kleinere Indices von 10,1 bis 10,6. Man könnte vermuthen, das unter den Leuten, welche Blut- thaten begehen, eine grössere Menge mit kurzen Händen vorkommt, um so mehr, da alle, 1 ausgenommen, die Mittel- Tabelle 26. •1: S o Blutige Verbrechen bei Dieben und Käubern Stupratoren, Diebe und Stuprat. Handelsuch. Betrüger Betrüger und Diehe 0 Summa 37 54 13 22 10 102 238 Von 10,1—10,3 — 1 — 1 — 1 3 „ 10,4—10,6 1 — — 1 1 3 6 „ 10,7—10,9 5 5 3 4 2 10 29 „ 11,0-11,2 10 15 2 4 1 22 54 „ 11,3-11,5 9 10 2 5 2 28 56 „ 11,6-11,8 10 16 5 3 1 23 58 „ 11,9-12,1 1 5 1 3 2 9 21 „ 12,2-12,4 1 1 — 1 1 4 8 „ 12,5—12,7 — 1 — — — 2 3 statur des Italieners überragen. Und dasselbe liesse sich auch von den Betrügern sagen, die indes den Vorzug höheren Wuchses nicht besitzen. Umgekehrt dürften die Gauner und Stupratoren, die etwas kleiner von Wuchs sind, eine grössere Zahl langer Hände zeigen. Die Sache ist indes nicht so klar, dass man ein Gesetz daraus ableiten könnte. Noch weniger lassen sich für die anderen Kategorien Schlüsse ziehen. 6. Habitus. — Ich habe bemerkt: an 567 Mördern........ zarte Gesundheit 53mal, Rückenhöcker 3mal „ 143 Dieben ......... „ „ 19 „ „ 1 „ „ 21 Stupratoren..... „ „ 4 „ „ 3 ,, ,, 34 Fälschern....... ,, „ 5 „ „ 1 „ „ 23 Brandstiftern .... „ „ 2 „ „ 2 „ 14* 212 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Raub, Mord und Brandstiftung kommen also bei Leuten von schlankem "Wuchs und kräftiger Gesundheit häufiger Tor, während die Diebe und Stupratoren, Letztere insbesondere, in grösserer Anzahl zart gebaut sind; sie verdanken das wahrscheinlich der Syphilis, deren Spuren sie oft auch im Gesicht tragen. Die Stupratoren, Fälscher und Brandstifter haben auch eine grössere Zahl Buckliger unter sich, wonach das Volks- urtheil bestätigt wird, welches Leuten dieser Art in Bezug auf Wollust und Bosheit anhaftet. Dass unter den Räubern der robuste Körperbau, in Ueber- einstimmung mit höherem Körpergewicht und desgleichen Körperlänge vorherrscht, ist nicht erstaunlich, da mit der grösseren Entwickelung der Körperkräfte der Anreiz zu gewaltsamen Aeusserungen gegeben ist, während für List und Betrug die Körperkraft unnöthig, ja der Mangel der letzteren sogar ein Reiz mehr ist für Diejenigen, welche anhaltende und ermüdende Arbeit scheuen. 7. Brustumfang. — Das Maass des grössten Brustumfanges, welches die Dr. Pelizzari und Beretta an 384 Venetianern fanden, betrug 894 mm bei 71 Mördern, 886 mm bei Brandstiftern, 875 mm bei 180 Räubern und Fälschern. Kleiner war es bei 113 Dieben, nämlich 874 mm; am kleinsten bei 8 Stupratoren, 860 mm. Merkwürdigerweise sind alle diese Zahlen, mit Ausnahme der wegen ihrer geringen Anzahl unbrauchbaren letzten höher, als die von Barofpio an 14 000 Soldaten gefundene Mittelzahl von 866, — wonach also auch der Brustumfang, wie das Gewicht und die Körperlänge bei den Sträflingen grösser wäre, als bei der normalen Bevölkerung. 1 Das Wunderbare an diesem Befunde schwindet indes, wenn man erwägt, dass die Venetianer überhaupt von höherem Wüchse sind und folglich auch einen weiteren Brustkasten besitzen; wenn auch nicht in dem Grade, dass die unter den Beflissenen der Gefängnisskunde herrschende Voraussetzung von 1 Auch Biliakoff fand bei seinen 100 Mördern den Brustumfang grösser als den mittleren der Bevölkerung, nämlich zu 88 (bis 96), während er sonst im Verhältniss zur Statur nur 84, 85 und 86 cm beträgt. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 213 der Inferiorität der Verbrecher in diesem Punkte dadurch gänzlich beseitigt wäre. 8. Schädelkapacität. — Die Berechnung des Schädelinnenraumes der Verbrecher aus den Durchmessern, Bogen und Umfang giebt zwar kein richtiges Bild von dem wahren Kubikinhalt der Schädelhöhle, kann indes von grossem Nutzen sein, wenn man sie mit der an normalen Individuen und zwar gleichfalls an Lebenden ausgeführten Messung zusammenhält. 1 Das Maximum gaben die Fälscher, in Sicilien und Venetien 1555 ccm, in der Lombardei 1582 ccm, die mit Ausnahme von Piemont und Emilia (wo gleichwohl auch grosse Kapaci- täten, 1497—1498 ccm, vorherrschen) alle übrigen Verbrecher darin übertreffen. Unmittelbar nach den Fälschern kommen die Mörder und Räuber, deren Kapacität in 11 von 21 Provinzen über das Maass von 1500 ccm hinausgeht, welches das höchste bei allen Verbrechern in Calabrien ist, in Ligurien 1545, in der Emilia 1532, in Umbrien 1504, in Sicilien 1501 und in Venetien 1538. Die Mörder haben ein grösseres Schädelvolumen in Sicilien, Genua, der Lombardei, Emilia, den Marken und Umbrien, ein geringeres als die Fälscher in Neapel, Piemont, Calabrien und Venetien. Die Diebe haben eine massigere Kapacität, die in 3 von 9 Provinzen über 1500 ccm hinausgeht, sonst aber bei allen anderen Arten von Verbrechern geringer ist, da ein zweites Maximum, mit Ausnahme von Umbrien und den Marken, nirgends vorkommt. 1 Amadei (Sulla capacitä craniea dei pazsi) hält zwar nichts von dem Verfahren zu Zwecken der gerichtlichen Psychiatrie, weil die Maasse zu grosse Abweichungen vom wahren Sachverhalt ergeben, die kleineren Kapaeitäten unter 1350 ccm z. B. um 100 erhöht und die grösseren (bis um 283) verringert werden. Dasselbe gewinnt jedoch, gerade für die Untersuchung von Mikrokephalen und Kephalonen, an praktischem Werth, wenn wir die von Amadei ermittelten Differenzen in Eechnung ziehen. Uebrigens besitzen wir ja keine andere brauchbarere Methode, um am Lebenden die Schädelkapacität zu bestimmen — und darum halten wir vorläufig noch daran fest. 214 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Brandstiftung und Nothzucht führen die kleinsten Kapa- citäten mit sich, in den Marken und Venetien namentlich die erstere, in der Emilia die Nothzucht, für die in Venetien eine höhere Zahl aufkommt. In Venetien ist die Schädelkapacität meistens hei Allen gross, auch in Ligurien, dann in der Lombardei und in Piemont; in Venetien in Uebereinstimmung mit der grösseren Körperlänge. Das Gegentheil findet in den Marken, in Neapel und Oalabrien und, so viel wir aus den wenigen Maassen entnehmen können, auch in Sardinien statt. Die mittlere Kapacität bei 50 Irren aus Pavia betrug 1508; sie ist mithin geringer als die bei lombardischen Stupratoren, Fälschern und Dieben und um ein wenig höher als die bei den Räubern. Diese Untersuchung findet gewissermaassen eine Bestätigung durch die von Ferki in grossem Maassstabe ausgeführte Durchforschung eines Materials von 711 Soldaten, 321 Irren und 699 Verbrechern, die in zwei Hauptklassen eingetheilt sind, in Gewohnheits- oder geborene und in Gelegenheitsverbrecher, von denen Jene im Bagno von Pesaro, Diese im Gefängniss von Oastelfranco verwahrt werden. Das Ergebniss zeigt Tabelle 27. Die Kapacität ist grösser bei den Soldaten als bei den Sträflingen und Irren, hauptsächlich infolge des seltneren Vorkommens von Mikrokephalen. Besonders gering ist sie bei den Idioten. Bei den Hauptverbrechern aus dem Bagno von Pesaro sind es die Mörder, bei den anderen aus dem Gefängniss von Oastelfranco die Taschendiebe, wo die geringe Kapacität besonders hervortritt, b ei den Letzteren sogar gegenüber den gemeinen Dieben (Gaunern), deren Wuchs nicht gerade niedrig ist. Geringes Schädelvolumen zeigen bei hohem Wüchse die Betrüger, etwas grösseres die Raufbolde (vulgo Messerhelden). Vergleicht man die Klasse der Mörder und Todtschläger im Rückfall, oder solche, die wegen gehäufter Verbrechen unter Anklage stehen, mit den nicht rückfälligen, so zeigen Jene eine geringere Schädelkapacität, ferner einen geringeren Stirndurchmesser und ausserdem einen stärker entwickelten Unterkiefer. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 215 In keiner Provinz zeichnen sich die Mörder durch ein grösseres Schädelvolumen aus. Dieses geringe Schädelmaass aber, welches mit der geringen Körperlänge im Neapolitanischen und in Sicilien im richtigen Verhältniss steht, entspricht dagegen nicht der nicht geringeren Körperlänge in Piemont, Ve- netien, der Lombardei, Emilia und Romagna, in den Marken und Calabrien. Ich stimme mit Ferrt in dem, -was die Schädelkapacität der Mörder betrifft, nicht ganz überein, darin aber sind wir Tabelle 27. O Verhrecher Verbrecher Berechnete Schädelkapacität e o 03 H U ?> ta •5 » © O •5 in Pesaro in Castelfranco u O TS :o S 00 1-8 U sä O i-i BO s e Eh 1381—1420 — 1,9 2,9 0,9 10,0 2,2 3,9 — — 0,9 — 1421—1460 2,8 8,0 11,6 5,0 15,0 15,3 9,0 — 9,1 4,1 3,8 1461—1500 18,0 25,6 26,4 21,8 30,0 32,6 27,3 19,2 13,6 25,8 34,7 1501—1540 37,7 33,0 34,8 33,4 20,0 32,6 34,2 48,6 27,3 31,4 26,9 1541—1580 31,9 22,6 19,1 29,9 20,0 17,3 19,2 29,0 50,0 28,4 23,1 1581—1620 7,9 6,7 4,5 7.5 5,0 — 5,4 — — 8,1 11,5 1621—1660 1,6 1,9 0,5 1,2 — — 1,0 3,2 — 0,6 — 1661—1700 0,1 0.3 — 0,3 1701—1740 — — 0,2 — — — — — — — — Zahl der Untersuchten 711 301 346 353 20 46 182 31 22 j147 26 beide einig, dass dieselbe bei den Verbrechern und Irren geringer ist als bei normalen Individuen. 9. Die Stirn fand ich nur in Piemont und Ligurien hochentwickelt. Bei den lombardischen Fälschern zeigt sie eine bemerkenswerthe Breite; nicht so ist es der Fall bei denen in Sicilien und in den Marken, wo die Stirn der Vagabunden breiter ist. Die Höhe der Stirn ist, nach Ferri, in den beiden Gruppen, in welche die von ihm untersuchten vier Reihen zusammenzuziehen sind, verschieden. Die erste Gruppe zeigt die höheren Maasse der Soldaten und leichteren Verbrecher, die andere Gruppe die der Irren und der Hauptverbrecher. Seiner 216 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Meinung nach ist die Stirn bei den Händelsuchern höher, steht zwischen Verbrechern und Irren in der Mitte, weit niedriger aber bei den Idioten. In allen Provinzen endlich sei die Stirn der Mörder niedriger als die der Soldaten. Den kleinen Stirndurchmesser fand Ferri bei den Verbrechern überhaupt geringer, noch geringer aber bei den Gelegenheitsverbrechern, besonders im Verhältniss zu dem grössten Querdurchmesser des Kopfes. Unter den Hauptverbechern stehen die Mörder niedriger als die Todtschläger und Bäuber. Unter den Irren haben die Idioten den kleinsten Stirndurchmesser trotz der grösseren Kopf breite im Querdurchmesser. Bei den Soldaten sind die gefundenen Verschiedenheiten sämtlich diesem letzteren entsprechend, ausser in der Boniagna, Venetien und Sicilien. In allen Provinzen wiederholt sich aber wiederum die behauptete Inferiorität der Mörder auch in diesem Punkte. Am interessantesten jedoch ist, dass die Sträflinge, welche geringere Verbrechen begangen haben, in vielen Provinzen einen kleineren Stirndurchmesser besitzen, als die Hauptverbrecher, trotz ihres grösseren Querdurchmessers und trotz ihrer grösseren Schädelkapacität. 10. Der Schädelumfang. — "Wir widmen dem Schädelumfang der Verbrecher eine Betrachtung für sieb, weil sich derselbe mit demjenigen der Gesunden leichter vergleichen lässt. — Den grössten Umfang finden wir bei den Fälschern, Räubern und Mördern; den kleinsten, wo die Verbrechen in Brandstiftung, Diebstahl und ÜSTothzucht bestehen. Die Bäuber auf Sicilien, in der Bomagna und in Calabrien haben den kleinsten Umfang; die Fälscher in Venetien den grössten, wo sie überhaupt am zahlreichsten sind, und in der Lombardei; bei den Dieben in den Marken ist er nur sehr wenig kleiner, klein allein in der Emilia; und um weniges kleiner als bei den Bäubern von Piemont. Würden wir nur die Fälscher von Neapel und Sicilien ins Auge fassen, so fänden wir auch hier die beiden Maxima der Kapacität. Unter der Bubrik „Brandstiftung" findet sich in Venetien, den Marken und der Bomagna der kleinste Schädel- Drittes Kapitel. Ilaasse und Gesichtsausdruck. 217 umfang, unter „Diebstahl" die gleiche Zahl, unter „Mord und Fälschung" in Sicilien eine kleinere. Erheblicher dagegen ist dieselbe bei „Nothzucht" in der Lombardei, im Neapolitanischen, bedeutend noch in Venetien und den Marken, aber sehr klein in der Emilia. Der Schädelumfang der Mörder ist dem der Räuber gleich in Piemont, Venetien und der Lombardei, eine Kleinigkeit grösser in Neapel, mehr dagegen in Calabrien, in der Emilia, auf Sicilien, in den Marken und in Genua; nur in Sardinien sinkt er unter den der Räuber. Es erklärt sich das nicbt schwer aus dem Umstände, dass Mörder auch in den höchsten Gesellschaftskreisen, besonders des südlichen Italiens angetroffen werden, während die Räuber aus der niedrigsten Volkshefe und aus den ungebildetsten Klassen sich rekrutiren. Es ist das ein wesentlicher und um so beachtenswertherer Punkt, als gerade das Gegentheil bezüglich des Wuchses beobachtet wurde, der bei den Räubern ein höherer ist, als bei den Mördern. Aber auch das lässt sich aus dem Umstände erklären, dass für das Gewerbe des Raubes mehr ein verwegenes, tollkühnes Wesen als eine grosse Schädelkapacität erforderlich ist, und letzteres um so weniger, da die meisten Räuber von Anderen fast in militärischer Weise sich leiten lassen. Um den Unterschied unserer Maasse von dem am gesunden Menschen zu zeigen, stellen wir die an 14000 Soldaten von Dr. Baroffio gewonnenen Ergebnisse mit den von mir und Dr. Riva an 262 Irren in Pavia und Pesaro gemachten Erhebungen zusammen. Darnach ergeben: bei bei bei einen Umfang Soldaten Verbrechern Irren von 6% 0,3 % -% 590 6„ 2,5 „ 3> 580 13 „ °ß „ 3,0 „ 570 22 „ 9,2 „ 11,9 „ 560 Das heisst nichts anderes, als dass bei der gesunden Bevölkerung umfangreiche Köpfe um das Dreifache mehr vorkommen, als bei den Verbrechern. Bei den Irren, die allerdings den grösseren Umfang von 59—5B nicht zeigen, sind 218 Drittes Kapitel. Maasse und Gesicbtsausdruck. die Köpfe mit einem Umfang von 57 zwar seltener als bei den Verbrechern, dafür aber die mit 56 häufiger. Im ganzen waren die Individuen, bei denen ich Köpfe von grossem Umfang und grosser Schädelkapacität wahrnahm, entweder Eäuberhauptleute oder Fälscher oder berüchtigte Betrüger. Riato aus Ligurien z. B., ein Dieb von ungewöhnlicher Begabung, hatte Kopfumfang 565, Stirnbreite 199, Kapacität 1559. Der bösartige und schlaue la Gala hatte an Kopfumfang 559, Stirnbreite 150 und Kapacität 1509; der wilde Sekretär la Galas, zugleich Dichter, Davanzo einen Kopfumfang von 570; ein berüchtigter Oamorrist aus Neapel Kopfumfang 170, Kapacität 1604. Bei einem Fälscher aus Pavia hatte der Kopfumfang sogar 580 und die Kapacität 1671. Verzeni, dessen Verbrechen den Behörden lange Zeit unbekannt blieben, hatte eine Kapacität von 1577 und einen Schädelumfang von 561. Einen solchen von 590 sah ich bei einem äusserst schlauen Drogisten, der in seinem Orte seine Konkurrenten hatte umbringen lassen und auf diese Weise lange Zeit hindurch sich bereichert hatte. Sutler, der im Gefängniss sich einen Pass und sogar auch falsches Geld gemacht, hatte einen Kopfumfang von 580. 1 Die niederen Maasse des Kopfumfangs, der Submikro- kephalie, verhalten sich folgendermaassen: bei Irren 23% 13 „ 6 „ 3 „ 0„ j) Daraus erhellt, dass die Submikrokephalie bei den Verbrechern fast noch einmal so oft vorkommt als bei den Soldaten, aber weit seltener als bei den Irren. Das steht nicht in Widerspruch mit unseren anatomischen Befunden, wonach die Schädelverdickung bei den Verbrechern häufiger bei bei Soldaten Verbrechern 530 8,40 11,30 520 2,94 5,00 510 — 1,90 500 0,13 0,80 490 0,01 0,18 470 — 0,10 1 Lativergne: Les forgats. Paris 1843. S. 353. Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 219 als bei den Irren vorkommt; es beweist eben nur, dass der äussere Eaum gross sein kann, während der innere Raum beschränkt ist. Der Unterschied im Kopfumfang niuss gegenüber den Soldaten bei den Verbrechern um so stärker hervortreten, als wir gesehen haben, dass die Letzteren, sicherlich aber die Mörder und Räuber, Jenen an Grösse und Körperkraft überlegen sind. Die kleinsten Köpfe findet man bei den Dieben, dann bei den Mördern und Räubern, bei denen ein Kopfumfang von 50, wenn auch nicht zu häufig vorkommt, was aber gar nicht der Fall ist bei den Fälschern, Brandstiftern und Stupratoren, die nicht unter 51 gehen. Holbach und Poncet hatten einen Kopfumfang von 470, der Mörder Longevin von nur 431. Unter 9 Verwandtenmördern hatten 3 kleine Hasenköpfe. Alles das wird durch Fbrbis Untersuchung bestätigt, der auch dabei zwischen geborenen nnd Gelegenheitsverbrechern unterscheidet. Der kleinere Umfang findet sich bei den Verbrechern stets häufiger als bei den Soldaten; umgekehrt auch der grösste; aber die Gelegenheits- und die Gewohnheitsverbrecher haben häufiger als die geborenen Verbrecher den mittleren Umfang und seltener einen grossen. Ferri schliesst daraus auf eine Aehnlichkeit des Schädel- umfanges der Mörder mit dem der Idioten. Dieses untergeordnete Verhältniss der Schädeldimensionen fand Ferri auch anderweitig bestätigt, indem er die beiden Bogen am Kopfe mit ihren Durchmessern verglich, wonach eine wahrhafte Plattköpfigkeit bei den grossen Verbrechern gegenüber nicht nur den normalen Individuen, sondern auch den leichten Verbrechern entsteht. Bei den Soldaten, Irren und Sträflingen aus Castelfranco (leichte Verbrechen) entsprechen nämlich die Längenbogen ihren Längen durchmessern; bei den Sträflingen aus Pesaro ist das nicht der Fall, hier sind die Längendurchmesser länger und die Längenbogen kürzer. Dasselbe Verhältniss findet auch zwischen dem grössten Breitendurchmesser und -bogen statt, so dass man 220 Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. daraus auf eine plattere Schädelform bei den Hauptverbrechern den Schluss ziehen dürfte. Tkoyski in "Warschau giebt nachstehende Uebersicht, aus welcher er schliesst, dass bei den Verbrechern sowohl der kleine als auch der grösste Kopfumfang häufiger beobachtet wird als bei Normalen. Umfang Bei 300 männlichen Bei 58 weiblichen von russischen Verbrechern 487—500 0,66% — % 501—505 1,83 „ 12,1 „ 516—530 10,06 „ 20,6 „ 531—550 40,07 „ 55,1 „ 551-567 33,00 „ 12,0 „ 562—590 20,01 „ — „ Die Untersuchung des vorderen Kopfumfanges bei 1711 Individuen überzeugte Ferri vollends von der Inferiorität der Verbrecher gegenüber den normalen Menschen. Unter den Irren zeigte sich die Inferiorität der Idioten und Schwachsinnigen ganz entschieden. In Piemont, Lombardei, Romagna und noch mehr in Neapel, Calabrien und Sicilien, wo der lange Längendurchmesser noch besonders dazu beiträgt, nehmen die Mörder und Todtschläger im Verhältniss zu den Soldaten eine recht niedere Stellung ein. Corre und Roüssel (Eev. anthrop. 1883) haben eine hierher gehörige ausführliche Untersuchung an 200 Leichen von Sträflingen im Bagno zu Brest, allerdings nur nach Gipsabgüssen, bekannt gemacht. Angenommen, dass der normale Kopfumfang bei den Franzosen 525 mm, der vordere 271 und der hintere 274 mm beträgt, so würde bei den Verbrechern der Kopfumfang grösser und die vordere Hälfte oft grösser als die hintere sein. Bei den Dieben z. B. finde sich für den Umfang von 559 — 540 ein Procentsatz von 48 %, und für den Umfang von 560 ein solcher von 22 %; bei den Fälschern stiegen die beiden hohen Quoten auf 72 %, bei den Mördern sogar bis auf 76 %. Die Stupratoren seien durch 69 % vertreten. Der vordere Kopfumfang sei grösser bei 46 % der Diebe, bei 70 % der Fälscher, bei 57 % der Stupratoren und bei 48 % der Mörder. Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 221 Beide Kopfhäuten standen in richtigem Verhältniss bei 5 von 121 Dieben, bei 4 von 25 Mördern, bei 1 von 22 Fälschern. 11. Unterkieferbreite. — Ferri betont bei den lebenden Verbrechern noch mehr, als ich und Manouvrier für die Schädel es thaten, die enorme Entwickelung des Unterkiefers, namentlich bei den Todtschlägern. Den grössten Durchmesser fand er bei den Todtschlägern und leichten Verbrechern, den kleinsten bei den Taschendieben und Messerhelden. Unter den Irren haben die mit impulsiver Monomanie behafteten den grössten Durchmesser. Bei den Soldaten entspricht er den Verschiedenheiten des Längen-Breiten- Index, des Umfanges und der Körperlänge, — wie diese aus der allgemeinen Kopfform und der Entwickelung der vegetativen Funktionen sich herausbilden. Die Todtschläger haben einen grösseren Durchmesser als die Soldaten in der Lombardei, in Venetien, in der Emilia, Romagna und Calabrien, einen kleineren in den Marken, Neapel, und Sicilien, weil der Wuchs und der Längen-Breiten-Index des Kopfes daselbst kleiner sind. Daraus erklärt sich auch die scheinbare Superiorität der (leichteren) Verbrecher von Castel- franco über die von Pesaro, die sich im Gegentheil als Inferiorität erweist, wenn man Wuchs, Kopfumfang und Index berücksichtigt, — Piemont und die Lombardei indes ausgenommen. 12. Jochbein. — Ferner geht aus Ferris Ermittelungen hervor, dass die Jochbeinbreite bei Verbrechern grösser ist als bei Normalen, auch dann, wenn man, wie von anderen Anthropologen bisher nicht geschah, den Kopfindex und den Kopfumfang mit in Rechnung zieht. Unter den Verbrechern haben die Todtschläger die grösste, die Taschendiebe die kleinste Jochbeinbreite. Wenn auch in allen Provinzen, so doch besonders in Neapel, Calabrien und Sicilien zeichnen sich die Mörder vor den Soldaten durch die grössere Breite, trotz des geringeren Kopfindex und Umfanges aus. 13. Gresichtslänge. — Das Gesicht ist nicht bloss bedeutend länger bei den Verbrechern, insbesondere bei den Mördern und Todtschlägern, als bei den Soldaten, in Rücksicht auf die von Ferri gefundenen absoluten Zahlen, 222 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. sondern auch in seinem procentualen Verhältniss zur Scheitel- Kinnhöhe. Bei den Mördern ist das Gesicht länger als bei den geringeren Verbrechern. Das Gesicht der Mörder ist in allen Provinzen, insbesondere in Neapel, Calabrien und Sicilien, gegen den Schädel gehalten, unverhältnissmässig stark entwickelt. 14. Kopfindex. — Der Index zeigt fast immer die Spuren des Einflusses, welchen die Religion, wo, und der Volksstamm, in welchem das Individuum geboren ist, ausübt. In Piemont hochgradige Brachykephalie über 86, 85, 88,9 in Russland, von 81 in der Emilia und Umbrien, 80 in Venetien und Genua. Auffällige Dolicbokephalie (78) in Sicilien und besonders in Calabrien und Sardinien (75). Neapel und die Marken und die Romanga mit mehr oder minderem Vorkommen von Brachykephalen (83—81) machen eine Ausnahme, Neapel vielleicht um deswillen, weil Räuber und Mörder dort die Mehrzahl bilden; und in der Romanga, besonders in Ravenna findet man ausgesprochenste Brachykephalie. Wie an den Schädeln würde sich wahrscheinlich auch an den Lebenden das Vorherrschen der Brachykephalie unter den Mördern und Räubern geltend machen, wenn nicht die ultra- dolichokephalen Provinzen Calabrien, Sicilien und Sardinien sie beschränkten. In den letzteren haben gleichwohl die Minderjährigen eine solche Menge von Brachykephalen geliefert, dass sie das normale Mittel weit überragen. Betrachtet man die anderen Verbrechen in Ländern, wo sie zahlreicher vorkommen, so zeigt sich sogar beim Diebstahl eine Neigung zur Dolichokephalie in ümbrien und Neapel, — in Calabrien und Sicilien natürlich unter dem Einflusss der Abstammung. Dem widersprechen indes die Zahlen aus Genua, der Romagna, Lombardei, Emilia, Venetien und, was am wichtigsten ist, aus Sardinien. Das häufigere Vorkommen der Brachykephalie ist auch schon früher beobachtet worden, sogar von solchen Forschern, die keinen Unterschied in der Schädelbildung der Verbrecher und Normalen sehen wollten, z.B. von Casper, welcher [Heber Mörderphysiognomien. 1875) sagt: Siegel, "Weink, Klebe, Drittes Kapitel. Maasse und Gesiehtsausdruck. 228 Schalle hatten auffällig runde Köpfe. Corre fand bei den französischen Verbrechern folgende Verhältnisse: Diebstahl Fälschung Brandstiftung Unzucht Angriffe auf das Leben % % % % % Ultra-Brachykeph. über 83 34,42 31,81 40,0 35,71 56,0 Braehykephal. von 83—80 30,08 — 40,0 32,14 24,0 JMesokephal. von 79—77 23,62 27,27 20,0 21,50 12,0 Sub-Dolichokeph. von 76—75 2,43 22,72 — 10,72 — Dolichokephal. von 75—70 7,31 13,63 — — 10,72 Ultra-Dolichokeph. unter 70 0,81 4,54 — — — Diesen Zahlen entsprechend würden die meisten Ultra- Brachykephalen unter den Mördern, Stupratoren und Brandstiftern, unter Letzteren auch die meisten Brachykephalen, dagegen Mesokephale und Sub-Dolichokephale zumeist unter den Fälschern zu suchen sein. Ich meine, es sei nicht ungehörig, wenn ich an dieser Stelle erwähne, dass eine Stadt wie Ravenna, welche trotz einer vorzüglich gebildeten und liebenswürdigen Bevölkerung eine grosse Zahl Morde aufweisst, zugleich, und das auch unter den Gesunden, die meisten und hochgradigsten Fälle von Brachykephalie in ganz Italien zeigt. Ich finde nämlich 85 als den mittleren Index, so dass 91 % der Einwohner braehykephal und nur 9% dolichokephal sind; bei den dortigen Verbrechern ist der mittlere Index = 88, bei vielen sogar 89, 92 und 93. Aus der von Ferri ausgeführten Untersuchung grösserer Reihen geht übrigens hervor, dass die Verbrecher in Bezug auf den grösseren Index nicht so sehr voneinander sich unterscheiden. Die Mörder zeigen zwar eine starke Brachykephalie in Piemont, der Lombardei und Emilia, jedoch einen weit niedrigeren Index in Venetien, der Romagna, den Marken, Neapel, Oalabrien und Sicilien, — mit Ausschluss der in diesen beiden Provinzen vorkommenden Fälle von hochgradigstem Index. Demnach erscheint als endgültiges Ergebniss, dass die Mörder in vielen, wenn nicht in allen Provinzen Italiens oft einen höheren Längen-Breiten-Index besitzen. 224 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. 15. Anomalien. — Als Ersatz für die geringe Förderung und für die mancherlei Widersprüche, welche die Untersuchung des Index und aller Durchmesser, die ebensowohl wie am Kadaver auch hier grössere Abweichungen am Gesicht als am Schädel zeigen, uns bietet, wenden wir uns lieber zur Betrachtung der Kopfanomalien, die ich bei 394 Verbrechern zu beobachten Gelegenheit hatte. Häufig zeigte sich vorzeitiges Atherom der Schläfenarterie und zwar in 12 %• Die Stirnhöhlen waren stark entwickelt in 8 %>■ Bei 17 Individuen fanden sich seltsamerweise Knochennarben von Schusswunden am Schädel, die der Versicherung nach in frühester Jugend erworben waren; nämlich 2 % in Sicilien, 7 in Oalabrien, 4 % in Piemont, 2 in der Emilia und Lombardei, 5 in Neapel; im Durchschnitt über 4 %. Die zurückfliehende Stirn fand sich in 9 % fast nur bei Dieben, nach Virgilio in 28 %• Schädelverbildung kommt häufiger bei Dieben und Brandstiftern, insbesondere bei jugenlichen vor, wo sie im Ver- hältniss von 43 °/o unter folgenden Formen sich zeigten: Sehr entwickelte Stirnhöhlen............ 5°/i Niedrige, schmale, fliehende Stirn...... 5 „ Knochenauftreibungen längs der Nähte ... 10 „ Mikrokephalie......................... 4 „ Plagiokephalie......................... 5 „ Trochokephalie (mit mittlerem Index 91,4) 7 „ Oxykephalie.......................... 2 „ Die Trochokephalie fand sich bei einem 21jährigen Stu- prator aus der Romagna. Er hatte lange Henkelohren, flache Stirn, schräge schielende Augen, Stumpfnase, enorme Kiefer, im ganzen einen so monströsen Typus, wie man auch in Irrenanstalten ihn selten findet. Ein anderer Trochokephale war aus Sicilien. Bei 4 Räubern, 2 Siciliern und 2 aus der Romagna fand man eine Anschwellung der oberen Schläfengegend und Abplattung der unteren, ein Bild, wie es mir an einigen Statuen Neros aufgefallen ist. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 225 Bei 5 Mördern waren die Schläfen ungewöhnlich aufgetrieben; bei 2 anderen Abplattung der rechten Kopfhälfte, Senkung der Augenhöhle und sonst noch Gesichtsasymmetrie; bei 2 hydrokephale Kopfbildung. Verzeni, ein blutgieriger Stuprator, zeigte Senkung des rechten Scheitelbeines und Stirnhöckers; letzterer war durchkreuzt von einer Knochenleiste, die vom Augenbrauenbogen bis zur Linea semicirc. des Schläfenbeines reichte. Bei Praitner, einem grausamen Stuprator aus Venedig, ist der Schädel schief und abgeplattet. — Bei Cartouche, Abadie ist das Gesicht affenartig, die Stirn mikrokephal. Mio, Boutillier, Dumollard, Voirou, Avril und Foissard waren wie auch Wink (Casper o. c.) oxykephal. Asymmetrie ist (nach Corre und Boüssel) bei den französischen Verbrechern das am meisten Auffällige; unter 121 Dieben haben sie dieselbe 81 mal, also in 67 % beobachtet, bei 23 gleichzeitig Gesichtsasymmetrie; skaphoide Schädelbildung bei 21 derselben; die Abplattung der hinteren Partie des Scheitelbeines 61 mal, — davon 41 bei den asymmetrischen und 21 an sonst regelmässigen Schädeln. Bei 21 Fälschern kam die Asymmetrie etwas seltener vor, in 63 %; und nur bei 4 war zugleich Gesichtsasymmetrie vorhanden. Bei 28 Stupratoren wurde Schädelasymmetrie 19 mal, also in 70 % gesehen, 5 mal gleichzeitig mit Gesichtsasymmetrie, die ausserdem 4 mal vorkam. 18 mal war die Abplattung der hinteren Scheitelgegend zugegen. Bei den 25 wegen Körperverletzung Bestraften kam die Asymmetrie des Schädels in 60 °/o, die des Gesichtes dagegen nur 6 mal vor, die Abplattung am Scheitelbein aber 21 mal. Biliakoff * fand bei 100 russischen Mördern Schädelasymmetrie 58 mal, Vorragen des Occiput 15 mal, Process. mastoid. sehr stark 13 mal, Stirnhöhlen aufgetrieben 42 mal. — Der Abstand der Unterkieferwinkel voneinander ist bei Gesunden 1 Arch. de psychiatr., neurolog. de Kowalewski. 1885. Lombroso, Der Verbrecher. I. 15 226 Zweiter TheiL Pathologische Anatomie und Messungen. am geringsten, bei den Mördern und Irren am höchsten. — Bei mehr als der Eälfte der Mörder ist die obere Partie des Schädels stark entwickelt, — das Stirnbein schwach, das Hinterhaupt bedeutend mehr. Troyski vergleicht die Höhendurchmesser von Schädeln Gesunder, Irrer und Verbrecher wie folgt: Höhen-Längen- Normal Verbrecher Irre Durchmesser. (nach Welcher) (nach Troyski) (nach Stenberg) unter 68 Platykephal..... — °/o 3,0 % 6,6 % 68,0—72 Subplatykeph. .. 30,0 „ 22,0 „ 18,0 „ 72,1—75 Hesokeph......43,3 „ 31,7 „ 21,6 „ 75,1—70 Hypsikeph......26,6 „ 31,7 „ 28,0 „ 79,1—84 Oxykeph....... — „ 10,3 „ 15,6 „ über 84................ — „ 0,7 „ 8,3 „ Demnach fällt die Mehrzahl der Platykephalen (Chamae- keph. Virch.) auf die Verbrecher und Irren, desgleichen die der Oxykephalen gegenüber den Normalen. Die Extreme des H.-L.-Durchm. — Platy- und Oxy- kephalie — kommen übrigens öfter bei Räubern und rückfälligen Dieben und selten bei Gelegenheitsdieben vor. Knecht hat unter 1214 deutschen Verbrechern Mikrokephalie nur 4 mal, Oxykephalie 118 mal, Skaphokephalie 15 mal, Prognathie 32 mal und falsche Zahnstellung 56 mal gesehen; 6 mal Gaumenzäpfchenspalte und 6 mal Anomalien an den Ohren. Einseitige Gesichtslähmung und Asymmetrie des' Gesichtes wurde nur in 56 Fällen beobachtet, noch seltener Schiefsteilung der Nase. Strabismus und Ungleichheit der Pupillen kamen je 7 mal vor, Kropf- und Herzhypertrophie 23 mal, Hernien in 146 Fällen. Phimosis congenita fand K. bei 51 Individuen, Testikel und Penis unentwickelt bei 29; Epispadie und Hypospadie in 5 Fällen. Die Schädelasymmetrie ist nach Oorre und Roussel eine vorherrschende Eigentümlichkeit bei den französischen Verbrechern. Sie kam unter 121 Dieben 81 mal, Gesichtsschiefe 21 mal vor. Die Kahnform wurde bei 21 derselben Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 227 beobachtet; die Abplattung am hinteren Theil des Scheitelbeins 61 mal, und zwar 40 mal an unsymmetrischen und 21 mal an symmetrischen Schädeln, —■ 21mal bei Mördern. 16. Der Gesichtswinkel, welcher bei unseren Verbrechern in Sicilien, Calabrien, in der Lombardei und Emilia 71 ° in Sardinien.................................... 70 ° in Piemont..................................... 71 ° in Neapel und den Marken...................... 77 ° in Ligurien .................................... 73 ° betrug, zeigte sich, wenngleich unter dem Einfluss der provinziellen Eigenthümlichkeiten stehend, etwas unter dem Durchschnitt bei den .Normalen, wenigstens in Piemont und der Emilia. In Frankreich sollen, nach Corre, die Stupratoren am häufigsten (28%) Winkel unter 70° zeigen,'die Fälscher in 13,6 % und die Diebe nur in 6,8 %. — Winkel von 74°—70° geben die Händelsucher am häufigsten, 60%, die Stupratoren 42 %, die Fälscher 59 % und die Diebe 53,2 %. 17. Ausnahmen. — Ein gewisser Theil der Verbrecher, sozusagen die geistige Aristokratie unter ihnen, zeigt nicht nur eine bedeutende Schädelkapacität, sondern auch regelrechte Kopfbildung und sogar oft jene Harmonie und Feinheit der Linien, die geistreichen Menschen eigenthümlich sind. Beispiele sind Brochetta, Lacenaire, Malagutti, die beiden la Gala, Oarusso und vor Allen der Bandenführer Carbone, Pace, Franco, Venetuoli die Ciorlano und die Brüder Jacovone, die, was ihre Schädel betraf, schwerlich von ihren Mitbürgern zu unterscheiden waren. Die Mörder Lebiez und Barre hatten eine hohe Stirn und regelmässige Schädel. 18. Irre. — Sieht man die Asymmetrie des Kopfes zwar häufiger an Verbrechern als an Normalen, so ist sie bei ihnen doch seltener als bei Geisteskranken. Der Unterschied ist ein sehr bedeutender. Dr. Adkiani fand in Fermo einen Procentsatz von 38, Berti in Venedig von 49, Golgi in meiner Klinik zu Pavia 21, Kiva in Pesaro 27 %. Das sind Ver- 15* 228 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. hältnisse, die ungefähr das Fünffache von dem bei den Verbrechern betragen. Ebenso geben die Irren von Pavia eine bedeutend höhere Anzahl Fälle mit Atherom der Art. tenrpo- ralis (40 %)• Dagegen findet sich bei den Irren eine so geringe Zahl von Kopfwunden vor dem Eintritt der Krankheit, dass es nicht möglich war, sie statistisch zu verwerthen, während dieselben bei den Verbrechern so häufig sind. Die fliehende Stirn wurde bei meinen Irren in ca. 13 % gefunden, also ohne erhebliche Verschiedenheit von der bei Verbrechern vorkommenden Zahl. II. Die Physiognomie der Verbrecher. 1. Ueber die Physiognomie der Verbrecher sind viele irrige Ansichten in Umlauf. Die Romanschreiber schildern sie in erschreckender Weise, bärtig bis an die Augen, mit funkelndem, wildem Blick, Adlernasen. Ernstere Beobachter, wie Casper, übertreiben nach der anderen Richtung und finden gar keinen Unterschied von gewöhnlichen Menschen. — Beide haben Unrecht. Ebenso sicher wie es Verbrecher mit grossem Schädel- raume und schönsten Kopfformen giebt, ebenso giebt es auch, besonders unter den Betrügern und den Bandenführern, solche mit vollkommen regelmässigen Gesichtszügen. So z. B. der Mörder, von dem Lavateb in seinem Buch über die Physiognomien sagt, sein Gesicht habe einem von Guido Renis Engeln gleich gesehen. So auch der angebliche Hauptmann Pontis di St. Helene, der die Behörden und den Hof lange Zeit mit dem Raube dessen zu täuschen verstand, den er wahrscheinlich getödtet hatte; so auch Streitmatter- Weiler, einer der schönsten Menschen seiner Zeit; ferner Holland, Lacenaire, Bouchet, Lemaire, Sutter und der Räuber Angelo Golardi von Cespoli; auch die berüchtigten Giftmischerinnen Lafarge und Everzeni und die Brüder Jacovone und Malagutti und der Banditenhaupt- Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 229 mann Carbone, eine der edelsten Neapeler Physiognomien; auch der wilde Franco, Volonnino und die Decesari, Guerras Geliebte. Maria Capitania, Luongos Dirne, besass so schöne Formen, dass sie für eine der schönsten der süditalischen Frauen gelten konnte. Auch die wilde Philomena Pennacchis, welche ihren Geliebten Schiavone zweimal rettete, indem sie unsere Soldaten tödtete, war von sehr schönem Aeussern. Der Räuber Posati, ein Mann von hoher Begabung, machte mit seinem ruhigen und harmonischen Gesicht auf mich den Eindruck wie einer unserer Staatsmänner. Das sind indes Ausnahmen, die uns betroffen machen und fesseln, und zwar gerade deshalb, weil sie unsere Erwartung täuschen, — und die sich dadurch erklären, dass es sich um Leute von ungewöhnlicher Intelligenz handelt, mit welch'er sich oft eine gewisse Feinheit der Formen verbindet. Sieht man aber von diesen Ausnahmen und seltenen Beispielen ab, welche die „haute volee" des Verbrecherthums bilden, und studirt die Massen dieser Unglücklichen in den verschiedenen Strafanstalten, wie ich es that, so gelangt man zu dem Schlüsse, dass sie zwar keine so trotzige oder fürchterliche Physiognomie haben, aber doch eine ganz besondere und eine fast jeder Form von Verbrechen eigenthümliche Physiognomie, und dass gerade gewisse Züge der letzteren, wie z. B. der fehlende Bart, das üppige Kopfhaar uns veranlasst, dieselbe angenehmer zu finden, als sie es in der That ist. Das war der Fall bei Campanella, Mirabello, Palestra, de Martins, Farace — sicilische Räuber —, wie bei Canal, Coltelli und Cavaglia — Turiner Mörder — und sämtlich ohne Bart. 1 Die Diebe haben im allgemeinen sehr bewegliche Gesichtszüge und Hände; ihr Auge ist klein, unruhig, oft schielend; die Brauen gefältelt und stossen zusammen; die Nase ist krumm oder stumpf, der Bart spärlich, das Haar seltener dicht, die 1 Der Astronom Tacchini macht dazu die Bemerkung, dass in den Gegenden, wo das Verbrechen für nicht so strafbar gehalten wird, wie es sein sollte, und wo die sociale Stellung der Verbrecher und des sonstigen Volkes nicht sehr verschieden voneinander ist, auch die Physiognomien sich wenig unterscheiden. 230 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Stirn fast immer klein und fliehend, das Ohr oft henkeiförmig abstehend. Die Stupr atoren haben fast immer ein funkelndes Auge, feines Gesicht, schwellende Lippen und Brauen, aber einen starken Unterkiefer. Meist sind sie gracil gebaut, bisweilen jedoch bucklig. Die Cinäden zeichnen sich durch feine, fast weibliche Formen aus; das Haupthaar ist oft lang und gelockt, und sogar unter dem Gefängnissrock tragen sie irgend ein weibliches Kleidungsstück. Krankhaften Hautteint, ein kindlick- jugendlicbes Gesicht, Fülle des nach Frauenart gescheitelten glatten Haares, die oft bei ibnen vorkommen, habe ich aucb bei Brandstiftern beobachtet, u. a. bei einem aus Pesaro, der zugleich Cinäde war und den Spottnamen Weib trug, weil er weibische Haltung und Gewohnheiten hatte. Vom Auge, als dem wichtigsten Theile im Gesicht, sagt Vidocq: Wenn sie ibr Gesicht bedecken, und ich sehe nur ihre Augen, so weiss ich, woran ich bin. Die Mörder haben einen glasigen, eisigen, starren Blick, ihr Auge ist bisweilen blutunterlaufen. Die Nase ist gross, oft eine Adler- oder vielmehr Habichtsnase ; die Kiefer starkknochig, die Obren lang, die Wangen breit, die Haare gekräuselt, voll und dunkel, der Bart oft spärlich; die Lippen dünn, die Eckzähne gross. Nystagmus ist bäufig, auch einseitiges Gesicbtszucken, wobei sie die Eckzähe zeigen, gleichsam grinsend oder drohend. Viele der Fälscher und Schwindler, die ich kennen lernte, hatten einen gutmüthigen, der Bonhommie der Geistlichen ähnlichen Gesichtsdruck, der bei ihrem Gewerbe übrigens nöthig ist, um ihren Opfern Vertrauen einzuflössen. Ich kannte einen mit einem bleichen Engelsgesicht, das bei Gemüths- bewegungen nie erröthete. Wenige verdrehen das Gesicht und die Augen — und wenn sie es thun, so sind es Irre oder Halbverrückte. Viele haben kleine Augen, die sie niederschlagen, eine krumme, oft lange dicke Nase, nicht selten frühzeitig ergrautes Haar oder Kopfplatten und ein Weibergesicht. Im allgemeinen sind bei Verbrechern von Geburt die Ohren henkeiförmig, das Haupthaar voll, der Bart spärlich, Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 231 die Stirnhöhlen gewölbt, die Kinnlade enorm, das Kinn viereckig oder vorragend, die Backenknochen breit, — kurz ein mongolischer und bisweilen negerähnlicher Typus vorhanden. Der Brauch bei vielen unserer Räuber, Locken zu tragen, und der Ciuffo der Bravi, gleichsam als Wahrzeichen des Gewerbes, rührt wahrscheinlich von der Fülle ihres lockigen und gegen den Kamm widerspenstigen Haares her. Oarbone, von dessen Schönheit oben die Bede war, hatte keine Spur von Bart, aber sehr reiches, langes Lockenhaar. Jonas la Galla hatte dickes, krauses Haar, breite Backen, dünne Lippen und glasigen, starren Blick. Troppman, Mabille, Ducros hatten eine fliehende Stirn, dünne Oberlippe, wenig Bart, dichtes Haupthaar und Henkelohren (Claude). Der Mörder und Stuprator Dumollard hatte eine missgestaltete Oberlippe, schwarzes und sehr wolliges Haar; Billoir schwarzes, krauses, dichtes Haar. Casper will bei allen seinen Mördern einen kalten, eisigen, fast marmorstarren Blick und oft dichtes wolliges Haar gefunden haben. Helm war auffallend prognath, bei Winck und Lücke fehlte der Bart, bei Z. waren die Backenknochen enorm, die Lippen dünn bei Haube, die Hände ungewöhnlich gross bei Klausen, bei den beiden Mördern M. V. undPöl- mann der Mund breit; um Pölmanns Mund spielte ein beständiges Zucken der linken Oberlippe. Nach Mayor [Monographie des Cesars. 1886) hatte Tibe- rius Henkelohren, Gesichtsasymmetrie und sehr grosse Kiefer; Caligula einen finsterdrohenden Blick, den Winkel der Oberlippe hohnlachend verzogen, das Gesicht blass, die Lippen dünn, die Kiefer breit und ungleich, die linke Jochbeingrube voller als die rechte. Neros Gesicht war stark asymmetriscb, die Kiefer breit, die Ohren leicht abstehend und gross, die Stirnhöhlen vorspringend, die Stirn niedrig, ' dabei etwas Strabismus. 2. Die Anthropologie verlangt indes Zahlen, anstatt der einzelnen oder allgemeinen Beschreibungen. Im folgenden geben wir daher, mit Hülfe dessen, was Dr. Marro in seinem 232 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Werke (Antropometria e psicologia äi 500 crimimli. 1886) veröffentlicht hat, die Ergebnisse unserer Ermittelungen über das Haar der Verbrecher, wobei 500 ehrliche Leute mit 500 Verbrechern, sämtlich aus Piemont, miteinander verglichen worden sind (s. Tabelle 28). Dunkeles Haar kommt also um das 6fache häufiger vor bei den Verbrechern als blondes, und letzteres um das 3fache seltener bei ihnen, als bei den Normalen. Das dunkele Haar der Verbrecher verhält sich überdies in seinem Vorkommen zu dem der gewöhnlichen Bevölkerung beinahe wie 4:3. — Schwarzhaarig sind am meisten die Brandstifter und Diebe. Braunes Haar kommt zumeist bei Landstreichern vor, das Maximum des Blonden fällt auf die Unzucht und den Betrug. Tabelle 28. Haar u O tu :o—> WS > o a N a p 3 es u a CD DO 3 u m 10 q ß CO § U M sä a CD M Sa co £ P n es 2 , 2 CO "2 rt co PI 0> w5 a-a «.2 ^ g DD i O O 'S'3 •ss CS > u /o "/o o/o "/o u /o % u /o % <% 7o u /o u /o 7o Schwarz 45,0 42,0 23,0 33,3 57,0 44,7 45,0 50,0 56,2 42,8 42,1 27,0 43,0 Braun 42,0 46,0 41,7 46,0 42,0 35,5 42,5 40,0 37,5 42,8 55,9 39,0 43,0 Blond 12,5 12,0 35,0 20,5 — 19,7 10,0 7,0 6,2 14,2 1,3 30,0 13,0 Roth — — — — — — 2,5 2,5 ■ — 2,6 3,0 0,7 Rothes Haar ist trotz seines sprichwörtlichen Vorkommens seltener bei den Verbrechern als bei dem übrigen Volke. Dünnes Haar kam bei 6,3 %, weisses bei 5,8 % meiner Verbrecher vor, während unter den Irren 23 % Kahl- und 29 °/o Grauköpfe bei Männern und 21 % bei Weibern gesehen wurden. Auch Marro fand unter 507 Verbrechern 10 % mit dünnem, 44 % mit dichtem Haar, worunter ein Maximum 53 % bei Vagabunden und 47 % bei Mördern und Räubern und ein Minimum von 31 % bei Betrügern. Gänzlichen oder theilweisen Mangel an Barthaar habe ich bei den Verbrechern in 23 %, bei den Irren in Pavia in 18 % und in 22 % in Pesaro gefunden, — Behaarung der freien Stirn ebenso oft bei Irren wie bei Verbrechern. Drittes Kapitel. Maasse und Gesiehtsausdruck. 233 Die Farbe der Iris fand Bertillon unter 4000 Verbrechern in 33,2 % bellbraun, in 22,4 % dunkelbraun, in 32,4 °/o gelb oder rotb, in 12 % verschiedenfarbig mit graulichem Schimmer. (Rev. scientif. 1883.) Leider lassen diese Angaben einen Schluss nicht zu, da man die Erhebungen an Normalen nicht kennt. Schielen kam bei 5% der Diebe und Betrüger und bei 2,5% der Mörder vor (Marro); seltener, ja nur bei 2 meiner Irren, zugleich mit Mikrokephalus. Abstehende Ohren wurden bei 28% meiner (350) Verbrecher, aber nur bei 7,8 % unter Marros 500 Verbrechern gefunden, mit einem Maximum von 15 % bei den Landstreichern und einem Minimum von 2 % bei den Stu- pratoren. In zwei Fällen fehlte die Helix. Klein und fein waren die Ohren in 2 Fällen, ungleich in 3, in ungleicher Höhe angeheftet in 3 und zugespitzt in 2 Fällen. Nase. — Bei 19 von 500 Verbrechern stand die Nase schief, nach rechts oder links, also in 3 % wie bei Normalen. Virsilio nimmt über 5 % an; die Irren von Pesaro gaben nur 2 %. Häufiger kommt bei ihnen die Stumpfnase vor. Die Stupratoren hatten in 2 Fällen von 40 die schiefe Nase, 5 andere hatten 31appige oder ausserordentlich dicke Nase, — die sich oft mit der Stumpfnase beisammen findet. Eine un- verhältnissmässig lange Nase kam 2mal in 100 Fällen, so bei dem Turiner Dieb Perello vor. Zähne. — Bei 4% der Verbrecher, fast sämtlich Mörder aus der Lombardei, Neapel und Sicilien, wurde eine ungewöhnliche Länge der Eckzähne beobachtet; bei 7 anderen andere Anomalien, wie Kleinheit der Eckzähne, Fehlen der Schneidezähne, Schrägstellung u. s. w. Gesichtsfarbe. — Blässe des Gesichts wurde von Marro in 158 Fällen von 507 (= 31 °/o) beobachtet, darunter ein Maximum von 35 °/o bei den Mördern und ein Minimum von 10 % bei den Stupratoren. — 3 darunter hatten das Aussehen von Kretins und weitere 3 einen sehr grossen Kropf, den sie nicht erst im Gefängniss erworben hatten. 234 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Bei 7 war der Hautteint ungewöhnlich dunkel, bei 1 bronzefarben. Anomalien an den Genitalien beobachtete Marro in mehr als 10 %; so bei Händelsuchern in 2 %; bei Betrügern in 2,6 °/o, bei Stupratoren in 5 %. bei Dieben in 1 %• 1 Stuprator, 1 Dieb, 3 Mörder und 1 Räuber aus Neapel zeigten fast mongolischen Typus. Die Augenhöhlen standen schräg, der Schädel war rund, die Stirn viereckig, die Backenknochen vorstehend, der Unterkiefer viereckig und lang und plump, — die Hautfarbe gelblich, — ebenso wie Car- touche und Abadie mit ihrer fliehenden Stirn, dem kleinen Schädel und der vorspringenden Mundpartie einen affenartigen Eindruck gemacht haben sollen. III. Verbrechertypen und Photographien. Um dem gegen unsere früheren Untersuchungen mit einigem Recht erhobenen Einwände zu begegnen, dass die für das Verbrecherthum als charakteristisch erachteten Merkmale auch bei normalen, ehrlichen Leuten sich vorfinden möchten, — um ferner den Verbrechertypus nicht bloss in Einzelbeiten, sondern in seinem Ganzen vor die Augen zu rücken, wie er sich von demjenigen normaler Menschen unterscheidet und wie oft er nicht bloss bei berüchtigten und rückfälligen sich äussert, sondern auch bei gewöhnlichen Verbrechern und zwar solchen, die es nicht bloss im Sinne der Anthropologen, sondern auch im Sinne der Juristen sind, geben wir aus einer Sammlung von 424 Verbrecherbildnissen einen Ueberblick über die bei ihnen gefundenen Anomalien, sowie über diejenigen, die wir an 200 Studenten aus der Lombardei, bei 100 aus Piemont und bei 222 Verbrechern ausserdem wahrgenommen haben (s. Tab. 29). Von 220 Verbrechern männlichen Geschlechtes sind 23 Amerikaner, 1 Engländer, 2 Franzosen und Belgier, 18 Italiener, 164 Deutsche, 8 Juden, 4 Russen; — von 204 weiblichen Geschlechtes 16 Amerikanerinnen, 59 Deutsche, 129 Italienerinnen. Drittes Kapitel. Ilaasse und Gesichtsausdruck. 235 Die Verbrechen bestehen in: begangen Ton Männern von Frauen Diebstahl......... Mord............ Fälschung, Betrug Unzucht......... Bigamie.......... Brandstiftung..... Giftmord......... 108 50 54 5 2 81 92 6 7 1 2 3 Tabelle 29. Anomalien Männer Verbrecher 219 Ehrliche 200 Ehrliche 100 Weiber Verbrecherinnen 83 122 Starke Kinnlade....... Bartmangel............ Vorragende Stirnhöhlen. Falscher, finsterer Blick. Dichte Haarfülle....... Henkelohren........... Vorragende Jochbeine . . Schielen .............. Fliehende Stirn........ Prognathie............ Ungleiche Gesichtshälften Weibisches Aussehen . . . Männliches Aussehen .. . Starres Auge.......... Gesenkte Augenlider .. . Behaarung bes. der Stirn Entstellung der Nase. . . Niedrige schmale Stirn. . Schmale Lippen....... Verbrechertypus....... Keine Anomalie....... % 30,0 32,0 28,0 23,0 21,0 18,0 10,0 10,0 8,0 4,0 3,0 11,0 4,0 2,0 2,0 3,0 2,0 25,0 16,0 % 7,0 5,0 14,0 1,0 1,0 5,0 4,0 0,4 2,0 0,2 0,2 0,7 1,0 2,0 61,0 % 5,0 6,0 31,0 2,0 8,0 15,0 3,0 10,0 6,0 7,0 1,0 10,0 3,0 2,6 %> 30,0 5,0 15,0 25,0 7,0 3,0 12,0 6,0 2,0 2,0 13,0 12,0 3,0 9,0 14,0 27,0 15,0 7o 9,8 9,0 5,8 1,4 4,2 9,8 3,1 4,2 15,4 26,0 Unter 211 Verbrechern zeigen 20 den Rassentypus, während alle übrigen, mit Ausnahme von 8 Juden mit semitischem Typus, nichts davon aufweisen. Bei 36 sehr intelligenten Verbrechern, Dieben u. dgl. m. ist das Gesicht normal und schön. 236 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Bei allen diesen Leuten erklärt sich die Abwesenheit des Verbrechertypus aus ihrer Specialität von Verbrechen; denn entweder sind sie besonders intelligent, oder sie sind nur gelegentlich zu Verbrechern geworden. So Peltzer und der Schmuggler, der die Gendarmen tödtete, um seine Waren zu retten. Das ist jedoch nicht der Fall bei den sicilischen Räubern und bei den 9 rückfälligen Dieben. Es lässt sich nunmehr feststellen, dass die vorherrschenden Kennzeichen bei Verbrechern in der normalen Entwicke- lung der Kinnlade, in der Spärlichkeit des Bartwuchses, der Fülle des Haupthaares besteht. In zweiter Linie stehen die Henkelohren, die fliehende Stirn, das Schielen und die krumme Nase. Aber bei Allen, auch bei Denen, die wir für normal gelten lassen, erkennt man eine seltsame Aehnlichkeit, eine Art von anthropologischer Verwandtschaft. — Der Nationaltypus fehlt so sehr, dass die italienischen Verbrecher nicht von den deutschen unterschieden werden können, gerade so, wie es bei den Kretins der Fall ist, wo der Rassentypus durch die krankhafte Degeneration verwischt wird. Der Verbrechertypus findet sich also in 25 %, wobei die Mörder und Diebe die höchsten .Procentsätze geben, jene mit 36%, diese mit 23%. Den kleinsten Procentsatz, 17%, geben die Gelegenheitsverbrecher; Banquerotteure 1 auf 8; Betrüger und Bigamisten 6 %; Letztere wohl deshalb, weil derartige Menschen einen Ausdruck von Bonhommie besitzen, um die anständigen täuschen zu können. Bei den Wollüstlingen kommt der Typus 4 mal unter 5 zum Ausdruck. Der Repräsentant dieser Klasse, der seine Tochter schändete und zur Prostitution zwang, hatte grosse, auswärts schielende Augen, gesenkte Lider und sehr dicke, grosse Lippen; die anderen mehr weibischen Gesichtsausdruck. Drittes Kapitel. Maasse und GesicMsausdruck. 237 IV. Verbrecherische Weiber. Wir haben bisher nur oberflächlich von den Weibern gesprochen, und auch jetzt können wir eigentlich nur weniges Ton ihnen sagen, da uns infolge ungehöriger Einflüsse u. s. w. nur ein Material von 258 Individuen zu untersuchen vergönnt war. Die Lücke ist gleichwohl nicht so sehr von Bedeutung, da man aus dem klassischen Werke von Parent-DuchatElet reichlich Belehrung über eine Menschenklasse schöpfen kann, die in Bezug auf Moral der Verbrecherwelt äusserst nahe steht, ich meine über die Prostituirten. Die Körperlänge fand ich bei 80 Verbrecherinnen aus Piemont im Mittel zu 153 cm bei einem Maximum von 159 und Minimum von 145 cm; das Körpergewicht im Mittel 52 kg, bei Maximum von 61 kg und Minimum 35 kg. — Das Gewicht von 75 Prostituirten aus der Lombardei betrug 52,9 kg. Nach den Arten der Verbrechen ergab sich die Körperlänge u. s. w. bei Körperlänge Gewicht ™« n B i 65 Diebinnen................. 1,54 cm 58,0 kg 505 494 11 Kindesmörderinnen (Sicil.) ... 1,54 „ 57,2 „ 502 504 5 Abortusvermittlerinnen...... 1,51 „ 58,0 „ — — 12 Todtschlägerinnen.......... 1,56 „ 56,0 „ 508 532 6 Gattenmörderinnen.......... 1,65 ,, 61,0 „ 507 — 6 Giftmischerinnen............ 1,57 „ 57,0 „ 507 517 Unter 1184 Freudenmädchen fand Parent-Duchatelet 34,6 % von kleinem, 38,36 % von hohem Wüchse, 7,56 % unter Letzteren sehr hoch gewachsen. Die grosse Zahl hochgewachsener Verbrecherinnen, die sich aus diesen Messungen ergiebt, ist gleichwobl nicht maassgebend, da sie mit den gesunden Typen desselben Landes nicht verglichen werden können. Vergleicht man sie mit den von Quetelet gefundenen Maassen junger Belgierinnen (Maximum = 175, Minimum = 144), so wird das Maximum nur von 77 französischen Pro- 238 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. stituirten übertroffen und das Minimum von 1265 unter 11887 Personen. Aus diesen Thatsachen lässt sich ein sicherer Schluss nicht ziehen. Im nachfolgenden geben wir in Bezug auf den Schädelumfang von 80 Verbrecherinnen, die von mir, und von 115, die von Ziino erhoben worden sind, eine Uebersicht (s. Tabelle 30). Die Verbrecherinnen mit einem mittleren Kopfumfange von 53 und die Prostituirten mit einem solchen von 52,2 sind demnach in lOfach grösserer Anzahl vertreten als irre Frauen. Tabelle 30. 178 Prostituirte SO Verbreche115 VerbrecheUmfang 86 Irre rinnen aus Piemont rinnen aus Sicilien und Neapel cm % % % % 47 — — — 1,5 48 2,1 5,8 3,6 1,5 49 1,8 6,0 12,0 4,5 50 2,7 12,2 16,0 12,7 51 2,4 21,0 25,0 9,5 52 2,4 18,0 20,0 18,0 53 3,5 16,0 16,0 23,9 54 1,0 12,0 10,0 7,9 55 — 3,0 12,0 6,3 56 — 1,0 2,0 4,5 57 — — 1,8 6,3 58 — — 1,0 — Dagegen ist die Zahl der Köpfe von kleinem Umfange (48,0) bei den Prostituirten noch einmal so gross wie bei den Irren. Die höchsten Sätze mit einem Umfange von 55, 56 und 57 kommen bei den Diebinnen und Kindesmörderinnen gar nicht vor, während sie bei den gewöhnlichen Mörderinnen zahlreich vorhanden sind. Unter den L.-Br.-Indices erwähnen wir nur die hochgradigsten. Auf 30 Mörderinnen kommen nur 3 Hyper- dolichokephale und 10 Brachykephale; auf 8 Kindesmörderinnen 3 Dolichokephale und 5 Brachykephale; auf 7 Diebinnen 5 Brachykephale. Drittes Kapitel. Haasse und Gesichtsausdruck. 239 Von 66 Verbreeherinnen waren 20 dolichokephal, 40 brachykephal. 2. Diese Zahlen verlieren nun allen Werth, wenn man erwägt, dass die ausgesprochensten Dolichokephalen von den Inseln Elba, Sardinien und von Calabrien herstammen, und dass die Brachykephalen aus Piemont oder aus Pavia oder aus den Marken sind, d. h. wo diese Formen bei der betr. Bevölkerung überhaupt vorherrschen. 3. Schädelanomalien. — Das für uns Wichtigste betrifft die Schädelanomalien. Unter 188 Verbrecherinnen fand Ziino 1 7 mit missgestaltetem Schädel, 17 mit schiefem Gesicht, 19 mit Henkel- und sonst abnormen Ohren, 1 mit fehlerhafter Zahnstellung, 1 mit (Leberhypertrophie und) voluminösen Kiefern, 1 mit frühzeitiger Bartentwickelung, 13 mit einem Kopfumfange von 48 cm (Mikrokeph.), 2 mit einem solchen von nur 47 cm. Bei 122 von mir beobachteten Verbreeherinnen fand ich 50 mal Schädelasymmetrie, 25 mal bei 61 Mörderinnen, 9 mal bei 20 Diebinnen, 8 mal bei 22 Kindesmörderinnen, — also vorzugsweise bei den Diebinnen. Ganz besonders unterscheiden sich aber die Verbrecherinnen von normalen Frauen, namentlich aber von irren, durch ihre ausserordentliche Fülle des Haupthaares, so 39 unter 122. Keine einzige war kahlköpfig, und nur 3 Mörderinnen zeigten frühzeitiges Ergrauen des Haares. Auch Thompson hat die Fülle des Haares bei den Verbrecherinnen bemerkt. Berühmt ist das prachtvolle Haar der Eberzeni, Sola und la Motte. 2 Das stimmt zu der ungewöhnlichen Behaarung des Gesichtes, die ich bei 16 unter 122 fand, und mit der Ausbreitung der Schamhaare, die sich bei 10 % mit der bei Männern gleich verhält, während das nur bei 5 % normaler Frauen der Fall ist. Die Haarfarbe betreffend beziehe ich mich auf die Erfahrungen Parent-Duchatelets an 12600 französischen Pro- stituirten und vergleiche dieselben mit den Beobachtungen 1 Znxo: Fisiologia del clelitto. Neapel 1884. 2 Sansos (Memoires. 1862) sagt von ihr: Das Merkwürdigste war an ihr ihr reicher Haarschmuck. 240 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Soresinas, sowie mit den Erhebungen an Prostituirten von Turin und endlich mit solchen an 400 irren Frauen von Pavia. Prostituirte (1:1000 Französinnen) . Irre Haarfarbe aus Tom aus ü er aus aus Städten Lande Lombardei Turin Pavia Kastanienbraun .... 534 505 350 104 275 Braun ............. 209 289 — 168 — Blond ............. 134 70 240 291 80 Schwarz ........... 117 145 400 — 160 Roth .............. 3 — — 22 — Schwarzes Haar kommt demnach bei den Prostituirten häufiger als sonst bei den Verbrechern, sogar in Frankreich vor, wo das blonde Haar doch gar nicht selten ist. Die Eberzeni, Frossarello, Camburzano, Laiarge hatten schwarzes Haar und schwarze Augen, obgleich sie aus Bevölkerungen mit blondem oder doch hellbraunem Haar hervorgingen. Das Gegentheil scheint für die Farbe der Iris bei den französischen Dirnen stattzufinden, nicht jedoch bei den loni- bardischen. Farbe der Iris l'ran- Lom- Irre zösische bardische aus Pavia (1000) (1000) (1000) Grau ............ 870 30 210 Hellbraun ....... 283 425 710 Blau ............ 231 220 20 Roth ............ 158 — Schwarz ......... 56 310 60 Bei den von mir untersuchten 122 Verbrecherinnen sind die am meisten hervortretenden Merkmale: grosser Unterkiefer 1 mal, tückischer Blick 13 mal, Schrägstehen des Auges 5 mal, Vorspringen der Wangen 18 mal, männlicher Ausdruck und Behaarung des Gesichts 16 mal, schmale Lippen 19 mal. Seltener als bei den Männern findet man bei ihnen die Auftreibung der Stirnhöhlen und die Henkelohren (7 mal); Strabismus 4 mal, Zahnverbildungen 5 mal, mongolische Physiognomie 5 mal (und zwar bei 5 Mörderinnen) unter 122. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 241 Die Art des Verbrechens anlangend fanden sieh: Starkes Abstehen der Jochbeine und abnorme Ohrbildung bei 6 von 20 Diebinnen, bei 7 von 61 Mörderinnen; Haarfülle bei 8 von 22 Kindesmörderinnen, dagegen bei den Mörderinnen und Diebinnen zusammen nur in 10 °/o. Die Kürze der Oberlippe kommt bei den Mörderinnen öfter vor (11 von 61) als bei den Diebinnen (3 von 60) und bei den Kindesmörderinnen (2 von 22). Desgleichen der männliche Gesichtsausdruck 9 mal bei 61 Mörderinnen und 2 mal bei 20 Diebinnen. Der starke Unterkiefer wurde in 6 Fällen bei 61 Mörderinnen, in 3 Fällen bei 20 Diebinnen, in 1 Fall bei 22 Kindesmörderinnen bemerkt. Betrachten wir demnächst die Photographien, die fast sämtlich von Deutschen herrühren. 13 unter 83 tragen kein Merkmal von Verbrechertypus. Erklärlich ist das bei Einer, die gelegentlich aus Noth, bei Einer, die auf Geheiss ihres Geliebten zur Diebin wurde, bei einer in Bigamie lebenden Amerikanerin; unerklärlich aber ist es bei 3 anderen Diebinnen, sowie bei einer Giftmischerin. Wiederum gilt die Bemerkung, dass ein grosser Tb eil Derjenigen, die weder einzelne Merkmale, noch überhaupt den Verbrechertypus zeigen, noch mehr aber bei Denjenigen, wo der letztere deutlich hervortritt, der Rassentypus verschwunden ist. Weiter macht sich auch wieder die Aehnlichkeit der Verbrecherphysiognomien untereinander, die Verwandtschaft derselben an Leib und Seele geltend. Das angenehme Aeussere gewisser Verbrecherinnen erklärt sich aus der Fülle des Fett-, des Bindegewebes und des Haarwuchses, wodurch man sich nicht täuschen lassen darf, da diese Dinge die Anomalien nur verdecken, wie bei Iv..., Eberzeni, Sarazeni, bei denen die hervorragendsten Merkmale in der ausserordentlichen Entwickelung der Kinnlade, in einer gewissen Männlichkeit und Härte im Blick besteht, welche Merkmale zufolge der Fülle der Haare und des Fettpolsters dem weniger aufmerksamen Beobachter entgehen. So täuschte auch die prächtige Haar- und Körperfülle Lombkoso, Der Verbrecher. I. 16 242 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. der Messalina über die Asymmetrie ihres Gesichtes, über ihre niedrige Stirn, über ihre enormen Kiefer und abstehenden Ohren. Einwürfe. — Das ehrliche Gesicht. Was das Volk davon hält.— Allgemeine Schlüsse. 1. Gesichtsausdruck von 818 Unbestraften. — Dem schweren Einwurf, dass viele jener Merkmale auch bei ehrlichen Leuten gefunden werden, halte ich die Photographien von 200 Iombardischen Studenten im Alter von 19 bis 25 Jahren und von 100 Leuten aus Piemont entgegen. Man erkennt daraus allerdings, dass dieselben Merkmale bei den Ehrlichen wie bei den Verbrechern vorkommen. Aber bei den Letzteren kommt die stark entwickelte Kinnlade, der männliche Gesichtsausdruck bei den Frauen, der tückische Blick, das Henkelohr, das Schielen, der dichte Haarwuchs, die fliehende Stirn fast um das Fünffache häufiger vor als bei Jenen. Freilich finden wir bei der zweiten Kategorie (den 100 Piemontesen) einige Kennzeichen des Verbrechertypus in etwas grösserem Verhältniss, so insbesondere die aufgetriebenen Stirnhöhlen, die grossen Jochbeine, die fliehende Stirn, die Gesichtsschiefe. Das ist indes leicht erklärlich aus dem Umstände, dass alle diese Leute in einer Provinz zu Hause sind, wo mit dem gewaltigen Einfluss des Kropfes die Ursache zur Degeneration gegeben ist. Gleichwohl treten auch bei ihnen nicht so viele Kennzeichen gleichzeitig auf wie bei den Verbrechern. Denn dieses Ergebniss habe ich sowohl als auch Ferri bei der Vergleichung mit 711 Soldaten erlangt, dass unter den Normalen niemals bei einem und demselben Individuum so viele Kennzeichen des Verbrechertypus gleichzeitig auftreten, und wenn es geschieht, so ist es nur in 2 bis 3% der Fall, während bei den Verbrechern der Procentsatz 23 bis 27 beträgt. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 243 Die nachstellende Uebersicht macht das klar. Verbrecher (Febki) Kennzeichen 346 353 711 200 normale im Gesicht schwere leichte Soldaten Lombarden — 11,9 °/o 8,2% 37,2% 32°/o 1-2 47,2 „ 56,6 „ 51,8 „ 53 „ 3-4 33,2 „ 52,6 „ 11,8 „ 16 „ 5-6 6,7 „ 2,3 „ >> )> 7 und mehr 0,3 „ 0,3 „ ?j ') Hierbei muss übrigens folgende Bemerkung gemacht werden. Wenn es bei der Untersuchung der Verbrecher zweifelhafte Punkte genug giebt, so ist das bei derjenigen an präsumtiv ehrlichen Leuten noch mehr der Fall; denn Letztere sind eben nicht allezeit ehrlich. Man nimmt wohl ihre physischen Eigenschaften war, aber die psychischen lassen sich erst nach längerem Umgange mit ihnen erkennen. Um diese schwierige Aufgabe zu lösen, sehen wir uns bei 400 anderen Individuen um, deren Lebensumstände uns bekannt geworden sind. unter denselben befanden sich 187 Personen, von denen keine auch nur ein Merkmal des Verbrechertypus an sich trug, und dennoch führten 9 unter ihnen ein unsittliches Leben. 109 allein trugen nur ein Kennzeichen, und unter ihnen befanden sich nur 10 wirkliche, aber in Freiheit befindliche Verbrecher (als 1 Stuprator, 2 Betrüger, 7 Diebe und 1 in seiner Jugend Bestrafter, aber Gebesserter) und 22 Lasterhafte. 73 trugen 2 Kennzeichen. Unter ihnen waren 31 wirk liehe Verbrecher resp. Bestrafte (1 wegen Incest, 5 Diebstahl, 1 Sodomie, 2 Brutalität, 12 Betrug, 2 Bankrott, 1 wegen Abortus, 1 mit Moral insanity, 4 Fälscher, 1 wegen Giftmischerei, 1 wegen Todtschlag); 22 wurden von bösen Leidenschaften beherrscht, als: Spiel, Ehrgeiz, Bachsucht, Ausschweifungen aller Art. 23 hatten 3 Kennzeichen (14 Verbrecher, 4 Lasterhafte); 5 hatten 4 Kennzeichen (2 Fälscher, 1 wegen Ehebruch Verklagter). — 2 hatten 5 und einer 6 Kennzeichen. Unter ihnen ist ein anständiger Mann, aber er ist ein Hauptrevolutionär und in seinen Maassnahmen wenig bedenklich, der andere ein Gauner und der dritte ein Pamphletist und halbverrückt. 16* 244 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Einen wirklich Ehrlichen mit vollständigem Verbrechertypus habe ich unter 400 Individuen nur einmal gefunden; übrigens hatten 213 nur das eine oder andere Merkmal; den echten Verbrechertypus mit 4 oder 6 Kennzeichen Hessen nur 8 von 400 erkennen. So muss ich denn sagen, dass die typische Verbrecherphysiognomie nur ausnahmsweise bei ehrlichen Leuten und fast regelmässig bei unehrlichen vorkommt. Individuen, die ich lange Zeit für ehrlich halten musste und für ehrlich hielt, obgleich sie mehrere Zeichen des Verbrechertypus trugen, enthüllten noch nach Jahren die in ihnen versteckte böse Leidenschaft, die ihren Ausweg findet, sobald die Gelegenheit dazu sich darbietet. — Unter anderm gestand mir ein sehr reicher Mann, dem nichts zur Befriedigung seiner Launen mangelte, er würde, wenn er arm gewesen, wahrscheinlich ein Dieb, vielleicht sogar ein Mörder geworden sein. Ein Anderer mit einer wahrhaften Verbrecherphysiognomie, den aber Begünstigung von oben auf einen hohen Posten gestellt hatte, äusserte eines Tages in einem Zornausbruch einem armen Teufel gegenüber: „Hüte dich, denn ich bin zu allem fähig, nannte man mich doch in meiner Jugend Galeere." 2. Sprichwörter. —■ Es wird mir der Vorwurf von vielen Seiten gemacht, dass meine Ansichten mit den allgemein geltenden in Widerspruch stehen. Obgleich die öffentliche Meinung in wissenschaftlichen Fragen nicht maassgebend ist, so stehen uns doch im Gegentheil Beweise dafür zu Gebote, dass unsere Anschauungen in das Volksbewusstsein eingedrungen sind. Man findet nämlich in Sprichwörtern, Volksliedern und auch bei Schriftstellern, die einen klaren Einblick in das Volksleben hatten, derartige Ansichten vielfach ausgesprochen. So ist z.B. in dem römischen Sprichworte: „Poca barba e niun colore, sotto il ciel non vi ha peggiore" (Wenig Bart und Bleichgesicht, giebts schlimm'res auf der Erde nicht), die Physiognomie des geborenen Verbrechers scharf gezeichnet. — In Venedig heisst es: „Den Fuchskopf und das bärt'ge Weib halte fern von deinem Leib." „In acht dich nimm vor einem Weib mit Mannes, stimm'." „Gott bewahre vor einem ohne Haare" (Bart) ist Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 245 auch ein französisches Sprichwort (Dieu me garde de l'homme sans barbe). In Piemont sagt man: „Schlimmer als Grind bleiche Wangen sind"; in Toscana; „Vor Männern ohne Bart, vor Weibern mit Bart euch wohl bewahrt"; in Sardinien, ähnlich wie das Lateinische „A mulieribus barbatis et inimicis reconciliatis cave" : „Homine de poga barba homine de poga proa (etwa: Mann mit wenig Bart ist wenig treue Art), oder: „Qui hat mala ojada (Augen) traighet o furat" (verräth oder stiehlt). Derartige französische Sprichwörter sind: „Barbe rousse et noir cheveux, ne t'y fie si tu ne veux." „Barbe rousse, noir de chevelure est röpute faux par nature." „Eemme barbue de loin la salue." Der Sinn aller dieser Sprichwörter ist in dem Altfranzösischen: „Au vis le vice" („a vultu vitium") und „Visage farouche moeurs cruelles" (s. Etymologie der Sprichwörter von Bellinger) und in dem Toscanischen: „II ciuffo e nel ceffo" zusammengefasst. — Das Toscanische: „Hüte dich vor Einem, der lacht und dabei seitwärts blickt, und vor Leuten mit kleinen zwinkernden Augen" u. a. m. sind für jetzt noch von zweifelhafterem Werthe. Indes hat der Volkswitz instinktmässig manches richtig getroffen, was der Wissenschaft zu gute kommt, — so z. B. auch, was von der Nase gesagt wird. Uebrigens haben schon unsere Altvordern ganz ähnliche Beobachtungen über die Physiognomie der Verbrecher angestellt. In einer alten Abhandlung von Polemon (Ueber die Physiognomie) finde ich folgendes: „Der böswillige Narr hat einen schiefen Kopf, langes Haar, grosse Ohren, kleine trockene lauernde Augen." Ghiradelli (Kephalogia phy- siognomica. 1672) sagt: „Die kleine Stirn bedeutet Zornmuth" u. s. w. Im Prediger Salom. heisst es: „Die Geilheit des Weibes erkennst du am Aufschlag der Augen und an den dicken Augenliedern"; ferner in Sprüchen Salom. XVI. , 30: „Wer mit den Augen winkt, denkt nichts gutes, und wer mit den Lippen deutet, vollbringt böses." 3. Das instinktive Erkennen des Verbrechertypus ist eine schwer zu erklärende Thatsache. Zweifellos giebt es aber Personen, besonders unter den Frauen, die diese Gabe in 246 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. hohem Grade besitzen, und auf dem Widerwillen, den sie beim ersten Anblick gewisser Physiognomien empfinden, ihr meist zutreffendes Urtheil begründen. Ich kannte eine Dame, die, fern von dem Treiben der Welt, trotz dessen zweimal in jungen Leuten den von Niemand geahnten verbrecherischen Charakter erkannte. Am merkwürdigsten ist in dieser Beziehung der Fall des Mörders Francesconi. Man findet in seinem Gesicht eigentlich nichts auffallend Verdächtiges, seine Stirn ist hoch, sein Bart voll, die Stirnhöhlen und die Kiefer ragen kaum merklich hervor. Und dennoch ereignete es sich Jahre zuvor, ehe er sein Verbrechen beging, dass eine junge Dame von 16 Jahren, die niemals ihr elterliches Schloss verlassen hatte, die nachherige Gräfin della Rocca, sich widerwillig von ihm abwandte, und als man sie um den Grund ihrer Abneigung fragte, sofort erwiderte: „Wenn er nicht schon ein Mörder ist, so wird er es werden!" Auf meine Frage, woraus sie den Schluss zu dieser nur zu schnell verwirklichten Prophezeiung gezogen habe, gab sie die Antwort: „Aus seinen Augen!" Die Erfahrung hat man nicht selten gemacht, dass unschuldige, der Verbrecherwelt fernstebeude Leute, durch den eigenthümlichen Blick eines Mörders gewarnt, einem sichern Tode entgangen sind. Das war auch der Fall bei dem Manne, den Francesconi als erstes Opfer sich ausersehen hatte. Auf meine Veranlassung wurden daher 40 jungen Mädchen von ihren Lehrern 20 Photographien von Dieben und 20 dergl. von ehrlichen Leuten vorgelegt; fast die Hälfte jener Kinder (48 °/o) erkannte in den Bildnissen der Diebe das widrige Gaunergesicht und in den anderen das des ehrlichen Mannes. Dem unwillkürlichen, aber allgemeinen Bewusstsein, dass es einen dem Verbrecher eigenthümlichen Gesichtsausdruck giebt, verdankt man die Bezeichnungen: „Spitzbuben-, Mördergesicht" u. s. w. Darum ist der Widerstand, den gewisse Leute all diesen Behauptungen entgegensetzen, nur daraus erklärlich, dass man sich scheut, aus individuellen Anschauungen allgemeine Schlüsse zu ziehen. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 247 Wie soll man nun aber dieses unwillkürliche Bewusstsein erklären? Jene jungen Mädchen besitzen doch keine Erfahrung in solchen Dingen. Was bleibt also übrig? Der Sinn des unmittelbaren Erkennens, wird man sagen. Das ist die gewöhnliche Erklärung, mit der das grosse Publikum sich begnügt, weil sie eben nichtssagend ist. Ich vermuthe, dass dahinter eine ererbte Erscheinung steckt. Der Eindruck, den unsere Väter unseren Kindern hinterlassen haben, ist gleichsam zum unbewussten Wahrnehmen geworden, ähnlich demjenigen der kleinen Vögel, die, in unseren Wohnungen gross geworden, vor Schreck mit Flügel und Schnabel gegen die Gitter des Käfigs schlagen, wenn sie einen Raubvogel vorüberfliegen sehen, der nicht ihnen, sondern nur ihren Voreltern bekannt gewesen ist. — Täglich erfahren wir, welch wichtigen Antheil das Uhbewusste an den Handlungen des Menschen hat und welch' eine Rolle Atavismus und Erblichkeit dabei spielen. Wer von uns denkt daran, wenn er sein Knie beugt und die Hände faltet, dass dies eine ererbte Bewegung ist, eine Hinterlassenschaft aus den Zeiten der Barbarei, wo der Krieg der Normalzustand war? — Damals versuchte der Besiegte in solcher Stellung, die das Binden der Hände erleichterte, den Verdacht von sich abzuwenden und das Mitleid des Siegers zu erregen, der den sicheren Tod in Gefangenschaft verwandeln sollte. (Darwin.) 4. Blick. — Das, was den geborenen Verbrecher am deutlichsten kennzeichnet und verräth, ist sein Blick. IJni einen Verbrecher zu erkennen, brauche ich nicht sein ganzes Gesicht zu sehen, es genügt mir schon, wenn ich einen seiner Blicke erhaschen kann, sagt VlDOCQ. Wenn der Verbrecher auch alle seine Gesichtszüge in Gewalt hat, so gelingt es doch cfem grössten Heuchler nicht, den Blick, der sein Innerstes verräth, zu verstecken. Ich finde eine grosse Aehnlichkeit zwischen dem Blick des Mörders und dem der Katze, wenn sie im Hinterhalte lauert oder zum Sprunge bereit ist, und ich erkläre mir das aus der beständigen Wiederholung der bösen Streiche, denn bei den schlimmsten Kindern habe ich diese Art wilden 248 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. Blickes nie beobachtet. Die seltenen Ausnahmen, welche man bei Erwachsenen findet, rühren von der sehr merkwürdigen, auch von Vidocq schon hervorgehobenen Erscheinung des Doppelblickes her. — Lacenaire, Luciani, Gasparone z. B. hatten diesen Blick, d. h. sie zeigten zwei verschiedene Gesichter, das eine fast weiblich sanftmüthia:, das andere wild und katzenartig. Sie verfügten nicht etwa nach Willkür darüber, sondern es wechselte je nach dem Zustande ihrer bald freundlichen, bald wilden Stimmung. Dadurch erklärt sich die in zwiefacher "Weise bezaubernde Gewalt, die sie insbesondere über das weibliche Geschlecht übten, das sich zunächst durch den gefälligen Schein bestricken, dann aber durch die Energie und deD Schrecken fesseln Hess. Daher auch in vielen Fällen die kaum glaubliche Theilnahme und Mitschuld an ihren Unthaten. Ich habe auch bemerkt, dass, wenn man einen sanguinischen Menschen zu einer starken Anstrengung veranlasst, z. B. das Dynamometer zusammenzupressen, oder ein schweres Gewicht aufzuheben, dass dann sein Gesicht und besonders sein Blick diesen wilden Ausdruck annimmt, der dem Verbrecher im Augenblick des Verbrechens eigen ist. 5. Genese. — Es dürfte nicht schwierig sein, einige andere Anomalien auf Grund von Atavismus und Entwickelungs- hemmung zu erklären, z. B. den männlichen Ausdruck des Weibes, den voluminösen Kiefer, die behaarte Stirn, den unregelmässigen Ansatz der Ohren, die Auftreibung der Stirnhöhlen, das Vorspringen der Zahnbeinfortsätze, die Fülle und die Färbung des Kopfhaares, den Mangel des Barthaares. Das ist so unzweifelhaft, dass, abgesehen vom Blick, der mongolische und lappische Rassentypus oftmals den Typus eines italienischen Verbrechers von Geburt reproducirt zu haben scheint. Das Glotzauge entsteht oft durch Hirnhyperämie; die Verkürzung der Lippe dürfte von den durch den Hass hervorgerufenen Kontraktionen herrühren. Für die Grausamkeit ist der Mund der Mittelpunkt ihres Ausdruckes, vielleich weil Tödten und Fressen in anthropologischer Beziehung zwei aufeinander folgende Aeusserungen eines und desselben Zustandes sind. Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 249 Die voluminöse Kinnlade kann Folge des Atavismus und der starken Entwickelung der Muskulatur sein; sie Hesse sich auch aus der häufigen Wiederholung der eigenthümlichen Bewegung erklären, die eia Mensch dann macht, wenn er einen energischen Entschluss fasst oder Rache hrütet; dahei wird der Mund zusammengepresst, um den Muskeln einen Stützpunkt zu verleihen (Darwin) und dem Körper das erforderliche Maass von Sauerstoff zuzuführen. Geschieht das oft, so können sich allerdings die Muskeln und mit ihnen die Knochenpartien, an denen sie sich ansetzen, verdicken. Das ist vielleicht auch die Ursache der starken Entwickelung der Lin semicircul. am Schläfenbein. Vielleicht beruht auch darauf zum Theil das häufige Vorkommen von Brachykephalie der geborenen Verbrecher bei dolichokephalen Volksstämmen und zwar häufiger bei Mördern als bei Dieben und Betrügern, da Letzteren eine grössere Kraftentwickelung nicht vonnöthen ist. 6. Endergebniss. — Sind die Messungen am Leichnam für unseren Zweck auch nicht sehr ergiebig, so tragen sie doch zum Nachweis bei, dass die Verbrecher, besonders die Diebe, auf einer niedrigeren Entwickelungsstufe stehen als die normalen Menschen. Dafür spricht die geringere Schädelkapacität und Cirkumferenz, der geringere Stirndurchmesser, der (brachy- kephale) Index, die Kapacität der Augenhöhle, die enorme Kinnlade und die verhältnissmässige Höhe des Gesichtes. Wenn bei dem Verbrecher die Gesichts-, Kephalo-Orbitalindices niedriger sind als beim Irren und Normalen, so ist dafür ihr Kephalo- Spinalindex grösser. Merkwürdiger aber ist" die Thatsache, dass bei dem Verbrecher • häufiger als beim Irren diejenigen Anomalien auftreten, bei denen atavistischer Ursprung nicht anzunehmen ist, so die Synostosen, Sklerosen, Schädel- und Gesichtsasymmetrie, Wormsche Knochen. Aehnlich und in entsprechender Anzahl wie bei den Wilden (bisweilen sogar noch häufiger) werden die atavistischen Abweichungen von der Norm beobachtet, besonders die am Gesicht und der Schädelbasis, die aufgetriebene Stirnhöhle, die fliehende Stirn, die mittlere Hinter- hauptsgtube, das männliche Aussehen des weiblichen Schädels, 250 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. die Verschmelzung des Atlas, die doppelte Gelenkfläche des Oondyl. occipitalis, das flache Gaumendach, die Interparietal- naht, die Schiefstellung der weiten Augenhöhlen. Sie finden sich im Verhältniss von 2 % bis 58 % und wenn an einem Individuum beisammen, so, dass sie einen Typus im Verhältniss von 43 % bilden. Sie treten weit seltener hei den Verbrecherinnen auf, wo man fast niemals eine mittlere Hinterhauptsgrube oder auch Plagiokephalie findet. Das Gehirn entspricht diesen Anomalien. Im ganzen ist es kleiner als bei Normalen; die Fälle von Hypertrophie sind selten. Die Windungen zeigen viele (atavistische) Abweichungen z. ß. eine vom Sulc. occipital. getrennte Fiss. calca- rina, ein Operculurn am Occipitallappen, einen Vermis wie bei den Vögeln, dem mittleren Lappen in der Hinterhauptsgrube entsprechend, dann auch Querfurchen am Stirnlappen und grosse Neigung zum Zusammeafliessen der Windungen. Die wenigen histologischen Untersuchungen weisen auf Ausgangsstadien von Hyperämien hin, besonders in den Nerven- centren, Erweiterung von Lymphgefässen, Pigmentablagerung in den Nerven- und Bindegewebszellen. Mikroskopisch werden solche Hyperämien ganz sicher nachgewiesen durch häufiges Vorkommen von Erweichungsherden und Kysten infolge embolischer Processe, Meningitis, — im Verhältniss von 50%; Osteome in 4 %• Sehr häufig sind chronische Affektionen des Endo- und Pericardium, des Myocardium, vorzugsweise Klappen- insufficienz; ferner Leberleiden, die bei Verbrechern um das Fünffache häufiger als bei anderen Menschen auftreten. Trotz so vieler Anomalien am Leichnam findet mau erstaunlicherweise ein höheres Körpergewicht und gleiche, vielleicht sogar eine grössere Körperlänge bei den Verbrechern. Die. Messungen an Lebenden ergeben grössere Körperlänge, grössere Spannweite, einen breiteren Brustkasten, die Wägung ein höheres Gewicht] als hei Normalen und Irren. Das Haar ist dunkler als bei beiden Letzteren. Bei den Dieben, den Rückfälligen und den Unmündigen kommt eine grössere Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck. 251 Reihe von (Sub-) Mikrokephalen vor als hei Normalen; dagegen ist dieselbe kleiner als bei den Irren. Kopf und Gesicht sind bei Verbrechern, besonders bei Wollüstlingen und Dieben, häufiger schief als bei Normalen, jedoch seltener als bei Irren. Bei Letzteren sind dagegen die Augen häufiger schräg; desgleichen sind häufiger Kopfverletzungen, Atherom der Schläfenarterien, falscher Ansatz der Ohren, Nystagmus, Mydriasis, Pupillendifferenz, schiefe Nase und fliehende Stirn vorhanden. Beim Verbrecher ist das Gesicht länger, Jochbeine und Kinnlade breiter, das Haar dichter und schwärzer, das Auge dunkler. Bucklige kommen selten unter Mördern, öfter unter Stupratoren, Fälschern, Brandstiftern vor. — Körperlänge und Gewicht sind bei diesen und den Dieben geringer als bei Mördern und Räubern, gleichwie die Körperkraft. Das Haar der Letzteren ist dunkel, das der Stupratoren oft blond. Die Betrachtung der Photographien verschafft uns das Mittel zur Kontrolle und Feststellung des Verhältnisses, in welchem die Verbrecherphysiognomie vorkommt; nämlich 25 % mit einem Maximum von 36 % bei den Mördern, und mit einem Minimum von 6 bis 8 % bei Bankerottirern, Betrügern und Bigamisten. Ferner ist daraus ersichtlich, dass bei den Gelegenheitsverbrechern Kopf- und Gesichtsanomalien in fast gleichem Verhältniss wie bei ehrlichen Individuen vorkommen, z. B. die geringere Schädelkapacität, der kürzere vordere Kopfumfang, die grosse Länge des Gesichtes und die stärkere Entwickelung der "Wangenbeine. Die Untersuchung an 800 ehrlichen Leuten hat uns ergehen, dass Degenerationszeichen in der Gesicbtsbildung auch hei ihnen zwar vorkommen, aber niemals so viele auf einmal wie bei Verbrechern, und dass, wenn es je der Fall ist, der Verdacht auf eine versteckte böse Leidenschaft oder auf kretinartige Degeneration gerechtfertigt erscheint. Die Beobachtung am Lebenden bestätigt endlich, wenn auch weniger sicher und konstant als die an der Leiche, das häufige Vorkommen von Mikrokephalie, Asymmetrie, Schrägheit der Augenhöhlen, Prognathie, Auftreibung der Stirn- 252 Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen. höhlen. Sie hebt neue Thatsachen von Aehnlichkeit zwischen Irren, Wilden und Verbrechern hervor. Die Prognathie, die Ueberfülle an schwarzem, krausem Haar, der spärliche Bart, der häufig braune Hautteint, die Oxykephalie, die schrägen Augen, der kleine Schädel, die grossen Kiefer und "Wangenbeine, die fliehende Stirn, die ungestalten Ohren, der verwischte Geschlechtsunterschied in der Gestalt, die grössere Spannweite sind, zusammen mit den anatomischen, ebenso viele neue Merkmale, welche dem europäischen Verbrecher fast den Stempel der australischen und mongolischen Rassen aufdrücken. Ausserdem zeigen uns das Schielen, die Schädelasymmetrie und die schweren histologischen Läsionen, die Knochenauswüchse, die Folgezustände von Meningitis, Herz- und Leberleiden u. a. m., dass wir es bei dem Verbrecher mit einem Menschen zu thun haben, den entweder Entwickelungs- hemmung oder erworbene Krankheit, besonders der Ner- vencentren, schon vor seiner Geburt in einen anomalen, dem des Irren ähnlichen Zustand, versetzt hat, — kurz mit einem wirklich chronisch-kranken Menschen. Dritter Theil. Biologie und Psychologie des geborenen Verbrechers. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren der Verbrecher. Bei der bisherigen Erörterung der den Verbrecher kennzeichnenden Anomalien hatten wir es mit der fast unüberwindlichen Schwierigkeit zu thun, Beweismittel für den Unterschied zwischen dem geborenen Verbrecher und dem Gelegenheitsverbrecher beizubringen. Kaum glaubten wir uns im Besitz derselben zu befinden, als sie uns unter den Händen wieder zu verschwinden drohten, wie es sich an dem Beispiel aus der Klasse der Betrüger zeigt. Bei ihnen treten nämlich die Anomalien nur im Verhältniss von 6 bis 8 % auI ". während die Verbrecher im allgemeinen einen Procentsatz von 43 % liefern. Unter diesen Umständen bietet die Betrachtung der psychischen Eigenschaften der Verbrecher eine wesentliche Stütze zur Begründung unserer Anschauungen. Beginnen wir mit der Betrachtung des Tättowirens, eines Aktes, welcher weit mehr den Charakter eines anatomischen Vorganges als den einer psychischen Leistung zu tragen scheint. 1. Das Tättowiren ist eine der auffälligsten Erscheinungen beim Menschen im rohen, im Urzustände, bei dem sogen. Wilden, vor allem in Bezug auf die Bereitwilligkeit, mit der er dieser schmerzhaften Operation sich unterwirft. Bezeichnend ist schon, dass der Name dafür einer oceanischen Sprache entlehnt ist. 254 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Auch in Italien findet sich die Sitte des Tättowirens unter den Bezeichnungen Marca, Nzito, Segno, Devezione, aber nur unter den niedersten Ständen, bei Bauern, Matrosen, Hirten, Handarbeitern, Soldaten, weit mehr indes unter der Verbrecherklasse verbreitet. Bei der letzteren ist sie so häufig, dass sie für die gerichtliche Anatomie zu einem neuen, specifischen Merkmale geworden ist. Um Yergleichungspunkte zu gewinnen, benutzen wir das in nachstehender Uebersicht zusammengestellte Material von 11572 untersuchten Individuen, von denen 3886 ehrliche Leute, 5343 Verbrecher und 2343 Irre waren. Jahr 1863. 1873. 1873. 1872. 1873. 1875. 1876. 1881. 1873. 1873. 1883. 1866—73. 1871—74. 1879. 1880. 1885. 1885. Untersuchte Klassen Tätto- Procentwirte satz Von 1147 italien. Artilleristen (Lombroso) ..... 134 2739 Infanteristen (Lombroso und Comm. Barosfio) ......... 41 Infanteristen, bestraft (Comm. Baroffio) ........ 13 Verbrechern imCentralgefäng- niss Alessandria (Lombroso) 31 Verbrechern in Bergamo (Dr. Alberghotti) ............. 21 Verbrechern in Pavia u. Turin (Lombroso) ............... 6 verwahrlosten Kindern in Turin (Lombroso) ......... 40 unmündigen Verbrechern (Lombroso) ............... 77 Gefangenen in Mailand (Dr. Tarchini) ................ 50 gefangenen Frauen in Turin (Dr. öamba) .............. 1218 gefangenen Piemontesen (Dr. Marro) 1000 italien. Prostituirten in Mailand (Dr. Sorbsina) ................ — mehreren ital. Prostituirten in Verona und Neapel (Dr. Lacassagne)... einige 800 französischen angeschuldigten Soldaten (Dr. Lacassagne) .......... 378 200 verurtheilten Italienerinnen (Lombrbso) 1 1206 irren „ (Dr. Severi) — 1137 Irre in Siena (Dr. Severi) ......... 46 150 500 134 64 100 235 650 300 5 144 11,60 1,50 8,60 6,00 15,00 9,00 40,00 32,00 7,00 1,60 11,82 40,00 0,50 4,00 Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 255 Bei den von mir beobachteten 1147 Tättowirten unter den italienischen Soldaten und bei den 1333 französischen Soldaten, welche Lacassagnb untersucht hat, bezog sich die Tättowirung f bei 446 48 848 297 45 1333 Neapol. Piemont. Loml). Marken Toscan. Franzosen Liebe ....... 2 4 5 — 1 280 Eeligion ____ 15 1 19 4 1 198 Krieg ...... 10 19 18 2 — 149 Lehrreich ist die an obiges sich anschliessende nachstehende Tabelle. it .,* darunter ■ „, Verurtheilt tättowirt ln A> wegen Mord oder Gewaltthat ..... 80 16 20,0 „ Diebstahl................. 141 20 14,0 „ Fälschung u. s. w.......... 54 6 11,1 „ Nothzuoht u. s. w.......... 11 1 9,0 „ Desertion vom Militär...... 4 1 25,0 zum ersten Male, nicht rückfällig .. 99 4 4,0 und rückfällig.................... 191 40 20,9 Aus den obigen Zahlen ergiebt sich, dass auch in Italien wie bei den Wilden die Frauen der Sitte des Tättowirens am wenigsten huldigen, ferner dass sie bei den Männern — nicht bei den Delinquenten — im Abnehmen begriffen ist, indem im Jahre 1873 10 mal weniger Tättowirte als 1863 gefunden wurden. Dagegen ist ersichtlich, dass sie unter der Kriminalbevölkerung sowohl im Militär wie im Civil nicht nur fortbesteht, sondern sehr weite Verhältnisse annimmt, da unter 5348 Untersuchten 637, d. i, ]0,77% tättowirte Erwachsen© und 34,9 Minderjährige sich befinden. Beim Militär stammt der grössere Theil der Tättowirten aus der Lombardei, Piemont, den Marken, der geringere aus Sardinien, Toscana, Neapel. Den Grund dafür könnte man vielleicht auf geschichtlichem Boden suchen und bis in die Zeit der alten Kelten verfolgen, bei denen allein in der antiken Welt jene Sitte bestand. Jedenfalls trägt aber auch zur Verbreitung jener Sitte die heilige Kapelle von Loreto das Ihrige bei, wo damit wie mit so vielem anderen ein frommer Handel betrieben 256 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. wird, indem in ihrer nächsten Nähe eigene Marcatori angestellt sind, die für jeden Tättowirten 60—80 Centesimi erhalten ; — gewiss ein enormer Preis, wenn man die Dürftigkeit der Operirten und den geringen Vortheil, ja vielmehr den Nachtheil Dedenkt, den sie davon haben, indem viele von ihnen 3—14 Tage das Bett hüten müssen wegen Erysipelas, Phlegmone, Drüsenentzündung und nicht selten sogar Brand, der, wie Bekchon beobachtet hat, sogar Amputationen nöthig machte. Dem Gewerbe nach waren die meisten der Tättowirten in der Lombardei und den Marken, bevor sie in das Militär eintraten, Bauern, besonders Häusler, dann Maurer, Barkenführer, Bäcker, Grubenarbeiter aus Carrara, Holzarbeiter und im Venetischen Kärrner; in der Bomagna und Neapel Fischer und Hirten. Fast Alle tragen die Einschnitte auf der Vorderfläche des Unterarmes, viel seltener an den Schultern, auf der Brust (die Schiffer), an den Fingern (Grubenarbeiter) in Form eines Binges; auf dem Bücken oder an den Schamtheilen jedoch nur Diejenigen, welche in transatlantischen Gegenden oder in Gefängnissen gewesen sind. Dasselbe ist in Frankreich der Fall, wo Hütin von 506 Soldaten 489 am Unter-, 7 am Oberarm, 48 auf der Brust, 2 an den Hüften, 2 an den Lenden, 1 am Penis tättowirt fand. Die Zeichnungen selbst beziehen sich entweder auf Liebe, Beligion, Krieg und Gewerbe und sind die unvergänglichen Spuren der Vorstellungen und vorherrschenden Leidenschaften des Mannes aus dem Volke. Die Sinnbilder der Liebe kommen nur selten und fast ausschliesslich bei Lombarden und Piemontesen vor; es sind die Initialen der Namen von Geliebten in Majuskeln, oder die Zeit der ersten Liebe, oder ein bis mehrere Herzen von einem Pfeil durchbohrt, oder zwei verschlungene Hände. Einmal bemerkte ich eine ganze Frauenfigur in Bauerntracht mit einem Kranz und in der Hand eine Blume; ein anderes Mal ein kurzes Liebesgedicht. Die Kriegssymbole finden sich natürlich am häufigsten beim Militär und sind so fein und in den Einzelheiten so treu Erstes Kapitel, Vom Tättowiren. 257 gezeichnet, dass man dabei an die feinzugespitzte Kleinmalerei der Egypter und Mexikaner denken muss. Die meisten derartigen Symbole tragen wiederum Lombarden und Piemontesen. Sie beziehen sich auf die Zeit des Eintrittes und sind in Zahlen geschrieben, z.B. 1860, oder auf eine denkwürdige Schlacht, welcher der Soldat beiwohnte, oder auf die Waffe, in der er diente, oder auf alle diese Dinge zusammen. Eine Kanone im Abprotzen oder mit der Kugel, die aus der Mündung fliegt, oder zwei gekreuzte Kanonen mit einer Granate im oberen Winkel oder einer Kugelpyramide im unteren — sind vorzugsweise bei den Feldartilleristen, die unter Oesterreich gedient haben, beliebt. Ein Bombenmörser ist das Zeichen der Festungsartillerie; eine Barke, ein Dampfer, ein Anker das der Pontoniere und Seeleute, zwei gekreuzte Flinten, zwei Bajonette die Lieblingszeichen der Infanterie. Einmal fand ich ein Pferd mit Reiter, ein anderes Mal einen Helm bei einem früheren Pompier. Eine Granate mit einem breiten Kreuze auf dem Mittelstück ist das Lieblingssymbol der Karabinier; ein Karabiner, ein Hut mit wallenden Federn das der Bersaglieri. Nacb den Kriegssymbolen sind die religiösen vorherrschend; — sehr natürlich, wenn man den devoten Geist unseres Volkes kennt. Es muss indes hinzugefügt werden, dass die meisten derselben schon von vor der Zeit des Eintrittes in das Heer herrührten und grösstentheils bei Hirten aus der Lombardei oder bei Loreto-Pilgern sich fanden. Sie bestehen zumeist in einem Kreuz über einem Kreise, oder über einem Herzen (bei Lombarden) und mit Kerzen umgeben, oder in dem Bilde des h. Sakramentes (bei Neapolitanern), oder in einem Krucifix, oder in dem Bilde eines von dem Träger verehrten Schutzheiligen (immer bei Neapolitanern). Den Romagnolen und den Leuten von Ohieti und Aquila fast ausschliesslich gehört ein Zeichen an, das wie ein grosses lateinisches H mit doppeltem Querstrich aussieht und-oben von einem Gekritzel bedeckt ist. Nach der Angabe zweier ausgezeichneter Archäologen stellt es das antike Siegel J. 0. in verzerrter Form dar. — Manchmal findet sich dieses Zeichen Lombeoso, Der Verbrecher. I. 1« 258 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. auch bei Individuen aus anderen Provinzen, bei Calabresen, Lombarden, die in Ancona und dann in Loreto gewesen sind, durcb Zufall oder auch auf einer absichtlichen und beschwerlichen Pilgerfahrt und auf diese Weise an ihrem eigenen Fleische ein Andenken an diese abenteuerliche Begebenheit mit sich fortnehmen wollten. Jedoch ist das nur sehr selten der Fall (dreimal). Gewisse Krämer, die allerhand heilige Sächelchen in Loreto neben der Kapelle führen, verrichten die Operation, die sie sich gut bezahlen lassen, an dem Körper der Bauern, namentlich der Männer, mit solcher Meisterschaft, dass die Figuren, Halsbänder, Medaillen etc. auf Armen, Hals und Brust bisweilen wie erhabene Arbeit sich ausnehmen. Unter den übrigen Symbolen sind manche von geringer Bedeutung, als Blumen, Bäume, Ringe und die Anfangsbuchstaben des eigenen Namens; andere dagegen vielbedeutend. Eines mit dem Bilde der Ex-Königin von Neapel und dem Worte Gaeta wurde von einem bourbonischen Veteranen mit Stolz gezeigt. Fünfmal kam mir ein seltsames Zeichen vor, von dem es bald hiess, dass es eine Tarantel, bald einen Frosch vorstelle und zwar viermal bei Neapolitanern und einmal bei einem Sicilianer. 1 Sämtliche fünf Individuen standen stark im Verdachte, der Camorra angehört zu haben; auch war es nicht möglich, die Bedeutung des Zeichens von ihnen zu erfahren; ich glaube indes nicht zu irren, wenn ich es für ein Erkennungszeichen halte, wie es die Carbonari im Jahre 1815 ähnlich gehabt haben sollen. Ein Artillerist trug eine Sirene mit einem Fisch in den Händen von feinster Miniaturmalerei in Roth und Blau. Drei Individuen, die bei der Fremdenlegion in Afrika gestanden hatten, trugen einen Halbmond, zwei andere, die gleichfalls aus Afrika kamen, zeigten die Figur eines Türken mit einem Scepter in der Hand. Ein Individuum, das lange Zeit in Gefängnissen gewesen, war ganz bemalt von den Schultern und Armen bis zum Penis hinab mit Sträuchern, Bäusern, Thürmen, Kirchen und einer 1 Man weiss jetzt, dass der Rang der Camorristen durch 5 Punkte, *', auf dem Handrücken, oder durch eine kleine Eidechse bezeichnet wird. Deutsche Diebe (Bayern) haben ein 2\Thal) und L (Land) zum Merkzeichen. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 259 Frau in unanständiger Stellung auf dem Rücken des Penis. Ein Genuese von übelstem Rufe trug die Figur einer Schlange, die vom Halse bis an das Steissbein reichte und. mit ihren Windungen den ganzen Rumpf umschlang. Ein anderer, ebenfalls von bösem Rufe, trug einen Blumenstrauss in der Regio pubis. Ein früherer Ueberläufer hatte Arme und Beine mit Phallusbildern buchstäblich bedeckt. Zwei andere desgleichen trugen diese obscönen Bilder auf den Armen. — Die lombardischen Bauern tragen fast alle das Zeichen des Kreuzes in Roth und Blau oder das des Herzens Jesu; die Bauern um Pavia tragen ein Zeichen, das gewissen Instrumenten gleicht, womit sie die Frösche enthäuten. Die Grubenarbeiter von Carrara tragen einen Ring auf dem Finger wie die Seeleute und diese noch ein Schiff, einen Mastbaum oder einen Anker. 2. Vor allem aber ist es die traurige Klasse der Verbrecher, wo das Tättowiren seinen eigenthümlichen Charakter und eine seltsame Zähigkeit und Verbreitung gewinnt. Wir haben schon oben gesehen, wie bei den Militärgefangenen die Zahl der Tättowirten 8 mal so gross ist wie bei den Soldaten auf freiem Fusse. Diese Thatsache ist so allgemein bekannt, dass ein gemeiner Soldat, den ich nach der Ursache fragte, warum er nicht auch tättowirt sei, zur Antwort gab: „Das sind Dinge, die nur die Galeerensträflinge thun!" Von dem Militärarzt Dr. Saögini erfuhr ich ausserdem, dass die Tättowirten schon von vornherein für schlechte Soldaten gehalten werden. Wie anders als damals, da das Tättowiren als Beweis der Männlichkeit und in der piemontesischen Armee von den Tapfersten geübt wurde! (1848—1850.) Unter den Frauen der Wilden ist der Gebrauch wenig verbreitet; sie tragen auch dann nur die Zeichen auf den Armen und Wangen. Noch weniger findet er sich unter den Frauen Europas, sogar in den niedersten Klassen; doch finden sich, nach Dr. Gambas Angabe, schon 5 Fälle unter 300 gefangenen Frauen in Turin. Sie tragen Initialen oder durchbohrte Herzen. Paeent-Dtjchatelet beobachtete, dass die verworfensten unter den Prostituirten an den Armen, Schultern, Achselhöhlen, den Geschlechtstheilen die Initialen oder den vollen Namen 17* 260 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ihres Geliebten tragen, den sie im Laufe der Zeit wohl 30 mal mit Hülfe von Essigsäure umändern. Bei den lombardischen Dirnen fand Dr. Soeesina jedoch keinen Fall und de Amicis in Neapel nur einige wenige Fälle bei Matrosendirnen — aber bloss auf dem Arm. In Verona beobachtete man ebenfalls einige tättowirte Herzen und Initialen, indes nur bei solchen Prostituirten, die aus Gefänguissen kamen. Der klarste Beweis für die Verbreitung jener Sitte unter den Verbrechern vom Civil erhellt aus der Statistik. Denn die mi'tlere Zahl bei diesen ist 7 %, als Maximum 12 und Minimum 6, also 7 mal grösser als beim Militär, wo notorisch das Tättowiren am stärksten betrieben wird. "Wollte man aber das Verhältniss der tättowirten Verbrecher zu der Gesamtbevölkerung finden, so würde man vielleicht zu unberechenbaren Zahlen gelangen. Geht man auf das Detailstudium der verschiedenen Symbole ein, die von den Verbrechern beliebt werden, so sieht man nicht nur eine specielle Form häufig wiederkehren, sondern stösst auch bisweilen auf eigenthümliche Aeusserungen, die den heftigen, rachsüchtigen oder verzweifelten Gemüthszustand ver- rathen. So trug ein alter piemontesischer Matrose, der wegen Betruges und Mordes aus Rache verurtheilt war, auf der Mitte der Brust zwischen zwei Dolchen die Inschrift: „Ich schwöre mich zu rächen"; ein Venetianer Dieb im Rückfall auf der Brust die Worte: „Weh mir, wie werde ich enden". Es erinnern diese traurigen Worte an die ebenso traurigen, welche Philippe, der die Dirnen strangulirte, viele Jahre vor seiner Verurtheilung auf seinen rechten Arm gemalt hatte: „N6 sous mauvaise etoile." Man könnte sagen, der Verbrecher habe und schnitte in sein eigenes Fleisch das Vorgefühl seines Endes. Fieschi, der vor dem berüchtigten Mordversuch auf König Louis Philipp wegen Fälschung bestraft worden war und den Orden der Ehrenlegion verloren hatte, tättowirte den letzteren auf seine Brust und sagte: „Den können sie mir glücklicherweise nicht rauben!" Eine seltsame Verquickung moderner Eitelkeit und altertümlichster Sitte, als Zeichen eines verkehrten Sinnes und Urtheiles. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 261 3. Ein anderes und häufigeres Merkmal der Sinnesrichtung giebt uns dieObscönität der Zeichnung oder die Körpergegend, auf welcher diese angebracht ist. Schon oben führte ich an, dass die wenigen Soldaten mit obscönen Bildern oder mit solchen an unanständigen Stellen aus Gefängnissen kamen und alte Ausreisser waren. Noch deutlicher wird das bei direkter Betrachtung der tättowirten Verbrecher. Unter 2480 Tätto- wirungen befanden sich 292 schlüpfrigster Art; bei 140 Verbrechern war 5 mal der Penis, nach Lacassaönb unter 1333 Tättowirungen 11 mal der Sitz derselben. Einer hatte längs des Penis die Figur eines nackten Frauenzimmers; ein Anderer auf der Glans einen Frauenkopf, dessen Mund das Orificium urethrae bildete, darüber das Savoyer Wappen; Einer trug daselbst die Initialen seiner Geliebten, ein Anderer einen Blumenstrauss. Solche Dinge bezeugen nicht nur die Schamlosigkeit, sondern auch die Un- empfindlichkeit jener Individuen, da gerade die bewussten Stellen die für Schmerz empfindlichsten am Leibe sind, aus welchem Grunde sogar die Wilden, die ihren Körper mit Figuren bedecken, und die Birmanen, wenn sie ihre Ver- urtheilten zur Strafe tättowiren, diese Stelle verschonen. Der Suliote, welcher von ihnen zur Strafe tättowirt wurde und vor einigen Jahren in Wien, Berlin, Kiel etc. sich sehen liess, ist wie ein persischer Teppich von unzähligen Thierzeichnungen und Arabesken bis in die behaarte Kopfbaut hinein bedeckt, seine Zeugungstheile aber hat man verschont. Unter den Wilden giebt es nur wenige Frauen der Tahitier und Fitschi- Insulaner, die sich da tättowiren. — Jener Verbrecher, welcher auf so schamlose Weise tättowirt ist und nebenbei auf der Brust das Motto trägt: „Ich werde mich rächen!" ist zugleich Verfertiger von abgeschmackten, äusserst sentimentalen Liebesreimen folgenden Schlages in fast wörtlicher Wiedergabe: Stets unglücklich werd' ich sein, 0, so sage: Ich gewähre! Keiner kann mir Hülfe geben. Schlägt im göttlichsten der Busen Du allein und dein Verzeih'n Wirklich auch noch dir ein Herz, Kann erhalten mich dem Leben. So besänft'ge, lieblich Antlitz, Wenn ich das als Gunst begehre, Mindestens den grimmen Schmerz! 262 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. So mannigfaltig ist das menschliche Gefühl und so wenig Halt und Wahrheit besitzt jene Sentimentalität, welche hysterische Frauen in Verzückung versetzt 1 Jener sentimentale Poet trug überdies noch auf dem linken Arm ein Schiff und darüber die Initialen seiner Geliebten, darunter den Namen seiner Mutter; auf der Brust eine Schlange mit zwei Flaggen, eine zweite Schlange auf dem Arm, ferner einen Anker, einen Degen und eine Frau in vollem Putz. Ein Anderer war mit Ringen an den Fingern, einer Schlange auf dem rechten und einer Tänzerin auf dem linken Arme tättowirt. 4. Mannigfaltigkeit. — Die Päderasten, die eine besondere Vorliebe für das Tättowiren haben, leisten hierin das Mögliche. Bei 4 von 12 fand LacasSAGNE verschlungene Hände abgebildet, 2 mit ihren Initialen und der Unterschrift; L'amitie unit les coeurs; bei 4 anderen die Initialen ihrer Freunde, darunter ein flammendes Herz und ein Veilchen mit dem "Wort: Amitie; in 1 Falle noch ein Bild des Freundes; ein anderes Mal auf der ersten Phalanx des Mittelfingers das antike Zeichen des „Digitus impudicus". Hierher gehört auch die Inschrift: „Ami du contraire". Jedenfalls waren es Päderasten, bei denen Lacassaöne geflügelte Phallus mit der Spitze nach dem Anus zu auf den Hinterbacken eingeritzt fand, oder Schlangen, oder ein Auge auf jeder Hinterbacke; das Bild von Suaven daselbst mit gekreuzten Bajoneten und einem Band mit der Inschrift: On n'entre pas; auch das Bild von Bismarck und einem Preussen. Prof. Filippi sah auf dem linken Arm eines Päderasten die Inschrift: „Pasquin, du bist mein Schatz". ParentJDuchatelet, der bei den Pro- stituirten niemals obscöne Symbole gefunden hat, fand bei Tri- baden die Namen ihrer Freundinnen zwischen Nabel und Vulva. Es ist nämlich auch das charakteristisch für die Verbrecher — was sie mit den Matrosen und Wilden gemein haben —, dass sie nicht bloss die Arme und die Brust, wie das zumeist der Fall ist, sondern fast alle Körpertheile mit einer Unzahl Figuren bedecken — und das wiederum ein Beweis für die geringe Empfindlichkeit ihrer Haut. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 263 Die Zahl und die Oertlichkeit der tättowirten Stellen sind vom psychologischen Standpunkt aus von besonderer Wichtigkeit. Lacassagne fand bei 376 Individuen: 1 mal beide Arme und den Bauch allein, 4 mal beide Arme und Schenkel, 8 mal die Brust, 4 mal den Bauch allein, 11 mal den Penis, 29 mal den ganzen Körper, 45 mal beide Arme und die Brust, 88 mal bloss den rechten, 59 mal bloss den linken Arm und 127 mal beide Arme tättowirt. Bei dem 34jährigen T. . ., der viele Jahre im Gefängniss zugebracht hatte, war mit Ausnahme der "Wangen- und Nierengegend nicht eine thalergrosse Stelle leer. Auf seiner Stirn stand: Martyr de la liberte und darüber eine 11 cm lange Schlange, auf der Nase ein Kreuz, das er mittelst Essigsäure auszulöschen versucht hatte. Tardieu fand bei einem Diebe eine vollständige Admirals- uniform, ich desgleichen eine Generalsuniform eingeritzt, als offenbaren Ausdruck ihrer sie beherrschenden Leidenschaft, der Eitelkeit. Ein Dieb hatte auf seinem rechten Arme einen Vogel mit einem Herzen im Schnabel, Sterne, einen Anker und einen Penis; Lacassagne fand auf dem linken Arme eines Gefangenen den Stammbuchvers: „Quand la neige tombera noire, Augustine B. . . me sortira de la memoire." Hier noch einige Beispiele für diese Mannigfaltigkeit, welche bei 18 von 100 Individuen vorkam. — Ein Venetianer Dieb, früher österreichischer Soldat, hatte auf dem rechten Arme den Doppeladler, daneben den Namen seiner Mutter und den seiner Geliebten mit dem für einen Dieb auffälligen Motto: „Louise — theure Geliebte — mein einziger Trost." ■— Ein Anderer trug auf Brust und Armen 3 Initialen von Freunden, ein Kreuz, eine Otter, ein durchbohrtes Herz. 5. Frühzeitige Entwickelung. — Nach Tardieu und Berchon kommt in Frankreich das Tättowiren vor dem sechszehnten Lebensjahre nicht vor (mit Ausnahme bei den Schiffsjungen); wir haben jedoch im allgemeinen Gefängniss 4 Fälle bei Kindern von sieben bis neun Jahren gesehen, und von 88 Erwachsenen waren 66 schon im Alter von neun bis sechszehn Jahren tättowirt. Noch beweisender ist ein Verzeichniss 264 Dritter Theil. Biologie und Psychiologie des Verbrechers. von Lacassagne über 376 tättowirte Verbrecher, waren tättowirt Von Letzteren im Alter von 5 Jahren 1 6 „ 1 7 „ 4 8 : 1 9 „ 6 10 „ 6 11 „ 5 12 „ 9 im Alter von 13 Jahren 4 14 „ 8 15 16 17 18 19 20 9 13 8 11 3 In der Besserungsanstalt für Unmündige in Neapel sah Battistelli unter 394 Insassen 122 d.i. 22% Tättowirte, und zwar waren das die schlechtesten von allen. Einer von ihnen, der fortgeschafft wurde, weil er unverbesserlich war, hatte z. B. vor seinem Weggang auf die Wand eine Ermahnung an seine Genossen geschrieben, dass sie schlecht bleiben sollten, und die, an welche dieser Ruf erging, waren sämtlich tättowirt. 6. Genossenschaft. — Das Studium dieser Zeichen führt bisweilen auf die Spur von verbrecherischen Verbindungen. So tragen, wie schon bemerkt, viele Camorristen eine Tarantel auf dem rechten Arm. Tarchini beobachtete, dass 3 Kerle, welche zu einer Bande von Brandstiftern gehörten, ein und dieselben Initialen führten. —Auch die anderen sonst gleichgültigen Zeichen der Bauern, Hirten, Schiffer können der Kriminalistik und gerichtlichen Medicin zu Nachweisen der Identität der Person, der Herkunft dienen und wichtige Begebenheiten aus ihrem Leben enthüllen. So trugen 22 das Datum der Pilgerfahrt oder des Eintrittes in die Armee, 24 die Initialen ihres Namens, 7 den Namen eines Freundes und einer Geliebten, 6 Romagnolen das Zeichen (H) des Hauses von Loreto, 1 Venetianer das der Madonna von Vicenza, 2 Lombarden das von Oaravaggio. 12 etwas ihr Gewerbe Bezeichnendes; ein Soldat das Bild eines Soldaten, andere eine Fahne, den österreichischen Adler, das Savoyer Wappen, das Brustbild Garibaldis; ein Matrose einen Anker und ein Schiff, ein anderer eine Tonne und einen Palmbaum; ein Gärtner ein Beil; ein Stallknecht ein Pferd; ein Bäcker Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 265 eine Schaufel. Tardieu fand bei Schuhmachern das Bild eines Stiefels, bei Bäckern das des h. Honoratus und konnte aus einem Maurerwerkzeug die Identität der beiden Opfer Lescours feststellen. Uebrigens ist der Vortheil, den die Kriminalistik aus diesen unwillkürlichen Enthüllungen zieht, den Verbrechern so bekannt, dass die gescheuteren unter ihnen sich wohl hüten, sich zu tättowiren. Sie versuchen auch wohl, vorhandene Zeichen mit Hülfe von in Saft unreifer Feigen getauchten Nadeln zu entfernen, wie zwei gestanden, oder auch, wie Hütin es sah, mit Hülfe von neuen auf die alten aufgetragenen Farben zu verwischen, unter 89 Tättowirten kamen mir nur 4 Fälle vor, in denen die Operation infolge des Schmerzes unbeendet gelassen wurde; 1 mal hatte sich das Bild nach 35 Jahren verwischt, jedoch auch nur unvollkommen. Dass letzteres gleichwohl geschehen kann, geht aus Oaspers, Hütins und Tardieus Beobachtungen hervor, welche unter 66 Fällen 3, unter 36 Fällen 4, unter 179 Fällen 22 dergleichen fanden, namentlich da, wo Zinnober und Kohlenpulver verwendet worden war. Unter 74 Tättowirten befanden sich 41 Diebe, 18 Mörder und Strassenräuber, 7 Vagabunden, 5 Fälscher, 3 Brandstifter. Unter 89 derselben hatten sich 71 erst im Gefängniss, 8 beim Militär tättowirt; 11 als Knaben, 9 im Alter von 15—17 Jahren, 4 in Sanktuarien, 4 zu Hause. Unter 50 waren 37 in Himmelblau mittelst Schiesspulver, 6 in Roth mittelst Zinnober, 1 in Schwarz mit Russ, 6 in Roth und Himmelblau tättowirt. 7. Ursachen. ■— Es ist für den Anthropologen gewiss nicht unwichtig, nach dem Gründe zu forschen, warum eine so unnütze, zugleich schmerzhafte und nachtheilige Operation sich erhält. Folgendes mag als Erklärungsversuch gelten. a) Die Religion, die so viel bei den Völkern vermag und überall Sitten und Gewohnheiten zu erhalten trachtet, trägt sicherlich auch zur Erhaltung dieses Brauches bei; es geschieht dies jedenfalls in Loreto fast officiell. Di^ Leute, welche einen Heiligen verehren, glauben ihm einen Beweis 266 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ihrer Anhänglichkeit dadurch zu gehen, dass sie ihn an ihrem Leibe tragen. Nach Ewald (Jüd. Älterthümer) haben auch die Phönizier das Zeichen eines Gottes auf der Stirn eingegraben. Auf den Marshallinseln muss man bei den Göttern die Erlaubniss erbitten, sich zu tättowiren, und auf Neuseeland sind es die Priester, welche das Geschäft verrichten (Scherzer : Meise). Nach Lübbock glaubt man daselbst, dass diejenige Frau, welche nicht das rechtgläubige Zeichen aufweist, auch nicht der ewigen Seligkeit theilhaftig werden kann. Bei den britischen Frauen war es religiöser Brauch, sich zu tättowiren. Die Verehrer der syrischen Göttin (Lucian: De Dea Syra. 1847, S. 346) puncturis se notant omnes. Die ersten Christen pflegten den Namen Jesu und das Kreuz, das auch jetzt noch verbreitetste Zeichen, auf die Arme und die Handfläche einzubrennen (Procop: Commenk). Bis 1688 war es, nach Thevenot, Brauch bei den Christen, dass sie sich nach Bethlehem begaben, um sich im Sanktuarium tättowiren zu lassen. 31 von 102 tättowirten Verbrechern trugen religiöse Abzeichen. b) Ein zweiter Grund ist die Nachahmung. Ein wackerer lombardischer Soldat, der, welcher die Sirene trug, sagte unter Lachen, als man ihm vorhielt, dass er Geld ausgegeben, um sich den Arm entstellen zu lassen: „Sehen Sie, wir sind wie die Schafe; wir können nicht sehen, dass Einer etwas thut, ohne sogleich dasselbe zu machen, und wenn wir uns auch damit Schaden thun!" Ein merkwürdiger Belag für den Einfluss der Nachahmung ist, dass oft eine ganze Kompanie dasselbe Zeichen, z. B. ein Herz, führt. c) Die Langeweile trägt auch das Ihrige dazu bei. Daher rührt die Massenhaftigkeit der Zeichnungen bei den Leber laufern, Gefangenen und Matrosen. 25 von 41 hatten sich im Gefängniss tättowirt. Die Unthätigkeit ist eben unleidlicher als der Schmerz. d)^Noch grösser ist der Einfluss der Eitelkeit. Jedermann weiss, wie übermächtig diese Leidenschaft in allen Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 267 Schichten der socialen Welt ist und zu welchen wunderlichen und niedrigen Handlungen sie verleitet, vom Ritter an, der für ein Stückchen Band im Knopfloch schwärmt, bis zur Kretine hinab, die sich mit einem Strohhalm im Ohre brüstet. Aus demselben Grunde tragen die nackten Wilden ihre Zeichnungen auf der Brust und unsere bekleideten bemalen sich denjenigen Theil, der am ehesten wahrgenommen werden kann, den Vorderarm und zwar häufiger den rechten als den linken. Ein alter piemontesischer Soldat sagte, dass es im Jahre 1820 in der Armee keinen tüchtigen Soldaten und besonders keinen niederen Ohargirten gegeben, der sich nicht tättowirt hätte, um Muth im Ertragen von Schmerzen zu zeigen. Auf Neuseeland wechseln die Formen des Tättowirens wie bei uns die Moden. Vor wenigen Jahren waren krumme Linien, jetzt sind Figuren in Mode (Novara-Reise 2). Und zum Beweise, dass man sich damit zu schmücken beabsichtigt, dient die Thatsache, dass die jungen Mädchen die rothe Lippenfarbe, welche dort nicht für schön gehalten wird, damit zu verdecken suchen. Deshalb singen auch ihre Mütter bei der Operation: „Lasst euch tättowiren, damit man nicht fragen kann, wenn ihr zum Feste kommt: wer ist die mit der rothen Lippe?" Da es Schmerzen und zwar lebhafte Schmerzen verursacht, die nur ein robuster Mensch ertragen kann, so ist es ein Zeichen von wahrem Muth oder von jener Unempfindlichkeit, welche bei den Wilden dafür gilt. Dazu kommt, dass es bei ihnen zugleich als Wappen dient, um die sociale Stellung oder die Zahl der Siege anzuzeigen. In Nukahiva dürfen die vornehmen Damen an mehr Körperstellen sich tättowiren lassen, als die Frauen aus dem Volke. Auf den Markesasinseln ist der Kehlkopf der Greise von tättowirten Stellen bedeckt. — Auf Neuseeland dient es als Auszeichnung, als Wappen, das auch nur den Häuptlingen nach der Verrichtung einer grossen That zu tragen gestattet ist. Der intelligente Neuseeländer Toupee äusserte darüber, als er in London sich photographiren Hess: „Der Europäer schreibt seinen Namen mit der Feder, Toupee schreibt 268 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. auf diese Art"; ferner (bei Dumont d'Urville): „Die Ch onquis sind zwar mächtiger als ich, sie dürfen aher die Linien, die auf meiner Stirn stehen, nicht tragen, denn meine Familie ist vornehmer als die ihrige." —Die alten Thracier und Pikten erkannten ihre Häuptlinge an den tättowirten Zeichen. — Die Paga auf Sumatra fügen einen neuen Strich zu den übrigen, so oft sie einen Feind tödten. e) Es trägt auch ein gewisser Corps- oder wenn man so sagen darf: Bandengeist dazu bei, wie aus den oben angeführten Beispielen, die Oamorra betreffend, zu ersehen ist. Bei den Wilden der Markesasinseln unterscheiden sich die verschiedenen feindlichen Parteien durch die tättowirten Formen; die Einen haben einen Triangel, die Anderen ein Auge zum Zeichen. Auch die Negerstämme unterscheiden sich durch verschiedene Schnitte im Gesicht. f) Bis zu einem gewissen Punkte können auch höhere menschliche Regungen die Urssche des Tättowirens sein. Für den armen Soldaten z. B., der in der Ferne unter Gefahren und Entbehrungen lebt, werden die Zeichen der Erinnerung an die Gebräuche der Heimath, an einen Schutzheiligen, an seine Kindheit oder eine Geliebte zur Quelle angenehmster und frommer Gefühle. Als das Kollegium von Castellamonte für immer geschlossen wurde, Hessen sich 20 junge Zöglinge zum Andenken an den Direktor, an ihre Mitschüler u. s. w. tättowiren; — eines der äusserst seltenen Beispiele, wo Leute der gebildeteren Klassen diese Sitte der Barbaren und Galeerensklaven nachahmten. In Neuseeland machte man sich beim Tode eines Bekannten Einschnitte über den ganzen Leib. g) Verliebte Neigungen oder vielmehr eine Art von erotischem Wahnsinn veranlassen die obscönen Figuren u. s. w. bei unseren Verbrechern und Dirnen. Auch in Oceanien zeichnen sich hier und da Frauenzimmer mit dergleichen. Vor Jahren tättowirten sich japanische Frauen die Hände mit Anspielungen auf einen Liebhaber und verhüllten jene, wenn sie den Letzteren wechselten (Mantegazza). Die Tahiti- und Toba- Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 269 mädchen tättowirten sich zum Zeichen, dass sie mannbar seien; auch unter Männern geschieht dies oft aus demselben Grunde. Darwin dürfte darin ein Mittel der Zuchtwahl erblicken. Der Reiz der Leidenschaft erklärt auch jene hohe künstlerische Fertigkeit in der Ausführung der Details bei Leuten, die fast keine Ahnung von Kunst besitzen, eine Vollendung der Zeichnung, welche an die auf altegyptischen und mexikanischen Denkmälern und zugleich an die Zartheit in Volksliedern erinnert. Die Leidenschaft besiegt eben alle Kunstprodukte der Kultur. h) Vielleicht ist bei uns, sicherlich aber bei den Wilden, auch die Nacktheit ein Grund dafür, sich mit einer Art von Hülle oder Schmuck bedecken zu wollen. Die Matrosen, bei denen Brust und Arme unbedeckt, und die Dirnen, welchen oft alle Kleidungsstücke entbehrlich sind, lieben vorzugsweise jenen Gebrauch, ebenso die Bergleute und die Bauern. Für einen vollbekleideten Menschen würde ja auch das Tättowiren ein Unsinn sein, da es nicht bemerkt würde. i) Aber der erste, allererste Grund für die Verbreitung dieses Gebrauches ist der Atavismus, d. h. die Tradition, da das Tättowiren ein besonderer Charakter des Urmenschen und des Menschen im wilden Zustande ist. 1 In den prähistorischen Höhlen von Aurignac und in den alten Begräbnissstätten Egyptens findet man schon jene Knochennadeln, welche noch heut den Wilden zum Tättowiren dienen. Die Assyrer (Ltjcian), Dacier und Sarmaten (Plinius) bemalten ihren Körper mit Figuren, die Phönizier und Ebräer ihre Stirn und Hände mit Linien, welche sie Gottes Zeichen nannten. Bei den Britannen, Bretonen (Brith-Malen) war der Gebrauch so verbreitet, dass man von ihnen wie von den Pikten (Olaudian), Piktonen, sogar gemeint hat, ihr Name sei davon abzuleiten. Aus Cäsar ist bekannt, dass ihre Krieger den Körper mittelst Waid [Vitrum-Isatis tinctoria [Linn.]) blau färbten, um sich 1 Lacassagne sucht den vorzüglichsten Grund nicht im Atavismus, sondern in dem Bedürfniss der Ungebildeten, gewisse Vorstellungen bildlich auszudrücken, nach dem Sprichwort: „Narrenhände beschmieren alle Wände." 270 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ein furchtbareres Aussehen zu geben. Die Skoten — nach Isidorüs — zeichneten mittelst feiner Eisen und Schwärze seltsame Figuren auf ihren Körper. Auch römische Soldaten (Vegetius: De re mil.) trugen den Namen des Kaisers und den Tag ihres Eintrittes in das Heer mittelst Einschnitte auf den Armen. Es giebt, wie es scheint, kein wildes Volk, das nicht tättowirt ist. Die Payaguas bemalen sich das Gesicht mit Dreiecken, Arabesken u. s. w. in blauer Farbe zu ihren Festen. Die verschiedenen Negerstämme unterscheiden sich voneinander durch horizontale oder vertikale Striche im Gesicht, auf der Brust, den Armen. 1 Auf Tahiti Hessen die Frauen bloss Hände und Füsse oder das Ohr mit Hals- und Armbändern tättowiren; einige auch den Bauch und die Vulva; die Männer aber den ganzen Körper, die behaarte Kopfhaut, die Nase, das Zahnfleisch. Auf den Markesasinseln hat jede reiche Familie einen eigenen Tättowirer, nach dessen Tode das Amt auf den Sohn übergeht. Im Alter von 15—16 Jahren werden die Knaben an den Fingern und Beinen zuerst tättowirt. Es geschieht das immer an einem heiligen Orte. Selbst die vornehmsten Frauen werden nur an den Händen und Füssen tättowirt; die Kabylenmädchen an der Stirn und den Wangen, solange sie unverheirathet sind. — Die prostituirten Araberinnen tragen Kreuze oder Blumen auf den Wangen oder Armen; die Mauresken auf der Mamma, Vulva, auf den Augenlidern; eine hatte das Bildniss einer Frau auf der Mamma (Kocher). Nichts ist nun natürlicher, als dass eine unter den Wilden und prähistorischen Völkern so eingewurzelte Sitte bei den roheren Menschenklassen sich wiederfindet, welche nicht nur die alten Gebräuche, den Aberglauben und sogar die Volksgesänge hartnäckig festhalten, sondern auch dieselbe Heftigkeit der Leidenschaften, dieselbe Stumpfheit gegen den Schmerz, dieselbe 1 Zu vergleichen sind: Mantegazza: Viaggi nel America meri- Atonale. 1861—62. — Berchon: Le tatouage aux lies Marquises. 1872. — Waitz : Anthropolog. III. — Krause : lieber das Tättowiren. Göttingen 1873. — Kocher: La criminälite chez les Arabes. 1884. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren. 271 kindliche Eitelkeit wie Jene besitzen. Und namentlich muss dieses der Fall sein bei den wildesten unter den rohen Volksklassen, bei den Verbrechern, namentlich dann, wenn das Gefängnissleben ihnen die Müsse zu derartiger Beschäftigung vergönnt. 8. Irre. — Schliesslich sei in dieser Beziehung eines wesentlichen Unterschiedes zwischen dem Verbrecher und dem Irren gedacht. Auch der lebt meist unter Zwang und Verschluss, auch er ist heftigen Leidenschaften unterworfen und benutzt etwa seine Müsse zu der seltsamsten Art von Zeitvertreib, zum Schleifen von Steinen, Zerreissen der Kleider, zerreisst wohl gar seine Haut, beschmiert die Wände und ganze Ries Papier, — aber äusserst selten bemalt er seine Haut mit Zeichnungen. Unter 800 Irren in Pavia und Pesaro sah ich nur 4, die lange vor dem Beginn der Krankheit sich tättowirt hatten. Auch Severi in Toscana bemerkte dasselbe unter 1519 Geisteskranken. Letzterer fügt hinzu, dass die wenigen seiner Kranken, die tättowirt waren, vorher lange in Gefängnissen zugebracht hatten. Tättowirte Toscaner. LUCCHINI Seveki 'erbrecher Untersuchte Irre Lucca .. 16,05 °/o Lucca .. 248 11 4,43 °/o Firenze . 26,00 „ Firenze . 382 15 3,71 „ Arezzo.. 27,27 „ Siena... 508 20 3,94 „ Arezzo.. 381 20 5,24 „ 9. Wunden. — Ein anderes wichtiges Zeichen, das den Räuber und Dieb von dem ruhigen, ehrsamen Bürger unterscheidet, falls Letzterer nicht ein Veteran oder epileptisch ist, giebt die Häufigkeit der Narben am Kopf und an den Armen ab. Unter den 319 fand ich 17 mit Narben am Kopfe, die aus der Zeit vor dem Begehen des Verbrechens herrührten. Dasselbe ist der Fall bei den Prostituirten. Parent-Ducha- telet zählte 90 Fälle von Narben durch Wunden und schwere Kontusion unter 392 Dirnen in Hospitälern und nicht etwa infolge von Syphilis. 272 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Zweites Kapitel. 1. Allgemeine Sensibilität. — Die Vorliebe der Verbrecher für eine so schmerzhafte und gefährliche Operation ■wie das Tättowiren ist, dann die grosse Zahl der Wunden an ihrem Körper fiösste mir zunächst den Verdacht ein, dass sie wie viele Irre und insbesondere wie die an Tobsucht leidenden, unempfindlicher gegen physische Schmerzen seien, als es sonst die Menschen sind. Auf Erkundigungen bei Gefängniss Wärtern und Aerzten erfuhr ich in der That, dass das bei mehreren der Fall sei. Ein Greis z. B., der wegen Nothzucht bestraft war, Hess sich ein Glüheisen auf das Skrotum appliciren, ohne einen Schrnerzensschrei auszustossen, und fragte danach, ob man mit der Operation zu Ende sei, als ob er dabei gar nicht betheiligt gewesen. Allerdings verfiel er kurz darauf in Delirien. Ein Anderer Hess sich ohne die geringste Erregung ein Bein amputiren und scherzte nachher darüber. Ein aus dem Bagno der Insel S. entlassener Mörder zerfleischte sich die Eingeweide mittelst eines grossen Messerstieles, als ihm der Anstaltsdirektor seine Bitte, noch daselbst verweilen dürfen, bis er Unterkunft und Brot gefunden habe, abgeschlagen hatte. Darauf stieg er die Treppe ruhig hinauf, legte sich in sein Bett und verschied einige Augenblicke danach, ohne auch nur einen Seufzer auszustossen. Der Mörder Decourbes brachte sich absichtlich Wunden an den,, Beinen bei, um nicht nach Cayenne geschafft zu werden. Als erstere geheilt waren, zog er mit einer Nadel ein Haar durch seine Kniescheibe und starb infolgedessen. Man drin wurde vor seiner Enthauptung an 8 verschiedenen Stellen der Arme und Beine mit Zangen gezwickt und stiess keinen Laut dabei aus. B. riss sich vermittelst gepulverten Kalkes 3 Zähne aus, um sich unkenntlich zu machen; R. zerfetzte sich die Gesichtshaut mit Glasscherben. — Im Zuchthaus von Chatam zählte man 1872/73 841 Kontusionen oder Verwundungen, welche die Gefangenen absichtlich sich selbst beigebracht hatten. 27 der Zweites Kapitel. 273 letzteren hatten Knochenbrüche, von denen 17 amputirt werden mussten; 62 versuchten sich zu verstümmeln, 101 brachten sich mittelst ätzender Stoffe Wunden bei. (Rivista delle discipline carcerarie. 1873.)f Hierbei kommt aber ganz besonders die Leidenschaft ins Spiel, wodurch das Schmerzgefühl herabgesetzt wird. Es ist vorgekommen, dass Tribaden, um ins Spital aufgenommen zu werden, wo ihre Freundinnen sich befanden, mit Glüheisen sich Hautwunden beibrachten, die Hautausschlägen glichen. Ich habe selbst 2 Mörder, die sich denunzirt hatten und tödtlich einander hassten, während der Freistunde im Hofe sich würgen, beissen und bei den Haaren raufen sehen, und Beide beklagten sich nicht etwa über die wirklich ernstlichen Verletzungen, die sie sich zugefügt hatten, sondern darüber, dass man sie an der Ausführung ihrer Rache verhindert hatte. 2. Experimente behufs Feststellung der Sensibilität im allgemeinen. — Bei 166 Verbrechern, darunter nur 1 Gelegenheitsverbrecher, untersuchten wir die Sensibilität und fanden dieselbe bei 38 von 66 abgestumpft; ferner unter 46 Individuen bei 16 auf der rechten, bei 12 auf der linken, bei 18 auf beiden Körperhälften geringe Empfindlichkeit. Mit dem Du Bois Beymondschen elektrischen Apparat ergab sich am Handrücken ein bemerkenswerther Unterschied zwischen 15 Normalen und 17 Verbrechern, dort im Mittel 64,2 mm, hier 49,6 mm. Mit weit schwächeren Strömen fand Marro Empfindlichkeit Schmerz hei rechts links rechts links 5 Dieben........ 112,8 112,8 58,8 62,6 5 Raufbolden.... 109,8 111,8 59,8 60,8 5 Strassenräubern 110,2 111,6 68,8 66,8 5 Betrügern..... 121,0 119,8 79,0 80,4 Daraus lässt sich vermuthen, dass bei den Betrügern die allgemeine Empfindlichkeit erhöht, bei den anderen abgestumpft 1 Jan Allard in Genf, um 1503 Archilarron genannt, entwickelte auf der Folter den sprudelndsten Humor — war als Dieb und Zauberer gefürchtet. Ave-Lallemant, 1. c. Lombkoso, Der Verbrecher. I. 18 274 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ist; letztere zeigen indes nicht den auffallenden Unterschied der Empfindlichkeit zwischen den beiden Seiten, welche bei den Betrügern besonders recht in höherem Grade vorhanden ist. 3. Algometrie. — Wichtiger ist die nach meiner Methode (vergl. Lombroso: Algometria elettrica. 1876) angestellte Untersuchung der Schmerzempfindung, wobei der graduirte Schlittenapparat von Du Bois in Anwendung kommt. An 21 Normalen begann die Schmerzempfindung im Mittel bei 49,1 mm, bei den Verbrechern bei 34,1. Unter Jenen schwankte sie meistens zwischen 32—49, nur an 1 erschien sie bei 17, bei 2 stieg sie auf 62 und bei 2 Anderen auf 67—58, nie dagegen fiel sie auf 0. Unter den Verbrechern fiel sie bei 4 auf 0, d. h. es war völlige Schmerzlosigkeit vorhanden am Handrücken. Dasselbe ist an der Stirn und Zunge der Fall. Die Alkoholisten zeigten sich in dieser Beziehung nicht verschieden von den Normalen. Die Schmerzempfindung ist bei den Dieben, bei denen die allgemeine Empfindlichkeit doch gleich ist, auf der linken Seite grösser als auf der rechten; bei den Betrügern ebenso, gleich wie die allgemeine Sensibilität. 4. Tastgefübl. — Ich und Dr. Ramlot [Bullet, de la societe cIAnthropol. de JBruxelles. III. 1885) haben 103 Verbrecher und 27 Normale in Bezug auf das Tastgefühl untersucht und dabei folgendes gefunden: Abstumpfung auf der Volarfläche des Zeigefingers in 44% bei Verbrechern, in 29% bei Normalen, Stumpfheit der Zunge in 62% bei Ersteren. — Das Speciellere ist aus nachstehender Tabelle ersichtlich. Tastgefühl Rechte Hand Linke Hand Zunge Unter 0,8 mm — — 5 Von 0,8 bis 1,4 ,, 6 6 8 „ 3,5 „ 1,9 ,, 25 26 3 „ 2,0 „ 2,9 >! 27 27 14 „ 3,0 „ 3,5 >> 12 21 3 „ 4,0 „ 4,9 )> 15 9 1 •. 5,0 » 7,0 JJ 14 8 1 „ 8,0 „ 9,0 )> 1 3 — 100 100 35 Zweites Kapitel. 275 Abgesehen von 3 Erzverbrechern mit hochgradigster Stumpfheit des Tastgefühles (rechts 10, 18, 16 mm, links 10, 23, 32 mm), fand sich für den Zeigefinger 2,94, für die Zunge 1,7, während bei 27 Normalen das arithmetische Mittel 1,7 an der Hand und 1 mm an der Zunge ergab. Fast dasselbe Verhältniss fand ich bei den Irren, nämlich 3,0 bei 30 Epileptischen, 2,4 bei 24 Alkoholikern und 2,5 bis 2,3 bei 30 Dementen. — Eirie sehr bemerkenswerte That- sache, die aus diesen Untersuchungen hervorgeht, ist, was ich linksseitige Empfindlichkeit (Mancinismus) nennen möchte. Denn während bei 29% der Normalen linkerseits und bei 18% rechterseits Stumpfheit bemerkt wird, ist ersteres bei 28% der Verbrecher auf der Linken, dagegen 36% auf der Rechten der Fall — und dabei sind die 3 Erzverbrecher, bei denen die Abstumpfung in noch weit höherem Maasse sich vorfindet, nicht eingerechnet. Bei den Dieben und Betrügern verhält sich das Tastgefühl fast ganz gleich wie bei den Normalen; dagegen ist die Abstumpfung im hohen Grade bei den Mördern und Raufbolden vorhanden. 5. Sehkraft. — Dr. Bono fand unter 221 jungen Verbrechern 6,6% Farbenblinde (Dalton), d. h. mehr als noch einmal so viele, als bei 800 Studenten, wo nur 3,09%, und bei 590 Handwerkern, wo 3,89 % vorkamen. Auch Holmgren hat unter 321 Verbrechern 5,60% Farbenblinde gefunden, während 32000 Normale ihm kaum 3,25% ergeben hatten. [Ueber Farbenblindheit in Schweden. 1878.) Biliakof (s. Kowalewski: Archiv etc. 1884) will unter 100 russischen Mördern 5 % Farbenblinde und 28 °/o partiell Farbenblinde (Dyschromatie) gefunden haben, während das russische Volk im ganzen nur 4,6% aufweise. Die Sache ist allerdings von hoher Bedeutung, seitdem Schmitz nachgewiesen hat, dass 55 % aller Farbenblinden sehr schweren Nervenkrankheiten, als Epilepsie, Chorea u. s. w. ausgesetzt sind. Biliakof behauptet ferner, dass die Gesichtsschärfe bei Mördern geringer sei als bei Normalen. — Unter seinen 100 18* 276 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Mördern, die er nach Altersklassen vertheilt, befindet sich nämlich 1 /s weniger mit höherer, aber 5 mal mehr mit niederer Gesichtsschärfe, als die Normalen nach Snellen besitzen. Ausserdem seien Myopie, Amblyopie und Hypermetropie bei den Verbrechern weit zahlreicher vorhanden als bei Normalen- Verbrecher Normale °A> % 32 28 Emmetropie . . 31 48 Amblyopie.. .. 6 43 Hypermetrop: ie 21 ___i 6. Hörschärfe. — Biliakof fand bei den russischen Verbrechern eine mittlere Hörschärfe von 250 cm für das rechte und von 235 cm für das linke Ohr; unter den russischen Soldaten ging bei 3 A die Hörweite über 200 cm, bei Vs über 300 cm hinaus. 3—5% der Letzteren hörten nur auf 1 cm Entfernung, von den Verbrechern aber 14—33 %, 6 % waren sogar ganz taub. Die Gehörschwäche der Soldaten verhält sich linkerseits wie 30 : 13, bei den Verbrechern wie 54 : 66. 7. Der Muskelsinn ist zum ersten Male an 38 Verbrechern durch Bamblot und Warnotts [Bullet, d. I. soc. d'Anthr. Brüssel 1885) untersucht worden. Unter Zugrundelegung der WEBERschen Zahlen 102 und 103 fanden sie Stumpfheit des Muskelsinnes — im Mittel von 114 — bei 38% Verbrechern; 12 unter 22 der Letzteren ergaben zugleich eine Abstumpfung des Tastgefühles. 8. Die Empfindlichkeit für Einwirkung des Magnetes zeigt sich bei Verbrechern in höherem Grade als bei Normalen. Unter 62 Verbrechern fand ich 30 mit hoher Empfindlichkeit, also 48 %, — während nur 28 % Studenten reagirten. 9. Auch die Witterungseinflüsse üben auf die Verbrecher einen lebhafteren Einfluss aus als auf gesunde Individuen. Ich habe das bei 29 von 112 unter ihnen beobachtet. 9 zeigten sich händelsüchtig kurze Zeit vor einem 1 Neuerdings in meinem Laboratorium vorgenommene Untersuchungen bestätigen übrigens Bonos Ergebnisse gegenüber denen Biliakofs. (Archivio di Psichiatr. VII.) Zweites Kapitel. 277 Gewitter; ein Dieb und Päderast theilte mir mit, dass seine Gefährten den Eintritt von schlechtem Wetter prophezeieten, sobald er anfinge Händel zu suchen. Viele unter ihnen leiden an Schwindel, Ohrenbrausen und Kopfschmerz an stürmischen Tagen. 10. Ob die Schärfe des Geruches, wie es zwar vermuthet werden darf, bei den Verbrechern erhöht sei, ist experimentell schwer nachzuweisen. Gleichwohl sei folgende Statistik des Dr. Venturi über den Verbrauch von Schnupftabak mitgeteilt. Unter 356 normalen Männern schnupfen 14,3 % 332 „ Frauen.... „ 1,5 „ 310 irren Männern....... ,, 25,8 „ 152 „ Frauen........ „ 5,2 „ 279 Verbrechern........ „ 45,8 „ 201 Verbreoherinnen .... „ 15,9 ,, den Mördern............ „ 48,0 „ den Dieben ............ „ 43,0 ,, Diese Statistik ist allerdings wenig beweiskräftig, weil die Gewohnheit des Schnupfens infolge des Müssigganges gefördert wird, indes erhält sie doch eine Stütze durch folgende Beobachtung. Von unbescholtenen Leuten gewöhnen sich 14% das Schnupfen vor dem 30. Lebensjahre an, von Irren nur 7,2 %, von Verbrechern 22 %, und zwar fast alle — 279 von 300 und 32 von 32 Verbrecherinnen — vor ihrem Eintritt in das Gefängniss [11 Manicomio. Nocera 1885). Vbnturi versucht ausserdem zu erweisen, dass die unter Epileptikern, Blöd- und Wahnsinnigen (in 22, 29 und 57 %) verbreitete Leidenschaft charakteristisch für die Entartungsformen des Irreseins seien. 11. Dynamometrie. — Will man die Muskelkraft der Verbrecher untersuchen, so darf man vor allen Dingen nicht mit den durch eine lange Gefängnisshaft und durch Stillsitzen geschwächten Individuen anfangen, da man selbst mit den trefflichsten Instrumenten auch kein annähernd richtiges Resultat erzielen würde. Dazu kommt, dass die dem Verbrecher eigene und ihn durchweg bezeichnende Charakterschwäche, die Lügenhaftigkeit, ihn auch veranlasst, sich schwächer zu stellen als er es in der That ist. 278 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Viele Verbrecher wiederum, besonders Diebe, besitzen eine ausserordentliche Beweglichkeit. Das war namentlich der Fall bei Cocehini, Pietrotto, Rossignol, Villella, Rossotti. Letzterer entsprang nicht allein aus dem Gefäng- niss, sondern beförderte sogar an demselben Tage die Entweichung seiner Geliebten. Diese Beweglichkeit ähnelt wirklich der der Affen. Maria Perino erkletterte die gefährlichsten Bäume, schwang sich von da auf die Dächer, drang in die Häuser ein und entzog sich derart monatelang den Nachforschungen der Polizei (Archivio di Psichiatr. etc. II). Man könnte meinen, das sei ein Rest der Beweglichkeit des Kindes und des Wilden. Bei 241 Verbrechern habe ich indes eine Druckkraft von 30 kg und eine Zugkraft von 110 kg (mit dem Broca- schen Dynamometer) gefunden, d. h. bedeutend geringere Kräfte als bei Gesunden, höher jedoch als bei Irren. Während nämlich 52 gesunde Männer................... 168 kg Zugkraft geben, zeigten 20 Strassendiebe .... 31,8 kg Druckkraft, 114 „ Mörder.........31,9 „ „ 114 „ Brandstifter.....32,0 „ „ 84 „ Diebe ...........28,0 „ „ 104 „ Fälscher........29,0 „ „ 114 „ Stupratoren.....33,0 „ „ 109 „ Käuber.........33,0 „ „ 103 „ Diese Uebersicht zeigt nicht nur, dass Leute, welche die grösste Druckkraft besitzen, nicht in demselben Maasse zugkräftig sind, sondern auch, dass der Dieb in beiderlei Beziehungen am schwächsten ist. Die höchste Zugkraft besitzen die Mörder, Strassendiebe und Fälscher, die geringste die Brandstifter, Stupratoren und Räuber; — die höchste Druckkraft die soeben genannten, die geringste die Diebe und Fälscher. Mörder und Strassendiebe unterscheiden sich weniger voneinander. Wichtiger als diese Daten ist aber die Thatsache, dass bei den Verbrechern die Linke im Durchschnitt kräftiger entwickelt erscheint als bei den Normalen. Es fanden sich Verbrecher Nonnale 23% 14% 67 „ 70 „ 9 „ 14 „ Zweites Kapitel. 279 nämlich am Dynamometer bei 133 Verbrechern und 117 jungen normalen Individuen folgende Werthe: Grösste Kraft Links............. Hechts............ Beiderseits gleich . 12. Mancinismus. — Diese letzteren Versuche bringen uns auf die Vermuthung, dass für die Bewegungsorgane der Verbrecher ein ähnliches Verhältniss wie für die der Empfin- dungs- und Sinneswahrnehmungen obwaltet, nämlich eine ver- hältnissmässig grössere Schwäche auf der rechten als auf der ÜDken Seite. Wir vermuthen das allerdings nur, weil alle gebräuchlichen Dynamometer kein genaues Maass von der Kraft und noch weniger von der Gewandheit der Muskeln geben. Unter 28 Linkshändigen finden wir 11, bei denen das Dynamometer auf der rechten Seite höhere Zahlen ergiebt und nur 3, wo letztere auf beiden Seiten gleich sind. Darum erschien es angemessen, den gleichen Gebrauch beider Hände — die Ambidexterität — statistisch zu ver- werthen. Unter 261 Verurtheilten, die darauf geprüft wurden, befanden sich: Linkshändige Gelegenheitsverbrecher ... 9 von 96, also 10 % geborene Verbrecher..... 28 ,, 145, „ 19 Schwindler, Fälscher..... 10 Diebe................... 19 Mörder................. 4 Stupratoren ............. 1 Verbrecherinnen......... 10 34, „ 30 141, „ 13,4 52, „ 7,9 10, „ 10,0 44, „ 22,7 Die meisten Linkshändigen findet man demnach unter denjenigen Verbrechern, bei denen die Geschicklichkeit der Hände eine Vorbedingung für ihr Gewerbe ist, bei den Fälschern und bei den geborenen Verbrechern. Während im ganzen bei den Verbrechern männlichen Geschlechts 14,3 °/o und bei den Verbrecherinnen 22,7 % Linkshändige auftreten, findet sich bei der ehrlichen Bevölkerung unter 711 Frauen ein Procentsatz von nur 4,3 %, und unter 238 Handwerkern nur 5,8 °/o. Auch unter den Irren sind die bezüglichen 280 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Procentsätze nur 4,13 und 4,27 %. Tiberius war linkshändig (Sueton: Tiber, c. 68), auch Passanante. 1 13. Motilitätsstöruugen. — Vlrgilio hat unter 194 chronisch kranken Verbrechern eine unverhältnissmässig grosse Anzahl an Epilepsie (5—6 %), Ataxie und Chorea Leidender gefunden, was uns vermuthen lässt, dass ebenso wie die Sensibilität so auch die Motilität bei ihnen anomal ist. Und zwar ist das vorzugsweise bezüglich der Epilepsie der Fall. Clabk hat bei 6 % der gewöhnlichen Epilepsie und bei 3 % der Epilepsie infolge von Traumen Verbrechen konstatirt. [Hereäity and Crime in Epilepsy. London 1880.) In der Bewahranstalt für jugendliche Verbrecher zu Reggio habe ich unter 200 Individuen 3 mit Chorea, 1 mit Tabes dors. behaftet gefunden, und fielen mir besonders' die kleinen Muskelzuckungen auf, denen sie unterworfen waren, die sonst bei Greisen mit geringfügigen Hirnblutungen vorkommen. In Turin hatte ein-Dieb, ein gewisser Reazzo, fast beständig die Gewohnheit, mit den Schultern zu zucken und mit dem rechten Fuss aufzustampfen, was er auch in der Schwurgerichtssitzung, während ihm sein Urtheil vorgelesen wurde, that und weshalb sogar seine Strafe verschärft wurde. 14. Reflexe. — Eine bessere Einsicht in das Wesen der Spinalirritation und der Reflexthätigkeit gewann ich durch die Untersuchung des Patellarreflexes bei 284 Verbrechern, worüber nachstehende Tabelle Auskunft giebt: Untersucht Stupra- toren Diebe Betrüger Strasscn- ränher Mörder Landstreicher 18 1 10 2 — 3 2 8 — 5 — — 3 — 133 31 56 6 6 27 7 36 11 19 1 — 4 1 41 3 21 3 4 7 3 48 12 19 2 3 8 4 284 58 130 14 13 52 17 1 Auch im Gange ist, nach neuesten Untersuchungen Prof. L.s, der Mancinismus bei Verbrechern eine konstante Erscheinung. (Vgl. Arch. di Psich. VIII. 3.) Zweites Kapitel. 281 Danach war der Patellarreflex normal bei 133 unter 284; abnorm — d. b. zu stark oder zu schwach — bei 151 und zwar schwach bei 67 = 23 %, stark bei 48 = 16 %. Die Stupratoren gaben ein Minimum an schwachen .Reflexen von 7 % und ein Maximum an starken von 20 %. Die Diebe gaben an schwachen Reflexen etwas mebr als die mittlere Zahl von 27 % und etwas weniger an starken, 14 %. Die Betrüger haben sowohl an schwachen Reflexen (35 %) als auch an starken (21 %) Ueberschuss. Ebenso verhält es sich mit den Strassenräubern, die an schwachen Reflexen im Mittel 30 %, an starken 23 % zeigen. Bei den Mördern und Landstreichern kommen die starken und schwachen Reflexe den allgemeinen Mittelzahlen, welche für die schwachen auf 25 %, für die starken auf 15 % sich belaufen, fast ganz gleich. Auf beiden Seiten fehlt der Patellarreflex öfter bei den Landstreichern (10%) und bei den Betrügern (14%); indes beobachtet man bei Letzteren wie bei den Strassenräubern doch öfter die schwächeren Reflexe (21 und 30 %). Die höchste Zahl von starkem Reflex gaben die Landstreicher und die Strassenräuber, 23,5 und 23 %, desgleichen die Stupratoren mit 20 %, weniger die Diebe und die Betrüger mit 14 %. Einer der Letzteren war durch Masturbation halb verblödet (gab 18 %). 8 andere, Söhne von Irren, 3 von Alkoholisten 13%; 1, der Sodomie ergeben, hatte an Meningitis durch Trauma gelitten und war dann in akute Manie verfallen; bei ihm sind Symptome von Spinalhyperämie vorhanden. Unter denjenigen Verbrechern, bei welchen der Reflex an einer oder der anderen Seite fehlt, sind die Epileptiker mit 11,53% vertreten; in demselben Verhältniss die Nachkommen von Irren und Alkoholikern; die Individuen mit Hirn- oder Spinalleiden in 7,69 %. — Unter den Verbrechern mit normalen Reflexen sind die Epileptiker nur mit 3,30 % vertreten, die Nachkommen von Irren mit 7,62 %, die von Alkoholikern mit 11,01 %. 282 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 15. Vasomotorische Nerven. — Die Sensibilitätsund ßeflexstörungen der Verbrecher sind nothwendigerweise mit vasomotorischen Störungen verbunden. Der einfachste Beweis dafür zeigt sieh in dem Mangel an Erröthen, welcher seit Jahrhunderten im Volke für das Zeichen eines unordentlichen, liederlichen Lebens gilt. Am zweckmässigsten prüft man es an jungen Individuen, da dasselbe, wie Darwin gezeigt hat, im vorgerückten Alter fehlen kann. Unter 59 Verurtheilten im Alter von 19 bis 26 Jahren waren 36 d. i. 61 °/o, die awi Vorwürfe oder längeres Fixiren (wie Darwin vorschreibt) errötheten; 3 erblassten; 20 veränderten sich nicht. Bei den 36 rötheten sich in 11 Fällen Stirn und Wangen, in 2 Fällen die Ohren, in 24 bloss die Wangen und bei 1 sogar nur die eine Wange. Von 2 Verbrechern (Todtschlag in der Leidenschaft) er- röthete der eine sehr schnell, der andere nur wenig. 1 Stuprator und 1 Landstreicher, die einzigen derart Geprüften, errötheten ganz und gar nicht. Ferner zeigte sich keine B-öthe: bei 4 von 36 Dieben, bei 2 von 6 Betrügern, bei 7 von 13 Mördern. 5 Diebe und Betrüger errötheten sehr auffällig bei der geringsten Gelegenheit, dabei waren 3 von ihnen intelligent und hatten eine normale Physiognomie, 2 sogar gehörten höheren Ständen an; ein anderer hatte Gehörstäuschungen, vielleicht infolge des Lebens in der Einzelzelle; und einer war halb blödsinnig. Unter 38 Minderjährigen fehlte bei 20 das Erröthen, bei 2 anderen war es schwach. — Unter jenen 20 waren 14 unempfänglich für Magnetismus, 5 hatten hochgradige, 6 keine Patellarreflexe. Im ganzen errötheten von 98 jungen Verbrechern 44 °/o nicht. Zu bemerken ist noch, dass die Böthe bei einigen mehr die Folge davon war, dass sie sich durch den unerwarteten Besuch in ihrer Zelle überrascht fühlten und dass sie sich beim Sprechen oder durch Lachen erhitzten, als die Folge der Vorwürfe und der Erinnerung an ihr Verbrechen, oder auch, dass man sie scharf ins Auge fasste. Zweites Kapitel. 283 Unter 122 von mir und Dr. Pasini untersuchten Frauenzimmern blieb die Rötbe bei 81% völlig aus, und zwar in: 79 °/o bei Mörderinnen 82 % bei Kindesmörderinnen 80 „ „ Giftmischerinnen 90 „ „ Diebinnen. Sie errötben nicht, wenn man sie an ihr Verbrechen erinnert, wohl aber, wenn man sie um etwaige Menstruationsstörungen befragt. — Anstatt zu erröthen, werden sie blass. Eine sehr intelligente französische Diebin mit einer sehr regelmässigen Schädel- und Gesicbtsform zeigte kein anderes Verbrechermerkmal als die Blässe. Wir erlauben uns hierbei, den sehr interessanten Bericht des Dr. Andronico von Messina über eine von ihm auf UDsere Veranlassung veranstaltete Untersuchung an Prostituirten und jungen Verbrecherinnen wörtlicb wiederzugeben. „Unter den eingeschriebenen Prostituirten erröthet keine einzige, wenn man sie nach ihrem schmachvollen Gewerbe befragt. Einige sah ich indes erröthen, wenn man ihnen wegen widernatürlichen Ooitus Vorwürfe macht. Bei den im Gefängniss befindlichen Verurtheilten habe ich folgende Beobachtungen gemacht. Die Mörderinnen sprachen von ihrer That ganz rückhaltslos, ohne zu erröthen; diejenigen, welche ihre Männer entweder selbst oder durch Andere vergiftet haben, werden roth, aber nur theilweise. — Bei den wegen Diebstahls Verurtheilten zeigt sich die Röthe zuerst an den Ohren, dann im Gesicht; bei den Kupplerinnen zeigt sich keinerlei Art von Schamröthe." 16. Reaktion auf Amylnitrit. — Um einen Maassstab für den Grad des Erröthens zu gewinnen, stellte ich Versuche mit Amylnitrit an. Bei 15 Versuchen blieb die Reaktion in 5 Fällen bei 4 Dieben (2 epileptisch) auf eine Dosis von 2 Tropfen aus, trat indes bei dem einen auf 3, bei dem anderen auf 4, bei dem dritten auf 6 gtt. ein; bei dem ersten war die Röthe sehr lebhaft, bei dem zweiten sehr leicht, bei dem dritten erschien sie erst nach 40 Sekunden des Inhalirens und zwar nur am Kinn und am Halse. Umgekehrt erhielt man mit 1 Tropfen eine schnelle und sehr deutliche Röthung bei einem wegen Todtschlages Detinirten, 284 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. der überdies hallucinirte. Bei einem sehr jungen Diebe trat volles Erröthen nach 18 Sekunden, bei einem ganz jungen, aber spitzbübischen und faulen Bedienten mit angenehmer Gesichtsbildung erfolgte dasselbe nur in sehr geringem Maasse, bei 2 anderen jungen Dieben schon nach 3 Sekunden. A\if 2 Tropfen reagirte ein Strassenräuber erst nach 50 Sekunden und zwar nur auf der linken Backe; sehr rasch dagegen ein Betrüger. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass das Amylnitrit bei einer gewissen Klasse erwachsener Verbrecher oft später und in schwächerem Grade als bei Normalen einwirkt. Denn bei 14 Normalen brachte 1 Tropfen merkliche Röthung in der Zeit von 7—28 Sekunden hervor, bei zwei brauchte man 2 und bei einem 4 Tropfen dazu; die Röthung trat indes stets binnen 50 Sekunden ein. Auch bei leidenschaftlichen und sehr jungen Verbrechern ist die Wirkung eine rasche und intensive. In einigen, allerdings sehr seltenen Pällen trat sie sogar schneller als im Normalzustande ein. 17. Prüfung mit dem Sphygmographen. — Nachdem Mosso den Plethismographen erfunden und den Sphygmographen verbessert und dadurch das Studium der Beziehungen des Kreislaufs zur Psyche so wesentlich erleichtert hat, lag es nahe, diese Methode auch zur Ergründung der Seelenzustände der Verbrecher nutzbar zu machen. Wir suchten zu diesem Behufe handfeste, mehrmals rückfällige, mit den physischen und psychischen Eigenschaften der Verbrechernatur ausgerüstete Burschen aus, dazu auch einige Gelegenheitsverbrecher und Normale. Der linke Arm wurde in einen Hydrosphygmographen gelegt und der rechte durch Leitungsdräthe mit dem Ruhm- korffschen Apparat verbunden, dessen Trommel ihrerseits mit einem Desprezschen Signalapparat verbunden war. Gleichzeitig zeigte eine mit einem elektrischen Strome in Verbindung gebrachte Stimmgabel auf dem Cylinder die Zeitdauer der Prüfung an (20 Schwingungen in 1 Sekunde). Der Ruhmkorffsche elektrische Apparat giebt den Eintritt der Zweites Kapitel. 285 Empfindung und den des Schmerzes an (s. Lombroso : Algometria elettrica. 1874). Um eine heitere Stimmung bei den zu Prüfenden zu erregen, hatte mein Assistent, Dr. Cougnet, einen an einem vorübergehend magnetischen Stabe gehaltenen Vorhang verfertigt, hinter welchem die Gegenstände sich befanden, von welchen man voraussetzte, dass sie je nach der Eigentümlichkeit des zu prüfenden Individuums eine Gemütsbewegung erregen würden, als: Wein, Oigarren, Essen, Geld, Bilder von Frauenzimmern. Zuerst versuchte man es, nach Mossos und Gebys Vorgang, mit rein psychischen Mitteln, mit Rechnen, angenehmen und unangenehmen Aeusserungen, sprach von Durchgehen, Entlassung, Verurtheilung u. dgl. m. Keines derselben schien aber verfangen zu wollen. Z. B. reagirte: a) A.usano, ein hartgesottener Dieb von Kindesbeinen an, mit einer fliehenden Stirn, vorragenden Kiefern, überdies tättowirt, der Sohn eines Trunkenboldes, niemals und zwar weder auf Musik noch auf Pistolenschüsse, noch beim Rechnen oder auf Erinnern unangenehmer Art; bloss der "Wein erwirkte eine leichte Pulserhöhung. b) Auch Ale, ein reicher Dieb, der an vollständiger Anästhesie und Analgesie leidet, reagirte nicht im mindesten bei den schmerzhaftesten elektrischen Schlägen oder bei Musik. c) Raffallo, 26 Jahre alt, mit regelmässiger Gesichtsbildung und lächelndem Ausdruck, ist ein Erfinder eines neuen Verfahrens, das Glas zu reinigen; spricht Argot, gesteht, dass er stehle, um sich das nöthige Geld für eine grosse Spekulation zu verschaffen, ist kurz gesagt ein rückfälliger Gelegenheitsdieb. Die Photographie eines nackten Mädchens erregt bei ihm zum erstenmal keine Reaktion, das zweite Mal bemerkt man ein leichtes Sinken des Pulses um 12 Schläge; die letzteren werden unregelmässig, um 1 Schlag vermehrt, anakrotisch und horizontal katakrotisch mit geringer Zuspitzung beim vierten Male. Der schmerzerregende Strom verändert die 286 Dritter Theil. Biologie und PsycLiologie des Verbrechers. Pulskurve nicht, wenn auch die anakrotische Linie sich fast senkrecht stellt und die katakrotische schief und in zwei Spitzen ausläuft; auch hier Zunahme um 1 Pulsschlag. d) Calmano, 40 Jahre alt, mit normaler Gesichtsbildung, ein Trinker, hat seinen Sohn erschlagen und ist seit einigen Jahren ruhig. In 30 Aufnahmen zeigt sich sogar bei starkem Strom (30) während 20 Minuten keine Spur von Veränderung in der sehr deutlichen Pulskurve. Einmal nur beim Anblick von Wein vermehrt sich die Zahl der Schläge um 7 und wird der Puls kleiner, die katakrotische Linie schiefer. Bloss die schmerzliche Erinnerung an seinen Sohn bewirkt ein Aufsteigen der Linie, indes nur zwischen dem 4. und 8. Pulsschlage und ohne Formveränderung. Ein anderes Mal verursachte dieselbe Gemüthsbewegung bei dem 7. Pulsschlage ein Niedersteigen, das bis zum 24. anhielt. e) Comino, rückfälliger Dieb mit Verbrechertypus, 17 Jahre alt, hat weder beim Anblick eines Messers, eines nackten Mädchens, auch nicht bei dem heftigsten Schmerz eine Veränderung im Pulse, nur als man ihm einen Schädel und eine Pistole vorhält, erhebt sich die Linie ein wenig. f) Caselli, 22 Jahre alt, ein Dieb im Rückfall, prognath, bartlos, unverschämt, hat einen sehr bestimmten bikuspidalen Puls. Auf Erblicken der Photographie eines nackten Frauenzimmers findet sich in der Aufnahme ein leichtes Ansteigen mit sofortigem plötzlichen Sinken der Pulslinie. Der Anblick einer Pistole erwirkt bei ihm ein allmähliches Sinken von kurzer Dauer. Dagegen ruft die Erregung der Eitelkeit nach 3 Pulsschlägen eine Verlängerung des 4., 5., 6. und 7. Schlages hervor, worauf eine Abplattung des 16., 17. und 18. Schlages und ein merkliches Absteigen der ganzen Linie folgt. Der Wein erregt ihn am stärksten. Steigen bei dem 2., Sinken beim 10. Pulsschlage Und anfangs ebenfalls eine Verlängerung, danach Abplattung der katakrotischen Linie, besonders vom 22. bis 24. Pulsschlage. Zweites Kapitel. 287 Auf einer fünften Zeichnung, die während eines Revolverschusses gemacht wurde, finden wir eine kleine Depression mit Verminderung um 2 Schläge und Sinken bei dem 3., 4., 5. und 6. g) Dalza, 30 Jahre alt, erblich belastet (ein Oheim ist irr); im 12. Jahre Hirnaffektionen. Stirn fliehend. Kiefer stark entwickelt; Atherome; stark tättowirt; bis zu seinem 24. Lebensjahre ehrlich, seitdem Dieb. Ein starker elektrischer Strom ruft bei ihm nach dem 8. Pulsschlage ein anhaltendes Absteigen der Kurve hervor; verletzte Eitelkeit bewirkt plötzliches Steigen während 9 Pulsschläge, Rechnen ein Ansteigen mit Sinken nach dem 4. Schlage bis zum 10. h) Agagliate, Dieb im Rückfall, sehr jung, reagirt auf traurige Musik durch Sinken und Verminderung der Pulsschläge; heitere Musik bewirkt Hebung und Beschleunigung des Pulses um 10 Schläge. Rechnen, Stechen mit Nadeln und Elektricität veranlassen keine Reaktion; ein Revolver bewirkt nur, dass die Pulslinie um 4 Schläge sich hebt; dasselbe Ergebniss bei erregter Eitelkeit. Furcht vor dem elektrischen Apparat hat den Puls so herabgedrückt, dass er während 6 Schläge kaum wahrnehmbar war. i) Moss — ein junger, rückfälliger, schamloser Dieb — reagirt weder auf den Anblick des Erauenbildes, noch auf Wein oder Musik, noch auf elektrischen Reiz bei 24 Strich Entfernung, nur zeigt sich bei 20 Strich ein leichtes Absteigen um 20 Schläge mit scharfer Spitze und Verlangsamung der Schläge von 25 auf 14. Der Anblick eines Dolches ruft leichtes Ansteigen hervor; eine volle Börse Sinken und grosse Unregelmässigkeit des Pulses während 6 Schläge. k) Prato Teonesto, 17 Jahre alt, aus einer Familie von Säufern, mit einem echten Verbrechergesicht, stiehlt schon im Alter von 5 Jahren Wein aus dem Keller seines Vaters, verwundet später aus Eifersucht einen seiner Kameraden, ist ausschweifend im Genuss von Wein und Frauenzimmern, gefällt sich im Gefängniss. Traurige Musik drückt die Pulslinie merklich herunter mit Schwächung und 'Beschleunigung 288 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. der Schläge. Dasselbe findet nach. 4 Pulsschlägen bei heiterer Musik statt. — Die Photographie einer nackten Frau bewirkt Kleinheit des Pulses, verlangsamt ihn und drückt nach einer kurzen Hebung die Kurve abwärts. Eine Rechenaufgabe — 4 mal 12— macht den Puls seltener und drückt die Linie herunter. Beim Anblick von Wein, bei geschmeichelter Eitelkeit dagegen hebt sich anfangs die Pulslinie und sinkt dann wieder; das ist auch dann der Fall, wenn Prato an das falsch gelöste Rechenexempel oder an den elektrischen Strom denkt. — Das Pistol bewirkt nur erst beim 8. und 9. Pulsschlage Abplattung, beim 7. Hebung. 1) Rossano, 19 Jahre alt, Dieb im Rückfall, simulirt Wahnsinn, nennt sich Napoleon, ist frech. — Das Rechenexempel macht auf ihn keinen Eindruck, dagegen das Vergnügen, da man sich stellte, als ob man an seinen Wahnsinn glaube; dadurch ging die Linie während 5 Pulsschläge merklich herunter. Der stärkste elektrische Strom rief bei ihm nur ein leichtes Sinken bei dem 8. Pulsschlage hervor. m) Rastelli, Strassenräuber, simulirt ebenfalls Wahnsinn (er sei General). Sein Puls ist sehr gut. Unter dem Schmerz durch Elektricität hebt sich der Puls um 7 Schläge, noch mehr bei einem zweiten Versuche, wo während des 2. Schlages der Puls völlig anders sich gestaltet; bei einem dritten derartigen Versuche zeigt sich keine Veränderung, auch nicht, wenn man Rastelli rechnen lässt. Dagegen, wenn man ihm sagt: „Du bist verrückt", so sinkt die Linie sehr bedeutend. n) Reazzo, Gauner, 24 Jahre alt, simulirt Wahnsinn, behauptet zwei Köpfe zu haben und im Bauch Püppchen, erdichtet obscöne Geschichten; sein Puls ist sehr regelmässig. Der schmerzhafteste elektrische Strom ruft keine Reaktion hervor; wenn ich ihm dagegen zuflüstere': „Der Untersuchungsrichter will dich besuchen", so macht sich eine starke Depression bemerklich. Gleichwohl erscheint die Veränderung nur an den äussersten Spitzen. Ein andermal bemerkt man ein bedeutendes Niedergehen der Linie, wenn man ihm sagt: „Du kommst frei, denn du bist verrückt." Aber selbst der stärkste Zweites Kapitel. 289 elektrische Strom bewirkt keine Abweichung der Linie oder auch Veränderung im Gange des Pulses. Musik führt ein auffallendes Kleinwerden, eine angenehme Gemüthsbewegung anfangs Hebung, dann Senkung (Spitzenabplattung) herbei. o) P. R., Dieb, gewaltthätig, 19 Jahre alt, empfindet nichts beim Anblick der Prauenphotographie, auch nicht bei wiederholten Nadelstichen; erst beim dritten Stich senkt sich plötzlich die Kurve, ohne die Pulsform zu ändern. Bietet man ihm Wein an, so wird der Puls grösser und die Linie senkt sich; sie hebt sich zweimal unter dem Eindruck der Musik, das dritte Mal bleibt sie unbeweglich. p) Garetti, 28 Jahre alt, dreimal wegen Diebstahls ver- urtheilt, simulirt Irrsinn, ist aber wirklich irr. Er hat schon im 11. Lebensjahre gestohlen und fast alle Länder Europas durchstrichen; er möchte irgend einen Minister umbringen, um die Menschheit zu rächen. „Alle," sagt er, „haben Furcht yor mir, weil ein Nichts mich aufregt und ein Messer mich furchtbar macht." Seine Mutter war irr, sein Yater starb apoplektisch. Beim Anblick von Wein hebt sich der Puls um 10 Schläge und sinkt um 7. Ein starker elektrischer Strom bleibt ohne Wirkung, ein zweiter und dritter dagegen bewirkt Aufsteigen der Linie beim 4. und 5. Pulsschlage. Darauf Sinken beim 10. ohne merkliche Veränderung der Pulsform. Als man ihm nun unvermuthet einen Dolch zeigte, erfolgte eine so ausserordentliche Deformation des Pulsbildes, wie ich es nie gesehen hatte. Unter dem Schmerz infolge des elektrischen Stromes folgt nochmals Herabdrücken, jedoch geringer als das erste Mal; Hebung dagegen beim Anblick einer Geldmünze beim 3. und 4. Schlage, darauf senkt sich die Linie und der absteigende Theil der Welle verlängert sich bis zum 12. Schlage. q) Robiolo hat eine Dirne getödtet, da sie ihm nicht länger Geld geben wollte, hat 22 Processe gehabt und 2 Verurteilungen erlitten. Sein Gesicht ist schön, sein Schädel übel gebildet. Schmerz- und Tastgefühle lebhaft. Bei Musik in Sol (G) hebt sich die Pulslinie. Eine heftige schmerzhafte elektrische Entladung bringt ein leichtes Sinken während Lombroso, Der Verbrecher. I. 19 290 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 4 Pulse hervor; und danach Ansteigen während 7 Schläge; die 11 ersten sind halb so gross, haben einen schrägen absteigenden Arm mit zwei Gipfeln und einen senkrechten aufsteigenden. Ein zweites Mal folgt auf den Schmerz durch elektrischen Strom leichtes Sinken, das indessen stark zunimmt, wenn man R. sagt, er werde zu 3 Jahren Gefängniss und nicht zum Tode verurtheilt werden, wie er befürchtete. Beim Rechnen bleibt der Puls 7 mal unverändert, 2 mal ändert er sich und zwar in den beiden einzigen Fällen, wo die Lösung richtig war. r) Roggero, ein junger, sehr anständiger Soldat, der wegen eines blutigen Streites im Gefängniss sitzt, reagirt auf Elektricität in ungewöhnlichem Maasse, wobei die Kurve sich senkt unter Verlängerung des absteigenden Armes (beim 4. und besonders beim 7., 9. und 10. Pulse). Rechnen bewirkt eine weniger entschiedene Depression der Linie beim 3. Schlage, aber zugleich eine merkliche Aen- derung der Pulsform, die beim 6., 7., 8. und 9. Schlage platter und verlangsamt erscheint. 18. Plethismograph. — Bei einigen Anderen, bei denen der Puls trotz gereichter Erfrischungen zu schwach blieb, um gute Pulsbilder zu liefern, zogen wir den Plethismographen mit nachstehendem Erfolge in Gebrauch. s) Monti, 21 Jahre alt, Stallbedienter, mit mongolischer Gesichtsbildung und leichtem Schielen, Dieb und Hehler zugleich, äusserst schlau, erröthet nie, zeigt ein Ansteigen der Kurve um 6 mm beim Anblick einer Oigarre, eines Frauenporträts. Eine Uhr, die er sieht, bewirkt ein rasches Absteigen während 1 Min. 45 Sek., wie er sagt, infolge der Erinnerung an die Zeit, wo er eine solche besass. Absteigen zeigt sich indes auch, wenn man nach seinem Privatleben forscht. Die Linie hebt sich um 17 mm und sinkt wieder bei Anwendung eines starken elektrischen Stromes; steigt um 26 mm nach 30 Sek. und fällt dann um 17 mm nach heiterer Musik. Sehr stark fällt die Linie, um 22 mm während 2 Minuten, wenn man Stellen aus seiner Autobiographie vorliest und ihn Zweites Kapitel. 291 dabei lobt- Das wiederholt sieb auch während 45 Sekunden, wenn man von seinem schönen Schriftstück wiederum spricht. Da man nochmals einen schwachen elektrischen Strom versuchte, erhielt man Sinken um 5 mm und durch Stechen um 3 mm; zum dritten Male brachte ein 10Sekunden einwirkender Strom ein Sinken von 40 mm zu stände. Heitere Musik bewirkte Sinken um 20 mm, Wein um 9 mm, und wenn man mit ihm von seinen Reisen sprach, was sein Lieblingsthema ist, so sank die Linie um 34 mm. t) Barelli, 23 Jahre alt, epileptisch, ist ein frecher Dieb, an das Zuchthausleben gewöhnt, spricht mit uns in der Gaunersprache und gesteht, er könne nicht ruhig schlafen, wenn er zuvor nicht irgend etwas gestohlen habe. Sein Puls ist fadenförmig. Am Plethismograph sind die Reaktionen sehr unsicher. Steigen der Linie um 22 mm nach 15 Sekunden langem Anhören einer heiteren Musik; um 1 mm bei Weingenuss, um 2 mm beim Anblick von Geld, um 3 mm beim Anblick einer Cigarre, um 2 mm bei Applikation eines Magneten auf die Stirn. Aber dieselbe Musik veranlasst kurz nachher ein Sinken um 2 mm, ebenso der Wein. Sagt man ihm auf Argot ins Ohr, er sei ein Spitzel, so bekommt man ein allmähliches Steigen um 4 mm zu sehen, das nicht weniger als 2Vä Minute dauert und dann -wieder fällt. u) Rivoire hat angenehme Gesichtsbildung, ist von guter Familie, hat als Student sein Vermögen verthan und ist nach und nach zum Diebe im Rückfall geworden. Er erröthet leicht und schämt sich seines Verbrechens. Musik veranlasst sofort ein Sinken um 3 mm, das sich verstärkt und nach 2V2 Minuten schon 13 mm erreicht. v) Bastrenta, ein sehr handfester, tättowirter Verbrecher, Raufbold und Säufer. Das Rechnen veranlasste bei ihm ein Ansteigen um 22 mm in 1 Minute; die Musik um 29 in IV2 Minute; danach ein Absteigen. Schmeichelt man seiner Eitelkeit und lobt seine Muskelkraft, so bemerkt man ein Sinken um 45 mm, einige 19* 292 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Minuten danach ein Steigen um 34 mm. Lobt man ihn gleich darauf nochmals, so sinkt die Linie wieder um 15 mm. Der grösste (elektrische) Schmerz ruft nach IV2 Minuten ein Sinken um 11 mm mit darauf folgendem Steigen von 5 mm hervor. w) X., Betrüger im Rückfall. Kummer veranlasst Sinken um 1 mm, der Anblick einer Cigarre um 12 mm Steigen, 51 mm Sinken, wenn man sie ihm schenkt. Ein sehr starker elektrischer Strom jedoch bewirkt Sinken um nur 1 mm. 19. Obwohl diese Untersuchungen während eines ganzen Jahres fortgeführt worden sind, so ist es doch wegen vieler möglieben Fehlerquellen schwierig, sichere Schlüsse daraus zu ziehen. Eines scheint aber gewiss zu sein, nämlich dass das Ausbleiben der Reaktion gegen starke und schmerzhafte elektrische Ströme — wie in den Fällen a, c, d, e, f, k, 1, u, p, w — der Analgesie entspricht, der wir so häufig begegneten. — Da nun der Schmerz fehlt, so erregt der Stimulus nicht die Aufmerksamkeit, d. h. er gelangt nicht bis zu den psychischen Centren — und das ist denn gleich, als ob er gar nicht vorhanden sei. (Eine Ausnahme machen die Fälle g, i, m, s, t) — Derselbe Grund gilt auch für die anderen Nichterfolge. Umgekehrt ist es klar, dass, sobald ganz besondere Eindrücke ins Spiel kommen, wie die Furcht vor dem Richter (bei Reazzo), oder Feigheit (bei Garetti beim Anblick des Dolches), oder Lieblingsgegenstände wie Wein und Frauenzimmer, Gold, Eitelkeit und Ehrgeiz, dass dann die Reaktion stärker als bei normalen Individuen auftritt. Dadurch können wir, gleichsam wie mit einem Präcisionsinstrument, in das geheime Triebwerk ihres Seelenlebens eindringen, wo Vergnügen, Eitelkeit, Furcht vor dem Schmerz eine grössere Macht als der wirkliche Schmerz ausüben. Man könnte meinen, dass die Reaktion in einigen Fällen um so langsamer vor sich geht, je lebhafter sie in anderen ist, als ob gewisse Regungen bei dem Einen mächtiger wirkten, als bei dem Anderen. Es stimmt das auch zu dem, was wir Zweites Kapitel. 293 kennen gelernt haben, dass die Verbrecher für gewisse physische und psychische Schmerzen um so unempfindlicher sind, je weniger sie es für gewisse andere Leidenschaften sind, z. B. für Hochmuth, Rache, Eitelkeit. Wir sahen, wie die intelligenteren Verbrecher und die Simulanten (n, m, 1, s) sehr scharf reagirten, besonders wenn man auf ihren Wahnsinn oder auf den Richter Anspielungen machte. In dieser Beziehung haben wir im Plethismographen eine sehr brauchbare diagnostische Handhabe zur Entdeckung von Simulation. 20. Schlussfolgerung und Anwendung. — Aus allen diesen Thatsachen Hesse sich der Schluss ziehen, dass fast alle Arten von Sensibilität bei dem Verbrecher abgeschwächt und sogar schwächer bei dem Gelegenheitsverbrecher als bei normalen Menschen seien. Andererseits aber auch der Schluss, dass bei ihm wie bei Neuropathischen die Empfindlichkeit für Metalle, Magnet, atmosphärische Einflüsse und vielleicht auch für Gerüche erhöht seien. Die physische Gefühllosigkeit erinnert recht wohl an die der wilden Völkerstämme, die beim Eintritt in das Jünglingsalter Qualen zu trotzen haben, welchen man in der weissen Rasse erliegen würde. Alle Reisenden erzählen von dem Gleichmuth, mit welchem Neger und Rothhäute Schmerz ertragen. Jene schneiden sich unter Lachen eine Hand ab, um nicht arbeiten zu müssen; diese besingen noch am Marterpfahl den Ruhm ihres Stammes, während man sie bei langsamem Feuer schmort. Die jungen Eingeborenen Amerikas unterwerfen sich bei ihrer Weihe zum Manne ohne Klagelaute solchen Misshandlungen, die einen Europäer tödten würden, wie z. B. wenn man sie mittelst eines Hakens, der ihr Fleisch zerreisst, an einem Balken inmitten eines erstickenden Rauches, den Kopf nach unten, in ihren Hütten aufhängt. Zu dieser Art von Unempfindlichkeit gehört auch das schmerzhafte Tättowiren, der Gebrauch, sich die Finger, die Lippen abzuschneiden oder die Vorderzähne zum Zeichen der Trauer bei Leichenbegängnissen einzuschlagen. 294 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 21. Lange Lebensdauer. — Jene Uneinpfindlichkeit für Körperschmerz und die geringe G-efässreaktion geben uns Aufschluss über die lange Lebensdauer der Verbrecher, die doch eigentlich von Geburt an krank sind. Vergleicht man die mittlere Lebensdauer der Gefangenen mit der der freien Leute, so ergiebt sich zwar, dass dieselbe bei Jenen geringer ist als bei Diesen, und wenn man erwägt, wie gross die Zahl der verderblichen Einflüsse des Gefängnisslebens ist, so darf uns das nicht Wunder nehmen. Würde man beide Theile in gleiche Verhältnisse versetzen, so schlüge die Wage sofort zu Gunsten der Verbrecher aus. Denn wir finden in der That zahlreiche Beispiele von langer Lebensdauer bei Individuen, die viele Jahre hindurch in Gefängnissen schmachteten. So erzählt Casanova in seinen Memoiren, dass er in Gefängnissen Greise von sehr hohem Alter getroffen habe, z. B. einen gewissen Beguelo, der das doppelte Gewerbe eines Spiones und Mörders getrieben, im Alter von 44 Jahren eingesperrt, noch 33 Jahre in Gefangenschaft verbracht habe. Ueber Gasparone, der vor kurzem, 88 Jahre alt, in Abbiategrosso gestorben ist, sagt Masi (Mmnoires de Gasparone. 1867) schon im Jahre 1866: Wie ist es möglich, dass er so lange den Unbilden des Alters, der Wunden, Erschöpfung und des Gefängnisses widerstehen konnte? Nur durch seine Charakterstärke und durch die unerschütterliche Gemüthsruhe, welcher keine Leidenschaft etwas anhaben konnte." Auch Settembrini erzählt in seinen Memoiren von einem Neunundachtzigjährigen, der seit 32 Jahren im Zuchthause von St. Stefano sass; ferner von einem Calabresen, der sich rühmte, 35 Menschen umgebracht zu haben, wegen Notbzucbt und Raub im Jahre 1802 verurtheilt worden war und 1825 noch lebte; von einem Einundachtzigjährigen, der nebst seinem 51 Jahre alten Sohne wegen Diebstahls und Ermordung des unglücklichen Procaocio verurtheilt worden; endlich von einem Zweiundneunzigj ährigen, der, dürr und trocken, noch alle seine Zähne, seine Geisteskräfte und einen ziemlichen Theil von Jugendkräft besass. Zweites Kapitel. 295 Diese lange Lebensdauer der grossen Verbrecher lässt sich sogar, bis zu einem gewissen Punkte, statistisch nachweisen, wie denn auch Settembrini schon eine kleine derartige Statistik aufgestellt hat. Unter 631 seiner Mitgefangenen giebt er an, dass 227 über 50 Jahre, 203 von 40—50 Jahren und 201 unter 49 Jahre alt gewesen seien. Dr. Baer, Strafanstaltsarzt in Berlin, hat gefunden, dass die Bevölkerung der Zuchthäuser Deutschlands eine geringere Sterblichkeit als die der gewöhnlichen Gefängnisse aufweist. Den Grund dafür sucht er zunächst darin, dass die Zuchthäusler an das Gefängnissleben besser gewöhnt sind (in den ersten Jahren der Haft ist bekanntlich die Sterblichkeit grösser); zweitens darin, dass die Widerstandskraft bei den im Verbrechen Verhärteten grösser ist. Auch in Italien weisen nach Raseri [Stille conüizioni sanitarie nelle carceri. 1881) die Bagnos — Zuchthäuser —, wo die Verbrecher von Geburt grösstentheils sich befinden, eine geringere Sterblichkeit nach als die Gefängnisse, jene 33 %, diese 51 %. 22. Der Mangel an Mitgefühl ist eine weitere Folge jener Analgesie. Garofalo hat ihn als charakteristisch für den geborenen Verbrecher erkannt. Benedikt sprach sich (Kongress zu Antwerpen, 1886) ungefähr folgendermaassen darüber aus: „Sehen wir Jemand leiden, so empfinden wir, infolge der Erinnerung an ähnliche Empfindungen, gleichsam ein Abbild dieser Leiden. Daraus erwächst das von uns zu den Tugenden gezählte Mitleid. Je empfindlicher wir sind, desto empfänglicher sind wir für Mitgefühl. Wo von Geburt an die Empfänglichkeit für Schmerz und unangenehme Gemüthseindrücke gering ist, da fehlt auch fast ganz die Fähigkeit zum Mitempfinden, das Mitleid. Und in diesem Fehlen des Mitgefühles müssen wir eine der Quellen der Grausamkeit erkennen, die zu gewaltsamen, verbrecherischen Unthaten führt." 23. Auch die sogenannte Unverwundbarkeit der Verbrecher ist auf Rechnung der Analgesie zu setzen, denn nur infolge der letzteren überstehen solche Leute Verwundungen, 296 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. denen jeder Andere erliegen würde. Benedikt kannte einen aus Roza Sandors Räuberbande, der bei Gelegenheit eines Aufruhrs unter den Gefangenen derartige Misshandlungen erlitt, dass ihm mehrere Rückenwirbel zerbrochen wurden. Dennoch heilten die "Wunden, und aus dem Riesen von ehemals wurde eine Art von Zwerg. Diesen Menschen sah ß. später in der Gefängnissschmiede arbeiten und den schweren Hammer schwingen, wie er es in den Tagen seiner grössten Kraft gethan hatte. Ich selbst habe ein fast noch merkwürdigeres Beispiel bei einem Diebe erlebt, dem man beim Einsteigen in ein Fenster das Stirnbein an der rechten Seite mit einem Beilhiebe gespalten hatte — und das war nach vierzehn Tagen ohne jede Reaktion verheilt. An Roza Sandors Schädel selbst fand Benedikt einen enormen Eindruck am linken Scheitelbein infolge einer Schusswunde, die ihn gleichwohl nicht gehindert hatte, mehrere Tage lang den vereinigten österreichischen und russischen Truppen Widerstand zn leisten. In dem Gefängniss, wo ich Arzt bin, stürzte sich ein Mörder, der als Maurer arbeitete, wegen eines Tadels aus der Höhe des dritten Stockwerkes in den Hof hinab. Alles glaubte, er sei zu Tode gekommen, als er plötzlich unter Lachen sich erhob und seine Arbeit wieder vornehmen zu dürfen bat. Eine Kindesmörderin in Velletri hat vor kurzem an sich selbst mit einem Küchenmesser den Kaiserschnitt verrichtet, das Kind herausgenommen und umgebracht; sie genas fast ohne Verband und Fieber. (Riforma medica. April 1886.) Auch in dieser Unversehrbarkeit (disvulnerabilitä) findet Benedikt einen Grund zu der Mitleidlosigkeit der Verbrecher und zu ihrer Vorliebe für Gewaltthaten. Er sagt: Wer sich in einem Streit einmal einen Rippenbruch mit nachfolgender Pleuritis zugezogen bat, die ihn monatelang ans Bett fesselt, der wird wo möglich der Gelegenheit ein anderes Mal aus dem Wege gehen. Wenn aber ein Mann, den ich kannte, mit einer solchen Fraktur im stände ist, die darauf folgenden Zweites Kapitel. 297 Tage Holz zu spalten und im Wagen auf holperigen Gebirgswegen zu fahren, der wird keinen gar so grossen Widerwillen darin finden, aufs neue der Gefahr einer Schlägerei sich auszusetzen. Ein solches Individuum wird also leicht in den Fall kommen, ein und das andere Mal in seinem Leben wegen gewalttbätiger Handlungen verurtbeilt zu werden. Derartige Individuen betrachten sich als Bevorzugte und verachten Andere, die feinfühliger sind, ja es macht ihnen Vergnügen, diese, als eine Art von niedrigeren Wesen, zu quälen. Daher die Grausamkeit. 24. Körpergewicht und Länge. — Die Analgesie erklärt es auch, warum das Körpergewicht der Verbrecher schwerer ist als das der ehrlichen Leute, wie wir das schon an den Leichen nachgewiesen haben. Es steht das zwar im Widerspruch mit dem (doppelt) abnormen und pathologischen Zustande, welcher die Verbrecher kennzeichnet. Der letztere Nachtheil wird indes durch die angeborene Analgesie ausgeglichen, sowie durch die verminderte Gefässreaktion unschädlich gemacht, infolgedessen das Uebel nich bloss aufgewogen wird, sondern der Betreffende sogar einen Ueberschuss an Lebenskraft gewinnt. Es ist das ein sehr wichtiger Punkt, den man sich bisher nicht zu erklären wusste. Im Volke und selbst vor Gericht wurde man mit einem ungläubigen Lächeln empfangen, wenn man, auf einen scheinbar von Gesundheit strotzenden Verbrecher hinweisend, als von einem kranken Wesen sprach. Gleichwohl schrieb schon Hobbes: „Homo malus infans robustus!" und im Sprichwort heisst es, wer weiss wie lange schon: „Unkraut vergeht nicht!" und Petrarca sagt: „Der Tod rafft die Guten hin und lässt die Frevler leben," wie Homer: „Mors optima rapit, deterrima relinquit." 25. Mancinismus. — Von noch grösserer Wichtigkeit ist die Erscheinung der Linkshändigkeit, die, wie bei Kindern und Wilden, 1 vorwiegend bei Verbrechern vorkommt. 1 Le Bon: Bevue scientifique. 1883. 298 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Man wird darüber nicht staunen, wenn man die von uns mitgetheilten Beobachtungen bezüglich des Gehirnes und der Sensibilität nochmals ins Auge fasst und sich erinnert, dass in zahlreichen Fällen die Sensibilität der rechten Seite schwächer ist als die der linken, ferner dass Schädel und Gehirn der Verbrecher rechterseits stärker entwickelt sind als auf der linken Seite. Denn man nimmt jetzt allgemein an, dass die Linkshändigkeit Folge des Uebergewichtes der rechten Hemisphäre über die linke ist, während bei normaler Beschaffenheit das Umgekehrte der Fall ist (vgl. Ogle: Med. surgic. Society. 1871, und Lombroso: Sul mancinismo. Turin 1884). Ogle und Jackson haben schon 1867, und nach ihnen Broca ausgeführt, dass die rechten Stirnwindungen bei aphasischen Linkshändern häufig Extravasate zeigen, und umgekehrt hat Lepine beobachtet, dass Linkshänder nicht aphasisch waren, wenn bei ihnen Läsionen in den linken Stirnwindungen sassen. Muthmaasslich arbeitet der Verbrecher mehr mit dem rechten, der normale Mensch mehr mit dem linken Hirne. Wenn man im Volke den Linkshänder für nicht richtig, wenigstens für linkisch hält, so ist das zwar im Grunde übertrieben und zu allgemein gehalten, beruht aber in der That auf einer alten Beobachtung, die in vielen Sprachen ihren Ausdruck fand. In der Emilia und besonders in der Lombardei verbindet das Volk mit dem Ausdruck linkshändig den Begriff von Betrüger. Und wirklich haben die Verbrecher letzterer Art uns' das grösste Kontingent (33 %) an Linkshändern gestellt. Bei den Irren kommt die Linkshändigkeit, d. h. die der Muskulatur, nicht viel häufiger vor als bei Gesunden, dagegen ist bei ihnen, besonders bei den Alkoholikern, Paralytikern und Monomanen der sensorielle Mancinismus, d. h. die Gefühlsabstumpfung auf der rechten Seite, häufiger, wie Tonnini 1 und 1 Von 10 Männern waren 9, von 10 Weibern 7 auf der Rechten stumpfer; 4 davon waren verrückt, 2 imbecill, 2 litten an periodischer Manie. (Vgl. Lombroso: Sul mancinismo. Turin 1884.) Zweites Kapitel. 299 Amadei gleich mir es beobachtet haben. Danillos Beobachtungen sprechen dafür, dass das Uebergewicht der linken Hemisphäre bei ihnen unbeträchtlich ist, was auch Luts dagegen sagen möge, der sieb nur auf 3 Beobachtungen stützt. Amadeis neuere Untersuchungen an 52 Schädeln von Irren zeigen, dass rechtsseitige Plagiokephalie nur in 29 %, linksseitige in 71 % bei ihnen auftritt. Darum ist der Schluss gewiss berechtigt, dass die rechte Hirnhälfte bei Irren thätiger ist als bei Gesunden, aber in weit geringerem Maasse als bei Verbrechern, weshalb denn auch die Linkshändigkeit (die muskuläre) seltener gesehen wird. Bei den Irren fehlt auch, wie bei den Verbrechern, die vasomotorische Reaktion am Plethismographen. Andererseits beobachtet man das Ausbleiben des Erröthens bei den Verbrechern um zweimal häufiger als bei den Irren, wie Amadei, Tonnini und Bergesio auf meine Veranlassung naebgewiesen haben. Um etwas dem Aehnliches zu finden, muss man bei tief Blödsinnigen und bei den rohesten Völkerstämmen nachforschen. 1 Darwin hat gezeigt, wie man hinter die Art des Errötbens bei den Negeralbinos und bei den Mulatten, den Leckas und Chinesen, den Aymaras und Polynesiern kommen kann. Chinesen und Malayen erröthen nach seiner Angabe wenig, Hindus selten, ebenso die Südamerikaner, von denen schon die Spanier sagten: Wie kann man Menschen trauen, die nicht einmal die Gesichtsfarbe ändern? Martius giebt an, dass die Eingeborenen Brasiliens das erst nach langjähriger Berührung mit Weissen vermögen. Die Analgesie und die sogenannte Unverwundbarkeit der Wilden ist eine lange bekannte Thatsache. Neuerlich theilte uns Nerazzini mit, er habe verwundete Denka, denen das Schultergelenk geöffnet war, einen Marsch von 10 km unter 1 Bei 16 von 73 irren Männern und bei 15 von 53 irren Weibern blieb die Böthe aus. Desgleichen 2 von 10 moralisch Irrsinnigen, bei 5 von 12 Manischen, bei 8 von 12 Hypochondern, bei 12 von 20 Pellagrakranken, bei 4 von 30 Monomanen. Alkoholiker, Demente und besonders Paralytiker errötheten, am meisten die Letzteren (Tonnini). 300 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. der afrikanischen Sonne machen gesehen, ohne dass sie Fieher bekamen, und Gallas mit exartikulirter rechter Hand, die der feindlichen Armee als Führer dienten. Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande der Verbrecher. 1. Im allgemeinen kann man annehmen, dass die Ge- müthslosigkeit des Verbrechers seiner (Jnempfindlichkeit für leibliche Schmerzen gleichkommt; die eine ist zweifellos von der anderen bedingt. Gleichwohl ist die Stimme des Herzens nicht ganz erloschen, wie gewisse Romanschreiber es glauben machen wollen; die Empfindungen, welche das Herz des normalen Menschen bewegen, sind nur sehr schwach bei ihm. Was zuerst bei ihm erlischt, das ist das Gefühl des Mitleides für die Leiden Anderer, und zwar darum, weil er für seine eigenen Leiden unempfindlich ist. Lacenaire gab zu, dass er niemals beim Anblick eines menschlichen Leichnams ergriffen gewesen sei, wohl aber bei dem einer Katze. „Der Anblick eines Sterbenden," sagte er, „rührt mich nicht; wenn ich einen Menschen tödte, so ist mir nicht anders zu Muth, als wenn ich ein Glas Wein trinke." Diese vollkommene Gleichgültigkeit angesichts ihrer Opfer und der blutigen Werkzeuge zu ihren Verbrechen ist in der That ein konstanter Charakterzug der geboreneu Verbrecher, der allein schon genügt, sie von normalen Menschen zu unterscheiden. Martinati betrachtete ohne zu zucken die Photographie seiner Frau bei Feststellung der Identität und erzählte kaltblütig, dass er nach Führung des tödtlichen Streiches sie um Vergebung gebeten habe, sie ihm aber nicht verziehen habe. Die Maquet hatte ihre leibliche Tochter in einen Brunnen geworfen, in der Absicht, eine Nachbarin, die sie beleidigt hatte, dessen beschuldigen zu können. Vitou vergiftete Vater, Mutter und Bruder, um sich in den Besitz einiger Thaler zu bringen. Militello, der fast noch ein Kind war, zeigte nicht die mindeste Unruhe, als er seinen Gefährten und Freund Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande. 301 tödtete, sondern suchte die Dienerschaft zu bestechen, dass sie ihn davon gehen Hesse. 1 2. Gleichgültigkeit gegen den Tod. Daraus erklärt sich auch Troppmanns Verlangen, der vom Gefängniss aus seinen Bruder um Blausäure und Aether bat, womit er seine Wächter tödten wollte, gerade so, als ob er um eine Apfelsine bäte; ferner, wie es ihm in den Sinn kommen konnte, eine Zeichnung von der Mordscene, bei welcher er sich doch ganz allein befand, anzufertigen, die ihm zur Vertheidigung dienen sollte. In dieser Zeichnung, die uns durch die Güte des Herrn Maxime du Camp mitgetheilt wurde, sieht man 2 seiner Opfer todt zu den Füssen des Mörders liegen, 4 andere verzweifelnd die Hände gegen ihn ausstrecken. Dazu die ebenso einfältige wie niederträchtige Unterschrift: „Wie der elende Vater Kinke, der mich ins Verderben gestürzt hat, seine Kinder tödtet." Jeder andere Mensch, den Leidenschaft oder ein unvorhergesehenes Ereigniss zum Verbrechen treibt, würde Schauder bei der Erinnerung an eine so grässliche Scene empfinden und sich bemühen, sie aus Aller Gedächtniss auszutilgen. Tr. klammert sich im Gegentheil daran und sucht sie zu verewigen. Darin zeigt sich zugleich etwas von der Lust am Verbrechen, die dem geborenen Missethäter innewohnt. Der 21 Jahre alte Boutellier tödtete seine 50 Jahre alte Mutter, warf sich erschöpft auf ein in der Nähe befindliches Bett und schlief ruhig ein. Robiolo Hess den Leichnam seiner Frau wie zur Hochzeit aufputzen, stellte ihn zwischen sich und die beiden Todten- gräber auf den Tisch, an welchem sie alle Drei ihre Mahlzeit einnahmen. 1 Eines der schauerlichsten Beispiele von Herzensverhärtung, das für die von mir entworfene Charakteristik des geborenen Verbrechers und der Moral insanity so schlagend ist, als wäre es dazu bestellt, bieten die Geständnisse der 12jährigen Marie Schneider in Berlin, welche am 8, Juli 1886 die 3V»jährige Margar. Dietrichs ihrer Ohrringe beraubt und dann aus dem dritten Stockwerk zum Fenster hinabgestossen hatte. 302 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Soufflard, Menesclou, Lesage, la Pommerais, die Polmann und ihre Töchter, Gauthrie — alle diese Ungeheuer schliefen während der ganzen Nacht, der Letztere sogar während zweier Nächte, in demselben Räume mit ihren Opfern. Corvoisier, der den Leichnam seines Bruders zerstückelt hatte, unterbrach seine Mahlzeit nicht, als man ihm die Glieder seines Opfers zeigte. „Besser da als in meinem Magen," sagte er, und als man zu ihm von der Guillotine sprach: „Man kann mich in zwei Stücke theilen, aber doch nicht in sechs, wie ich es mit dem da gemacht habe, sein Hirn ist sechs Fuss hoch gespritzt. Könnte ich es Euch Allen so anthun!" Verdure stahl eine Börse und vier Uhren angesichts der Hinrichtung seines Bruders. „Wie schade," sagte er, „dass er nicht seinen Theil davon bekommen kann." Lemaire wollte nach der Ermordung Deschamps auch dessen Sohn tödten und sagte, als ihn seine Spiessgesellen daran hinderten: „"Was thät's? Ich könnte Tausende umbringen, ohne alles Erbarmen." 0lausen und Luck sprachen so kaltblütig und gleichgültig von ihrem Verbrechen vor Gericht, dass man sie eher für Zeugen als für Angeklagte halten konnte. (Casper.) Daher kommt es, dass der Todtschlag in der Gaunersprache mit fast spasshaften Bezeichnungen belegt wird, wie „zur Ader lassen", „schwitzen lassen", ein Knopfloch machen". Diese Gefühllosigkeit für die Leiden Anderer hegen die Verbrecher nicht selten gegen sich selbst, und geschieht das wahrscheinlich infolge des Gesetzes, wonach die Selbstliebe dem Mitleid zu Grunde liegt. Allerdings giebt es auch Ausnahmen. So die Marquise von Brinv il liers, Antonelli, Boggia, Vallet, Bour se, die beim Anblicke des Schaffottes in Schrecken geriethen. In der Mehrzahl der Fälle jedoch bewahren sie bis zur letzten Stunde grossen Gleichmuth und zeigen damit, dass der Selbsterhaltungstrieb, der dem Menschen im allgemeinen so lebhaft innewohnt, aus ihrer Seele geschwunden ist. Pantoni, unser emeritirter Scharfrichter, erzählte mir, dass fast alle Diebe und Mörder unter Spotten das Schaffot Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande. 303 betreten. Ein Bandit aus Voghera verlangte ein paar Stunden vor seiner Hinrichtung ein gebratenes Huhn und verzehrte es ganz und mit vortrefflichem Appetit; ein anderer wollte sich unter den drei Henkern einen Beichtiger wählen. Valle, der Mörder aus Alessandria, welcher drei seiner Genossen tödtlich verwundet hatte, sang mit lauter Stimme auf dem Gang nach dem Schaffet den bekannten Befrain: „Es ist der Tod der Uebel schlimmstes nicht!" —Orsolato warf allen jungen Mädchen, denen er auf seinem Wege zum Schaffet begegnete, unanständige Gesten zu, was dafür spricht, dass er, wenn er frei geworden wäre, seine schauerlichen Unthaten wiederholt hätte. Dumolard erinnerte den Priester, der ihn zur Reue bewegen wollte, an die Flasche Wein, die man ihm vierzehn Tage vorher versprochen hatte. Im Begriff, die Treppe zum Schaffet hinanzusteigen, ging die letzte und einzige an seine Frau — die übrigens seine Mitschuldige war — gerichtete Bitte dahin, eine Schuld von 37 Francs einzuziehen. Die Tiquet brachte sich während der Hinrichtung ihres Mitschuldigen, nach welchem sie das Schaffet besteigen musste, ihr Haar in Ordnung. Als der frühere Henker Capeluche bemerkte, dass Der, der ihn hinrichten sollte, den Block nicht kunstgeinäss aufstellte, Hess er sich losbinden, brachte den Block in die richtige Stellung und legte mit grösster Ruhe seinen Kopf darauf. Dasselbe that Conoor. Man findet in den Berichten eine Menge von nicht etwa trübsinnigen Schlagwörtern aus der letzten Stunde der Ver- urth eilten. Es wird erzählt, dass ein Mörder, der schon auf dem Blocke lag, seinem jammernden Genossen zugerufen habe: „Wusstest du denn nicht, dass wir mit dieser Krankheit bevorzugt sind." Als sich ein Henker bei einem mit Kropf Behafteten, dessen Kopf er nicht fassen konnte, entschuldigte, weil ihm so etwas noch nicht vorgekommen sei, erwiderte dieser: „Mir auch noch nicht!" In Toscana erzählt man sich noch jetzt von Rosso, Hass er sich über die schlechten Wege beklagt habe, auf denen 304 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. man ihn zum Richtplatz führte. Vidocq berichtet von einem Gelehrten, der beim Besteigen des Schaffotts auf das Beil und die Grube gezeigt und ausgerufen habe: „Das ist das Alpha und das Omegal Du, Henker, bist das Beta!" Allard rauchte eine Cigarre, als man ihm sein Todesurtheil vorlas, und sagte: „Ich rauche sie mit Bedacht, da es die letzte ist!" Verger beschäftigte sich fortwährend mit seinem unvollendeten Werke. Rudlof arbeitete bis zuletzt an seinem Werke über griechische Sprache, la Pommerais hielt den Gefängnisswärtern Vorträge über Hygieine. Bocarme, den der Henker zur Eile trieb, erwiderte ihm: „Sei ruhig, man fängt nicht ohne mich an!" (Claude.) 3. Verbrechen angesichts der Todesstrafe.— Für diese Unempfindlichkeit sprechen auch die häufigen Mordthaten, welche kurz nach einer Hinrichtung vorfallen, bei welcher die Urheber als Zuschauer zugegen sind; dafür auch die Spitznamen, die man den Strafwerkzeugen und den Scharfrichtern giebt, sowie die Erzählungen in den Gefängnissen, wo das Lieblingsthema die Todesstrafe ist. 1 Es ist das sogar einer der wichtigsten Gründe für die Abschaffung der Todesstrafe, da dieselbe sicherlich weniger Leute vom Verbrechen abschreckt, als sie dazu verführt, zufolge des Gesetzes der Nachahmung, die einen so mächtigen Einfluss auf die Massen ausübt. Dazu kommt noch die fürchterliche Anziehungskraft, welche das feierliche Schauspiel auf die Menge, und der Kitzel der Eitelkeit, den es auf die Misse- thäter selbst ausübt, deren Körper nicht selten gleich denen heiliger Reliquien verehrt werden. Unter 167 in England zur Todesstrafe Verurtheilten hatten 164 öffentlichen Hinrichtungen beigewohnt (Livi: Della pena di morte. 1872). In dem handschriftlichen Katalog der Hingerichteten, den die Ambrosianische Bibliothek besitzt, 1 Freoier: Des classes dangereuses, 1841, S. 111. — In der deutschen Gaunersprache heisst Heimgehen soviel als zum Tode gehen (s. Thiele: Jüd. Gauner. 43, S. 257), in der französischen der HenUer Juge de paix, die Guilloitine = la veuve, guillotiniren = raccourcir. Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande. 305 ist die Hinrichtung eines wegen Mordes Verurtheilten, Namens Maggi, eingetragen, der an der Spitze der Brüderschaft des heiligen Johannes des Geköpften gestanden hat. 4. Muth. — Diese Unempfmdlichkeit für die eigene Person wie für Andere erklärt uns auch die ausserordentliche Un- erschrockenheit, welche gewisse Uehelthäter bisweilen äussern. Holland, Doineau, Mottino, Fieschi, St. Clair hatten Auszeichnungen und Orden auf dem Schlachtfelde erworben. Coppa warf sich eines Tages in voller Rüstung mitten unter eines unserer Bataillone, schoss sein Gewehr ab und kam mit heiler Haut davon. Kurze Zeit darauf wurde er von den Seinen getödtet, die seine Bache fürchteten, da sie ihm bei einem tollen Unternehmen nicht zu folgen wagten. Palmieri, ein anderer Räuberhauptmann, suchte den Tod im stärksten Handgemenge, da er sich von den Unsrigen eingeschlossen sah. Masini, Francolino, Ninco-Nanco, Oanosa, Percuoco zogen einen heldenmüthigen Tod dem Gefängnisse vor. Die Klephten waren in Griechenland lange Zeit hindurch die einzigen Soldaten und die einzigen Vertheidiger der Unabhängigkeit. Und dennoch zeigen sich die meisten Uebelthäter feige, sobald ihre Aufregung verflogen ist, oder vor einer unerwarteten Gefahr. Nicht nur die Erfahrung, auch der Sphygmo- graph belehrt uns darüber. Vor einiger Zeit erfuhr der unerschrockene Polizeidirektor in Ravenna, Serafini, dass einer der gefährlichsten Mörder ihn tödten zu wollen drohe; er lässt ihn zu sich kommen, giebt ihm eine Pistole in die Hand und fordert ihn auf, auf ihn zu schiessen. Aber der Mörder erbleicht und zittert und wird vom Direktor unter Ohrfeigen hinausgeworfen. In ähnlicher Weise schloss sich Elam Linds eines Tages mit einem grausamen Galeerensträfling, der ihm den Tod geschworen hatte, in ein Zimmer ein, Hess sich von ihm rasiren und entliess ihn mit den "Worten: „Deine Pläne waren mir wohlbekannt; aber ich verachte dich zu sehr, um dich für fähig zu halten, sie auch zur Ausführung zu bringen. Allein und unbewaffnet bin ich stärker, als ihr Alle zusammen." Lombkoso, Der Verbrecher. I. 20 306 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Dieser selbe Elam unterdrückte einen Aufstand von Gefangenen, indem er unbewaffnet mitten unter sie trat. In Sing-Sing arbeiteten 900 Gefangene ohne Fesseln auf freiem Felde unter der Aufsicht von nur 30 Wächtern, „denn ein Bösewicht ist ein ausserordentlich feiger Mensch" sagte der berühmte Gefängnissdirektor. [Systeme penitentiaire par MM. Beaumont et Tocqxjeville. 1837. I. 183, II. 160.) Lacenaire verlor den Kopf beim geringsten Hinderniss und rief aus: Rette sich, wer kann! Der Sphygmograph hat uns gezeigt, welch' tiefen Eindruck der Anblick eines gezückten Dolches oder einer Pistole auf zwei Verbrecher hervorbrachte, die doch an die Handhabung dieser Mordinstrumente gewöhnt waren; der lebhafteste körperliche Schmerz berührte sie viel weniger. Wahrscheinlich also sind die muthigen Handlungen der Verbrecher mehr die Folge von Unempfindlichkeit und kindischem Ungestüm, die ihnen die sichere Gefahr verbirgt und sie blind macht, wenn es gilt, ein Ziel zu erreichen oder eine Leidenschaft zu befriedigen. 5. Geringfügige Veranlassung. — Diese Unempfindlichkeit, die ihnen den Ernst des Todes Anderer, sowie des eigenen verbirgt, im Verein mit der Heftigkeit ihrer Leidenschaften erklärt das Missverhältniss, das zuweilen zwischen dem Verbrechen und seinem Beweggrunde besteht. Ein Sträfling tödtete z. B. einen seiner Mitgefangenen, weil dieser zu laut schnarchte (Latjveröne, S. 108). In der Strafanstalt in Alessandria tödtete ein Gefangener einen seiner Gefährten, der sich geweigert hatte, ihm die Stiefel zu putzen. Im Mailändischen wurde kürzlich ein Mord begangen wegen einer Schippe Dünger; desgleichen in Calabrien im Streit um 5 Centimes. Diese moralische und körperliche Unempfindlichkeit des Verbrechers erklärt die Grausamkeit von Individuen, die zuweilen der Güte zugänglich zu sein scheinen. 6. Schlussfolgeruug. — Wir schliessen damit: Die Gefühlsverirrung charakterisirt den Verbrecher sowohl als auch den Geisteskranken, und wenn auch neben einem hohen Grade von Intelligenz verbrecherische Neigung oder Wahnsinn vor- Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande. 307 kommen können, so ist es doch nicht leicht der Fall bei einer normalen Gemüthsstimmung. (Puölia : Archiv, di Psich. III. 392; Poletti: 11 sentimento del diritto pendle. 1887. 2. Aufl.) Dies stimmt mit einer Thatsache überein, die unseren Lesern jedenfalls gleich in den ersten Kapiteln dieses Buches aufgefallen ist, nämlich dass bei unseren Verbrechern an Gesicht und Augen häufiger Abweichungen vorkommen als am Schädel. In der That stehen die Anomalien der Intelligenz mehr in Beziehung zu denen des Schädels und die Anomalien des Gefühls zu denen des Gesichts und besonders der Augen. Aber dieser Gegenstand ist von zu grosser Wichtigkeit, um nicht in den nächsten Kapiteln noch einmal darauf zurückzuko mmen. Viertes Kapitel. Der Selbstmord bei den Verbrechern. 1. Die Gefühllosigkeit erklärt auch eine Erscheinung, die oftmals den Verbrecher als solchen erkennen lässt, wie Morselli in seinem Buche 11 suicidio, 1779, nachweist, —■ ich meine das häufige Vorkommen des Selbstmordes. Der Verbrecher unterliegt in Bezug auf den Selbstmord denselben Gesetzen wie die übrigen Menschen. Es steht fest, dass Selbstmord im Sommer besonders oft vorkommt; dass seine Opfer vorzugsweise dem männlichen Geschlechte angehören, unter Junggesellen und Witwern zwischen dem einundzwanzigsten und einunddreissigsten Lebensjahre; dass er bei den civilisirten Völkern, auch bei denen, wo er schon sehr verbreitet war, wie in Sachsen, Dänemark und Holland, häufiger geworden ist. Zum grossen Theil, bei ca. 33%, wird die Neigung dazu durch Nervenleiden oder Geisteskrankheiten begünstigt. (Morselli, 1. c.) Die Ursache ist also fast überall dieselbe. Der Unterschied liegt also nur in der grösseren Häufigkeit. Von 100 000 Individuen, die sich entleibt, kommen 20* 308 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. auf auf freie Gefangene Bevölkerung in Italien....... 17,0 6,2 „ Holland...... 130,0 12,0 „ Norwegen.... 74,0 9,4 „ England...... 28,0 6,9 2. Gefängnisse. Lange Haft. — Man hüte sich, bei den so häufigen freiwilligen Todesfällen den Kummer, den das Strafurtheil verursacht, die Leiden, die aus einer laugen Haft entstehen, oder die Entbehrung aller Gesellschaft für den einzigen Beweggrund zu halten. Allerdings sind die Selbstmorde zahlreicher in den Zellengefängnissen als in denen, wo die Gefangenen nicht abgesondert sind; aber in ersteren gehören die meisten, die dorthin kommen, der Kategorie (Statistique penitentiaire Internat. Rom 1874) der Angeklagten an (Italien 38%), und bei den Verurtheilten findet der Selbstmord fast immer, wenn nicht ausschliesslich, in den ersten Monaten der Haft statt. Von in den verschiedenen Gefängnissen Europas im Jahre 1872 stattgefundenen Selbstmorden [Statist, intern. Rom 1874) ereigneten sich: 11 während des ersten Halbjahres der Haft 7 „ „ „ Jahres „ 7 „ „ zweiten „ „ „ 7 „ „ dritten „ „ „ 4 nach dem dritten Jahre der Haft. Die Zahl der Selbstmorde bei den Verbrechern ist in den Gerichtsgefängnissen viel grösser als in den Zuchthäusern, und zwar sind darunter hauptsächlich Personen, die sich nur leichten Strafen zu unterziehen haben. Schon Mancher, der zu nur 14tägiger Haft verurtheilt war, hat sich das Leben genommen. Diese Zahl müsste verdreifacht werden, wollte man die zahlreichen Selbstmordversuche mit dazurechnen, die in den Gefängnissen Englands auf das Dreifache, bei uns auf das Doppelte der vollführten Selbstmorde (86—168) sich belaufen. Augenscheinlich hat die Häufigkeit des Selbstmordes bei den Verbrechern in der ersten Zeit ihrer Haft, selbst vor dem Urtheil, oder infolge einer leichten Verurtheilung ihre besonderen Gründe. — Der erste ist die Gefühllosigkeit, der fehlende Viertes Kapitel. Der Selbstmord. 309 Selbsterhaltungstrieb, wovon wir weiter oben so viel Beweise beigebracht haben, wie es auch deutlich in dem schrecklichen Verfahren der Verbrecher bei ihren Selbstmorden zu Tage tritt. 3. Dazu kommt Unbesonnenheit und Ungeduld, die den Verbrecher beherrschen. Ein selbst kleines Uebel, welches aber voraussichtlich lange dauert, scheint ihnen unerträglich, sie ziehen demselben ein viel ernsteres Uebel vor, das sie schnell trifft; denn der Tod scheint ihnen leichter zu ertragen, als die Unmöglichkeit, ihre augenblicklichen Leidenschaften zu befriedigen. „Ich sage der Welt Lebewohl, denn mit einer Leidenschaft zu leben ist schlimmer als tausendfacher Tod," schrieb Delitala, bevor er den Mord beging, nach welchem er sich tödtete. Mackenzie Hess ein junges Mädchen ermorden, das er nicht hatte verführen können, zeigte dann seinen Mitschuldigen an und nahm sich das Leben. Man erzählt, dass ein Schiffsjunge tags vor seiner Freilassung sich erhängte, indem er zu einem seiner Mitgefangenen sagte: „Es ist zu langweilig, wir sollten uns erhängen." Ebenso verhielt es sich mit dem Tode Fusils, auf den wir nochmals zurückkommen. (Kap. V.) Einige dieser Verbrecher, insbesondere die Alkoholisten, nehmen sich fast automatisch das Leben, so zu sagen ohne Ursache, aus reiner Laune. Dies ist der Fall mit Jenem, der sich das Leben nahm, weil seine Zelle schlecht gepflastert war. Einer war auf eine Leiter gestiegen, um zu einem offenen Fenster zu gelangen, als ihm in den Sinn kam, sich hinunter zu stürzen; bis dahin hatte er nie an Selbstmord gedacht. Die Marquise von Brinvilliers versuchte es mehrere Male sich zu tödten; einmal vergiftete sie sich, um die Heilkraft ihrer Gegengifte zu prüfen (ein sonderbarer Beweis von Ungeduld bei Leuten dieser Art); das andere Mal, um Sainte- Croix einen Beweis ihrer Liebe zu geben. Ebenso war es mit der Gras und dem berüchtigten Dr. Demme; Giftmischer und Dieb, tödtete er schliesslich seine Maitresse, ein ganz junges Mädchen, wahrscheinlich mit demselben Gifte, das ihm dazu gedient hatte, den Vater aus dem Wege zu räumen, und nahm sich dann selbst das Leben. 310 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 4. Beziehungen zum Verbrechen. — Es ist leicht begreiflich, warum Leute, die sich durch Leidenschaft zum Verbrechen hinreissen lassen, mehr zu Selbstmord neigen als andere Uebelthäter. Theils werden sie durch Gewissensbisse, theils auch durch den Verlust des geliebten Gegenstandes dazu getrieben. Für alle Schuldigen ist der Selbstmord bald ein Sicherheitsventil, bald ein das Verbrechen ersetzender Akt. Für Manche ist er gewissermaassen ein Mittel vor oder nach Ausführung einer Unthat, sich vor sich selbst oder in den Augen Anderer zu rechtfertigen, wo er dann entweder als Beweis für die unwiderstehliche Gewalt der sie beherrschenden Leidenschaft oder für die Stärke der sie folternden Gewissensbisse gilt. Dass das Verbrechen wirklich iu enger Beziehung zu der Neigung zum Selbstmord steht, haben Lacenaire und die Trossarello seihst ausgesprochen. „Es kam ein Tag, an dem mir keine andere Wahl blieb, als zwischen Selbstmord und Verbrechen. Ich fragte mich, ob ich mich oder die Gesellschaft opfern wolle, und als ich mich gegen letztere entschieden hatte, traf ich sie. Die Trassorello sagte nach einem Selbstmordversuch zu einer ihrer Gefährtinnen (zur Tabasso): „Diesmal habe ich versucht, mich zu tödten, nächstes Mal werde ich ihn tödten." Auf Grund der Berichte über das Justizwesen von 1882 hat Despine einen wirklichen Gegensatz zwischen Verbrechen und Selbstmord nachgewiesen. In den 4 französischen Departements, die auf 100 Angeklagte die meisten Attentate gegen Personen geliefert haben, hat er nur 14 Selbstmorde unter 460000 Einwohnern gefunden, in den 14 jedoch, in welchen diese Attentate am seltensten waren, kamen 14 Selbstmorde auf 170000 Einwohner. Oorsica, das durch seine Mordtraditionen bekannt ist, hat auf 100 Angeklagte 83 Attentate und 1 Selbstmord auf 25000 Einwohner. Im Departement der Seine betreffen unter 100 Streitsachen nur 17 die Klage auf Mord, und rechnet man 1 Selbstmord auf 2341 Einwohner. Desgleichen macht sich in Russland die Neigung zum Viertes Kapitel. Der Selbstmord. 311 Selbstmord, besonders im Nordwesten, bemerkbar, wo die Morde seltener sind. In den Ostseeprovinzen kommen 65 Selbstmorde auf eine Million Einwohner und 102 auf Petersburg. 5. Antagonismus. — Es ist nun erklärlich, warum die Socialstatistik (Oettingbn) eine Art Gegensatz zwischen den Zahlen der Attentate und der Selbstmorde annimmt, und warum letztere seltener sind in wärmeren Ländern, wo Attentate sehr häufig vorkommen, z. B. in Spanien, Oorsica, in den südlichen Provinzen und auf den Inseln des Königreichs Italien, während hingegen in Nord- und Mittelitalien vielen Meuchelmorden durch den Selbstmord sozusagen vorgebeugt wird. Dies macht es uns begreiflich, warum Vergehen und Ueber- tretungen im Innern der Gefängnisse — wie man weiter unten sehen wird — in den Ländern weniger zahlreich sind, in welchen die meisten Selbstmorde begangen werden. Dasselbe lässt sich im allgemeinen für die civilisirtesten Länder und Jahrhunderte behaupten. In demselben Verhältniss, wie die Pflege des Geistes zunimmt, steigt die Zahl der Selbstmorde (sie hat sich in Frankreich von 1826—1866 fast verdreifacht) und die der Morde fällt. Es leuchtet das um so mehr ein, wenn man sieht, dass die grösste Zahl der Selbstmörder dieser Kategorie sich aus Denen rekrutirt, welche Attentate gegen die Person (24 in Italien), oder gegen die öffentliche Ordnung (12), oder auch gemischte Verbrechen begangen (12); viel weniger (18) aber aus Denen, die sich gegen das Eigenthum vergangen haben. Sehr natürlich ist es, dass mit der Abnahme der Mörder infolge der ausserordentlichen Zunahme der Selbstmorde auch die Zahl der Attentate gegen die Person abnehmen. Wenn die Marquise von Brinvilliers, Lacenaire und Misdea sich wirklich das Leben genommen hätten, als sie es versuchten oder es zu thun im Sinne hatten, würden viele ihrer Opfer verschont geblieben sein. 6. Indirekter Selbstmord. — In gewissen, allerdings seltenen Fällen leitet gerade der Selbstmord zum Verbrechen, statt demselben vorzubeugen. Feige, in hohem Grade abergläubische Wesen, die gern sterben möchten, tödten, um selbst 312 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. getödtet zu werden. Auf diese Weise vermeiden sie, sich, selbst das Leben zu nebmen, und erbalten beim Sterben den Beistand der Kirche. Fürwahr, eine eigenthümliche Art von Selbstsucht und religiöser Leidenschaft I Despine hat einige solcher Begebenheiten gesammelt (IL 550); Briere de Bois- HONT erwähnt auch einige in seinem Buche Du Suicide. Ein anderes Mal, wie es mit Nagral der Fall war, begeht man einen Mord, weil man lebensmüde ist und es Einem an Muth und Kraft gebricht, sich zu entleiben. Dies war, wie es scheint, der Beweggrund zu dem Königsmord, den Passa- nante versuchte. (Vgl. Lombroso : Su Passanante. Neapel 1880.) 7. Scheinselbstmorde. — Der Mensch besitzt einen natürlichen Hang, Handlungen nachzuahmen oder zu erheucheln, zu denen er am meisten Neigung hat; deshalb geben viele Schuldige vor, sich tödten zu wollen, während sie sich doch nur unbedeutende Wunden beibringen. Nicolson behauptet sogar, dass von 3 im Gefängniss versuchten Selbstmorden 2 auf Verstellung beruhen. Schliesslich kommt er sogar zu der Vermuthung, dass mehrere der genannten Selbstmorde dieser Kategorie angehören, und er erwähnt einen Fall, wo ein Individuum sich in der Zeit erhängte, wo die Wache kommen musste, und nur infolgedessen wirklich starb, dass die Kunde zufällig verzögert wurde. (Journal of mental sience. 1872.) Ich möchte hier an den Fall des Dr. Brancard erinnern, der nicht nur einen Selbstmord fingirte und an seine Eltern, seine Freunde und an seinen Bruder schrieb, um ihnen seinen Hund, seinen einzigen Freund, anzuempfehlen, sondern auch seine Grabschrift fertig hinterliess: „Hier ruht ein unglücklicher Franzose, Jules Brancard. Viel Unglück traf ihn in seiner Jugend. Stets nagte der Kummer an ihm. Vorübergehende, weint ihm eine Thräne nach." — Ich erinnere noch an die Dublasson, eine Giftmischerin und Ehebrecherin, die sich zur Zeit ihrer Verhaftung mit ihrem Manne . vergiftete, der ihr Mitschuldiger bei ihren Verbrechen und Ausschweifungen gewesen; aber sie hatte zuvor mehrere Briefe an ihre Freunde geschrieben, in der Hoffnung, dass sie ihr rechtzeitig zu Hülfe kämen, wie es denn auch wirklich geschah. — Ebenso hat es Viertes Kapitel. Der Selbstmord. 313 kürzlich die Trossarella gemacht. Derartig waren mindestens zwei der zahlreichen Tödtungsversuche der Marquise von Brin- villiers. Ehe David seine Schwägerin tödtete, die seine Liebe verschmähte, hatte er mehrmals zu ihr und anderen Personen die Absicht, sich umzubringen, geäussert; er schrieb ihr sogar: n Ich umarme dich, ehe ich sterbe." Nach dem Morde verwundete er sich durch einen Pistolenschuss, damit man glauben sollte, er habe sich das Leben nehmen wollen; aber als die Leute, die ihn festnehmen mussten, ihm aus Mitleid den Vorschlag machten, sich von der Brücke hinabzustürzen, schlug er es ab, indem er vorgab, es wären zu viele Menschen da! Der Beweggrund dieser eigenthümlichen Neigung bei Gefangenen ist oft Rachsucht. Sie haben es auf die Aufseher und den Direktor abgesehen; sie glauben Jene in den Verdacht zu bringen, Schuld an ihrer Verzweiflung zu sein, und hoffen dadurch wenigstens in ein anderes Gefängniss zu kommen; vor allem aber werden sie dazu durch den Bang zur Verstellung getrieben, der die Gefängnisse oft in wirkliche Theater verwandelt. Für Diejenigen, die noch nicht verhaftet waren, ist es ein um so gesuchteres Mittel, als es besser zu der Beftigkeit und zu dem Ungestüm ihres Charakters passt, wenn sie ein bestimmtes Ziel erreichen, vor Anderen oder sich selbst einen Mord rechtfertigen oder einen Kampf simuliren wollen, wie Ceccarelli, der verhaftet wurde, als er im Begriffwar, sein Opfer zu berauben; oder um sich der Gerechtigkeit zu entziehen, wie es Brancard gelang. Der vorgegebene Selbstmord ist in diesem Falle ein im Jenseits gesuchtes Alibi. Bei manchen Gelegenheiten, sagt Nioolson, machen es die Verbrecher gerade so wie verzogene Kinder, die dadurch, dass sie sich zu tödten oder zu verwunden vorgeben, ihre Eltern zwingen wollen, ihren Launen nachzugeben. 8. Doppelselbstmorde. — Doppelmorde und -Selbstmorde gehören hauptsächlich den Verbrechen aus Leidenschaft an und sind zumeist das Endergebniss einer unglücklichen Liebe. Man trifft sie bei jungen unverheiratheten Leuten, besonders bei Soldaten, zuweilen auch bei Leuten in reiferem Alter; dann sind sie öfter Folge von Kindesliebe. 314 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Der Korporal Benouard, 23 Jahre alt, hatte sich in ein Blumenmädchen verliebt und mit ihr alles verthan, was er besass. Als er ohne Mittel war, fragte er seine Geliebte, wie weit sie ihm wohl folgen möchte, und da sie antwortete: „Bis in den Tod", bereitete er alles zu einem Doppelselbstmorde vor. Einige Tage darauf tödteten sie sich. In einem Briefe, den man auf dem Tische fand, sagten sie ihren Freunden Lebewohl. Der Vater dieses Unglücklichen und eine seiner Schwestern hatten sich auch schon das Leben genommen. Ergreifender noch ist der Fall des Militärarztes Bancal. Als er von einer langen Dienstreise zurückkehrte, fand er seine ehemalige Braut verheirathet. Ihre Liebe erwachte von neuem, und um der Schande zu entgehen, weihten sie sich einem gemeinsamen Tode, den sie tagelang vorbereiteten. Der Unglückliche lebte trotz erneuter Versuche weiter; er wurde vom Gericht freigesprochen. Eine junge Frau aus Deptford, unweit London, Sarah Dickenson, fand man eines Tages verwundet neben ihren beiden Kindern liegen. Sie hatte die Kleinen erwürgt, um sie dem Elend zu entziehen, das infolge einer langen Krankheit ihres Vaters über die Familie hereingebrochen war. Sie hatte dann versucht, sich selbst zu tödten, aber der Muth hatte ihr gefehlt, um es zu Ende zu führen. Der hinzugerufene Arzt erklärte, dass sie an periodischem Wahnsinn leide. Zuweilen, aber selten, gesellt sich der Doppelselbstmord auch zum Verbrechen und wird eins mit demselben, wie es bei Demme der Fall war. Es sind dies dann Menschen, die durch Selbstmord einer entehrenden Strafe entgehen wollen und ihre liebsten Freunde fortreissen, ihr Schicksal zu theilen; diese Vereinigung lässt ihnen den Schritt leichter erscheinen, der Tod kommt ihnen weniger schmerzlich vor, wenn sie keines der geliebten Wesen zurücklassen. 9. Irre Verbrecher. — Der Selbstmord ist also bei Verbrechern aus Leidenschaft häufiger als bei denen, die nicht solche Entschuldigung haben; noch öfter kommt er bei irren Verbrechern vor. Das ist nicht zu verwundern. Da der Selbstmord bei Verrückten häufig ist (ungefähr 1 /b) und bei Viertes Kapitel. Der Selbstmord. 315 den Verbrechern fast ebenso, so muss er erst recht bei Denen zu finden sein, die gleichzeitig V T erbrecher und Verrückte sind, besonders wenn eine heftige Leidenschaft sie beherrscht. So war es der Fall mit Palmerini, einem verrückten Strassenräuber, der 3 mal versuchte, sich das Leben zu nehmen; desgleichen mit Monalia, einem halb Verrückten, der 128 Verbrechen begangen haben wollte und nur 40 wirklich begangen hatte; desgleichen mit Busalla, der nach der Ermordung seines Bruders sich zu ertränken versuchte, und ehe er sich ins Wasser stürzte, fragte, ob sein Opfer todt wäre. „In diesem Falle ertränke ich mich, lebt er aber, dann ziehe ich einen Advokaten zu ßathe." Schliesslich mit Delitala, einem ganz oder halb Verrückten, der sich 3 Kugeln in den Kopf jagte, nachdem er die zahlreichen Verbrechen, von denen weiter unten die Rede sein wird, begangen hatte. Das Gleiche lässt sich von Valessina und Calmano sagen, diesen durch Alkohol verthierten Individuen, welche ihr ganzes Geld vergeudeten und sich auf ihre Kinder stürzten, sie mordeten und dann sich zu tödten versuchten. Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften bei den Verbrechern. 1. Gefühle. — Ein grosser Irrtbum würde es sein, wollte man bei den Verbrechern alle Gefühle für erloschen halten; viele sind jedenfalls verschwunden; manche jedoch scheinen noch vorhanden zu sein. Nachdem Troppmann eine ganze Familie umgebracht hatte, weinte er, als seine Mutter erwähnt wurde. Incestuöse Liebe zu seiner Schwester brachte Martinati dahin, seine Frau zu erwürgen. Bezzati liebte seine Frau und Kinder; Fieschi hatte Neigung zu seiner Geliebten und seinem Advokaten Lachaud. Die Sola, die, wie sie sagte, ihre Kinder nicht mehr als Katzen liebte, und die ihren Geliebten ermorden Hess, hatte eine Neigung zu ihrer Mitschuldigen Azzario und that wirkliche 316 Dritter Theil. Biologie und Physiologie des Verbrechers. "Werke der Barmherzigkeit; sie brachte z. B. ganze Nächte am Bette Sterbender zu. Am selben Tage, wo Lacenaire die Cbardon tödtete, wagte er sein eigenes Leben, um eine Katze zu retten, die eben von einem Dacbe stürzen wollte (Memoires de Claude. XXI.); auch schonte er Scribe, der ihm zu Hülfe gekommen war. Die Zigeuner, diese geborenen Verbrecher und Spitzbuben, hängen sehr an ihrer Familie, und ihre Frauen haben in gewissen Gegenden (in Indien nicht) ein auffallendes Schamgefühl. „Die laclci (Jungfrauschaft) ist das Kostbarste, was du besitzest . . . nun geh und stiehl," sagen die Mütter zu ihren Töchtern. Aus Liebe zu ihrem Sohne, der im Bagno war, wurde die Noöl, die berühmte Klavierspielerin, die Beschützerin und, wie man sie nannte, die Mutter der Diebe. Dem Mörder Moro machte es Vergnügen, seine Kinder zu waschen und anzukleiden. Feron ging, gleich nachdem er einen Mord begangen hatte, zu den Kindern seiner Geliebten und bewirthete sie mit Leckerbissen. Maino della Spinetta war ein leidenschaftlicher und treuer Gatte; seiner Frau wegen wurde er gefangen genommen. Der schreckliche Spadolino wurde Räuber, Norcino Dieb, Oastana und la Pommerais 1 Giftmischer, Montely Mörder um ihrer Frauen willen. Der grausame Franco dachte während seines Processes nur daran, wie er seine Geliebte retten könnte, durch deren Vermittlung er verhaftet war; im Gefängniss liess er sich mit ihr Hand in Hand photographiren. Holland gestand, den Mord nur deshalb begangen zu haben, um Frau und Kind, die er liebte, zu bereichern: „Für mein armes Kind habe ich es gethan," sagte er. Die Worte des Mörders de Cosimi kann man nicht ohne Staunen lesen: „Meinem Kindchen viele Küsse; es wird rechtschaffen werden, wie sein Vater, denn wie der Vater so der Sohn." Parbnt-Duchatelbt hat gezeigt, dass es unter den öffentlichen Mädchen, „die sich grösstentheils" von allen Fa- 1 Seine letzten Worte waren: „Für Clotilde.' Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 317 milienbanden frei machen, doch einige giebt, die ihre Kinder, ihre alten Eltern und ihre Gefährtinnen durch ihr Gewerbe ernähren. Sie haben ausserdem eine grosse Leidenschaft für ihre Geliebten, weder schlechte Behandlung, noch Schläge können sie von ihnen trennen. Zu den allerdings seltenen Beispielen von Handlungen, die eine gewisse Herzensgüte und vornehme Empfindung der Verbrecher zu bekunden scheinen", wie Paul Lindau, der feine Beobachter und Schilderer psychologischer Vorgänge, der uns darauf aufmerksam zu machen die Güte hatte, sich ausdrückt, gehört auch der Fall des Mörders Schunicht, der eine seiner früheren Geliebten auf die brutalste Weise, mit geradezu schauerlicher Kaltblütigkeit ermordet und danach das Haus schon verlassen hatte, als ihm einfiel, die Leiche könne möglicherweise wochenlang unentdeckt bleiben, in welchem Falle der Kanarienvogel der Ermordeten verhungern würde. Seh. kehrte also um, streute dem Kanarienvogel reichliches Futter hin, öffnete Bauer und Fenster im Nebenzimmer, so dass der Vogel für die nächsten Tage genügende Nahrung im Zimmer fand und im schlimmsten Falle davonfliegen konnte. — In einem anderen Falle hatte ein Mörder einem Säuglinge die Flasche gereicht, dessen Mutter er eben ermordet hatte. 2. Unbeständigkeit. — Wenn gleichwohl bei den meisten Verbrechern noch noble Gesinnungen sich einstellen, so haben diese doch stets einen krankhaften Anstrich und sind unbeständig und wechselnd. Sie brechen plötzlich hervor wie aus einem Vulkan. Pissembert vergiftete seine Frau um einer platonischen Liebe willen. Die Marquise von Brinvilliers tödtete den Vater, um den Geliebten zu rächen, die Eltern, um die Söhne zu bereichern. Mabille beging aus Liebe zu einigen Gasthausbekannten einen Mord. Ein gewisser Maggin sagte zu mir: „Der Grund zu meinen Verbrechen ist ein zu grosser Hang zur Freundschaft; ich kann keinen selbst fernstehenden Freund beleidigen sehen, ohne nach dem Messer zu greifen, um ihn zu rächen." 318 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Beispiele von der geringen Beständigkeit dieser Gefühle selbst bei Denen, die lebbaft davon durchdrungen zu sein scheinen, sind folgende: Gasparone, der zum ersten Morde durch die grosse Liebe zu seiner Maitresse getrieben wurde, und der kurze Zeit darauf diese Frau tödtete, weil sie einen geringen Vorwurf gegen ihn äusserte; Thomas, welcher seine Mutter rasend liebte und sie dennoch in einem Zornanfall von einem Balkon hinabstürzte. Martinati hatte lange Jahre hindurch die Frau geliebt, von der er sich zwei Monate nach der Hochzeit schon wieder trennen wollte. Die Prostituirten lassen sich von ihren Geliebten bis aufs Blut schlagen, aber später genügt der geringste Vorwand, um von ihnen zu gehen; und sie bezeigen Anderen dieselbe glühende Liebe. Parent fand einige unter ihnen, die wohl 30 mal die in die Haut gezeichneten Anfangsbuchstaben ihrer Geliebten geändert hatten. 3. Eitelkeit. — Statt der bei den Verbrechern erloschenen oder unbeständigen Gefühle für Freundschaft und Familie sind andere tief wurzelnde bei ihnen zu finden. Obenan steht der Hochmuth, oder besser gesagt, ein hohes Gefühl ihres persönlichen Werthes, das in dem Maasse sich steigert, wie das Verdienst abnimmt; als ob in der Seele sich das Gesetz der Reflexbewegungen wiederholte, die um so lebhafter werden, je geringer die Thätigkeit der Nervencentren ist, nur dass dasselbe hier riesige Verhältnisse annimmt. Die Eitelkeit der Verbrecher geht noch über die der Künstler, der Schriftsteller und die der galanten Frauen. In der Zelle la Galas habe ich folgende, von ihm selbst angebrachte Inschrift gelesen: „Heute, am 24. März, hat la Gala Strümpfe stricken gelernt." Crocco suchte seinen Bruder zu retten, „denn sonst," sagte er, „stirbt das Geschlecht der Crocco aus." — Das Todesurtheil regte Lacenaire weniger auf, als der Tadel seiner schlechten Verse und die Furcht vor der allgemeinen Verachtung. „Den Hass fürchte ich nicht, wohl aber verachtet zu werden." Seiner Eitelkeit genügen, in der Welt glänzen, eine „Rolle in der "Welt spielen" zu wollen, das ist der gewöhnlichste Grund der modernen Verbrechen. FünfteB Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 319 Denaud hatte seine Frau und seine Maitresse ihren Mann getödtet, damit sie sich heirathen und so ihren Ruf in den Augen der Welt retten könnten. Das leidenschaftliche Verlangen, Schulden zu bezahlen, gab Veranlassung zu dem vom Grafen de Faella begangenen Morde. (S. Ar eh. di. Psich. III.) — Trägt ein berüchtigter Dieb eine besondere Art Kra- vatte oder Weste, so ahmen seine Kollegen diese Mode nach. Vidocq bemerkte in einer Bande von 22 Dieben, die am selben Tage verhaftet wurden, 20 mit gleichen Westen. 4. Stolz auf Verbrechen. — Jene Menschen sind stolz auf ihre Kraft, ihre Schönheit, ihren Muth, auf ihre unrechtmässig erworbenen, vergänglichen Schätze und, was noch seltsamer und erstaunlicher ist, auf ihre Geschicklichkeit im Verbrechen. „Im Anfange," schrieb der ehemalige Sträfling Vidocq, „suchen die Verbrecher ihre That zu beschönigen, aber weiterhin auf ihrer verhängnissvollen Bahn rühmen sie sich ihrer Verbrechen." An einer anderen Stelle sagt er: „In der Gesellschaft fürchtet man die Ehrlosigkeit; unter Ver- urtheilten erröthet man nur über eins, und zwar darüber, nicht ehrlos zu sein; das grösste Lob, welches man hier Einem er- theilen kann, besteht darin, für einen Mörder zu gelten." In einer Stadt der Romagna wurde ein höchst sanft- müthiger Pfarrer ermordet. Feinde besass er nicht, der Thäter war nicht zu finden. Es war ein ganz junger Mann, fast noch Kind, der seine Kameraden auf diesen unschuldigen Priester aufmerksam machte, als er aus der Kirche trat und ihn wenige Minuten danach am hellen Tage tödtete, aus dem einzigen Grunde, um ihnen sozusagen seine verbrecherische Reife zu beweisen, um zu zeigen, dass er im stände sei, Jemand zu morden. In England sind die Diebesbanden aufeinander eifersüchtig. Eine sucht die andere zu übertreffen, und wenn es anginge, würden sie ihre Herausforderungen in die Zeitung einrücken lassen. Man weiss, dass die Prostituirten gewisse Rangstufen in ihrem Gewerbe haben, dass sie immer der höchsten Stufe anzugehören behaupten, und dass das Wort: „Sie ist für 20 Sous 320 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. zu haben," für sie der grösste Schimpf ist. Ebenso ist es in den Zuchthäusern. Wer Tausende gestohlen hat, blickt mit Verachtung auf den armen Taschendieb. Die Mörder halten sich, wenigstens in Italien, für etwas Besseres als die Diebe und Betrüger; sie sind stolz auf die Mütze, die sie von Jenen unterscheidet, während die Diebe die ihrige möglichst verbergen. Die Falschmünzer ihrerseits verachten die Mörder und gehen ihnen aus dem Wege. In London haben die Strassenräuber nur Verachtung für die gewöhnlichen Diebe, die sie ganofs nennen. Einer von ihnen, der sich von Letzteren fern hielt, sagte: „Ich bin ein Dieb, aber Gott sei Dank ein ehren- werther Mann." (Lbdru-Rollin : De la decadence de VAng- letcrre. 1850). Die Diebe halten es für unter ihrer Würde, geringwerthige Gegenstände zu stehlen; oft ist es viel mehr Eigenliebe als Noth, was sie zum Bösen treibt. (ViDOCQ: Sur les moyens de dominer le crime. 1884.) Vasko hatte mit 19 Jahren eine ganze Familie ermordet, Er freute sich, als er hörte, dass ganz Petersburg sich mit ihm beschäftigte. „Nun können meine Schulkameraden sehen, ob sie mit ihrer Behauptung recht hatten, dass ich nie von mir reden machen würde." Ein gewöhnlicher Spitzbube rühmte sich vor Gericht eingebildeter Verbrechen, um für einen grossen Mörder zu gelten. Mottino und Rougel brachten ihre Missethaten in holperige Verse. Lemaire, de Marsilly, Vidocq, Winter, de Cosimi, die Lafarge und Oollet haben Memoiren hinterlassen. „Wie sehr stehen doch die Räuber von heutzutage denen meiner Zeit nach!" sagte Gasparone. Damals standen sie in ihrer schönsten Blüthe, sie kümmerten sich nicht um Politik, sie arbeiteten aus Liebe zum Handwerk!" (Arch. di psich. e sc. pen. III. 276.) Die ausserordentliche Eitelkeit ist der Grund, warum sie mit unbegreiflicher Unvorsichtigkeit von ihren Missethaten vor und nach deren Ausübung reden und damit der Gerechtigkeit in die Hände fallen. Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 321 Philippe sagte kurz nach seinen eigenthümlichen Mord- thaten zu einer seiner Geliebten: „Ja, ich liebe die Frauen, aber auf ganz besondere Art; ich erwürge sie, wenn sie mein waren; es macht mir Vergnügen, ihnen den Hals abzuschneiden. Ja, bald wirst du von mir reden hören!" Ehe Lachaud seinen Vater tödtete, auf den er einen grossen Hass hatte, erklärte er seinen Freunden: „Heute Abend grabe ich ein Grab für meinen Vater, dort soll er ewig ruhn." Villet erzählte im voraus von den Feuersbrünsten, die er anlegen wollte. Ein anderer Vatermörder, Marcellino, sagte kurz bevor er seinen Vater tödtete: „Lasst ihn nur vom Felde kommen, er muss dran glauben." Berard hatte mit folgenden Worten sein letztes Verbrechen, den Mord von drei reichen Bürgern, angedeutet: „Ich werde etwas Grosses vollbringen, oh, man soll von mir reden." Ehe der kaltblütige und schweigsame Gallarati den Studenten traf, den er ermorden sollte, zeigte er in einem Laden und recht auffällig einem Manne, den er für einen Polizisten hielt, das Instrument, mit welchem er den Mord begehen wollte. — Die Giftmischerin Buscemi unterzeichnete: „Deine Lucrezia Borgia." Sobbe, der Mörder des Berliner Geldbriefträgers, verbarg sich eine Zeit lang unter dem Namen Sander und verrieth seinen wirklichen Namen, indem er seinem Wirth, der nicht glauben wollte, dass er Soldat gewesen, seinen auf den wahren Namen lautenden Pass zeigte. Und dann sieht man Verbrecher, die, noch ehe ihr Verbrechen entdeckt oder sie der Schuld überführt sind, das Bedürfniss fühlen, nicht nur darüber zu sprechen, sondern es zu skizziren, um sich eine klarere und deutlichere Vorstellung davon machen zu können. So erkläre ich mir wenigstens die sonderbare Zeichnung Troppmanns, die nicht seine Unschuld, wohl aber sein Verbrechen mit Sicherheit bewies. Ein in dieser Hinsicht merkwürdiges Beispiel ist Fusil. Nachdem er seinen Gefährten getödtet, um ihn zu bestehlen, und seinen Leichnam in einem Schranke verborgen hatte, Lohbroso, Der Verbrecher. I. 21 322 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. flüchtete er nach der Schweiz. Als ihm nach einigen Tagen das Geld ausging, gab er seinen falschen Namen auf, um sich Geld schicken zu lassen, wurde festgenommen und nach Turin gebracht, und beschloss, sich am hundertsten Tage zu tödten- Erst aber brachte er auf seinen Armen Zeichnungen an, wodurch er sich, wie es scheint, ein Denkmal errichten wollte, das ihn an seine Verbrechen und an seinen Selbstmord erinnern sollte, so lange er noch lebe. Ein seltsames derartiges Beispiel ist auch folgendes: Im Jahre 1878 machte eine Diebesbande monatelang die Umgegend von Paris unsicher. Ein Diebstahl folgte dem anderen, Geldschränke wurden erbrochen, und die Thäter, Clement, Tapat und Quatrelire, entschlüpften stets den Nachforschungen der Polizei, als eines Tages ein Beamter in einer Schenke ein Lied singen hörte, das auf jenen Einbruchsdiebstahl Anspielungen enthielt und die Thäter und Hehler ganz deutlich bezeichnete. Die Schuldigen wurden festgenommen, aber man muss nicht denken, dass der Dichter Clement von nun an der Muse entsagte, die ihm so verhängnissvoll geworden; im Gegentheil, mit noch grösserer Dummdreistigkeit erzählt er in weiteren Versen, wie die Festnahme stattfand. Gleichzeitig deutet er auf eine Rache gegen die Obrigkeit hin, die er mit jenem grimmigen Hasse schildert, den die Wilden an den Tag legen, wenn sie von ihren Feinden reden. Das merkwürdigste Beispiel von allen aber, da es gleichzeitig den besten Beweis von der unglaublichen, den "Verbrechern anhaftenden Eitelkeit giebt, habe ich in einer Photographie gefunden, welche die Pavennaer Polizei in der Matratze eines jungen, des Mordes verdächtigen Mannes entdeckte. Auf die Gefahr hin, angezeigt zu werden oder dadurch selbst eine Enthüllung ihres Verbrechens herbeizuführen, hatten sich drei des Mordes verdächtige Bösewichte in der Stellung, die sie im Augenblicke des Verbrechens einnahmen, photographiren lassen. Der Process führte infolge der so häufigen Lücken in den Zeugenaussagen nicht zu einer Verurtheilung; aber wenn der Jurist es dabei bewenden lassen musste, so fand der Anthropologe in dieser Photographie eines der wichtigsten Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 323 Indicien. Man kann hieraus sehen, wie sehr es alle diese Individuen drängt, die Erinnerung an das noch kaum bekannte Verbrechen, sei es durch Worte, Schrift oder Zeichnung, zu verewigen. 5. Rache. — Die Befriedigung^ des Rachegefühls bei geringster Veranlassung ist die natürliche Folge einer so maasslosen Eitelkeit, eines so übertriebenen Selbstbewusstseins. Der Baron 0. Hess 0. ermorden, weil er bei einer Procession mit dem Bilde der Jungfrau vor seinem Palaste nicht halten Hess. Militella hatte um einer leichten Beleidigung willen geschworen, einen seiner Gespielen zu tödten, und führte es auch bald darauf aus. Als man ihm Vorwürfe darüber machte, antwortete er: „Ich habe ihn getödtet, weil er es verdiente." „Den Menschen, den man hasst, sterben zu seben," sagt Lacenaire in Versen, „ist ein göttliches Vergnügen .... hassen und mich rächen 1 das ist das Einzige, was ich wünsche." Er trug sich nur mit dem Gedanken, seine Gefährten, die ibn verrathen hatten, ins Zuchthaus zu bringen. „Die einzige Freude, die ich habe, ist die Rache; und ich habe sie erst in kleinen Zügen genossen." Nach einem unbedeutenden Wortwechsel mit seinem Freunde Foy, der ihn jahrelang erhalten hatte, versuchte der 22jährige Renaud diesen zu tödten und in den Brunnen zu stürzen. Der Verwundete fand keine Erklärung für die Ge- waltthat und verzieh ihm. Darauf sagte Renaud bei seiner Festnahme: „Man wird mich verurtheilen, aber nur Geduld; es thut mir leid, dass ich ihm nicht den Rest gegeben; wenn ich aus dem Gefängniss komme, werde ich es zu Ende führen." Und er hielt sein Versprechen, als er nach mehreren Jahren aus dem Gefängniss entlassen wurde. Scanariello liess vor seinem Tode seine Räuber schwören, gewisse Bauern zu tödten, mit denen er noch nicht abgerechnet hatte. Die Pitcherel hatte ihren Nachbar vergiftet, der sich der Heirath ihres Sohnes widersetzte. Zum Tode verurtheilt und aufgefordert, ihrem Opfer, nach dem Beispiele des Herrn, zu verzeihen, erwiderte sie: „Gott hat gethan, was ihm beliebte, ich für mein Theil verzeihe niemals." 21* 324 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Call and hatte seinem Freunde Richard den Mantel ein wenig zerrissen, als er ihn im Scherz daran zupfte, er entschuldigte sich und versprach, den Schaden wieder gut zu machen. Jener jedoch hörte ihn gar nicht an, zog sein Messer aus der Tasche und stiess es ihm in die Brust. Eine Rachethat, wie sie nur bei Wilden vorkommen kann, hat ein gewisser Moyse verübt. Von unbekannten Leuten beleidigt, erschlug er den ersten Besten, dem er begegnete. Dieselbe Rachelust zeigt sich bei den Prostituirten. „Man möchte sagen," schreibt Parent, „dass das Bewusst- sein ihres verworfenen Lebens ihren Stolz und ihre Eigenliebe aufs Höchste erregt; letztere besonders ist über alle Maassen entwickelt. Wehe dem, der sie verletzt." Ferner sagt er, die liederlichen Frauen seien fast alle zum Jähzorn geneigt, der schon bei den geringsten Veranlassungen erregt wird. Es kann sie z. B. sehr zornig machen, wenn man ihnen sagt, dass sie hässlich seien. In dieser Beziehung sind sie kindischer als Kinder; sie würden sich für entehrt halten, wenn sie sich nicht rächten. Diese Heftigkeit der Leidenschaften, besonders der Rache, die die Eigenliebe noch übertrifft, erklärt viele grausame Züge, die bei den alten Völkern und den Wilden etwas Alltägliches waren, bei uns aber vereinzelt dastehen. 6. Grausamkeit. — Jetzt ist es ziemlich selten, dass aus dem Dieb ein Mörder wird ohne besondere Ursache, oder lediglich um des Gewinnstes willen. Unter 860 Einbruchsdiebstählen, die in London binnen 10 Jahren begangen sind, finden sich nur 5, bei denen Personen verletzt oder getödtet wurden. Die Mörder, die nur morden, um zu morden, werden, nach Fregier, selbst von ihren Gefährten mit Entsetzen an gesehen. Aber sobald Rache, ungestillte Begierden, verletzte Eitelkeit ins Spiel kommen, so tauchen auch gleich die grausamen Instinkte des Urmenschen wieder auf; denn die moralische Gefühllosigkeit nimmt ihnen Scham und Mitleid, die sonst ein mächtiger Dämpfer sind. So hat denn die Grausamkeit unserer Räuber nicht nur ihren Grund in der Wildheit Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 325 der Gegenden, aus denen sie meistens stammen (die Gegenden sind immer dieselben, wie man sehen wird); sie wird auch durch Rachgier hervorgerufen. Coppa war arm und ohne Familie. Als er in die Heimath in der Uniform der Bourbons zurückkehrte, wurde er beschimpft und schliesslich von seinen Landsleuten geprügelt; er schwur ihnen Rache zu und mordete vornehmlich Leute aus seinem Dorfe. Galetto hatte eine Dirne getödtet, um sie zu bestehlen; als er weiter nichts als eine Uhr bei ihr fand, gerieth er in eine solche Wuth, dass er Stücke von ihrem Fleisch verschlang. Der Sauhirt Car- pinteri, der bis zu seinem 18. Jahre gut und folgsam gewesen, wurde in diesem Alter von einem Kameraden beleidigt; er zerdrückte ihm den Kopf zwischen zwei Brettern und wurde Räuberhauptmann. In weniger als 9 Jahren hatte er 29 Mord- thaten und mehr als 100 Einbruchsdiebstähle verübt. Wenn man einmal dies entsetzliche Vergnügen des Blut- vergiessens gekostet hat, so wird das Tödten zu einem so drängenden Bedürfniss, dass der Mensch sich nicht mehr beherrschen kann, und sonderbarerweise rühmt er sich noch seines Verbrechens, statt sich desselben zu schämen. Auch hier ist es wieder jene ausserordentliche Eitelkeit, die das Verbrechen einflösst, und die von dem Leben aller dieser Elenden unzertrennlich ist. Noch einige Beispiele: Spadolino beklagte sich, als er starb, dass er nur 99 Menschen getödtet und nicht das Hundert habe vollzählig machen können; Tortora rühmte sich, mehr als 12 Soldaten das Leben genommen zu haben; Mammone fand soviel Geschmack an Menschenblut, dass er sogar sein eigenes trank, wenn er kein anderes haben konnte. Oft handelt es sich in Fällen dieser Art auch um sinnliche Liebe, und man möchte behaupten, dass der Anblick des Blutes dieser Leidenschaft eine ganz besondere Lüsternheit verleiht. In der That folgen auf solche blutige Scenen oft die schmählichsten Ausschweifungen. Diese sind auch wohl das Werk von Leuten, die zu einem enthaltsamen Leben gezwungen sind, wie Priester, Hirten, Soldaten (Mingrot, der Pater Ceresa, der Abbe Lacollange, der Abbe Leotard, 326 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Legier), oder kaum mannbarer junger Leute, z. ß. Verzeni. Eine weitere Ursache findet man in den Gewerben, die mit Blut zu tbun haben, wie das der Fleischer, oder die zu grosser Einsamkeit verdammen, wie dasjenige der Hirten und Jäger. Hierzu kommt noch der Anblick von grausamen Handlungen, und vor allem die Erblichkeit. Carpinteri, Legier und Trim waren Hirten; Lassagna und Poncy Fleischer; Mi- litello wurde während einer Schlägerei geboren, Galletti war der Neffe Orsolatos, eines Menschenfressers. Aber die Hauptursache ist ihre körperliche und moralische Unem- pfindlichkeit. Schliesslich liegt auch eine tiefe seelische Veränderung zu Grunde, die Verbrechern und Verrückten eigenthümlich ist, und die sie ohne sichtbare Ursache oft in lebhafte Aufregung versetzt. Die Kerkermeister kennen dies wohl. „Im allgemeinen sind sie gut," sagten sie zu mir, „aber Alle haben im Laufe des Tages eine böse Viertelstunde, während welcher sie unzurechnungsfähig sind." Wir baben schon über diese Erscheinung bei Thieren und wilden Völkerstämmen gesprochen, und wird von diesen und anderen Seelenstimmungen später noch die Rede sein. Im allgemeinen ist beobachtet worden, dass die Frauen die Männer an Härte und Grausamkeit übertreffen. Die Martern, welche die Päuberinnen der Basilicata, die von Palermo und Paris erdacht haben, sind gar nicht zu beschreiben. Frauen zerhackten und verkauften die Leichen von Gendarmen; Frauen zwangen einen Mann, von seinem eigenen gebratenen Fleische zu essen; Frauen trugen auf Piken menschliche Eingeweide. Die Rulfi liess die ihr verhasste Tochter von ihrer kleinen Schwester mit Nadeln stechen; sie liess sie Hungers sterben und zwang sie, an einer wohlbesetzten Tafel zu sitzen, ohne etwas anrühren zu dürfen. — Darum giebt auch Shakespeare der Lady Macbeth einen grausameren und hartherzigeren Charakter, als ihrem mitschuldigen Gatten. 7. Wein und Spiel. — Nach der befriedigten B,achelust und Eitelkeit steht dem Verbrecher nichts höher als Wein und Spiel. Die Leidenschaft für geistige Getränke hat zwei Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 327 Seiten, sie ist gleichzeitig Ursache und Wirkung des Verbrechens. Man kann sogar sagen, dass sie in dreifacher Weise auf das Verbrechen wirkt, denn der . . . Säufer zeugt künftige Verbrecher. Gewisse Individuen thun böses, um sich die Mittel zum Trunk zu verschaffen, Andere sind feig und suchen in der Trunkenheit die zu ihrem strafbaren Unternehmen nöthige Wuth oder sehen schliesslich noch eine Rechtfertigung darin. Auch treiben frühzeitige Gelage die jungen Leute zum Verbrechen. Dann bleibt noch zu bemerken, dass das Wirths- haus der Sammelplatz der Uebelthäter ist, dass sie dort nicht allein ihre Verbrechen planen, sondern auch den Ertrag derselben vertbun. Für Viele von ihnen ist es sogar das einzige eigentliche Heim, was sie kennen. Ausserdem ist der Wirth ihr Banquier, dessen Händen sie ihren unredlichen Gewinn anvertrauen. Im Jahre 1860 gab es in London 4938 solcher Herbergen, die einzig und allein von Dieben und liederlichen Frauenzimmern besucht wurden. — Auf 10 000 Mordthaten, die in Frankreich begangen werden, kommen 2374 auf Gasthäuser (Guerry). Unter 49 423 in New York festgenommenen Individuen sind 30 507 unverbesserliche Trunkenbolde. In Albany rechnet man auf 1093 Gefangene 893 Säufer. — Um Mittag, schreibt Mathew, sind fast alle Diebe betrunken; sie erliegen denn auch diesen Lastern zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre. Vor zehn Jahren hatte sich in Turin eine Bande gebildet, lediglich um Wein zu stehlen. Dem Alkohol sind ohne Zweifel die Lähmungen und das vorzeitig auftretende Atherom zuzuschreiben, die man so häufig bei Verbrechern findet. Desgleichen bei den Prostituirten. „Die reichen Mädchen," sagt ParentJJuchatelet, „trinken zu viel Champagner, die armen Branntwein, um sich erstens die trüben Gedanken zu vertreiben, dann, um die nöthige Munterkeit zu erlangen, die ihr Schandgewerbe erfordert; beide, um es während ihrer Orgien mit ihren Liebhabern aufnehmen zu können. — Jedoch giebt es auch Ausnahmen; man trifft Diebe und Dirnen, die enthaltsam und nüchtern sind." In diesem Handwerk, sagte einmal ein Dieb zu mir, könnte man nicht arbeiten, wenn man sich nicht berauschte. 328 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Hingegen giebt es wenige Uebelthäter, die nicht grosses Vergnügen am Spiel fänden. „Diese Elenden," schreibt Frisier, „die so wenig zum Leben brauchen, werden von einer wahren Verschwendungssucht erfasst, wenn sie unverhofft in den Besitz einer grösseren Summe kommen. Die Leidenschaft für das Spiel ist die einzige, die sie bis ins Gefängniss verfolgt; man kennt Gefangene, die den Verdienst einer ganzen Arbeitswoche auf einen Schlag verloren haben und den Gewinn von einem, zwei, drei, gar vier Monaten im voraus verspielen." Hier folgen noch einige Beispiele. Die Aerzte aus dem Centralgefängniss Saint Michel sahen einen kranken Gefangenen seine kärgliche Bation Bouillon und Wein verspielen und schliesslich an Entkräftung sterben. 1 Beausegni war so aufs Spiel versessen, dass er darüber die Todesstrafe vergass, zu welcher er verurtheilt war. Es ist vorgekommen, dass in der Bande Lemaire zwei Tage hintereinander unaufhörlich gespielt wurde. (Lauvergne: Histoire des forgats. 1883.) Aus diesem Grunde vielleicht kommen nach der Kriminalstatistik in Italien X A oder 7s der Verbrechen auf den Tag, die Hälfte auf die Nacht, also auf die Zeit, die hauptsächlich dem Spiel gewidmet wird. Unter 3287 in Italien begangenen Mordthaten oder Mordversuchen sind 145 durch das Spiel veranlasst. „Die Prostituirten," schreibt Parent, „haben eine Leidenschaft für die Karten; Lotto ist ihr Lieblingsspiel." Der Fälscher Durand erzählte seinem Arzte, wie ihn seine Mutter in der Liebe zum Spiel erzogen, wofür sie alles hingab. „Hatte sie verloren, so assen wir traurig unser trockenes Stück Brot. Hier bin ich hergekommen, weil ich meine Ehre verloren habe, in der Hoffnung, das widerspenstige Glück mir hold zu machen. Für mich waren die Karten Sirenen; der Anblick eines Ooeurbuben war von magischer Wirkung auf meine Sinne; ich zog ihn dem schönsten Gemälde vor. Legte ich im Eifer des Spiels die Hand auf die Brust, so fühlte ich mein Herz ängstlich schlagen. Wandte sich das Glück gegen 1 Fregier: Des classes dangereiises. S. 102, 1840. Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 329 mich, so grub ich meine Nägel in das Meich und fühlte es nicht einmal." Die traurigen Spuren einer Wuth, die ihn von der Wiege bis zu den Galeeren geführt hatte. Die Leidenschaft des Spiels begründet jenen beständigen Widerspruch, der sich im Leben des üebelthäters zeigt. Einerseits die zügellose Gier nach der Habe Anderer, andererseits die Unbesonnenheit ohnegleichen, das unrecht erworbene Geld wieder durchzubringen. Sie erklärt es auch, warum die grösste Zahl der Uebelthäter, nachdem sie oft unglaubliche Summen im Besitz gehabt, fast immer im Elende enden. Mathbw kannte ein Genie von Dieb, der den Strafen dadurch zu entgehen wusste, dass er alle Paragraphen des Strafgesetzbuches ebenso wie die Geschichte der in den letzten 25 Jahren begangenen Verbrechen kannte, und der hatte einen Schilling zurückgelegt. Betrachtet man das Leben des gewöhnlichen Verbrechers, so bemerkt man andererseits, dass Habgier an sich nicht der Sporn zum Verbrechen ist; sie ist nur eine der Triebfedern; denn ohne Geld ist es ihm unmöglich, seinen rohen Leidenschaften zu fröhnen. Auch neigt der Geizige weniger zum Verbrechen als der Verschwender; und obwohl er weniger sympathisch ist, so steht er vom juristischen und politischen Standpunkte aus höher als Jener. Die zeitweilige Armuth, die den Verbrecher den widrigsten Zufällen aussetzt, ist die Hauptursache seines frühen Todes. Auch trägt sie wohl mit die Schuld an der sprichwörtlichen Unsauberkeit der Diebe und Prostituirten. 1 Die Unreinlichkeit beruht zum Theil auf der Pamilienlosigkeit, Trägheit und Apathie, die wie bei den Wilden auch bei den Verbrecherklassen herrscht. 8. Weiter haben die Verbrecher Vorliebe für andere Dinge, wenn auch nicht in so hohem Grade, z. B. für Tafelfreuden, Liebe und Tanz. Unter den Wenigen, die mir ihre Geschichte mittheilten, befand sich ein Toscaner, der bei der 1 In der italienischen Gaunersprache heisst die Hand die schwarze (negrosa), im deutschen ßothwelsch der Kopf Lausemarkt (s. Lib. vagator. Vocabular.). 330 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Erwähnung von Speisen fast ohnmächtig wurde. Sein erster Diebstahl waren Maccaroni. Der einzige Wunsch, den ein alter Dieb nach zehnjähriger Haft aussprach, ging dahin, sich auf drei Tage satt essen zu können. Chandelet konnte durch nichts anderes gebändigt werden, als durch die Drohung, seine Ration zu vermindern. Junge Diebe fangen ihre Laufbahn gewöhnlich mit Frucht- und Fleischdiebstählen an. Später entwenden sie geringwerthige Gegenstände, aus deren Erlös sie Leckereien kaufen. Unter zehn Dieben sind neun von alten dadurch verführt worden, dass man ihnen, wenn sie arm waren, Früchte und Brot anbot, waren sie aber reich, dadurch, dass man ihnen Mädchen zuführte und sie dadurch zum Schuldenmachen verleitete. Viele beginnen diese ihre Laufbahn damit, dass sie das für den Theaterbesuch nöthige Geld stehlen. Die Leidenschaft für Frauen ist bei dem Verbrecher wie bei den Wilden rein sinnlicher Natur; sie entwickelt sich vorzeitig und wandelt sich ebenso schnell in tiefsten Hass um. Fast alle in Newgate untergebrachten Taugenichtse von 12 bis 19 Jahren unterhielten Mädchen, die man Flashgirl nennt, und viele wurden durch das Verlangen nach einem solchen zum ersten Verbrechen getrieben. (Faücher, 1. c.) Locatelli kannte einen Gauner, der von 9 Jahren kleine Diebstähle nur darum beging, um seine kleinen Freundinnen zu traktiren. Mit 15 Jahren war er einer der frechsten Diebe und Stammgast im Gefängniss und in den Höhlen des Lasters. Vor kurzem hatte der Gerichtshof mit drei jungen Leuten sich zu beschäftigen, die man aus einem Bordell hinausgeworfen hatte, weil sie nicht bezahlen konnten, und die, um sich Geld zu verschaffen, den ersten Besten — einen Droschkenkutscher — beraubt hatten. — Sichler hatte zwölf Maitressen. — Ver- heirathete Diebe tauschen mit den Frauen nicht selten für Geld. Ave-Lallemand (Das deutsche Gaunerthum. II. 10) führt als Thatsache an, das man für eine Frau in einem Falle einen Hund, ein anderes Mal 5 Gulden gab. Indes erlischt die Wollust bei den Dieben sehr schnell. Bei einigen Gift- und anderen Mördern erhält sich die Leiden- Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 331 schaft bisweilen länger. Bei manchen unter ihnen nimmt sie oft eine periodische Form an. (Verzeni, Garayo.) Seltener ist es der Fall, dass gewöhnliche Mörder, wie Franco, Mattino, Montely, la Pommerais, Demme nur eine, und zwar eine fast ideale Liebe zu hegen scheinen. Indes muss mau doch misstrauisch gegen ihre Behauptungen sein, wenn man an die poetische Sentimentalität des oben erwähnten tättowirten Individuums und daran denkt, dass Leute dieses Schlages Meister in der Verstellungskunst sind. Nicht so oft kommt eine platonische Liebe bei Dieben vor. Mayhbw hat bemerkt, dass die Londoner Diebe niemals ob- scöne Lieder singen, sondern lieber sentimentale) wie z. B. „Arme Anna, muss ich dich lassen" u. s. w. Die Diebinnen schmücken ihre Geliebten gerne mit goldenen Ketten, während sie selbst in schmutzigen Kleidern einhergehen. Sie pflegen sie sogar im Gefängniss und bleiben ihnen treu, falls es nicht zu lange dauert. Alle diese Freuden jedoch, sogar die der Bache, dienen nur als Zwischenakt — für die Orgien. Die Orgie vertritt das gesellige Leben der Verbrecher. Trotz der offenbaren Gefahr für solche, die eben einen Mord begangen oder aus einer langwierigen Gefangenschaft frei geworden sind, sieht man sie nach den Orten eilen, wo sie ihre Zusammenkünfte feiern und wo die Polizei ihnen auflauert. Ihre Leidenschaften, selbst die edlerer Art, wie die für Musik, Bücher und Gemälde, zu befriedigen, überwinden sie jedes Hinderniss, da sie nicht überlegen und niemals an die Zukunft denken. „Schliesslich," meinte Lacenaire seinen Bichtern gegenüber, „musste ich doch einmal in Ihre Hände fallen; indessen habe ich mich doch gut amüsirt." Brauchte er Geld, so führte er einen Streich aus, trotz aller Gefahr. 9. Verhalten der Irren.—In vielen Stücken sind die Irren hierin den Verbrechern ähnlich. Gemeinsam ist Beiden die Heftigkeit und Unbeständigkeit gewisser Leidenschaften, die so häufige Gemüthlosigkeit und die noch häufigere phy- 332 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. sische Unempfindlichkeit, das hochgradige Selbstgefühl, mitunter die Leidenschaft für geistige Getränke und das Bedürf- niss, an ihre Unthaten zu erinnern. Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass die Irren weder Lust am Spiel, noch an Orgien haben, und dass sie noch häufiger als die Verbrecher diejenigen Personen hassen, die man am meisten zu lieben pflegt, Frau und Kinder. Ferner kann der Verbrecher nicht ohne Genossen leben, sucht dieselben sogar mit Gefahr auf, während Geisteskranke die Einsamkeit lieben. Daher sind Komplotte in Irrenanstalten weit seltener, in Zuchthäusern dagegen um so häufiger. 10. Verhalten der sogenannten Wilden. — Gefühl und Leidenschaften betreffend, steht der Verbrecher dem Wilden näher als dem Irren. Das moralische Gefühl fehlt den rohen Volksstämmen fast gänzlich. Die Kaiser der gelben Rassen nennen sich Tamerlan. Ihre Denkmäler sind Pyramiden von Menschenköpfen. Die im himmlischen Reiche üblichen Strafen sind solche, vor denen ein Dionys und ein Nero zurückgeschreckt wären. Im Ungestüm und in der Unbeständigkeit der Leidenschaften jedoch stehen sie sich nahe. Die Wilden, sagt Lubbock, werden von schnellen, aber heftigen Leidenschaften hingerissen; sie sind wie Kinder mit der Leidenschaft und der Kraft des Mannes. Die Rache gilt bei ihnen für ein Recht, oder eigentlich für eine Pflicht. Auch die Spielwuth ist bei ihnen sehr entwickelt, obgleich sie nicht sehr habgierig sind. Tacitus erzählt von den Germanen, dass, wenn sie alles und sogar sich selbst verspielt hatten, der Besiegte sich ruhig fesseln und verkaufen Hess von seinem Gegner, mochte dieser auch schwächer und älter sein als er. In China verspielen Leute ihren letzten Rock im strengsten Winter, wenn sie auch vor Kälte erfrieren müssen, und endlich sich selbst, wenn sie nichts anderes mehr haben. Auch das Gemisch von Feigheit und Muth findet sich bei den Wilden, ebenso die Unempfindlichkeit, die den letzteren vertritt. Sodann findet sich Wollust im Verein mit Blutdurst; ihre Liebe ist bloss Wollust. Auf den Andamanen bleiben die Gatten nur so Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften. 333 lange beisammen, als das Kind der Mutterbrust bedarf; sobald es entwöhnt ist, trennen sie sich und gehen anderer Liebe nach. Endlich haben die geistigen Getränke kurz nach ihrer Einführung bei den Wilden das traurige Ergebniss gehabt, ganze Völkerstämme hinzuraffen, sogar unter Breiten, in welchen civilisirte Völker diese Geisel nicht zu fürchten haben. 1 Noch mehr, diejenigen Volksstämme, denen ihre Religion den Ge- nuss berauschender Getränke untersagt, wenden drollige Mittel an (Kopfnicken und Schütteln), die denselben berauschenden Erfolg haben. Auch die Faulheit ist ein dem Wilden eigenthümlicher Charakterzug. Den Bewohnern Neukaledoniens ist jede Art von Beschäftigung zuwider. „Leben, um zu leiden," sagen sie, „lieber sterben als arbeiten." (Bourgarel: Les Hages de TOceanie. 1879.) Eine fast buchstäbliche Wiederholung von Lemaires Ausspruch. Sechstes Kapitel. Rückfall im eigentlichen und uneigentlichen Sinne. Moral der Verbrecher. 2 1. Alle Kriminalstatistiken stimmen in Bezug auf das immer häufiger werdende Rückfallen der Verbrecher überein. Allerdings treten die Rückfälle in einigen Ländern scheinbar in geringem Maasse auf. So in Russland mit 18% von 1874—75, in Griechenland 2%, auf Hawai mit 5%, in Spanien mit 18 % bei den Männern, mit 11 % bei den Weibern. Auch in Italien betrugen in den Jahren 1863 — 70 die Rückfälle nur 8 % hei den von den Schwurgerichten Ver- 1 Letourneau : Medecine des passions. 2 Ferri : Dei limiti fra dirittipenali ed antropol. crimin. 1881 (Archiv, di Psichiatr. I.). — Ferri: Nuovi orizzonti. 2 ed. 1883. ■— Statist, per gli affari penali in Itdl. 1863—1876. — Reinach : Les recidivistes. 1882. — Stastit. delle carceri in Italia 1862 — 1876. — Statist, decenn. d. carcer. in Ital. 1870—1879. — Ital economic, nel 1873. 2 ediz. — Statist, des 334 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. nrtheilten und 13 % bei den übrigen Gerichten. Das rührt indes nicht von dem Ausbleiben der Rückfälle, sondern von den Mängeln der Einträge und der Untersuchung her. Eine verbesserte Buchführung hat sogar in denselben Ländern höhere Zahlen ergeben. In Italien z. B. in der Zeit von 1876—1880 bei den Zuchtpolizeibehörden 18 bis 19,45 %, bei den Geschworenen 13 % im Jahre 1878, 21,5 % im Jahre 1880 und 22 % im Jahre 1882; in zwölf Jahren mithin eine Zunahme um fast das Doppelte. Bei den zum Bagno Verurtheilten betrug die letztere in vier Jahren (1872—1875) 17 bis 21 %. Kurz, während die Zahl der Verurtheilten überhaupt in der Zeit von 1870—1879 im Verhältniss von 100 zu 121 wuchs, nahm dieselbe in den Bagnos und Kriminalgefängnissen im Verhältniss von 100 zu 179 zu (Beltrani-Scalia). In Frankreich beliefen sich die Anklagen im Bückfalle (vor den Assisen) im Jahre 1826 auf 10 %, im Jahre 1850 auf 28%; im Jahre 1867 — nach Einführung der betreffenden Bücher, also nach 17 Jahren — auf 42 %, von 1871—75 auf 44%; im Jahre 1877 auf 48; 1878 auf 49; 1879 auf 50 %. Bei der Zuchtpolizei stiegen die Anklagen im Rückfalle von 21 % in den Jahren 1851—55 innerhalb der folgenden Quinquennien auf 37, 31, 36, 34, 38, 40 % (Reinach); die Verurtheilungen von 7 auf 27 % in den Jahren 1856—1860, auf 31% von 1860—1865, auf 36% von 1866—1870, aut 38% im Jahre 1871, auf 40% von 1877—1878. Je höher der Bildungsgrad eines Landes, um so zahlreicher sind die Rückfälle daselbst. In Belgien beläuft sich die Zahl der Rückfälligen unter priaons de France. — Admin. de la just. crim. de la Belgique, resume statist. — Statist. Jahrbücher der im Deutschen Reich vertretenen Königr. etc. — Comptes rendus du Congres penit. de Stockholm. 1879. — Statist. penit. intern. Kom 1872. — Oettingen: Moralstatistik. 2 ed. 1874. — Yvernes: De la recidive. 1874. — d'Olivecrona: Des causes de larecidive. 1873. — Almquist: La Suede. 1879. — Beltrani-Scalia: La riforma penit. in Ital. 1879. — Garofalo: Sul nuovo Codice penale del 1883. Arch. diPsich. 1883. IV. 4). Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 335 den aus Löwen entlassenen Sträflingen im Jahre 1869 bis 1871 auf 70%, bei den übrigen Centralanstalten auf 78%. In Dänemark betrug in den Jahres 1872—74 die Zahl der rückfälligen Männer 74%; im Jahre 1875 71%, die der Weiber 61 bis 66 %. In Preussen schwankte die Zahl zwischen 77 und 80 % bei den Männern und zwischen 74 und 84 % bei den Weibern in den JahreD 1871 bis 1877. Holland hatte 1871 36% Rückfällige in den Central- gefängnissen und 25 % in den gewöhnlichen Gefängnissen; 1872: 38 °/o Männer, 32 % Weiber. Schweden hatte im Jahre 1859 zu Zwangsarbeit ver- urtbeilte rückfällige Männer 34 %, Weiber 28 %; und in den nachfolgenden Jahren 33 und 36, 31 und 29, 30 und 34, 30 und 34, 35 und 40, 34 und 43, 35 und 43, 42 und 23 °/°. Unter den auf Lebenszeit Verurtheilten befanden sich von 1867 bis 1870 rückfällige Männer in 50, 75, 63 %, rückfällige Weiber 50, 71, 25, 50%. (d'Olivecrona.) In 0esterreich beliefen sich im ganzen Kaiserstaat in den Jahren 1860—64 die Rückfälle auf 33 %, im Erzherzog- thum allein 50% (Messedaglia ; in den Jahren 1868—71 stiegen sie auf 50 % bei den Männern, auf 51 % bei den Weibern (Yyernes: De la recidive. Paris 1874.) Bei den Verbrechen betrugen die Rückfälle 1872 43 %, 1876 44 %, 1877 46%, 1878 48%; bei den Vergehen 1872 15%, 1876 14 %, 1877 15 %, 1878 15 %. In den Zuchthäusern waren rückfällige Männer 72 % im Jahre 1872—73, 74 % im Jahre 1876; rückfällige Weiber 64 % auf 1872, 62 bis 63 % im Jahre 1875. In Frankreich kamen auf 100 Rückfällige 1 aus den Zwangsarbeits-Anstalten, 1 2 „ Gewahrsamen, 20 „ dem Gefängnisse von mehr als 1 Jahr, 64 „ „ „ „ weniger als ein Jahr, 13 zu Geldstrafen Verurtheilte. x Die Zahl ist vermuthlich darum so gering, weil die auf acht oder mehr Jahre Zwangsarbeit Verurtheilten in den Kolonien für immer zu Verbleiben gezwungen werden. 336 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Das Vorkommen des frühen Rückfälligwerdens spricht schon an sich für die angeborene Verbrechernatur. So kamen in Frankreich vor auf 1000 Rückfälle 67 bei einem Alter unter 16 Jahren 204 3) 1) 3 , zwischen 16 und 21 284 33 »J 1 i n 21 „ 30 215 33 )j 1 » u 30 „ 40 206 3) 33 1 ? » 40 „ 60 20 33 33 > t j' 60 „ 70 4 )) 33 ) , über 70 Jahre. Wie stark der Zug zum Rückfälligwerden ist, lässt sich daraus erkennen, dass sich ein Verbrechen beständig in einem beschränkten Personenkreise wiederholt. Rückfälle der Verbrecher kamen vor: lmalige bei 45 % 2 „ 3) 20 „ 3 „ 33 11 „ 4 „ 3' 7 „ 5 „ 33 4„ 6 „ 3) 3„ 1 „ 33 2„ 8 „ 33 2„ 9 „ 33 1„ und mehr- „ JJ 5 „ Im Jahre 1860 befanden sich in London 1698 Diebe, die öfter als 5mal 3409 „ „ „ „ 10 „ verurtheilt worden waren. — Bei einem Meeting sehr junger Diebe in London waren 5, die mehr denn 10 mal, 9 die 29 mal und 1 der schon 30 mal verurtheilt war. In ganz England wurden im Jahre 1870 190934 Individuen verhaftet. Unter diesen waren 36 % rückfällig, und zwar 21803 zum 1. Male, 10147 „ 2. „ 5640 „ 3. „ 4350 „ 4. „ 3042 zum 5. Male, 3883 „ 6.— 7. Male 3341 „ 7.—10. „ 3678 mehr als 10. „ Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 337 In Dänemark kamen 26 % der Rückfälle auf Diebstahl 15 „ „ „ „ Betrug 11 „ „ „ „ Hehlerei. Nach Reinach kamen auf 6108 im Jahre 1878 Entlassene 2413 oder 39 °/°, die binnen 2 Jahren wieder verhaftet wurden, und unter diesen waren 312 2mal, 199 3mal rückfällig 80 4 „ 219 5 „ 5 6 „ 4 7 „ 2 8 „ — „ Unter den im Jahre 1877 Entlassenen befanden sich 8, die in 3 aufeinander folgenden Jahren 9 mal, einer, der zum 14. Mal verhaftet wurde. 27 % von den im Jahre 1880 zu Paris Verhafteten waren binnen 10 Jahren mehr als 4 mal verurtheilt worden. — Im ganzen zeichnet sich darin der Diebstahl an Betrunkenen (au poivrier) vor dem auf amerikanische Art aus. Demnach wird man sich über Aspiralls Tabelle (Cumulative punishments. 1872) über Rückfällige vom 1. Oktober 1870 bis 31. März 1871 in Liverpool nicht wundern. R ickfälle . Geschlecht 15—20mal 20—30mal 30—40mal 40—50mal 50-60mal 60—70mal und darüber Weiber Männer 93 38 121 28 61 12 14 1 14 4 3 1 2. Strafsystem. — Gegen diesen Krebsschaden des Rückfälligwerdens hilft keine Art von Gefängnisssystem; ja die Gefängnisse selbst tragen die Hauptschuld daran. de Courtblles versichert, dass in Clairvaux 506 Diebe und Vagabunden nur darum rückfällig wurden, weil sie im Gefängniss ein besseres Leben hatten; 17 unter 115 Gefangenen gestanden, dass sie darum ohne alle Vorsicht ihr Verbrechen begangen hätten, um 1 oder 2 Jahre lang im Gefängniss die * Lombroso, Der Verbrecher. I. 22 338 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. infolge ihrer Ausschweifungen geschwächte Gesundheit wiederherzustellen. Die Rückfälligen, sagt er, kommen ganz glücklich in das Gefängniss zurück, als wäre es ihre Heimath, und werden von den Zurückgebliebenen mit Freuden als „Reisende" und gute Kameraden begrüsst. — Les condamnes et les prisons. Paris 1838. Breton (Prisons et emprisonnements. 1875) erzählt, Einer habe kleine Diebstähle begangen, um wieder ins Gefängniss zu kommen; da man ihn aber in eine Einzelzelle anstatt in den gemeinsamen Raum brachte, habe er sich über die Justiz beklagt, die ihn betrogen habe; fürderhin werde er diese Provinz verlassen. Als man den Räuberhauptmann Damian Hessel, der schon 26 mal bestraft war, fragte, warum das Gefängniss ihn Dicht gebessert und warum er nach der Freiheit verlange, die doch nur Elend und Hunger für ihn bedeute, antwortete er: So lange ich noch meine zehn Finger habe, giebt es im Freien keine Noth für mich, und wo habt ihr jemals irgend Einen gebessert aus dem Gefängnisse herausgehen gesehen? Ich kannte eine Zigeunerfamilie, die 16 mal wegen Landstreichens verurtheilt war; im Sommer kam sie frei und bettelte wie vorher, im Winter liess sie sich fangen, um Brot und Kleider zu bekommen. Hat sie das Gefängniss gebessert? Hätten sie eine bequeme Lebensweise für alle Monate des Jahres gefunden, sie würden sicherlich lieber in freier Luft geblieben sein. Nach Olivecrona beläuft sich die Zahl der Rückfälle von Dieben, die zur Einzelhaft verurtheilt werden, auf 32%; die auf Lebenszeit und Zwangsarbeit Verurtheilten und dann Begnadigten werden in 73,8 bis 81,3 % rückfällig. Die Rückfälle in Schweden überhaupt beliefen sich, nach einjähriger Einzelhaft, auf 52 % im Jahre 1864, auf 72 % im Jahre 1870. Bei den Frauen vor allem stellt sich in den Rückfällen ein konstantes Verhältniss heraus, so dass, wie wir später sehen werden, die wiederholten Rückfälle bei ihnen häufiger sind als die einfachen, was bei den Männern nicht der Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 339 Fall ist. 1 Von den Prostituirten, sagt Parent-Duchatellet, werden nur wenige wahrhaft gebessert; sie finden in den Besserungshäusern nichts weiter als ein bequemes Unterkommen. In Amerika sind diese Mädchen, nach Tocquevilles Ansicht, weit unverbesserlicher als die jungen Missethäter männlichen Geschlechts. Daraus erkennt man, was man von den heuchlerischen und leeren Deklamationen des P. Gural zu halten hat, der so viele im Asyl Nazareth bekehrt zu haben behauptet, worauf Lamarque (La rehabilitation des liberes. 1873) seine ebenso leeren Vorschläge begründet. Viele warten nicht einmal, wie Morselli gezeigt hat (Rivista äi Freniatr. 1877, S. 332), auf ihre Entlassung, um wieder rückfällig zu werden, wovon man sich durch nachstehende Uebersicht der sowohl in unseren Gefängnissen in den Jahren 1871 bis 1874, als auch in denjenigen von Sachsen, Frankreich und Schweden begangenen Verbrechen überzeugen kann. Italien Frankreich Sachsen Schweden 1874 1872 Verurtheüte ......... 106174 20 680 4 227 6 287 Mord .............. 40 — — — Körperverletzung____ 281 2622 594 195 Betrug und Diebstahl. 29 1390 232 48 Sittlichkeitsvergehen. 1 344 12 1 Meuterei............ 45 345 — 62 Brandstiftung....... 1 176 — — 1 Für die Rückfälle im allgemeinen ist das nicht ganz sicher, allerdings kommen in England.............. auf 32 % Männer 47 °/o Weiher „ Italien aher........... „ 21-23 „ „ 13 „ „ „ Sohweden ............. „ 43 „ „ 32 „ „ „ Spanien............... „ 18 „ „ 11 „ „ „ Dänemark.......... .. 76 „ „ 24 „ „ ,, Russland............. „ 8„ „ 6 „ „ „ Oesterreich........... ., 59 „ „ 51 „ „ In Frankreich liefern die Weiber V 10 aller Rückfälle. In Dänemark zählt man für Betrug allerdings 17 % Weiber auf 15 % Männer, für Hehlerei indes 14 % Männer und nur 6 % Weiber. Bei den Minderjährigen in Italien sind die Rückfälle der Weiber für gemeine Verbrechen höher als die der Männer (75 % gegen 60 °/o), für Müssiggang dagegen geringer (17 °/o gegen 27 %>). 22* 340 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Demnach kämen auf Italien allein 3,66 Reate bei 1000 Gefangenen, wobei die geringeren Vergeben nicbt eingerechnet sind. Wenn man dieselben einrechnete, so würde in den Bagnos auf jeden dritten Mann 1 Reat im Rückfall, in den Strafanstalten 3 Reate auf jeden Mann und 1 auf je 2 Weiber entfallen, — ganz abgesehen von Uebertretungen des Verbotes, zu sprechen, heimlich zu korrespondiren u. a. dgl. Dingen. Will man alle die leichteren Verschuldungen mit einrechnen, so kommen auf 100 straflos gebliebene Gefangene: Bestrafte Männer Weiber in Grossbritannien . 50,7 30,8 „ Frankreich..... 46,0 33,8 „ Oesterreich..... 14,0 13,0 „ Italien......... 38,4 30,1 „ Sachsen........ 25,4 38,4 „ den Niederlanden 24,3 13,8 „ Preussen....... 21,3 13,7 „ der Schweiz___ 18,0 21,1 „ Belgien........ 14,0 — „ Dänemark...... 8,0 3,8 „ Schweden...... 7,5 22,8 Auffallend ist die von Morsblli beobachtete Thatsache, dass in den Ländern, wo diese Uebertretungen und Vergehen innerhalb der Gefängnisse häufiger vorkommen, trotzdem der Selbstmord seltener ist und umgekehrt. So geben Belgien, Preussen, Schweden, Dänemark 1,78 bis 0,60% Selbstmorde in den Gefängnissen und 21,3 bis 8 % Bestrafungen. Es ist das ein weiterer Beweis dafür, dass der Selbstmord oft nichts anderes als eine Spielart des Verbrechens ist. So ist denn nach allen Erfahrungen, auch in Bezug auf die Zellengefängnisse, keine Hoffnung vorhanden, dass durch etwaige Verbesserungen der Gefängnisseinrichtungen die Rückfälle verhütet werden können. In Frankreich kamen im Jahre 1859 von 100 aus den Centralgefängnissen entlassenen Männern 33, von 100 Frauen 23 im nächsten Jahre wieder. In Preussen wurde officiell erklärt (Scalia, a. a. O.), dass die Einzelhaft bei Gelegenheits Verbrechern nicht geholfen habe; um wieviel weniger wird Sechstes Kapitel. Bückfall. — Moral. 341 es der Fall bei echten, bei Gewohnheitsverbrechern gewesen sein. Die Rückfälle beliefen sich hier anch wirklich auf 60 bis 70%; auf 70% auch in Löwen, wo das System der Einzelhaft schon seit mehr als 14 Jahren eingeführt ist und sogar 78 % in den Centralanstalten erreichte, wo zur Hälfte Einzelhaft besteht. In Württemberg betragen die Rückfälle 34 bis 37%; in Schweden in den Zellengefängnissen bei Diebstahl und Landstreicherei: 45,9 % 1 mal (Diebstahl 30,0) 74,4 „ 2 , ( „ 55,4) 86,4 „ 3 „ ( „ 67,1). Ueberall giebt das 3. Jahr nach der Entlassung das Maximum der Rückfälle. 3. Unterricht. — Haben die Gefängnisssysteme wenigen Einfluss auf das Rückfällig wer den, so ist es noch weniger der Fall mit dem Unterricht. Der letztere scheint sogar ungünstig darauf zu wirken und — entgegen den Voraussetzungen oberflächlicher Beobachter, die eine Panacee darin sehen wollten, Rückfälle wenigstens indirekt zu verursachen. Aus Locatbllis Untersuchungen über diesen Punkt geht hervor, dass der Verbrecher, der im Gefängniss zum Eisenarbeiter, Schönschreiber und Photographen ausgebildet wird, darin die Mittel findet, auf leichtere und ungescheutere Weise aufs neue Verbrechen zu begehen. Der Gewaltsame wird zum Fälscher, der Dieb zum Betrüger, zum Falschmünzer; denn unter den verschiedenen Kategorien giebt es nur eine dem Grade nach sich unterscheidende Ausbildung zum Verbrechen, und physiologisch, ja sogar oft in anatomischer Beziehung sind die Betreffenden sich einander ziemlich ähnlich. Daher geschieht es, dass die Rückfälle bei den Verbrechen, welche Nachdenken erfordern, besonders bei den Verbrechen gegen das Eigenthum häufiger sind. Diebstahl z. B. in 25 %, Raub in 10 %, Mord dagegen nur in 5 bis 3 %• (Bettingfr: Grimes of passions. London 1872.) Auch in Italien sind die Rückfälle bei den Verbrechen gegen das Eigenthum die häufigeren. Sie betrugen 1877 nach der Gefängnissstatistik: 342 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 30 % unter allen Verurtheilten, 40 % im Bagno, 51 „ ,, „ „ 65 „ in der Strafanstalt für Männer, 56 „ „ „ „ 70 „ „ „ „ „ Weiber. Bei den Verbrechen aus Leidenschaft, Rache, Hass, Zorn betrug dagegen der Procentsatz der Rückfälle in dem Bagno nur 17, 11, 7 (Männer); 16, 7, 3 (Weiber) in der Strafanstalt 7, 13, 3 (Männer); 3, 5, 2 (Weiber) In Spanien begingen ebenfalls von 2249 Verurtheilten im Rückfall 1569 dasselbe Verbrechen und zwar 933 Diebstahl und nur 429 Verbrechen gegen die Person. In Frankreich scheint indes nach Yvbenes das Gegen- theil stattzufinden, da er 54 % gegen die Person (darunter aber das Landstreichen) und nur 46 % g e g en das Eigenthum aufzählt. In Schweden betragen die Rückfälle bezüglich des Diebstahls 46 %. 4. Uneigentliches Rückfälligwerden. — Diese Verhältnisse scheinen mir um deswillen von besonderer Wichtigkeit zu sein, weil sie die Nutzlosigkeit der für die Moralität und die Strafbarkeit des Verbrechers auch von den Gesetzbüchern für besonders erheblich erachteten Unterscheidung in eigentliches und uneigentliches Recidiv nachweist. Das uneigentliche Recidiv ist übrigens das seltenere Vorkommen. Eigentliche Rückfälle beliefen sich in Italien in den Jahren 1872—1875 auf 66 % der gesamten im Bagno und auf 77 % in der Strafanstalt, auf 80 % bei den Frauen. Dabei sind die Verbrechen aus Leidenschaft nicht eingerechnet, bei denen es überhaupt fast keine Rückfälle giebt. Die Zahl der Rückfälle wächst, je eingehender man gewisse Gruppen von Verbrechen betrachtet, in welchen jene sich am häufigsten wiederholen, oder vielmehr nur ausnahmsweise fehlen. In der nachstehenden Tabelle habe ich nach Fbrris Statistik der Rückfälle aus den Jahren 1874—1878, unter Ausschluss der politischen und Pressvergehen, diejenigen Verbrechen und Vergehen zusammengestellt, welche die grössten Procentsätze an Rückfällen liefern. Sechstes Kapitel. Ruckfall. — Moral. 343 Frankreich. 1. Aufruhr................. 100 2. Bannbruch (Ausweisung und Polizeiaufsicht)........... 100 3. Trunksucht.............. 79 4. Landstreicherei.......... 71 5. Qualificirter Diebstahl .... 71 6. Strassenraub............. 68 7. Kirchenraub............. 67 8. Betteln.................. 66 9. Theilnahme an geheimen Gesellschaften............ 62 10. Strassendiebstahl, ohne Gewalt .................... 61 11. Thätliche Beleidigung von Eltern etc............... 56 12. Entführung Unmündiger . . 56 13. Brandstiftung in unbewohnten Bäumen............. 52 14. Bigamie ................. 50 15. Entmannung............. 50 16. Betrug.................. 43 17. Mord ................... 43 18. Beamtenbeleidigung...... 42 19. Falschmünzerei.......... 42 20. Verwandtenmord......... 41 21. Hausdiebstahl............ 41 22. Einfacher Diebstahl...... 41 23. Schwere Körperverletzung 40 24. Brandstiftung in bewohnten Gebäuden............ 40 25. Urkundenfälschung....... 40 26. Oeffentliche Verletzung der Sittlichkeit.............. 40 27. Vertrauensmissbrauch..... 40 28. Todtschlag.............. 39 29. Unzucht mit Erwachsenen 39 30. Fälschung von Geschäftspapieren ................ 38 31. Bebellion mit bewaffneter Hand................... 37 32. Unzucht mit Kindern..... 36 33. Bedrohung (mündlich und schriftlich)............... 36 34. Widerstand gegen Beamte 35 35. Falsches Zeugniss........ 35 36. Unterschlagung.......... 33 37. Unbeabsichtigte Tödtung.. 31 38. Beabsichtigte Verletzung . . 30 39. Betrügerischer Bankerott.. 29 40. Erpressung.............. 28 Sieht man von denjenigen Beaten ab, welche in der Wuth des politischen Parteigetriebes begangen, sowie von denen, welche von der sehr ängstlichen französischen Polizei als Rebellion erachtet werden, so kann man annehmen, dass die obigen Zahlen die Summe der von geborenen Verbrechern begangenen Delikte abgeben. Sondert man, wie es oben geschehen ist, die Vergehen und Verbrechen nicht voneinander, so findet man, dass sie hauptsächlich auf Empörung gegen die bewaffnete Macht und verbotene Verbindungen, Diebstahl, Landstreicherei, Körperverletzung und Bigamie hinauslaufen; Mord und Todtschlag, Brandstiftung, Fälschung und Betrug aller Art, Unzucht und Bedrohung aber ein geringeres Verhältniss ergeben. Nach Beinach stellt sich das Maximum der Rückfälle in Frankreich während der Jahre 1878, 1879 folgendermaassen: 344 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 1878 1879 Einfacher Diebstahl........................ 70 % 72 % Mord.................................... 45 „ 42 „ Münzvergehen............................. 48 „ 50 „ Todtschlag................................ 36 „ 47 „ Brandstiftung............................. 45 „ 48 „ Körperverletzung mit unbeabsichtigter Tödtung 33 „ 50 „ Misshandlung der Eltern................... 27 „ 50 „ Verwandtenmord.......................... 75 „ 100 „ Sittlichkeitsverbrechen..................... 30 „ 30 „ Hausdiebstahl............................. 44 „ 57 „ Es entsprechen diese Zahlen grossentheils denjenigen, welche wir in den Kapiteln über Schädel-, Gesichts- und Anomalien der Sensibilität u. s. w. gefunden haben. Somit drücken sie seitens der Rechtswissenschaft das Siegel auf unsere Theorie vom angeborenen Verbrechen, welche erst durch den Nachweis der Rückfälligkeit ihre praktische Begründung erhält. Das hartnäckige Rückfälligwerden ist es, welches zuerst auf die Verbrechernatur aufmerksam macht, insbesondere wenn schon in früher Jugend die Spuren derselben sich nachweisen lassen. Es ist daher von Bedeutung, dass diejenigen Reate, welche die meisten Rückfälle aufweisen, auch in der Jugend am häufigsten auftreten. In Paris ist (nach Reinach) mehr als die Hälfte der Verhafteten unter 21 Jahre alt. Im Jahre 1879 waren es von 20882 12 721, im Jahre 1880 von 26475 14061 und fast alle wegen schwerer Verbrechen. In einem einzigen Jahre wurden 30 Mordthaten, 39 Tödtungen, 3 Verwandtenmorde, 2 Vergiftungen, 114 Kindesmorde, 4212 Körperverletzungen, 25 Brandstiftungen, 153 Nöthigungen, 80 unsittliche Angriffe, 458 qualificirte, 11862 einfache Diebstähle von jugendlichen Verbrechern begangen. Unter 4347 Angeklagten, die im Jahre 1879 vor die Assisen kamen, befanden sich 802 Minderjährige (18 %) und darunter 43 unter 16 Jahren. Vor dem Zuchtpolizeigericht standen 4 % unter 16 Jahren und 15 °/o zwischen 16 und 21 Jahren. Nach Febri Sechstes Kapitel. Bückfall. — Moral. 345 stellte sich das Verhältniss der von Minderjährigen im Jahre 1874 in Frankreich begangenen Verbrechen folgendermaassen: Männer Weiher Einfacher Diestahl, Betrug...... 60,2 56,2 Betteln, Landstreichen......... 25,3 22,4 Qualificirter Diebstahl, Fälschung 4,2 2,2 Sittlichkei tsverbrechen......... 4,1 3,5 Todtschlag, Körperverletzung ... 2,0 0,9 Brandstiftung................. 1,6 2,3 Mord, Vergiftung............. 0,4 0,15 Nimmt man dazu nocb die infolge von Ausschweifungen gar nicht seltenen Todesfälle in der Verbrecherklasse und die Zahl derjenigen Verbrecher, die im Gefängnisse die Kunst gelernt haben, sich nicht überführen zu lassen, so kommt man zu dem Schluss, dass die Zahl der Rückfälligen jener Gruppen wenig von der der Entlassenen verschieden, oder genauer gesprochen, dass fast keiner von ihnen nicht rückfällig geworden ist. Es freut mich, in diesem Punkte mit meinem Gegner Tancredi übereinzustimmen, der in seinem Buche n Il äilitto e la libertä di volere 187 '5" sagt: „Der Rückfall ist die allgemeine Regel, sobald die Verurtheilten frei werden." Nicht weniger bündig hat sich der Volkswitz seit Jahrhunderten unter den verschiedensten Himmelsstrichen in seinen Sprichwörtern ausgesprochen, wie: „Semel malus semper malus!" „Wer einmal stielt, bleibt stets ein Dieb." „El ladro nonse pente mai" (Pasqüaligo: Proverhi veneti. 1878) d. i.: Ein Dieb bereut nicht; ferner: „Ne baston ne preson non fa l'uomo bon" d. i.: Weder Stock noch Gefängniss bessert den Menschen. Vizio per natura fin alla fossa dura (Naturfehler nimmt man mit ins Grab) u. s. w. Auch Maudslet sagt: Der wahre Dieb wie der Dichter ist es von Natur, nicht dass er es wird. Wie kann man das bessern wollen, was Produkt zahlreicher Generationen ist. Er beruft sich auch auf Chatterton, welcher von Dieben im Gefängniss das Geständniss gehört habe, dass sie stehlen würden und wenn sie Millionäre wären. Neun Zehntel aller Verurtheilten befinden sich in gleicher Lage. 346 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Der Grund davon ist der, dass den Meisten unter ihnen das sittliche Gefühl vollständig abgeht; viele haben kein Ver- ständniss für die Unsittlichkeit der Schuld. Im französischen Argot heisst das Gewissen „die Stumme", der Dieb „Freund" und stehlen „arbeiten", im Deutschen „handeln". Ein Mailänder Dieb äusserte gegen mich, er stehle nicht, er nehme nur den reichen Leuten ihren Ueberschuss; und Advokaten und Händler stehlen doch auch; warum man ihn anklage und Jene nicht. Rosati, mit dem offenen und ausdrucksvollen Blick, den ich oben erwähnte, äusserte, er wolle es nicht wie seine Mitschuldigen machen und leugnen, er rühme sich vielmehr seiner Thaten, er stehle, aber nie unter 10 000 Lire, und bei so bedeutenden Summen sei die Sache mehr ein kaufmännisches Geschäft als Diebstahl zu nennen. Das Diebeshandwerkzeug pflege man falsche Schlüssel zu nennen, er nenne es goldene, da es die Schränke der Reichen mühelos öffne." Ein anderer, seiner würdiger Kollege sagte: Die Leute nennen das Stehlen eine schlechte Handlung, ich nicht, ich stehle aus innerem Trieb. Wozu kommt der Mensch auf die Welt? Um zu gemessen. Wenn ich nicht stehle, habe ich kaum zu leben, geschweige denn Genuss. Unsereins ist überdies ein Bedürfniss für die Welt; denn wären wir nicht, wozu wären dann Richter, Advokaten, Gerichtsdiener und GefängnissWärter? Wir sind es, die sie erhalten. — Lacenaire sagte mit Hinweis auf Avril: „Ich hatte mir eingebildet, wir könnten unsere Geschäfte miteinander verbinden." „Es giebt also Leute," schloss der Staatsanwalt daraus, „die den Mord nicht als äusserste Notwendigkeit, sondern als ein Geschäft betrachten, das man wie jede andere Handlung antragen, besprechen und untersuchen könne." Als man Tortora vor den Assisen als Dieb anklagte, rief er aus: „Was Dieb! Diebe sind die Biedermänner (die Wohlhabenden) in der Stadt, und wenn ich sie umbringe, so thue ich nichts anderes, als was sie verdienen." „Wir," sagte Hessel „sind nothwendig. Gott hat uns auf die Erde gesandt, um die Geizhälse und elenden Reichen zu strafen; wir sind eine Art göttlicher Geissei. Und was thäten die Richter Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 347 ohne uns?" Ceneri beschönigte seine bei einem Diebstahl verübten Grausamkeiten mit den Worten: „Wir banden sie zu unserer Sicherheit, wie Euer Gnaden es mit uns machen, wenn sie uns Handschuhe anlegen; da waren die an der Reihe, denn ä chacun son tour." [Proc. Parodi in La Giustizia. Turin 1870.) Wir sehen also aus diesen Beispielen, dass die Vorstellung von Pflicht und Recht bei den Verbrechern vollständig verkehrt ist. Sie meinen das Recht zum Plündern und Morden zu haben und die Anderen seien im Unrecht, die sie nicht nach Gefallen gewähren lassen. Ja sie nehmen sogar ein Verdienst für sich in Anspruch. Diejenigen insbesondere, die aus Rachegefühl morden, glauben eine edle, bisweilen heroische That zu thun, sogar wenn sie ihr Opfer aus dem Hinterhalt treffen. Der Quästor Martinelli verglich seine niederträchtige Handlungsweise mit der der alten Römer, welche die Angriffe auf ihre Ehre mit Blut gerächt hätten, und suchte auf diese Weise Denjenigen, der seinen Feind tödten sollte, zu reizen. — Die Schuld dagegen schieben Viele entweder auf die Spionage oder auf den Widerstand gegen ihr Verlangen. B., der von früher Jugend dem Räuberhandwerk sich gewidmet und in Gesellschaft mit Schiavone mehrere Dutzend Menschen getödtet hatte, beklagte sich gegen mich, dass er zu 20 Jahren verurtheilt worden sei, 10 wären auch genug gewesen; dass er so viele getödtet habe, dazu sei er gezwungen worden. „Du hast aber auch Frauen getödtet!" Antwort: Das haben sie sich selbst zuzuschreiben, weil sie zu fliehen versuchten!" 5. Sittliches Gefühl. — Man spricht häufig von der Reue der Verbrecher; vor nicht zu langer Zeit nahm sogar das Strafverfahren vorzugsweise Rücksicht darauf. Wer aber je, wenn auch nur kurze Zeit, mit jenen Unglücklichen verkehrt hat, der wird erfahren haben, dass an G-ewissensbisse nicht zu denken ist. Nach Elam und Tocqueville sind Diejenigen die schlimmsten, die sich im Gefängniss am besten führen, weil sie gescheidter als die Anderen sind und wissen, dass ihnen ein 348 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. anständiges Betragen bessere Behandlung einträgt. — Die englischen Gefängnissbeamten haben das Sprichwort: „Es ist leichter einen Hund in einen Wolf, als einen Dieb in einen Biedermann umzuwandeln." — Thompson (Physiol. of crimin, 1870) hat unter 410 Mördern nur einmal einen wahrhaft reuigen und unter 130 Kindesmörderinnen nur 2 gesehen, die wirklich Reue bezeugten. Ich selbst habe bei meinen Studien kein Mittel gescheut, das Vertrauen der Gefangenen zu gewinnen; trotzdem fand ich unter 390 nur 17, die zugaben, sich „vergangen" zu haben, indes nur 2, die sich dessen rühmten. Die Anderen leugneten sämtlich und sprachen von Ungerechtigkeit, Verleumdung, Hass, deren Opfer sie seien. Eerri [Omicidio. 1877) hat ähnlicbe Erfahrungen an 700 Gefangenen gemacht. 3 % der Letzteren zeigten sich reuig und weinten bei Erwähnung ihres Verbrechens; die Mörder in geringerem Verhältniss (1,2%) als die Räuber und Diebe (4,1%). 9 % beschränkten sich auf das offene und unumwundene Bekenntniss ihrer Schuld, — Mörder sowohl als auch Diebe, aber ohne ihre Missethaten zu bereuen. 13 % brachten mehr minder glaubliche Entschuldigungen vor, als: Nothwehr, Herausforderung, jugendliche Unerfahrenheit, Trunkenheit, Noth, schlechte Gesellschaft u. s. w., und zwar leisteten die Todtschläger und Mörder darin mehr (26 %) als die Räuber und Diebe (8 %). 23 % bleiben bei Erzählung ihres Verbrechens ganz gleichgültig, und zwar thun sich die Diebe (25 %) vor den Mördern (17 %) darin hervor. Mehr als 10 % geben durch ihr unverschämtes Benehmen den sicheren Beweis für den völligen Mangel an Reue, und zwar Diejenigen mehr, deren Verbrechen weniger schwer an sich und mit weniger Strafe und Schimpf beladen ist, die Räuber und Diebe (19 %) gegenüber den Todschlägern und Mördern (15 %)■ Danach darf man also im allgemeinen den Schluss ziehen, dass mehr als % (35 %) der grossen Masse den Mangel an Reue durch ihre Gleichgültigkeit oder Unverschämt- Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 349 heit bei dem Eingestehen und der Erzählung ihrer Missethaten direkt zeigt — wobei die Kategorie der Mörder mit nur 24%, die der Strassenräuber mit 45 % betheiligt ist, — ein anderes Drittel (32%) indirekt durch ihr hartnäckiges Leugnen. Der über Verdienst berühmte französische Philosoph Caro sagt zwar: „Man sieht, wie die Schuldigen selbst die Strafe für gerecht halten; wenn sie auch das Vergehen leugnen, so unterziehen sie sich doch der Strafe." Lächerlich! Wage doch einer die Thatsache zu leugnen, für die Jene selbst jeden Augenblick das schmerzlichste Zeugniss ablegen. Denn wenn sie wirklich auch nur ein wenig Gewissen hätten, wenn sie die Gerechtigkeit der Strafe einsähen, so würden sie die Ersten sein, die That einzugestehen, insbesondere Leuten gegenüber, die ihnen Wohlwollen zeigen und ihnen nichts zu leide thun; sie würden das Bedürfniss fühlen, sich auszusprechen, sich vor der Welt zu rechtfertigen vermöge jener tausend Mittel, die dem Menschen zu seiner Selbstvertheidigung zu Gebote stehen. Aber das hartnäckige Leugnen zeigt, dass sie gar keine Reue empfinden; es ist jedoch psychologisch insofern von Werth, als es von der Idee ausgeht, die Ver- urtheilung zu verhindern. Dazu kommt, dass nicht wenige unter den Leugnenden, während sie ihre Unschuld betheuern und ihr Unglück beklagen, im weiteren Verlaufe der Verhandlung einer Lustigkeit sich hingeben, die den wahren Grund ihres hartnäckigen Leugnens erkennen lässt. Endlich findet sich noch ein indirekter Beweis für den Mangel an Gewissensbissen in dem Umstände, dass diese Klasse von Verbrechern niemals ihre Opfer beklagt, sondern vielmehr häufig verspottet oder verleumdet. „Unter 10 Dieben behandeln wenigstens 9 Diejenigen, die sie beraubt haben, wie Spitzbuben," sagt ein alter Justiziarius. Einer von Denen die ich untersuchte, gab mir auf meine Frage, was geschehe wenn er bei einem Bestohlenen ein leeres Portemonnaie fände, zur Antwort: „Dann nenne ich ihn einen Schurken." — Ein Anderer, der ein Pistol auf einen verhassten Gegner abgeschossen hatte, meinte, sein Tod hätte ihm nichts ausgemacht, aber dass er das Pferd zugleich getroffen, thue ihm leid. 350 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Der direkte Beweis für das Fehlen der Reue ergiebt sich vor allem aus der Genugthuung, die der Verbrecher beim Gelingen, und aus dem Aerger, den er beim Misslingen einer Missethat empfindet. — Roland gab einen Flintenschuss auf einen seiner Genossen ab und tödtete ihn vollends, als er sah, dass er nicht todt war, unter dem Ausruf: „Was, nicht todt, Canaille? Da muss man ein Ende machen." Dazu kommt die ausdrückliche Erklärung der Verbrecher, dass sie die Missethat für etwas Schönes halten und dass sie nicht wissen, was Gewissensbisse sind. — So erklärte eine englische Diebin einer Dame vom Schutzverein, sie könne sich nicht vorstellen, wie angenehm solch' ein Leben sei. Wenn man Diebespläne mache oder ausführe, so sei das für sie dasselbe, wie eine Landpartie oder ein Ballfest für eine vornehme Dame. Auf Fekris Frage, ob N. N. jemals einen Menschen erschlagen habe, erhielt er zur Antwort: „Ich bin kein Schlächter 1" und als F. ihm vorhielt, dass er Kassen bestehle, rief N. aus: „Ach! das ist doch schön!" Ein Anderer meinte zwar, das Stehlen an sich sei nicht so schön, wie dass man dadurch ohne Mühe Geld erwerbe. Sehr bezeichnend ist ferner das Geständniss: Im Anfang zittere man ein wenig beim „Kastanien holen", später sei es, wie wenn man in die Schenke gehe. — Wieder Einer nennt das Todtschlagen kein Gewerbe, da sei keine Kunst dabei. Die ausdrückliche Verneinung von Gewissensbissen ist in folgenden Fällen gegeben. — Ein Angeklagter wird vom Präsidenten gefragt, ob er nicht Reue über den Mord empfinde. „Der Schlag ist gefallen, antwortet er, ich kann doch da nicht mehr helfen." — Avinain, der in Paris enthauptet wurde, wollte nichts von Reue wissen, da ihn der Beichtvater dazu ermahnte; es sei die Wahrheit, die ihn zum Schaffott führe. — „Nicht Reue war es, weshalb ich den Ort (des Verbrechens) verliess," äusserte Delacollonge. — „Gewissensbisse!" sagte Lacenaire, „wozu? ich habe im Gegentheil mein Vergnügen daran. Mörder aus Grundsatz, durfte ich kein Gefühl haben." — Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 351 „Wenn sie mich fassen, muss ich es bezahlen. Wozu Gewissensbisse? Ich habe Furcht, wenn ich steblen will; geht alles gut, so thut es mir nicht leid," sagten Andere aus. Viele äusserten etwas wie Reue, aber es war VerstelluDg und Berechnung, um die edlen Gesinnungen von Menschenfreunden auszubeuten, um entkommen oder ihre augenblickliche Nothlage bessern zu können. Sogar Lacenaire griff nach seiner ersten Verurtheilung zu diesem Mittel, als er an seinen Freund Vigouroux um Protektion und Geld schrieb: „Mir bleibt nichts übrig, als zu bereuen. Ihr dürft Euch des Gedankens erfreuen, einen Menschen vom Wege des Lasters, zu dem er nicht geboren ist, zurückgeführt zu haben u. s. w." Wenige Stunden darauf beging er einen neuen Diebstahl und brütete über eine Mordthat. Bei seinem Tode gestand er, nie begriffen zu haben, was eigentlich Reue bedeute. Rognoni in Pavia sprach sich vor den Geschworenen in rührenden Worten aus, die man für die Aeusserungen der Beue hielt; er wies sogar tagelang den Wein zurück, der ihn an das vergossene Bruderblut erinnere. Dabei verschaffte er sich heimlich Wein von den Mitgefangenen, und als einer der Letzteren ihm nicht genug gab, bedrohte er ihn mit den Worten: „Ich habe Vier umgebracht, es wird mir auch mit dem Fünften nicht schwer werden." Manche gebrauchen sogar die erheuchelte Beue als Vorwand für das begangene Verbrechen, wie Michelin, der auf diese Weise den Gnadenstoss, den er seinem Opfer gegeben, entschuldigen wollte. (Eivista dei debattimenti. Mailand 1872.) Bisweilen ist dieser Schein von Reue (die bei den Romanschreibern beliebte Maske) eine Folge von Hallucinationen und Rausch. Philippe und Lücke sahen unmittelbar nach dem Morde die Schatten ihrer Opfer. Sie hatten Anfälle von Delirium potatorum. Der Erstere äusserte gleichwohl nach seiner Verurtheilung, er würde die Sache wieder aufnehmen, wenn man ihn nicht nach Cayenne schickte. Manchmal ist die scheinbare Reue nichts als die Folge von Todesfurcht oder einer religiösen Vorstellung, die zwar wie Reue aussieht, es aber nicht wirklich ist. Ein klassisches 352 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Beispiel hierfür lieferte die Brinvilliers, die dem ehrwürdigen Poirot als ein Muster für reuige Sünder erschien und wenige Stunden vor ihrem Tode an ihren Gemahl schrieh : „Ich sterbe den ehrenvollen Tod, den meine Feinde mir bereiten." Die Brudermörderin! Als ihr Beichtvater sie ermahnte, den Brief zu ändern, vermochte sie es nicht und bat ihn, es für sie zu thun. Auf dem Wege zum Tode beichtete sie noch, dass sie lüsterne und Bachegedanken habe, und sprach von ihrem Manne: „Wird er denn unter Denen verweilen können, die mich gehasst haben?" Nur eines einzigen Falles von Sinnesänderung bei einem geborenen Verbrecher entsiane ich mich. Ein gewisser Melicone, ein Strassenräuber, 40 Jahre alt, bekam nach 20- jähriger Haft religiöse Visionen und glaubte sich zu einer Mission zu Ehren der Jungfrau, die ihm in seiner Zelle erschienen sei, berufen. Der Irrsinn hatte bei ihm jede Spur verbrecherischer Neigungen verwischt und vielmehr einen Apostel und Menschenfreund aus ihm gemacht. üebrigens war sein Grossvater irr; er selbst mikrokephal, seine Augen stier, seine Lippen dünn. 6. Vorstellung von Gerechtigkeit. — Nicht selten erkennt der Verbrecher die Schlechtigkeit seiner Handlungsweise an, aber er unterschätzt ihre Bedeutung. So schrieb Dombey nach seiner ersten Mordthat: Ich hoffe, man wird mir diesen Jugendstreich verzeihen. — Als Bouet wegen Raubmordes zum Galgen geführt wurde, murmelte er: „Man lässt einen Menschen um solch einer Kleinigkeit willen sterben!" Andere wieder meinen, die Schlechtigkeit der Handlung werde von der guten Absicht, in der sie geschehe, aufgewogen, wie Holland, der zum Mörder wurde, um seinem Kinde und seiner Frau Brot zu verschaffen. Oder sie berufen sich auf Andere, die Schlimmeres verübt hätten, namentlich auf Mitschuldige. Andere suchen sich durch den Mangel an zureichenden Beweisen oder damit zu rechtfertigen, dass sie wegen eines anderen, als des wirklich von ihnen begangenen Verbrechens angeklagt worden seien. —■ Daher kommt es, dass, wenn man es ernst nehmen wollte, eigentlich die Justiz Sechstes Kapitel. Bückfall. — Moral. 353 die Missethat begangen habe und die Regierung, auf die es zurückfalle. Die Londoner Diebe wissen wohl, wie Mayhew 1 ausführt, dass sie Unrecht thun, meinen aber dabei nicht schlechter zu sein als die Bankerotteure. Aus der Veröffentlichung der Kriminalprocesse in den Zeitungen erfahren sie, dass es auch in der höheren Gesellschaft Schurken giebt. In ihrer geistigen Beschränktheit verwechseln sie die Ausnahme mit der Regel und ziehen daraus den Schluss, dass eine von den Reichen begangene schlechte Handlung auch an ihnen nicht tadelns- werth sein könne. „Da ich weiss," schreibt der Mörder Raynal in seinem Buche Malheur et fortune, „dass drei Viertel aller Tugenden nur versteckte Laster sind, so halte ich einen dreisten Angriff auf einen Reichen für weniger unedel als die vorsichtigen Schleichwege des Betruges. Darin denke ich zwar anders als Viele, die ihre Rechtschaffenheit nach der Dicke des Strafgesetzbuches bemessen, da aber mein Sinn nicht für List und Betrug gemacht ist, so bin ich Bandit geworden." Der Dieb Giacosa meinte, es gebe zweierlei Gerechtigkeit, die eine Art sei die natürliche, die er ausübe, indem er einen Theil der gestohlenen Gegenstände den Armen überlasse, die andere sei die gemachte, die das Gesetz bestimme, die er aber verachte. [Gas. dei giuristi. 1857.) Gleichwohl muss man zugeben, dass die Vorstellung von Recht und Unrecht nicht ganz und gar bei allen Verbrechern verloren gegangen ist; sie ist bei ihnen nur unfruchtbar geblieben, da sie ihnen nicht Herzenssache geworden und da sie durch Leidenschaften und Lebensweise erstickt wird. — In der spanischen Gaunersprache heisst die Justiz Giuesta —, in der französischen nennt man so die Assisen. Lemaire sagte: „Ich weiss, dass ich Böses thue; wenn Jemand mir sagte, ich thue recht, so würde ich ihm antworten: ,Du bist ein Hundsfott wie ich selbst', darum werde ich aber keinen anderen Weg einschlagen." Es ist aus Sub 1 Criminal life. London 1862. Lombboso, Der Verbrecher. I. 23 354 Dritter Theil. Biologie und Psychologie der Verbrechers. bekannt, dass die Pariser Dirnen von obscönen Büchern nichts wissen wollen, ebenso die Galeerensklaven nichts von unehrenhaften Handlungen, und dass sie gegen die Verfasser derartiger Geschichten sich erbosen, wie es nur ehrliche Leute thun können. Zum Beweise, dass Viele recht gut wissen, wie schlecht ihre Handlungen sind, dient auch ferner, dass sie alles Mögliche thun, um ihre Kinder davon abzuhalten, denselben Weg zu wandeln wie sie. Noch mehr! Es giebt sogar Solche, die sich der Strafe, die sie erwartet, wohl bewusst sind, sie aber nicht nur geringschätzen, sondern sie auch zu erhöhen streben und darum ihre Verbrechen mit raffinirter Bosheit ausführen. Ein Beispiel dafür bietet Raf. Perrone, der mit seinem Bruder zusammen einen gewissen Eranck im Streit erschlug, und als Letzterer noch Lebenszeichen von sich gab, ihn mehrmals mit den Füssen trat und dabei die Worte ausstiess: „Ich werde dir ein Ende machen, kostet es mich auch schon 25—30 Jahre Galeere." Nicht das richtige Urtheil darüber, was recht ist, noch auch die Kenntniss der Gesetze ist es, was den Verbrechern fehlt, sondern die Fähigkeit, demgemäss zu handeln. Etwas anderes ist es, die Theorie einer Sache begriffen zu haben, und etwas anderes danach zu verfahren, denn damit die Er- kenntniss in freie Willensthätigkeit sich umsetze — gleichwie die Speisen in Chylus und Blut —, dazu bedarf es des Gemüthes, und das fehlt Jenen (Horwicz). W enn sie sich zusammen thun und ihr Gefühl nicht wiederstrebt, wenn sie sogar ein Interesse daran haben, Gerechtigkeit walten zu lassen, so geschieht das mit derselben Energie, wie sich dieselbe in ihren schlimmsten Thaten äussert. Bei einem von einem Menschenfreunde in London zusammenberufenen Meeting junger Diebe z.B. wurden die 10 und 20 mal rückfälligen mit Beifallsrufen begrüsst; einer von ihnen, der 20 mal verurtheilt gewesen, wurde wie ein Held im Triumphe empfangen, als ihm aber der Vorsitzende absichtlich ein Goldstück zum Umwechseln gab und es etwas lange währte, bis er zurückkam, so entstand eine grosse Unruhe und Missvergnügen unter diesen Geistern. „Wenn er nicht kommt, bringen wir Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 355 ihn u ml" rief man im Chor, aber gross war die Freude, als er das Geld zurückbrachte, ohne dass etwas daran fehlte. Diese Aeusserungen indes, sowie dass der Dieb zurückkam, gingen, wenn man es genauer erwägt, nicht etwa aus der Liebe zur Gerechtigkeit hervor, sondern aus einem immerhin lobenswerthen Ehrgeiz; sie handelten in diesem Augenblicke recht unter demselben Einfluss der Leidenschaft, unter welchem sie im nächsten Moment eine schlechte That vollführt haben würden. Diese gute Seite der Leidenschaft sollte uns den "Weg zeigen, den man zur Besserung des Schuldigen zu betreten hat, indem man sich mehr an den Stachel der Eitelkeit, als an die Vernunft wendet, — mehr die Gefühlsseite anregt und einübt, als die Verstandeskräfte in pedantisch katechisirender Weise, wie es (unter Geld- und Zeitverschwendung) in den Gefängnissen geschieht, zu schärfen versucht. Anderson, ein gefährlicher und für unverbesserlich gehaltener Verbrecher, wurde wie ein Lamm, als ihn Moconoch zur Bändigung wilder Stiere verwendete, aber ein Schrecken der Strafkolonie, als er wieder an die Kette und in die Ruhe zurückkam. In Moskau lässt man die Vergehen der Strafgefangenen von diesen selbst richten und erhält dabei Erkenntnisse, die unsere Geschworenen öfter beschämen würden. Unter anderen (s. Rivisita di discipl. carcer. 1866) folgendes: Ein neu angekommener junger Dieb war von einem alten zu einem kleinen Diebstahl verleitet worden; dafür wurden dem Letzteren 80 Hiebe, dem jungen nur 40 zuerkannt. Ähnliches berichtet Tocqueville aus Amerika, wo die Sträflinge von ihren Kameraden mit besonderem Gerechtigkeitsgefühl abgeurtheilt werden. Die Londoner Diebe verfahren äusserst gewissenhaft bei der Vertheilung der Beute; erweist sich einmal einer als unehrlich, so wird er umgebracht oder der Polizei angezeigt. Im Jahre 1860 waren die Gefangenen auf der Insel S. Stefano, die infolge der inneren Kämpfe (zwischen den Apuliern und Calabresen) sich selbst überlassen bleiben mussten, in der Gefahr, Hungers zu sterben, wenn man sich gegen 23* 356 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Diebereien nicht schützte. Da errichteten die Häupter der Parteien unter sich wahrhaft drakonische Gesetze, besonders gegen den Diebstahl an den ohnehin spärlichen Nahrungsmitteln, und diese Gesetze wurden mit unnachsichtlicher Strenge gehandhabt. So wurde Paskai Orsi wegen eines kleinen Mehldiebstahls zu 50 Stockhieben und 30 Tagen Einschliessung verurtheilt; einem Anderen, der einem Kameraden 2 Schaufele gestohlen, wurden die letzteren auf den Leib gebunden, und er musste so auf der ganzen Insel damit umhergehen. Wer einen Kameraden tödtete, wurde zum Tode verurtheilt; ebenso wer die Wächter oder die Inselbewohner bedrohte oder beschimpfte. Letzteres Gesetz schützte die Ehre der Frauen und der Wächtei' und gab Veranlassung, dass infolgedessen mehrere Galeerensträflinge getödtet wurden [Rivist. di dibattimenti celebri. 1872). Z. B. hatte ein gewisser Sabbia eine Ziege aus den Ställen des Zuchthauses gestohlen; er bat vergebens, ihn mit einer Geldstrafe davon kommen zu lassen. „Die Ziege," sprach der neue Jurist von der Galeere, „wird nicht mit Geld, sondern mit Blut bezahlt," und der Verurtheilte wurde mit Steinen und Messerstichen getödtet, sein Leichnam in den Abgrund gestürzt. — Die Ziege blieb als warnendes Beispiel mitten auf dem Hofe liegen. Zwei Freunde Sabbias retteten ihr Leben nur mit grosser Mühe dadurch, dass sie ihre Unschuld an dem Diebstahl nachwiesen, obgleich sie von dem Fleische gegessen hatten. Ein gewisser Oentrella, der in dem Verdachte stand, seine Hand dabei im Spiele gehabt zu haben, wurde zwar nach langer Einsperrung freigesprochen, da er sein Alibi nachweisen konnte, aber aus dem gesetzgebenden Ratk, dessen Mitglied er war, ausgestossen, da man mit Einem, der auch nur im Verdacht der Uebertretung der Gesetze stehe, keine Gemeinschaft haben wollte. 7. Treulosigkeit. — Diese Art von Moral und Gerechtigkeit, die so urplötzlich inmitten einer gesetzlosen Menge aufstieg, ist indes nur eine erzwungene und vorübergehende. Wenn das Interesse Einiger, anstatt gefördert zu werden, dadurch verletzt würde, oder wenn die verhaltene heftige Leidenschaft wieder aufbraust, dann fällt jenes Erkennen der Sechstes Kapitel. Rückfall. — Moral. 357 Wahrheit, das nicht einem moralischen Sinne entsprungen ist, plötzlich wieder in sein Nichts zurück. Daher sind die Verbrecher, einer vielverbreiteten Ansicht entgegen, meistenteils auch im Verhalten zu ihren eigenen Genossen und sogar zu den Mitschuldigen aus ihrer Familie nicht zuverlässig. Und obgleich sie einen Verrath, der sie schädigt, für schimpflich halten, so stehen sie doch nicht an, Andere zu verrathen. Dieser Umstand bietet zwar eine kostbare Waffe für die Justiz, ist aber zugleich eine der Veranlassungen zu den beständigen Beunruhigungen und Racheakten auf den Galeeren. Entweder werden jene Leute Angeber, um ihre eigene Lage zu bessern, oder aus Eifersucht, um die Lage Anderer zu verschlimmern; sei es, um nicht allein leiden zu müssen, sei es, um sich für einen wirklichen oder eingebildeten Verrath zu rächen. Der berüchtigte Mörder Haas erklärte sogar, er habe eich Mitschuldige bloss darum ausgesucht, um für den Fall seiner Verhaftung nicht allein am Leben gestraft zu werden. Der Process Artus in Belluno bot das scheussliche Schauspiel, dass die Söhne, selbst Diebe, die erschwerendsten Aussagen gegen ihren Vater machten und sogar nachweislich falsche Aussagen. Unter den Dieben, sagt Vidocq, giebt es nur wenige, die es nicht für ein Glück halten, wenn die Polizei sie benutzt. Fast alle möchten sich „zerreissen", um ihren Eifer zu zeigen. Die eifrigsten aber sind gerade Diejenigen, die das Meiste auf ihrer Rechnung haben. Ferner: die Gauner haben keine ärgeren Feinde, als die alten Züchtlinge, die den regsten Eifer zeigen, um einen alten Freund festzumachen. Fehlt es an wirklichen Thatsachen, so erfinden sie auch welche, oder was gar seltsam ist, sie versuchen ihre eigenen Vergehen Anderen aufzubürden, auf die Gefahr hin, sich selbst bloss- zustellen. So wurde eine gewisse Bailly und ein Quaste dreimal wegen eigener Vergehen verurtheilt, für die sie Andere verklagt hatten. Die Londoner Diebe, die so wüthend auf Angeber sein können, verrathen sich doch untereinander. Auch Lacenaire bezichtigte Mitschuldige auf Grund von Angaben, die ihn selbst bezichtigen konnten. 358 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Caruso war bei uns das brauchbarste Werkzeug gegen die Briganten; es fehlte nicht viel, so hätte er Crocco ausgeliefert.— Als Bianco sich verloren sah, führte er seine Leute in den ihnen vom General Nunziante gelegten Hinterhalt. — Mottino, Gasparone bestahlen ihre Genossen um ihren An- theil an der Beute. — Die Fechter von Ravenna tödteten mit ausgesuchter Grausamkeit ihre Kollegen vom Handwerk. Als Burke von Hare gefragt wurde, was sie anfingen, wenn es an Leichnamen für die Anatomie fehlte, sagte er: unter allen Umständen bleiben uns unsere Frauen und Genossen. Unter unseren Bandenführern behandelte nur Schiavone, so viel mir bekannt ist, seine Leute in billiger Weise. Die meisten der anderen waren übermüthig und ungerecht. Ooppa tödtete 20 der Seinigen wegen geringer Vergehen; er schoss seinen Bruder nieder, der ohne sein Geheiss einen Pachthof geplündert hatte. Die (berüchtigten französischen) Mordbrenner brachten viele der Ihrigen um, darunter drei Weiber. Auch unter der oben beschriebenen Organisation in S. Stefano kamen Morde aus Rache vor, die zu einem berühmten Processe Veranlassung gaben, — und sogar der Lykurg der Gemeinde stach mit eigener Hand einen der Seinigen nieder, der, auf seine Muskelkraft stolz, ihn nicht respektvoll genug behandelt hatte. — So gebrechlich und haltlos ist auch solch ein Gebäude von vermeintlicher Gesetzlichkeit, das einem momentanen Auflodern besserer Gefühle seinen Ursprung verdankt. 8. Verhalten der Irren. — Vergleichen wir nun die Moral der Verbrecher mit der der Irren, so finden wir manche Aehnlichkeit, aber auch ganz besondere Gegensätze. Der Irre ist selten von Jugend auf unmoralisch und boshaft, er wird es erst in einem gewissen Lebensabschnitt infolge einer Krankheit, die seinen Charakter verändert. Dem Verbrecher gleicht er darin, dass er nur selten Reue fühlt, dass er sich seiner Unthaten rühmt, zu denen er sich gezwungen fühlt. Oft jedoch bereut er unmittelbar nach deren Vollzug; in lichten Augenblicken und im Bewusstsein seines Unrechtes klagt er sich an, nicht aber in der cynischen Weise, wie es der Ver- Sechstes Kapitel. Kückfall. — Moral. 359 brecher thut, sondern in aufrichtiger Reue und unter Erleichterung seines Herzens, wie es auch dem Hypochonder Bedürfniss ist. — Das war der Fall bei Fontana, Elica- bide, Papavoine, Verger, bei Livis A. R., bei Biefis Dossena. Wenn sie auf den Rath ihrer Mitgefangenen und Anwälte ihr Verbrechen leugnen (wie Verzeni und Furina), so geschieht das doch nicht mit dem Geschick und der Hartnäckigkeit des gewiegten Verbrechers. Auch derjenige Irre, der einmal in der Hitze der Leidenschaft, ohne gleichfalls wie jene die Folgen zu bedenken, einen Mord begeht, unterscheidet sich durch die augenblicklich folgende Reue und das Bedürfniss der Busse, das ihn zur Selbstanklage treibt, von dem Verbrecher. 9. Verhalten der sog. Wilden. — Keinerlei Reue dagegen empfindet der Mensch im Naturzustand; er rühmt sich vielmehr seiner Missethaten. Gerechtigkeit bedeutet ihm soviel wie Rache, Gewalt. Noch im alten Latein war latro- cinium und militia gleichbedeutend. Bei den Germanen (Caesar de hello Gallico. VI. 23) war ein ausserhalb der Grenzen des Staates begangener Raub nicht schimpflich. Bei den Alhanesen ist ein Mord noch jetzt kein Verbrechen; stark heisst bei ihnen gerecht und schwach schlecht. Der Skipetare rühmt sich eines Hammeldiebstahles gleich einer Heldenthat. Der Raubmord ist bei den Schoa ein Mittel, sich auszuzeichnen. Bei ihren Festen erzählen die Krieger von ihren Morden und rühmen sich der Menge derselben. Die Anthropophagie betreffend sei nur noch erwähnt, dass die Peruaner einen besonderen Ausdruck für das Verzehren der eigenen Eltern, nämlich mirca, und sogar einen Gott für dieses Geschäft, Namens Mircix-coyllon, besessen haben sollen. Auch bei den Bewohnern der Fidschi- Inseln, die den Menschen das lange Schwein nennen, ist der Genuss des Elternfieisches Sitte (gewesen). Obfield vermuthet, dass man in Australien die Weiber geschlachtet habe, bevor sie 360 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. durch Alter unschmackhaft geworden seien; die Neuseeländer sollen in ihrer Sprache ein Wort haben, welches das Verzehren der im Mutterleibe getödteten Kinder bedeute. Die Pata- gonier haben eine Vorliebe für die Beine ihrer Feinde; in Ermangelung solcher nehmen sie mit dem Leichnam eines alten Weibes vorlieb, das sie zuvor in Rauch ersticken. Die Betschuanen werfen als Lockspeise für die Löwen, die sie fangen wollen, ein Weib und ein Kind in die Grube. 10. Vermuthlicher Ursprung des Rechtes. — Sicher ist es, dass die gemeinsame Noth, welche durch den Ueber- muth Weniger entstanden war, zuerst den Gedanken an Recht und Gesetz erweckt hat. In dieser Beziehung ist das Verfahren der oben erwähnten Sträflinge von S. Stofano, das durch seine Härte noch sehr an die Gesetze des Mittelalters und der Wilden erinnert, besonders lehrreich, da es zeigt, welch' eine Reihe von Ereignissen erforderlich gewesen sein mag, um ein Gesetzbuch unter einer barbarischen Bevölkerung zu schaffen. Siebentes Kapitel. Die Religion der Verbrecher. Die Meinung ist ziemlich verbreitet, dass die Verbrecher insgesamt irreligiös seien und zwar darum, weil die Religion es sei, die den Leidenschaften den mächtigsten Zügel anlege. Es ist indes sicher, dass — mit Ausnahme vieler Bandenführer, wie Lacenaire, 1 Lemaire, M andrin, G asparone, 1 Lacenaire erwiderte dem Präsidenten, dass er allerdings die Kirche besuche, aber nur, um sich wie im Theater zu amüsiren. — Man drin fragte den Priester, der ihn zur Reue ermahnte, wieviele Schenken auf dem Wege zum Paradiese lägen, er habe nur 6 Sous Zehrgeld. — la Pommerais bat sich in seinem Testamente aus, man solle seinen Sohn nicht in den Schrecken der Religion und des Mönchsthums erziehen. — Ave-Lallemant : Das deutsche Gaunerthum. I. 16, führt an aus Rebmann {Damian Hessel und seine 'Raubgenossen, S. 106): Der katholische und sogar zum Priesterstand erzogene Hessel verlangte nach Verkündigung seines Todesurtheils einen — Rabbiner, um als Jude zu Siebentes Kapitel. Die Religion. 361 la Pommerais, Barre, oder derer in den Grossstädten, die es für bequemer halten, jenen Zügel sich nicht anzulegen, und die in der entgegengesetzten Richtung ausschweifen — ein sehr grosser Theil nichts weniger als atheistisch ist, namentlich unter denen vom Lande. Freilich ist das eine sinnliche, für ihre Bedürfnisse zurechtgemachte Religion, die sich den Gott der Gerechtigkeit und Liebe als eine Art wohlwollenden Beschützers und Mitschuldigen am Verbrechen vorstellt. Perri fand unter 200 Mördern nur einen gänzlich ungläubigen; sieben waren übertrieben fromm, fünf sehr religiös; die anderen schimpften 1 zwar auf die Priester, versicherten aber, an Gott zu glauben; einer meinte sogar, er könne nicht anders als auf Raub ausgehen, weil Gott ihm das eingebe. v. Oettingen weist nach, das man über diesen Punkt genaues nicht erfahren könne. Wenn man den Kirchenbesuch als Maassstab für die Religiosität annimmt, was er allerdings nur sehr bedingungsweise auch bei unbescholtenen sogenannten frommen Leuten ist, so kann ich darüber folgendes mittheilen Es kommt vor: auf auf 500 Verbrecher 100 Normale regelmässiger Kirchenbesuch... in 46% 57% unregelmässiger Kirchenbesuch. „ 25 ,, 13 „ gänzliches Unterlassen........ „ 38 „ 29 „ Daraus ist ersichtlich, dass die Normalen in etwas grösserei Anzahl am Kirchenbesuch sich betheiligen und in etwas geringerer als die Verbrecher desselben sich enthalten. Das Ver- hältniss ist jedoch je nach den verschiedenen Kategorien der sterben, und (S. 119) sein Genosse Steinmattter, der gleich ihm als Jude gelebt hatte, Hess seinen Sohn (allerdings von einer jüdischen Konkubine) beschneiden. Thiele (der jüdische Gauner) erzählt, dass bei der grossen Berliner Gauneruntersuchung (1835) die christlichen Gauner während der Untersuchung um die Erlaubniss nachgesucht hätten, die Religionsübungen der Juden mitmachen zu dürfen. 1 Auch der ehrliche, äusserst rechtgläubige Russe speit — buchstäblich — vor dem ihm begegnenden Popen aus, damit ihn kein Unheil treffe. Fr, 362 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Verbrecher ein anderes. Fleissigere Kirchenbesucher sind nämlich die Stupratoren und die Mörder, jene im Verhältniss von 61 %, diese bis zu 56 %. Casanova (Memoires. S. 342), der in solchen Dingen doch etwas Erfahrung haben musste, behauptet, alle Diejenigen, welche unerlaubte Gewerbe betrieben, vertraueten auf den Beistand des Himmels — und Horaz legte seinem Schurken die Worte in den Mund: „Pulchra Laverna Da mihi fallere, da justo sanctoque videri" — und kurz darauf „Noctem peccatis et fraudibus objice nubes." Jeder Dieb hat seinen Heiligen, sagt das Sprichwort. Wirklich befanden sich unter 2480 Tättowirungen 238 mit religiösen Symbolen (s. oben). In der (ital.) Gaunersprache heisst Gott der erste Mai, die Seele die „Unvergängliche", — ein Beweis dafür, dass die Gauner an Gott und Unsterblichkeit glauben. Bei den Spaniern heisst die Kirche im Argot das „Heil". — Die deutschen Mörder sollen sich (nach Oasper) vor Verrath geschützt wähnen, wenn sie am Orte der That ihre Nothdurft verrichten, die italienischen, wenn sie den Finger in das Blut des Opfers eintauchen und ablecken. — Die Zigeuner glauben, Gott werde ihnen gnädig sein, wenn sie ein Jahr lang dasselbe Hemd tragen, welches sie zur Zeit des Mordes auf dem Leibe trugen. — Tortora, der 12 Soldaten und 1 Priester tödtete, hielt sich für unverwundbar, weil er eine geweihte Hostie auf der Brust trug. — Die berüchtigte französische Mordbrennerbande hatte einen eigenen Ritus hei ihren Eheschliessungen und Geburten eingeführt, den eine Art von Priester, halb ernsthaft, halb scherzend und lateinische Gebetformeln murmelnd, besorgte. Die Trauungsceremonie bestand darin, dass das Paar über 2 gekreuzte Stöcke, die der Hauptmann hielt, springen musste, wobei der Letztere nach Art unserer Standesbeamten fragte: „Lump, willst du sie oder ihn ? — so spring!" Seltsamerweise war nun die Ehescheidung bei ihnen nicht gestattet bis zur Zeit, als die Revolution von 1789 einbrach und diese das alte Ehegesetz umstiess. — Die vornehmen Pariser Giftmischerinnen von 1670 gebrauchten Siebentes Kapitel. Die Religion. 363 nicht nur die „Erbschaftspulver", sondern hielten auch Teufelsmessen ab, um den Tod eines Gatten oder die Treue eines Liebhabers zu erwirken, wobei ein Priester auf dem Bauch einer schwangern Dirne Messe las und den Fötus erdrosselte, dessen Blut und Asche zur Bereitung von Liebestränken benutzt wurde. 1 Die Voisin allein tödtete 2500 auf diese Art. [Les Archives dela Bastille. 1866 und 1873). —Manzis Bande war mit Amuletten bedeckt. — Carusos Bande hatte in Büschen und Grotten Heiligenbilder mit Wachskerzen davor. — Verzeni, der Mörder dreier Frauen, war einer der fleissig- sten und frömmsten Besucher der Kirche und Beichte; seine ganze Familie war nicht nur religiös, sondern bigott. — la Galas Spiessgcscllen weigerten sich hartnäckig, Freitags Fleisch zu essen, und sagten, als der Gefängnissdirektor sie dazu aufforderte: „Halten Sie uns denn für Exkommunicirte?" — Der grösste Theil der Londoner Diebe hält fest am Bibelglaubßn. Es ist nicht zu lange her, dass die Diebe und Camorristen von Neapel der Klosterkirche S. Pasquale reiche Geschenke gaben und der Erzbischof an den Thüren der Kathedrale die Liste (la componenda) des Ablasspreises für begangene Verbrechen anheften liess. (Maggiokanis mündliche Mittheilung.) — Die Mörder Bertoldi, Vater und Sohn, wohnten auf den Knien mit gesenktem Haupte der Messe bei. — Als der Marie Forlini, die ein Kind erwürgt und zerstückelt hatte aus Rache gegen seine Eltern, das Todesurtheil verkündet wurde, sagte sie zu ihren Vertheidigern: „Aus dem Tode mache ich mir nichts; wenn nur die Seele gerettet wird!" — Boggia, ein Seidenwurmzüchter, der in Mailand wegen 32 begangener Mordthaten verurtheilt wurde, hatte täglich die Messe besucht, trug den Baldachin, war bei allen kirchlichen 1 Es erinnert das an die sogen. Schlaflichter, die bei Diebesbanden in dem Glauben gebräuchlich waren, dass die zu Bestehlenden dabei nicht erwachen. Verfertigt wurden diese Lichter — nach Aussage der im Jahre 1811 zu Berlin zum Feuertode verurtheilten Luise Delitz, eines Mitgliedes der Bande des schönen Heinrich, — aus dem Fett ungeborener Kinder, zu deren Abtreibung die Weiber der Bande durch einen Eid bei Dir ach (Teufel) sich verpflichten mussten. (S. Thiele, a. a. 0.) Fr. 364 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Ceremonien zugegen, predigte beständig Moral und christliche Gesinnung und war Mitglied aller möglichen "Wohlthätigkeits- vereine. — Die Trossarello betete zu einer speciellen Madonna, der auf der Via dei Mercanti in Turin. — Vidocq fand eine Menge Diebe, die sich eine Messe singen Hessen, um Glück zu haben, da sie seit Monaten keinen Fang gemacht hatten. — Marc, ein junger Neapolitaner, der seinen Vater getödtet hatte, war von Amuletten bedeckt. Er gestand mir, dass er die Madonna della Catena um Beistand zu seinem Verbrechen gebeten habe; sie habe ihm denselben auch offenbar gewährt, denn sein Vater sei auf den ersten Schlag zu Boden gestürzt, was sonst nicht hätte geschehen können, da er selbst ausserordentlich wenig Körperkraft besitze. — Die Avelina hofft in einem Briefe an ihre Mitschuldige auf Gottes Hülfe bei der Vergiftung ihres Gatten. — Michielin billigt den Plan zu einem Morde und verspricht, er werde kommen und dafür sorgen, dass Gott dem Gehülfen beistehe. — Lacollange erwürgt seine Geliebte, ertheilt ihr Absolution und verkauft gestohlene Sachen, um für die Ermordete Messe lesen zu lassen. — Auch Vincent ertheilt dem Studenten, bevor er ihn tödtet, die Absolution. — Mendaro tödtete seine Frau und ging, das De profundis singend, aufs Schaffot. — Als die Galla in dem Hause des Geliebten Feuer anlegte, hörte man sie sagen: „Gott und die Heilige Jungfrau mögen das Uebrige thunl" — Bourse lief nach jedem begangenen Diebstahl oder Morde m die Kirche und kniete andächtig nieder. — Ein Dieb, der in einer Klosterschule erzogen war, verbarg seinen Raub unter der Bildsäule des P. la Salle, in der Voraussetzung, dass jener unter dem Schutze dieses halben Heiligen am besten geborgen sei. — Die Zambeccari gelobte der Madonna von Loreto einen Kelch zu widmen, wenn ihr die Vergiftung ihres Ehemannes gelinge. — Gall erzählt von einem Diebe, der stahl, um eine Kapelle zu bauen und auszuschmücken, und von einer Mörderbande, die für jedes ihrer Opfer ein Paternoster beten Hess, ferner von einem gewissen Eltig, der die Ermordung seiner Frau durch eine Messe zu sühnen glaubte. — Die Brinvilliers führte nicht bloss Buch über ihre Schandthaten, Siebentes Kapitel. Die Beligion. 365 Morde u. s. w., sondern auch über versäumte Beichte u. dgl. m. — Martinati wurde noch im Gefängniss von dem Geistlichen wegen seiner Andacht bewundert, und Mo, der Mörder, von Allen für einen Heiligen gehalten. ■— Masini begegnete dreien seiner Landsleute, darunter einem Priester, schnitt einem derselben mit einem stumpfen Messer die Kehle durch und verlangte mit noch blutigen Händen von dem Priester das Abendmahl. (Rossi: Basilicata S. 51.) — Auch die Pariser Prostituirten sind bigott, trotz aller ihrer frivolen Reden und Orgien. Parent führt u. a. ein Beispiel an, wo eine Sterbende die Sterbesakramente verlangte, und da der Priester das Bordell nicht betreten wollte, die Kranke von den anderen Dirnen in sein Haus getragen wurde u. s. w., auch dass die Pariserinnen nur gezwungenerweise Freitags zur Visite erscheinen. — In Neapel ist der Mittwoch zu Ehren der heil. Brigitta der Tag der Enthaltsamkeit. Der letzten Statistik des Gerichtswesens zufolge waren religiöse Leidenschaften in 40 Fällen, Aberglaube in 226 Ursachen zum Verbrechen. In vielen Fällen bot die Religion aber nur einen Vorwand, um das Publikum zu täuschen und den Verdacht der Justiz abzulenken. Trotz der oben angeführten zahlreichen Fälle wäre es lächerlich, ja geradezu gottlos, die Religion (wir sprechen von der Gegenwart, nicht von den Zeiten Agamemnons) für jene Verbrechen verantwortlich machen zu wollen, die ihrerseits gerade die Atheisten und Positivisten beschuldigen zu dürfen glaubt. Man würde den sinnlichen und flüchtigen Launen und Leidenschaften der Verbrecher zu viel Ehre erweisen, wollte man sie auf die zarten und erhabenen Bestrebungen der Religion oder auf die tiefe Gedankenarbeit der Philosophen zurückführen. Ich möchte die Religion der Verbrecher mit einem lockeren schwachen Zügel vergleichen, der ein launisches, wüthendes oder störriges Pferd nicht hindert, losgelöst von allem, seinen Weg in eigensinniger Weise zu gehen, — der also weder im Guten noch im Schlechten einen Einfluss hat, es sei denn, irgend einen Vorübergehenden zu schädigen. 366 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Was aber den Atheismus der Verbrecher betrifft, so kommt er mir vor wie jene weiten Gewänder und dickleibigen Folianten, hinter denen die Zauberkünstler ihre Unwissenheit verbergen wollen. Achtes Kapitel. Verstand und Bildung der Verbrecher. 1. Psychometrie. — Obwohl der Schaden im Gemüth des Verbrechers zu suchen ist, so leidet doch, infolge des Zusammenhanges aller Partien des Nervensystems, auch der Verstand in bedeutendem Grade bei ihm. Könnte man eine Durchschnittssumme für den Verstand der Verbrecher mit eben der Sicherheit ermitteln wie für den Schädelinhalt, so würde man meines Erachtens zu demselben Ergebniss wie dort gelangen, d. h. man würde finden, dass ihr "Verstand im Durchschnitt geringer ist als bei den normalen Menschen. Die Spanier haben zuerst etwas dergleichen zu Tage gefördert. Unter 23000 Verbrechern fanden sie 67,54% mit gesundem Verstände, 10,17 % mittelmässig, 18,80 % mit schlechtem Verstände, bei 0,75 % war er sehr schlecht, von 2,7J % nicht bekannt. Man,hat indes nicht erfahren, nach welchen Grundsätzen diese Ermittelungen erhoben worden sind (LiäGOYT: Statistique comparee. 1864). Fekküs — Des prisonniers in Annales d''Hygiene. 1880 — unterschied so: von 2005 Gefangenen zeigten 1607 guten Verstand, 1249 mittlere Fähigkeiten, 37 hervorragende, 345 wenig entwickelte, 339 waren beschränkt und 35 entschieden schwach- sinnig. In Zwickau zählte man: im 1875 229 Jahre 1877 334 7° 17 mittelmässig gering . . . 565 89 705 92 63 8 Achtes Kapitel. Veratand und Bildung. 367 Diese Daten sind freilich ungenau. — Auch Hipps Psychometer ist mehr ein Messinstrument für die' Wahrnehmung als für den Gedanken. Gleichwohl durfte ein Versuch mit demselben behufs der Ermittelung der Intelligenz der Verbrecher nicht unterlassen werden. Meine in Tabelle 31 folgenden Untersuchungsergebnisse, muss ich übrigens bemerken, beruhen nicht auf der gewöhnlichen Methode wo „0,1000 auf 1" an- Tabelle 31. Gesichtsschärfe Gehörschärfe S cd s PS g 1 es a a Jj 9 "SS PS 1 Junger Verbrecher 1 280 102 20 260 140 60 10 130 Dieb P .......... 2 3 240 80 98 59 10 38 230 42 140 90 56 40 15 10 125 80 Raufbold G ...... 1 4 100 71 45 55 32 16 4 28 Dieb L .......... 5 6 284 90 81 76 67 55 17 235 30 29 16 18 7 12 23 17 Raufbold B ...... Fälscher ........ 7 100 77 60 40 24 13 4 20 Dieb ............ 8 118 87 75 43 30 15 8 22 Diebesoberhaupt. . 9 110 82 11 99 35 21 12 23 Gelegenheitsver- f 10 120 91 58 62 25 14 4 21 11 110 82 58 52 35 21 12 23 / 1 105 68 50 55 70 22 5 75 2 140 69 10 130 — — — — 3 60 43 20 40 — 15 4 25 Normal ......... \ 4 5 90 55 47 39 12 28 86 27 30 65 21 18 10 10 20 55 6 98 65 34 69 57 27 9 48 7 84 56 28 56 36 15 6 30 genommen wird, sondern „0,0033 auf 1". "Wie man aus diesen Zahlen ersieht, ergiebt sich eine entschiedene Langsamkeit der Perzeption sogar bei Verbrechern, die, wie die hier untersuchten, absichtlich aus den intelligentesten ausgesucht wurden. Noch auffälliger aber sind die ganz ungewöhnlichen Differenzen zwischen Maximum und Minimum, so bei 1., 2., 5. Andererseits ist die grosse Raschheit der Auffassung seitens des Gehörs (bei 10., 7., 4.) zu beachten, die grösser ist als bei den normalen Individuen. Letzteren stehen wiederum die 368 Dritter Theil. Biologie und Psychologie der Verbrechers. wegen geringer Vergehen bestraften Vagabunden und Gelegen- beitsverbreober nabe; auch ist unter ihnen selbst die Differenz nicht sebr bedeutend. Nicolson, der 200 schwachsinnige Gefangene beschrieb, nimmt an [Joarn. of Ment. sc. 1882), dass auf 1000 Diebe 655 schwachsinnige kommen, auf je 1000 Mörder, Brandstifter, Stupratoren 165, 125, 45. Guy nimmt 28 schwachsinnige, nicht etwa irrsinnige, auf 1000 Verbrecher an. Es ist zwar nicht der Fall, wie Thompson behauptet, dass alle Verbrecher geringen Verstand besitzen, oder irr- und schwachsinnig sind (Thompson fand 2 % Irre und 12 % Im- becille), doch findet sich in allen, sogar bei Denen, die Geist besitzen, irgend eine schwache Seite, ein Defekt. 2. Faulheit. — Die meisten fühlen sich zu schwach und geistesträge für eine anhaltende, ernste Thätigkeit und kennen kein anderes Ideal als Nichtstbun. Die französischen Diebe nennen sich untereinander pegres (Faullenzer). Die „Stromer" bilden sogar vor dem Gesetz eine besondere Species unter den Verbrechern, und diese ist es, die vielleicht am häufigsten die Gefängnisse bevölkert. Die Zigeuner treiben zwar Gewerbe, arbeiten aber nur soviel als nöthig, um nicht Hungers zu sterben, deshalb bleiben sie auch arm. Die Diebe, sagt Vidocq, sind zu keiner Arbeit fähig, die Energie und Ausdauer erfordert. Sie können und verstehen nichts als Stehlen. Lemaire erklärte vor dem Richter, er sei stets ohne Beschäftigung gewesen, das sei allerdings kein Ruhm, aber er sei zu schwach zur Arbeit, — er habe nur Energie, wenn es einer üebeltbat gelte; — wenn er arbeiten sollte, so wolle er lieber zum Tode verurtheilt werden. (DespineS: Psychologie naturelle). Die erste Veranlassung zu Lacenaires Verbrechen gab seine Faulheit. Er war, nach Aussage seines Lehrers, als Kind nicht zum Aufstehen zu bewegen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, und blieb lieber im Schmutze liegen; — weder Strafen noch Verhöhnung seitens seiner Kameraden vermochten Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 359 ihn zu bessern. Jede Arbeit, jede Thätigkeit war für ihn eine Strafe. Jacquard tödtete seinen Vater, der ihm seine Trägbeit vorhielt; ganze Nächte blieb er lieber im Stalle liegen und kam in kein Bett, bloss um sich nicbt rubren zu müssen. Vermuthlich ist das aucb der Grund, warum grosse Verbrecher, wie Verzeni, Agnoletti, Bourse, Raymond, Donon und Benoist, in der Schule keine Fortschritte macbten. Ein Hauptzug der Prostituirten ist, nacb Parent- Duchatelet, das Faullenzen; 9 unter 10 tbun den ganzen Tag nichts. CüRCro bat nachgewiesen, dass unter 100 Berufslosen 9 Verurtbeilte in Italien sich befinden. Bei 48 % der minderjährigen Verurtheilten und bei 33 % der Minderjährigen überhaupt war 1871 das Wachsthum und das Vagabundiren Ursache der Einsperrung; den Hauptantbeil von 65 % lieferten die ■wärmeren Landstriche Sicilien und Sardinien. In Frankreich waren unter 76 618 Angeklagten 11307 Vagabunden. 3. Leichtsinn. — Ein anderer Defekt im Denken des Verbrechers ist die ungemeine Leichtfertigkeit und der Wankel- muth seiner Sinne. In der Schweiz berechnet man die ßeate aus Leichtsinn auf 44 %. Man kann sich kaum einen Begriff von dem Leichtsinn der Prostituirten machen, sagt Parent-Duchatelet; ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, sie zu einem etwas länger anhaltenden vernünftigen Gespräch zu bringen, ist fast unmöglich. Daraus erklärt sich ihre Unvorsichtigkeit und Sorglosigkeit um die Zukunft, die von den Kupplern ausgebeutet wird. Dasselbe ist bei den Verbrechern in Bezug auf unstäten Sinn und Aberglauben der Fall. Als ich bei einem derselben das Kopfmaass nehmen wollte, erschien ihm die Sache derart gefährlich und diabolisch, dass er mich ohne die Abwehr der Wärter fast ermordet hätte. Bei einem gewaltsamen Einbruch fand Accantino in dem ersten Zimmer, in das er gelangte, eine Schüssel mit Fischen und Brot und vergass darüber seineu Zweck. Lombroso, Der Vorbrecher. I. 24 370 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Die grossen Verbrecher, sagt Keller, denken nie an die Möglichkeit, abgefasst zu werden, und wenn sie es werden, so begehen sie Dinge, welche die Justiz auf die Fährte früher begangener Verbrechen führen. 4. Unvorsichtigkeit. — Dieser Leichtsinn erklärt es, dass Diebe sogar mit Leuten von der Polizei von ihren Vergehen sprechen und sich wie die Kinder behandeln und ausforschen lassen. „Die Diebe," sagt Vidocq, „sind so dumm, dass man sich vor ihnen gar nicht zu verstellen braucht und dass sie sogar, wenn sie verhaftet sind, nicht einsehen, mit wem sie zu thun haben. Viele, die es wussten, dass ich Polizeibeamter war, theilten mir geradezu ihre Pläne mit." Die leichtfertigen Eröffnungen, die sie machen, hängen grossentheils von der Gewohnheit der Verbrecher ab, sich zu Gesellschaften zu verbinden und dem ersten Besten freundschaftlich sich anzuvertrauen, sobald derselbe ihr Kauderwelsch spricht. Diese Unvorsichtigkeit, zusammen mit dem Hang zu Ausschweifungen in Gesellschaft von Mitschuldigen, ist auch der Grund, weshalb sie so oft, nachdem sie entwichen sind, an die Orte zurückkehren, wo sie zu verkehren gewohnt waren; sie halten es auch nicht für möglich, dass ihnen ein Unglück passiren könne, wenigstens nicht, dass es gross sein könne, so lange sie sich unter ihren Gefährten wissen. Eine Folge ihres Mangels an Einsicht ist auch die Art, wie sie sich z. B. bei schweren Verbrechen damit vertheidigen, dass sie auf geringfügige Umstände Gewicht legen und die Hauptsache ausser acht lassen. Als ich mit Cavaglia über den von ihm an seinem Herrn und Mitschuldigen verübten Mord sprach, äusserte er, er habe ihm nicht 14, sondern nur 13 Schläge gegeben. Auch der Aberglaube und der Werth, den sie auf Wahrsagerei legen, ist ein Zeichen ihres Leichtsinnes. Sogar die grössten Verbrecher, die mit grosser Geschicklichkeit ihre Unternehmungen anfangen, verlieren später die Vorsicht, besonders wenn sie von den Erfolgen berauscht und straflos geblieben sind. Ein treffendes Beispiel sehen wir Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 371 an Fallaci. Sie sind unvorsichtig und denken nicht folgerichtig, daher so häufig das Missverhältniss zwischen dem Beweggrund zu dem Verbrechen und diesem selbst, daher auch fast immer die Versehen bei der Ausführung. Letzteren Umstand benutzen dann, schlauerweise, die Vertheidiger, um die Unschuld oder wenigstens die Unzurechnungsfähigkeit ihrer Klienten nachzuweisen. Wie geschickt auch der Thäter sein mag, so mischt sich in sein Verfahren doch die ihm innewohnende Unvorsichtigkeit; die Gewaltsamkeit und die un- bezwingliche Leidenschaft verwirren sein Urtheil. Endlich auch giebt die Lust am Verbrechen, das Vergnügen an der Ausführung und an dem Bekanntwerden ebenso oft Veranlassung zu Irrthümern, durch welche sogar ein wenig gewiegter Untersuchungsrichter auf die richtige Spur geleitet wird. Die Lafarge z. B. schickte ihrem Manne eine vergiftete Pastete zugleich mit einem Briefe, worin sie ihn aufforderte, nach dem Diner davon zu essen, bedachte aber nicht, dass er nicht alles mit einmal verzehren würde, und dass ein kleiner Rest und der Brief zum Verräther werden konnten. Rognoni tödtete seinen Bruder und verschaffte sich ein Alibi, vergass aber die Blutflecken aus seinen Kleidern zu vertilgen, ja er Hess sogar während der Ausführung der That das Licht brennen, das ihn den Wächtern oder den Nachbarn verrathen musste. R. wohnte der Schwurgerichtssitzung bei, in welcher sein Mitschuldiger abgeurtheilt wurde, und wurde dabei ergriffen. Und so noch viele andere Beispiele. 5. Die Specialisten. — Wenn Lewis (Les causes celebrcs de V Angleterre. 1884) von den berüchtigsten Verbrechern meint, sie würden es weit gebracht haben, wenn sie ihre Intelligenz und Ausdauer, anstatt auf Schlechtigkeiten, in ehrlicher Weise verwerthet hätten, so ist das einfach nicht wahr; denn solche Leute haben selten eine grosse Begabung, und wenn sie solche haben, so zeigen sie dieselbe nicht bei Begehung von Verbrechen. In dieser Hinsicht sind sie mehr schlau als gescheut, und ihre Kombinationen sind höchstens geistvoll, ermangeln aber eines steten und festen inneren Zu- 24* 372 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. sammenhanges. Sobald der unmitelbare Zweck erreicht ist, der in der Regel in der Befriedigung irgend eines materiellen Bedürfnisses besteht, so ermatten sie, bis ein neuer Appetit sie zu neuen Unternehmungen anstachelt. Das ist aber nicht der Weg, um emporzukommen. Oftmals zeigt sich wirklich bei gewissen Verbrechern eine ausserordentliche Gewandtheit. Betrachtet man aber die Dinge bei Lichte, so ist das kein Wunder; die Uebung macht eben den Meister, und sogar Idioten vermögen in Dingen, die sie oft wiederholen, Ueber- raschendes zu leisten. Der Dieb „arbeitet" nicht nur fast immer als Dieb, sondern auch in speciellen Diebesfächern. Da giebt es welche, die nur Geschäftsläden, andere, die nur einfache Wohnungen bestehlen. Unter diesen giebt es sogar wieder Unterabtheiluugen. Vidocq spricht von Zimmerdieben, die im Vorübergehen das Geschäft betreiben (cambrioleurs ä la flan); von anderen, die von langer Hand her den Diebstahl vorbereiten, ein Zimmer in der Nähe miethen, sich anscheinend ehrbar führen (nourrices), oder solchen, die sich zuvor mit dem Portier benehmen, sich Nachschlüssel verschaffen (carambouleurs), oder endlich, die unter dem Vorwand, einen Besuch machen zu wollen, eintreten (cavalieri arrampicanti). Im Londoner Hafen giebt es bewaffnete Flusspiraten, welche lediglich kleine Barken überfallen und nur grosse Anker und Tonnen stehlen; andere, welche die Getreidesäcke anstechen, um desto mehr Körner auflesen zu können; wieder andere, die nur auf Eisen und Brennmaterial es abgesehen haben. Mayhew und Binnbt zählen zehn verschiedene Arten von Bettlern auf, die in London ihr Wesen treiben, und zwar die fremden, die verhungerten, die angeblich kranken und schiffbrüchigen, die Bittsteller u. s, w. Unter den Dieben unterscheiden sie die Einbrecher, die Einschläferer (die sich narkotischer und anästhesirender Mittel bedienen), die Gnooser, welche in den Eisenbahnhotels übernachten und am Morgen das Gepäck der Reisenden wegtragen; solche, welche Dietriche gebrauchen, dann Vorhallendiebe (deadlurker), Käsediebe, Pferdediebe (wollybird), Hunde-, Geflügeldiebe. Nach einer Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 373 officiellen Mittheilung (Criminell Prisons. 1862) waren in London 141 Hundediebe, 11 Pferdediebe, 28 Falschmünzer und 317» die falsches Geld vertrieben, 323 Schwindler, 343 Hehler, 2768 Händelsucher, 1205 Vagabunden, 773 Taschendiebe, 3657 gewöhnliche Diebe, 217 Einbrecher, 6371 Prostituirte; im ganzen ca. 17 000 Delinquenten, d. i. 1 auf 140 Einwohner. 1 Der anonyme Verfasser des Buches von den Landstreichern zählt 37 Arten spitzbübischer Bettler unter besonderen Namen auf, die um das Jahr 1500 Italien überschwemmten. Locatelli sagt (in Sorveglianti e Sorvcgliati. Mailand 1836): „Eine lange Erfahrung hat mich überzeugt, dass die Misse- thäter fast immer eine besondere Methode in Verübung ihrer Schurkereien anwenden. Die Strassenräuber z. B. bedienen sich bei ihren Räubereien nicht immer drohender Worte, wie man zu glauben pflegt. — Es giebt Diebe, die äusserst geschickt sind im Erbrechen von Schlössern und Mauern, und wieder andere, die einen Thurm erklettern können, aber nicht den einfachsten Verschluss zu öffnen verstehen, wieder andere, die bei dem leisesten Geräusch ausreissen, dagegen solche, die unverfroren in die dichteste Gesellschaft sich eindrängen, Diebe, die sozusagen einem Menschen das Hemd vom Leibe ziehen, ohne dass er etwas davon merkt, die es gleichwohl nicht wagen, die 1 London hat 530 Wohlthätigkeitsanstalten; dafür jährliche Aus- gahe = 2 000 000 £,. Daneben existiren 4000 Landstreicher, deren Einnahme 50 000 £. a. 1848 und 1849 wurden in die Londoner Arbeitshäuser 143 069 Landstreicher aufgenommen. b. 1851 figurirten in der Londoner Polizeistatistik: 217 Hauseinbrecher, 38 Strassenräuber, 773 Taschendiebe, 3675 gewöhnliche Diebe, 11 Pferde-, 141 Hundediebe, 3 Fälscher, 28 Falschmünzer, 317 Verbreiter falschen Geldes, 323 Betrüger unter falschen Angaben, 343 Diebeshehler, 2768 Gewohnheitsruhestörer, 1235 Landstreicher, 50 Bettelbriefschreiber, 86 Bettelbriefträger, 6371 Strassendirnen 417 andere nicht klassificirte gefährliche Subjekte. Von den Verbrechern Englands sind 11 % unter 17 Jahren, 25 % zwischen 17 und 20 Jahre alt. Ave-Lallement : Das deutsche Gaunerthum. II. 3., Anm. Leipzig. Brockhaus 1858. 374 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Schwelle eines Ladens oder einer Wohnung zu betreten, wenn letztere auch unbewohnt sind, Diebe, die alles, was ihnen unter die Hände kommt, stehlen, und andere, die sich an werthlosen Dingen nicht vergreifen, Diebe, die äusserst geschickt sind im Geflügeldiebstahl, und andere, die nicht den Muth haben, die Thür eines Hühnerstalles zu öffnen." Alle diese Specialisten haben vermuthlich eine verschiedene psychische Anlage, die sich wenigstens bei den verschiedenen Kategorien der grossen Verbrecher geltend macht. 6. Die Giftmischer gehören in der Regel den höheren Ständen an; man findet darunter besonders Aerzte oder Chemiker. Sie sind gebildet, von angenehmem Aeussern, gesellig, gefällig und verstehen es, ihre Opfer bis zum letzten Augenblick für sich einzunehmen. Als Beispiele dienen Taylor, Moreau, Palmer und unter den Frauen die Locusta, Bonanno, Tofani, Piccoli, Caraccioli, Oostanzo, Conti-Spina, Herzogin Oeri u. A. m. Der Beiz der Heimlichkeit, das Gefühl der Sicherheit vor Entdeckung und eine Art von Lust am Verbrechen treibt sie, gegen viele Personen gleichzeitig vorzugehen, und zwar ohne besonderen Grund. Die Lamb z. B. vergiftete nicht nur Mann und Kinder, sondern auch eine Nachbarin ohne sonstiges Interesse; die Zwanziger (nach Feuerbach) mehrere Dienstleute und Personen, mit denen sie früher befreundet war. Die Jegado vergiftete 21 Individuen, die May 14 Kinder und 1 Bruder; die Ohesham hatte 14 (ihre Männer und Kinder) vergiftet, wurde zweimal freigesprochen und endlich gehängt. Bei fast Allen gab Geldgier, Liebe, mehr aber noch Wollust den Antrieb zum Morden. Heuchlerisch, ruhig, leugnen sie und behaupten ihre Unschuld bis zum letzten Augenblick, so dass das Geheimniss der Schuld mit ihnen zu Grabe geht. Heutzutage kommt es sehr selten vor, dass die Giftmischer Mitschuldige haben, was in früheren Jahrhunderten, namentlich in Frankreich und im alten Born der Fall war, wo das Verbrechen, besonders unter den Frauen, fast epidemisch auftrat. Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 375 7. Die Päderasten, bei denen das Genossenschaftswesen gewissermaassen Bedürfniss ist, sind gleichfalls meist unter den gebildeten Gesellschaftsklassen vertreten (Lehrer, Offiziere). Sie erkennen sich beim ersten Blicke, sogar auf Reisen in fremden Ländern. Es ist kaum glaublich — wenn nicht Oasper und Tardieu die schriftlichen Beweise dafür geliefert hätten —, wie eine so unnatürliche Leidenschaft bis zur Romantik und zum Mysticismus sich versteigen -»kann. Gleichwohl beharrt dieselbe oft nicht bei nur einem Geliebten, sondern dehnt sich fast gleichzeitig auf mehrere aus. "Weniger sonderbar ist es, dass die Betreffenden, wenn sie den höheren Ständen angehören, weibliche Arbeiten und Kleider und Uniformen lieben, dass sie mit Schmuck beladen, mit offenem Halse und Locken öffentlich erscheinen, und dass sie nebenbei für Kunst schwärmen, Gemälde, Blumen, Statuen u. dgl. sammeln, wie es bei den alten Griechen gleichfalls üblich war. — Dennoch sind sie insofern ehrlich, als sie ihr Unrecht nicht vor sich selbst verleugnen, lange und schwer dagegen ankämpfen, es beklagen und zu verbergen suchen. 1 Die Päderasten aus niederem Stande lieben dagegen den Schmutz, hässliche Gerüche, ihre Stimme ist weibisch, und sie dienen als Werkzeuge für die verwegensten Diebstähle und die wildesten Mord- thaten (Montely) und für die traurige Erfindung Lacenaires, die sich bis jetzt in Paris unter dem Namen Utils und Tantes erhalten hat. 8. Viele Stupratoren haben dicke Lippen, volles, schwarzes Haar, glänzende Augen, rauhe Stimme, lebhaften Geist; öfter sind sie impotent und halbverrükt; ihre Genitalien atrophisch oder sehr gross; der Schädel abnorm, nicht selten Kropf, Kretinismus, stotternde Sprache, Rhachitis vorhanden. 9. Die Diebe haben wie die Lohndirnen eine Vorliebe für bunte Kleider, Ohrringe, Uhrketten. Sie sind die unwissendsten, aber gläubigsten unter der Rasse. Fast immer schreckhaft und besorgt, auf der That ertappt zu werden, ist 1 Vgl. dagegen K. H. Ulrichs (s. Numa Numantius) Schriften über Urningsliebe, „die der konträren Sexualempfindung" als etwas Naturwidriges nicht gelten lassen will. 376 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ihre Rede sinnlos, abspringend; dem ersten Besten, der ihren Jargon spricht, vertrauen sie als ihrem Freunde. Sie halten auf Träume, "Wahrsagen und Unglückstage. Nicht selten knüpfen sie romantische Liebschaften an, meist jedoch mit prostituirten Mädchen, die ihre natülichen Verbündeten sind. Vidocq sagt: „"Wer mit einer Prostituirten lebt, ist ein Dieb, wenn nicht ein Spion." Sie begehen ihre Verbrechen gern in Gemeinschaft, verkehren am liebsten im Geräusch der grossen Städte, ausserhalb derselben sind sie wie der Fisch im Trockenen. Zu anhaltender Arbeit unfähig, frech im Lügen, sind sie am wenigsten besserungfähig, vor allem aber die Frauen, die meist Lohndirnen sind. 1 10. Die Betrüger sind wie die Spieler sehr abergläubisch und ausschweifend; übrigens mehr als die anderen Verbrecher einer guten, aber auch einer sehr schlechten Handlung fähig; dazu bigott und heuchlerisch, süsslich, von wohlwollendem Aeussern, eitel und verschwenderisch mit ihrem unredlich erworbenen Reichthum, sehr oft Simulanten, oft wirklich irr, oft auch beides zugleich. 11. Die Mörder sind Fremden gegenüber anscheinend theilnehmend, geschmeidig und ruhig. Dem Weingenuss sind sie weniger ergeben als dem Spiel und der Fleischeslust. Unter sich verwegen, anmassend stolz auf ihre Thaten, bei denen sie weniger Intelligenz als Körperkraft und Muth zeigen. "Was bei ihnen als grosse Gewandheit erscheint, ist meist nur Folge der Uebung in oft sich wiederholenden Geschehnissen. Beispiele sind Duinollard, Boggia, Soldati. Eine besondere Eigenthümlichkeit der Mörder besteht (nach Claude) darin, dass sie, wenn sie nicht gerade im Geschäft thätig sind, sich als die lustigsten Leute der "Welt ausnehmen und die Gesellschaft von Lustigmachern vor allen anderen aufsuchen. 1 Vidocq (Sur les moyens de prevenir les crimes) sagt: Wenn sie keinen goldenen Schmuck haben, so nennen sie sich arm „femme libre". — Ferner: mit den Alliirten kamen 1815 viele Diebe nach Paris, sogar Küssen und Kalmücken. Diese verständigten sich mit den Pariser Kol- egen in wenigen Tagen. Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 377 12. Die Klasse der Beschäftigungslosen und Landstreicher, sagt Locatelli, ist fast immer vergnügt; daher sind sie in den Gefängnissen bei den Dieben und Mördern als Buffons sehr beliebt. Sie sind meistentheils nüchtern und von ruhigem Temperament und daher bei den lärmenden Auftritten und blutigen Streitigkeiten unbetheiligt. Ich kannte welche, die mehr als ein Dutzendmal im Gefängniss sassen und, von dem täglichen Schauspiel des menschlichen Elendes und der Nichtswürdigkeiten verhärtet, doch bei Bekanntwerden eines Mordes schauderten und dem Urheber desselben in voller Versammlung der Mitgefangenen auf Gefahr des eigenen Lebens Vorwürfe machten. — Auf der Stufenleiter des Verbrechens überschreiten diese nicht die untersten Stufen, nicht weil sie sich viel aus dem Tadel der AVeit machen, von der sie halb und halb ausgestossen sind, sondern weil es ihnen wirklich innerlich widersteht, ernstere Angriffe auf Leben und Eigenthum ihrer Mitmenschen zu machen. Ich entsinne mich keines Beschäftigungslosen, der zu seiner Rechtfertigung den Mangel an Körperkraft (ausgenommen im Krankheitsfalle) angeführt hätte, während sie fast alle die Schwierigkeit, Arbeit in ihrem Gewerbe zu finden, als Entschuldigungsgrund nennen. Nicht wenige haben indes Widerwillen gegen die Arbeit, nicht etwa um der körperlichen Anstrengung willen, sondern wegen der langweiligen Einförmigkeit der Muskelbewegungen, zu welcher die Theilung der Arbeit in den grossen Fabriken den Arbeiter vernrtheilt. Manche setzen hingegen lieber Gesundheit und Leben in gefährlichen Unternehmungen aufs Spiel, als dass sie in ihrem erlernten Gewerbe arbeiten. So suchte ein gewisser G., Schuhmacher von Profession, aus unüberwindlichem Widerwillen gegen Pfriem und Leisten bisweilen sein Brot durch Betteln auf Grund einer simulirten Kontraktur und mit Hülfe eines Stelzfusses und riskirte sein Leben, indem er in finsteren Winternächten auf den Dächern der Nachbarschaft den Katern nachjagte, die ihn zum Dank für- die Störung in ihren Liebesabenteuern übel zurichteten. 378 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Die Umherstreicher sind in der Regel erotischen Neigungen nicht unterworfen, wie es die echten Uebelthäter sind, die sich davon beherrschen und zu Verbrechen verleiten lassen. (Locatelli, a. a. O.) Mayhew theilt die Bettler in solche von der Flotte, vom Landheer, solche, die falsche Dokumente vorweisen, die Krankheit simuliren und sich stumm stellen. Das Bedüifniss der Müsse und die sorglos heitere Künstlerlaune, die sie kennzeichnet, macht diese Species oft zu Erfindern von Gewerben, für die kein Anderer ein Auge hat. Einer machte ein Gewerbe daraus, so laute Ohrfeigen sich zu appliciren, dass es dem Lärm einer Schlägerei glich, natürlich die Menge und auch die Polizei herbeizog, ein Anderer färbt Kaninchen, wieder Andere richten Flöhe und Ratten ab. Einer will 27 Arten von Gewerben treiben; morgens ist er Stiefelputzer, dann Sammler von Papierschnitzeln, von Cigarrenstummeln, Ausrufer u. s. w. Das sind die Akademiker der Gaunersprache. 13. Die Verbrecher von Geist. — Es ist nicht zu leugnen, dass es wirklich hie und da geniale Verbrecher gegeben hat, d. h, Schöpfer neuer Formen von Verbrechen, wahrhafte Erfinder im Bösen. Sicherlich war Vidocq ein Mann von Geist, der 20 mal zu entkommen und einige hundert Verbrecher in die Hände der Justiz zu liefern verstanden und schliesslich eine treue Psychologie des Verbrechens geschrieben hat; ebenso Cagliostro, der Fürsten und Könige beraubte und betrog und beinah für einen Propheten gehalten wurde. Ferner zeichneten sich aus: Norcincj und Pietrotto, die nie länger als etwa 1 Monat im Gefängnisse von Toscana sich halten Hessen; D üb ose, der, zum Tode verurtheilt, nicht nur sich, sondern auch seine Geliebte befreite; Hessel, dem ein Holzspan und ein Bindfaden, oder wie er selbst sagte, ein Hauch genügte, um Kerkerthüren zu öffnen. Bei allen diesen Dingen ist jedoch mehr die Handfertigkeit als die Intelligenz zu bewundern. — Dagegen hat Oog- Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 379 nard nach Ermordung des Pontis di S. Helena, für den er sich später ausgab, seine Rolle so zu behaupten gewusst, dass er seine Verwandten, dass er Generale und Minister täuschte, dass er mit Ehren überhäuft wurde und zum Marschall ernannt worden wäre, wenn ihn nicht einer seiner Kameraden von der Galeere erkannt hätte. 1 Lewis berichtet von einem gewissen Wilde, der 15 Jahre lang an der Spitze einer wohlorganisirten Bande in London gestanden hat, sogar mit Wissen der Polizei, der den Be- stohlenen gegen Entgelt ihr Eigenthum zurückgab, die Diebe, die nicht zu den Sein igen gehörten, und überhaupt die ihm Verdächtigen anzeigte und das sogar noch im Gefängniss forttrieb. Am merkwürdigsten aber ist die Geschichte eines gewissen Ruskowich (Prof. Nocito : Storia di un condannato. Rom 1872), der das Englische, Französiche, Italienische, Arabische, Griechische, Rumänische und Deutsche vollkommen innehatte, physikalische und besonders chemische Kenntnisse besass, in der schönen Litteratur, vor allem in der Geschichte und Me- dicin bewandert war. Elegantes Aeussere, schwarzes lockiges Haar, ein intelligentes, scharfes Auge zeichneten ihn aus. 1845 in Triest zu schwerem Kerker, dann in London zu 6 Jahren Zuchthaus wegen Fälschung verurtheilt, kam er mittelst einer neuen Fälschung frei und erhielt sogar eine Entschädigung von 200 £, wobei er die Königin betrog. In Belgien unter dem Namen Osman Jussuf, in Frankreich als Frank-Weber, erhob er auf falsche Wechsel von den Banquiers Geld, wurde verurtheilt, entfloh mit einem Pass der italienischen Gesandtschaft unter dem Namen Doktor G. nach Mailand, wo er als Arzt prakticirte, die Armen unentgeltlich behandelte, Konsultationen mit verschiedenen Aerzten abhielt, mit der Tochter eines Advokaten sich verlobte, dann neue Betrügereien in Livorno beging, wo er ertappt und eingesteckt wurde. Hier 1 Zu Anfang dieses Jahrhunderts war ein früherer Räuber aus dem Schwarzwalde Hofkaplan am Hofe eines Fürsten von K. und wäre es geblieben, wenn ihn seine ehemaligen Kameraden nicht auskundschaftet und bedrängt hätten. (Anm. d. Uebers.) 380 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. gab er sich als in Boston promovirter Dr. med. aus, behandelte die Cholerakranken in Abwesenheit des Gefängnissarztes, bis dieser zu seinem Verdruss erkannte, dass seine Namensunterschrift unter den Recepten sprechend ähnlich nachgemacht war. Gleichwohl beging er die Unvorsichtigkeit, vom Gefängniss aas seine Geliebte aufzufordern, gewisse ihn kompromittirende Papiere zu beseitigen. Noch viele andere Beispiele Hessen sich für die Findigkeit und Schlauheit der Verbrecher anführen; bei fast allen jedoch findet sich ein Mangel an Vorsicht, irgend ein Umstand, den sie bei ihren schlauesten Kombinationen übersehen und der sie ins Verderben führt. Die teuflischen Pläne eines Desruös, Thomas, Palmer, Faella, Peltzer, Troppmann mussten zur Entdeckung der Schandthaten führen, da irgend einer der Ueberlebenden sich fand, auf den sie nicht gerechnet hatten. Aus allem ergiebt sich, dass auch die begabteren unter den Verbrechern mehr Schlauheit und Esprit, als wirklichen Geist besitzen, dass ihre geistige Schwungkraft etwas Unstätes, Lückenhaftes hat und mehr blitzartig als nachhaltig wirkt, worauf der dauernde Erfolg aller Thätigkeit beruht. 14. Verbrecher unter Gelehrten und Künstlern.— Obgleich das Genie wie das Verbrechen auf einer Art angeborener Anlage des Nervensystems beruht (vgl. Lombroso: Genio e follia), so sind Verbrechen in der Gelehrtenwelt doch eine sehr seltene Erscheinung, und wo sie vorkommen, nicht immer sicher beglaubigt. Zwar führt man Baco, Sallust. und Seneca an, die sich der Unterschlagung schuldig gemacht haben sollen, der sichere Beweis dafür ist indes nicht geführt worden. Dagegen sind Cremani, ein bedeutender Strafrechtslehrer, und Demme, ein vorzüglicher Chirurg, jener als Fälscher, dieser als Dieb und Giftmischer, berüchtigt. Aber kein Mathematiker, kein Naturforscher, wenigstens unter den hervorragenden, hat sich meines "Wissens eines gemeinen Verbrechens schuldig gemacht. Nur von Cesalpini weiss man, dass er des Adels verlustig ging, nicht aber um welches Vergehens willen; auch bei Avicenna nicht, der epileptisch, Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 381 im Alter ausschweifend und Opiumesser wer, — woher das Wort stammt, dass weder die Philosophie das Leben ehrbar zu gestalten, noch die Medicin die Gesundheit zu erhalten vermag (Pouchet: L'hist. d. sciences naher, etc. 1870). Auch die Statistik spricht für die Seltenheit von Verbrechen im Gelehrtenstande. In 0esterreich beliefen sich nach Messedagliä die Vergehen in diesem Stande während 14 Jahre auf 0,83 bis 0,71 %, in der Lombardei auf 1,25 bis 1,50 % (hier sind indes wahrscheinlich politische Verbrechen mit eingerechnet). Weniger günstig sind die Ergebnisse bei Dichtern, Litteraten und Künstlern. Bei ihnen treten die Leidenschaften, die bei der Beschäftigung mit der ernsten Gelehrten- arbeit keine Rolle spielen dürfen, mehr in den Vordergrund, ja sie werden sogar zu einer der Bedingungen des künstlerischen Schaffens, wogegen die strengen Gesetze der Wahrheit und Logik mehr zurücktreten. Bonfadio, Rousseau, Aretino, Ceresa, Brunetto Latini, Franco, Foscolo und vielleicht auch Lord Byron gehören hierher. Des Verbrechens des Frauenmordes aus Eifersucht machte sich der Schauspieldichter Albergati schuldig (Masi: La vita ed i tempi di Albergati. 1882); Mureto wurde in Frankreich wegen Unzucht yerurtheilt; Casanova beschreibt sein unzüchtiges und betrügerisches Handeln selbst in seinen Memoiren. Villon [villon = Gauner) entstammte einer ehrbaren Familie, fing mit kleinen Diebereien an, deren Ertrag er auf Spiel, Mädchen und Wein verwandte, beging einen grösseren Diebstahl aus Hunger, als seine Geliebte ihn vor die Thür setzte, wie er in seinem Piccolo testamento schreibt. Luciani und der Mörder Lesfrois (Engländer) waren beide hervorragende Journalisten, letzterer wahrscheinlich Morphinist. Häufiger als unter den Litteraten kommen Verbrechen aus Liebe und Gewerbsneid unter den Künstlern vor. Man braucht nur an Benvenuto Cellinis Leben zu erinnern, an Andrea del Castagno, der den Domenico Veneziano ver- rätherischerweise erschlug, um der alleinige Besitzer des Ge- 382 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. heimnisses der Oelmalerei zubleiben, anTempesta, der seine Frau tödtete, um ein Kind zu heirathen; Filippo Lippi, der eine Novize entfübrte, Herrera, der Falschmünzer, Andrea del Sarto, der ein Scbwindler war, Bonamici, genannt il Tassi, Benvenuto l'Ortolano, Caravaggio, Lebrun; Luino, Ourtois, Oloquemin, die sämtlich Todtscblag begingen. So häufig nun auch unter Malern Verbrecher gefunden werden, so selten sind letztere unter den Bildhauern (ich weiss nur von Cellini); von Architekten finde ich keinen. Möglicherweise spielt die ruhige Betrachtung bei ihnen eine Bolle, wie bei den Gelehrten. Bei den Malern kommen Verbrechen wahrscheinlich wegen ihrer Vorliebe für geistige Getränke häufiger vor. Wir erinnern an Caraccio, Steen, Barbatelli, genannt Pocietti (Pichler) und Beham, sowie an viele andere, die das Malergewerbe mit dem des Gastwirthes vertauschten. In Italien kommen 6 Verbrecher auf 100 Männer von höherer Bildung; in Frankreich 6%; in 0esterreich 3,6—3,11, in Bayern 4% (Obttingbn: Moral-Statistik). Es .ist das einigermassen erstaunlich, da diese Zahlen höher sind, als die in einigen anderen Gesellschaftskreisen. In Italien wenigstens kommt nur 1 Deliquent auf 345 Gewerbetreibende, 1 auf 278 Rentiers, 1 auf 419 Bauern und 1 auf 428 Beamte. Die Kenntnisse der Prostituirten betreffend, finden sich bei Richelot [Prostitution en Anglet. 1857) einige nicht unwichtige Angaben. Demnach konnten von 4470 Prostituirten in Frankreich 1780 ihren Namen schreiben und nur 110 hatten einen besseren Unterricht genossen, d. h. also 4% resp. 22%. In England dagegen kamen auf 3498 analphabete 6052, die ziemlich gut lesen und schreiben, 355, die gut lesen und schreiben konnten, und 22, die eine höhere Bildung genossen hatten, d. h. also 57,8, 0,58 und 0,03 "/o. 1 1 Ein Unterschied, der, abgesehen von anderen Einflüssen, nur etwa beweisen würde, dass der bessere Schulunterricht von der Wahl einer verworfenen Berufsart nicht abhält. Achtes Kapitel. Verstand und Bildung. 383 15. Die Intelligenz der Irren mit der der Verbrecherklasse verglichen, zeigt zunächst darin einen Unterschied, dass Trägheit bei Jenen weit seltener auftritt, als bei dieser. Während Bettler die Mebrzal in den Gefängnissen bilden, sind sie in Irrenanstalten selten (Guislain: Legons orales. II.), und während Irre oft eine nur zu lebhafte, allerdings nutzlose Thätigkeit entwickeln, ist das, was die Verbrecher leisten, nur auf ihren eigenen unmittelbaren Nutzen abgesehen und zwar meist im bösen Sinne. Endlich ist die Logik bei den letzteren sehr schwach bestellt, bei den Monomanen dagegen nur zu scharf. Gelehrte, wie gesagt, finden sich nur selten unter den Verbrechern, verfallen dagegen häufig in Irrsinn. Maler verfallen, wie es scheint, öfter in Verbrechen als in Irrsinn; grosse Musiker hingegen werden öfter irr, z. B. Beethoven, Gounod, Donizetti, Schumann, Mozart, 1 Eousseau. Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 2 1. — Eine der Haupteigenthümlichkeiten des in Gesellschaft lebenden Verbrechers von Profession ist der Gebrauch einer ihm nur eigenen Sprache, die zwar den grammatischen Typus und die Syntax der gewöbnlichen Sprache beibehält, jedoch der Bedeutung der Worte nach eine ganz andere ist. 1 Trotzdem schrieb Mozart noch auf dem Sterbebette sein Eequiem. Fr. 2 Ascoli: Studi critici sui gerghi. 1861. — Biondelli : Studi sulla lingua furbesca. 1846. — Moreau-Christophe : Le monde des coquins. 1870. — Pott: Zigeuner. Halle 1844. — Ave-Lallemant : Das deutsche Gaunerthum. Leipzig, Brockhaus. 1858—1862. 4Theile. — (Thiele: Die jüdischen Gauner in Deutschland. Berlin 1841.) — Mayor: Note sul gergo francese in Arch. di Psich. IV. F. 4. — Loredan-Larchey: Supplement au dictionnaire d'argot. Paris. 1882. — Lacassagne : JJhomme criminel compare ä l'komme primitif. Lyon 1833. — Stan. de l'Aulnaye: Verba erotica, add. ä Rabelais. 1820. 384 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Diese Umwandlung geht auf verschiedene Weise vor sich. Am meisten verbreitet und am merkwürdigsten ist die Art, welche die Gaunersprache den Ursprachen ähnlich macht und darin besteht, die Gegenstände nach ihren Eigenschaften zu benennen, z. B. Springer für Ziege, Schaller für Sänger, der Hagere, der Grausame, der Sichere für Tod. Auch den Philosophen reizt es, in die geheimen Seelenvorgänge dieser Unglücklichen einzudringen, indem sie uns z. B. zeigen, welche Vorstellungen sie sich von der Justiz, vom Leben, von der Seele und von der Moral machen. Sie nennen z. B. die Seele die Falsche, die Scham die Rothe oder die Blutige, den Körper die Decke, die Stunde die Eilige, den Mond Spion, die Strassenlaterne die Unbequeme, den Advokaten den Wäscher (als Denjenigen, der ihre Schuld abzuwaschen hat) und in Turin Schwätzer, die Börse die Heilige, das Blut Traubensaft, das Gefängniss Kloake, das Pfand Gevatter, das Almosen Schurke, die Predigt Langeweile, die Schwester Theure, das Knie den Devoten, die Kanone Brutale, den Maler Schöpfer. Im Lombardischen sagen sie für Gefangenensuppe die Elende, für Pfeife die Wohlschmeckende, für Geliebte die Lüsterne, für Jahr das Lange, für Blumen Engel, für Garten der Duftende, für Licht Oontrolleur, für Penis der Gefährliche, weil er zur Verhaftung wegen Krankheit veranlassen könne, für Schneider Step per. Bisweilen besteht die Umbildung in einem Vorgange, den man „verkehrte Aehnlichkeit" nennen könnte, z. B. heisst es Witz für Salz, Ehemann für Bock, Verleumder für Pöckelzunge, infolge des Witzes, welchen die Verbrecher besitzen, die überhaupt reicher an Esprit als an Gemüth sind. Schwerer zu erklären, man besitze denn Ascolis Findigkeit, ist diejenige Schöpfung des Gaunerlateins, wo zu der Metapher eine phonetische Umstellung hinzutritt, wie bei Prophet für Tasche oder Keller, in Anspielung auf profondo (Tiefe); Philosopb für schlechte Schuhe, in Anspielung auf den Gleichklang von savant und savate (Gelehrter in Holzschuh), vielleicht auch zugleich auf die Arniuth, die geradezu Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 385 Philosophie genannt wird. So gebrauchen sie in Parma catanas (Knaster) für Tabak, ramengo (ramo?) für Knittel. Bin anderes Beispiel ist die Redensart etrangler un perroquet, mit der Bedeutung ein Glas Absinth trinken in Anspielung auf die grüne Barbe des Papageis und des Absinthes und zugleich auf die Bewegung, die man beim Ergreifen des Glases macht. Dazu tritt noch die Anspielung auf das Schnürungsgefühl, welches der Absinth auf seinem Wege durch den Schlund erweckt. Die Dirne erhält den Namen hötel du besoin. Hotel darum, weil Jeder eintreten kann, der bezahlt, ferner als Anklang an autel, Altar, auf welchem das Opfer gebracht wird; besoin in Anspielung auf das beständige Elend, in welchem sich derartige Brauenzimmer befinden. (Mayor.) Andere bisweilen seltsame und ingenieuse Ausdrücke sind folgende: In Venedig nennen die Gauner den Telegraphen Blitz und Lampe, die Kanone lampon, die Pistole lam- pino; den Dolch faetasi; den Aussatz premura, den Bauer volta mondo (Erdumdreher), den Blinden fest, in Anspielung darauf, dass die Kirchen an Festtagen geschlossen sind; das Buch sprechendes Fagott, auch Biblia; den Verwalter magnatuto; den Kammerdiener cori sempre (Immerfort); das Verbrechen Schatten; die Gans Jude; die Wurst Jüdin. In Parma heisst der Finger forciolina (Gabelchen), wovon in der Lombardei forlin für Taschendieb; Trichina für Arzt; morsa (Gebiss) für Hunger. 2. Geschichtliches. — Bisweilen tragen die Ausdrücke des Rotwelschen den Charakter der Zeitgeschichte und sind z. Th. und mit Becht in die gewöhnliche Umgangssprache übergegangen. Letzterer Art ist z. B. das französische Jouilletiser, den Thron umstürzen (30. Juli 1830) und das in Palermo gebräuchliche occhiali di Gavurro (Oavours Brillen) für Handschellen. Andere Wörter beziehen sich auf wirkliche oder vermeintliche Nationalfehler. 1 Die Italiener nennen den Trinker Francese, den Faullenzer Spagnole, 1 Die Franzosen nennen die Syphilis mal de Naples, die Italiener malo Celtico s. Gallico, die Deutschen sagen Franzosen. Fr. Lomrroso, Der Verbrecher. I. " & 386 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. den Falschspieler Greco. Auch einzelne Provinzen werden mit dergleichen Ehrentiteln Dedacht; so sagen sie z. B. Murcio für Dieb, weil die Provinz Murcia von Dieben wimmeln soll, 1 bolognare für lügen und stehlen. Viele Ausdrücke beziehen sich auf anklingend lautende Namen von Oertlichkeiten und Personen; so im Französischen „aller ä Niort" für nier, leugnen; „aller ä Bouen" für se ruiner; „aller ä Montretout" für montrer tout bei der ärztlichen Untersuchung der Prostituirten; Bibi für Bicetre (Irrenanstalt) ; „andare ä Legnago" für Schläge bekommen von legno> das Holz (sich holzen, Deutsch. Student). "Wieder andere beruhen auf Schallnachahmung, wie die Wortbildung bei den Wilden, z. B. Tap für Schritt, deutsch Tapfen; Tic für Uhr, Tuff für Pistole, Buf (in Parma) für Schuss, Puff (deutsch) für Schlag, franz. für Fall, Lapa für Eisenbahn, Fläpp er (franz.) für schlagen, „faire du schproum" Lärm machen, „boubouille", Küche, vom Brodeln der Brühe, in deutscher Gaunersprache Finkel. 3. Verdrehung der Wörter durch Abbrechen bei der ersten Silbe, wo dann an Stelle der zweiten und dritten solche treten, die der Grundbedeutung ganz fremd sind, ist eine weitere Quelle für das Wörterbuch der Gauner, z. B. alberto für albumen, Eiweiss, orf evre (Goldschmid) für orphelin, Weise, philantrope für filou; hierher gehört ferner die Verschmelzung zweier Namen oder Attribute miteinander, wie in Martin ßouant für Gendarme, von Roveau, Rouen, Offiziere der Gendarmerie und roue, Rad, als Instrument des Henkers. Das Personinciren lebloser Gegenstände, wie es der Sprache der Kinder, der Wilden eigenthümlioh ist und den Mythologien aller Völker und Zeiten zu Grunde liegt, ist auch den Gaunersprachen geläufig. So Erdmann (irden) für Kochtopf, Dark- man (engl.) für Nacht, dgl. Bernarde; (dgl. Mme. Bernard, 1 Im Französischen ist das Schimpfwort sale Prussien seit 1870 im Munde der nicht gerade Saubersten im Volke. Gascon gebrauchen sie für Aufschneider, gasconner für geschickt stehlen. In der deutschen Gaunersprache heisst Ganefer Medina (Spitzbubenland) das ehemalige Herzogthum Schwaben. Fe. Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 387 Jules für Nachtgeschirr, deutsch: Tante, Onkel); Pere noir für Masche, Pere frappard für Hammer, Martin für Messer. Das Einschieben von Silben in die Mitte eines Wortes scheint nur von den in den baskischen Pyrenäen umherziehenden Zigeunern und in einigen Gegenden Russlands, in Cirkassien üblich zu sein, kommt indes auch im französischen Argot (und im deutschen Rotwelsch) vor, z. B. dorancher für dorer; pitancher für pinter = picheln. 1 Häufiger ist der Gebrauch, die Wörter vollständig umzudrehen oder die einzelnen Laute anders zu ordnen; z. B. Malas für Salam (in Piemont); lorcefe für la force; taplo (Span) für plato, Schüssel. Die Londoner Seidensticker sind insbesondere darauf eingeübt. (Ist auch auf unseren deutschen Gymnasien und in Töchterschulen ein sehr beliebter Sport. Uebers.) Oefter werden nur die Vokale verändert, z. B. botoque für boutique. Die Verlängerung der Wörter durch Einschieben von Silben u, dgl. m. liegt eigentlich weniger im Charakter der Gaunersprachen, sie erschwert das Sprechen und verhüllt im Geschriebenen den Sinn nicht, was doch der eigentliche Zweck ist. Auch herrscht die Neigung zu Verkürzungen weit mehr vor, wovon Loredan-Larchey in seinem Anhang zum Dic- tionnaire cPargot zahlreiche Beispiele aufführt, u. a. ces mess (ieurs) für Polizei, chand für marchand, mac für macquereau (eine Art Fisch) für souteneur; tra für travail, basof für basofficier u. s. w. Sogar ganze Sätze werden auf diese Weise zusammengezogen, z. B. etre pied für etre bete comme ses pieds. 4. Fremdwörter sind eine reiche Quelle für die Gauner, sprachen. In Deutschland hat man sie dem Hebräischen entlehnt, in Italien dem Deutschen und Französischen, in England dem Italienischen und der Zigeunersprache (Sanskrit), in Frankreich dem Italienischen. Aus letzterem sind folgende Wörter ins Französische übergegangen: mariol, furfante- 1 Im deutschen Kotwelsch geschieht das nach gewissen Kegeln namentlich durch Einschieben von p mit einem Vokale, z. B. Ipich für Ich; Frühpüh für Früh. S. Thiele 1. c. 25* 388 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. boye für Büttel auf den Galeeren; frit für verloren;cadeune, cap, für überwachen; tabar, fuoroba ein Wächterruf bei einem Fange. Das Englische hat aus dem Italienischen erhalten: madza für mitten; beong oder bianco für Geld; catever für schlechtes Geschäft; screeve für Brief (Ascoli); das Spanische: parlar für sprechen, formaje für Käse. Im Italienischen finden sich folgende deutsche Wörter: spilare für spielen; pisto für Priester; faola für hässlich; conobello für Knoblauch; im Venetianischen noch fira für Führer; im französischen Argot: Fisch für Fisch; bettander für betteln; stoss für Stoss, z. B. monter un stoss, einen Schlag geben; schlofer für schlafen; stuc für ein gestohlenes Stück'; schness für Schnauze. Aus dem Tatarischen rührt das französische Kara für schwarz her, vermuthlich durch die Zigeuner herübergebracht, von denen im französischen Argot berge für Jahr, chourin für Messer, im Deutschen maro für Brot, ker für Herr, im Englischen gibb für Zunge, mooe für Mund gebraucht werden. Die holländische Gaunersprache besteht zu Dreivierteln, die deutsche zur Hälfte aus hebräischen, resp. jüdisch-deutschen Wörtern. Die Bezeichnungen der Diebes Werkzeuge und der Verbrechen sind fast sämtlich jüdisch-deutsch, ausgenommen ist nur die für falsches Würfelspiel: Bandspieler (Ave-Lallemant). Auch im Englischen finden sich Spuren davon, z. B. cocum für schlau (im Deutschen nennen sich die Gauner Kochemer oder Chessen nach dem Anfangsbuchstaben von Chochum); ferner schoful für falsches Geld; ganof für Dieb, wie in deutscher Gaunersprache. In letzterer findet sich auch ein aus drei verschiedenen Sprachen zusammengesetztes Wort, nämlich Amtskehrspiesse für Amtmannshaus, zusammengesetzt aus Amt (Deutsch), Kehr für Herr (Zigeuner), Spiesse vom lateinischen Hospitium. — Kassiberbriefe der Gefangenen und Gole (Kutsche) sind hebräischen Ursprunges. 5. Archaismen. — Ausdrücke, die in neueren Wörterbüchern nicht mehr gefunden werden, haben fast alle Gaunersprachen mit besonderer Vorliebe und Hartnäckigkeit festgehalten. Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 389 Das italienische Gergo ist im Besitz folgender Wörter: Ar ton für Brot; lenza für Wasser; cuba (Sicilien) für Haus; strocca und criolfa für Fleisch; gianicchio für Kälte; benna für Kneipe (in deutscher Gspr. Penne aus dem Hebräischen); bolda für Landgut; pivella für Mädchen; nicolo für nein; ruffo für Feuer, das rothe; zera für Hand; archetto für Flinte; bietta für Beil. Die Franzosen haben: etre chaud (vom Lat. cautum) für misstrauen; juste für Nachbar; cambriole (alt-proven- zalisch) für Kammer; suader für persuader; repörir für re- trouver; hier für aller; braillards für calegons; housette für botte, Stiefel, italienisch use = Hose. Carreau (poet. für Blitz) ist ein Diebesschlüssel, in Form von zwei über- einandergelgten Z, wie etwa der Blitz gezeichnet wird; Carle für Geld, nach einer unter Karl VIII. zum ersten (und letzten) Mal geschlagenen Münze. Die Spanier sagen: Milan es für Pistole in Anspielung auf die alten Mailänder Waffenfabriken von Joyösa für Degen nach dem Namen eines der Schwerter des Cid und Karls des Grossen, Aubert für Geld. Die englischen Diebe, sagt Latham, sind die treuesten Hüter alter angelsächsischer Ausdrücke; sie sagen noch heut frow für junges Mädchen und munds für Mund. — In der deutschen Gaunersprache findet sich das gothische Hauntz für Bauer. Im Italienischen giebt es noch ein altes Wort, das an die Zeit der Hieroglyphen erinnert, nämlich Serpent für Jahr (die in den Schwanz sich beissende Schlange). Ferner di del vecchio = dies Saturni Samstag; mamma für (Mutter) Erde; in Parma sagt man breviario für Brief. 6. Wesen und Charakter der Gaunersprachen. — Jenes Festhalten an alterthümlichen Ausdrücken ist um so verwunderlicher, wenn man bedenkt, wie beweglich und veränderlich die Sprechweise der Gauner sonst ist. Ich habe im Laufe weniger Jahre in Pavia und Turin eine Menge von Wörtern entstehen und wieder verschwinden gesehen; z. B. Gra für Dieb; michino für Knabe; pila für Geld; gaffi 390 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. für Kommissar; spiga für Weg; steo für Messer; gian für Soldat; piota für Kneipe; scuro für Advokat; caviglio für eine Summe von 100 Franken, gamba für 1000, busca für 50; vecia für Masturbiren. Merkwürdig ist der ungemeine Reichthum an Synonymen für gewisse Dinge, die dem Verbrecher besonders nahe liegen. Cougnet und Righini fanden 17 Ausdrücke zur Bezeichnung der Wachen, 7 für Benennung der Taschen und 9 für Sodomie. Das französische Argot hat 44 Synonyme für Trunkenheit, 20 für die Art des Trinkens und 8 für Wein, das sind also 72 im ganzen, während es nur 19 für Wasser und 36 für Geld hat. Die Verbrecher brauchen gute Augen; sie haben 4 Ausdrücke dafür (ardents, clairs, mirettes, quinquets, Zwieling) und 6 für den Geruch. Sie lieben es, zur Bezeichnung von Körpertheilen des Menschen Wörter zu gebrauchen, deren man für Thiere sich bedient; sie sagen z. B. Leder für Haut, Flügel für Arm, Schnauze für Gesicht, Schnabel für Mund. Desgleichen drücken sie sich meist in Verneinungen, selten direkt aus; anstatt Geist haben sagen sie Laster haben, anstatt „er ist gut gewachsen" „er ist nicht windschief" (dejete); dagegen bedeutet bei ihnen „nicht schlecht" so viel wie dumm (Rotw. wittwittstock — stockdumm) sein. Kurz sie ziehen alles ins Niedrige herab; so steht Zink (im französischen Argot) für Silber, Geld, im italienischen Gergo Polenta, im Deutschen Moos oder Kies, beides übrigens hebräisch. Trotz alledem, trotz der Zwanglosigkeit und trotz der Zuflüsse von allen Seiten bleiben die Gaunersprachen doch arm. Wie könnte das auch anders sein, da die Leute, die sie gebrauchen, einen sehr beschränkten Gesichtskreis, wenig Verstand und nur wenige unter ihnen Witz haben. Die Worte, welche die Laune des Zufalles, ein vorübergehendes Ereigniss, ein flüchtiger Einfall zuweht, gehen mit Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 391 dem Tage, der sie geschaffen, auch wieder dahin, selten, dass sie ihre Erfinder oder gar eine Generation überleben. Allerdings bleibt ein Stamm übrig, den man einem uralten Baum vergleichen möchte, der jährlich eine Fülle von Blättern treibt, die eben so rasch abfallen, wie sie entstanden sind. "Wenn nun, wie diese auch, die leicht vergänglichen Wörter am Stamme der Gaunersprache absterben, so haben sie uns doch über die treibenden Kräfte belehrt, aus denen sie sich herausbilden, und diese folgen so ziemlich in allen Ländern denselben Gesetzen. 7. Verbreitung. — Eine der merkwürdigsten Erscheinungen der Gaunersprache ist ihre weite Verbreitung. Während jeder Himmelsstrich Italiens seinen eigenen Dialekt hat und während es einem Calabresen unmöglich ist, einen Lombarden zu verstehen, haben die Diebe aus Calabrien dasselbe "Wörterbuch wie die der Lombardei. Hier wie dort heisst Wein chiaro, Brot arton, Tasche berta, Feigen taschi, Hemd lima, Wasser lenza, Fleisch crea, und in Marseille spricht man dasselbe Argot wie in Paris. Diese Thatsache ist für Italien, besonders für das Italien von vor wenigen Jahren, merkwürdig, wo die politischen Schranken und die unzähligen Zollsperren den Gaunern hätten im Wege sein müssen; aber das hat sie gar nicht genirt. Noch auffälliger aber ist es, wie leicht sie sich auch in fremden Ländern einander auffinden und miteinander verständigen. Da manche Dinge in den verschiedenen Sprachen mit gleich- oder ähnlich lautenden Wörtern bezeichnet werden — wie z. B. Tick italienisch und deutsch für Ubr, blanker, bianchina für Schnee und Wein — so geht Borrow sogar so weit, den Gaunersprachen einen gemeinsamen Ursprung an- zusinnen. Das ist nun nicht der Fall. Die Aehnlichkeit in den Ausdrücken rührt vielmehr von der der Vorstellungen und Sinnesweise her. Daraus erklärt es sich, wenn die Sprache der Tuaregs in Indien mit derjenigen unserer Gauner Aehnlich- keiten aufweist, obwohl zwischen Denen, die sie sprechen, nie eine Verbindung stattgefunden hat. Dass viele Ausdrücke von 392 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. einem Lande in das andere importirt worden sind, rükrt freilich von der den Verbrechern natürlichen, oft aber auch auf- genöthigten unstäten Lebensweise her. Man denke nur an die — früher allerdings weit mehr als gegenwärtig — übliche Strafe der Laudesverweisung, aber auch an das Bedürfniss, sich der Strafe durch Flucht und Auswanderung zu entziehen. In letzterer Weise ist das deutscbe Stromer 1 für Landstreicher entstanden. 8. Entstebungsweise der Gaunersprache. — Die Nothwendigkeit, im Verkehr mit den Genossen die Gedanken der Verbrecher vor der übrigen Welt hinter unverständlichen Ausdrücken zu verstecken, ist gewiss eine der Hauptursachen zur Bildung der Gaunersprache gewesen. Unstreitig liegt ihr noch etwas anderes zu Grunde, und zwar dasselbe natürliche Gesetz, nach welchem Sprachen und Dialekte überhaupt unter dem Einfluss von örtlichen, von klimatischen, von Verkehrs- veihältnissen und von Gewohnheiten sich gebildet haben und noch bilden. Die Gaunersprache ist keine ausnahmsweise auftretende Erscheinung, sondern beruht auf demselben Grunde, aus welchem in engeren, ja selbst in Familienkreisen eine der jeweiligen Anschauung der Dinge entsprechende Ausdrucksweise sich herausbildet. So finden wir fast in allen Ständen und Gewerben spe- cielle und technische Ausdrücke, die den anderen Kreisen mehr oder minder fremd und unverständlich sind. Jeder Kreis hat infolge seiner Beschäftigung eigenthümliche Ideenassociationen. Wenn ein Arzt die Liebe eine Herzkrankheit nennt, wenn ein Apotheker davon spricht, seine Liebe sei auf 40° gestiegen, so sind das Ideen, auf welche andere Gewerbe nicht leicht verfallen. Auf derartigen Grundlagen beruht nicht nur die Gaunersprache, sondern auch die ihr in mancher Beziehung nahe- 1 Stromer wurden ursprünglich die aus dem Rheinland nach Holland flüchtenden und auf dortigen Schiffen Arbeit suchenden und findenden Gauner genannt. Strom — im jüdisch-deutschen Godel — majim = grosses Wasser benannt, ist vorzugsweise der Ehein. (Anm. d. Uebers.) Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 393 stehende Sprache der Prostituirten, der Kellner, der Matrosen und sogar der Studenten. 9. Stände und Gewerbe. — Wie bei den Studenten der Corpsgeist, so ist auch bei anderen Ständen das Gefühl, durch etwas Besonderes, womöglich Geheimnissvolles sich auszuzeichnen — man denke an die früheren Handwerkerinnungen — Grund zu dem Festhalten an einer eigenthüm- lichen Sprechweise. Um wieviel mehr bei Leuten, die wirklich Veranlassung genug haben, ihr Gewerbe mit einem geheimnissvollen Schleier zu umgeben, wie die Diebe und Diebesgenossen u. A. m., die ein unstätes Wanderleben führen, oder, nur auf ihresgleichen beschränkt, in Gefängnissen oder sonstwo zusammenzuleben gezwungen sind. Ich selbst fand in einem engen Thale Schornsteinfeger, Weinbauer, Kalkarbeiter und Bediente, die jeder eine eigene Sprache redeten; daneben sassen Maurer und Kohlenbrenner, die wieder etwas sprachen, was der Sprache der Räuber sehr ähnlich klang. A VE- L ALLEM an t (1. c. III. 35) erwähnt als besondere Sprechweisen, ohne die eigentlichen Gaunersprachen, die der Studenten, Kellner (Tief lings), der Droschkenkutscher, der Schiffer und Jäger. 1 — Es ist also sehr natürlich, dass Diejenigen, die von den anderen Gesellschaftsklassen in 1 Als eigentliche Gaunersprache mit ihren Abarten bezeichnet Ave-Lallemant : 1. das Kochemer- oder Chess-Loschen, auch Jenisch-Kol genannt, die Sprache der Wissenden; 2. die Schur er-Sprache, vom zigeunerischen Tschorr, für Dieb; 3. die Platten- oder Hehl er spräche, im vorigen Jahrhundert unter Balth. Krummfinger üblich; 4. die Fallmachersprache, die der Falschspieler und Kundschafter; 5. die Tamm er spräche, d. h. die Sprache der Unreinen (von tamah, unrein), Schinder und Freudenmädchen; 6. die Agiersprache, d. h. die der Fuhrleute; 7. die Fisel- oder Wies ener spräche, d.h. die der Rowdy in London, der Gouapeur in Paris, der Freier in Wien; 8. die Tieflings spräche, die der Kellner in Spelunken. Woher das Wort Kauder (Welsch) stammt, ist zweifelhaft; man hält es für gleichbedeutend mit Werch, Flachsabfall, der zu Polstern (Culcitra) gebraucht wird. 394 Dritter Tlieil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Sitte und Gewohnheiten so verschieden sind, die so viele zu täuschen und zu fürchten haben, — sich einer besonderen Sprechweise befieissigen, um ihre Gedanken auszudrücken oder zu verhüllen. Die Brutstätten für die Gaunersprache sind, was nicht vergessen werden darf, immer dieselben Mittelpunkte, die Zuchthäuser, Bordelle und Pennen, in welchen die Gauner sich immer und immer wiederfinden und sich untereinander verständigen. Ohne diese Sprache würden diese, mit dem ihnen eigenthümlichen Bedürfniss nach tumultuarischem Auftreten, sehr bald der Polizei und den ehrlichen Leuten sich verrathen. 10. Laune. — Zudem machen ihre leicht erregbaren Sinne während der Feier von Orgien sie sehr geneigt, irgend eine seltsame Redensart aufzufangen und ihrem Wortschatz einzuverleiben. Wie die Liebhaber alter barocker Ausdrücke solche in den Büchern eines Schriftstellers womöglich aus dem 14. Jahrhundert aufstöbern, so haschen die Gauner nach den Worten irgend eines verlaufenen Studenten (der Fall ist im Quartier latin von Paris nicht selten), und lassen es als guten Fund die Bunde machen. — Es treibt sie ihr Sinn für Epigramm und Ironie dazu, der sich an solchem Funde ergötzt, falls derselbe nur seltsam klingt, obscön ist und das Ohr mit grobem Witze kitzelt, worin Schwachsinnige und Narren gleich stark sind. Das beste derartige Beispiel hat uns Clement geliefert (s. S. 421). Man sage nicht, dass wir auf diese Dinge zu viel Gewicht legen. Wir sehen darin aber einen der auffallendsten Züge im Bilder dieser Geister, — wir finden darin eine Bestätigung des sprichwörtlich gewordenen Misstrauens gegen die Witzbolde, von denen es heisst, am Lachen erkennt man den Narren. Die voraufgeschickten Beispiele von Lautverschiebungen haben den Hang zu Ironie und grobem Witzeln gezeigt. Indes äussert sich die Ironie auch noch in anderer Weise als in Wortspielen und Assonanzen. Die Geneigtheit, von allen Dingen die lächerliche Seite herauszusuchen, ist die Folge einer gleichzeitig heiteren und Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 395 bizarren Laune, wie wir sie bei den trägen und vagabondirenden Leuten (Stromern), d. i. bei derjenigen Klasse finden, aus welcber so zahlreiche Taugenichtse hervorgehen und die recht eigentlich die Hochschule für das Gaunerlatein ist. Im folgenden führen wir einige solcher ironischen Wendungen an, die nicht den Wortanklang, sondern den Gedankengang in der Ideenverbindung zum Ausgang hat. Die Ironie ist vorherrschend in den Redensarten: charmer les puces für so betrunken sein, dass sogar die Flöhe es sind; avaler le luron für kommuniciren; marcher dans les souliers d'un mort für geerbt haben; badigeonner la femme au puits für lügen (schminken). Zu dieser Kategorie gehören gewissermaassen auch die Ausdrücke, die das Gegentheil bedeuten. In anderen findet man zwar keine ironische Anspielung, sondern nur das Bestreben, sich anders als die übrigen Menschen auszudrücken, vielleicht, weil es so die Mode mit sich bringt, vielleicht nur aus Caprice. Deguiser — sonst verbergen; im Argot für bezeichnen, zinken; avoir ä la manque— für nichts haben; bonir — für sprechen und für schweigen; mince — für nichts — drückt auch das Gegentheil aus, z. B. mince de comfort für quel comfort; rien = für etwas, sehr, z.B. il est rien chaud = es ist heiss; miel (il est) für angenehm, öfter aber für unangenehm; paumer für nehmen und auch für verlieren; sublime für faul, Trunkenbold; se sublimer für zuschanden werden. Daran reihen sich die euphemistischen Ausdrücke, wie bei den Griechen die Eumeniden, die Wohlwollenden für Furien, Pontus Buxinus, das gastliche Meer, anstatt des ungastlichen Axinus gesagt wird; Apaiser (von Lacenaire erfunden) für assassiner; appuyer für zartes Verhältniss haben; avaler sa fourchette für sterben; auch calancher, von caler ruhen; epouser la veuve für guillotinirt werden (veuve — weil sie ihren Mann verliert und umbringt); passer ä la lunette für guillotinirt werden (paletöt für Sarg); mettre ä l'ombre oder sonner für tödten durch Auf- 396 Dritter Theil Biologie und Psychologie des Verbrechers. schlagen des Kopfes auf das Pflaster; boire dans la grau de tasse für sich ertränken; figurant ä la morgue Selbstmörder; manger du plomb erschossen werden, rebuis für Leichnam, rebuiser für ausflicken, Arg. tödten; sechoir, Trockenplatz für Friedhof; garde-manger für Water-closet; tappe Brandmarke auf die Schulter, in Anspielung auf das Kinderspiel la tape, bei welchem man den Verfolgten auf die Schulter tippt. Manche dieser Wörter mögen wohl aus dem Bedürfniss nach Unterhaltung während der erzwungenen Müsse der Gefangenschaft, ähnlich wie zahlreiche Fälle von Tättowirungen, entstanden sein. 11. Der Verkehr, die zufällige oder unfreiwillige Berührung mit dem Gesindel aller Völkerstämme erklärt das Eindringen der verschiedensten Sprachidiome in die Sprache der Gauner, namentlich die des jüdisch - deutschen in das Deutsche, sogenannte Rotwelsch — ebenso wie die trotz der verschiedenen Dialekte ungebrochene Einheit des italienischen Gergo. 12. Traditionelles. — Der Einfluss von Uebertragung aus früheren Jahrhunderten erhellt aus Ausdrücken wie arton, lenza, desgleichen erkennt man das Vermächtniss vergangener Zeiten in den Erinnerungen an fast vergessene geschichtliche Ereignisse und sociale Zustände, z. B. in folgenden Ausdrücken: passer en lunette — faire un trou ä la lune — montrer le cul sind gleichbedeutend mit Bankerott machen. Die Betreffenden wurden ehemals nämlich genöthigt, öffentlich ihr Hintertheil zu entblössen und damit auf den Fussboden zu schlagen. Auf dem alten Markt von Florenz war noch vor wenigen Jahren der Stein zu sehen, auf dem sie niedersitzen mussten und der im Volksmunde pietra de' falliti oder dei bindoli (Betrüger) hiess. Lunette und trou ä la lune ist der gemeine Ausdruck für den Hinteren. — In Paris bezeichnet man mit hirondelle de greve einen Gendarmen, weil der Greveplatz lange Zeit zu Hinrichtungen diente; mit Coup de Raguse Verrath in Anspielung auf den vermeintlichen Verrath des Marschalls Marmont, Herzog von Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 397 Ragusa. — Neu ist le grand Jablo für Sonne; von Jablokoff, dem Erfinder der ersten elektrischen Lampen in Pariß. 1 Das Festhalten der Gauner an ihren von altersher überlieferten Ausdrücken, deren man noch heut ziemlich viele im Gange findet, die schon in dem ältesten Vokabular des in alle Sprachen übersetzten Liber vagatorum vorgekommen, ist nicht so sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Gauner, trotz Umherschweifens, mit reichem ehelichen und unehelichen Kindersegen bedacht waren und diese Kinder schon sehr früh in die Geheimnisse der Väter eingeweiht wurden. Aehnlich verhält es sich mit dem Tättowiren und der Zeichensprache, dem Zinken, dessen Ursprung in unvordenkliche Zeiten hinaufreichen mag. — Ave-Lallemant : Das deutsche Gaunerthum. In dem zu Venedig 1549 gedruckten Novo Modo da tutender Ja lingua zerga kommen schon die noch heut gebräuchlichen "Wörter maggio, der Mai, für Gott, perpetua für Seele, conovello für Knoblauch, cuntare für sprechen, dragon für Doktor vor; in dem zwischen 1494 und 1499 zu Basel gedruckten Vocabularius des Liber vagatorum das gothische Wort Hauntz für Tölpel, das zigeunerische Ker für Herr, Hornickel für Kuh u. s. w. 13. Atavistisch, d. h. ähnlich wie bei den Wilden, denen sie in so vielen Stücken gleichen, ist die Ausdrucksweise der Gauner darin, dass sie die Naturlaute nachbildet und abstrakte Dinge personificirt. Daher kommt es, dass ihre Sprachen zwar der Wurzel und der Endung nach verschieden, ihrem Wesen nach aber identisch sind. — Die Ursprachen wimmeln von solchen Nachbildungen der Naturlaute und von figürlichen Ausdrücken. Wie der Zigeuner die Ente Breit - schnabel, so nennt der deutsche Gauner sie Breitfuss, das Kind, Van tis, Infans = Sehr eilin g, das Feuer funckart, das Wasser flossart u. v. a. 1 Eines der ältesten Beispiele derartiger Wortbildung ist das lateinische Talassio = Hochzeit. T. ist der Eigenname eines alten Römers zur Zeit des Eaubes der Sabinerinnen. 398 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 14. Die Prostitution hat, trotz ihrer sonstigen Verwandtschaft mit dem Gaunerthum, ein ihr allein eigentümliches Kauderwelsch nicht mehr, wenigstens nicht mehr in dem Maasse wie es zu Villons und Rabelais Zeiten im Schwünge war. Die Lingua erotica des 16. Jahrhunderts (vgl. Verla erotica von Stanil. de l'Aulnaye. 1820, addit. ä Rabelais) war die eigentliche Geheimsprache der Prostituirten. Darin gab es ca. 300 Ausdrücke für Ooitus, 400 für die Geschlechts- theile und 103 für die Prostituirte (DüFOür: Histoire de Ja Prostitution. IV.). In den Bordellen sind Reste davon erhalten. Auch die hohe Prostitution von Paris hat dergleichen. Die Kokotten nennen Maschinskoff den ersten Besucher; Pere Douillard oder Robinskoff ihren Beschützer; Be- guinskoff den derzeitigen Liebhaber; Bon die Sittenpolizei (agent de moeurs); Breme den Erlaubnissschein; Panouche die Dame, Pisteur den Mädchenjäger. 15. Wahnsinn. — Die Irren haben keine besondere Sprache. Häufig jedoch erfinden sie neue Ausdrücke, meist "Wortspiele, ohne besondere Veranlassung dazu zu haben, wie es scheint. Es ist das die Specialität der Verrückten. Es ist für einen Gesunden allerdings schwierig, den Gedankengang eines Irren, dessen innere und äussere Verhältnisse man nicht ganz genau kennt, aus solchen Wortbildungen zu errathen. Nachstehendes Beispiel diene zur Erläuterung. Einem jungen Manne, der gestört war, hatten seine Eltern einen Abbe, Namens Tardy, einen ganz vorzüglichen Mann, zum Erzieher gegeben. Diesem, den er hasste, gab er eines Tages den Namen Vitiatus. Sehr spät erst gelang es, hinter den Grund davon zu kommen. Der Kranke hatte in einem lateinischen Wörterbuche das Wort vitiatus mit dem französischen abätardi übersetzt gefunden und daraus das Wortspiel ä bas Tardy gebildet. Verbrecher und Prostituirte sind zwar darum noch nicht geisteskrank, weil sich der eine dem Verbrechen, die andere der Ausschweifung hingiebt; indes tragen sie doch etwas davon in sich. Es ist die ungezügelte Eindildungskraft bei Jenem, Neuntes Kapitel. Gaunersprache. 399 die thörichte Reizbarkeit bei der Anderen, die alles überwuchernde Eitelkeit der Beiden — das hypertrophische Ich, wie Taine sagt —, welche den Berührungspunkt bilden. Ihre bilderreiche, von frechen Uebertreibuugen, unzähligen leeren Witz- und Wortspielen strotzende, lyrisch angehauchte Sprache, die den nüchternen Beobachter anekelt, spricht dafür. Die gewöhnlich als beschönigend gebrauchte Redensart „zerfahrene Vorstellungen haben", um den Geisteszustand eines Irren anzudeuten, passt sehr oft auf die Ausdrucksweise des im Verbrechen grau gewordenen Menschen. Zehntes Kapitel. Die Handschrift der Verbrecher. Die deutschen Gauner bedienen sich, wie Ave-Lallement in seiner Schrift (Das deutsche Gaiiner/kum. 1858) angiebt, einer Art von Hieroglyphen, die sie Zink nennen. Die nachstehenden Zeichen bedeuten: Ö 5 s Fig. 1. Fig. 2. Fig. 3. Fig 4. C^ Fig. 5. Fig. 6. 1. Diebstahl; 2. Furcht vor Vergiftung; 3. und 4. ausgeführter Diebstahl, der Pfeil bei 1. zeigt überdies die Richtung an, in welcher der Dieb davongegangen ist; 5. ist das Bettlerzeichen; 6. das des Falschspielers (mit Würfeln). In England fand man im Jahre 1849 einen Atlas (Cad- 400 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ger Map) für Bettler, worin die Pläne für Dörfer und Meierhöfe der Umgegend und nachstehende Zeichen als Weisungen sich befanden, was man von den Bewohnern der Häuser und Orte zu erwarten habe. X Schlecht. J Sehr gute Leute. ] Nimm vor dem Hund dich in acht. < Gebt dort. © 1 Monat Gefängniss zu erwarten. In Ober-Italien vermochte ich bei sorgfältiger Durchforschung von mehr als 2000 Schriftstücken nur 3 bei Dieben übliche Zeichen aufzufinden, nämlich: Fig. 7 Fig. 8. Figur 7 ist das Zeichen für Taschendiebstahl unter Anspielung auf das Gaunerwort Forcolina, abgekürzt Forlin, Gabel; Figur 8 das Zeichen des Diebes. — Das dritte besteht in einem Degen, den eine Spirale umgiebt, und dient zur Bezeichnung des Diebstahls. In Neapel und Sicilien, wo die Verbrechergesellschaften so tiefe Wurzel geschlagen haben, fand ich eine grosse Menge derartiger Hieroglyphen. Für die Prostituirten hat man das Bild eines Pantoffels oder einer Maus, in Anspielung auf die grosse Menge derselben in den Kellergeschossen Neapels. ■— Für Gift hat man eine Schlange, für Gefängniss einen Käfig, für Räuber einen Gürtel mit Dolch, für Betrüger eine Spielkarte. Eine aufgehängte Katze bedeutet einen sicheren Diebstahl; eine Trikolore den Staatsanwalt, ein Hufeisen den Arzt, ein Gesicht mit Vollbart den Oberaufseher, eine untere Hälfte des Zehntes Kapitel. Die Handschrift der Verbrecher. 401 Gesichtes den Unteraufseher, die ohere Gesichtshälfte den gewöhnlichen Wärter. Ein Diebstahl auf dem Lande wird durch eine Weintraube bezeichnet, ein glücklich ausgeführter durch einen Stern oder eine Rose, ein Diebstahl im allgemeinen durch einen Schlüssel wie in Deutschland, gewaltsame Aneignung durch eine Faust. Ein Ohr bedeuted die Frage: „Wieviele Monate oder Jahre sitzest du?" Als Antwort macht man so viele kleine Kreise oder Locken um das Ohr herum, als es Monate sind; ein Viereck mit einer Zahl in der Mitte oder auch eine Mütze bezeichnet die Zahl der Jahre. Mütze bedeutet in der Gaunersprache soviel wie Jahr. Das Bild einer Glocke bezeichnet eine Stadt, das einer Mausefalle einen Revolver, ein kleiner Strauch (buisson = boisson = Getränk) den Weinhändler, ein Skorpion den Richter, ein Hahn die Freiheit, No. 5 die Hand, 100 ein Bein, 50 ein halbes Bein. Diese Zeichen sind übrigens ebenso wie das Argot in den verschiedenen Landestheilen verschieden. In Mittelitalien z. B. bedeutet ein Auge Spion, im Süden Macht, und zwar in Anspielung auf die Zauberkraft des bösen Auges. Entweichen wird bald durch einen Vogel, bald durch ein Pferd, bald durch ein sich entladendes Pistol ausgedrückt. Diese Hieroglyphen sind in zwiefacher Beziehung atavistisch; denn erstlich sind sie oft (wie das Arton und Cuba des Gergo) dieselben, die bei den Alten in Gebrauch gewesen, und dann beruhen sie auf derselben Neigung wie bei den Wilden und Menschen im Urzustände, ihre Gedanken durch Bilder auszudrücken (yQaysiv), die sich bei den Jüngern Völkern nach und nach in Buchstaben verwandelt haben. 2. Die Handschrift wird zwar, wie alles Alltägliche, meist nicht für wichtig genug gehalten, um aus ihr ein Kennzeichen für den sittlichen Gehalt eines Menschen zu gewinnen. Man wird indes, auch ohne Berücksichtigung der über diesen Lombroso, Der Verbrecher. I. 26 402 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Gegenstand vorhandenen zahlreichen Litteratur 1 von dieser Anschauung zurückkommen, wenn man Dedenkt, dass die Handbewegungen, der Gang, die Stimme und Aussprache oft genug den Seelenzustand eines Menschen verrathen, und dass diese Erscheinungen doch nur auf flüchtig vorübergehenden Muskelbewegungen beruhen, während die Schrift auf einer Bewegung beruht, die festgebannt ist und Jahrhunderte überdauern kann. Freilich hat das Studium dieses Gegenstandes bisher fast nur der Befriedigung einer fast kindischen Neugier gedient und sogar von den bedeutenderen unter den citirten Fachleuten eine so wenig ernste Behandlung erfahren, dass der Glaube an diese Wissenschaft fast erstickt ist, die den lächerlichen Anmaassungen der Chiromantie sich gefällig erwies oder auch für die Phrenologie sich missbrauchen Hess. 2 Meine Studien der Handschriften von Verbrechern beruhen auf einer Anzahl von 520, die mir durch die Güte der Herren Alfred Maury (des Directeur des Archives de France), Muoni und Beltrani-Scalia zur Ansicht vorlagen, ungerechnet derer von berüchtigten Verbrechern, deren kindische Handschrift unbrauchbar ist. Ich glaube zwei Gruppen unterscheiden zu dürfen. Die erste Gruppe ist die der Mörder, Wegelagerer und Räuber. Der grösste Theil ihrer Handschriften ist durch langes Ausziehen der Buchstaben kenntlich, weshalb die Herren vom Fach diese Schriftart die schwertförmige nennen, d. i. die mehr runde und zugleich aus der Verlängerung der Buchstaben nach oben oder unten vorspringende Form. Bei Vielen ist der Querstrich am t kräftiger oder länger, eine Eigenheit der Kriegsleute und energischer Menschen; bei einigen Anderen bilden 1 Bovaky : Graphologie. 1876. A. Heüze : Chirogrammatomancia. Leipzig 1862. ■— Desbarolles: Les mysteres de Fecriture. 1872. — Mechon: Syst. de Graph, ed. 6™ 1880. 2 Eine rühmliche Ausnahme macht ein Artikel in der Revue philosophique. November 1885. — Ceepieux: Tratte compt. de Gr. Genf 1884. — Schwiedland: Geschichte, Theorie u. s. w. Berlin 1884. Dritte Auflage. Zehntes Kapitel. Die Handschrift der Verbrecher. 403 die Grundstriche mit den Haarstrichen der Buchstaben spitze Winkel. Bei Allen ist der Namenszug mit einer Menge von Strichen und Arabesken versehen, dass man ihn dadurch von jedem anderen unterscheiden kann. Man vergleiche z. B. die Unterschrift von Desrues, einem Fälscher und Giftmischer, mit der der Mörder Franzesconi und Oarrier, die von Vidocq mit der Albertis. Bei diesen wie bei den Namenszügen gewisser Selbstherrscher, wie Galeazzo, Philipp IL, Farn es e und Napoleon I. erkennt man das höbe Selbst- bewusstsein und die ungewöhnliche Energie. Bei Vielen zeigt sich aus demselben Grunde die Verlängerung der Buchstaben. Unter 98 Mördern und Wegelagerern zeigen 52 dieselbe Eigenheit, die bei den Räubern ohne Unterschied vorkommt. Man vergleiche damit auch die Schrift solcher Staatsmänner, die durch besondere Härte sich ausgezeichnet haben. Einige machen eine Art von Haken am Ende jedes Wortes. Typisch erscheint mir dafür die Unterschrift des Mörders von Wallenstein, des Obersten Buttler, obgleich ihm das Schreiben offenbar nicht so leicht von der Hand ging. Bei einer anderen Gruppe von Mördern, voran Lace- naire und de Oosimi, denen ich einige aus der Geschichte der ersten französischen Revolution anreihe, wie Pouquier- Tinville und Chabot, tritt die Schwertform der Buchstaben nicht so deutlich hervor; wohl aber am Schluss des Wortes, der mit einem scharfen, senkrechten Zuge endet; alle Buchstaben stehen aber wenig voneinander ab, sind höckerig und rund. Oft und zwar bei Marat, Faella, Robespierre, Spissani, Antonino erscheint die Schrift trotz der Jugend des Schreibers zitternd wie bei Greisen, —■ sei es infolge von Alkoholgenuss, sei es infolge der bei diesen Menschen so häufigen Nervosität. Unter 90 Mördern beobachtete ich diese Züge 13 mal, 7 mal in der ersten Gruppe und 6 mal bei der zweiten. Von diesen 90 Individuen Hessen nur 36 keine auffällige Besonderheit in ihrer Schrift erkennen, welche die gewöhnliche war. — Boggia würde zu diesen Letzteren zu zählen 26* 404 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. sein, wenn sich nicht eine gewisse Energie in seinem t zeigte, ebenso Leone. Die zweite Gruppe, in welcher ausschliesslich die Diebe figuriren, unterscheidet sich auffällig von der vorigen. Hier kommt keine Schwertschrift vor; alle Buchstaben sind weich und stehen getrennt, der Namenszug hat nichts Hervorspringendes, auch nichts Hieroglyphenähnliches an sich, sondern ähnelt im ganzen der weiblichen Schrift und ist sozusagen charakterlos. Charakteristisch für diese Gruppe wäre aber der Nameus- zug von Honeyman, welcher Letztere sieben Nächte nacheinander im Gebäude der Londoner Bank erschien und jedesmal den Abdruck eines Schlosses nahm, bis er endlich zur Kasse kam und 245 000 Dollars daraus stahl! Zwei andere Unterschriften, die des Räubers Bignami und die Pavesis, sind der seinen ähnlich. Die Handschrift Oartouches, des Meisters im Diebeshandwerk, zeigt ausser etwas Zittern eine Art von Hakenform in den Buchstaben, die an die besondere Form seiner Figur erinnert. Dasselbe rindet man bei einem ausgedienten Spitzbuben und bei verschiedenen anderen Dieben. Unter 106 Handschriften von Dieben fehlte diese Form bei 12. Doch ist noch zu bemerken, dass man sie nicht selten bei Individuen antrifft, die nicht bloss Diebe, sondern auch Wegelagerer und Stupratoren waren, wie bei Cibolla, dessen Namenszug vom Wegelagerer nur die geschwungene Schwertform zeigt, während gewöhnliche Diebe mitunter ganz so wie die Mörder schreiben. Die Handschriften von Schwindlern, Fälschern und Stupratoren standen mir nicht reichlich genug zu Gebote, um einen sicheren Schluss daraus ziehen zu können; dennoch aber scheint es mir, als ob das schwertähnliche Aussehen ihrer Buchstaben, die dolchförmigen Schlussbuchstaben, der übertriebene Schnörkel des Namenszuges viele Aehnlichkeit mit der Schreibweise der Wegelagerer hätten. Nach Ansicht der Schriftverständigen bedienen sich die Schwindler einer sehr feinen Schrift, wofür auch ich zwei Zehntes Kapitel. Die Handschrift der Verbrecher. 405 Beispiele anführen kann. Bei Casanova findet sieb, jedoch nichts Derartiges. — Die Schrift der Frauen, die einen Mord begingen, ähnelt stark der der Mörder. (So die der Troca- dello.) Eine männliche Handschrift findet sich auch sonst bei ehrlichen Frauen, die mit einiger Energie begabt sind. — Die Buff. Amata, wggen Mordes verurtheilt, wurde zwar lange Zeit für ein Weib gehalten, war aber eigentlich ein Mann (Hypospadiaeus). Auch die Schrift war männlich. Alle diese Angaben konnte ich in neuester Zeit experimentell bestätigen, indem ich nach Bichets und Burots Vorgang (Bullet, de la societe de Psychol. 1886) einen jungen Menschen von untadligem Verhalten hypnotisirte und mittelst Suggestion ihn glauben Hess, er sei ein Bäuber, wobei sofort seine Handschrift sich änderte und die Schriftzüge, besonders das t, grob und breit wurden, wie wir es beiBoggia sehen. 1 (Arclüvio di Psichiatr. VII. 3, S. 4 und 5.) 3. Vergleichung mit der Schrift der Irren. Das vorher Mitgetheilte gewinnt erst an Werth, wenn man die Schriftzüge der Verbrecher mit denen der Irren vergleicht. Der Unterschied fällt hauptsächlich bei den Wegelagerern ins Auge. Die Schrift der Irren, wenn sie nicht Monomane sind, ist im ganzen wenig sicher, dazu unreinlich, mit Kritzeln verunziert, ungleich in der Grösse der Buchstaben, die bald sehr gross, bald sehr klein sind, überdies oft unrichtig, indem grosse Anfangsbuchstaben an Stelle der kleinen stehen und umgekehrt. Bei Einigen findet man Punkte über oder zwischen jedem Buchstaben. Monomane und besonders alle Ganzoder Halbverrückte, die ich Litteraten nennen möchte, weil sie das Jahr über ganze Bände voll zusammenschmieren, pflegen ganze Beihen von Wörtern zu unterstreichen oder durch besondere Schrift hervorzuheben, um sie der Druckschrift ähnlich zu machen. 1 Die Aenderung der Handschrift je nach Verschiedenheit des durch hypnotische Suggestion hervorgerufenen Charakters einer und derselben Person wird von der Gesellschaft für Graphologie in Paris, namentlich durch Herrn Varinard in der Sitzung vom 31. Januar 1887 bestätigt (s. Bevue de FHypnotisme. I. 7. Eed. Dr. Edg. Berillon). Fr. 406 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. In dem Geschreibsel der Paralytischen und auch vieler Hypochonder sind die Anfangsbuchstaben der Wörter kaum zu erkennen, die Endsilben unerfindlich, alle zusammen zitternd und unsicher, voran häufig ein Gekritzel formloser Zeichen. Für H und T setzen die Paralytischen meist L oder lassen sie ganz weg. Bei akut Maniakalischen reiten die Wörter förmlich aufeinander mit theils grossen, theils kleinen Anfangsbuchstaben, die 8—10 mal hintereinander sich "wiederholen. Sehr viele, Monomane insbesondere, schreiben nicht, wie Räggi 1 gezeigt hat, in Horizontal-, sondern auch in Vertikallinien, so dass eine Zeichnung wie auf einer Landkarte herauskommt. In Eacconigi fand ich Einen, der sich eine eigene Schrift zurechtgemacht hatte, ähnlich der einiger orientalischen Sprachen, nämlich ohne Vokale und die von hieroglyphischen Zeichen behufs Erklärung des Inhalts begleitet war, wie sie bei den ältesten Sprachen in Gebrauch gewesen. Marc^ spricht von einem an religiösem Wahnsinn Leidenden, der jedes Wort mit drei Punkten und einem Kruzifix überschrieb. Nichts von allen diesen Dingen habe ich in den Handschriften der Verbrecher gefunden. Kaum 4 von 110 Faksimiles zeigen ein weniges von Tintenflecken, alle aber, mit Ausnahme von einem, sind in Betreff des t und s charakteristisch. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 1. Die Verbrecher haben nicht nur ihre eigene Sprache, sondern besitzen auch eine nur ihnen eigenthümliche Litteratur, für welche die schlüpfrigen Schriften Ovids, Petronius und 1 Eaggi : Sugli scritti dei pazzi. Bologna 1875. — Lombroso : Genio e Follia. Turin 1882. — Marcä: De la valeur des ecrits des alienes. (Annal. d'hyg. 1862.) Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 407 Aretinos gewissermaassen als Vorbilder gedient haben. Daneben läuft indes eine Form, die unverblümt und ohne allen rhetorischen Schmuck, ähnlich den Almanachen und älteren Volksbüchern, fast ohne Wissen der gebildeten Klassen, in den niedrigsten Schichten sich erhalten hat. Eine derartige Schrift ist das Liber vagatorum vom Jahre 1496—99, Basel, das in alle europäischen Sprachen übersetzt worden ist; ferner THistoire des larrons, 1647, von Lyon Didier die Legende of te hystorie van de snode practijlce ende de behendige listichten der Dive, Leyden, Lopez de Haro, 1645; sowie die in dieser Beziehung überreiche Volkspoesie in England, deren Titel bei Mayhbw eine ganze Seite füllen. Auf diese Art Litteratur sind besonders die Diebe erpicht, und sie ist es, die aufs neue Diebe heranbildet. Ein wahrscheinlich in Urbino im Jahre 1600 erschienenes Buch, Trattato dei Bianti, zählt 38 Arten von Betrügern und Strolchen in Mittelitalien auf, von denen die Erblasser die merkwürdigsten sind, die sich stellen, als ob sie sterben ■wollen; dann die (Affarfanti) Büsser, die den Sündenweg verlassen und schweren Bussübungen sich unterzogen haben, die Eormigata, die für Soldaten sich ausgeben und aus einigen angeblichen Kriegen in Palästina, die Sbrisci, welche nackt gehen und aus der Gefangenschaft bei den Türken zurückgekehrt sein wollen; die Buffiti, denen das Haus überm Kopf abgebrannt sein soll. Im Anhange zu diesem Buche, wenigstens in der Ausgabe von Didot, 1860, befinden sich sechs kleine Gedichte in tos- canischem Gergo jener Zeit, und eines darunter bespricht das Gergo selbst. Biondblli hat ein hübsches Gedichtchen im Mailänder Gergo veröffentlicht. Uebrigens kann man die Gaunergeschichten zu Tausenden in jener anonymen Litteratur finden, mit welcher die Presse das Volk, mehr zu seinem Schaden als Nutzen, fortwährend versieht — und die, nach Art der alten cyklischen Sänger halb geschichtlich, halb phantastisch, gegenwärtig nur die Klephthen verherrlicht. Es giebt keinen Process mehr, kein schweres Verbrechen, die nicht ein solches Produkt hervorriefen. Ich selbst habe 408 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. solche über Verzeni, Martinati, Agnoletti, Norcino, Guicche, Chiavone, Nuttoni, Mastrilli, Porcia, Mar- ziale, Lucchini — im ganzen über 92 Lieder oder Geschichten in fliegenden Blättern — auf der Strasse gekauft; sie sind meist in Dialekt geschrieben; 20 handeln von Mord und Diebstahl, 14 davon in Versen, 6 in Prosa. 2. Aus Gefängnissen. — Neben dieser Art von Litte- ratur, die aus dem Volke hervorgeht, giebt es indes noch eine andere, noch interessantere, die im Gefängnisse ihre Geburtsstätte hat und eine Frucht der Langeweile und der schlecht verhehlten Leidenschaften der Gefangenen ist. Gesänge dieser Art hat man häufig in Spanien, noch häufiger in den Gefängnissen Russlands, von wo das Volk sie empfängt und singt. Folgende Proben davon giebt Hepworth Dixon (Free Bussia. 1869): Was mit dem Spaten kann ich erwerben, Wenn leer die Hände und krank das Herz? Ein Messer! Ein Messer! Mein Ereund 1 ist im Walde. Den Kaufmann plündern in seiner Lawka, Den Edelmann morden in seinem Schloss. Mit Wodka handeln und kleinen Dirnen, — Wie einen König ehrt mich die Welt! Folgende Verse hörte der Verfasser der Prisons ä'Europe in einem russischen Gefängniss von einem sehr wilden Gattenmörder, der es mit angenehmer Stimme vortrug: Hier, wo die Schande ihren Sitz Für immer hat, zwei Engel athmen hier, In ihrer Hand das Kreuz .. . Doch in der Nacht Langsam, langsam, mit leichtem Schritt Umkreisen Wächter das Gefängniss. In diesen Mauern nichts als Schreck und Trauern Und draussen Leben, Gold und Freiheit, Doch leise, leise ruft das garst'ge Echo Nur: Du bleibst, du bleibst! 1 Räuber. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 409 Auf dem Pestland von Italien sind solche Gesänge selten; häufiger sind sie auf den Inseln Sardinien, Oorsica und besonders auf Sicilien. Aus Venedig fand ich nur drei derartige Lieder in Bek- konis Sammlung der Canti popol. Venez., 1874, eines, worin der „Gefangene" sich beklagt, dass keiner der Seinigen ihn besucht, dann das eines auf Lebenszeit Verurtheilten, der seine Unschuld mit den Schlussworten betheuert: „Verurtheilt ohne Grund". Endlich das eines zum Tode Verurtheilten, das in ähnlicher Weise die Justiz anklagt mit den Worten: Wenn in den Tod ich muss von hier, Unschuldig geh ich in den Tod. Was aber sagt das Volk dazu, Zu dieser grausen Barbarei? Ich habe die Canti Veronesi von Righi (Verona 1854), und nicht bloss die gedruckten durchforscht und fast kein einziges eigentliches Räuberlied darunter gefunden; nur 3 unter 100 spielen auf Verbrechen an. Unter 116 Volksliedern aus Montferat (Ferraro, Turin 1870) finde ich nur 7 ausschliesslich von Verbrechern handelnde und 3 von Verwandtenmördern, worunter folgendes offenbar von einem Zuchthäusler herrührt: Vier Kameraden insgesamt, Alles tapfre Bursche: Fünf Jahre auf der Galeere, zehn Jahre Castiglia. In Maecoaldis schöner Sammlung von Volksliedern (Canti popolari, Genua 1854) finde ich eine ganze Reihe von Liedern der sogenannten Briganten, die übrigens mehr aus Rebellen und Deserteuren, als aus Verbrechern bestanden, sowohl in Piemont als auch in der Romagna, aus den Zeiten Napoleon I., aber in dem ganzen Buch fast keine Spur eines wahrhaften Räuberliedes. Auch in den 115 piemontesischen und ligurischeu Liedern ist, mit Ausnahme der historischen von den 3 Dieben u. s. w., nur ein Anklang davon in den zwei folgenden Versen: Handle als Bruder, lieber Gesell: Lass mir die Dame in Ruhe (?) 410 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Eines Tags, wenn wir uns wiedersehn, So grüssen wir uns mit dem Dolche. In die Berge will ich gehn; Bei allen Heiligen schwör' ich dir, Wir rechnen einstmals miteinander. Der Rundgesang, der in Toscana gesungen wird: Schilfblüthe! Im Kerker sitz' ich um ein Weib Und warte auf den Tod — ist der einzige Rest der Missetbäterpoesie in diesem gebildeten Lande. In der neuesten Sammlung der Lieder aus den Marken (Canti Marchigiani. Turin 1875) von Prof. Gian Andrea konnte ick nur 8 (0,67 %) finden, die das Verbrecken geradezn aussprecken. 1. Lindenblüthe! Den Geliebten will ich morden, Witwe bleibst du und ich Bandit. — 2. Bschenblüthe! Ich gebe einen Dolchstich ins warme Herz u. s. w. 3. Granatenblüthe! Sagt mir nicht, dass ich es lobe, Des Banditen armes Leben, Stets ein Brandmal trägt er mit sich, Fürchtet allezeit den Kerker. Wilden Mann nun will ich spielen, Einen Pater morden und davongeh'n. In den von Pitre gesammelten Volksliedern aus Sicilien (Canti siculi. Palermo 1870—72) finden sick dagegen unter 1000 allein 41 d. i. 4 %, die sick auf Verbrecken, Gefängniss und Verurtkeilung bezieken, dazu die Gesckickte von Nino Martino, Salta le viti, die Comara, die versckiedenen Fra Dia- volo, Leto u. s. w. — Sie strotzen von den Gefüklen der Racksuckt, Freikeitsdurst und Verwünsckungen der Rickter und Gensdarmen. Und die grausamen Gensdarmen Haben mich hierher empfohlen. Haltet ihn hübsch sicher nur, Denn ein Vogel ist's wie Keiner. Merkwürdig ist ein Vers, der sick auf die neuen Gesetze beziekt, die zwar gegen die Verbrecker nickt ausreicken, iknen aber dock unbequem sind: Kommt von Turin da ein neu Gesetz — 13 Jahr für einen Messerstich. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 411 Am wichtigsten sind jedoch unter allen drei Lieder, die uns den gewöhnlichen Seelenzustand des Verbrechers enthüllen: Ihrer Achtung unwerth ist, wer bereut und den Gesetzen gehorchen zu wollen sich vornimmt. Wahre Männer sind selten; die allein sind es, die im Zuchthaus lachen und scherzen. Wie soll man den Assisen gegenüber sich verhalten? — Antwort: Wenig Worte machen und die Augen niederschlagen. Das sind Verse, die wie die nachstehenden zwei Strophen Diejenigen zu Herzen sich nehmen mögen, die noch an die moralische Wirksamkeit der Strafe glauben. 1. Das Gesicht will ich zerfetzen Dem, der die Vicaria* schmäht. Der du sagst, der Kerker strafe, Armer Mensch, wie täuscht du dich! Nein, ein Glücksfall ist der Kerker, Wo man Känk' und Kniffe lernt. 2. Kerker, du mein Leben, meine Wonne — Welche Freude, hier zu sein; Herunter den Kopf ihm, der schlecht von dir spricht, Der denkt, du nehmest den Frieden. Hier find ich nur Brüder, nur Freunde hier, Geld, Gutes zu essen und lustiges Spiel — Und draussen gab es nur Feinde stets Und Hungerleid, wenn man nicht schaffte u. s. w. Nicht anders sind die französischen Herzensergiessungen der Gewohnheitsverbrecher, die im G-efängniss ihr warmes Nest finden, — wie auch aus der Zahl der Rückfälligen erhellt ■—, namentlich wenn eine zu weit getriebene Humanität dasselbe in eine bequeme Herberge umwandelt. Gleichwohl sind nicht alle Gefühle im Herzen dieser Unglücklichen erstickt, vielmehr taucht oft in ibnen, trotz der bösen Triebe der Habsucht und Rachsucht, die Erinnerung an einen Freund oder an die ferne Mutter auf und spricht sich in Worten aus, deren Duft aus einem solchen Munde in Bewunderung versetzt. So: Gefängniss in Palermo. 412 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 1. Mitten im Hof der Vicaria Macht mit den Händchen sie mir Zeichen. — Die mir winkt, es ist mein Mütterchen; Ihre Augen sind zwei Thränenquellen. Mutter, die allein du an mich denkst, Ich bin mitten unter schlechten Christen . . . Zur Hölle sind wir allesamt verdammt — Und du, Mütterchen, du weinest draussen. 2. 0 Mutter, wie beklage ich Stunde um Stunde Die Milch, die du mir schenktest! Du bist in deinem Grab begraben. Mich liessest du im Verderben! Diese Proben sprechen, beiläufig gesagt, wobl zur Genüge gegen Thomsons und Maudslbts Ansicht, dass den Verbrechern jeder ästhetische Sinn abgehe. 8 unter 41 Liedern spielen allerdings auf Rache und Rühmlichkeit des Verbrechens an und nur 7 äussern Gefühle von kindlicher Liebe und Verehrung. Einen Verzweiflungsschrei hört man aus folgendem Vers: Käme der Tod, ich küsste, ich umarmte ihn. Weitere 11 Lieder dienen als Geschichtserzählung und Lobpreisung berüchtigter Verbrecher. So finden sich im Liede von den Fra Diavoli folgende Verse: Nehmen wir uns zum Beispiel die 14 grossen Helden, Fra Diavoli genannt. Wieder ein Beweis für die geringe Moralität einer Litteratur, die den Verbrecher, nach Art unserer Alten, dem Helden gleichstellt. Wenn man es ganz genau nehmen wollte, so Hesse sich die Zahl der Verbrecherlieder noch bedeutend vermehren, namentlich wenn man die religiösen Lieder der heil. Genofeva, der wunderbaren Bitte und die 3 von den Waffen der Enthaupteten in diese Kategorie einreihte. Sehr nahe derselben kommt auch das Gespräch des Richters aus Navarra, der einen Verbrecher in Güte zum Geständniss seiner Verbrechen bringen will, auch einiges herausbringt und mitten im Beichten von ihm genarrt wird. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 413 Meiner Ansicht nach gehören auch jene 16 von Prosti- tuirten handelnden Lieder, die ! in allen anderen Ausgaben fehlen, hierher, da sie, wie ich weiss, in Gefängnissen gesungen werden. Wieder mehr kindisch und dumm als böse, legen sie von dem geringen Grade der Intelligenz jener unglücklichen Menschenklasse Zeugniss ah. Dadurch erhöht sich die Zahl derartiger Lieder auf 62, d. h. auf 6 °/o aller. Wenn man diese grosse Zahl auch z. Th. dem Sammler- fleisse Pirnas zu verdanken hat, so beweist doch ihre weite Verbreitung ihre Volkstümlichkeit, ebenso wie es mit den Banditenliedern in Corsica der Fall ist. Der Grund dafür ist offenbar derselbe: die grosse Verbreitung des Banditenwesens, der geringo Widerwille, den es in der Bevölkerung findet. Als Beweis dafür genügt die merkwürdige Uebereinstim- mung der Ausdrücke für Missethäter und Tapfere, die man in PlTRräs anderweitigen Liedern findet: Die kraftvollen tapfern Leute, Die wie Missethäter erscheinen und die Sprichwörter, in denen es heisst: „Berühmt durch Degen und Messer sind die von Palermo." „Trapani lagert, die Waffen in der Hand." Die Kaste der Parias ist insofern eine verbrecherische, als sie schon Kinder von 6 Jahren für die Prostitution erzieht; dazu die Carobaru, die, wenn nicht als Diebe, als Gaukler, Tättowirer, Wahrsager umherziehen und jedenfalls ein zweifelhaftes Gewerbe treiben. Trotz solcher Verworfenheit besitzen sie merkwürdigerweise sehr schöne dichterische Erzeugnisse; dieselben, darunter der Gesang von Tiravallura, sind jedoch dermaassen voll von unfläthigen Dingen und Sittenlosigkeit, dass sie den alten Griechen ein Erröthen abgewinnen würden. — In der Komödie „Braham und Nautchay" z. B. belehrt Jemand ein junges Mädchen über den physiologischen Vorgang, mit dessen Hülfe ein Greis den Damen sich gefällig erweisen könne, und Trunkene singen: 414 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Bereitet das Lager, Bestreut es mit Blumen, Eure zarten Glieder, Wir wollen sie herzen, Sie pressen, umarmen, Zur Lust werden Schmerzen. Diese Dinge finden hier nur ihren Platz, weil sie uns wie die Geschichte der Tuckes den Satz hestätigen, dass die unzüchtigen Neigungen mit den verbrecherischen Hand in Hand gehen; ferner auch, wie Dugdalb nachweist, dass hei den Parias die Fruchtbarkeit trotz der Verfolgungen eben so gross ist wie bei den Verbrechern, bei denen sie die der normalen Klassen übertrifft. 4. Eine ziemliche Zahl von B-äuberliedern findet sich auch in Sardinien, wo das Banditenwesen nicht bloss in der früheren Geschichte Spuren zurückgelassen hat, sondern auch bis in die neuesten Zeiten sich fortsetzt. Im ersten Theile der ungedruckten Volksgesänge im sardinischen (Logudoresischen) Dialekt von Spano erzählt der berüchtigte Bandit und Dichter Franz Satta d'Osilio seine Gefangennahme und Leiden im Gefängniss in einer Weise, wie wir sie bei Mottino kennen lernen. — Ein gewisser Pietro Oano von Ohiaramonti zieht gegen die Spitzel los und rechtfertigt sich. In einer zweiten Reihe von Dichtungen im selben Dialekt (Cagliari 1870) fällt ein gewisser Salvator Cassu gewaltig gegen die Camorra aus; Giammaria Piu fleht den Pfarrer seines Dorfes an, für die Befreiung eines seiner Enkel sich zu verwenden, der unter der Anklage von Todtschlag steht und der nach Angabe des Dichters unschuldig ist — und Paolo Cassu beschreibt mit lebhaften Farben in rührenden Versen die Leiden, die er im Gefängniss erduldet. Diese Dichtung zeichnet sich von den anderen durch ihre Aehnlichkeit mit den russischen und denen der Parias aus. Unter anderem fragt Achea, ob er, wenn er nichts zu essen habe, nehmen dürfe, was Anderen gehört, auch wenn er keine Aussicht habe, es wiederzugeben, und erhält die Antwort, wo wahre Noth vorhanden, seien alle Dinge Gemeingut. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 415 Daraus erhellt wieder einmal, dass in wenig civilisirten Ländern das Verbrechen als eine Art von Recht gilt, oder wenigstens als eine verzeihliche Uebertretung, für die man mit geringer Sühne davonkommt. Die corsischen, von Tommaseo gesammelten Lieder stammen fast alle von Banditen. Sie athmen Rache für den gefallenen Freund oder tödtlichen Hass gegen den Feind, oder Bewunderung für Mörder, wie Rinaldo, Oanino, Gallocchio, Galvano; die Rache geht sogar über das Grab hinaus, z. B. Folgendes: _. . . ew'ge Rache dir zur Sühne an dem ver- rätherischen Geschlecht nehme ich; im Tempel werden ihre Schädel hängen", und ein anderes: „hoch, hochgeschätzt war er! Es erschraken die, die von Gallocchio hörten." — Das Wort erschraken, als ein Lob gedacht, ist charakteristisch und lässt das Schmunzeln des Weibes, der Mutter oder Geliebten durchblicken. Tommaseo besass ein dickes Heft Verse von Peperone, einem wilden Menschen, der den Leichnam seines getödteten Feindes mit Düten von spanischem Pfeffer, in Anspielung auf seinen Namen und gleichfalls als Adresse bedeckte. Darunter befinden sich folgende Strophen: Ich hoffe zu Gott, ich werde mich rächen; meine Kechnung ist gemacht : Sieger, todt oder Bandit. Darauf folgen Worte, die den Sänger der Laura nicht verunziert hätten: Als ich dich sah, dich sprechen hörte, erstarrte zu Eis mir das Blut, das Herz wollte die Brust mir sprengen . . . jedes ihrer Worte traf mich, hielt mich und durchbohrte mein Herz. 5. Wenn diese Art von Litteratur auf den Inseln reichhaltiger als auf dem Festlande zu sein scheint, so fehlt sie doch auf dem letzteren nicht, da sie auch hier aus den Leidenschaften und dem Nichtsthun entspringt. Hier tritt sie nur um deswillen nicht so stark hervor, weil die ehrbaren Klassen überwiegen und diese sich jene seltsamen Produkte weniger zu eigen gemacht haben, woraus folgt, dass sie weniger bekannt sind. Mit einiger Geduld ist man jedoch im stände, 416 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. auch hier dergleichen zu sammeln, wie ich denn in Pavia eine Anzahl in den Gefängnissen und aus dem Munde entlassener Verbrecher aufgelesen habe, wie folgende: 1. 0 Hänschen, was ist dir passirt? Ein Gänschen nur hab' ich entführt. Das führt mich hier in dies Quartier. Verdammte Gans du, Gänserich! Soll sterben ich im Loch um dich, Soll sterben ich im Loch so feucht, Dass es den ganzen Kreis erweicht? — Doch die Justiz ist gar zu schlecht, Verdammt mich wider Fug und Eecht. 2. Im Laden sass ich Und war so fleissig, Und dachte, was weiss ich, Nur nicht an diesen Ort. Da von der Polizei Geht Einer vorbei Und führt mich fort. Wie dumm! Ich weiss nicht warum. 3. Wie viele Freunde, wohlgesinnte Hatt' ich! Jetzt nun in der Tinte Sitz' ich, — Keiner kommt herzu! Wie viel Läuse, ungezählte, Beissen mich auf's Blut, ach der Gequälte Findet keine Buh! 4. Gestehst du mir die Wahrheit, Versprech ich dir die Freiheit! Du armer Finke im Käfig drin, An den Tag kommt doch die Sache! Im Turiner Zellengefängniss haben die Studenten von einem Bauern, der einen Verwandten getödtet hatte, übrigens blödsinnig war und nicht lesen und schreiben konnte, etwa ein Dutzend ähnlicher Liederchen, die er aus Furcht vor der Strafe zum Besten gab, gehört, unter denen ich folgende Verse hervorhebe zum Beweise, dass der Verbrecher selbst im Wahnsinn noch die Schlauheit besitzt, sich der Justiz zu entziehen. 1. Bastian ist ein munt'rer Bursch, Bastian sitzt im Unglück. Doch hat er einen guten Kopf, der niemals ihn in Stich lässt. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 417 2. Bastian mit einem hübschen Lied hüpft singend aus der Thüre. Schön-Katharinchen wird mit Thränen nach ihm schicken. Daraus erkennt man zugleich die schlecht verhehlten. Rachegedanken gegen die ungetreue Geliebte. Ein anderes Gedicht in piemontesischem Dialekt beschreibt das Kerkerleben: Auf Place d'Armes vom neuen Haus Stehn fertig erst die Wände; Ich wollt', es ging in Flammen auf; Wenn ich ein Loch nur fände. Ein Fass, ein Strohsack und ein Krug, Der Hausrath in der Zelle Wenn Luft man einmal schlucken darf, Ist's grad' für den Appetit Wenn man einmal am Fenster steht, Gleich kommt der Schliesser Giebt's Brei und dann Kartoffeln — Giebt's Beis und etwa Bohnen, Und giebt es Beis mit Malven — So ist ein gross Hailoh In Pavia fiel mir noch ein anderes Gedicht, das mit einem aus Sicilien Aehnlichkeit hat, in die Hände. Es ist ein Gemisch von Zärtlichkeit für Mutter und Geschwister und von Zähigkeit im Leugnen; dazu eine Beschreibung der kleinen Leiden und Wechselfälle im Gefängniss, wofür die dortigen Beimhelden einen besonderen Hang zeigen. Des Morgens in der Frühe Kommt zu mir her der Schliesser, Schliesst auf das kleine Fenster Und bringt mir was zu essen. Er bringt ein feines Brötchen Mit einem Becher Wasser. Schnell wirft er zu das Fenster, Als wenn ich war ein Hund. Um Mittag kommt er wieder LOMBBOSO, Der Verbrecher. I. 27 418 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Und führt mich vor die schlimmen, Verdammten Isegrimmen. „Gestehest du die AVahrheit, Versprech' ich dir die Freiheit." „Die Wahrheit ist es wahrlich, Ich habe nichts begangen, Ich bitte euch um alles, Gebt meine Freiheit mir." — „Die Freiheit hast du wahrlich, Zu sterben hier am Orte!" 0 Mutter, liebe Mutter! Warum denn in der Wiege Hast du mich nicht erwürgt, Und liessest mich nicht sterben! Lebt wohl, mein Vater, Mutter Und alle meine Brüder Und auch ihr, meine Schwestern! Ich sehe euch nicht wieder. Doch die Justiz ist gar zu schlecht Verdammt mich wider Fug und Recht. Der Vers am Schluss ist fast bei Allen derselbe. Aus diesen Bruchstücken ersiebt man, dass ein grosser Tbeil der „Verbrecherlitteratur" aus Versen bestebt. Die Vorliebe für die poetiscbe Form ist geradezu bezeichnend für die Verbrecher, vielleicht weil dieselbe ihrer Leidenschaftlichkeit besser entspricht und das Selbstgefühl, oder besser die Selbstsucht darin mehr zum Ausdruck gelangt. Oftmals spricht sich das Schmerzgefühl mit einer ungewöhnlichen Kraft und Beredtsamkeit darin aus. So deklamirte Corani vor seiner Hinrichtung unter dem Galgen ein Gedicht über seinen Tod; der Räuber Milano erbat und erhielt die Erlaubniss, seine Vertheidigung in Versen zu führen. Nachstehendes Sonett, das Werk eines Schuhmachers, der nicht lesen und schreiben kann, ist nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch darum bemerkenswert!!, weil es uns ein schauerliches, fast photographisch richtiges Bild von dem Leben auf der Galeere giebt. Das Zuchthaus S. Stefano. Nichts sind, o Dante! deine Höllengrüfte, Nichts, Maro, des Avernus schwarzer Pfuhl, Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 419 Harpyen, Vipern und des Hades Stuhl, Von Gifte triefend rings die finstern Klüfte! Hier, hier vernehmt das heisre Schrillen Aus fluchbelad'ner Seelen Mund, Hier, hier das rauhe Gurgeln und Von Hades Thron furchtbares Brüllen. Auf seinem Lager schnarcht ein Ungeheuer, Gepackt von einem andern und zerfleischt. Und auf das and're stürzet sich ein Geier. Die Erde trieft von Blut, die Luft erzittert, Von Mord, Verrath und Bacheschrei erschüttert; Wo Einer stirbt, vor Lust der Andere kreischt. Das hübscheste aber ist ein Gespräch in Versen (Stanzen) zwischen einem Minister und einem Dieb, worin der Letztere ausführt, dass er in Noth gerathen, kein Brot für seine hungrigen Kinder gehabt und der Gelegenheit, dasselbe durch einen Diebstahl sich zu verschaffen, nicht habe widerstehen können, — eine gewöhnliche Ausflucht der Supplikanten, wie der Minister bemerkt. Verfasser desselben ist ein gewisser Baffi aus Trapani, ein Dieb von Profession, dem es weder an Geschmack noch an Belesenheit fehlt, indem er eine Stelle aus Dante sehr geschickt in seine Verteidigungsrede einflicht, die darauf hinausläuft: „es ist wahr, dass ich mich vergangen habe, aber ich war durch Hunger, gewissermaassen eine force majeure, dazu gezwungen." (Nach Pitre. Im piemontesischen Dialekt.) Minist. Sti suppricanti chi mi suppricati Sempre parrati sopra d'un tinuri. Vurria sapiri pirche nun pinsati Prima di cummittiri l'erruri; Chi lassati li figghi (figli) svinturati, Matri e mugghieri (moglie) 'ntra peni e duluri! Quannu ca po' viniti cunnannati (condannati) La gracia circati e libirtati. Ladro. Caro Ministru, si e la viritati; Non vi la pozzu no contrariari; Chiancinu li me' figghi svinturati, La curpo e mia; nun pozzu nigari. 27 420 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Ma un patri chi si troya 'n'puvirtati, Massima quannu 'un havi chi pigghiari, Nun guarda ne a tiddi ne a pittidi (a nulla) Pi däricci a manciari a li so figghi. Minist. 0 suppricanti, chi difisa pigghi I Mi stä facennu tanti lazzi e magghi (imbrogli); Cu sti raggiuni nun ti maravigghi; Lu viju: echiü chi parri, echiü assai sbagghi. Un patri chi rispetta a li so' figghi Sempre cerca li menzi e li travagghi. Nun e nicissitä chi va a 'rrubari Pi dari a li so' figghi di manciari. Ladro. Caru Ministru, tuttu e rigulari, Ma un dubbiu di vui vogghiu livatu: Un uomo chi si trova in autu (alto) mari, Chi e d'un bastimentu naufragatu, Certu chi cerca si si pö servari; Si vöta, e cc' esti un scogghiu d'un so' latu; Vurria sapiri come si disponi Si si prufitta di l'occasioni? Minist. L'haju 'ntisu la tüa opinioni: Brevi ti dichiaru 'n paraguni; Lu naufraga chiddu chi disponi Certo chi fusti tu, senza raggiuni, Criju ch'avisti quarchi occasioni, Ti prufittasti e facisti marruni; Ma di lu modu comu m'ha' cuntatu Fusti di li töi figghi obbrigatu. Ladro. Jo m'haju naufragatu supra mari Essennu un jornu 'nta misiru statu; E chivi non avennu di pigghiari Li figghi mi puncevanu a lu latu. 'Nfilici ca vulevanu manciari E mi strinciti di peni e turmenti Ca d'accattari 'un cci putia nenti Eepricu: mi chiancianu amaramenti Dicennu: „Patri miu, com' ämu a faril Uni dassi du' fasoli sulamenti Pi putirinni la fami riparari." Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 421 Cu' havi oricchi sti palori senti, E cu' havi figghi pö cumidinari! E veru si chi ddu dilittu io fici, Ma di la fami uni fui obbrigatu, etc. etc. Clement. Un certain soir etant dans la de bine (ohne Geld) TJn coup de vague il leur fallut pousser (ein Wagstück versuchen). Car sans argent l'on fait bien triste mine; Mais de courag' jamais ils n'ont manque. La condition etait filee davance; Le rigolo (Dietrich) eut bientot casse tout. Du gai plaisir ils avaient l'esperance. Quand on est pegre (Dieb) on peu passer partout. Le coffre-fort fut mis dans la roulante (Wagen) Par toute l'escorte il fut bien entoure.' Chez l'per' Clement, on lui ouvrit le ventre: D'or et d'fafiots (Bankscheine) l'enfant etait serre. Quarante millets! Teile etait cette aubaine. Ah! mes amis! c'etait un fier beau coup! De le manger ils n'etaient pas en peine, Quand on est pegre, on peut se payer tout. L'ami Lapat', qui n'etait pas un' bete Du coffre-fort voulait debarrasser. Chez le per' Jacob, pour le jour de sa fete, A son pur' lingue il voulait l'envoyer. Tout pres d'chez eux en face etait la Bievre, (Zufluss der Seine in Paris) On l'y plongea: mais voyez quel cass'-cou (Unglück) II fut r'peche. Adieu tout les beaux reves! Quand on est pegre il faut penser ä tout. Vive le vin, vive la bonne chere! Vive la grinche (Gauner), vive les margotons (Mädchen)! Vive les cigs (Gold)! vive la blonde biere; Amis! buvons ä tous les bons gargons. „Ce temps heureux a fini bien trop vite. Car aujourd'hui nous vlä tous dans l'trou. Nous sommes tous victimes des bourriques" (Polizei). Quand on est pegre, il faut s'attendre ä tout. Quinz' jours apres, ces pauvres camarades Eentrant chez eux, par l'arnach (Polizeiagent) furent pinces. Ils revenaient de fair un' rigolade. Deux contre dix, comment pouvoir lutter? Vrais compagnons de la Haute-Panandelle, (hohe Gaunerei) 422 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. IIa furent vaincus; mais leur rap (Eücken) porta tout. Ah! mea amis! ä vous gloire eternelle. Quand on est pegre, le devoir avant tout. Mes chers amis, j'ai fini leur histoire. A la Nouvelle (Caledonie), tout trois ils partiront; Mais avant peu. bientot j'en ai l'espoir, Brisant leurs fers, vers nous ils reviendront. Mortl cent fois mort ä toute la policel Ces laches bandits, sans pitie, coffrent tout (einstecken). On les pendra et ce sera justice, Car, pour les pegres, la vengeance avant tout! „Moralite: Ces hommes tres forts se sont fait eoffrer en coffrant un coffre-fort tres fort. C'est trop fort. Sehr zart und nicht ohne poetischen Werth sind die (französischen) Verse eines gewissen Lacrosnier, eines gemeinen Kofferdiebes. Unter Lacenaires Poesien zeichnet sich die eine günstig aus, worin er über seinen Tod spricht, während die übrigen etwas affektirt sind. Von seinem Nachlass in Prosa erregt aber ein Schriftstück, in welchem er das Gefängnissleben treu schilderte, das Interesse des Psychologen. — Die gepriesenen Poesien der Lafarge sind ärmlich, oft sentimental, immer schwülstig und voll von jenen Klagen über die Entbehrungen im Gefängniss, wovon die Ergüsse der Verbrecher vorzugsweise handeln. Lecrosnier. Tu pleures, quand le soir mon äme veut tremblante Vers tes parents lä-bas voler pleine d'amour: Tu pleures: sur tes cils, une lärme brülante Vient se diamanter aux premiers feux du jour. Tu pleures: mais ces eaux qu'une amere souffrance Epanche des tes yeux Font epanouir l'esperance, La fleur des malheureux. Tu pleures: bien souvent ta voix monte plaintive Vers le maitre des cieux aux heures de sommeil. Tu pleures: ta pensee, helas, longtemps captive, Voit ses Bens tomber et s'elance au soleil. Tu pleures: mais au ciel ton ange qui t'adore, Heureux, dit aujourd'hui: Begarde, 6 pere! c'est encore Une lärme de lui. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 423 Lacenaire. A mon amante. Je te revais au temps de mon bonheur, Quand sur mon front brillaient les plus vives couleurs: Maintenant le songe s'est evanoui et mon sort Doit suivre le destin fatal, Qui veut me jeter en päture ä la mort cruelle. Attends moi dans le ciel belle immortelle. Lacenaire. 1. Maudissez-moi, j'ai ri de vos bassesses, J'ai ri des Dieux, pour vous seuls iuventes; Maudissez-moi: mon äme, sans faiblesses, Fut ferme et franche en ses atrocites. Pourtant cette äme etait loin d'etre noire, Je fus parfois beni des malheureux. . . A la vertu si mon cceur eüt pu croire, N'en doutez pas, j'eusse ete vertueux. 2. Bien fou, ma foi, qui sacrifie Le present au temps ä venir; Tout est bien et mal dans la vie, Le chagrin succede au plaisir. Contre le sort en vain on lutte: Amour,- riehesse, n'ont qu'un jour. Ce qui vient au son de la flute S'en retourne au bruit du tambour etc. 3. Je suis un voleur, un filou, Un scelerat, je le confesBe! Mais quand j'ai fait quelque bassesse, Helas je n'avais pas le sou. La faim rend un homme excusable. Un pauvre, de grande appetit, Peut bien etre tente du diable; Mais, pour me voler mon esprit, Etes vous donc si miserables? etc. 4. Plus tard enfin, voleur, esoroc, faussaire, Tous les forfaits ne me coutent plus rien. Pour debuter on chipe (stiehlt) une misere, Et pour finir on devient assassin. Ah quand pour moi vient l'heure derniere, Foulez aux pieds mon cadavre sanglant. Maudissez-moi! Qu'a besoin de priere L'arbre abattu par le souffle du vent? 424 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Zur Feier seiner Versöhnung mit Avril, der mit ihm zugleich hingerichtet werden sollte, schrieb L. bei der letzten Mahlzeit, die sie zusammen halten durften, folgendes Trinklied: Noel! Noel A nous, saucisse et poularde! Tout tombe du ciel: A nous, liqueur et vin vieux! Allons plus de fiel! Fais la Dique ä la camarde Vive Noel! Qui nous montre ses gros yeux. Noel etc. Salut, pays de Cocagne, Lieu jadis si frequente! Salut, petillant Champagne, Vin ei eher ä la beaute I Noel etc. Un bon buveur, c'est l'usage, Boit ä l'objet qui luit plait! Avec moi, frere, en vrai sage, Bois ä la mort, c'est plus gai. Noel etc. Buvons au jour qui s'avance, A l'oubli de tous nos maux, A l'oubli de la vengeance, Des mechants et puis des sots. Noel etc. Buvons meme ä la sagesse, A la vertu qui soutient; Tu peux, sans crainte d'ivresse, Boire ä tous les gens du bien. Noel etc. Un pauvre homme, d'ordinaire, Pour mourir a bien du mal. Nous, nous avons notre affaire, Sans passer par l'hopital. Noel etc. Sur les bien d'une autre vie, Laisse precher Massillon: Vive la philosophie Du bon eure de Meudon! Noel etc. Nous trouverons bien, par gräce, A nous caser aux Enfers: Moi j'irai trouver Horace, Toi l'ouvrier de Nevers. Beachtenswerther als seine Verse sind Lacenaires Betrachtungen in seiner Autobiographie. „Was wird aus dem jungen Gefangenen, der in diese unselige Gesellschaft verwiesen wird. Er hört zum ersten Male die grässliche Sprache der Cartouche und der Poulailler, das Argot. Wehe ihm, wenn er sich nicht sofort ihnen gleichstellt und ihre Grundsätze und Sprache annimmt. Er würde nicht für würdig erachtet werden, an der Seite der Freunde zu sitzen! Sein Widerspruch würde sogar auf die Wächter keinen Eindruck machen, die immer Partei für die Anführer nehmen, und hätte nur die Folge, den Kerkermeister wider ihn zu Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 425 erbosen, der gewöhnlich ein ehemaliger Zuchthäusler ist. Angesichts dieses Schmutzes in Worten und Wesen erröthet der Unglückliche, — es ist der letzte Rest von Schamgefühl und Unschuld, den er mitbrachte. Er bereuet nun schon, nicht ebensoviel begangen zu haben wie seine Mitbrüder, er fürchtet ihren Spott, ihre Verachtung. — Denn auch auf den Bänken der Galeeren kennt man Achtung und Missachtung, und deshalb fühlen sich viele daselbst wohler als in der Gesellschaft draussen, wo man auf sie herabsieht; will doch Niemand geringschätzig sich behandeln lassen. — Der junge Mann ■wird also, nach Anleitung der schönen Vorbilder, in wenigen Tagen ihre Sprache sprechen und nicht mehr für einen Einfaltspinsel gelten — und dann werden auch die Ereunde ihm die Hand reichen können, ohne sich etwas zu vergeben. Aber wohl zu merken! bis dahin ist es nur ein Anflug jugendlicher Eitelkeit, die sich schämt, für einen Neuling zu gelten. Die Aenderung besteht nur noch mehr in der Eorm als im Wesen; zwei bis drei Tage in dieser Kothgrube verbracht, vermochten ihn noch nicht gänzlich zu verderben. Aber Geduld! der erste Schritt ist gethan, und man bleibt nicht auf halben Wege stehen." Ganz kürzlich hat man Robert Brehaut betroffen, als er vom Bücherbrett eines Antiquars ein Reimlexikon stahl. Man durchsuchte seine Taschen und fand eine Menge Papiere bei ihm, auf denen Sonette, Idyllen und Rondeaux standen. Eine Elegie fängt folgendermaassen an: Un geolier repoussant vient de fermer la porte. Depuis deux ans dejä, triste, je gis igi; De moi ma fiancee, helas! n'a plus souci. Mon pere en ma prison, seul ä magner m'apporte. Eins seiner Couplets ist folgendes: Mes petits moutons Vont sur les gazons: Ma bergeronette, Pres de moi seulette Chante ses chansons. 6. Von besonderem Interesse sind die Verse Lebiez', des Mediciners, der im Jahre 1883 ein junges Mädchen in seiner Wohnung, 55 rue d'Hauteville, Paris, ermordet und den 426 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Leichnam daselbst versteckt hat. Dieselben sind an den Schädel eines jungen Mädchens gerichtet und beginnen mit den Worten: Lebiez. A un cräne de jeune fille. De quelque belle enfant restes froids et sans vie, Beau cräne apprete par mes mains, Dont j'ai sali les os et la surface blanchie D'un tas de noms grecs et latins. Compagnon triste et froid de mes heures d'etude, Toi que je viens de rejeter Dans un coin, ah! reviens tromper ma solitude, Reponds ä ma curiosite. Dis-moi combien de fois ta bouche s'est Offerte Aux doux baisers de ton amant: Dis-moi quels jolis mots de ta bouche entr'ouverte Dans des heures d'egarement .... Insensel . . Tu ne peux repondre, pauvre fille, Ta bouche est close maintenant, Et la mort, en passant, de sa triste faucille A brise tes charmes naissants. Triste legon pour nous, qui croyons que la vie Peut durer pendant de longs jours! Et jeunesse, et beaute, et bonheur qu'on envie, Tout passe ainsi que les amours I Ainsi quand vers le soir, apre et dur ä la tache, Je travaille silencieux, Mon esprit suit le monde et, tout inquiet, s'attache A des pensers plus serieux, Je reve au temps qui passe.....alors, je te regarde, Et, songeant aux coups du destin, Sur ton front nu je crois lire en tremblant: Prends garde, Mörtel, ton tour viendra demain!" Noch wichtiger aber sind die Bemerkungen, die er selbst daran knüpft. „Ihr armen Verse," sagt er, „wie wenig ihr auch taugen möget, gebt getreu den Zustand meiner Seele in der Einsamkeit wieder. In Gesellschaft bin ich liebenswürdig und heiter; man hält mich für einen übermüthigen Spötter Aber wenn man von Grund aus meinen Charakter kennte und wüsste, dass ich, der ich lache und mit Worten spiele, eben erst, da ich allein war, vor Verzweiflung in Thränen schwamm, Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 427 . . . wenn man -wüsste, dass unter dem Lachen Seufzer verborgen sind, so würde man nickt sagen, dass ich über alles spotte, — Meine Heiterkeit ist nur Maske, sie verbirgt die Angst, die seit langem mein Herz zerreisst. Wenn Diejenigen, die mich lachen sehen, mich auf einer meiner einsamen botanischen Wanderungen beobachtet, mich weinen gesehen hätten, wie ein Kind, oder wie ich halbe Stunden lang an einem Abhänge oder unter einem Baume den Kopf in den Händen gestützt, dasass, — sie hätten mich wohl für irr gehalten, aber nicht zu sagen gewagt, dass ich auf alles pfeife." Auch Fallaci schrieb, ausser einer Abhandlung über Zündhölzer, sentimentale Verse zwischen seinen beiden Mord- thaten. Ruscowich beschreibt den Seelenzustand der Gefangenen in vorzüglicher Weise. „Man vergisst nur zu oft, wenn man ein Bild von ihnen geben will, dass sie Glieder der Gesellschaft sind. Alle diese von aller Wellt, ausser von ihren Aufpassern verlassenen Körperwesen sind nicht schwarz, nein, es giebt unter ihnen auch helle und durchsichtige. Aus dem gemeinen Sande, den man mit Füssen tritt, kann man im Schmelz- tigel glänzende Kristalle darstellen. Sogar die Hefe kann nützlich werden, wenn man sie richtig verwendet; tritt man Volkshefe, wie es geschieht, gleichgültig und achtlos unter die Füsse, so unterwühlt man den socialen Boden und füllt ihn mit Vulkanen. Kennt der den Berg vollkommen, der von seinen Höhlen nichts weiss? Und ist die untere Bodenschicht etwa darum, weil sie tiefer und finsterer ist, weniger wichtig als die obere? Es giebt ja Missbildungen unter uns, vor denen man schaudert, aber seit wann verhindert der Ekel das Studium der Krankheit, oder den Arzt, sie zu behandeln?" In einem anderen Briefe sagt R. von sich selbst: „Wie unerträglich ist doch der Müssiggang für Einen, der an Studium und Arbeit gewöhnt ist und in sich noch das Verlangen nach Beschäftigung fühlt, die den Menschen zugleich erhebt und bessert. Dieses widerwärtige Faulenzen, dieses allmähliche Verkommen im Elend zehrt so an meinem Geist, dass ich noch 428 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. das bischen Verstand, das mir geblieben, zu verlieren fürchten muss. Alles Leben beruht ja auf Bewegung und Arbeit, die ganze Natur verabscheut den Zustand der Trägheit; soll denn nur der Gefangene eine Ausnahme davon machen? soll er, wie stehendes Wasser, in seinem Schmutze versumpfen und verfaulen? soll er allein nur aufzehren und nichts schaffen, er nur zur Last fallen, ohne zu nützen, anderes und schliesslich sich selbst zerstören?" „Wenn es, nach der letzten statistischen Erhebung, im Königreich Italien ungefähr 40000 Gefangene giebt, so geht täglich für 100 Jahre Arbeitskraft dem Gemeinwesen verloren. Die Krakauer Nonne schrie: Brot, Brot! — ich rufe aus meiner einsamen Zelle nach Arbeit, nach Beschäftigung! Wie der Körper sich bewegen muss, um danach so freudiger der Ruhe zu pflegen, so bedarf der Geist der Unterhaltung, um danach in den Mussestunden mit Nutzen nachdenken zu können; überlässt man sich dem einsamen Denken, so versinkt man in hochmüthige Beschränktheit. Im Gehirn des Einsiedlers verwildert sozusagen das Denken, schwärmt, wie ein Abenteurer, bald hier, bald dort hinaus und verliert sich in Einöden. Die übermässig verhaltenen Gedanken fangen an zu gähren, gleich den Waarenballen, die man nicht lüftet." Mottino schrieb mit Blut, das er seinem Finger entnahm, sofort nach Verlesung seiner Anklageschrift seine Geschichte in Knittelversen. Abbadie, der fast noch als Kind zum Mörder wurde, warf sich, im Geiste der Zeit, zum Reformator auf. Seine Schrift besteht indes nur in Schmähungen gegen die Richter und in Verherrlichung seiner selbst und seiner Vertheidiger. In Vidocqs Memoiren ist nichts als die Stelle, wo er eine Orgie beschreibt, von einem gewissen Schwünge. Ungebildet wie er war, giebt er sich da in seiner wahren Natur. 7. Kritik. — Kurz gesagt, wir haben in allen Jenen nicht Schriftsteller von Each, sondern Missethäter vor uns, für die das unbequeme Gefühl des Zwanges, das der schlecht unterdrückten Leidenschaften oder der Eitelkeit als Stachel dienen, ihr Leben zu beschreiben. Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 429 Es giebt allerdiDgs nicht wenige Künstler und Dichter die auf dem Wege zum Verbrechen strauchelten und sogar, versanken, aber der Rechtssinn, das Schamgefühl, dem wir auch bei gemeinen Verbrechern hier und da begegnen, hinderte sie doch, ihre verbrecherischen Neigungen in ihren Werken unverhüllt zur Schau zu stellen. Die Vorliebe für blutige und grausame Darstellungen wird jedoch bei den Malern, die sich eines Todtschlages schuldig gemacht haben, zur Verrätherin, so bei Oaravaggio, Spagnoletto, Molj^n, Cloquemin (der einen Zug Galeerensträflinge gemalt hat), bei Lebrun, Tassi. Die Bilder von Scenen aus der Bartholomäusnacht, die Marter des heiligen Hieronymus (von Caravaggio), der Ixion, ja auch der Beiname Molyns „der Sturm" sprechen dafür. Benvenuto Cellini versucht in seiner Lebensbeschreibung einige seiner Unthaten zu beschönigen, andere als Folge seines Unglückssternes darzustellen, nur in zwei Stellen verräth er sich, einmal als ihm sein Gegner Sodomie vorwirft, worauf er, als auf eine Sache des guten Geschmacks, stolz war, dann darin, dass er glaubte, ihm sei alles erlaubt. „Wisse, dass Menschen, wie Benvenuto, einzig in ihrer Kunst, den Gesetzen nicht unterthan sind." Dabei versteckte er sich indes doch hinter dem Papst. In den Dichtungen und Briefen Oeresas, Byrons und Eoscolos findet man Andeutungen von Gewissensbissen, von dem Kampf, mit dem sie ihre schlimmen Neigungen zu unterdrücken versuchten. Villon hat in zwei seiner Dichtungen (Les deux testa- ments und Jargon oder Jooelin) seinen doppelten Beruf als Dieb und Dichter zu zeichnen versucht. Das letztere Werk ist in Gaunersprache geschrieben und die Haupthelden sind Diebe (s. Morot 1800). Er war der Begründer der realistischen Schule, und unter seinen traurigen Verirrungen leuchtet doch noch die Liebe zu seiner Mutter und zu dem Vaterlande hervor. Zum Tode verurtheilt, schrieb er ausser seiner Grabschrift folgende Verse: 430 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Je suis frangais, dont ce me poise, Ne de Paris emprfes Ponthoise. Or du'ne corde d'une toise Saura mon col que mon cul poise. Wieder ein Beweis dafür, mit welcher Gleichgültigkeit Verbrecher dem Tode entgegengehen. In seinen Testaments malt er das Leben von Prostituirten und sich selbst als Kuppler in schmählichstem Detail, dessen Sinn im Grunde den Satzt enthält: „II n'est tresor que de vivre ä son aise," — was für uns darum von Bedeutung ist, weil es die Gleichbedeutung von Prostitution und Verbrechen kennzeichnet. Ganz unverhüllt wird der Schmutz und die Schamlosigkeit solchen Lebens ausgedrückt in: Je suis paillard, la paillarde me duit; L'un yault l'autre, c'est ä mau-chat mau-rat, Ordure avons et ordure nous suyt, Nous deffuyons honneurs, et il nous fuyt, En ce bouedel oü tenons nostre estat. Noch farbenreicher ist folgendes schriftstellerische Kunstprodukt aus Pamphil. Geöenbach, der, ein Nachahmer von Sbbast. Brandts Narrenschiff, das Liber vagatorum in Verse gebracht hat. Dasselbe möge zugleich als Probe des damaligen Bothwelsch dienen: Gebeut auch dem Patzer 1 mit den Gliden 2 , Dass sie wollen uss belieben. Was täglich braucht den Sonnenboss, 8 Sie sayen klein, jung, alt oder gross. Der Zwicker 4 auch mit sinem gesind, Und die die Rübling 5 rü'ren sind Die Brager 6 auf dem Tärich' Auch Gugelfranz 8 uff sinem Strich Und all die in dem Häkis 9 hucken, Die auch Hans-Walter 10 stät thut trucken, Galle 11 mit dem Jochim 12 Dazu auch Gugelfranzin 13 Sie süllen all ufft gouchmat keren Und helfen de frau Venus eren u. s. w. 1 Bordellwirth. 'Huren. s Hurenhaus. 4 Henker. 5 Würfel spielen. 6 Bettler. ' Erdboden. 8 Mönch. 9 Hekis = Häkdisch = Spital. 10 Laus. "Priester. 12 Jochim für Jarjin = Wein. 13 Nonne. (Ave-Lallement, 1.c Th. I., H. 207.) Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher. 431 Oeresa, der Priester und Sodomit, malt mit lebhaften Farben den Kampf zwischen gutem und bösem und beklagt, dass das letztere von der Natur mit so glänzendem Gewände bekleidet sei. Was gabst du eine Seele mir, Die im unsel'gen Kampf Mit unbezwung'ner Macht, besiegt In das Verderben stürzt? u. s. w. Byron behandelt im Manfred einen Incest. Man nimmt gewöhnlich an, dass er unter dem Bilde seines Helden (Korsar) sich selbst beschreibe. 1 Im Kain werden Lucifer und Kain, die Vertreter des Bösen, liebevoller behandelt und sind ihre Aeusserungen oft logischer, als die Vertreter des Guten. So sagt Lucifer von den Cherubim: „Sie sprechen die Silben nach von kläglichen Geschöpfen, die ohne Kund' als ihre seichten Sinne, das Wort anbeten, das ihr Ohr trifft, gut und böse finden, was man ihnen vorspricht in ihrer Dummheit", wogegen die bösen Geister sich nennen: „Seelen, die ihr unsterblich Theil gebrauchen, Seelen, die dem allmächtigen Tyrannen ins ew'ge Antlitz schau'n und sagen, dass sein Böses nimmer gut ist" (nach Gildemeister). Das sind indes nur flüchtige Blitze, deren Bedeutung man mit der Loupe suchen muss, die aber wenigstens den Ungläubigen zeigen, dass ästhetischer Sinn neben verbrecherischen Trieben bestehen kann. Foscolo, der in Ortis, in der Eicciarda und im Thyestes die Heftigkeit seiner zum Bösen geneigten Leidenschaften beschreibt und nur zu oft an den Verbrechen Stuprum und Ehebruch seine Freude bezeugt, trat zuerst gegen diejenigen seiner Nachahmer auf, die seine Flecken zu ihrem Vorbilde nahmen. 8. Man darf also nicht behaupten, dass die grossen Dichter die Reinheit der Kunst in Wahrheit beschmutzen wollten. Zwischen den niederen Schichten der Gesellschaft, wo man das 1 Das boshafte Gerücht von Lord Byrons Verhältniss zu seiner Schwester ist Weiberklatsch, von Mrs. Beecher-Stowe ausgesprengt (s. K. Elze: Lord Byron. 1870). 432 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Argot spricht, und den Höhen der Wissenschaft und Kunst liegt ein Abgrund, besonders in Italien, das sich vielleicht mehr als die übrigen Länder Europas einer Keuschheit und Reinheit auf diesem Gebiete rühmen darf. Erst seit etwa einem halben Jahrhundert ist in Frankreich, durch Balzacs, V. Hugos, Dumas j., Sues, G-aboriaus und Zolas Werke veranlasst, dieser Pesthauch der Galeere und des Bordells, der treuverbrüderten, in die Litteratur eingedrungen. Es ist das indes wohl nur eine vorübergehende, durch die politischen Umwälzungen hervorgerufene Erscheinung infolge des Her- vortretens der niederen Volksklassen. Denn die Kunst strebt immer dem Hohen und Edlen nach, und zwar um so mehr, je trüber die Nebel sind, die in der Tiefe lagern. 9. Die litterarischen Erzeugnisse der Irren gleichen denjenigen der Verbrecher in Bezug auf ihre Neigung, ihr Leben zu beschreiben, in ihren Beschwerden und in der Mittheilung unwesentlicher Einzelheiten; sie übertreffen sie jedoch häufig an Wärme und leidenschaftlicher Darstellung, die sich sonst nur bei ausgezeichneten Schriftstellern findet. Uebrigens sind sie weniger gewandt, wenn auch origineller in Eorm und Inhalt, falls sie sich nicht in Wortspiele und Reimereien verlieren, wie sie es gern thun und worin sie den Verbrechern gleichen. Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 1. Räuberwesen, Mafia und. Camorra. 1 — Eine der wichtigsten und zugleich traurigsten Erscheinungen in der Verbrecherwelt ist die Vereinigung zu Banden, nicht allein 1 Tommasi Crudeli: La Sicilia nel 1871. Florenz. — Monnier: La Camorra. Florenz 1872; id. Nolizie storiche sul brigantaggio. — Avv. Locatelli: II Brigantaggio e la mafia, Perseveranza, maggio 1875. — V. Haggiorani: Sugli Ultimi rivolgimenti di Sicilia. 1861. — Maxime du Camp: Naples sous Victor Emmanuel. Bevue des Deux Mondes. 1862. Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 433 deshalb, weil die der Association überhaupt innewohnende Kraft auch nach der bösen Seite zu sich darin bethätigt, sondern auch, weil durch die Verbindung so verkehrter Elemente ein wahrhaft giftiger Gährungsstoff sich entwickelt, der die alten wilden Leidenschaften zu Tage fördert und unter Beihülfe einer Art von Disciplin und Corpsgeist zu einer Grausamkeit anstachelt, vor der der Alleinstehende meistentheils sich hütet. Für Italien haben diese Verbindungen nebenbei auch eine politische Seite. Natürlicherweise sind die Verbindungen dieser Art da am zahlreichsten, wo es die Missethäter sind, d. h. in den grossen Städten; doch muss bemerkt werden, dass sie in den civilisirten Ländern weniger fest zusammenhängen, auch weniger blutgierig sind, und dass sie sich da auch wohl in zweideutige politische und Handelsgesellschaften verwandeln. Der Zweck derartiger Verbindungen besteht fast immer darin, fremdes Eigenthum sich anzueignen und durch die Menge der Theilnehmer die gesetzlichen Maassregeln unwirksam zu machen. In früheren Zeiten gab es Gesellschaften für Abortus, für Giftmord, auch solche, die unter dem Deckmantel tugendhafter Bestrebungen allerlei Laster, Päderastie u. dgl. betrieben und sogar Mordthaten bloss aus Lust am Blutvergiessen, wie bei der Mörderbande von Livorno, ja bis zum Kannibalismus verübten; religiöser Fanatismus erzeugte Verbindungen zum Zwecke fleischlicher Vermischung, untern andern bei russischen Sektirern. 2. Geschlecht, Alter, Gewerbe u. s. w. — Der Zustand der "V erbrechergesellschaften richtet sich selbstverständlich nach den Bedürfnissen der Mehrzahl unter ihnen. Weitaus der grösste Theil der Verbrecher ist männlichen Geschlechtes. Banden mit Frauen an der Spitze kommen nur ausnahmsweise vor, z. B. die der Louise Bouvier, die im Jahre 1828 eine aus 40 Dieben bestehende Bande kommandirte. Noch seltener ist der Fall, dass Frauen allein sich verbinden, um zu stehlen; ich kenne nur den einen Fall, wo die ExMarketenderin Lina Mondor an der Spitze einer Bande von Diebinnen und Prostituirten stand. — Obgleich die Frauen Lombroso, Der Verbrecher. I. «. 28 434 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrech9rs. mehr zu Verbrechen im Hause neigen, so gab es doch Zeiten, so in Rom und in Paris, wo Verbindungen zum Zwecke von Giftmorden in Mode waren. Uebrigens befinden sich Frauenzimmer unter allen Verbrecherbanden, wo sie die Rolle von Hehlerinnen, Auskundschafterinnen und Beischläferinnen spielen. Der grösste Theil der Banden besteht aus Leuten in ugendlichem Alter. Unter 900 Räubern der Basilicata und des Kapitanates waren 600 weniger als 25 Jahre alt; fast alle unverheirathet, viele unehelich, Tardugno, Copa, Masini, u. s. w. ohne Schulunterricht, Landleute und Gewerbetreibende, Fleischer, Hirten, frühere Soldaten, kurz lauter Leute, die mit der Hand arbeiten. Nur in grossen Städten findet man Verbrechergesellschaften, die aus unterrichteten Leuten bestehen. Coulins Bande bestand aus Kaufleuten, Malern, Hausmännern. Cartouche, Lacenaire und Teppas, die Bandenhäupter in Paris, waren von guter Familie. Die sogenannten Habits noires, eine Pariser Diebesbande, kleideten sich nach der neuesten Mode. Ein ehemaliger Offizier, Mayliatt, ein Mann, der zu leben verstand und gelegentlich seine Verse machte, befehligte sie, es waren Huissiers, Souteneurs, Courtiers und herabgekommene Grafen darunter. — Die Bande Mallet vom Jahre 1845 wurde von einem Hauptmann der Nationalgarde kommandirt. Die Mainzer Bande führte ein ehemaliger Seminarist, der sein Griechisch und Latein verstand. — Die Bande Graft bestand aus Grosshändlern. — In Palermo verkehrten Hauseigentümer und sogar Priester mit den Missethätern. Nicht selten bilden sich Verbindungen von Verbrechern mitten im Schoosse von anständigen Vereinen zu gegenseitiger Unterstützung, wie z. B. in Ravenna und Bologna; oder auch unter Arbeitern einer Fabrik, die sich von Mitarbeitern oder von Vorgesetzten verführen lassen. Auf ähnliche Weie entstand die Verbindung der Messermänner 1 unter den Schuhmachern in Livorno; so hatte Pr out, 1 Messermänner = coltellarii (ital.) = chourineurs (franz.). Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 435 der in einer Waffenfabrik als Schreiber angestellt war, seine Bande gebildet. 3. Organisation. — Viele dieser Banden haben feste Satzungen und Standesunterschiede, fast alle z. B. einen Anführer mit unumschränkter Gewalt. Seine ausgezeichnete Stellung erwirbt er, wie bei den Wilden, mehr durch persönliche Vorzüge, als durch allgemeine Wahl. Alle Banden haben ausserhalb Vertraute und Beschützer für die Zeit der Gefahr. In grossen Banden besteht sogar eine Art von Arbeits- theilnng; da giebt es einen Henker, einen Schulmeister, einen Sekretär, einen Reisenden, bisweilen sogar einen Geistlichen und Arzt. Alle haben sie etwas wie Gesetzbuch oder Reglement, das sich durch Ueberlieferung gebildet hat, nicht geschrieben ist, aber von den Meisten buchstäblich befolgt wird. Die Banden in Sicilien, Apulien und in der Lombardei verlangten eine strenge Prüfung und Stimmenmehrheit für die Erlaubniss zu stehlen (cavalcare). Auf Uebertretung der Gesetze stand der Tod; zuvor aber wurde dem schuldigen Mitgliede der Process gemacht; Einer aus der Bande fun- girte als öffentlicher Ankläger, die Hauptleute als Richter, und der Inkulpat durfte sich vertheidigen; allerdings fiel das Urtheil fast immer zu seinen Ungunsten aus. Eines der am strengsten bestraften Vergehen war der Diebstahl auf eigene Rechnung ohne Mittheilung an die Genossenschaft, ferner das Ausplaudern von in Gemeinschaft mit Anderen begangenen Verbrechen. Daher kam es, dass Pugliese vor den Geschworenen seine Unkenntniss der Verbrechen seiner Leute damit entschuldigte, dass er sich, ohne das Gesetz zu übertreten, darnach nicht habe erkundigen können. Bei der Bande zu Ravenna herrschte eine Art von Rangordnung; sie nannten ihre Obern, wie es auch in der Camorra üblich war, Meister und schwuren auf den Dolch vor Ausführung eines grossen Unternehmens; oft benachrichtigten sie die Opfer, die sie tödten wollten, durch symbolische Drohungen. Etwas Aehnliches thaten auch die Hauptleute der Balle von Bologna. 28« 436 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Die Mainzer Bande theilte sich bei ihren Unternehmungen in Abtheilungen zu fünfen höchstens; auch die Abwesenden hatten theil an der Beute. Jedes Geschäft (Massematten) war durch einen Vertrauten (Chessen) vorbereitet nach den Anweisungen des Kundschafters (Baidower). Der Führer untersuchte die Sache und entwarf den Plan, der getreu befolgt werden musste. Die Diebe durften mir Gold und Juwelen und nur dann Kaufmannswaren nehmen, wenn es nichts anderes gab. Ausserdem durften sie nicht in ihren Wohnorten stehlen, damit ihnen ein sicherer Zufluchtsort bliebe; wer diese Vorschrift übertrat, wurde angezeigt. Wenn sie um eines leichten Diebstahls willen ins Gefäng- niss kamen, so trieben sie Nägel und Feilen in die Spalten der Wände zum Gebrauch für ein anderes Mal. Auf der Wanderschaft mit ihrer gestohlenen Ware führten die Frauen den Zug an und trugen die Packete, als wiegten sie ibre Kinder. — In der Schwarzmüller sehen, 180 Mann starken Bande besass Jeder ein Wörterbuch der Gaunersprache und hatte seine besondere Krankheit zu vertreten; die Einen spielten die Epileptischen, die Anderen Blödsinnige oder Stumme. (Ave-Lallbmant : Das deutsche Gaunerthum, S. 235.) 4. Die unter dem Namen Camorra innerhalb der Stadt Neapel herrschende Genossenschaft von Verbrechern ist am vollkommensten organisirt. Ueberall, wo eine Anzahl von Gefangenen oder Entlassenen sich beisammen findet, konstituirt sich ein Verein. Diese kleinen, voneinander unabhängigen Gruppen stehen unter einer Hauptstelle; so ist z. B. die in den Gefängnissen von Neapel denen von Oastel in Capua und diese wieder denen im Bagno von Procida untergeordnet. Man hatte auch verschiedene Grade. Der Picciotto oder Tamurro, auch "Razzo (der Junge, Bube) rückte erst dann zum Piciotto di sgarro auf, wenn er Proben von Muth und Verschwiegenheit bei Ausführung einer ihm von der Bande aufgetragenen Mord- oder anderen That abgelegt hatte. Fehlte es an einem Opfer, so musste er mit einem von der Bande bestellten Mitgliede auf Messer losgehen (tirata), wie es bei den Wilden Gebrauch ist. Vor- Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 437 mals war diese Probe noch schwieriger. Der Kandidat musste nämlich ein Geldstück vom Boden aufheben, wonach die Anderen mit ihren Dolchen stachen. Man spricht noch von anderen Prüfungen, wie sie bei den Freimaurern bestanden baben sollen, von Giftbechern, Aderlässen ü. dgl. m. Ich weiss nicht, was wahres daran ist, sicherlich - aber besteht der Gebrauch jetzt nicht mehr. Der Picciotto blieb 2, 3, bisweilen 8 Jahre in dieser Stellung, wobei er im Dienste eines Camorristen stand, der ihm die schwierigsten und gefährlichsten Arbeiten auftrug und ihn dafür von Zeit zu Zeit mit einigen Groschen belohnte. Hatte er irgend eine Grossthat verrichtet oder durch Eifer und Unterwürfigkeit die Gunst des Hauptmanns sich erworben, so berief dieser eine Versammlung, in welcher die Ansprüche des Kandidaten dargelegt und verhandelt wurden, und Hess ihn zum Camorristen erwählen. Nun musste der Erwählte nochmals vor dem Hauptmann und der Gemeinde losgehen und über zwei kreuzweis gelegten Dolchen den Eid leisten, dass er seinen Genossen treu, der Staatsgewalt feind bleiben, keine Verbindung mit der Polizei eingehen, keinen der Diebe denunziren, ihnen vielmehr in Liebe zu- gethan sein wolle, da sie allzeit ihr Leben aufs Spiel setzen. Den Schluss bildete ein Banquet. Jeder konnte um einen Grad aufsteigen, wenn er einen Obern auf Messer forderte, ihn tödtete oder schwer verwundete. Die Camorristen unterschieden sich selbst wieder in einfache Mitglieder und in Eigenthümer (die Veteranen und Senatoren der Genossenschaft) und wählten ihr Oberhaupt, das sie Masto, Maestro oder Si nannten, unter den muthigsten und vermögendsten aus. Der Meister durfte keine erhebliche Bestimmung ohne Einwilligung der Gemeinde treffen, die mit grösstem Ernst und Gewissenhaftigkeit die kleinsten Dinge wie die grössten, als Fragen über Leben und Tod, erörterte. Er hatte neben sich einen Rechnungsführer, contarulo, einen Schatzmeister, capo carusiello, und einen Sekretär, der unter den am wenigsten Unwissenden gewählt wurde. Er musste die Unterschleife bezeichnen, Streitigkeiten beilegen und trug 438 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. deshalb jederzeit drei Waffen, er musste bei der Versammlung die etwaigen Bestrafungen beantragen, die in gänzlicher oder theilweiser Entziehung von Beute, in Strafzeichnuug 1 oder in Todesstrafe bestanden; in Glücksfällen wurden die Angeklagten auch wohl begnadigt, und zwar geschah das durch Acclamation mittelst Erheben der Hände. Das wichtigste Amt des Häuptlings bestand aber in der jeden Sonntag stattfindenden Vertheilung der Oamorra, des Baratollo oder der Sala. So nennen sie nämlich das Einkommen aus den regelmässigen Erpressungen in Spielhäusern, Bordellen, von Kürbishändlern, Journalverkäufern, Bettlern, Droschken, Blut, Haut und Knochen von Thieren, Messelesen, vor allem aber von den Gefangenen, die sie zunächst ausbeuteten und die noch jetzt den beträchtlichsten Theil des Einkommens liefern. Gleich beim Eintritt in das Gefängniss musste der Betreffende das sogenannte Muttergottes öl zahlen, später den Zehnten seiner ganzen Habe; dann noch für Trinken, Essen, Spielen, Kaufen und Verkaufen, für Schlafen auf weniger hartem Lager. Die Aermsten wurden dadurch vollständig ruinirt: sie sahen sich genöthigt, die Hälfte ihrer Suppe, die Kleider auf ihrem Leibe zu verkaufen, wenn sie eine Pfeife rauchen oder ein Spielchen machen wollten. Hatten sie keine Lust zu spielen, so zwang man sie dazu, da das Spiel das einträglichste Geschäft des Camorristen war, der dadurch doppelten Gewinn zog. — n Wir verstehen es, Gold aus Läusen zu machen," sagte Einer. Und wirklich haben sie zur Bourbonenzeit es verstanden, wo sie die furchtsamen Leute zwangen, die Bildnisse des Königs zu kaufen; aber auch nach 1886, wo die Anhänger der Bourbonen und alle Diejenigen, die nach Verwaltungs- oder politischen Stellungen trachteten, ihren Beistand mit Geld erkauften. Ihr Gesetz war zwar, wie gesagt, kein geschriebenes, ward aber trotzdem mit der grössten Pünktlichkeit befolgt. Der 1 Zeichnung, fregio. — In Deutschland wurden die Angeber (Schlichener) früher von ihren Genossen zur Strafe geschnitten und gefetzt, d. h. man brachte ihnen Schnittwunden im Gesichte bei, — später nur verachtet (s. Thiele: Jüd. Gauner). Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 439 Camorrist durfte ohne Erlaubnis.*? des Häuptlings keinen der Genossenschaft tödten, wohl aber jeden Anderen, besonders wenn es der Rache galt, und hatte sogar eine Belobigung dafür zu erwarten. Er durfte einen Untergebenen 6 bis 18 Tage aus der Genossenschaft ausscbliessen. Zum Tode ver- urtheilt wurde Jeder, der die Gesellschaft verrieth, wer ohne Genehmigung der Obern stahl oder einen Beutetheil für sich behielt, falls er nicht den Werth desselben zahlte, oder wer dem Weibe des Hauptmanns Gewalt anthat; oder wer sich weigerte, einen ihm aufgetragenen Mord zu begehen; wer die Statuten der Gesellschaft umzustossen versuchte; endlich wer sich feig zeigte. In letzterem Falle durfte der Untergeordnetste aus der Gesellschaft ihn tödten, wenn es nur in Gegenwart zweier Zeugen geschah. Sonst aber geschah es auf Grund der Verurtheilung seitens der Gemeinde. — Misstraute man einem der Genossen, so schickte man ihm eine Schüssel Maccaroni; weigerte er sich, davon zu essen, selbstverständlich aus Furcht vor Vergiftung, so hielt man seine Schuld für ausgemacht und sprach sein Todesurtheil aus. Letzteres geschah in feierlicher Weise, und ein Lehrling wurde zu seiner Ausführung ausersehen. Bisweilen wählte man zwei Leute dazu, den einen, der den vorgeschriebenen Schlag auszuführen, den andern, der die Verantwortung dafür und nöthigenfalls die Strafe zu tragen hatte. Dieser durfte dann sicher auf Beförderung und auf den Namen eines Helden und Märtyrers der Ehre rechnen. Man glaubt es kaum, mit welcher Pünktlichkeit diese Wahrsprüche ausgeführt und — was noch staunenswerther ist — mit welcher Ergebung sie ertragen wurden. 1 1 Für das Gesagte sowohl, als auch für die Verbreitung der Camorra ausserhalb der Gefängnisse spricht folgender Vorfall vom Jahre 1876 unter den Gefangenen der Festung Ischia. Eines Tages kam Giuseppe de Liberto ganz ausser sich zum Gouverneur des Kastelles und machte folgende Aussage: „In der Abtheilung für die Deportirten besteht seit einiger Zeit die Camorra und ich bin zu meinem Unglück einer der Häupter. Zu unseren Satzungen gehört, dass jeder Gefangene uns täglich 10 Centimes zahlen muss. Ein gewisser Kaso wollte sich dazu nicht 440 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Einer meiner Freunde in Neapel hat mir noch folgenden Vorfall als Beweis für das Obige mitgetheilt. — Ein Camorrist hatte von seinem Obern den Befehl erhalten, seinen Busenfreund zu tödten. Untröstlich darüber, aber willens zu gehorchen, theilte er Letzterem die Sache mit. Der verlangte als letzte Gunstbezeugung nichts weiter, als dass man ihm die Wahl der Todesart lasse. Es war ein Cholerajahr. Er fürchtete sich vor dem Stahl und zog es vor, sich in ein Bett zu legen, worin ein Cholerakranker soeben gestorben war. Die Todtengräber kommen an, halten ihn für den Todten, thun ihn in einen Sack und werfen diesen auf einen Haufen von Leichen. Es gelingt ihm zu entkommen und er streift durch die Strassen Neapels, wo man ihm aus Furcht vor der Seuche ausweicht. Unglücklicherweise begegnet ihm sein Oberer, und wenige Tage nachher trifft ihn ebenso wie seinen mitleidigen Freund das Messer eines Picciotto. 1 Doch nicht bloss in Neapel und Apulien geschieht dergleichen, sondern in allen Gefängnissen von Süditalien. Garo- falo (s. Archiv, di Psichiatr. I. 373) veröffentlicht den Brief eines jungen Mädchens an ihren Geliebten, der auf der Insel St. Giglio gefangen sitzt. Das Mädchen bittet darin um verstehen. Darauf hat man ihn einstimmig zum Tode verurtheilt. Das Los zur Ausführung des Urtheils fiel auf mich, ich machte mich auch dazu verbindlich. Da ich mir indes überlegte, dass solche Strafe zur Geringfügigkeit des Objektes in keinem Verhältnisse stehe, so zögerte ich und entfernte mich aus dem Kastell. Ich bitte Sie daher, mich isoliren zu wollen, denn meine Kameraden würden mich nach diesem Verrath mitleidslos umbringen, der Geringste unter ihnen würde es thun. Der Gesellschaft gehören 28 Mitglieder an. Sie erkennen einander in allen Strafkolonien durch das Losungswort. Letzteres wird jeden Monat geändert und durch den Hauptanführer ausgetheilt." 1 Der Picciotto Tommasini hatte seinen Eevolver, übrigens ohne zu treffen, auf den Camorristen P. losgebrannt, der seine Geliebte misshandelte. Als Strafe dafür musste er dem Beleidigten den H . . . küssen. Ein gewisser Piladelfia hatte sich gegen denselben Camorristen bei dieser Gelegenheit missliebig geäussert. Es wurde ihm dieselbe Strafe zudiktirt, ausserdem sollte er dem Frauenzimmer, zu dessen Gunsten er gesprochen, den Hals mit einem Rasirmesser durchschneiden. — Das ist im Jahre 1881 geschehen! Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 441 Gnade für einen Gefangenen, der von der Camorra zum Tode verurtheilt ist, weil er seinen Beitrag nicht zahlen "will, und der Gefangene gewährt die Gnade von seinem Gefängniss aus mit olympischer Grossmuth. Zwischen Gesellschaftsmitgliedern wurde jeder Zeit durch Dazwischentreten eines Dritten geschlichtet, der an den Obern berichtete. Befriedigte sie indessen der Entscheid nicht, so durften sie zu den Waffen greifen. Demnach war der Camorrist der natürliche Richter seiner Landsleute, besonders wenn es Spiel- oder Streitsachen betraf. Er hielt die Ordnung in Bordells und Gefängnissen aufrecht, natürlich zu Gunsten Derer, die ihre Abgabe zahlten. Er war übrigens wie eine lebende Sparkasse; von den Abgaben der Gefangenen legte er nämlich einen Reservefonds beiseite, der die armen Teufel, die man erst ausgezogen hatte, vor dem Hungertode schützte, wodurch man zugleich den Zweck erreichte, sie in beständiger Abhängigkeit zu erhalten. — Der Camorrist vermittelte auch den Kleinhandel; gelegentlich gab er einen vortrefflichen Polizisten ab; nachdem er den Grosshändler geplündert, überwachte er in dessen Interesse den Kleinhändler und nöthigte ihn, Jenem den Ertrag seiner Verkäufe ebrlich zuzustellen. Die alten Oamorristen und ihre Witwen erhielten Pensionen; der Kranke und der Gefangene bezogen ihren Antheil an der Beute, wenn sie auch nicht zu den Berathungen der Gesellschaft hinzugezogen wurden. 5. Mafia. 1 — Die unter verschiedenen älteren Namen (bonachi, wegen ihrer Mützen so genannt, sparaglioni und spadaiuoli), zuletzt infolge eines Volksstückes von Bjzzotto, unter dem Namen Mafiosi bekannten Leute sind sicherlich eine Abart der ehemaligen Oamorristen. Diese Abart verdankt man vielleicht der Zähigkeit, mit der sie ihre Geheimnisse bewahren, einer Eigenschaft, die man der semitischen Rasse nachsagt; vielleicht auch der Verbreitung, die sie in den höheren Gesellschaftsklassen, insbesondere unter den Rechtsanwälten 1 Mafia heissen die Tuffsteinhöhlen um Trapani, in welchen die Missethäter sich verbargen. 442 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. gefunden hat, denn in Palermo giebt es Tausende von Advokaten und Ränkeschmieden. Aber sie entspringt hauptsächlich der feudalen Organisation, an deren Bräuchen und sogar Bezeichnungen sie sowohl in den Gefängnissen wie ausserhalb festhalten. A n vielen Orten haben sie selbst eine eigene Tracht, Ringe, Halsbinden, Haartracht, Hüte und zeichnen sich durch eine kurze, befehlshaberische Sprache aus. Zwar ist ihre Organisation etwas locker geworden, indes finden sie, wenn es noththut, Mittel, sich wieder zusammenzuschliessen. Ich erinnere nur an die Revolution von Palermo und an den Diebstahl im Leihhause. In Messina kannte man vor einigen Jahren noch die Hauptleute, die Bravi, daran, dass sie, elegant gekleidet, gelbe Handschuhe trugen; die accoltellatori (Messermänner) aus den niederen Volksschichten und drittens die Diebe, die eingezogen waren. Allerdings erhoben sie nicht mehr die Abgaben von den Kleinhändlern und Spielhäusern, weil jene infolge der Abnahme der Bevölkerung und der zunehmenden Verarmung wahrscheinlich nicht mehr so einträglich waren, dafür fanden sie jedoch reichlichen Ersatz im Verkauf ihrer Stimmen bei den Geschworenengerichten, im Beistand bei Ausführung privater Racheakte, im Schmuggel, in verbotenem Glücksspiel, in der Ausbeutung öffentlicher Arbeiten, in der fast ausschliesslichen Erwerbung geistlicher Güter, bisweilen auch im Diebstahl, Erpressung und Raub mit bewaffneter Hand. Sie befolgen getreulich die Vorschriften des unter dem Namen Omertä von Tommas o-C rüdeli und Vinc. Maggi- orani bezeichneten anonymen Kodex, aus welchem im Volksmunde mancherlei Aussprüche umlaufen. 1 Die Hauptartikel desselben sind folgende: Stillschweigen beim Anblick von Ver- 1 Z. B. Quando un uomo e morto, si deve pensare vivo, ähnlich unserem „Der Ueberlebende hat Recht". — Zeugniss ablegen ist gut, darf aber dem Freund nicht schaden. — Wer dir dein Brot nimmt, dem nimm das Leben. — Erst die Waffen, dann das Weib. — — Nach Pancaros Ermordung fand man einen Maueranschlag: „Wer schweigt, wird bezahlt, Wer spricht, umgebracht." Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 443 brechen Anderer; Bereitwilligkeit zu falschem Zeugniss, um die Spuren zu verwischen; Schutz den Reichen gegen Bezahlung ; Trotz der Staatsgewalt gegenüber, deshalb stets heimlich bewaffnet gehen; vor einem Dolchstich hinterrücks nicht zurückschrecken; Rache um jeden Preis für Beleidigung, auch am besten Freunde. Wer gegen diese Grundsätze fehlt, gilt für ehrlos, d. h. er wird bei der ersten besten Gelegenheit umgebracht, sogar im Gefängniss; hat man da keine Waffen, so wird er in der Latrine erstickt, oder man befiehlt ihm, wie ehemals in Rom, sich selbst umzubringen, und er gehorcht unweigerlich, weil er weiss, dass es keine Rettung giebt. Bevor sie Jemanden tödten, geben sie ihm ein Zeichen, malen ein Kreuz an seine Thür oder schiessen vor seinem Hause. Ich habe Mehrere gesehen, die dem Tode entgangen, aber bis zum Wahnsinn in Furcht gerathen waren und baten, man solle sie einsperren. Es giebt manche Leute, die in diesen Dingen ein Zeugniss für das Walten einer ewigen Gerechtigkeit sehen wollen. Aber nicht Gerechtigkeit ist es, was die Verbrecher treibt, sondern die Noth. Könnten sie sich ohne Gefahr einander verrathen, so würde die Anarchie unter so zügellosen Menschen sehr bald einreissen uDd der Verbindung ein Ende machen. Uebrigens ist es sehr natürlich, dass, wo viele Menschen längere Zeit beisammen leben, z. B. Mönche oder Soldaten (Studenten), sich eine Art von Comment herausbildet; gesetzliche Formen aber, die einer Gesellschaftsklasse entspriessen, in welcher das Böse oberstes Prinzip ist, gleichen einer Pseudomembran, die zwar von dem kranken Organismus lange ertragen wird, die jedoch weit leichter dem Zerfall ausgesetzt ist, als eine gesunde Membran. So kranken auch die Satzungen verbrecherischer Verbindungen an der Gefahr der Zersetzung, da sie keine andere Wahl als zwischen Anarchie und Despotismus haben, ein Zustand, der bei vielen wilden Volksstämmen herrscht. Coppa, Palmieri, Andreotto sind durch ihre Leute getödtet worden. Trotz der Furcht vor der Mafia zählte die Polizei von Palermo viele Mitglieder derselben zu den Ihrigen. 444 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Die schrecklichsten Drohungen hielten Doria im Jahre 1861 nicht ab, Forestiero anzugeben, auch Virzi verrieth die Namen seiner Gehülfen bei der Plünderung des Leihamtes. Die Camorristen schlugen sich, trotz der Vorschrift, ihre Streitigkeiten ihren Obern vorzutragen, zu Hunderten innerhalb der Gefängnisse. Lornbardo sagte zu verschiedenen Malen aus, es sei Brauch unter den Dieben, sich einander zu bestehlen, und unter den Mördern, sich umzubringen. Die Coltellarii von ßavenna tödteten viele ihrer Angehörigen, z. B. Soprani, die beiden Tassinari u. s. w., und zwar verrätherischerweise und unter den grössten Qualen. Die so häufig vorkommende Wortbrüchigkeit der Räuber veranlasste die Meinung, dass es keine eigentliche Gesellschaft von Verbrechern gebe; es ist indes doch der Fall, und ist die Treulosigkeit gerade eines ihrer hervorragendsten Kennzeichen. Man könnte einwerfen, dass die Mafia öfter ohne erkennbare Oberhäupter gewesen sei. Das schliesst jedoch den Begriff, den man von einer Gesellschaft sich macht, ebensowenig wie den von einem Volksstamme aus, der mitunter, wie in Australien es vorkommt, eines Oberhauptes entbehrt. Es ist das vielmehr ein Beweis für ihre weite Verzweigung in allen Volksschichten, für die endemische Verbreitung, wie die Mediciner sagen würden, so dass sie dieses Spornes zu ihrer Selbsterhaltung nicht bedürfen und nur unter besonderen Umständen dazu greifen. Bei vielen Räuberbanden. ebenso wie bei wilden Volksstämmen werden die Häuptlinge abgesetzt oder fehlen wohl auch, ohne dass die Verbindung darunter leidet. Wir haben ein merkwürdiges Beispiel an der unter dem Namen Poulain bekannten Bande, die keinen Anführer hatte, wenn man ihn, der als Kundschafter und Hehler diente, nicht dafür nehmen will. Zu Oartouches Zeiten galten Tausende von Dieben und Mördern, die auf eigene Faust arbeiteten und nur in seltenen Fällen ihm sich anschlössen, als zu seiner Bande gehörig. Wenn in einem Lande viele solcher kleinen, namen- und hauptlosen Banden vorkommen, so sehe ich darin ein schlimmeres Zeichen, als wenn sie einen Anführer haben, von Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 445 dem sie möglicherweise verführt und zusammengehalten werden und mit dessen Verschwinden die Sache zu Ende ist. Steht aber Niemand an der Spitze und sie erhalten sie dennoch, so spricht das für eine schwere sociale Krankheit in demjenigen Lande, wo solch eine Bande sich zusammenfindet. Man könnte vielleicht an dem eigentlich verbrecherischen Charakter dieser Gesellschaften zweifeln, wenn man erwägt, mit welcher Zähigkeit die Theilnehmer an ihren Satzungen hängen, wenn man dann von einem gewissen ritterlichen Wesen oder auch von der politischen und religiösen Färbung hört, mit denen Camorra und Mafia bisweilen angethan waren. Aber, wenn man auch zugesteht, dass sie bisweilen Blitze von Grossmuth, namentlich bezüglich der politischen Gefangenen zur Zeit der Bourbonen zeigten, dass sie die Schwachen unter ihren Schutz nahmen, — freilich gegen Bezahlung —, dass die Mörder von Ravenna, Mandrins Schmuggler und Majnos Räuber sich zu Beschützern der kleinen Kaufleute und zu politischen Rächern aufwarfen, — so war diese Grossmuth, dieses Parteinehmerr doch meistens nichts als der Firniss für verbrecherische Handlungen, der Vorwand zur Bekämpfung der Gesetze unter dem Schein des Kampfes gegen die Regierungen, vielleicht wohl auch gar nur, um sich selbst zu täuschen. Zum Beweise dient, dass die Oamorristen, die unter den Bourbonen die Revolutionären spielten, heutzutage sich für Anhänger der Bourbonen und für Autonomisten ausgeben. Die von der Mafia machten es im Jahre 1820 ebenso und treiben es gegenwärtig noch schlimmer; im Jahre 1866 Gari- baldiner, sind sie im Jahre 1886 Reaktionäre; in Wirklichkeit ist es ihnen nur darum zu thun, unter dem Schutz einer politischen Fahne Schlechtigkeiten ausführen zu können. üebrigens haben berühmte Räuber von jeher mit dem Heiligenschein ritterlicher Gesinnung sich zu umgeben gewusst, die zum Theil wohl ein Einfluss der Grossmuth, welche kräftigen Männern innewohnt, zum Theil aber auch eine Folge des Bedürfnisses ist, mit dem niedern Volke sich zu verhalten, bei dem man Hülfe und ein Versteck im Nothfalle sucht und findet- 446 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Im Grunde genommen sind Camorra und Mafia nichts als Spielarten des gewöhnlichen Räuberwesens. Das erkennt man deutlich daran, dass die Mitglieder dieselben Merkmale wie die übrigen Verbrecher an sich tragen. Sie schmücken sich gern mit Hingen, mit Uniformen, z. B. dem weissen, unten weiten Beinkleide, — gerade so wie die Diebe es gern thun. Sie haben ihre Sprache wie die gewöhnlichen Gauner. Der Ca- morrist sagt z. B. schlafend für todt, Katze für Patrouille, Rubin für Auge, Hemd für das Verhalten eines Kameraden (dem Kurialstil entlehnt), Wäsche für den Ertrag der Erpressungen, Tic-tac für Revolver, Widder für Messer, Kasten für Brust. Die drei letzten Ausdrücke finden sich in der Gaunersprache durch ganz Italien. Die Mitglieder der Verbindung bezeichnet man mit Si, auch nennen sie sich „Genossen", wie die französischen Diebe untereinander sich „Freunde" nennen. Camorra und Mafia haben, wie fast alle Verbrecherbanden , ihren flauptsitz in den Gefängnissen. Sie sind unversöhnlich gegen ihre Feinde. Man erzählt von Einem, dass er, da er sich zur Rache für eine leichte Beleidigung zu schwach fühlte, 15 Jahre lang seinen Hass versteckt, als sein Gegner aber zum Tode verurtheilt wurde, vom Hof von Neapel das Amt des Henkers erbeten und erhalten habe; von einem Andern, der an Phthisis litt, dass er vom Bett aufgesprungen, nach der Penne lief, wo ein Kamerad, der ihm Uebles nachgeredet hatte, wohnte, ihn tödtete, und kurz danach vor Erschöpfung starb. (Monnier, 1. c.) Auch das, was man von ihrem Widerwillen gegen Diebstahl und Angeberei sagt und womit sie in ihren Statuten prahlen, ist nichts als Finte. Lucianello z. B., der Camor- rist der Goldschmiede, stahl Geschmeide; Anglesino und del Giudice wurden 7 mal wegen Diebstahls bestraft; Garo- falo 5 mal, Gallucci borgte Goldsachen, verkaufte sie und bedrohte mit dem Tode Diejenigen, die sie wieder verlangten, Advokaten wie Polizeimeister. Man darf also nicht sagen, dass die Camorra bloss Erpressungen beging. Und wem ist es unbekannt, dass Liborio seinerzeit in unglaublicher, vielleicht Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 447 auch unvermeidlicher Verblendung die Camorristen bei der Polizei in Neapel anstellte, — da doch einer ihrer Hauptartikel war, jede Beziehung zur Polizei zu meiden? Endlich ist es Thatsache, dass, wenigstens früher, unter den Ohargirten der Oamorra ein Chirurg sich befand, der den Lehrlingen die Finger luxiren musste, um ihre Geschicklichkeit im Stehlen zu erhöhen. 6. Das Gesetz der Verbrecher. ■— Die Sucht unseres Zeitgeistes, Gesetze zu geben, ist bis in die Schichten der Verbrecherverbäude eingedrungen; so nur weiss' ich mir die Erscheinung eines wirklich geschriebenen Gesetzbuches zu erklären, welches Gilles, Abadie und Claude für ihre Pariser Bando crliesson. Die Artikel, mit den Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Verfasser, G. A. C. überschrieben, setzen fest, dass die Mitgliederzahl auf nur 14 sich beschränken solle; dass man bei Ausführung der Arbeit besondere Kleider anziehen, aber solche, die Verdacht erregen könnten, vermeiden solle, das Schuhwerk dürfe nicht knarren; auf weichem Boden müsse man rückwärts gehen; wo man wohne, müsse man einen falschen Namen angeben, aber weder diesen noch den richtigen auf Karten, Briefen oder Büchern zurücklassen. Eine ernstliche Liebschaft ist verboten; mit dem Tode wird bestraft, wer Geliebten die Geheimnisse der Gesellschaft mittheilt. Nur im äussersten Falle darf man von "Waffen, und zwar nur von bestimmten, Gebrauch machen, z. B. wenn man erkannt wird, oder wenn der Angegriffene flieht oder schreit. Der Tod ist in den meisten Fällen die Strafe für die Uebertretung dieser Artikel. In Spanien ist man in den neuesten Zeiten auf die sehr verbreitete Bande der Schwarzen Hand gestossen. Sie besteht theils aus Socialdemokraten, theils aus Vagabunden, Verbrechern und Feiglingen, die zu Verschworenen werden aus Furcht vor Jenen. — Diese Gesellschaft hatte gleichfalls ein Gesetzbuch, welches die Vertheidigung der Armen und Unterdrückten gegen ihre Ausbeuter und Henker für den Zweck der Gesellschaft erklärte. „Die Erde ist zum Wohle der Menschen geschaffen, Jedermann hat das Recht auf Besitz; die gegenwärtige sociale Ord- 448 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. nung ist ungerecht, die Arbeiter sind es, die schaffen, und sie werden von den Reichen geknechtet. Darum sind alle politischen Parteien gleich hassenswerth und gleich verächtlich. Jedes Besitzthum, das nicht durch eigene Arbeit erworben wird, besteht zu Unrecht. — Die Gesellschaft erklärt die Reichen für vogelfrei; alle Mittel, sie zu bekämpfen, sind erlaubt, Feuer und Schwert, sogar die Verleumdung." Die organischen Statuten der Schwarzen Hand drücken sich sehr kurz und bestimmt aus. Auf Tod lautet jeder ihrer Artikel. Wer fahrlässig oder absichtlich die Vorfälle, von denen er Kenntniss hat, Anderen mittheilt, geht entweder seiner Rechte als Gesellschafter auf unbestimmte Zeit verlustig, oder wird, wenn es sich um Bedeutenderes handelt, zum Tode verurtheilt. Jeder Auftrag erfordert unbedingten Gehorsam. Weigert sich der Beauftragte, so wird er als Verräther behandelt. Jedes Mitglied ist verpflichtet, seine Beziehungen zur Gesellschaft, sogar seine Theilnahme an derselben geheim zu halten. Jedes Mitglied hat ein Noviziat durchzumachen. Die erste Prüfung besteht in der Kundgebung sicherer Beweise aufrichtiger Anhänglichkeit. Danach wird man einer bestimmten Sektion zugetheilt. Die Mitglieder umgeben sich mit den grössten Sicherheitsmaassregeln, um dadei nicht überrascht zu werden. Man vernimmt den Aufzunehmenden, dann stimmt man ab. Für die Aufnahme ist Stimmenmehrheit erforderlich. Jedes Mitglied muss seiner Sektion seine Ansichten über die zweckmässigste Art einer Brandstiftung, eines Mordes oder einer sonstigen Schädigung eines Bourgeois darlegen. Sein Beitrag beträgt 5 Cents wöchentlich. Braucht man grössere Summen, so wendet man sich an den Verband. Wer nicht fortwährend an den Verhandlungen theil- nimmt, wird ausgestossen, aber unter Aufsicht gestellt, und sein Leben ist bei der geringsten Enthüllung gefährdet. Kein Freundschafts-, kein Familienband würde den Verräther vom Tode retten. Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen. 449 Weder das Leben des Bruders, noch selbst des Vaters darf geschont werden, wenn es eine grössere Anzahl der Gesellschafter in Gefahr bringt. Kann das Todesurtheil au dem Verräther durch die Gruppe einer bestimmten Lokalität nicht vollzogen werden, so treten die Mitglieder einer anderen Gruppe dafür ein. Die Mitglieder des Tribunals wechseln behufs Geheimhaltung ihrer Handlungen öfters den Namen, haben eine Chiffreschrift u. dgl. rn. Alle Bücher — von den Rechnungsbüchern an bis zu dem Verzeichniss der Mitglieder — werden in bester Ordnung geführt, die Eintheilung nach Gegenden, auch die nach Gewerben wird streng innegehalten. Andalusien und die angrenzenden Provinzen Estromadura, Leon, Murcia haben 130 Verbände mit 42 000 Mitgliedern. Oft bewirkt die öffentliche Meinung durch Uebertreibung, dass Gesellschaften, von denen nur der Keim vorhanden ist, wirklich ins Leben treten. Als Beispiel dafür kann die Gesellschaft der Teppa in Mailand gelten, die im Grunde in nichts als einem Haufen von jugendlichen Bummlern bestand, die der Bewegungsdrang und der Geschlechtstrieb, der für den Jüngling so oft zum Verderben führt, einander genähert hatte. Umgekehrt arten bisweilen ganz unschuldige und menschenfreundliche Vereine in verbrecherische Verbindungen aus, wenn sie auf einen gefährlichen Boden gepflanzt werden, wie es mit der Geseilschaft Mano Erat er na (Bruderhand) in Sicilien der Eall war, die man im Jahre 1883 entdeckt hat. Anfangs ein einfacher Verein zur gegenseitigen Unterstützung, nahm sie plötzlich einen anderen Charakter an. Gewisse Pflichten gaben Gelegenheit zu gewissen Vergehen. Alle Theilnehmer mussten für die Ehre des Ganzen einstehen, die Frauen beschützen, Beleidigungen gegen die Genossen wie die gegen die eigene Person rächen, jenen zu helfen suchen, wenn man sie anklagte; schliesslich kam es zu Morden, die man besprach und ausführte, als gälte es der Jagd und dem Leben eines Hasen. Lombbosö, Der Verbrecher. I. 29 450 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein und angeborenes Verbrechen. 1. Zweifel. — Ehe wir zur Betrachtung des verbrecherischen Irren schreiten, müssen wir uns mit dem Begriff des moralischen Irrsinnes abfinden, den wir bisher unter der Form des angeborenen Verbrechens kennen lernten. Ich glaube sicherlich, dass der Leser im ersten Augenblick vor der Verschmelzung dieser beiden Zustände zurückschrecken wird. Denn erstlich ist man seit undenklicher Zeit gewohnt, den Schuldigen mit um so grösserer Verantwortlichkeit zu belasten, je schwerer seine Schuld ist; das ßedürfniss der Rache und des Schutzes steigert sich mit der Furcht und giebt den Maassstab ab, mit dem man das Vergehen des Schuldigen misst. Zweitens hat man bis jetzt noch kein Mittel zur Steuerung des Uebels gefunden, als das Gefängniss und die Todesstrafe. Kurz, Bachegefübl, Furcht und die Gewohnheit, der schlimmste aller Tyrannen, haben bisher unser Urtheil beherrscht und eine abweichende Meinung nicht gestattet. Ich selbst habe lange geschwankt und konnte sogar noch bei Abfassung der dritten Ausgabe dieses Werkes nicbt ganz von der vorgefassten Meinung mich losmachen. 1 1 A. Holländer: Zur Lehre von der „Moral Insanity". 1882. — Salemi Pace: Un caso di folia morale. Palermo 1881. — Tamburini e Seppilli: Sopra un caso di imbecillita morale. Reggio 1883. — G. B. Vfrga: Caso tipico di follia morale. Mailand 1881. — Virgilio: Delle malattie mentali. 1882. — Leorand du Saulle: Les signes physiques des folies raisonnantes. Paris 1878. — Mendel: Der moralische Wahnsinn (Deutsche Ztschr. für prakt. Med. 1876. No. 52). — Reimer: Moralisches Irrsein in: Deutsche Wochenschrift. 1878. 18. 19. — H. Emminghaus: Allgemeine Psychopathologie. Leipzig 1868. — Savage: Moral Insanity. (Journal of medical sciences. 1881.) — Todi: I pazzi ragionanti. Novara 1879. — Priohard: Treatise on insanity. — Id. On the different forms of insanity. 1842. — Morel : Traue des degener escenses. 1857. — Briere de Boismont : Les fous criminell de V Angleterre. 1879. — Solbrig : Verbrechen und Wahnsinn. 1867. — v. Krapft-Bbing .- Die Lehre vom moralischen Wahnsinn. 1871. — Stoltz, Allg. Zeitschrift f. Psychiatrie. 33, Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 451 Die Beobachtung, dass der Zustand des Verbrechers fast bis zu seiner Geburt sich verfolgen lässt, dass seine Ent- wickelung mit der der Civilisation in den grossen Centren fortschreitet, dann sein anscheinend vortrefflicher Gesundheitszustand, Habitus, Physiognomie und Leidenschaften, die mehr denen des Wilden als des Irren gleichen, besonders was Trägheit, Lust an Ausschweifung und Rachsucht betrifft, — kurz, alles das, im Verein mit dem Gedanken, dass das Zusammenwerfen des Verbrechens und Irrsinns eine grosse Gefahr für die socialen Zustände birgt, — hatte mich überzeugt, dass ich früher mehr die Unterschiede als die Aehnlichkeit zwischen diesen beiden pathologischen Geisteszuständen beleuchtet hatte. Daher kam es, dass ich nicht vollkommen von der Identität der letzteren überzeugt war. Weitere Untersuchungen dagegen an neuen Fällen, in denen Verbrechen und Irrsinn vollständig und so durcheinander gemischt waren (Faella, Zerbini, Verzeni, Gui- teau, Sbrocco), dass eine Trennung des moralischen Irrsinnes von dem Verbrechen unmöglich war, ferner die von Krafpt- Ebing, Holländer, Mendel und Magnan neuerdings aufgefundenen Kennzeichen für das moralische Irrsein, meine eigenen Entdeckungen von Analgesie, anomalen Reflexen und Linkshändigkeit bei dem Verbrecher von Geburt, die ihn von dem Gelegenheitsverbrecher unterscheiden, — haben meine frühere Anschauung vollständig umgewandelt und mich eines Bessern belehrt. 2. Statistik. — Einer der Umstände, welcher die Identität von Moral insanity und Verbrechen auf indirektem Wege bestätigt und zugleich die bis jetzt herrschenden Zweifel der Irrenärzte erklärt, ist die grosse Seltenheit des moralischen Irrseins in den Irrenanstalten und ihr häufiges Vorkommen in den Gefängnissen. S. 732. — Livi, Bivista di frenia.tr. 1876, fasc. 5 und 6. — Gauster Wien. med. Klinik. III. Jahrg. n. IV. — Palmerini, Bonfigli: Bivista di fren. 1877, fasc. 3 und 4 etc, — Bonvecchiato : 11 senso morale e la follia morale. Venedig 1883. — Dagonet: Folie morale. 1878. 29* 452 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Dagonet hat unter 3000 Irren nur 10 bis 12 Fälle, Adriant in Perugia, Palmerini in Siena keinen einzigen Fall beobachtet, Baggi unter 924 nur 2 und Salemi-Pace unter 1152 Irren nur 6 Fälle gefunden. Verga nimmt unter einer Zahl von 26 856 Irren 0,56 °/o an, wovon 0,65 % auf Männer, 0,45 % auf Frauen fallen. Das Verhältniss steigt jedoch, wenn man die reichen, in Privatanstalten .untergebrachten Leute berücksichtigt (585 Individuen), auf 3,9 °/o. Das kommt daher, wie Verga richtig bemerkt, dass eine Menge reicher Leute, die unter anderen umständen in die Gefängnisse wandern würden, zufolge des Urtheils einsichtsvoller Richter und der Geschicklichkeit der Anwälte einer Maison de sainte anvertraut werden, wozu manche Familie um der Ehre ihres Namens willen bisweilen schon nach dem ersten Ausbruch eines Skandales schreitet. Unter 960 Irren, die in einem Zeitraum von 10 Jahren in unseren Gefängnissen sich befanden, hat man 5,2 % dieser Art berechnet, was indes weit hinter der Wahrheit zurückbleibt. Moral insanity tritt ebenso wie das Verbrechen seltener bei den Frauen auf, aber als Aequivalent dafür die Prostitution, gleichsam als eine Art von Sicherheitsventil. Da die Moral insanity so selten in den Irrenanstalten vorkommt, so entstand unter den Aerzten, die nicht Gelegenheit fanden, die Krankheit in den Gefängnissen kennen zu lernen, eine Unsicherheit bezüglich der Existenz dieser Form von Geisteskrankheit. Noch grösser war die Verlegenheit für die Gerichtsärzte, von denen man positive und leicht erkennbare Thatsachen verlangt. "Widersprüche konnten nicht ausbleiben, da bei der Seltenheit der Fälle die Einen ihr Augenmerk auf diese, die Anderen auf jenes Symptom einseitig lenkten. Fasst man aber die Gesamtheit der bisher beobachteten Fälle ins Auge, so erhält man ein Bild, dessen hervorragende Seiten ganz denen gleichen, die wir bei dem geborenen Verbrecher geschildert haben. 3. Gewicht. — Unter 37 Individuen mit moralischem Irrsinn waren 22, deren Körpergewicht oder Stärke den nor- Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 453 malen entweder gleich waren oder sie übertrafen. Dasselbe war der Fall bei den Verbrechern. 4. Schädel. — Bezüglich der Schädelmaasse fehlt es uns an einem sicheren Urtheil, um die beiden Zustände vergleichen zu können, da wir über eine zu geringe Zahl solcher Schädel verfügen. Bei 14 Fällen von moralischem Irrsinn hat VlRGlLio eine mittlere Kapacität von 1538 com für Männer mit einem Maximum von 1693 und einem Minimum von 1518 gefunden; bei Weibern betrug die mittlere Kapacität 1459 ccm. Campagne will dagegen in 12 unter 13 Fällen einen kleinen und am Hinterhaupt abgeplatteten Schädel gefunden haben, was kaum glaublich erscheint. Aber auch Krafft-Ebing und Legrand du Saulle führen in einer Menge von Fällen Mikrokephalie an. Hierher gehört die Bemerkung, dass die erwachsenen Mikrokephalen weniger Einbusse an Verstand, als an Verkehrtheit des sittlichen Gefühls zeigen. Morel, Legrand du Saulle und auch Krafft-Ebing weisen auf das häufige Vorkommen von Makrokephalie, Knochenleisten und sehr langer oder übermässig runder Schädel hin. Die beiden Gesichtshälften seien verschieden gestaltet, die Lippen dick, der Mund gross, die Zähne fehlerhaft und frühzeitigem Verderben ausgesetzt, das Gaumendach sei flach, asymmetrisch oder schmal, das Zäpfchen verlängert und zwei- zipflich, die Ohren unverhältnissmässig gross. Dieselben Anomalien finden sich auch bei unseren Verbrechern. 5. Physiognomie. -— Die Gesichtsbildung bei Sbrocco, Boss., X., Oantarano, Verzeni zeigt stets alle Merkmale des Verbrechertypus: stark entwickelte Kinnlade, Ungleichheit der Gesichtshälften, der Ohren, Bartmangel bei den Männern, männliches Aussehen bei den Frauen, spitzen Gesichtswinkel, 71—76—78 °/o. — F. hat, nach Verga, schlechte Zahnstellung, bei Gil. stehen die Wangen und Kiefer in keinem gehörigen Verhältniss zu einander; die Augen schräg. Unter 6 Männern mit moralischem Irresein zeigen 4 den richtigen Verbrechertypus. 454 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Virgilios 15 Fälle zeigten in 7: Missbildung der Ohren, in 4 an den Zähnen, in 5 an der Nase; nur 9 waren fehlerlos, mithin 61 %. Vergleicht man diese letztere Zahl mit der der Idioten = 55 %, so ist der Abstand wenig beträchtlich. Wenn dennoch die Anomalien am Schädel und im Gesicht bei den moralisch Irsinnigen seltener sind, als bei den Verbrechern, so lässt sich das daraus erklären, dass bei einem grossen Theil der Ersteren, besonders von denen, die in Krankenanstalten sich befinden, durch die spätere Entwickelung ihres Zustandes, etwa infolge eines Typhus, die Gesichtsbildung nicht so bald verkümmern konnte, wie das bei dem Verbrecher der Fall ist, der von Geburt an den Ausdruck einer Entartung trägt und eine längere Uebung im Schlechten hat. Ebenso wie Geistliche, Soldaten u. s. w. einen gewisser- maassen uniformen Gesichtsausdruck annehmen, bekommen Individuen, die längere Zeit in Gesellschaft von Verbrechern zubringen, namentlich Kinder und Gefangene, den eigenthümlichen Ausdruck in Blick, Haltung und Bewegungen, der die verschiedenen Berufsgenossen auszeichnet. Man denke nur an den Einfluss, den die beständige Angst auf Leute ausüben muss, die ausserhalb des Gesetzes stehen, die fortwährend überwacht werden und sich fürchten müssen, auf der That ergriffen zu werden. Der Astronom Tacchini erklärte mir auf Grund dieser Erfahrung, dass Räuber in den Gegenden, wo das Räuberwesen von der Bevölkerung nicht als etwas Unehrenhaftes betrachtet wird, eine von der letzteren nicht abweichende Physiognomie haben. 6. Analgesie. — Die Aehnlichkeit zwischen den beiden Zuständen tritt noch deutlicher hervor, wenn man sich die von Legband, Kraeet-Ebing, Bonvecchiato bezeichneten Funktionsstörungen vorhält, als: Strabismus, Nystagmus, Gesichtszuckungen, leichte Ataxie, Klumpfuss, vorübergehende oder periodische Hyperästhesie, Erregbarkeit des Geschlechtstriebes oder Mangel desselben, Einfluss der Alkoholica. — Alles das findet man auch bei den Verbrechern. Dass Analgesie und Anesthäsie nur bei den letzteren vorkomme, wie man bisher geglaubt hat, ist nicht der Fall. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 455 Im Arcliivio di Psich. III. habe ich den Fall mitgetheilt, dass ein an moralischem Irresein leidender Herr, trotzdem, dass er an akuter Blennorhagie litt, Spazierritte, eine Alpenreise machte und unter Lachen sich amputiren Hess. Renaudin berichtet über den Fall eines jungen Mannes, der plötzlich Verkehrtheiten beging, ohne eben irrsinnig zu erscheinen, und dabei an vollständiger Analgesie litt; während einer zeitweiligen Besserung verschwand auch die Analgesie, erschien aber wieder mit dem Rückfall in den perversen Geisteszustand, wo der Betreffende ein Verbrechen beging. Bonvecchiatos Kranke, Cat., war stets fühllos auf der linken Seite; Agnoletti war öfter ganz unempfindlich für Kälte. Auch Sbrocco, den Mörder seines Vaters und Bruders, fanden Tamburini und Sbppilli analgisch. Nadelstiche ins Fleisch, in die Zunge, die Stirn erregten ihm keine Spur von Schmerz. ■—■ L. war an der Handfläche, Verzeni am Handrücken unempfindlich gegen elektrische Ströme. Schmerzlosigkeit wird also ebenso häufig bei moralischem Irresein wie beim Verbrechen beobachtet. In manchen Fällen von hypnotischer Hysterie hat man während des Zustandes von Anästhesie und Analgesie vorübergehend unsittliche Neigungen sich äussern gesehen. 7. Tastgefühl. — Unter 17 von Amadet, Berti und Tonnini untersuchten Individuen fanden sich 9, die auf der linken Körperhälfte nicht richtig empfanden. Die Tbatsache erfordert indes noch weitere Untersuchungen. 8. Tätto wirung. — Die von de Paoli und Severi untersuchten Individuen, bei denen Tättowirungen vorkamen, waren grösstentheils an moralischem Irresein oder an Epilepsie Leidende. Das einzige Individuum dieser Art, das ich in der Turiner Anstalt fand, war bedeckt von Zeichnungen. 9. Gref ässr eaktion. — Die einzigen Untersuchungen mit dem Hydrosphygmographen, die an einem moralisch Irrsinnigen (Sbrocco) angestellt wurden, ergaben sehr schwache Reaktion. Uebrigens hat Kraeft-Ebing Unregelmässigkeiten in der Reaktion konstatirt; letztere war bald übermässig, bald 456 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. gar nicht vorhanden, wenn Licht oder Alkoholica ihren Ein- fluss übten. 10. Beweglichkeit. — Bei 3 von mir untersuchten Individuen mit moralischem Irresein zeigte sich eine ungewöhnliche, bei einem derselben eine fast affenartige Beweglichkeit, wie sie bei den Verbrechern vorkommt. Ich erinnere in dieser Beziehung nur an die fast wunderbaren Entweichungen von Sheppard 1 und Haggard. 11. Geschlechtstrieb. — Die frühzeitige Entwickelung, der perverse Geschlechtstrieb und die Impotenz nach übermässigem Genuss sind in beiderlei Zuständen nichts Ungewöhnliches, — wie wir, Krafft-Ebing für das moralische Irresein und ich für das Verbrechen, es gezeigt haben, Ersterer mit der bezeichnenden Bemerkung, dass die perverse Fleischeslust oft mit schauerlicher Blutgier vergesellschaftet sei. — Ich brauche nur die Fälle von Verzeni, Sbrocco (der schon mit 16 Jahren inficirt war), v. Zastrow, Bertrand, Menesclou, Lemaitre, Prunier anzuführen und auf die frühzeitige Geschlechtslust bei Dieben, auf die unersättlichen Gelüste der Mörder, auf die perversen Triebe der Cinäden und auf die Geschlechtsanomalien bei Kindern zu verweisen. 12. Gemüthsleben. — Was diesen Punkt betrifft, ist die Aehnlichkeit zwischen moralischem Irresein und Verbrechen unbestreitbar. Um sie zu beweisen, bin ich nur in Verlegenheit, welche der von den heftigsten Gegnern meiner Schule ausgehenden Beschreibungen ich wählen soll, damit man mich nicht der Parteilichkeit zeihe. Krafft-Ebing und Schule sagen von den mit Moral insanity Behafteten, sie seien moralische Idioten, denen das Gemüth fehlt, die allenfalls, wenn sie eine gute Erziehung erhalten haben, an der Theorie festhalten, sie aber in praxi nicht verwerthen können, — Seelenblinde, deren psychische Netzhaut unempfindlich ist. 'John Sheppard, der bewunderte Held der Damenwelt, an dessen Hinrichtungstage der Londoner Mob die Wechslerbude stürmte, die S. bestohlen hatte. Ave-Lallemand, I. c. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 457 Dabei wissen sie ganz gut, was ihnen nützen oder schaden kann, haben aber nicht das mindeste Gefühl für das Wohl oder Wehe Anderer, — für alles, was man für gut oder schön hält. — Gerathen sie mit dem Gesetz in Konflikt, so macht ihre gewöhnliche Gleichmüthigkeit dem Hasse, glühender Rachsucht und grausiger Wildheit Platz, denn sie sind davon überzeugt, dass ihnen alles erlaubt sei. Sie haben zwar unter gewissen Umständen soviel Einsicht, ihre Schuld anzuerkennen, das ist aber nur eine ganz abstrakte, sozusagen mechanische Kenntniss. — „Sie sprechen oft von Ordnung, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Religion, Ehre, V aterlandsliebe, es sind ■ das sogar Worte, die sie mit Vorliebe im Munde führen," sagt Vigna, „in der That aber geht ihnen das Gefühl für diese Dinge ab, ■— und diese Lücke ist es gerade, die Aufschluss über ihre bizarren und häufig widerspruchsvollen Urtheile in einer und derselben Sache giebt; darum ist es auch vergebliche Mühe, sie von der Absurdität ihrer Meinungen, von der Immoralität ihrer Handlungen und von der Unbilligkeit ihrer Ansprüche überzeugen zu wollen. Daraus entspringt der unaufhörliche Kampf mit der Familie und Gesellschaft. Diese Individuen lassen sich zwar unterrichten, aber nicht innerlich erziehen, dazu bedarf es des Gemüthes, — das sie nicht haben." Das sagt Vigna (der Direktor der Irrenanstalt S. demente für Frauen), der ein Spiritualist ist; ähnlich Battanoli, Priester und Irrenarzt in S. Servolo-Venedig. Das Irresein steckt bei den moralisch Irren im Blut, man könnte sagen vom ersten Moment der Zeugung an. Höheres Gefühl kennen sie nicht, das Böse erkennen sie wohl, aber nur, um es auszuüben. Stets im Krieg mit der Gesellschaft, deren Opfer sie zu sein glauben, stehen sie bei politischen Umwälzungen in den ersten Reihen und sind höchst gefährlich durch ihr leicht entzündbares Wesen. Von zwei seiner Kranken sagt er ferner: „Ihr Gedächtniss ist vorzüglich, ihr Verstand fein; ihre Kenntnisse bedeutend und vielseitig. Beide sind sie aber selbstsüchtig und ohne alles echte Gefühl. Wo wir uns vom Gemüth leiten lassen, 458 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. da handeln sie instinktmässig, denken nur an die Gegenwart, nie an die Zukunft. Haben sie ein Unrecht begangen, so fühlen sie nichts dabei, sind gleichgültig, als ob sie nicht selbst dabei betheiligt seien; ihr Schlaf ist ruhig. Bei Unglücksfällen in ihrer Familie oder Freundschaft äussern sie kein Mitgefühl. Sie sprechen zwar über Tugend und Laster in Phrasen, deren Sinn sie wohl erkennen, aber nicht mitempfinden; sogar ihre tugendhaften Handlungen, wenn sie einmal dergleichen ausüben, sind nur der Ausfluss von Eitelkeit." Bbancaleone giebt folgendes Bild von dem moralisch Irrsinnigen: „Charakter schwankend, excentrich, paradox, jeder sittlichen Regung abhold, unentschlossen in seinen Vorsätzen, höchst reizbar, für Familienfreuden und Freundschaft unempfänglich, zu Skandal und Aufruhr instinktiv geneigt, glaubt nicht an Tugend, vertheidigt die unsittlichsten Dinge mit Aufwand von Belesenheit und Logik wider alle Menschenwürde und Ordnung. Wird er aber zur Anerkennung des Guten und Bösen mit ihren Folgen genöthigt, so erscheinen ihm Heuchelei und Lüge als die natürlichsten Mittel zur Förderung seiner Interessen." Denselben Eindruck erhält man durch die von mir geschilderten Charakterzüge des Gewohnheitsverbrechers. Lacenaire sagte: „Ich weiss, dass ich schlecht handele; würde mir Jemand sagen, dass ich recht daran thue, so würde ich ihm erwidern, er sei ein Schuft; trotzdem kann ich nicht anders." Der Tod eines Menschen war für Lacenaire nicht mehr als der einer Katze. 13. Böswilligkeit. — In beiderlei Zuständen spielen der grundlose Hass, die Eifersucht und das Rachegefühl ihre Rolle; die geringste Veranlassung rufen sie hervor. „Diese Kranken," sagt Motet, „peinigt die Sucht, Schaden anzustiften. Unempfindlich für die Genüsse des Familienlebens, entziehen sie sich demselben aus den albernsten Gründen, bringen des Nachts lieber unter einer Brücke als im väterlichen Hause zu und begehen die raffinirtesten Grausamkeiten. Man weiss von einem zehnjährigen, schwarzäugigen Knaben, einem nicht zu bändigenden frechen Schüler, dass er einen Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 459 anderen aus keinem weiteren Grunde ins Wasser stiess, als um sich an dem Ertrinken desselben zu weiden. Er war der Sohn eines Diebes. Im Gefängniss zerriss er seine Bettdecken; keine Strafe hielt ihn davon zurück." „Kathar. B.," schreibt Bonvecchiato, „findet ein Vergnügen daran, Andere zu verleumden, insbesondere, wenn sie einigen Grund zur Klage hat; es genügt indes schon, dass man ihr nahe tritt, um ihren Hass zu erwecken. Jeder, den man gern hat, ist ihr verhasst, als wenn ihr damit ein unrecht geschehe. Erweist man ihm eine Freundlichkeit, so ist man sicher, von ihr verabscheut zu werden. Einmal bat sie inständigst, man solle ihr erlauben, zwei Hunde zu schlagen; auf die Frage warum? meinte sie, weil sie sich ärgere, dass alle Welt die Hunde streichele." Ein gewisser B. R. sah, wie ich einem Armen ein Almosen reichte, und rief mir grinsend zu, er würde was drum geben, wenn er es ihm wegnehmen dürfte. Als ich ihn fragte, ob er seine Mutter lieb habe, antwortete er: „Meinetwegen könnte sie sterben, wenn ich nur ohne sie leben könnte." Oallisto Grandi begrub ein Kind bei lebendigem Leibe, weil es ihm seine Farben genommen und seinen Mantel beschmutzt hatte (Morselli). Sbrocco empfand ohne allen Grund lebhaften Hass gegen Bruder und Mutter. Dr. Hughes' Kranke war so aufgebracht gegen ihre Schwester, dass sie ihres Vaters Bild zerriss, weil sie dasselbe in ihrem Zimmer fand. Gegen einen Oheim, der sie aufnahm, fasste sie einen solchen Widerwillen, dass sie eine Reihe von Jahren hindurch mit ihm an einem Tische nicht sitzen wollte. Rif quälte als 7jähriger Bursche die Vögel, zerriss seine Kleider und bohrte die Gasröhren an bei den geringsten Vorwürfen der Eltern, „weil er sich rächen wolle". Z. gestand Legkand du Saulle, dass ihn ein unüberwindlicher Hass gegen seinen Vater beseele, der ihn der Freiheit beraube. Er versuchte, seine Mutter zu tödten, weil er nur ernsthafte Menschen liebe und weil ein Mann im stände sein müsse, seine Angehörigen umzubringen. „Gern sähe ich sie 460 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. ihr Gehirn verspritzen, denn dann hätte ich nichts mehr von ihnen zu fürchten." Nicht anders ist es mit dem wenig begründeten oder ganz grundlosen Rachegefühl der Verbrecher, wie wir oben gesehen haben. 14. Altruismus, Selbstlosigkeit, d. h. das krankhafte Wohlwollen, ist eine andere Art falscher Gefühlsrichtung, die im geraden Gegensatz zu dem Egoismus, d. h. der krankhaften Selbstsucht steht. Nächstenliebe oder Opferwilligkeit, die edelsten Gefühle und alles, was sonst für höchste Tugend gilt, kann, wenn übertrieben, zu einem Zerrbild werden und zu Vergehen gegen sich oder Andere führen. Wenn ein armes Mädchen, wie Holländer anführt, sioh den Tod geben will, um eine Freundin nicht zu überleben, wenn Räuber, die ihre Familie misshandeln, Reisende plündern, um ihren Freunden Wohlthaten zu erweisen, wenn ein Geistlicher Frau und Kinder bis zur Erschöpfung darben lässt und seine Habe im Interesse der Heidenmission verschwendet, so sind dies Beispiele verkehrter Gefühle und Handlungen. In diese Kategorie gehört eine Menge von Heiligen und Philantropen, wie die Geschichte aller Zeiten, auch der neuesten, lehrt. Verkehrt kann auch die bis zu verrückter Schwärmerei getriebene Fürsorge für die Angehörigen genannt werden, wie sie Legrand in folgendem Beispiele schildert. Eine Mutter wollte ihren Sohn vor Ansteckung von Syphilis wie vor anderen Uebeln hüten und gab sich ihm in vorsichtiger Weise, um seine Gesundheit zu schonen, in eigener Person hin. Sie versuchte zu abortiren, um ihn länger an sich zu fesseln. Die ihr gemachten Vorhalte wies sie mit den Worten ab, dass sie göttlicher Eingebung gehorche, die nicht täuschen könne. — Aehnliche Gründe führte Salemi Paces Katharine an, die ihre Töchter zur Prostitution anleitete, um sie die Freuden der Liebe gemessen zu lassen. Einer meiner Klienten liess seine Kinder nicht schlafen, unter dem Vorwande, dass sie lernen müssten, was den Erfolg hatte, das eines von ihnen starb. Die Reue dauerte nicht lange, so dass er sein grausames Erziehungssystem von neuem begann. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 461 15. Eitelkeit. — Die asketische Lebensweise, die Un- empfindlichkeit, die man für eine Grottesgabe hält 1 und daraus ein Gesetz macht, gehört auch hierher, desgleichen die übertriebene Eitelkeit, die sich in der Spendung von Almosen zu Grunde richtet, um vor der Welt mit dem Vermögen, das man besitzt oder auch nicht besitzt, zu prahlen. Der Grössen- wahn, die höchste Spitze der Eitelkeit, findet sich also bei dem moralisch Irren ebensowohl wie bei dem Verbrecher. Agnoletti wiederholte beständig, Gott sei es, der ihm das Leben schenke, um seine Verleumder zu beschämen. Gott habe einen ihm feindlich gesinnten Richter sterben lassen, Gott oder wenigstens die Gottesmutter habe ihm bei dem Verhör die Beredt- samkeit verliehen. Es war ihm nicht zum Nachtheil, dass man ihn der Feigheit zieh, das entschuldigte sogar seinen misslungenen Selbstmordversuch, und dennoch vertheidigte er sich am meisten dagegen. Die Behauptung dessen, was er sein Verdienst nannte, brachte ihm vielmehr Schaden, dennach bestand er darauf in fast stereotypen Redensarten, wie: Niemand könne sagen, dass er überführt sei. Er hat seine Vergangenheit; alles ihn Angehende ist famos, der Kontrakt, seine Uhr u. s. w. u. s. w. Mir selbst theilte er eines Tages in vollem Ernste mit, ein Mailänder Künstler habe seine Büste meisseln wollen; als wenn er ein bedeutender Mann gewesen wäre; er fragte mich 1 Die Sucht dieser Menschen, ihre eigenen Impulse, eben darum, weil sie unwiderstehlich sind, göttlichem Einfluss zuzuschreiben, ist sehr merkwürdig und jedenfalls nicht ohne Bedeutung für die Geschichte der Religionen gewesen. Man höre Guiteau: „Ohne den Druck von oben, von Gott, auf meine freie Selbstbestimmung hätte ich Garfield nicht angegriffen. Gott hat mich dazu getrieben, wie er den Abraham trieb. Es ist unmöglich, dass ich irre bin, denn Gott wählt seine Werkzeuge nicht unter Irren." Und Sbrocco: „Ich bin überzeugt davon, dass Gott den Tod meines Bruders gewollt hat." In dem Kapitel über die Verbrecher haben wir diese Sache schon besprochen, z. B. bei Gelegenheit des Vatermörders, der die Mutter Gottes als seine Mitschuldige angiebt. 462 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. auch, als er die Revue des deux Mondes in meinen Händen sah, ob sein Name darin erwähnt sei, und nachdem er mir vielen Unsinn über Italien und die Regierung vorgeschwatzt hatte, meinte er, er wolle sofort nach seiner Freilassung (au der er nicht zweifelte) Garibaldis Ideen, die einzigen, die für Italien passten, zur Geltung bringen. Diese krankhafte Eitelkeit ist es denn auch, die ihn zur Abfassung seiner detaillirten und sehr eleganten Lebensbeschreibung veranlasste. "Wiederum eine Aehnlichkeit mit der Vorliebe der Verbrecher für ihre Lebensbeschreibungen. Sandou (s. Legrand du Saulle) nannte sich hochtrabend den Stern der Limousiner Anwaltskammer. Die junge M. (Holländer) prahlt in ihrer Pension von ihrem (nicht vorhandenen) Reichthum; sie lässt sich falsche Liebeserklärungen zufertigen und geräth in Streit mit der Institutsvorsteherin, weil man sie nicht zuoberst sitzen lasse. Ich kannte einen Mann, der nicht nur seine Briefe, sondern sogar Geschäftspapiere mit einem falschen Adelstitel unterzeichnete. Seine Geliebten, behauptete er, seien aus dem vornehmsten Stande; von ihnen erhalte er Briefe, die er mit verstellter Hand schrieb und sich durch die Post zustellen Hess, um sie seinen Freunden zeigen zu können. Holländer behauptet, kein moralisch Irrsinniger verstecke sich, wenn er ein Verbrechen begehe, in der Ueberzeugung, dass er nur seinem Rechte nach handele. Der Grund davon sei eine Art von Grössenwahn, in welchem man sich über die übrige Welt erhaben dünke und weder mit Vorsicht handeln zu müssen, noch Hindernisse zu finden glaube. Auch Kraeft - Ebing spricht von ihrer Ueberhebung; Maudsley kannte Einen, der beständig von seinen grossen Thaten und Reformprojekten sprach. Dasselbe, was wir bei unseren grossen Verbrechern fanden, bei Faella, Gasparone, la Gala. „Das Geschlecht der Crocco darf nicht aussterben," sagte der Räuber Crocco. Selbstverständlich machen die Demüthigungen der Verur- theilung und des Gefängnisses einen Eindruck auf die Elenden, Dreizehntes Kapitel. Moralisches' Irresein. 463 indem sie ihren Hochmuth nicht merken lassen, wie es der moralisch Irre unter dem Einfluss der Anstaltsdisciplin auch thut, ein aufmerksamer Beobachter erkennt indes doch ihre wahre Stimmung heraus. 16. Die Intelligenz ist bei ihnen sicherlich nicht in solchem Grade gestört, wie das Gefühl und Gemüth. Dennoch kann man sie nicht für vollkommen intakt halten, da doch alle Seelen Verrichtungen miteinander im Zusammenhang stehen. Wenn auch viele Autoren, namentlich Prichard, Pinbl Ni- COLSSON, Maudsley, Tamassia dahin übereinstimmen, dass die Intelligenz bei der Moral insanity vollkommen erhalten, dass weder Hallucinationen noch Illusionen und auch sonst in keiner Weise ein Defekt vorhanden sei, so nehmen doch viele Andere, darunter Mac-Feeland, Grat, eine Abschwächung an, viele Andere sogar sprechen von sehr erheblichen Störungen. Morel findet ein eigenthümliches geistiges Verhalten, das sich in der Leichtigkeit der schriftlichen und mündlichen Ausdrucksweise, in der Pflege der schönen Wissenschaften äussert, oft jedoch von einer Neigung zu Paradoxen beherrscht wird. Campaqne macht auf Seltsamkeiten und Mangel an gesundem Urtheil aufmerksam. Krafet-Ebing findet zwar keine eigentliche Anomalie der Intelligenz, giebt aber doch zu, dass derartige Leute oft einfältig und abgeschmackt sind, dass sie nicht mit Vorsicht bei Verübung ihrer Verbrechen zu Werke gehen, Dummheiten machen und Lügen sagen, die sie schliesslich selbst glauben, und bona fide fremdes Eigenthum sich aneignen. Sie besitzen vielseitige Kenntnisse, sagt Battanoly von seinen Beiden; schreiben und sprechen mit Anmuth, mit vielem Feuer und — sind doch nur gut abgerichtete Papageien. Diese Widersprüche, von denen auch bei den Verbrechern die Rede war, rühren daher, dass wie Letztere, auch die mora- lich Irrsinnigen nicht nach einem Muster gebildet sind. — Wie die Thierspecies, je nachdem sie sich vermehren, zahlreichere und bestimmtere Varietäten bilden und danach Unterarten entstehen, so ist es auch mit jenen in Bezug auf die Intelligenz; das hindert aber nicht, dass sie ihren Gattungs- 464 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. charakter beibehalten, — den Leichtsinn und die List. Eine Verschiedenheit bildet sich auch dadurch heraus, dass sie in der Kindheit lebhaften Geistes sind und mit fortschreitendem Wachsthum verdummen; oder, dass sie (nach Krafft-Ebing) an Hirnkongestionen leiden und daher erklärlicherweise zu verschiedenen Zeiten sehr mannigfaltige Verkehrtheiten herauslassen. Daher lässt sich aus den Beschreibungen der Autoren eine Stufenfolge von höchstbegabten bis zu den schwachsinnigen unter den moralisch Irrsinnigen aufstellen. Die Ersteren sind allerdings selten, die Letzteren — wie bei den Verbrechern die Diebe — häufiger; zu ihnen gehörten Sbrocco und Grandi, der trotzdem verurtheilt wurde. Battanoli führt uns Einen vor, der ein echter Dichter war, Livi in seinem toscanischen Polizisten einen richtigen epikuräischen Philosophen. Ich selbst kannte Einen, der ein hochgeachteter Gelehrter war, gleichwohl aber von Jugend auf häufig an Amnesie litt, dabei sehr unreinlich war und schliesslich in Verfolgungswahn verfiel. Andererseits sehen wir in Sbrocco, der zwar leidlich gut schrieb und ein guter Uhrmacher war, doch einen Menschen von so geringer Intelligenz, dass man ihn fast einen Idioten nennen könnte. Alle, auch Diejenigen, deren Intelligenz intakt erscheint, kommen übrigens infolge ihrer übertriebenen Eitelkeit zu Fehlschlüssen und widersprechen sich in unsinniger Weise. Man höre nur die Ansichten Agnolettis, des Verwandtenmörders: „Ein falscher Name ist nicht mehr falsch, wenn man ihn schon früher einmal angenommen hat." — „Ein Ehrenwort ist, einem Unwürdigen gegenüber, nicht verbindlich." — „Jede Unterschrift verliert ihre Bedeutung, wenn sie nicht mehr mit der derzeitigen Auffassung in Anklang steht." — „Die obscönen Bücher sind weniger unmoralisch, als die "Werke der französischen Philosophen." — „Ein Kapital von 20000 Mark kann binnen kurzem 100000 JVIark eintragen." — „Die Verhaftung eines Menschen, der eine Herausforderung nicht an- nommen hat, ist gerechtfertigt." — „Der ist nicht schuldig, der keine Gewissensbisse hat." — „Wer seinen Sohn tödtet, Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 465 begeht kein Verbrechen, sobald er gleichzeitig sich tödtet." — „Mittel aufsuchen, um seine Frau zu täuschen, ist ganz gut." Sandou verlangt, dass die Minister ihn als Parteichef behandeln, trotzdem ist er mit einer Zelle in einer Privatanstalt zufrieden. Er nennt den Minister Billaud seinen Mörder und vertraut ihm seinen letzten Willen an bezüglich seines Begräbnisses u. s. w. Die Perino stiehlt mit höchster Geschicklichkeit Brillanten und trägt sie am nächsten Sonntag vor den Augen der Be- stohlenen in der Kirche. Moralisches Irresein mit Verbrechen ist eine besondere Species von Geistesstörung. Daher die vielen, oft schnurstracks sich widersprechenden Meinungen über sie, die man bei den Klassikern findet. Es giebt Individuen, bei denen die verschiedenen Formen oder wenigstens Symptome von Geistesstörungen auf die Hauptform, d. i. das moralische Irresein, gepfropft sind, gerade so wie Schmarotzer auf anderen Pflanzen derselben Species vegetiren. Solch ein Kranker war Gib., der nach einem Typhus in Moral insanity verfiel. Zu dem ausgesprochensten Diebessinn und zu der Verleumdungssucht gegen seine Eltern traten hypochondrische Vorstellungen; er wähnte einen Ausfluss zu haben, wogegen nur die Kastration helfen könne. — Zwei Andere, Bi. und Jeg., bildeten sich ein, an Herzkrankheit zu leiden, und quälten ihre Aerzte damit. Mehrere Andere waren epileptisch oder hysterisch oder litten vorübergehend an Tobsuchtsanfällen und Grössenwahn. Schule [Geisteskrankheiten. 1881) sagt von ihnen: Söhne oder Enkel von Irren bieten oft Anomalien am Schädel, an den Zähnen, am Gaumen, an der Zunge dar. Zu Neurosen, Somnambulismus, Konvulsionen, Geistesstörung, besonders periodischer, und Hypochondrie, haben sie Neigung. — Der Eintritt der Pubertät, eine schwere Krankheit u. s. w. ruft jene Zustände hervor. Salbmi-Paces Kranke beging vor Verübung des Verbrechens eine Menge von Thorheiten; sie rannte ohne Veranlassung durch die Strassen, verlangte, dass ihr Mann, der krank lag, ihr das Essen bringe, und zwang, als das nicht geschah, Lombkoso, Der Verbrecher. I. 30 466 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. einen ihrer Diener, anf offener Strasse vor ihr niederzuknien. Vorher schon hatte sie die Idee, von der ohen die Rede war, ihre Töchter zur Prostitution zu veranlassen, wogegen die Armen voll Abscheu sich wehrten. Und das geschah nicht etwa aus Gewinnlust, sondern aus übergrosser Zärtlichkeit. Sbrocco vermeinte, von Gott selbst zu Mord und Diebstahl gedrängt worden zu sein. Man sah ihn wüthend auf Bäume losschlagen, die Oel- und Weinfässer entpfropfen, so dass der Inhalt auslief, ein Hemd seiner Mutter zerreissen, ein Krucifix zerschlagen. Im Gefängniss stiess er beständig, mündlich und schriftlich, Schmähungen gegen seine Richter und gegen Gott aus. Alles dieses widerspricht durchaus nicht der Diagnose von Moral insanity, als der Hauptkrankheit. Als chroniscbes, oft angeborenes Leiden, zu dem sich Hirnkongestionen gesellen, giebt sie zu jenen Komplikationen Veranlassung. Wenn ein Pilz auf dem anderen sich entwickelt, so bleibt dieser doch immer die Grundlage, und a potiori fit denominatio. Dagonet spricht sogar von akutem Delirium und Hallu- cination bei Moral insanity. So ist es auch mit dem Verbrechen. Erscheint die Intelligenz oft normal, so kommt doch gerade bei den typischen Fällen Geistesstörung im Verhältniss von 2,5 bis 5 % vor. Falsche Auffassungen, z. B. der Wahn, dass die Gefängnissbeamten vorschriftsmässig die Gefangenen quälen müssen, sind unter den Letzteren häufig. Das Verhalten der Verbrecher im Gefängniss sowohl als auch ausserhalb gleicht oft und zwar in allen Stücken dem der Geisteskranken. Nicolsson sagt darüber, dass es Verbrecher gebe, die trotz aller Strafen sich nicht bezwingen können und in wahrhafte Wuthausbrüche verfallen (besonders die Frauen), öfter periodisch und ohne Veranlassung, wobei sie alles zerstören, Fenster und Kleider. Von Verfolgungswahn beherrscht, sind sie eigentlich zu den Geistesgestörten zu zählen. (Journ. of Mental Science. 1871.) Meter erzählt (in Souvenirs d'un deporte. 1880) von einem Vorfall in Neukaledonien, wo die Deportirten wie Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 467 ihre Aufseher, die auf keiner höheren Stufe der Moral stehen, plötzlich von einer Art endemischen Verfolgungswahnes ergriffen worden seien, in welchem die Einen in Jedem einen Feind, die Anderen einen Flüchtling sahen. Denken wir an die Zerbini, den Typus einer Verbrecherin, die das Zimmer ihres Herrn absichtlich verunreinigte, die Klingelschnur zerschnitt, Geistererscheinungen simulirte und für alles das ihre Herrin beschuldigte. Die Prostituirten, die nicht gerade geisteskrank sind, haben, wie Maxime du Camp meint, in ihrem Betragen doch etwas dem Aehnliches. Sie brechen beim Anblick einer Fliege im Chor in ein schallendes Gelächter aus, starren ins Feuer, als sähen sie es zum ersten Male, gerathen in einen unaufhaltsamen Redefluss und glauben von dem Sitteninspektor oder von einer der Ihrigen verfolgt zu werden. In den Magdalenen- asylen hat man die Beobachtung gemacht, dass sie besonders im Frühjahr in eine Agitation gerathen, die nur durch Geistesstörung sich erklären lasse (Parent-Dtjchatelet). 17. Schlauheit. — Der Umstand, dass die moralisch Irrsinnigen ebenso wie die Verbrecher schlau und verschlagen sind, hat zu dem Glauben veranlasst, dass ihr Verstand normal sei. — Das ist indes nicht der Fall, da auch, wie aus obigen und anderen Beispielen hervorgeht, die entschieden Schwachsinnigen unter ihnen um eine Ausflucht für ihre Verkehrtheiten niemals in Verlegenheit sind. 18. Faulheit. — Eine weitere Aehnlichkeit mit den Verbrechern zeigt sich in der unüberwindlichen Trägheit der moralisch Irrsinnigen, die sie jede Arbeit scheuen lässt, die aber von der Behändigkeit seltsam absticht, mit der sie sich bei Gelagen und ungesetzlichen Unternehmungen hervorthun. — X. bleibt wochenlang im Bett liegen und besucht gleichwohl zehn Tage hintereinander Bälle ausserhalb des Hauses. Die Katharine schützt Krankheit vor, um nicht arbeiten zu müssen, u. dgl. m. Kbafft-Ebing sagt über diesen Punkt: Es fehlt diesen Leuten an Thatkraft, sie scheuen die Arbeit und rühren sich nur, wenn es gilt, ihren ausschweifenden Neigungen zu fröhnen. Betteln und Landstreichen ist ihr Beruf. — Lace- 30* 468 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. naire behauptete, sein Fleisch sei zu schlafi, er wolle lieber sterben als arbeiten. Hog muss mit Schlägen gezwungen werden, sich zu waschen. 19. Thätigkeitsdrang. — Die Ruhelosigkeit der moralisch Irrsinnigen wechselt, nach Schule, oft mit dem höchsten Grade von Unthätigkeit, in welchem Punkte die Uebereinstimmung mit dem Verhalten der Verbrecher zu fehlen scheint. Indes äussert sie sich nur in den ersten Jahren der Pubertät, ist überdies intermittirend und bei vielen Individuen gar nicht vorhanden. Ferner äussert sich diese Thätigkeit nur im Uebelthun. In ihrer Familie, sagt Krafft-Ebing, ist ihre mürrische Verstocktheit der Schrecken der Eltern, in der Schule erfinden sie die boshaftesten Streiche, um nur fortgeschickt zu werden. Sie werden in kürzester Frist zu Dieben, Lügnern, widerspenstig gegen jede Disciplin, weigern sich im Gefängniss gegen jede Art von Beschäftigung. Und im Böses- thun sind die schlechtesten gewandt. 20. Angebliche Verschiedenheiten. — Alle die von den Irrenärzten mit möglichster Sichtung aufgestellten Merkmale zur Unterscheidung des moralisch Irrsinnigen von dem Gewohnheitsverbrecher dienen nur dazu, die zwischen den beiden bestehende Aehnlichkeit zu bestätigen. Wenn Krafft-Ebing die allmähliche Verschlimmerung bei der Moral insanity betont, so dürfen wir wohl die „Stufenleiter des Verbrechens" entgegenhalten. Bei ihren impulsiven Handlungen, sagt Pinbl, zeigen sie eine horrende Unbedachtsamkeit und Grausamkeit, einen empörenden Cynismus. Sie rühmen sich ihrer Unthaten ohne die geringste Reue, zeigen sich für jede Besserung unzugänglich. Pinel selbst schildert gleichwohl die Verbrecher in ganz ähnlicher Weise. Krafft-Ebing sucht den Unterschied in den angeborenen oder erworbenen Hirnzufällen, in hereditärem Alkoholismus, Epilepsie, Geistesstörung, Schädelwunden, Meningitis, seniler Atrophie oder Demenz, Störungen im Nervensystem oder in der Entwickelung, wie Strabismus, Klumpfuss, Vorbildung der Geschlechtstheile. Sie (die moralisch Irrsinnigen) sind zu Hirnkrankheiten, zu Kongestionen beanlagt; sie können Alkoholide Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 469 nicht vertragen, sind ungewöhnlich launisch und leidenschaftlich, endlich epileptoid. Alle diese Zustände haben wir bei dem Gewohnheitsverbrecher nachgewiesen. 21. Vorbedacht. — Man spricht häufig von dem Vorbedacht und der Verstellungsgabe, mit welcher die Verbrecher ihre Handlungen verbergen, im Gegensatz zu der Handlungsweise der moralisch Irren, die ohne Umstände und öffentlich ihre schlimmen Thaten ausführen, zu denen sie ein Recht zu haben glauben. Dagegen führe ich an: die Prahlereien, mit welchen die Anderen das Verbrechen einleiten, und die Eröffnungen, die sie dem ersten Besten machen. — Uebrigens haben wir im voraufgebenden auch von der tiefen Verstellungskunst mehrerer moralisch Irrsinnigen gesprochen, einer Gabe, welche den ecbten Geisteskranken auch nicht abgeht. Man wolle nicht übersehen, dass der moralisch Irrsinnige öfter, gerade so wie der Verbrecher, sein Alibi vorbereitet, sein Verbrechen hin und her überlegt und es ausführt, nicht etwa im Moment des Impulses, sondern als Racheakt oder in gewinnsüchtiger Absicht und zuweilen mit Hülfe Anderer. Jeder Irrenarzt weiss, dass alle Unfälle in den Irrenanstalten von Irren verübt werden, die ihre Genossen verführen, ihre Wärter täuschen und verklagen und immer zu Verschwörungen bereit sind. Der nachstehende Fall dürfte die schon angeführten ergänzen. Aubanbl erzählt von einem Irren, der die Familie seiner Frau hasste. Er batte erfahren, dass diese Familie einen Ausflug in die Umgegend von Paris machen wolle; er machte sich also unkenntlich, miethete einen Fiacre und fuhr damit bei der Familie vor, in der Voraussetzung, sie werde ihn benutzen wollen. Das geschah; man erkannte ihn nicht, und als man am Seineufer ankam, fuhr er gerade auf den Fluss los. Jetzt erst erkannte man den Betrug, und der Irre wurde nach Bicötre zurückgeführt. 22. Associationstrieb. — Hierher gehört ein anderer Fall, der vor ungefähr zehn Jahren in Marseille sich ereignete. Zwei Irre hatten sich verständigt, die Wärter zu tödten, sich 470 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. der Schlüssel zu bemächtigen und davonzugehen. Das ist doch Beweis genug, dass nicht allein die moralisch Irrsinnigen, sondern auch die gewöhnlichen Irren sich verständigen und Komplote schmieden, nicht anders als die Gefangenen, und dass wie bei diesen Rachegelüste in ihrem Hirn sich einnisten können. Keiner der erwähnten Autoren hat meines Wissens einen Charakterzug angeführt, den ich oft bei derartigen Irren wie bei den meisten Verbrechern zu beobachten Gelegenheit hatte, nämlich den Drang, in Gesellschaft Derer zu weilen, denen sie alles mögliche Ueble anthun und die sie mit tiefstem Hasse verfolgen, namentlich dann, wenn es sich um Leute ihres Standes handelt. Ich erinnere mich eines gewissen Ros., der ohne alle Veranlassung seine Nichte erdrosselt und nachher im Spital, wo ich angestellt war, aus Rachegelüst einen seiner Gefährten getödtet hatte. Der nun konnte es nicht ertragen, allein zu sein. Kaum war er in eine Einzelzelle gebracht, so brach er in Drohungen aus und versuchte, sich zu erhängen, und wahrscheinlich hätte er sich auch umgebracht, hätte ich ihn nicht in den gemeinsamen Aufenthalt zurückführen lassen, wo er die Gesellschaft, die er doch nicht entbehren konnte, unablässig quälte. — Ich kannte auch noch einen anderen, einen gewissen Gi., der nach Eintritt der Pubertätsjahre in Moral insanity verfiel und dasselbe Bedürfniss nach Gesellschaft, d. h. von Verbrechern, fühlte. Er wollte nach dem Ge- fängniss zurück, wo er die ihm zusagende Gesellschaft finde, und Hess von seiner ganz logischen Forderung nicht ab, die dahin ging, wenn er gestohlen habe, so gehöre er in das Ge- fängniss. Auch dieser Drang bezeugt also die Identität der beiden Formen, denn die wahren Irren haben bekanntlich einen entschiedenen "Widerwillen gegen die Verbrecher; auch ziehen sie im allgemeinen die Einsamkeit der Gesellschaft vor. 23. Instinktive Ruhmredigkeit der Verbrecher.— Autobiographen. Wir haben in zahlreichen Beispielen die eigenthümliche Neigung der Verbrecher, ihrer Thaten sich zu Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 471 rühmen und dieselben in Schriften zu verewigen, nachgewiesen. Dasselbe ist von guten Beobachtern in Fällen geschehen, wo die Diagnose von Moral insanity zweifellos richtig war. Es ist wohl zu beachten, dass auch der moralisch Irrsinnige bisweilen auf diese Weise einen Nachweis für das von ihm begangene Verbrechen und dessen Ursachen hinterlässt. Sbrocco z. B. schrieb nachstehende Sätze, nachdem er die Ermordung seines Vaters und Bruders möglichst zu verbergen gesucht hatte: „Was wird aus meiner Mutter und wie wird sie sterben? Wenn es geht, so vergifte ich sie mit Arsenik, aber wann und wie?" „In welchem Jahr wird sie sterben und an welcher Krankheit? Kann man das nicht vorher wissen? Ich kann sie ja doch tödten, aber wie? und wenn das nicht möglich ist?" „Wie lange werde ich leben (kann ich das nicht wissen?) Ist es besser für mich, mit . . . mich zu verbinden und in der Familie zu leben, oder mich bei der Armee anwerben zu lassen?" „Was wird aus mir werden? — Was ist aus Heinrich geworden? Und was wird aus seinem Mörder? — Bin ich an seinem Tode schuld?" Diese Auslassungen, auf Grund deren man ihn für schuldig befand, sind deutlich genug, um den Drang des Verbrechers zu zeigen, der ihn veranlasst, seine That zu verrathen. Als man Sbrocco über diesen Punkt befragte, antwortete er: „Ich konnte nicht anders, ich musste es aufschreiben." Mit Recht machen Tambtjrini und Seppelli auf die Aehnlichkeit des Verfahrens des bei Maudsley erwähnten Mörders aufmerksam, der nach Ermordung eines kleinen Mädchens sich die Hände wusch und in sein Tagebuch die Worte eintrug: „Ein kleines Mädchen getödtet. Das Wetter war gut und warm." Ebenso erklärt sich der Vers, welchen Menes- clou (der Kinder nothzüchtigte und danach tödtete), schrieb und damit sich vernein, während er im Verhör hartnäckig leugnete: '8* Je Tai vue, je Tai prise; Je m'en veux maintenant, Mais la fureur vous grise: Et le bonheur n'a qu'un instant. Dans ma fureur aveugle, Je ne voyais pas ce que je faisais. 472 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Der Idiot Grandi (Morselli, 1. c.) verfasste bei seinem Eintritt in das Gefängniss eine einfältige Komödie und versah, sie mit noch einfältigeren Illustrationen, um über seine Mord- thaten zu frohlocken. Auch Battanolis moralisch Irrer brachte sein „Miss- ge schick" in Verse. Die vielen Reimschmiede und Autibiographen unter den moralisch Irrsinnigen erinnern unwillkürlich an die zahlreichen Poeten unter den Dieben, von denen wir oben sprachen, und an den Ausspruch eines Schwindlers, den Arboux (Les prisons de Paris. 1881) erwähnt: Je vous ecris en vers — n'en soyez pas choque. En prose je ne sais exprimer mes pensees. Daraus schliesse ich nämlich, dass es nicht blosse Eitelkeit, sondern ein krankhafter Instinkt ist, der diese Leute zu ihren litterarischen Ergüssen zwingt, dass sie Verse machen, wie es die wilden Völkerstämme thun (s. Lombroso : Genio e follia), weil ihre Leidenschaften hin und her schwanken. Es ist das wiederum ein Beweis dafür, dass das Genie Erzeugniss der Degenerescenz sein kann, wie es denn auch häufig die Ursache der letzteren ist. 24. Simulation von Geistesstörung. — Bekanntlich simuliren Verbrecher nicht selten unl spielen, wie man im Deutschen sagt, den wilden Mann; aber auch bei der Moral insanity haben aufmerksame Beobachter diese Art von Simulation gefunden, z. B. Laehr in einem Falle von Nothzucbt [Ällg. Zeitschr. f. Psych. 1855, B. 41, S. 466), Dr. Paolt in einem ähnlichen Falle. 26. Symptome von Geistesstörung. — Man wird mir einwerfen, dass unter den Symptomen vieler Geistesstörungen ähnliches wie bei der Moral insanity sich findet; damit ist aber nicht gesagt, dass letztere nicht existirt. Syphilitische Zufälle, Fälle von Bleikolik, Hysterie mit Konvulsionen und Delirien vergesellscbaftet, beweisen doch nicht etwa, dass Paralyse, Epilepsie und Geistesstörung nicbt vorhanden sind. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 473 Meningitis mit Symptomen von Hydrophobie ist leider auch kein Hinderniss für die Existenz echter Hydrophobie. Darin liegt der Grund, dass man solange an der Existenz von Moral insanity gezweifelt hat. 26. Pathologisch-Histologisches. — In den drei Fällen von Moral insanity, wo die Autopsie gemacht worden ist, nämlich bei S an d o u, dann in Lasegues und Bonvecchiatos Fall fand man Meningitis, apoplektische und Erweichungsherde und Atherome. — An histologischen Arbeiten fehlt es bis jetzt. Seitdem man jedoch die Analogie dieses Leidens mit den übrigen Neuropathien erkannt hat, ist man berechtigt, auf die werthvollen Untersuchungen Rud. Arndts ( Virehows Archiv. Bd. 61, 67, 72) sich' zu verlassen, wo es heisst, dass viele Ganglienzellen bei den Neuropathischen ähnlich wie bei den Reptilien, dem Salamander, sich verhalten, d. h. in einem niederen Entwickelungszustande sich befinden. Bei vielen ist der Axencylinder nicht scharf abgesetzt, woraus die erhöhte Reizbarkeit sich erklärt; bisweilen fehlt er sogar gänzlich und an seine Stelle tritt ein Haufe von Protoplasmazellen. Oft ist die Markscheide abnorm, ohne doppelte Kontur. Daher Cirkulationsstörung, Stase in den Molekularzellen, Reaktion und Erregung in den anderen Centralstellen. Die Gefässe scheinen von wenigen Lymphzellen umgeben, danach die Lymphcirkulation gehemmt zu sein, und die Hirnzellen stehen unter starkem Druck. Diese Untersuchungen werfen nicht nur Licht auf die anatomische Seite der Entwickelungshemmungen, sondern erklären auch die Erscheinungen der perversen Empfindungs- und Willensthätigkeit, auf die wir bei Gelegenheit der Gefäss- reaktion aufmerksam gemacht haben. Und so kommt es in der That bei Unterbrechung der Nervenleitung zu Apathie und Analgesie; bei plötzlichem Anwachsen der Leistungsfähigkeit zu impulsiven Ausbrüchen. 27. Aetiologie. — Noch besseren Aufschluss giebt der Verlauf und die Aetiologie der Krankheit. Der Gewohnheitsverbrecher sowohl als auch der wirklich moralisch Irrsinnige befindet sich immer von Kindheit oder 474 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. von seinen Jünglingsjahren an in dem ihm eigenen krankhaften Zustande. — Livi [Monomanie in relazione dl foro crimin. 1876) sagt: „Die moralisch Irrsinnigen sind von Natur zum Bösen geneigt." — Savage, Mendel und Krafft-Ebing beschreiben eine primäre Form von Moral insanity, welche oft zwischen dem fünften und elften Lebensjahre auftritt und sich durch einen Hang zu Diebereien äussert, ferner durch einen excentrischen Charakter, Abneigung gegen das Familienleben, Verdrossenheit, Unbotmässigkeit, Grausamkeit gegen Thiere und Schulkameraden, Lügen, List und Frechheit beim Ver decken der Uebelthaten, frühzeitigen Geschlechtstrieb, Ma sturbation in frühester Jugend und dabei oft geniale Gedanken Ich entsinne mich zweier Kinder, die vom vierten Lebens jähre an ihre Eltern in Verzweiflung brachten. Sie logen stahlen und konnten weder ihre Mutter noch ihre Brüder leiden Trotzdem zeigten sie später vorzügliche Begabung, der Eine für den Handel, der Andere für Arithmetik. Todi erzählt von einer Frau, die als Kind den Pferden und Hunden des Hauses in die Augen zu stechen versuchte, eine unnatürliche Gattin und Mutter war und schliesslich für moralisch irrsinnig erklärt wurde. Ebenso war es mit einer anderen, die als Kind allen Vögeln, die sie erhaschen konnte, die Zunge ausriss. Bei den Verbrechern haben wir dasselbe frühzeitige Auftreten böser, angeborener Neigungen beobachtet. Diese letzteren geben uns den besten Aufschluss über das Zusammengehen der beiden Zustände, denn im Grunde genommen beruhen sie beide auf dem Entwickelungswege einer Krankheit. Bisweilen tritt eine Verschlimmerung mit der Pubertät auf. Nach Todi und Legrand scheinen manche Kinder für Künste und Wissenschaften begabt zu sein und lernen fleissig, und mit dem Eintritt der Pubertät werden sie schüchtern und ergeben sich dem Laster mit derselben Energie, die sie vorher bei der Arbeit gezeigt hatten. Um der Demüthigung zu entgehen, streben sie als Ersatz für das verlorene Lob nach Pfründen, uud in der Ungeduld, ihren Zweck zu erreichen, scheuen sie die ehrlosesten Mittel nicht. Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 475 Bei Anderen trägt die Pubertät allein, ohne dass weitere Gründe hinzutreten, die Schuld an den unmoralischen Handlungen. — Wir erinnern nur an Lemaitre, Verzeni und Sbrocco, bei denen nichts als der Eintritt der Pubertät für die Ursache ihrer plötzlich und mit voller Gewalt auftretenden verbrecherischen Triebe ermittelt werden konnte. Andererseits giebt das Erlöschen der Geschlechtsthätigkeit mit Eintritt ins Greisenalter oft plötzlich zum Erwachen solcher Neigungen Anlass. Da war z. B. der Fall bei Garrayo Sacamantecas, der, früher sehr ehrbar, im Alter von 40(?) Jahren 9 Frauen notzüchtigte und tödtete. Desgleichen kommt die Erblichkeit des Wahnsinns hierbei in Frage, allerdings bei den Verbrechern in minderem Maasse als bei den gewöhnlichen Irren. Handelt es sich indes um Egoismus, Laster und Verbrechen bei den Eltern, so ist die Verhältnisszahl sogar eine höhere, — Campagne fand bei 15 moralisch Irrsinnigen: Erblichkeit 4 mal seitens der Mutter 2 „ „ „ Mutter- oder Vaterschwester 3 „ „ „ Geschwisterkinder; Egoismus.........in 12 Fällen seitens des Vaters, „ 13 „ „ der Mutter, Apoplexie........„3 „ „ „ Sittliche Energie.. „ 15 „ „ „ „ „ Schwäche „ 5 „ „ „ „ Fasse ich das Ergebniss dieser, Krafft-Ebings, meiner u. s. w. Untersuchungen zusammen, so erhalte ich folgendes: Geistes- Trunk- Neuro- Ver- Laster Störung sucht pathien breclieu Direkte Erblichkeit (Eltern) .6 8 13 10 40 Seitenverwandteehaft....... 17 1 11 5 1 Daraus ersieht man, dass der erbliche Einfluss der Geistesstörung (auf moralisches Irresein) nicht so stark ist, wie der des Lasters und des Verbrechens, ein Ergebniss, das schon oben konstatirt worden ist. Ich verweise wiederum auf Sbrocco, der mehr als irgendwer den klassischen Typus von Moral in- sanity zur Schau trägt und dessen Grossvater aus Eifersucht zum Mörder ward, dessen Oheim als Brandstifter, dessen Vater 476 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. wegen Nothzucht verurtheilt wurde und eine Frau tödtete, lediglich um seine Flinte zu probiren. Bei den Verbrechern kommt hereditäre Geisteskrankheit nur in 22 %, bei den gewöhnlichen Irren in 50 °/o und darüber vor, allerdings in etwas grösserem Verhältniss bei grossen Verbrechern (wie Faella, Alberti, Mio, Gotting, Giov. di Agordo, Costa, Militello, Palmerini, Didier, Bussi, Brienz, Ceresa, Abadie). Nach Sommer 1 kommt direkte Erblichkeit bei gewöhnlichen Irren in 30 % vor, häufiger jedoch bei den Seitenlinien; bei irren Verbrechern nur in 22 %. Derselbe führt Fälle an, wo der Grossvater, Vater, die Oheime des Individuums irrsinnig und alle seine Brüder exaltirt waren, desgleichen, wo der Grossvater, die Mutter und Schwestern irrsinnig, der Vater trunksüchtig war. Den direkten Einfluss der Trunksucht hat Campagne in 6 Fällen unter 15 nachgewiesen, 3 mal in Verbindung mit Syphilis. Dasselbe haben wir und noch in höherem Grade bei den Verbrechern gefunden, v. Krafft-Ebing spricht von Meningitis und Kopfwunden als Ursache für Moral insanity. Dass dieselben auch als Ursachen für Verbrechen, namentlich für Diebstahl gelten, zeigte sich in den von Morel, Acrell und Gall angeführten Beispielen. Dabei ist daran zu erinnern, dass Kopfverletzungen freilich sehr häufig bei den Verbrechern vorkommen. Delbrück zählte 21 Fälle unter 58, Flesch 3 unter 28, und ich 7 %; — auch der bei fast allen grossen Verbrechern vorkommenden Spuren von Meningitis oder Encephalitis, Osteome (bei Faella) nicht zu vergessen. Vor allem anderen ist es aber wichtig, auf die, allerdings geringe, aber doch sicher vorhandene Zahl von Fällen hinzuweisen, wo Moral insanity durch Vernachlässigung der Erziehung entstanden ist. Holländer und Savage machen auf die häufigen Fälle aufmerksam, in denen die Schwäche und Nachgiebigkeit der Sommer: Beiträge zur Kenntniss der kriminellen Irren. (Allgem. Zeitschr. für Psych. XL.) Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein. 477 Eltern es versäumt haben, dem in der Jugend ausbrechenden Laster Zügel anzulegen und ihre Kinder an die Pflichten des Sittengesetzes zu gewöhnen. — Im grossen findet etwas derart in deD wenig civilisirten Ländern statt, wo, wie in Corsica, die Vendetta und andere ähnliche Verbrechen im Schwung sind. In meiner Behandlung befand sich längere Zeit ein junger Mann, T., der diese Beobachtung bestätigt. Sein Vater war Alkoholiker und sehr launenhaft, seine Mutter etwas bysterisch, trug sich mit Selbstmordgedanken, sein Grossvater hatte sich umgebracht, seine Brüder aber führten ein durchaus untadelhaftes Leben. Von den Eltern und noch mehr von einer Dienerin des Hauses verhätschelt, stahl er schon im Alter von drei Jahren, wenn er auf den Markt mitgenommen wurde, Geld, Fische, Früchte; in späteren Jahren verthat er das seiner Mutter und der Dienerin gestohlene Geld, ohne dass diese ihn dafür straften; in der Schule stahl er alles, was ihm unter die Hände kam. Schliesslich wurde er zu einem ausgemachten Gauner. Es ist das um so verständlicher, wenn man auf die im ersten Abschnitt dieses Buches mitgetheilten Thatsachen über Vergehen im Kindesalter zurückblickt, aus denen man ersieht, dass es einen physiologischen Zustand giebt, welcher dem der Moral insanity sehr ähnlich sieht. Bietet die Umgebung der Kinder nicht die günstigen Bedingungen dar, um sie zu anständigen, ehrlichen Menschen umzubilden, so geht es ihnen wie den Tritonen der Alpen, die, in kaltes Wasser versetzt, ihren Quappenzustand beibehalten. 1 Der pathologische Zustand wird nachgerade zur Gewohnheit, sogar dann, wenn keine besondere Anlage zum Verbrechen vorhanden und wenn das betreffende Individuum ein Mensch wie alle anderen ist. Es wird das aber um so mehr der Fall sein, wenn man, wie der vorerwähnte T., erblicher Beeinflussung unterliegt. Daraus lassen sich nicht nur die Fälle von scheinbar angeborener Verbrechernatur erklären, wo Schädel- und Gesichtsanomalien fehlen, sondern auch die Fälle von 1 Vgl. Camerano: Acad, delle scienze. Turin 1884. 478 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Moral insanity bei Despoten, gleichviel ob sie Throne innehaben, wie die Cäsaren, oder auf der Strasse ihr Wesen treiben, wie Massaniello, Cola di Rienzi und Marat, oder bei den in den spanisch-amerikanischen Republiken auftretenden kleinen Tyrannen, die im Privatleben ganz gute ruhige Leute sind und erst grausam werden, sobald sie unumschränkte Macht erlangen. Dabei ist es gleichgültig, ob erbliche Anlage dazu vorhanden ist oder nicht, ob sie aus persönlichem Interesse oder aus Laune handeln. Von besonderer Bedeutung sind schliesslich die von Virgilio (2 unter 14) und von Campagnb (7 unter 15 angeführten Fälle, wo Moral insanity die Folge heftiger Gemüths- bewegung war. Auch Todi spricht von einer ausgezeichneten Hausfrau, die durch den plötzlichen Tod ihrer kleinen Tochter in die Krankheit verfiel und den unwiderstehlichen Drang fühlte, die Leichen kleiner Kinder auszugraben. Dieser Fall gehört, wie manche andere Hirnkrankheiten, zu denjenigen, wo mehr moralische als materielle Ursachen die Entwickelungshemrnung der Hirncentren hervorrufen. Die Wirkung ist in beiden Fällen dieselbe. Man erkennt aber wohl, dass sich hier die Moral insanity an eine Gruppe von Verbrechen anschliesst, die nicht auf grossen Anomalien beruhen. Es sind das Verbrechen infolge übergrosser Leidenschaft oder unerwarteter Ereignisse. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. Man hat mir vorgeworfen, dass die Fälle von echtem moralischen Irresein nur in geringer Zahl mir vorgekommen seien. Das ist allerdings wahr, aber sehr natürlich und zwar darum, weil moralisches Irresein und angeborene Verbrecher- Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 479 natur zusammenfallen und die davon Betroffenen weniger in Irrenanstalten als in Gefängnissen zu finden sind. Aus demselben Grunde ist es schwierig, ja fast unmöglich, sie miteinander zu vergleichen, denn Dinge, die identisch sind, lassen sich eben nicht vergleichen. Nun giebt es aber ein äusserst wichtiges, für das Studium erfasslicheres weites Gebiet, auf welchem beide Zustände zusammentreffen, so dass sie eine natürliche Familie bilden, das ist — die Epilepsie. Für Diejenigen freilich, die in der Epilepsie nur den Krampfanfall oder das psychische Aequivalent, Schwindel-, amnestische Zustände u. dgl. sehen, dürfte jene Zusammenstellung mindestens absonderlich erscheinen. Sie ist es aber nicht, wenn man die auffälligen Nebenerscheinungen nicht nur, sondern auch alle Merkmale ins Auge fasst, die zusammengenommen das bilden, was ich Naturgeschichte des Epileptikers nenne. In einem solchen Gesamtbilde finden wir alle die einzelnen Züge, sogar in höherem Maasse, wieder, die wir bei den moralisch Irrsinnigen uüd den Verbrechern kennen gelernt haben. Also: 1. Körperlänge, Gewicht betreffend. — Cividalli, Adriani, Albertotti, Virgillo und Herpin fanden bei 410 Epileptischen, dass die Statur sowohl, als auch das Gewicht und häufig auch die Ernährung das gewöhnliche mittlere Maass überschritt, — wie bei moralisch Irrsinnigen und den Verbrechern. 2. Schädel, Gehirn. — Bei 45 Epileptischen traf Müller in 39 Fällen auf Schädelsklerose, Exostose, Asymmetrie und Pachymeningitis. In 17 von 30 Fällen zeigten sich im Gehirn Sklerose, Erweichung, Oedem oder Verdickung der Meningen. Diese Zustände weisen demnach nicht nur auf häufiges Vorkommen von Bildungsfehlern, sondern auch auf entzündliche Vorgänge hin, wie wir es bei den Verbrechern fanden. Die Asymmetrie des Schädels, zusammen mit der des Gesichtes, fanden wir bei den Verbrechern im Verhältniss von 480 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 12 bis 37%; bei den Epileptikern ist sie so häufig, dass manche Autoren, namentlich Lasegde, sie als eine konstante und charakteristische Erscheinung dabei betrachten. Dazu kommt das häufige Auftreten voluminöser Kiefer, Jochbeine und Stirnhöhlen, ferner das der mittleren Hinterhauptsgrube, die ich in 14 Fällen unter 92, also in 16 % bei Epileptischen, mithin in genau demselben Verhältniss wie bei Verbrechern fand. Nur in sehr wenigen Fällen weichen sie voneinander ab, und zwar darin, dass bei den Epileptischen Wormsche Knochen und Atlassynostosen seltener vorkommen, desgl. die schmale Stirn. Dagegen ist die Schädelkapacität bei beiden genau dieselbe (vgl. Amadei: Sulla craniologia clegli epilettici. Florenz 1882). Obgleich unter den Epileptischen oft kräftige, hochgewachsene Individuen und sogar Athleten vorkommen, so ist doch die mittlere Schädelkapacität etwas geringer als bei den Irren (wenigstens bei den Männern, 1479; bei den Frauen 1358), und man findet bei ihnen beide Extreme, nämlich sehr hohe Kapacitäten (zwar in äusserst geringer Anzahl) und sehr niedrige. Das erkennt man besonders deutlich, wenn man die Reihenmittel betrachtet, wie nachstehend: Von 1700—1600 1600—1500 1500—1400 1400—1300 1150—1000 Das Ergebniss ist dasselbe wie das von Manouvrier gefundene. Die neueren Beobachtungen Tonnins und Frigerios zeigen ebenfalls bei 55 % der Epileptischen den starken Breitenindex, wie wir ihn für die Verbrecher nachwiesen, und in 50 % das Ueberwiegeu des hinteren Schädelumfanges über den vorderen, wie dort. 3. Physiognomie. — Noch merkwürdiger ist die Aehn- lichkeit in der Gesichtsbildung. Aus Tabelle 32, in welcher bei epileptischen Männern bei epileptischen Frauen 18,7 %, - % 18,7 „ 28,6 „ 43,7 „ ' )) 12,5 „ 14,3 „ 6,1 „ 28,8 „ Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 481 die aus 410 Beobachtungen von mir, Cividalli und Tonnini gezogenen Ergebnisse zusammengestellt sind, lassen sich die Tabelle 32. LOM- BKOSO 220 M. CIVIDALLI 68 M. TONNINI 12 M. LOM- BKOSO 58 W. CIVIDALLI 52 W. Henkelohren.................% Vorspringende Backenknochen . „ Vorspringende Stirnhöhlen .... „ Bartmangel.................. „ Grosse Kiefer................ „ Asymmetrie des Schädels...... „ „ „ Gesichts...... „ Fliehende Stirn.............. „ Hydrokephale Stirn........... „ Niedrige Stirn................ „ Wild drohender Blick........ „ Schiefe Stirn ................ „ Vorspringender Stirn- u. Augenhöhlenwinkel ............... „ Seitwärts gerichteter Blick .... „ Prognathie................... „ Schmales Stirnbein........... „ Makrokephalie................, Bleiche Gesichtsfarbe......... „ Abgeplattetes Hinterhaupt..... „ Oxykephalie, dichter Haarwuchs, starres Auge............... „ Strabismus................... „ Akrokephalie................. „ Männlicher Gesichtsausdruck... „ Progene Kopfbildung......... „ Natürliche Zahnlücken........ „ Zweifarbige Iris.............. „ Knickungswinkel (Tubercul. gonic.) ...........„ 39 34 28 20 19 30 11 11 9 6 4 3 3 3 3 19 2 9 jel 41 42 26 42 16 33 57 25 11 15 32 32 24 10 76 25 16 16 25 25 25 33 12 39 20 32 5 1 8 3 10 6 1 31 19 36 9 15 32 28 9 5,7 9 6 Hauptmerkmale wiedererkennen, die wir bei den Verbrechern hervorstechen sahen, ja beinahe sogar in denselben Zahlen Verhältnissen, wenn man die geringere Stirnweite ausnimmt. Und Lombeoso, Der Verbrecher. I. 31 482 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. das nicht allein. Wir finden auch bei 26,9 % Männern und 25,8 % Frauen 5, 6, 7 Degenerationszeichen zu dem Bilde vereinigt, in dem wir den Verbrechertypus erkennen, und in 9,5 % Männern, 101 % Weibern 4 bis 5 solcher Zeichen, die zusammengenommen den Halbtypus bilden. Dieses Zahlenverhältniss entspricht meinen Beobachtungen, -wonach 25 % Männer und nahezu 28 % Frauen unter den Verbrechern die betreffende Gesichtsbildung aufweisen. Im ganzen zeigen 63,4 % Männer und 63,7 % Weiber keine Verbrecherphysiognomie. Wie bei vielen Anderen, so hatte man auch bei dem epileptischen Schriftsteller Dostojewski den Gesichtsausdruck des Verbrechertypus gefunden, obgleich sein Charakter mild und seine Sitten untadelhaft waren. Diese Thatsache erklärt sich dadurch, dass die häufig wiederholten Anfälle und die Verzerrung des Gesichts dem letzteren auch bei den ehrlichsten Menschen schliesslich diejenigen Züge aufprägen, die man bei den Verbrechern findet. Aber auch darin bestätigt sich die Verwandtschaft der beiden Zustände. 4. Degenerationssymptome. — Dazu kommt eine ziemlich starke Reihe von Anomalien, grösstentheils atavistischer Natur, wie die Verwachsung der Finger in 14 %, die Kegelform der weiblichen Brustwarze und die der Glans penis in 3 %, der Albinismus in 6 %; Skoliose der Wirbel in 25 %i von Vorbildung des Brustkastens in 61 % begleitet (Bianchi). Nicht zu vergessen ist, dass die Armweite in 25 % von Tonnini, in 30 % von Cividalli und Amati bei Männern und in 25 % bei Frauen grösser als die Körperlänge und nur in 8 % bei Männern und in 9 % bei Weibern kleiner als dieselbe gefunden wurde — in derselben Weise, wie das nach Feubi und Lacassagne bei Verbrechern der Fall ist. 5. Sensibilität. — Wichtig ist ferner das häufige Vorkommen von Stumpfheit des Tastgefühls. Unter 35 von mir und Albertotti untersuchten Epileptischen hatten: 6 allein normale Tastempfindung, bei 8 betrug sie 4—5—8 mm „6 „ „3 mm. bei Verbrechern LOMBKOSO 93% BlLIAKOW 25 „ » 23 , » » » 59 „ jj 19, Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 483 In einem Falle trat sie links erst in 12,1 mm, rechts in 6,8 mm auf. Häufig leiden auch die übrigen Sinnesorgane an Stumpfheit. Thomsbn (Gentralbl. 1882). Cividalli und Tonnini fanden dasselbe in 35 % ihrer Epileptischen und zwar sowohl vor, als auch nach dem Anfalle und in dem epileptischen Aequivalent. Neuerdings hat Oskreczski bei 96 epileptischen 20 Jahre alten Gefangenen folgende Verhältnisse gefunden: Stumpfheit Epileptischen des Tastgefühls ... 60 % „ Sehens........ 56 „ „ Gehörs........ 16 „ „ Geschmacks ... 48 „ „ Muskelsinns ... 34 „ „ Schmerzgefühls 60 „ Verturi findet bei epileptischen Männern 21 mal auf 100 das rechte Ohr, 25 mal das linke, bei Frauen 50 mal das rechte und 47 mal das linke stumpfer. Amadei und Cividalli beobachteten vermindertes Schmerzgefühl in 19 %, Tonnini unter 12 Epileptischen 1 mal eine so hochgradige Analgesie, dass man an allen Körpertheilen eine Nadel tief ins Fleisch bohren konnte; Frigerio 1 mal, dass ein Kranker sich den Bauch mit Glas aufschlitzte, um die Krankheit herauszuholen; ein anderer Kranker schnitt sich das männliche Glied ab, so dass der Brand hinzutrat. Holmgren hat die an Farbenblindheit Leidenden unter den Epileptikern auf 25 % berechnet, Seppilli fand Dischro- matie bei 21 %, Cividalli bei 44 % (Männern) und 51 % (Weibern) — Verhältnisse, die höher sind als bei Verbrechern. Die Geruchsempfindung ist bisweilen verschärft. So in einem Falle von Tonnini, wo auf beiden Nasenhälften und in zwei anderen Fällen, wo der Geruch auf einer der beiden Hälften schärfer war. Ich selbst habe bei mehreren Verbrechern eine grössere Schärfe des Geruches wahrgenommen. 6. Einseitigkeit der Empfindungen ist eine derjenigen Eigenschaften der Epileptischen, welche die Aehnlichkeit mit den Verbrechern besonders erweist. 31* 484 Dritter Theil. Biologie und Physiologie des Verbrechers. Unter 100 Epileptischen finden sich 45, bei denen die Tastempfindung auf der linken Seite gegen die der rechten erhöht ist (und zwar links 2,8, rechts 2,9 im Mittel). In mehreren Fällen stiess ich auf merkwürdige Unterschiede, z. B. ergaben sich 12 mm liuks bei 6,8 mm rechts. Dieses ungleichmässige Empfinden wurde noch schärfer durch Tonnini und zwar für alle Sinnesorgane nachgewiesen. Bei 9 Individuen fand er Ungleichheit des Gehörs in 8 Fällen, des Geruches 2 mal und des Tastsinnes 7 mal unter 11. Das Vorherrschen der Sinnesabstumpfung auf der linken Seite, gegenüber dem häufigen Vorkommen der rechtsseitigen Plagiokephalie, bestätigt die von uns bei den Verbrechern nachgewiesene Beziehung des sensoriellen Man ein ismus d. i. der linksseitigen Siunesthätigkeit, zu der Entwickelung der rechten Hemisphäre. Bei 21 Plagiokephalen fand ich 13 mal die rechte Schädelhälfte befallen. Tonnini, Bianchi und Zuccharelli haben nicht nur Gesichtsasymmetrie, sondern auch Ungleichheit des Brustkastens — vorwiegend auf der rechten Hälfte (50 % rechts, 40 % links) — bei den Epileptischen nachgewiesen, wie wir bei den Verbrechern. Auch die Temperatur der beiden Körperhälften fand Tonnini verschieden und zwar um 0,2° bis 0,4° bei 9 unter 12 Epileptischen. Aehnlich verhielt es sich mit den Gefäss- reflexen, der Pupillendifferenz bei 5 unter 12 und mit der Schmerzempfindlichkeit bei 7 unter 12, ■—■ und sogar mit der Schweissabsonderung. Auf Grund dieses vorwaltend einseitigen Verhaltens sucht Tonnini in dem Missverhältniss der beiden Hemisphären, das auch wir bei den Verbrechern anzunehmen nicht umhin konnten, eine der Ursachen der Epilepsie. Ich fand Linkshändigkeit unter 176 Fällen von Epilepsie 18 mal und bei 9 Gebrauch beider Hände. Diese Zahlenverhältnisse stimmen zwar nicht mit den bei den Verbrechern vorkommenden ganz überein, sind aber nicht weniger grösser als bei der normalen Bevölkerung. Eine andere, damit zusammenhängende Thatsache war mir auffallend, nämlich dass Vierzehntes Kapitel. Epileptische Verbrecher. 485 die Hemiplegie der Epileptiker in 10 Fällen unter 15 auf der rechten Seite sich äussert. Marro [Gar alter i dei criminali. Turin 1887) machte dieselbe Bemerkung bei seinen 500 Verbrechern. 7. Motilität. — Unter 58 Epileptikern fand ich 9 mit ungewöhnlicher Gewandtheit begabte Individuen; einer war Akrobat, ein anderer ein sehr geschickter Kutscher; ein dritter verstand es vorzüglich gut durch Fenster und Gitter zu schlüpfen und mehrmals durchzugehen. "Wir sahen dasselbe bei den moralisch Irren und den Verbrechern. Sehnenreflexe. — Schon Bbbvor hatte beobachtet, dass bei 11 unter 70 Epileptischen der Patellarreflex nach dem Anfall fehlte oder vermindert und nur bei 7 verstärkt war. Cividalli fand denselben erhöht in 41 %, Tonnini in 22 % und ich in 85 %, aber fehlend oder schwach in 11 %, Tonnini in 16 °/o. Das ist ein fast gleiches Verhalten wie bei den Verbrechern. Die Gefässreaktion fand Tonnini verlangsamt bei 5 unter 12 und sehr erhöht bei den anderen 6. — Ebenso Venturi. Ungleichheit der Pupillen fand MüSSO bei 20 % seiner Epileptischen und zwar häufiger bei den psychischen Formen und in der Zeit unmittelbar vor dem Anfall. Die Reaktion der Pupillen geschah bei mehreren zögernd und oft weit rascher nach dem Anfall. 8. Geisteszustand. —■ Den meisten Aufschluss über die Identität der Verbrecher und Epileptischen giebt das seelische Verhalten der Letzteren. Psychometrie. — Auf meine Veranlassung prüfte Tanzi 13 Epileptische gegenüber 13 Normalen. Er fand bei Jenen eine Verspätung der Perzeption den Letzteren gegenüber im Verhältniss von 3:2, genauer gesagt um 200 % mit mittleren Schwankungen von 0,024" — 0,011". — Algeri und Tonnini fanden in 320 Fällen dasselbe. Was das eigentliche Psychologische betrifft, so dürfen wir sagen, dass dem Epileptischen —■ gleichwie dem moralisch Irrsinnigen und dem Verbrecher — unter einer und derselben klinischen Form ein enormes Gebiet verschiedenster Geistes- 486 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. kräfte zugehört, das vom höchsten Genie bis zum tiefsten Blödsinn hinäbreicht. Krafft-Ebing hat den Verdacht, dass in Mohammed, Napoleon, Cäsar, Petrarca, Moliere, als epileptischen Genies, ein geistiger Defekt stecke; ich füge hinzu, dass ihre Abkunft von Verbrechern oder Irren, ihre häufigen Hallucina- tionen und die Thatsache, dass geniale Entwürfe in ihrem plötzlichen Auftauchen und der oft darauf folgenden Erschlaffung und Bewusstlosigkeit eine auffallende Aehnlichkeit mit dem epileptischen Anfall haben, als Beweise für dieses Zusammengehen dienen. Das Gebahren des Epileptischen, der nicht geradezu Idiot ist, unterscheidet sich wenig von dem des Verbrechers in Bezug auf den Widerspruch, in welchem seine gewöhnliche Indolenz mit dem Uebermaass von Thätigkeit in der Ausführung schlechter, seltsamer oder phantastischer Streiche steht. Ihre Indolenz, sagt Schule, wechselt mit übermässiger Geschäftigkeit, aufgeregter Phantasie und zügelloser Begierde. Faul, sagt Voisin, arbeiten sie nur, wenn die Noth dahinter steckt. — Im Konflikt mit der Justitz erweckt ihre scheinbare Klarheit, ihre Maassnahmen nach einem vorgefassten Plane den Verdacht, dass man es mit Simulanten, nicht mit Epileptikern zu thun habe; und das kann stunden-, tage-, wochenlang dauern (Krafft-Ebing). An Luftschlössern und Entwürfen zu unausführbaren Unternehmungen haben sie ihre besondere Freude. Wir wissen von Einem, der mit einer Handvoll Leute, die er mit gestohlenem Gelde anwarb, Indien erobern wollte, sich für einen Grafen, Deputirten u. s. w. ausgab. Vor allem aber ist es der ungeheure Widerspruch in Handlungen und Reden, der sie charakterisirt, z. B. in Tonninis Fall, wo sich der Kranke zeitweise für Napoleon hielt und dann wie der niedrigste Sklave den Fussboden küsste. Voll Misstrauen und unduldsam, werden sie durch eine Miene in Zorn versetzt (Legrand), sind ungeheuer erregbar, bald schlau und niedergedrückt, bald obenaus, nie gleichmüthig; Haustyrannen (Krafft). „Sie gestehen ihr Vergehen ein," sagt Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 487 Delasiauve, „und ohne Hehl, weil sie darin nur einen unwillkürlichen oder einen Akt der Selbstverteidigung zu sehen glauben; es thut ihnen leid, ohne eigentliche Reue. Gegen Gefahren, die ihr Leben und ihre Freiheit bedrohen, gleichgültig, thuu sie nichts, um die Spuren ihrer Unthaten zu verwischen oder sich ihren Verfolgern zu entziehen." Der Charakter der Epileptischen besteht in einer ausserordentlich krankhaften Reizbarkeit, die plötzlich in impulsive Handlungen ausbricht. Launisch, misstrauisch, streitsüchtig, heiter oder betrübt, ohne zu wissen warum, weh- oder hoch- müthig, hart und bösartig, spielen sie bisweilen die Frommen (Schule). Im Handel und Wandel sonst zuverlässig, werden sie plötzlich grob, unanständig bis zum Betrügen und Stehlen. Nirgends findet man unter den Geisteskranken eine so unverhohlene Neigung zum Stehlen wie bei den Epileptischen. In ihrer Nervenaufregung greifen sie nach allem, dessen sie habhaft werden können, planmässig in raffinirter Weise, oder unüberlegt, je nachdem. „Die anscheinend ganz geistesgesunden Epileptiker," sagt Voisin, „können zu Zeiten Racheakte u. s. w. begehen infolge von falschen Anschauungen, die ihr Urtheil trüben und denen sie nicht zu widerstehen vermögen. -— Die Epilepsie verdirbt den Charakter, tödtet das sittliche Gefühl, schwächt den Verstand, ruft Verstimmungen, Verblendung, Illusionen hervor." Kurz, Widersprüche und Immoralität beherrschen den Charakter der Epileptischen; heut cynisch, ist er morgen ein Frommer; bald ist er der Henker seines Weibes, bald ihr Anbeter (Fischer, Pick). Da sie immer zwischen zwei Extremen schwanken, so ist die Unterscheidung in geisteskranke und geistesgesunde Epileptiker ein Trugschluss und ohne allen praktischen Werth. In Bicetre, sagt Voisin, fand ich unter 60 nicht gestörten Epileptikern nur 4 intelligente, unter 150 gestörten dagegen 23, die jenen 4 an Intelligenz wenigstens gleichstanden. Unter 148 Epileptischen in meiner städtischen Klientel fand ich 10, die geistesgesund zu sein schienen. „Der Hauptgrund für den 488 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Zweifel an der geistigen Freiheit des Epileptischen besteht in seiner Neigung zu plötzlichen Zornausbrüchen, in der grossen Reizbarkeit." „Die Anästhesie ihrer Sinnesorgane," sagt Thomson, „gilt auch für ihr Gemüth." Die häufigen Tobsuchtsanfälle der Epileptischen mit dem Charakter des plötzlichen Ausbruches und der Intermittenz, mit ihren Hallucinationen und ihrer grundlosen Wuth geben auch die Erklärung für die Tobsuchtsanfälle der moralisch Irrsinnigen (Dagonet) und der Verbrecher. Magnans schöne Entdeckung (vgl. Legons sur Vepilepsie. 1880), dass mit dem epileptischen Irresein eine andere Form von Delirien, z. B. Hallucination oder Melancholie sich verbinden kann, erklärt die ziemlich häufige Komplikation des systematischen, hallucinatorischen oder melancholischen Irreseins der Gefangenen und der an Moral insanity Leidenden. So litt die X. in Cantaranos Fall zugleich an Pyromanie und perversem Geschlechtstrieb, die Glaser, Jeanneret und Zerbini waren hysterisch. Um, unserer Gewohnheit gemäss, dieses Bild durch Zahlen zu vervollständigen, stellen wir in Tabelle 33 die von Oividalli, Bianchi und Tonnni erhaltenen Ergebnisse zusammen, die den psychopathischen Charakter der Epileptischen mit kurzen Ausdrücken wiedergeben. Man sieht daraus vor allen Dingen, wie neben den anderen Fehlern die Reizbarkeit, der Zornmuth, welcher zu Verbrechen gegen die Person am häufigsten Veranlassung giebt, vorherrscht. Es ist Thatsache, dass die Epileptischen unter allen Gefangenen diejenigen sind, die auch im Gefängniss die meisten Unthaten begehen. Unter 44 Bestrafungen, die im Jahre 1881—84 in den Turiner Gefängnissen vollzogen wurden, trafen 21 auf 17 Epileptische, während von den anderen 378 Nichtepileptischen nur 23 Strafe erlitten (Marro). Auch Richter 1 bemerkt, dass die Epileptischen — ganz 1 Und Sander : Beziehungen zwischen Geisteskrankheit und Verbrechen. Berlin 1886. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 489 abgesehen von den an larvirter' Epilepsie Leidenden —, unter den Gefangenen diejenigen sind, die am häufigsten gewaltsame Ausbrüche versuchen und Morde begehen und zugleich am häufigsten simuliren. 9. Religiosität. — Wie bei den Verbrechern ist die Gottesfurcht der Epileptischen nichts als ein Gemisch von cynischem Aberglauben, der zum Vorwand für impulsive Schand- thaten dient. „Scheinheilige Zunge und Gift im Herzen" kennzeichnen sie. — Ein mir bekannter Epileptischer tödtete sein Tabelle 33. Männer Frauen ClVIDALLI 65 TONNINI U. BlANCHT 42 ClVIDALLI 52 Geistesbeschränkt .... % Gedächtnissschwach ... „ 61 91 41 50 1 100 100 63 86 38 57 67 30,0 14,0 20,0 2,3 2,3 30,0 7,0 4,7 14,0 2,3 30,0 16,0 69 79 36 49 61 100 75 100 38 15 21 Religiöser Aberglaube . „ Perversität...........„ Reines sittliches Gefühl „ Weib und seine Schwiegermutter auf Befehl seines Heiligen, der ihn durch Zeichen und Worte dazu angestachelt habe. Spricht man mit dem Praganö von seinen Kindern, die er ermordet hat, so antwortet er: „Da die beiden ersten todt waren, so war es auch dem dritten bestimmt, dass es sterben musste." Toselli erkennt in dieser Art von Religiosität sogar etwas Specifisches für die Epilepsie. Seine durch mich veranlassten diesbezüglichen Untersuchungen bei höheren Ständen ergaben ihm, dass strenge Religiosität 11 mal unter 19 Männern und 5 mal bei 11 Frauen vorkamen, aber immer in Ver- 490 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. bindung mit Empfindungen entgegengesetzter Art, Hang zur Wollust, Mordlust — oder aber mit Anklängen atavistischer Art, die an die Religion der antiken Welt erinnern. Sie bringen z. B. ibre Weibgescbenke dem Sonnengott dar und hängen sie an Bäumen auf, sie glauben die Stimme der Muttergottes zu vernehmen, die sie zu Mordthaten aufreizt, u. s. w. Frigerio kannte einen Epileptischen, der ihm sagte, nicht er sei es, der spreche, sondern Gott in ihm, und der befehle ihm so und so zu sprechen und zu handeln. Ein anderer versteckte sich in den Kirchen, weil er draussen vom Teufel geholt zu werden fürchtete (Toselli). 10. Einzelne Zustände. — Es giebt noch eine Anzahl einzelner Empfindungen und Zustände, die allerdings nicht zahlenmässig sich bestimmen lassen, die aber für mich den Werth einer Lokalfarbe haben, wie die Maler es nennen würden, und die Analogie der beiden Formen glänzend darthun; das sind folgende. Vorliebe für Thiere. — Ich habe z. B. eine merkwürdige Vorliebe für Thiere und noch merkwürdigeren Hass gegen solche, namentlich Hausthiere, bei Epileptischen wahrgenommen. Zwei junge und reiche Epileptische kümmerten sich den ganzen Tag um weiter nichts als um ihr Pferd, das sie mehr als ihre Eltern liebten. —■ Ein Bergbewohner liebte seine Schafe so, dass er Sodomie mit ihnen trieb. — Ein Gefangener machte Jagd auf Ratten in der Absicht, sie zum Ziehen abzurichten; ein Gymnasialschüler versuchte Flöhe einzuexerciren, ein anderer Gänse. Von Verbrechern und moralisch Irrsinnigen nenne ich nur die Kaiser Oommodus, Caligula, den Doktor Francia (Rep. Paraguay), Lacenaire, die Trossarello, die mehr als ihre Kinder Katzen liebte, — unter Denen, die eine besondere Vorliebe für Thiere hatten. Zerstörungssucht ist eine fast allen Epileptischen zukommende Eigenschaft. Sie haben ein wahres Bedürfniss, leblose Gegenstände zu zerstören, noch mehr aber lebende Wesen zu vernichten, daher der Hang zu verwunden und zu morden, — wie das leider! auch bei Kindern so häufig ist. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 491 Misdea, als Regimentsbarbier angestellt, zerbrach, da er von seinem Posten entfernt wurde, 3 Rasirmesser mit seinen Zähnen in kleine Stücke. — Piz. zerbrach regelmässig alle Tage sein Waschgeschirr und die Zellenfenster, — „um sich zu zerstreuen". Kannibalismus u. s. w. — Im Anschluss an die Zer- störungswuth kommt auch Kannibalismus vor und nicht etwa aus Rachsucht. Ein wegen Körperverletzung bestrafter Epileptiker erzählte mir während der Applikation des Magneten auf den Kopf, er fühle den Trieb wieder in sich regen, um deswillen er bestraft worden sei, und meinte, er könne sich selbst auffressen, wenn man ihn nicht daran hindere. Oividalli sah einen, der dreien seiner Kameraden die Nase abgebissen hatte. Verzeni und Garrayo erwürgten ihre Opfer und legten Stücke von ihnen beiseite, um sie zu braten und zu verzehren. In dem Gefängniss, wo ich Arzt bin, sah ich, wie der epileptische G. ein Nest junger Ratten ausnahm und sie mit Lampenöl wie einen Salat anmachte, um sie zu fressen. Das ist doch nicht viel anderes, als Menschenfresserei. Das scheusslichste Beispiel von letzterer erzählt aber Adriani. Ein 42jähriger epileptischer Landmann mit enorm grossen Stirnhöhlen und Kiefern, ungestalten Ohren, blutunterlaufenen Augen war der Schrecken seiner Arbeitsgenossen, weil er ohne Veranlassung auf sie losbiss. Einmal griff er einen ihm zufällig begegnenden jungen Mann an und bearbeitete ihm die Backen mit den Zähnen. Verhaftet, jagte er die Aufseher, die ihm die Suppe brachten, in die Elucht, lief nach Hause, ergriff seine 2jährige Tochter, frass an ihren Hinterbacken, Schenkeln und Brust, bis die Nachbarn ihn losrissen. Die arme Kleine starb selbstverständlich. Er schweifte nun eine Zeitlang gänzlich nackt im Felde umher und kam eines Tages in sein Haus zurück. Seine Frau floh mit den anderen Kindern, er holte sie aber ein, entriss ihr den 5jährigen Knaben, versuchte ihm den Schädel zu zerschmettern und wurde nur durch den Muth der Frau daran gehindert. 492 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Eitelkeit ist eine ebenso häufige Eigenheit bei ihnen, wie die Sucht zu prahlen und ihre Vergehen aufzuzeichnen. Als man Prag an ö nach der Zahl der Schläge fragte, mit denen er seine Tochter getödtet hatte, antwortete er: „Ein einziger war genug; dieser Arm fehlt nicht leicht." Taylor (s. oben) schrieb in sein Tagebuch: „Heut ein kleines Mädchen getödtet." Der unmässige Liebes- und Spirituosengenuss ist bei Epileptischen nicht weniger als bei Verbrechern beliebt. Sogar Kinder sind demselben ergeben. Man hat auch eine eigene Form als Epilepsie der Alkoholisten aufgestellt. Selbstmord. — Die Neigung zum Selbstmord ist bei den Epilektikern gleich häufig wie bei den Verbrechern. Oft wird Selbstmord nur simulirt, öfter jedoch geschieht er in un- bewusstem Zustande, ohne äussere Veranlassung. Bisweilen jedoch will der Epilektiker wie der Verbrecher damit der Strafe oder auch dem Zwange, Verbrechen zu begehen, sich entziehen. Leidesdorf -zählt 13 Selbstmorde bei 128 Epileptischen, ich selbst 11 bei 306. Leörand du Saulle spricht von einem Epileptischen, der folgendes schrieb: „Es drängt mich, dich zu tödten . . . "Wenn ich mich nicht selbst tödte, so bist du verloren . . Danke mir nicht . . . Denn ich hätte dich umgebracht . . Noch wirbelt es mir im Kopfe; kaum dass ich die Feder halten kann." Er war der Sohn eines Trunkenboldes und einer Phthisischen und endete sein Leben durch Erhängen. Ein Anderer, Militär, erschlug einen Kameraden und brachte sich, von Gewissensbissen getrieben, eine Bauchwunde bei. — Ein epileptischer Mann tödtete sich vor der Thür seiner Frau, die sich seines Uebels willen von ihm getrennt hatte; mit ihm tödtete sich sein 17jähriger Sohn. Morel sah, wie eine Epileptische, der er eine Douche verordnete, weil sie andere Kranke geschlagen hatte, mit einem Stück Glas sich die Jugularis durchschnitt. Misdea stellte mehrmals ohne besondere Ursache Selbstmordversuche an, zuletzt aus Verdruss, weil er seinen thieri- schen Gelüsten nicht mehr fröhnen konnte. Vierzehntes Kapitel. Bpileptoide Verbrecher. 493 Dblasiäüvb erzählt, dass ein Epileptischer nach jedem Anfalle nachts den Versuch machte, sich die Kehle zu durchschneiden. Tättowirung. — Unter 46 tättowirten Irren fand Severi 2 Epilektiker. Der eine war über dem ganzen Körper mit Zeichnungen bedeckt, wie es bei Gefangenen vorkommt. Beide hatten sich in Irrenanstalten tättowiren lassen, —■ wo es selten und dann nur an wenigen Körperstellen geschieht. Frigerio fand unter 350 Irren 5 Tättowirte, und 2 davon waren epileptisch. Unter 31 Epileptischen fand Bianchi 2, die tättowirt waren. Geselligkeit. — Von allen in Irrenanstalten verwahrten Geisteskranken sind es allein die Epileptischen, die, wie die Verbrecher, den Trieb haben, sich einander aufzusuchen und aufzuhetzen. Sie bilden nicht nur Verschwörungen mit Individuen, die an derselben Krankheitsform leiden, sondern auch mit moralisch Irrsinnigen, — und öfter nur aus dem Grunde, um sich gegenseitig zu verrathen und wehe zu thun. Von den 5 Irren, die aus der Maison de sante in Schöneberg, (Reimer, Allg. Zschr. für Psych. 1884) ausbrechen wollten, waren 3 moralisch irrsinnig und 2 epileptisch. Frigerio erwähnt einen gewissen L. T., der nicht nur mit unglaublicher Geschicklichkeit selbst stiehlt, sondern oft auch die Anderen antreibt und ihnen Anleitungen giebt zum Stehlen; es ist das ein Epileptischer. Simulation. — "Wie unter den Verbrechern, so giebt es auch unter den Epileptischen zahlreiche Simulanten von nicht nur Irrsinn, sondern auch von Epilepsie. Es giebt wirklich Fälle, wo es ganz unmöglich ist zu unterscheiden, ob der Anfall echt oder simulirt ist. Cappello führt einen solchen Fall von Simulation bei einem epileptischen 12 jährigen Knaben an. Venturi theilt desgleichen einen Fall mit, wo ein Epileptischer einen Feind aus Kachsucht getödtet hatte und im Gefängniss einen Krampfanfall simulirte. Intermittenz und Amnesie. — Bei den moralisch Irrsinnigen fehlen die intermittirende Form und die Vorläufer 494 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. der Anfälle ebenso wenig wie bei den Eleptiscben, bei welchen allerdings die Aura deutlicher und häufiger aufzutreten pflegt. Die GefangnissWärter sagen, die Gefangenen haben von Zeit zu Zeit „ihren schlimmen Tag", wo sie ohne jedweden anderen Grund unleidlich sind. Auch Dostojewski hat in seinen Souvenirs de la Maison des Morts diese Beobachtung an seinen Leidensgefährten gemacht, wenn er sagt: „Die Ausbrüche von Ungehorsam dieser Art Leute sind sehr sonderbar. Jahrelang ertragen sie die grausamsten Qualen geduldig, und plötzlich brechen sie um ein Nichts los. Andere, deren Herz seit vielen Jahren verhärtet war, werden auf einmal wider alles Vermuthen herzlich und zutraulich, als wären ihnen die Scbuppen von den Augen gefallen." In den Turiner Gefängnissen habe ich beobachtet, dass an denselben Tagen, wo, sicherlich infolge von Witterungseinflüssen, die Anfälle der Epileptischen heftiger wurden, die nichtirren Verbrecher Gewaltakte begingen oder Unordnung anstifteten. Sie zerrissen ihre Kleider, zerstörten das Arbeitsmaterial, schlugen ohne Ursache auf den ersten besten "Wärter los. — Dasselbe hat Frigerio bei seinen an Moral insanity Leidenden beobachtet. Auch habe ich Fälle gesehen, wo dem Impuls des moralisch Irrsinnigen oder der verbrecherischen Handlung eine motorische Aura voraufging. — Den Fall eines jungen Mannes habe ich veröffentlicht (Arch. Psich. III.), dessen Eltern jedesmal erriethen, dass er einen Diebstahl plante, wenn er die Nase anhaltend mit den Händen traktirte, wodurch dieselbe endlich ganz entstellt wurde. Auch die Amnesie fehlt bei den moralisch Irrsinnigen nicbt, wie Bianchi es in 4 Fällen beobachtet hat und wie man es auch bei den sogenannten dummen Streichen der Kinder öfter sieht. Uebrigens ist ja der Verlust der Erinnerung, ob- zwar eines der gewöhnlichsten Symptome nach epileptischen Anfällen, doch nicht unumgänglich zur Charakteristik der Epilepsie erforderlich, wie wir auch im folgenden sehen werden. 11. Klinische Fälle. — Von hoher Bedeutung für unsere Auffassung ist der Umstand, dass in den entschiedensten Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 495 Fällen von Moral insanity die Epilepsie mit den verbrecherischen Neigungen zusammengeht und in frühester Jugend entstanden ist. Giuliano Celestino, 16 Jahre alt, ist 1,51 m gross, 40,5 kg schwer. Seine gelbliche Haut ist mit tättowirten Zeichen bedeckt, unbehaart. Sein Schädel an der linken Stirnhälfte schief. Schädelkapacität (berechnet) 1516 ccm, Längen- Breiten-Index 77. Die Stirn ist schmal, Gesicht und Augen schräg, Nase schief, Kiefer und Wangen voluminös, Mundöffnung, wie bei Affen, horizontal; obere äussere Schneidezähne sehen wie Eckzähne aus. Tastempfindung stumpf, besonders rechts, 4 mm, links nur 2 mm. — Vollständige Analgesie rechts, links wird Schmerz, wenn auch nur wenig, wahrgenommen. Keine Spur von Gemüth. Fragt man ihn, ob er seine Mutter liebe, so antwortet er: „Ja! jedesmal wenn sie mir Cigarren und Geld mitbringt!" Kein Erröthen über seine Missethaten. Lächelnd giebt er zu, dass er im Alter von zehn Jahren seinen jüngsten Bruder in der Wiege habe tödten wollen und nur von seiner Mutter daran gehindert worden sei, und dass er sie gebissen und geschlagen habe. Er habe ihm den Kopf abzuschneiden und einen Pfeifenkopf daraus zu machen beabsichtigt. — Sein Vater war syphilitisch und trunksüchtig. Er selbst litt seit dem Alter von 7*/2 Jahren an Epilepsie und fing schon sehr früh an sich zu betrinken und zu vagiren. Wurde er eingeschlossen, so kletterte er an die Fenster, auf den Kamin, zerbrach das Hausgeräth, bedrohte seine Mutter u. s. w. Er hatte Lust, Fleischer zu werden, um sich an den Schmerzen der Thiere zu weiden, dann Seiltänzer. Mit elf Jahren in ein Rettungshaus gethan, entwich er, legte Feuer an und wurde | deshalb zu zwei Jahren Gefängniss verurtheilt. Er verfiel in Wahnsinn, und es zeigten sich epileptische Anfälle mit und ohne Konvulsionen, dabei Neigung, sich zu erhängen und zwar periodisch alle acht Wochen. Preuss 1 schildert einen 23jährigen Landstreicher und Dieb, dessen Schwester epileptisch und der selbst von Jugend auf 1 Predss, Zur Kasuistik der zweifelhaften Geisteszustände. 1885. 496 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. unbotmässig, trunksüchtig, diebisch war und an Konvulsionen litt, als Soldat anfangs gut that, dann aber stahl. Darauf bekam er einen epileptischen Anfall, desertirte nach IV2 Monaten, wollte vom Militärarzt nur in der Kneipe sich untersuchen lassen, bedrohte die Unterofficiere und die Soldaten, die ihn zur Kaserne führen wollten, rief, nicht er, sondern sie seien verrückt, und konnte kaum von zehn Mann gebändigt werden. Drei Tage danach ist nichts mehr zu bemerken, als starrer Blick, Kontraktur der Gesichtsmuskeln und Amnesie des ganzen Vorfalles. Epileptisch war auch der (im Archivio di Psichiatria. 1881, S. 207) von mir beschriebene Dieb und Spion, der ein Sohn eines Trunkenboldes, Enkel eines Irren war und die Nacht nicht schlafen konnte, wenn er tags nicht einen Diebstahl begangen hatte, der auch nicht anders als in der Gaunersprache sich ausdrückte. Ferner der De . . T. (s. Genio e follio. 4. edit. S. 215), der eine neue Religion auf Grund der Prostitution schaffen, letztere auch gleich praktisch auf der Strasse ausführen wollte, der, übrigens völlig analgisch, zugleich Dieb, Wollüstling, Betrüger, Plagiator war und seine Frau bis aufs Blut misshandelte. — Auch Tamburinis Kranker (Bivista freniatr. 1886, Med. leg. S. 81), der als Dieb und Betrüger 23 mal vor Gericht, 14 mal verurtheilt, 3 mal als Simulant erkannt, 9 mal einer Irrenanstalt übergeben, 4 mal Selbstmordversuche gemacht hatte, war epileptisch. — Desgleichen der von Dr. Paoli erwähnte Soldat, der in 6 Jahren 12 mal verurtheilt wurde. 1 1 Zu Simulation von Epilepsie führt Ave-Lallemant (Das deutsche Gaunertkum. II. 45, Anm.) aus eigener Erfahrung das Beispiel zweier Schwestern an, von denen die eine Dirne (Diebin) seit ihrer Kindheit notorisch an Epilepsie litt, die andere, 16 Jahre alte, robust, welche niemals an Epilepsie gelitten, durch Simulation epileptischer Anfälle zuletzt, da sie statt der bisherigen Gefängnissstafe mit Zuchthaus bedroht war, in wirkliche epileptische Krämpfe verfiel. — Prüfung durch Aetherisirung. Der Knabe Mahr, der die Sohwarzmüllersche Bande in Hildburghausen verrieth, war auf Epile psie, — ein anderer auf T a üb stumm - heit abgerichtet. Fr. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 497 Umgekehrt waren die an Epilepsie Leidenden Huich, 1 Morzani, R. V., Holzapfel, Meloni Verbrecher. Endlich finde ich unter den 8 Fällen von Moral insanity bei Rechter (Beziehungen .u. s. w) 5 mal Epilepsie, 2 mal Schwindel. Tamburinis 2 typische Fälle von Moral insanity bei Sbrocco und Zita zeigten im Schwindel und der Amnesie bei dem einen, im motivlosen Zornmuth und in der Periodi- cität der Anfälle bei dem anderen die Verwandtschaft mit der Epilepsie. 12. Kriminalstatistik. — Auch die Statistik spricht für die Identität des angeborenen Verbrecherthums mit der Epilepsie. Sommers und Knechts neue Studien weisen nach, dass sich unter den Gefangenen 5 % Epileptische befinden (Virgilio fand 6 % unter den Dieben). Bei der normalen Bevölkerung kommen nach Rayer 6 Epileptische, unter den Militärpflichtigen 5 auf 1000. In Deutschland nimmt Hirsch 1 auf 1000, in Italien Morselli 1,3 auf 1000 an. Demnach ergeben die Gefangenen 10 mal mehr Epileptische als die normale Bevölkerung. Clark (Heredity and Crime in epi- lepsy. 1880) fand Verbrechen bei 11 % Epileptischer. Unter 297 epileptischen Gefangenen, über die Krafft- Ebing, Legrand du Saulle, Tamburini, Toselli, Liman und ich näheres angeben, befanden sich in Haft: wegen wegen Mordes.................. 76 Unzucht................. 11 Diebstahls............... 63 Selbstmordversuches...... 11 Körperverletzung......... 47 Bebellion................ 5 Landstreichens........... 46 Vergiftungsversuches..... 3 Brandstiftung............ 16 Verleumdung............ 2 Betruges................ 17 Richter sagt, dass, abgesehen von den Fällen von larvirter Epilepsie, die Epileptischen die weitaus grösste Zahl schwerer Verbrechen, Morde, Einbrüche u. s. w. begehen. Mehrere römische Kaiser waren epileptisch, z. B. Caligula, Julius Cäsar. • x Bei Keafft -Ebing, Lombeoso, Tamburini, Liman, Bonfigli (s. Arch. di Psich.). Lombroso, Der Verbrecher. I. 32 498 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 13. Larvirte Epilepsie. — Die Wuthanfälle oder, besser gesagt, das psychische Aequivalent der Epilepsie bilden durch ihr plötzliches Auftreten, durch das Uebermaass an un- motivirter Grausamkeit vor den Augen des aufmerksamen Beobachters ein Momentbild von dem eigentlichen Zustande des Epileptischen, eine Karikatur des Verbrechens. Auch die Abstumpfung der Sinne, die vorübergehende Betäubung, welche den Anfällen folgen und sie begleiten, sind nichts als der gewöhnliche und oft angeborene Zustand der Epileptischen. Man wird einwerfen, die Wuth bekunde durch ihren plötzlichen Ausbruch sich sogleich als eine krankhafte, insbesondere durch die darauf folgende Amnesie. Indes fehlt es doch nicht an Fällen, wo sogar im Aequivalent, in der epileptischen Wuth, die That mit Vorbedacht zu geschehen und mit dem Vortheil des Betreffenden vereinbar zu sein scheint, auch wohl sich lange hinausziehen und ruhig vor sich gehen kann, so dass sie einer verbrecherischen That völlig gleichkommt. Samt, Tamburini, Bonfigli, Toselli und neuerlich Ecchevbreia haben festgestellt, dass es Fälle giebt, wo nach dem zweifellosesten psychischen Anfalle die Erinnerung klar vorhanden war und erst später sich verwischt hat. Ein solcher Fall ist folgender, den Tamburini (in Rivista di freniatria. 1876) mittheilt. V. S. steht unter der Anklage wegen Diebstahls. Seit frühester Kindheit ungehorsam und was man ein mauvais sujei nennt, zeigt sich bei ihm im 20. Lebensjahre ein somnambuler Zustand, im 20. Krämpfe; er misshandelt sein Weib, macht Betrügereien u. dgl. m. Er verliebt sich in eine Dame, die von seiner Verheirathung nichts Weiss und ihm die Thüre weist, nachdem sie davon erfahren hat. Darüber wüthend, zerschlägt er das Mobiliar, schreibt unverschämte Drohbriefe, dringt eines Tages mit zwei Pistolen bewaffnet, die er von der Dame zu dem Zwecke erhalten, haben will, dass er sie damit tödte, wenn sie ihm untreu würde, bei ihr ein, schiesst auf sie und einen Diener, schlägt zwei Thüren ein und verfolgt die Dame. Bei seiner Verhaftung sieht er aus, als wäre er schlaf- Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 499 trunken. Im Verhöre ist er ruhig, erinnert sich alles Geschehenen und klagt sich selbst an. Thouriot, der Enkel eines apoplektischen und Sohn eines schmutzigen, durch Selbstmord endenden Juden und einer öffentlichen Dirne, ist Soldat, Buchhändler, Bildhauer gewesen. Er klagt über Anfälle von Betäubung und einen Zustand, in welchem er den Drang verspürt, irgendwen umbringen zu müssen. Die Anfälle dauern 1 bis 3 Tage. Während dieser Zeit lässt es ihn nicht ruhen, er muss irgendwelche Gewalt- that begehen. "Während eines solchen Anfalles verlässt er einmal seinen Laden, kauft ein Messer, verbringt die Nacht mit einer Bublerin, überlegt am Morgen, ob er sie umbringe, geht dann mit dem Messer in der Tasche fort, irgendwen zu tödten. Im Laufe des Tages sitzt er in einem Gasthofe und schreibt, während man ihm etwas zu essen bereitet, ihm sei es bestimmt, auf dem Schaffet oder auf der Galeere zu enden; er werde sofort Jemanden umbringen, er wisse noch nicht, wen, ob die Magd oder die Wirthin. Die Magd bedient ihn; er tödtet sie. Im Gefängniss ist er ruhig. In der Irrenanstalt entdeckt man später, dass er in jener Nacht epileptische Anfälle gehabt hat. Zeugen sagen aus, dass er als Buchhändlergehülfe unzüchtige Handlungen vorgenommen habe und deshalb entlassen worden sei. Ein anderes Mal verlor er in der Nähe eines Ofens das Bewusstsein und wäre beinahe verbrannt. (Legrand du Saullb: De Tepilepsie. 1876.) Botkin theilt (in Kowalewskts Russ. Archiv f. Psych., Neurol. und gerichtl. Mediz. Charkow) den Fall eines Soldaten mit, der in 15 Monaten 16 Disciplinar- uud andere Vergehen begangen hatte. Die Strafen erbitterten ihn, ohne ihn zu bessern. Er misshandelte einen Officier. Man hielt ihn für einen verstockten Verbrecher und führte zum Beweise an, dass er nichts von allem wissen wolle, während ihm doch andere Dinge im Gedächtniss geblieben seien. Eine genauere Untersuchung ergab jedoch, dass er einer Familie entstammte, wo in drei Generationen 5 mal Irrsinn sich gezeigt hatte. Von Kindheit an hatte er ein trauriges, eigensinniges Wesen gehabt und war von allen Schulen entlassen worden. Seine 32* 500 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Familie betrachtete ihn als eine Plage. Späterhin kam die Epilepsie zum Ausbruch. Holtzapfel, Konditorgehülfe, 19 Jahre alt, stand in schlechtestem Hufe. Eines Nachts durchschnitt er den Klingelzug, der von der Gehülfenkammer zu dem Zimmer der Herrin führte, zündete Licht an, schoss auf einen seiner Kameraden, dann auf seinen erwachenden Freund (Beide starben später), stieg in den Hof binab und rauchte eine Cigarre. Entwaffnet, kleidete er sich an, meldete sich bei der Polizei und gab an, die Schüsse seien losgegangen, als man ihm den Revolver entriss, wobei er aufgewacht sei. Seit seiner Kindheit sei er ein Nachtwandler, und am Abend vor der That habe ihm eine Stimme zugerufen: „Schiess!" was er auch seinen Kameraden mitgetheilt habe. Es ergab sich später, dass er gestohlen und Feuer angelegt hatte, weshalb man vermuthete, er habe die Absicht gehabt, die Leute zu tödten, um desto ungehinderter das Haus ausräumen zu können. Im Verhör hält er sich an Kleinigkeiten und erinnert sich der wichtigen Umstände nicht. Man glaubt, er simulire, obgleich es sich herausstellt, dass zwei seiner Oheime epileptisch, eine Grosstante irr, der Sohn eines Grossonkels schwachsinnig und ein anderer epileptisch war. Er wurde verurtheilt. Später (im Zuchthaus zu Halle) stellte Delbrück fest, dass H. wirklich an epileptischen und somnambulen Zufällen litt. Auch Liman, der sich früher für Simulation ausgesprochen hatte, überzeugte sich nunmehr. Melloni, Sohn einer epileptischen Mutter, von väterlicher Seite Enkel einer an Schlagfluss Verstorbenen, litt seit seinem fünften Jahre, nach den Pocken, an epileptischen Schwindelanfällen mit kurzdauernder Bewusstlosigkeit. Bis dahin sanft und liebevoll, wurde er jetzt sehr reizbar, beging wunderliche Dinge, sprang nachts halbnackt zum Fenster hinaus, wälzte den Kopf im Schnee u. dgl. m. Seitdem nannte man ihn den Tollkopf; auch lernte er weder lesen noch schreiben. Im Alter von 12 Jahren machte er einen schweren Typhus durch. Im Militärdienst, aus dem er nach 40 Tagen entlassen wurde, sass er fast nur im Gefängniss, nachdem er einmal den Fleisch- Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 501 korb, den er tragen sollte, mitten auf der Strasse hatte stehen lassen. Darauf betrieb er einen Handel, wobei er viel zu Fuss und zu Pferde unterwegs war und häufig stürzte; er ergab sich nun auch dem Trünke, machte sich in den Jahren 1871—75 des Diebstahles u. s. w. verdächtig, verheirathete sich mit einer Frau, die er drei Jahre geliebt hatte, und misshandelte sie in unsinnigster Weise drei Tage nach der Hochzeit. Am 22. Mai 1876 gerieth M. in "Wortwechsel mit einem gewissen Gononi, trennte sich aber in Güte von ihm; am 28. trifft er denselben in der Schenke und stösst ihn nieder, nachdem er schon die Absicht dazu vor Anderen geäussert hatte. Gleich nach der That versteckt er sich im Felde, wo er die Nacht verbringt. Beim Erwachen weiss er von nichts; als er aber erfährt, dass Gononi gestorben sei, stellt er sich selbst und gesteht, dass er das Verbrechen, aber nicht mit Vorbedacht, begangen und dass er das Messer nur zufällig bei sich getragen habe. Im Gefängniss hat er konvulsivische Anfälle mit Bewusstseinsstörung, die oft vier Tage dauern. Ein Jahr danach bekommt M. einen Anfall von Manie mit Schwindel. Er weiss nichts mehr von dem Morde, als das, was man ihm erzählt hat. — Während einer Nacht bricht er in einen Wuthanfall aus und fällt über die Wärter her. Seine Pupillen sind erweitert und reagiren nicht gegen das Liebt. Am Morgen weiss er noch, was nachts geschehen ist, im Laufe des Tages hat er alles vergessen. Bonfigli [JRiv. di fren. IV. fasc. 2—3, S. 470). Misdea, 22 Jahre alt, Soldat. Sein Grossvater war beschränkten Geistes, zwei seiner Oheime blödsinnig, ein anderer zornmüthig und bizarr. Er ist mit einer Hysterischen ver- heirathet, deren zwei Brüder Diebe sind. Von seinen eigenen fünf Brüdern sind zwei äusserst reizbar, einer ist epileptisch, trunksüchtig, wegen Körperverletzung bestraft und Vater eines wegen Unzucht verurtheilten Sohnes. — Körperlänge 1,63 m, Körpergewicht 59 kg, Haupthaar dicht und voll. Am Schädel eine Knochennarbe. Der Vorderkopf ist kielförmig, der rechte Tuber. front, und die linke Hinterhauptshälfte vorspringend, die linke Schläfengegend platt, die Stirnbasis ein- 502 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. gedrückt; Stenokrotaphie; die Wangenbeine stark vorspringend, besonders das reckte; leicktes Scbielen nacb innen auf dem linken Auge. — Er klagt über beftigen Kopfscbmerz. Wider- spricbt man ibm, so^bekommt er Zuckungen im Gesiebt, dieses und die Augen werden rotb. Mit 16 und 19 Jabren wurde er wegen Körperverletzung und Diebstahls, später wegen verbotenen Waffentragens bestraft. — Vom Februar 1883 bis März 1884 befand er sieb 9 mal wegen Scbwindelanfällen im Lazaretb. Er galt für etwas verrückt. Er ist immer oder doeb zu Zeiten ganz berzlos. Denkt er an den Kummer seiner Mutter, so rübrt ibn das wobl, dann aber wieder behauptet or, niobts für sio zu fühlen, er basst obne Ursacbe, sagt zwar, er liebe seine Mitgefangenen, könnte ibnen aber beim mindesten Widerspruch das Herz ausreissen, und begt noeb immer .Rachegefühle gegen die von ibm Ermordeten. Intelligenz und Gedäcbtniss sind sebwacb. Scbwatzbaft, unlogisch, ist er unfähig, einen abstrakten Gedanken su fassen, verstockt bei seiner Verteidigung, es sei denn, dass ihn die Leidenschaft plötzlich fortreisst. Aeusserst faul wie er ist, fällt ihm der Aufenthalt im Gefängniss nicht schwer; da könne man ja nach Gefallen schlafen; er gesteht ein, dass er sich beim Regiment gern habe strafen lassen, um die Uebungen nicht mitmachen zu müssen. Als er eines Tages etwas angetrunken in die Kaserne zurückkommt, glaubt er beleidigende Worte gegen die Oala- bresen zu hören und bedroht alle Kameraden. Ein Unteroficier kommt dazu; man schweigt. Auf einmal hört man Schüsse fallen, Misdea hat einen Soldaten mit einem Flintenscbuss hingestreckt, drei andere, die schon im Bette lagen, schwer verwundet, drei andere versteckten sich auf dem Abort; Alles flieht. Da M. sich allein sieht, schiesst er vom Fenster aus auf die Soldaten im Hofe. — Ein Sergeant tritt ins Zimmer und fragt: „Wo ist der Soldat, der geschossen bat." Als Antwort erhält er einen Schuss in den Schenkel. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 503 Während dieser Blutscene bleibt M. ganz kaltblütig und sagt zu einem Calabresen: „Fürchte dich nicht, ich thue dir nichts, denn du bist ja mein Landsmann." — Als man ihn festnehmen will, wehrt er sich mit Händen und Füssen, beisst um sich, und als man ihm die Zwangsjacke anzieht, ruft er: „Die ist für Betrunkene und Verrückte; ich bin weder verrückt noch betrunken." Dann verfällt er in einen langen Schlaf (wie das bei der larvirten Epilepsie der Fall ist), hat aber beim Erwachen nichts von dem vergessen, was er gethan, giebt jedoch der Sache eine andere Wendung. Er ist stolz auf seine Mordthat: Man werde an ihn denken und seiner in den Zeitungen erwähnen. Dann rühmt er sich noch dreier Mordversuche auf Bürgerliche. Bei Misdea erinnert alles an den Gewohnheitsverbrecher wie an den moralisch Irrsinnigen und zwar in höherer Potenz, zu der die Epilepsie ihren Beitrag geliefert hat; seine abnorme Schädelbildung, seine Muskelkraft (obgleich nur 33—37 kg am Dynamometer), sein blindes Draufschlagen und die Kaltblütigkeit dabei, die ungemeine Reizbarkeit, die Eitelkeit, die stereotypen Redensarten, die Gefühllosigkeit u. s. w., dann der Abusus spirituosorum, die Schwindelanfälle, die früheren epileptischen Anfälle, der Schlaf nach der Mordscene und vor allem seine Verwandtschaft mit Epileptikern, Irrsinnigen, Idioten und Verbrechern. Alles das erkannte man, auch von Seiten der öffentlichen Anklage, an. Vor Misdeas Hinrichtung kam noch der eigentümliche Zug hinzu, dass er in einer Anwandlung religiösen und kindlichen Gefühles an seine Mutter schrieb und am Schluss des in seiner Art zärtlichen Abschiedsbriefes die kindische und im vollsten Kontrast mit seiner Lage stehende Aeusserung hinzufügte: „Ich schreibe das, während ich eine Oigarre rauche." In jenen Beispielen war der Anfall von psychischer Epilepsie nichts weiter, als die Fortsetzung früher vorhandener Triebe. Vorbedacht und vollständige oder fast vollständige Erinnerung sind vorhanden; es unterscheidet ihn nichts von 504 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. einem verbrecherischen Akte. und solch ein scheinbar vernünftiger Zustand kann tage-, sogar monatelang dauern. Krafft-Ebing sagt: Oft folgt dem Anfall ein dem somnambulen ähnlicher Zustand, in welchem der Kranke das Bewusstsein von dem, was er thut, zu haben scheint; er spricht zusammenhängend, beschäftigt sich regelmässig und das alles ohne Bewusstsein, so dass er später nicht weiss, was er verrichtet hat. Dieser Zustand von Seelenblindheit kann lange und sogar von einem bis zum anderen Anfall anhalten. 14. Zu spät erkannt. Man wird mir einwenden, dass in allen jenen Fällen offenbar epileptische Anfälle vorausgegangen sind. Darauf ist zu entgegnen, dass in mehreren, z.B. in dem von Thouriot d. J., das Vorhandensein der Anfälle erst nach der Verübung des Verbrechens oder nach Fällung des Urtheils bekannt wurden und öfter nur durch Zufall. Magnan erzählt: Der 17jährige August N. schlug seinem Bettgenossen mit einer Keule den Schädel ein. Man verhaftet ihn sofort, er recitirt lateinische Verse und Kirchenlieder; das dauert fünf Tage lang, bis er endlich zu sich kommt und von seiner That keine Ahnung hat. Er erinnerte sich nicht, jemals einen epileptischen Anfall gehabt zu haben, nur dass er im Alter von 3 Jahren ins Feuer und 8 Jahre alt bewusstlos von einem Baume gestürzt sei und Milch, die er zu tragen hatte, oftmals unterwegs verschüttet habe. In der Irrenanstalt beobachtete man schliesslich einen epileptischen Anfall bei ihm. Legrand du Saulle wird wegen eines 9jährigen Knaben konsultirt, dessen Eltern manisch, dessen Oheim Selbstmörder und der selbst diebisch und Onanist war und Kameraden und Thiere misshandelte, zudem im Verdachte stand, an Epilepsie zu leiden, obgleich man vorher nichts davon gewahrte. Man gab ihm Bromate und erzielte eine merkliche Besserung. Wirkliche epileptische Krämpfe zeigten sich erst 11 Jahre später. D. war als ein gewaltthätiger, unredlicher Mensch bekannt und mehrmals wegen Pferdediebstahles — er war Rosskamm — in Untersuchung. Legrand beobachtete bei ihm zufällig Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 505 während der Nacht einen epileptischen Anfall, wovon Niemand his dahin etwas wnsste. C, sehr erregbar und phantastisch, nässte als Kind ins Bett; im Alter von 18 Jahren hatte er einige Anfälle von Delirien. Als Officier war er beständig im Hader mit seinen Kameraden. Einen leichten Fall von Delirien schrieb man einem Sonnenstich zu; wegen eines Streites in Strafe genommen, gab er seinen Abschied. 1870 trat er in Metz als gemeiner Soldat in ein anderes Regiment, schrieb an Gambetta, dass er Lieutenant und dekorirt sei, und erhielt seine Titel ausgefertigt. Da man aber dahinter kam und ihn vor Gericht zog, entdeckte es sich, dass er epileptisch sei, und er wurde freigesprochen. Sommer theilt einen Fall von Epilepsie mit, der erst nach geschehenem Unglück erkannt wurde. — Im Juni 1884 hatte der Maurer D. in einem Hotel Feuer angelegt, gestand seine That mit der falschen, von ihm auch unterzeichneten Angabe, er sei von dem Hotelbesitzer, der die Versicherungsprämie ziehen wollte, dazu gedungen worden. Im Gefängniss verfiel er in Delirium. Der Arzt bemerkte, dass D. nichts mehr von seinem Verbrechen und dessen Grund, noch davon wusste, wo er sich befand; er glaubte noch im Hotel zu sein und wollte fort. Er hatte Visionen, Verkehr mit Gott u. dgl. — Unter der gegen das Delir. potator. gerichteten Behandlung besserte sich sein Zustand, aber jenes Vorfalles erinnerte er sich niemals wieder. Er behauptete, an Schwindel und Krämpfen gelitten zu haben, was seine Frau und Bekannten leugneten. In der Beobachtungsstation hatte er zwar einmal einen epileptischen Anfall, den man jedoch für simulirt hielt. Ins Gefängniss zurückgebracht, bekam er eine Reihe so entschiedener und zahlreicher Anfälle, dass jeder Zweifel aufhörte, denn er starb auch daran. Gleichwohl hegten auch einige Aerzte noch Zweifel, in dem Glauben, die Amnesie könne simulirt gewesen sein. (Neurol G. 1884.) Ursache des Verkennens. — Die Unkenntniss der Anfälle rührt einestheils daher, dass sie besonders im Anfang oft nur nachts eintreten, so dass, wie Tkoüsseau sagt, 506 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 8—10 Jahre vergehen, ehe man Kenntniss davon erhält, andererseits gäbe es unvollständige Anfälle, von denen man niemals etwas erfährt (Clinique medicale. 1868). Aus diesem Grunde nimmt man allgemein an, dass es eine besondere Art von Epilepsie gebe, wo die Konvulsionen fehlen, aber Bewusstseinslücken und Sehwindel oder Neigung zu Ausschweifungen und zum Diebstahl an ihre Stelle treten. 15. Unzüchtige Handlungen oder Grausamkeiten sind dergleichen Dinge, die von anständigen Leuten plötzlich vorgenommen werden. Kiernan erzählt von einem sehr ehrbaren Manne, Namens P., der 2 bis 3 mal im Jahre 8—14 Tage lang an Wuthanfällen mit Tiefsinn und an päderastischen Gelüsten, ferner von einer Dame, die im kritischen Alter an Schwindel- und epileptischen Anfällen und an verbrecherischem Gelüst nach einem kleinen Knaben litt. Tarnowsky theilt (im Petersburger Boten f. Psych. 1884) Fälle von epileptischem Schwindel mit, der von intermittiren- den Wollustgefühlen begleitet war und zwar bei ganz ehrbaren Männern, die sogar ein Vorgefühl von den Anfällen hatten. Ein junger Mann, bei dem später die Epilepsie sich entwickelte, wollte seine Geliebte besuchen, fand sie nicht zu Hause und fiel über einen 17jährigen Jungen her, um ihn zu missbrauchen; als die Dienerin auf das Geschrei hinzulief, warf er sich auf diese und gebrauchte sie; darauf legte er sich ins Bett, schlief 12 Stunden lang und wusste nur von diesem letzten, aber nichts von dem vorangegangenen Vorfall. — Ein anderer Mann litt 8 Tage lang an Verstimmung, plötzlich fordert er eine Freundin seiner Frau in Gegenwart der Letzteren auf, sich ihm zu ergeben; zurückgewiesen, wendet er sich an seine Frau, und als diese auch nicht einwilligt, verfällt er in Wuth, zerreisst seine Kleider, bedroht die Nachbarn und verbrüht schliesslich sein Kind mit kochendem Wasser. Erst einige Jahre nach diesem Vorfall brach die Epilepsie aus. Diese Thatsachen führen auf die noch scheusslicheren Beispiele von Kannibalismus, der sich bei dem bekannten Bertrand bis zu dem Ausgraben halbverfaulter Leichen von Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 507 Frauen jeden Alters verstieg, wobei der Wollüstling an vollkommener Anästhesie litt. Bei dem 17jährigen Verzeni, der früher ein wohlgesitteter Mensch war, aber einer kretinösen und pellagrösen Familie entstammte, trat das Gelüst mehrmals im Jahre periodisch auf; 2 Frauen von den 7, die er im Jahre 1872 erwürgte, schnitt er in kleine Stücke. Er bekannte mir, dass er bei dem Zuschnüren des Halses seiner Opfer, besonders aber bei dem Zerstückeln der Leichname und dem Aussaugen des Blutes die höchste Befriedigung der Wollust gefunden und in diesen Augenblicken enorme Körperkraft besessen habe. Er litt öfter an Amnesie. Aehnliches war der Fall bei Grarayo, der, von Trunkenbolden abstammend und früher ehrbar und gutmüthig, nach einer Kopfverletzung und infolge einer unglücklichen Ehe plötzlich Schwindelanfälle bekam und Frauen — meist ältere Mädchen — missbrauchte und erwürgte. Er verwundete 7 und tödtete 6, inden er ihnen einen Stich in die Brust versetzte, den Bauch aufschnitt, die Eingeweide herausriss und Stücke davon beiseite legte, um sie zu verzehren. A.uch hier geschah das periodisch (im Frühling und Winter). Die Beweise für larvirte Epilepsie finden wir bei diesen Fällen im Schwindel, in der Abstammung von Alkoholisten, in dem periodischen Auftreten der Anfälle, in dem (plötzlichen) Kontrast zwischen: dem bisherigen und nunmehrigen Verhalten, in den kannibalischen Lustgefühlen und in körperlichen Anzeichen. Magnan führt als Beispiel von epileptischem Irrsein einen Fall an, in welchem ein Individuum niemals Konvulsionen, aber ausgesprochene intermittirende Anfälle hatte. So stand er einmal nachts, trotz der Abmahnung seiner Mutter auf, ging halbnackt auf die Strasse, mit einem Messer in der Hand, und tödtete vorübergehende Leute. 6 Tage blieb er danach in einem Zustande von Bestürzung und vergass dann alles Vorgefallene. Man wusste bestimmt, dass er niemals Krämpfe gehabt hatte, wohl aber, dass er von Zeit zu Zeit sein Haus verliess, zwei Tage ausblieb und dann erschöpft und unbekannt mit allem, was ihm begegnet war, zurückkehrte. 508 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Preganö, dessen Geschichte Tonnini mittheilt, hat nie an epileptischen Krampfanfällen gelitten. Er galt als ein Muster für christlichen Lebenswandel, als er im Alter von 52 Jahren, plötzlich vom Schwindel ergriffen, 3 seiner Kinder, die er sehr liebte, in einen See stürzte, die Leichname wieder herausfischte und die Leute glauben machte, sie seien verunglückt. Zwei Monate darauf befand er sich mit seiner 18jährigen Tochter an demselben See, bekam wieder einen Schwindelanfall, glaubte eine Stimme zu hören, die ihm zurief, „wo die Anderen geblieben sind, muss sie auch sterben", und tödtete sie mit einem Beilhieb; darauf versuchte er sich von einem Felsen hinabzustürzen. Gegenwärtig ist er heiter, respektvoll, hülfreich mit E.ath und That bei den Kranken, hat aber eine grosse Meinung von seiner Arbeitskraft und seinen Ideen. „Sie könnnen meinen Kopf messen," sagt er, „werden aber nie erfahren, wessen er fähig ist." — Uebrigens ist sein Schädel skaphoid und schief, desgleichen Gesicht und Nase, die Ohren henkeiförmig, die Hautsensibilität stumpf, der Geruch dagegen äusserst fein. Zwei seiner Brüder waren irrsinnig. Er selbst hatte bei einem Pharmaceuten in Dienst gestanden, der im Verdacht stand, seine Frau vergiftet zu haben, wobei Pr. geholfen, ebenso, dass er den Tod des Apothekers (auf den ein Sohn in einem Anfall von Irrsinn in P.'s Gegenwart einen Mordanfall gemacht hatte) befördert haben soll, um von ihm zu erben. Bemerkenswerth ist die grosse Liebe, mit welcher P. an seinen Kindern hing, und die so weit ging, dass er sie aller beschwerlichen Arbeiten überheben wollte. 16. Schwindel. —Alle jene plötzlichen und impulsiven Anfälle, die wir mit dem Namen Verbrechen bezeichnen, kommen weit häufiger bei Epileptikern vor, die nur an Schwindel leiden, und werden aus diesem Grunde nicht richtig erkannt. Schon Esqtjirol bemerkte, dass die Schwindelanfälle weit mehr als die Krämpfe den Geist zerrütten, und Helmhaus (Brit. med. Joum. 1883) führt auf Grund von Beobachtungen an 250 Epileptikern aus, dass diejenigen Epileptiker, welche an Krämpfen leiden, seltener als die anderen, die nur Schwindel- Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 509 anfalle haben, wenigstens zeitweise, geistesgestört sind. Auch .jVIagnan sagt und mit Recht, dass Geistesabwesenheit und Schwindel weit mehr als Krampfanfällle bei den tieferen Graden von Geistesstörung vorkommen. Unter allen diesen Fällen von Schwindel mit Liebes- wuth und Blutgier giebt es allmähliche Uebergangsstufen, die auf Rechnung des gewöhnlichen Verbrecherthumes fallen. 17. Physiologie. — Gegenwärtig, seitdem man weiss, dass Epilepsie nichts anderes als eine Entladung der Hirn- rindencentren ist, hat man eine Erklärung dafür. Die Reizung und die Entladung betreffen in jenen Fällen die psychischen Centren, unter Verschonung der psychomotorischen. Es findet hier derselbe Vorgang wie bei den Paralysen statt, die weit häufiger auf sehr leichte epileptische Anfälle eintreten, — und das erklärt sich so: je heftiger die Entladungen, desto diffuser, desto weniger sind sie auf bestimmte Gegenden beschränkt und desto weniger werden letztere zerstört (GoWERS). Der physiologische Nachweis für die jACKSONSche Hypothese, wonach die epileptische Konvulsion nichts als eine Reizerscheinung der motorischen Zonen des Hirnmantels, die epileptische Hallucination nichts als eine solche der sensorischen Centren und die Bewusstlosigkeit (der epileptische Impuls zum Verbrechen) nichts als eine Entladung der höheren psychischen Centren in den Vorderlappen ist, wurde von Albertini und Luciani und neuerdings von Rosenbach (Ueber Pathogenese der Epilepsie in Virchoivs Arcli. 1884) geführt. Jackson selbst sagt: „Ein epileptischer Anfall ist nichts als eine rasche und starke Entladung der grauen Masse, die anstatt allmählich, auf einmal sich entladet und zwar infolge eines schlechten Ernährungszustandes. Es ist nicht immer erforderlich, dass Konvulsionen auftreten, schon in lokalen Entladungen kann Epilepesie bestehen, sogar blosse Geruchstäuschungen können einen epileptischen Anfall repräsentiren" etc. Der Verlust des Bewusstseins, sagt Hammond, unterscheidet sich in nichts von den anderen Symptomen; auch das 510 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Bewusstsein hat seinen bestimmten anatomischen Sitz; wird dieser berührt, so tritt es auf, sonst nicht. So hat Rosenbach mittelst schwacher elektrischer Ströme auf die psychomotorischen Centren partielle Epilepsie hervorgerufen, die sich in einen vollständigen epileptischen Anfall umbildete, sobald sie die anderen Muskelgruppen erreichten, während mit einem sehr energischen, von den psychomotorischen Zonen auf die nicht erregbaren übergehenden Strom sich sofort ein voller epileptischer Anfall erwirken Hess. — Das Bewusstsein braucht nicht verloren zu gehen und die Erregbarkeit der Rinde kann ungestört fortbestehen, falls durch schwache direkte Reizung der psychomotorischen Centren partielle, auf eine Extremität oder Körperhälfte sich beschränkende Konvulsionen hervorgerufen werden. Demnach kann man durch Reizung eines und desselben Centrums die verschiedensten Formen von Epilepsie hervorbringen, also die konvulsive Form, wenn eine Entladung der motorischen epileptischen Zone stattfindet, — Schwindel oder Impulse zu Verbrechen, wenn die Reizung und Entladung über die Stirnwindungen nicht hinausgeht. Es geschieht das indes leicht dadurch, dass, wie Chärcot und Pitres gezeigt haben, die epileptogenen Rinden- affektionen sich nicht streng an engbegrenzte Stellen halten, die Reizung eines Feldes vielmehr unschwer auf die Nachbarfelder überspringt. Die Erscheinungen der epileptischen Aura sprechen nicht gegen die Lokalisation der Epilepsie auf der Hirnrinde, sondern bestätigen sie sogar; sie sind der Ausdruck der excentrischen Projektion seitens der sensoriellen Centren und treten deshalb fast immer im Bereich der Sinnesorgane auf. Dazu kommt, dass die Aura oft nichts als eine kompli- cirte Hallucination, .ein psychisches Symptom ist z. B. als Angst, impulsiver Zustand, und dass eine sensorielle Aura auch beim petit-mal nach Gowers in 55% sich äussert. Die motorische Aura, z. B. das Einschlagen eines oder mehrerei' Finger, lässt sich sehr gut durch eine umgrenzte Reizung der psychomotorischen Rindencentren erklären. Es ist hier der Ort, auf die auffälligen anatomischen Un terschiede zwischen Epileptikern und Verbrechern aufmerk- Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 511 sam zu machen. 1 Das mikrokephale Vorderhaupt der Verbrecher mit seinem geringen vorderen Umfange und dem schmalen unteren Stirndurchmesser, dem niedrigen und platten Stirnheine, die Sklerose desselben und das Hervortreten der Stirnhöhlen sind Dinge, die bei den Epileptikern mit Konvulsionen nicht so häufig vorkommen. Daraus erklärt sich, warum sich bei ihnen die verbrecherischen Handlungen wiederholen, als Folge des Mangels an Vorsicht und Gewissen, vorzüglich aber wegen Beeinträchtigung der in den vorderen Stirnlappen befindlichen Hemmungsorgane, die den aufsteigenden Impulsen den Zügel anlegen sollten. Die Impule selbst dürften wohl in der ausserordentlichen, auf Plagiokephalie beruhenden Asymmetrie des Gehirnes und in der einseitigen Fnnktionirnng desselben begründet sein, welche diese Leute buchstäblich zu solchen macht, die das Gleichgewicht verloren haben. Bei den konvulsivischen Formen walten Anomalien der Scheitel- und der Prä central Windungen vor. 18. Aetiologie. — Das Gesagte wird noch kräftiger bestätigt durch die Aehnlichkeit der ursächlichen Verhältnisse, wie die geographische Vertheilung sie uns darbietet. Ich habe mit Dr. Rossi zusammen die Listen der italienischen Verbrecher und die der Epileptiker, die vom Militärdienst befreit sind, durchmustert, und wir haben für unsere 69 Departements folgende Zahlen gefunden. Die Durchschnittszahl der Epileptischen im Königreich beträgt 24 auf 100 000. Von 35 Departements, wo die Durchschnittszahl der Epileptischen geringer ist als die allgemeine, sind: 25 Dep., wo die Durchschnittszahl der Verbrechen : Aufruhr etc., 25 „ „ „ „ „ „ gegen die Sittlichkeit, 23 „ „ „ „ „ „ Mord u. Todtschiag ebenfalls geringer als die allgemeine ist; von 32 Departements, wo die Durchschnittszahl der Epileptischen höher ist als die allgemeine, sind: 1 Makro (Wahreeichen der Verbrecher) fand die Stirn bei: 119 Verbrechern schmal in 86%, niedrig in 40% 119 „ breit „ 13%, hoch „ 58% 119 Normalen schmal „ 59%, niedrig „ 15% 119 „ breit „ 41%, hoch „ 84% 512 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. 11 Dep.,wo die Durchschnittszahl der Verbrechen: Aufruhr etc. 13 „ „ „ „ „ „ gegen die Sittlichkeit, 13 „ „ „ „ „ „ Mord u. Todtschlag ebenfalls höher als die allgemeine ist. Die beiden Departements (Chieto und Reggio in Calabrien), •wo die Zahl der Epileptischen mit der Durchschnittszahl im ganzen Königreich gleich ist, haben dafür höhere Zahlen für das Verbrechen in allen 3 Kategorien. Die 7 Departements, wo ausnahmsweise die Zahl der Epileptischen geringer und die der Verbrecher höher ist, haben eigenthümliche Verhältnisse, erstlich Rom als die Hauptstadt, dann Campobasso, Avellino und Potenza mit ihren Traditionen und Resten von Räuberbanden. Bei den 14 Departements, in denen die Epilepsie stärker verbreitet ist als das Verbrechen, befinden sich 5 (Bergamo, Como, Sondrio, Porto-Maurizio, Massa), in denen Kropf und Kretinismus herrschen, -wozu sich die Epilepsie häufig gesellt. Demnach würde es an Uebereinstimmung zwischen den beiden Geissein nur in 23 unter den 69 Departements fehlen, und bei 9 dürfte das auf anderen Einflüssen beruhen. In einigen Departements ist das Missverhältniss wohl nur scheinbar, z. B. in Ravenna, Porli, 1 Palermo. Da kann man sagen, dass die Zahl der Epileptischen die der Verbrecher ersetzt und die Statistik berichtigt. Die Uebereinstimmung der drei Kategorien des Verbrechens unter sich und mit der Epilepsie ist unleugbar höchst auffällig. Nur in einigen Fällen gestattet sie einen Zweifel, so in Lecce und Venedig bezüglich der Aufruhrvergehen; in Syrakus und Grosseto bezüglich der Verbrechen gegen die Sittlichkeit; in Pisa bezüglich der Epilepsie. 1 Interessant ist die Antwort, die mir vor einigen Tagen ein junger Mensch aus Forli gab, als ich ihm Vorwürfe machte, dass er sich schon wieder wegen Körperverletzung im Gefängniss befinde: „Aber, mein Herr, ich bin aus Porli!" Unter Boaglis Proverbi romagnoli (1886) findet sich folgendes Gespräch aus Rimini: Pr.: „Nicht wahr, Mutter, eine Ohrfeige verdient einen Dolchstich ?" A.: „Freilich, mein Sohn, das steht fest wie das Evangelium." Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 513 Das Alter der Eltern liefert eine weitere Aehnlichkeit. Marro hat vor kurzem nachgewiesen, dass die Verbrecher sowohl, namentlich die Mörder und Diebe (52% und 37%), als auch die Epileptischen (47%) weit öfter und zwar noch einmal so häufig aus den Ehen bejahrter Eltern hervorgehen als die normalen Individuen (24,9%). Dieselbe Bemerkung macht er auch bei den, von ihm allerdings in geringer Zahl beobachteten moralisch Irrsinnigen. Das häufige Vorkommen der Epilepsie in den Jugendjahren ist sehr wichtig für den Nachweis des kongenialen Ursprunges wie auch der Aehnlichkeit mit Moral insanity. 1 Für die Verbrecher habe ich ähnliches nachgewiesen. Aus der im kritischen Alter, wie Griesinger angiebt, stattfindenden Zunahme besonders der larvirten, epileptoiden Anfälle erklären sich die wilden, von zuvor ehrbaren Personen verübten Verbrechen, z.B. Garayos. Unter den weiteren Ursachen sind besonders folgende fünf wegen ihrer Aehnlichkeit mit den Ursachen zum Verbrechen auffällig, nämlich Alkoholismus, Trauma, Meningitis, Exanthem, Osteom (s. Tabelle 34). Ich habe schon (im Archiv. Psich. TU. 43) nach eigenen und vieler Anderen Beobachtungen darauf aufmerksam gemacht, wie häufig ganz gesunde Menschen in folge von Kopfverletzungen in einen Zustand von Reizbarkeit verfallen, Diebesneigung bekommen u. dgl. m. Derartige Verletzungen finden sich häufig (17 %) bei den Verbrechern. Das von Leidesdorf, Battanoli und Frigerio als Krankheitsursache der Epilepsie angegebene Vorkommen von Osteomen habe ich gleichfalls bei 3 unter 90 verbrecherischen Irren beobachtet. Die Häufigkeit des Alkoholismus bei Eltern von Verbrechern ist etwas Bekanntes. nach 1 Herpik Reynolds HAMMOND GOWBRS Von 0—10 Jahren 15 19 60 422 „ 10—20 20 406 329 651 „ 20-50 „ 9 45 143 422 ,, 50-80 „ 6 2 40 21 Lombroso, Der V erbrecher. I. 33 514 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Typhen und fieberhafte Exantheme werden von Irrenärzten oft als ursächliches Moment für Moral insanity aufgeführt. Meningitis hat Flesch hei der Hälfte seiner Fälle gefunden. Die berüchtigtsten unter den Verbrechern: Lemaire, Bönoist, Momble, Seger, Greeman, Gruiteau, Grranier, Faella hatten Meningitis. Lasegue hat schon vor Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass gewisse Formen in früher Tabelle 34. « Ursachen. Bei 206 Hammond Bei 60 Beynolds Bei 128 Leides- DORP Bei 428 GOWERS Furcht, Schreck u. s. w. ... Erste Zahnung; Indigestion. 15 11 10 17 15 11 10 3 3 104 29 9 9 16 24 4 13 7 4 3 2 2 67 186 35 27 65 72 6 13 Kaltwasserkur? ........... Erster Coitus Hysterischer . Kindheit auftreten, wieder verschwinden und im reiferen Alter plötzlich unter der Form verkehrter und impulsiver Handlungen aufs neue erscheinen. Man kann mir einwerfen, dass moralische Ursachen bei der eigentlich sogenannten Epilepsie weit häufiger, als bei der Moral insanity und sogar verschieden in ihrer Wirkung vorkommen, indem bei letzterer Aerger, bei der Epilepsie Furcht den Ausschlag giebt. — Das ist allerdings wahr, und Mosso, 1 Ausserdem: Entozoen 6. — Asphyxie 9. — Bleivergiftung 6. — Tabak 1. — Chronisches Nierenleiden 2. — Künstliche Anästhesie 1. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 515 der diese Sache vorzugsweise studirt hat, ertheilt nachstehende Auskunft darüber. „Ich glaube, es giebt keine Gemüthsbewegung, die so stark auf die Kontraktion der Blutgefässe wirkt, wie die Furcht. Ihre Polgen werden besonders durch die plötzliche Wirkung und dadurch so ernst, dass eine grosse Menge von Nervenkraft dabei zu Grunde geht. Die Depression und Erschöpfung, welche ihr stets folgen, sind grösser als bei jedem anderen psychischen Vorgang. Die Ernährungsstörung der Nervencentren ist die erste Bedingung zur Entvvickelung der Epilepsie." „Schmerz und Gemütsbewegungen, wenn sie nach und nach das Nervensystem befallen, haben deshalb nicht so schwere Polgen, weil die durch Elektrizität oder mechanisch gereizten Nerven in diesem Palle nicht durch Gefässkontraktion reagiren. — Je akuter eine Ursache ist, um so rascher und unmittelbarer erfolgt die Wirkung." Die direkte Erblichkeit der Epilepsie fällt hierbei nicht erheblich ins Gewicht, ausser in den nicht seltenen Fällen (14 % nach Virgilio), wo moralisch Irrsinnige und Verbrecher epileptische Eltern haben. Knecht fand unter 400 Verbrechern 60, deren Verwandte epileptisch waren, 24 mal die Mutter, 14 mal der Vater, 17 mal die Geschwister. — Nur 5 von den 60 waren selbst epileptisch und 3 von 42 hatten sehr auffällige Degenerationszeichen. 19. Die Ansichten der Irrenärzte stehen übrigens unserer Auffassungsweise schon seit längerer Zeit gar nicht so fern, wie man glaubt. „Oft sind die Leute, denen der moralische Sinn fehlt," sagt Maüdsley, „epileptisch oder schwachsinnig." Auch Keäfft-Ebing sagt (im Lehrbuch der gerichtl. Tsychiatr. 1882) von den moralisch Irrsinnigen, dass sie oft von Epileptikern, Alkoholikern oder Geisteskranken abstammen, und zählt auch unter sonstigen Anomalien die Epilepsie als ein sehr häufig vorkommendes Symptom auf; viele Verbrechen seien vielleicht nichts anderes, als verkannte Symptome von Epilepsie. 33* 516 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. Schule in seinem Handbuch der Geisteskrankheiten (1878) und Gauster (Das impulsive Irresein. 1882) sprechen von Pyromanie, Dipsomanie und Kleptomanie als Formen psychischer Epilepsie — auf Grund ihres plötzlichen Auftretens, intermittirenden Verlaufes und ihrer Periodicität in fast unveränderter Gleicbmässigkeit, wobei die häufige Hyperämie des Hirnes, das Vorhandensein einer wirklichen Aura und die Umwandlung in periodische "Wuthanfälle wohl zu beachten seien. Uebrigens hatte Griesinger schon im Jahre 1867 das Gebiet der Epilepsie so erweitert, dass gewisse periodische Neurosen, vorübergehende Hallucinationen und Bewusstseins- lücken, überrieselnde Schmerzen mit Schwindelzufällen, Herzklopfen u. dgl. m. in den Rahmen des epileptischen Zustandes aufgenommen wurden. Meine Anschauung, zu der sich Cividalli und Amato, Frigerio, Reid und Tonnini seit kurzem verstehen, hat durch die Untersuchungen des Letzteren einen besonderen Halt gewonnen. Er weist nach, dass die durch Störungen in allen oder einzelnen Hirnrindencentren hervorgerufene Epilepsie fünf Varietäten bildet. 1. Die konvulsive motorische Form, die sehr selten ist und bei gutgearteten, aber zugleich sehr erregbaren Individuen vorkommt. 2. Die psychische Form, die bei dem moralisch Irrsinnigen oder Gewohnheitsverbrecher häufig und mit besonderen Läsionen der Stirnlappen vorkommt. 3. Die sensorische Epilepsie mit Vorherrschen schrecken- erregender und impulsiver Hallucinationen, häufig bei periodisch Verrückten, die, sonst still und verträglich, plötzlich Morde begehen, Feuer anlegen, je nachdem die Gehörstäuschungen sie dazu auffordern. 4. Vollständige Epilepsie mit motorischer, sensorischer und psychischer Störung. 5. Die Miscbform von bald psycho-sensorischer Fpilepsie mit ballucinatorischen Impulsen, bald motorisch-sensorieller oder psychomotorischer Epilepsie. Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 517 Allen diesen Abarten, mit Ausnahme der auf traumatischer Ursache beruhenden Epilepsie, sind die Familienmerkmale, z. B. Asymmetrie, einseitiges und stumpfes Empfinden u. s w. eigen. „Ist man doch heutzutage so weit gekommen," sagt Tonnini, „nicht allein die partielle mit der allgemeinen Epilepsie zusammenzuwerfen, sondern auch Präkordialangst, Kephaloe, Speichelfluss, wenn sie intermittiren uud von einer Aura begleitet sind, dahin zu thun, — warum sollte man nicht auch die Moral insanity in der Familie der Epilepsie unterbringen dürfen?" Unsere Vorfahren wenigstens fanden keine Schwierigkeit dabei, als sie in der larvirten Epilepsie eine Epilepsie ohne Konvulsionen erkannten und sich lediglich auf die Schwindelzufälle und die verbrecherischen Neigungen beriefen. Was besteht denn aber eigentlich für eine Aehnlichkeit zwischen einem einfachen Krampf und einem Schwindel, oder zwischen diesem und einem Mordanfall? Gleichwohl standen unsere Alten nicht an, von der klassischen Epilepsie aus ein dieser ziemlich fern stehendes Symptom herauszugreifen und daran den Begriff der Epilepsie an sich zu konstruiren, nachdem sie gesehen hatten, dass die Konvulsionen mit Amnesie, Schwindel und Impulsen abwechselten. Damit thaten sie mehr, als wir heute thun, wenn wir den Versuch machen, die Diagnose durch die Moral insanity zu vervollständigen. Gewiss ist es heut leichter, da man soviel andere Beweismittel an den anthropologischen, pathologisch-anatomischen, ätiologischen Merkmalen gefunden hat und zu Hülfe nehmen kann. Uebrigens hat die Sache schon vor Jahren, ehe sie durch die Physiologie Namen und Weihe erhielt, in der gerichtlichen Medicin ihren Platz gefunden. Troussbaü sagt nämlich: „Ohne Anstand dürfen wir jedes Verbrechen, dem nicht Geisteskrankheit, Alkoholvergiftung oder ähnliches zu Grunde liegt, für einen epileptischen Anfall halten." 518 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. „Toutes les fois qu'on a sous les yeux un crime qui n'est pas provoque ni par alienation mentale ni par em- poisonnement alcoolique, ni par autre cause . . c'ötait un cas d'Epilepsie." Und vor Trousseatt sagt schon F. Plater: „Pacta epi- leptica quamvis malefaciendi et ulcisendi consilio sus- cepta amentiae excusatione non carent." Führen wir endlich noch die merkwürdige Erklärung der Sociöte de Medicine legale in Paris vom Jahre 1875 über die Verantwortlichkeit an, wobei Lasegue, Fabrea, Manuel und Devergie mitwirkten: „Considerant: Que sous le nom generique d'epilepsie, il faut comprendre des etats morbides ayant les memes charac- teres intermittents, convulsifs, vertigineux, mais que different par le type, l'intensite, la frequence et la duree; „Que le pervertissement moral d'un meme individu ä des epoques diverses peut döfier les previsions les plas habiles; „Que l'epilepsie se transforme, par le seul fait de la duree du mal et par la pöriodicite des acces; „II est avis de la Sociöte mödico-legale que les regles genörales qui prösident aux arröts sur la respon- sabilite des aliönes doivent s'appliquer ä l'epilepsie, tenant compte des difficultös speciales que nous presente une affection dont les acces eclatent soudain dans toute la lucidite de la raison, et s'övanouissent apres sans en laisser aucune trace." 20. Atavismus. — Selbstverständlich schliesst die Verschmelzung der Moral insanity mit der Epilepsie den Atavismus nicht aus. Fast alle Geisteskrankheiten erzeugen eine Art von inter- mittirender Moral insanity, die Epilepsie bringt aber eine weit anhaltendere hervor und zwar dadurch, dass die im Organ des Geistes beim Menschen am spätesten sich entwickelnden Funktionen zuerst verschwinden. Wenn eine Hirnläsion die Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, verwischt, so erlischt zuerst diejenige Farbe, die in dem Gehirn zuletzt sich entwickelt. Ebenso ist es der Sinn für Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher. 519 Sittlichkeit, der zuletzt erscheint und zuerst wieder schwindet, sobald das Leiden eintritt. Dass Atavismus bei den Epileptischen mehr als bei allen anderen Geisteskranken zur Geltung kommt, begreift sich leicht, wenn man die sonderbare Religiosität, den Kannibalismus und die anderen, der Thierwelt entlehnten Charakterzüge jener Kranken ins Auge fasst. Gowers 1 zählt die seltsamen Handlungen Epileptischer auf, wie sie Menschenfleisch verzehren, Blut trinken, lebende Thiere mit Haut und Haaren verschlingen, bellen, beissen, miauen u. s. w., und sagt dann: „Man sollte meinen, es seien das instinktartige Aeusserungen des Thierartigen, das verborgen in uns schlummert." Dieses Zugeständniss eines Praktikers, der keine Ahnung von unserer Theorie hat, ist höchst beachtenswerth. Die Epilepsie, der Morbus primae infantiae, hat als solche auch ihre Beziehung zu der Moral insanity der Kinder. Wir sehen, dass (nach Oividalli und Amadei) von 120 Epileptischen 78 schon in frühester Jugend an dieser Krankheit litten, wir fanden dieselbe Zu- oder Abneigung für Thiere, die Lust an Zerstörung lebloser Gegenstände bei Kindern wie bei moralisch Irrsinnigen. Dazu kommt: Gefühllosigkeit, Amnesie, Zornausbrüche bei den Einen wie bei den Anderen. a 21. Unterschiede. — Obwohl das Verbrechen in seinen verschiedenen Abarten der gewöhnlichen Epilepsie nahe steht und sich ähnelt, so unterscheiden sich doch die Verbrecher in mancher Hinsicht von den Epileptikern. Der Schädel der Letzteren enthält z. B. seltener Schaltknochen, auch die mikro- kephale Stirn kommt nicht so häufig vor. Bei der Moral insanity sind darum nicht die Scheitel-, sondern die Stirnwindungen am meisten betroffen. Der eigentlich Epileptische ist in der Regel kurzsichtiger, die meisten Verbrecher aber haben ein schärferes Gesicht als 1 Gotvers : Epilepsy. London 1880. 2 Pehez: Venfant de trois ä sept ans. Paris 1886. 520 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. die Normalen; die Körpertemperatur der Epileptischen ist nach dem Anfalle höher, und sie schwankt, nach Charcot, zwischen 38 und 41° C, während sie bei den Verbrechern nie über 37,2° bis 37,5° steigt. Bei der konvulsiven Form der Epilepsie sind die Anfälle in kalten Tagen am häufigsten, die Exacerbation der Verbrechen findet meist in der Hitze statt. Die Furcht ist weit häufiger ursächliches Moment für die Epilepsie als für das Verbrechen. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich nur in der Ausschreitung über das gewöhnliche Maass. So wie die Moral insanity mit ihrer höheren Potenz, der angeborenen Kriminalität, verschmilzt, zeigt der epileptische Verbrecher in seinen chronisch gewordenen Ausbrüchen akuter oder larvirter Anfälle die höhere Potenz der Moral insanity; in den weniger ausgesprochenen Perioden laufen sie beide auf eins hinaus. Und da zwei Dinge, die einem dritten gleichen, auch einander gleich sind, so ist unzweifelhaft das angeborene Verbrecherthum und die Moral insanity nichts weiter als Varianten der Epilepsie. (Griesingees „epileptoide" Zustände.) 1 Fünfzehntes Kapitel. Die Widerstandsunfähigkeit. 1. Bei moralisch Irrsinnigen. — Die Gremüthsver- kehrtheit, der übertriebene und grundlose Hass, der Mangel an innerem Halt und Selbstbeherrschung, die vielfältigen angeerbten Neigungen sind sowohl bei dem moralisch Irrsinnigen, als auch bei dem Verbrecher und Epileptischen die Quelle zu unwiderstehlichen Impulsen. 1 Nachstehende Eintheilung der epileptoiden Zustände dient zur deutlicheren Veranschaulichung. 1. Grad: larvirte Epilepsie. 4. Grad: Angeborenes Verbrechen. 2. „ chronische „ 5. „ Verbrechen aus Leidenschaft. 3. „ Moral insanity. 6. „ Verbrechen aus Gewohnheit. Fünfzehntes Kapitel. Die Widerstandsunfähigkeit. 521 Schule sagt von den moralisch Irrsinnigen: sie sind unvermögend, den Impulsen der Eifersucht, der Sinnlichkeit zu widerstehen, sie sind undankbar, unduldsam, eitel auf böse Streiche. Pinel sagt von Einem, der infolge schlechter Erziehung allen möglichen Ausschweifungen sich überliess, er tödtete die Pferde, die ihm nicht gefielen, schlug auf seine politischen Gegner los und fand es ganz natürlich, eine Dame, die ihm widersprach, in den Brunnen zu stürzen. Von Sbrocco sagt Tamburini, dass ihn die geringfügigsten Veranlassungen in Wuthausbrüche versetzt haben, in denen er sich nicht mehr kannte. — Hat er wirklich auch nur den schwächsten Grund, Jemanden zu hassen, so will er ihn auch gleich tödten. — Kommt ihm ein Schimpfwort auf die Lippen, so kann er nicht anders, als es hundertmal wiederholen. Bonvecchiatos epileptische und moralisch irrsinnige Kat. sagte: Wüssten Sie, wie oft ich geschworen, mich zu bessern; aber ich kann der Gewalt nicht widerstehen, die mich fortreisst. — Battanoli sagt von seinen beiden moralisch Irrsirinigen, man sehe, dass sie sich bessern wollten, aber es sei ihnen unmöglich ; — an demselben Tage, wo der Eine von ihnen nach sechsjähriger Einsperrung aus S. Servolo entlassen wurde, schlug er sich um eines werthlosen Stockes willen. Wenn nun die impulsive Form auch nicht überall bei den moralisch Irrsinnigen und Epilektikern angetroffen wird, so darf man doch nicht behaupten, dass sie ihnen fehlt. Bei Gehirnen, die durch schlechte Ernährung und aus frühester Kindheit herrührende Entwickelungsschäden dazu beanlagt sind, ist stets ein Locus minoris resistentiae vorhanden, an welchem sich eine jener tausend krankhaften Neigungen, wie sie bei Jedem von uns vorkommen, einnistet. Eine solche entwickelt sich zu irgend einer schlimmen Stunde, besonders wenn man noch Kind ist, und schwindet unter dem Einfluss einer guten Erziehung. Sie bleibt aber, wenn sie auf einen günstigen Boden fällt, und wenn man es unterlässt, sie zu bekämpfen. Notwendigerweise geschieht es dann, dass derartige Neigungen 522 Dritter Tlieil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. sich plötzlich bei Solchen vervielfachen, in deren Innern kein Laut von Menschenliebe sich hören lässt, die vielmehr dem krassesten Egoismus unterthan sind, die keinerlei Widerstandskraft besitzen, sondern durch tausenderlei Dinge zum Bösen verführt werden. Nachdem eine Reihe derartiger trauriger Zufälle sich wiederholt hat, wird die Handlung selbst zur Gewohnheit. Das Verhältniss zwischen Ursache und Wirkung wird augenscheinlich nicht erkannt, man sieht nur Handlungen, die im ersten Augenblick keinen Grund zu haben scheinen. Daraus erklären sich die seltsamen Verirrungen von Obscönität und verkehrter Liebesneigung, die wir bei hereditär beanlagten Individuen schon in ihrer Jugend auftreten sahen. Oberflächlich betrachtet, scheinen solche Triebe oft isolirt zu sein und mit Störung der anderen Gemüthszustände nicht zusammenzuhängen; aber ohne die Unterlage einer Gefühlsverkehrung hätten sie sich unmöglich festsetzen können. Das wird auch offenbar, sobald man das Vorleben kennen lernt. Dann findet man wie bei den anderen moralisch Irrsinnigen weit hinaus Erblichkeit von Irrsein und Lastern, vorzeitige abnorme Ent- wickelung des Geschlechtstriebes, wobei der leiseste Anlass genügt, eine fixe Idee aufkeimen zu lassen. Und nur vom Zufall hängt es ab, ob diese Idee zu einer grauenhaften, verbrecherischen wird, wie bei Verzeni, Legier u. A. m., oder ob sie nur bizarr ausfällt, wie bei dem Schuhnägel- und Schürzendieb. Die Analogie ist um so deutlicher, als die meisten unter ihnen, z. B. N. P. (S. 114), Bor. (S. 117), die N. K. (S. 120) und das junge Mädchen (S. 122) bei Esquirol nicht nur die Neigung zu Unsittlichkeiten, sondern auch schon die zu wirklichen Verbrechen, z. B. zum Diebstahl, in sich tragen. Anfangs sind die Zeichen von Gemüthsverkehrtheit nicht gerade auffallend. Der Grund davon ist einfach der, dass sie von dem mächtigen Einfluss der impulsiven Handlung, die zu der Ursache ausser allem Verhältniss steht und so ihren Ursprung vergessen lässt, verdunkelt werden, möglicherweise auch, dass der Impuls nach einem bestimmten Punkte hin sich Fünfzehntes Kapitel. Die Widerstandsunfähigkeit. 523 entwickelt und nur in bestimmten Zeiträumen wiederkehrt, wodurch der Kranke in einem scheinbar normalen Zustande verbleibt. So äusserte sich z. B. die Gemüthlosigkeit bei Verzeni und Garayo nur zu gewissen Zeiten, wo sie ihre Schand- thaten verübten. Indes zeigte doch wiederum ihre Apathie nach Verübung der Verbrechen, ihre Gleichgültigkeit sogar bei der Hinrichtung, dass ihr Gemüth gestört war, auch abgesehen von den besonderen Leidenschaften, denen sie gehorchten. Es handelt sich also, im ganzen genommen, nur um eine zufällige Richtung, gleichgültig ob hier- oder dorthin, dem aber doch stets ein Nervenleiden zu Grunde liegt. Einige Fähigkeiten sind eben immer unentwickelt, in unreifem Zustande verblieben und zeigen sich als solche plötzlich wie beim Kinde in einer That, welche weder durch den Zügel de] - Vernunft, noch durch die Voraussicht möglichen Misslingens und durch sie treffende allgemeine Verachtung zurückgeschreckt wird. 2. Bei Verbrechern. — Ich habe schon an der Hand der Statistik und auf Grund fremder Beobachtungen nachgewiesen, dass alle diese Züge bei den geborenen Verbrechern sich vorfinden; noch schärfer zeigen sie sich, wenn man die Geständnisse der Letzteren selbst anhört. Ein Dieb z. B. äusserte sich mir gegenüber so: „Es liegt bei uns im Blute; wäre es nur eine Stecknadel, ich muss sie nehmen und würde sie vielleicht gleich wieder zurückgeben." Der Pickpoket Bor. sagte, er habe schon mit 12 Jahren auf der Strasse und in der Schule gestohlen, er könne es nicht lassen, und wenn er alle Taschen schon übervoll habe; fehle ihm die Gelegenheit zum Stehlen, so lasse es ihm keine Buhe, er müsse, von einer unwiderstehlichen Gewalt getrieben, dann nachts aufstehen und das erste Beste fortnehmen. Auch Deham gestand, dass ihn eine unwiderstehliche Macht zum Stehlen treibe; nicht mehr stehlen sei ihm gleichbedeutend mit nicht mehr leben; es sei eine Leidenschaft gleich der der Liebe; wenn das Blut ihm zu Kopfe steige und die Pinger juckten, so würde er womöglich sich selbst bestehlen. Auf der Galeere stahl er Reifen, Nägel, Sitzkissen der Ruderer. Er selbst habe 524 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. die Zahl der Stockschläge, die er bekommen würde,, im voraus gewusst und doch wieder angefangen. 1 3. Beispiele. — In gewissen Fällen tritt das Verfahren bei der Ausführung einer verbrecherischen Handlung völlig unter der Form und mit der Hartnäckigkeit impulsiver Manie auf. — Hierfür einige Beispiele. — Ponticblli sah, wie ein schwindsüchtiger, schon in Agonie liegender Dieb seinem Nachbarn ein schlechtes Paar Schuhe stahl und in seinem Bett versteckte. Im Mailänder Gefängniss wurde vor einigen Monaten ein gutmüthiger Wärter, dem keiner der Gefangenen übel wollte, erschlagen. Der Mörder sagte aus, er habe weder aus Hass, noch aus sonst einem Grunde die That verübt, aber er hätte Jemanden tödten müssen und würde auch den Direktor erschlagen haben, wenn er ihm in den Weg gekommen wäre. Er war ein gewöhnlicher Strauchdieb und der Sohn eines Banditen. — Eoliciani begegnete einem Händler, den er nach seinem Namen fragte, und auf die Antwort, er heisse Weiss, mit den Worten tödtete: Ich werde dich schwarz machen. Und das ohne alle Veranlassung, bloss aus plötzlicher Mordlust; ähnlich wie ein an Mania pellagrosa Leidender aus Hass gegen die Kroaten einen Ourato (Pfarrer) umbrachte. In der Rivista delle discipline carcerarie findet sich folgendes merkwürdige Geständniss eines gewissen Visconti: „Ich weiss, dass man mich für einen Erzgauner hält, das bin ich aber nur, Aveil mir der Muth zum Morden fehlt. Ich fing 1861 mit einer kleinen Betrügerei an und ging so vorwärts auf dem bösen Wege; je schärfer die Strafen wurden, desto schwieriger ward es, Arbeit zu finden. Ich betrank mich und befand mich dabei wohler, denn ich vergass mein Elend dabei. Nun ging ich auf gut Glück und nahm, was ich gerade fand, ohne alle Vorsicht, denn ich wollte dabei gefasst werden. Das ist denn nun auch geschehen. Sonst hätte ich weiter gestohlen und werde stehlen, wenn ich frei bin. Im Augenblick, wenn ich einen Diebstahl begehe, macht es mir grosses Vergnügen; ist das aber vorüber, so werde ich 1 Lauvergne: Les forgats, S. 358. Fünfzehntes Kapitel. Die Widerstandsunfähigkeit. 525 unruhig, der Appetit vergeht mir, ich schlafe nicht mehr; dann trinke ich, und dann kommt mir wieder die Lust zu stehlen. Ich weiss wohl, dass ich über das verdammte Laster nicht Herr werde; und ich bin sicher, wäre ich reich, so würde ich wieder trinken und fortleben wie jetzt. Dann könnte ich allerdings die Leute, die ich schädige, schadlos halten. Ich glaube, die Justiz thäte wohl daran und in meinem Interesse, mich im Gefängniss hier zu lassen und mir irgend eine Beschäftigung anzuweisen. Da ich ehrlos bin, so ist es hier besser als draussen. Das Essen ist zwar nicht reichlich, aber es schmeckt mir; unter meinen beiden Decken und auf dem Strohsack schlafe ich doch ruhig und bin gern allein. Mein Herz verlangt nach nichts, als nach Ruhe" u. s. w. Wo ist nun der Unterschied zwischen der Sinnesart eines wirklichen Verbrechers und der eines moralisch Irrsinnigen, den sein Instinkt unwiderstehlich beherrscht? P. hatte die Sucht, Grabmonumente, sogar die schwersten Steine, zu entwenden. Er verjubelte den Ertrag seiner Diebstähle mit seinen Freunden, und er war es, der zuallererst die Aufmerksamkeit der Anderen auf seine Spur lenkte. Gleichwohl hielt ihn Niemand für verrückt. D. Vincent dAragon wurde Buchhändler, nachdem die Zünfte aufgehoben waren. Bücher von geringem Werthe verkaufte er ohne weiteres, von seltenen Büchern konnte er sich nicht trennen. Bei einer öffentlicheu Versteigerung hatte ein gewisser Pas tot ein Buch erstanden, welches V. zu haben wünschte. Kurze Zeit darauf verbrannte Pastot mit seinem Hause. Wenige Monate später fand man acht reiche Studenten, die Büchereinkäufe gemacht hatten, als Leichen auf dem Markte. D. Vincent wurde verhaftet. Man versprach, die ihm besonders werthen Werke nicht zu zerstreuen, sondern sie der Bibliothek in Barcelona einzuverleiben. Darauf ent- schloss er sich zu nachstehendem Geständniss. Er habe sich bei Pastot unter dem Vorwande eingeführt, ihm das Buch zu überlassen, habe dasselbe an sich genommen, den Eigen- thümer ermordet und das Haus angezündet. Ferner: ein Pfarrer habe eine sehr werthvolle Inkunabel von ihm kaufen wollen, 526 Dritter Theil. Biologie und Psychologie der Verbrechers. er habe ihm abzureden gesucht, der Pfarrer habe aber darauf bestanden, das Buch bezahlt und mitgenommen. Darauf sei er (V.) ihm nachgeeilt, habe um Zurückgabe gebeten, und da Jener sich weigerte, ihn getödtet, ihm aber zuvor die Absolution in extremis ertheilt. Ebenso habe er die Anderen umgebracht, immer in der guten Absicht, der "Wissenschaft ihre Schätze zu erhalten. „That ich unrecht," sagte er, „so behandele man mich, wie man will, trenne mich aber nicht von meinen Büchern. Es wäre unrecht, sie für das zu strafen, was ich verschuldet habe." Der Vorsitzende fragte ihn, wie er wagen konnte, an Gottes Geschöpfe Hand anzulegen. „Die Menschen," antwortete V., „sind sterblich, die Bücher aber sind zum Preise Gottes, und die muss man erhalten." Er beklagte nicht, dass man ihn zum Tode verurtheilte, sondern war nur traurig, als er erfuhr, dass ein Werk, welches er für ein Unicum hielt, es nicht war (Despine). Patetots Grossvater und Urgrossvater hatten ihre Frauen ermordet; er selbst war sehr geizig und Hess seine Frau und Kinder fast Hungers sterben; eines Tages versuchte er, sie zu ertränken und erwürgte wirklich einen seiner Söhne, der ihm die Summe von 80 Pfennig entwendet hatte. — Zum Tode verurtheilt, will er nicht appelliren, um die Kosten zu sparen. (Despine.) Die Magd Yegado vergiftete 30 Personen, theils aus kindischem Rachegefühl, theils um ein paar Pfennig zu gewinnen, theils aber auch ohne alle Veranlassung. Erst bei dem letzten Vergiftungsfall wurde sie ergriffen, in allen früheren Fällen hatte sie den Verdacht von sich abzuschieben, ja sogar sich bedauern zu lassen gewusst, dass sie überallhin den Tod mit sich führe. Sie war eine wirkliche Verbrecherin. Sie litt aber beständig an Kopfweh, und einstmals sah man, dass sie die Kleider und Bücher armer Pensionärinnen, die ihr nichts zuleide gethan hatten, zerriss. Die Jeanneret vergiftete 9 ihrer Freundinnen und bewahrte von jeder eine Locke zum Andenken auf. Von ihren Verwandten waren mehrere irrsinnig und Selbstmörder; sie selbst litt an Hysterie und hatte sich ohne besondere Ursache Fünfzehntes Kapitel. Die Wiederstandsunfähigkeit. 527 Uterus und Rectum mit dem Glüheisen kauterisiren lassen. Ein unwiderstehliches Verlangen peinigte sie, die Gifte (Atropin und Morphium), die sie den Anderen reichte, an sich zu versuchen. Fitzgerald, Lord Peels Sekretär, war von Jugend auf ein grosser Bücherfreund, ohne sich jedoch damit lächerlich zu machen, wozu es indes infolge unglücklicher Eheverhältnisse kam. „Ich weiss nicht," sagte er, „was mit mir vorging; ein unwiderstehlicher Trieb beherrschte mich, es verlangte mich nach Büchern, ich kaufte welche, gleichviel, ob sie Werth hatten oder nicht, 18, 20, 30 Bände an einem Tage, aber das Verlangen nahm kein Ende. Ich habe für 12000 £ Bücher gekauft. Er kaufte aber nicht bloss, er stahl auch Bücher bei einem Londoner Buchhändler und wurde zu 2 Jahren Gefäng- niss verurtheilt. Der im Gebirge einsam lebende Schäfer Logier, ein sonst sehr genügsamer Mann, ergriff in einem plötzlichen Impulse ein Kind, riss ihm die Eingeweide heraus, schändete es und trank sein Blut. Ein deutscher Soldat, wie mir Tarchini-Bonfanti erzählt, zerriss drei Frauen, die er genothzüchtigt, mit seinen Fingernägeln das Perinäum so, dass Anus und Vagina eine Kloake bildeten. Tardieu erzählt von einem Manne, der einer 60jährigen Frau die Eingeweide durch die Vagina herausriss, weil sie ihm Widerstand leistete. Marschall Gillez de Rez betrachtete mit Wollust die Zuckungen der Sterbenden und tödtete zu diesem Behufe mehr als 800 Kinder. Uebrigens hatte sein wahnsinniges Gelüst etwas von religiösem Anstrich. Der Marquis de Sa de Hess öffentliche Mädchen nackt ausziehen, sie bis aufs Blut peitschen und verband dann ihre Wunden selbst. Er trieb dieses Gemisch von Wollust und Grausamkeit als eine Art von Mission. Briere de Boismont theilt den Fall eines Hauptmanns mit, der seine Geliebte nöthigte, Blutigel an die Genitalien sich ansetzen zu lassen, so oft er sie besuchte; die Arme wurde dadurch so blutleer, dass sie ins Spital aufgenommen werden 528 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. musste. Derselbe erzählte von dem Marquis de 8., er habe ein Freudenmädchen durch seine Leute binden lassen und ihren Körper, besonders die Gegend um die Genitalien herum, derart mit Wunden bedeckt, das die Dirne in Ohnmacht fiel, worauf er sie nothziichtigte. Ein gewisser IL, den der Advokat Oarrara vor Gericht vertheidigte, hatte eine Frau, die aus der Kirche kam, an hellem Tage und coram populo auf offenem Markte umgeworfen und genothzüchtigt. Er wurde freigelassen und seinem Vater zur Aufsicht übergeben. Im nächsten Jahre um dieselbe Zeit schnitt er einer Katze den Kopf ab und warf sie in eine Bratpfanne. Er wurde auf einige Tage eingesperrt, dann wieder freigelassen. Im nächstfolgenden Jahre wieder um jene Zeit hatte er einen kurzen Anfall von Delirium, begab sich darauf nach Corsica, wo er nach einem Jahre wegen Nothzucht und Mord verurtheilt wurde. Alle diese Unglücklichen wurden als Verbrecher bestraft. — Wer erkennt aber wohl nicht, dass in ihrem Gehirn Verbrechen mit impulsiver Form von Moral insanity und larvirter Epilepsie durcheinander liefen? 4. Freie Willensbestimmung. — Verständigen wir uns aber doch. Ich will nicht behaupten, dass im Normalzustande der Wille, im Sinne der Metaphysiker, frei sei, aber ich sage, die Handlungsweise ist hier durch Beweggründe und Wünsche bedingt, die dem Gemeinwohl nicht zuwiderlaufen. Die bösen Triebe werden nämlich, wenn sie sich Luft machen, gezügelt von Ruhmbegier, Furcht vor Strafe und Schande, von der Kirche, oder atich durch ererbte und noch mehr mittelst unausgesetzter geistiger Gymnastik gekräftigte gute Sitte. Alles das jedoch vermag nichts über den moralisch Irrsinnigen und den geborenen Verbrecher — und das ist es, warum die Letzteren immer wieder rückfällig werden. Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung. 529 Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung. 1. Fassen wir zum Schluss die Ergebnisse unserer Untersuchungen in kürze zusammen, so finden wir zunächst eine merkwürdige Uebereinstimmung der Thatsachen, aus denen die Aehnlichkeit des Verbrechers mit dem wilden und dem kranken Menschen hervorgeht. Vor allem ist es das Tättowiren, das uns darauf hinweist. Sein häufigeres Vorkommen bei den blutdürstigen und rückfälligen Verbrechern, die obscönen, den ganzen Körper bedeckenden Bilder, der Ausdruck von Eitelkeit und Gefühllosigkeit, der sich, darin ausspricht, erinnert ganz an den Charakter und die Sitten wilder Völkerschaften. Die Fühllosigkeit wurde experimentell mit Hülfe des Aesthesio- und Algometers nachgewiesen, zugleich der wichtige Umstand, dass die eine Körperhälfte und zwar die rechte weniger empfindlich ist als die linke. Dabei ist die grössere Gesichtsechärfe überhaupt und die des linken Auges insbesondere bei den Verbrechern zu beachten, — ebenso wie die Grösse der Augenhöhlen, — beides Dinge, die sie mit dem sogen. Wilden gemein haben. Daran reiht sich das häufige Vorkommen von Farbenblindheit bei Jenen, endlich die grössere Empfänglichkeit für magnetische und Witterungseinflüsse. Wichtig sind ferner die Anomalien der Sehnenreflexe,, die bei ihnen häufiger schwach als erhöht sind. — Dazu kommen die Krampferscheinungen, Chorea, Ataxie, Epilepsie. — Bei den epileptischen Verbrechern fehlen die Sehnenreflexe in vorwiegendem Maasse, was mehr auf wirkliche Krankheits- zustände der Rindencentren, als auf atavistische Veranlagung hinweist. Die Muskelkraft, am Dynamometer geprüft, erwies sich gleichfalls auf der linken Seite stärker als auf der rechten. —■ Linkshändigkeit wurde 3 bis 4 mal häufiger bei Verbrechern als bei normalen Individuen beobachtet. Lombkoso, Der Verbrecher. I. 34 530 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbechers. Daraus, wie aus der grösseren Empfindlichkeit der linken Körperhälfte lässt sich der Schluss ziehen, dass hei dem Verbrecher die rechte Hirnhälfte entwickelter ist als bei dem gesunden Menschen, wo der umgekehrte Fall stattfindet. Die Asymmetrie, an sich schon ein Zeichen abnormer Entwickelung des Schädel- und Gesichtsskeletes, unterstützt diese Ansicht. Die durch Amylnitrit und durch den Hydro-Sphygmo- graphen geprüfte Gefässreaktion ist schwächer als bei Gesunden. Das Erröthen fehlt insbesondere bei den Dieben. Während Schmerzeindrücke keine Reaktion hervorriefen, thaten es unter Umständen lascive Bilder. Danach ist, trotz des von Jugend auf dem Verbrecher anhangenden Leidens, sowohl seine verhältnissmässig längere Lebensdauer, als auch sein grösseres Körpergewicht erklärlich. Die Unempfindlichkeit gegen Körperschmerz und Gemüths- eindrücke erklärt bei Verbrechern und Wilden die Gleichgültigkeit gegen das Leben Anderer und gegen das eigene Leben, mehr noch die Grausamkeit, mit der sie sich zur Befriedigung von Rache, Hass oder aus Gewohnheit an den Leiden Anderer weiden. Darauf beruht auch öfter der gänzliche Mangel an Gründen oder die Geringfügigkeit der letzteren für Ausübung der schwärzesten Verbrechen. Rachedurst, Prahlen mit dem Verbrechen selbst, Trunksucht, Spiel und Wollust sind die einzigen den Verbrecher bewegenden Triebe. — Er weiss zwar, was Gerechtigkeit ist, er hat aber kein Gefühl dafür. Seine Moral, seine Religion sind Zerrbilder im Dienste seiner Leidenschaften. Daher die häufigen Rückfälle, die für gewisse Vergehen ■— für Aufruhr vor allem, für Diebstahl, Körperverletzung, Bigamie und Brandstiftung — fast zur Regel ohne Ausnahmen werden. Diese, mit Hinzufügung von Landstreichen und Mord, sind es, welche bei jugendlichen Verbrechern am häufigsten vorkommen und den geborenen Verbrecher bezeichnen. Vom juridischen Standpunkte aus wäre das nicht möglich, wären die Rückfälle nicht. Denn viele ihrer anthropologischen und biologischen Merkmale könnten auch den Taubätummen, Irren und Nachkommen tuberkuloser Eltern zugeschrieben werden. Sechzehntes Kapitel. U eberschau und Schlussfolgerung. 531 Ihr Verstand ist nicht für voll und richtig anzusehen. Genie ist bei ihneu nur Ausnahme. Wo ein Verbrechen mit grossem Geschick ausgeführt wird, da kommt mehr die Uebung in diesen Dingen und eine gewisse Schlauheit ins Spiel, die nur als „Schild für Verstandesschwäche" dient. Leichtsinn, launenhafte Einfälle und "Winkelzüge treten bei ihnen an die Stelle von solider Ueberlegung und Ausdauer. Das erkennt man auch an ihrer Sprechweise, die ihnen wie das Tättowiren mit dem Urmenschen gemein ist. Dieser Urmensch spukt noch in ihren Religionsanschauungen und verbrecherischen Verbindungen, wo die Blutgesetze, das persönliche Auftreten ihrer Oberhäupter (Tacitüs : De Germern. VII.), die anarchischen und die nach Bedürfniss sich neubildenden Zustände an die der wilden Stämme erinnern. 2. Moral insanity. — Die Aehnlichkeit zwischen dem moralisch Irrsinnigen, dem geborenen Verbrecher und dem Epileptischen gleicht für immer den Streit aus, der zwischen den Moralphilosophen, Juristen und Irrenärzten herrschte und sogar die Schulen des letzteren bisweilen entzweite. Die Sachlage war um so heikler, als infolge eines ausserordentlichen Zufalles jeder von ihnen im Rechte war. Die Einen sagten mit vollem Recht, die Eigenschaften des moralisch Irrsinnigen kämen ganz eigentlich dem Verbrecher zu, die Anderen behaupteten nicht mit Unrecht, die Eigenschaften des geborenen Verbrechers fänden sich in vielen Fällen ganz genau bei dem moralisch Irrsinnigen wieder. Dadurch wird es verständlich, warum bedeutende Gelehrte sich über die Diagnose von Verbrechen nicht verständigen konnten und Individuen als schuldig verurtheilten, die sicherlich irrsinnig waren, wie Guiteau, Menesclou, Verzeni, Prunier, Agnoletti, Lawson, Militello, Garyo, Passa- nante. 1 Es ist auch begreiflich, weshalb Cacopaedo die Fälle, welche Pinbl als der Moral insanity angehörig betrachtete, für reine Verbrechen halten, und warum Bigots 1 Fügen wir noch hinzu: Holtzapfel, Nobiling, die 12jährige Marie Schneider und vermuthlich auch Reinsdorf. Fr. 34* 532 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. sämtliche moralisch Irrsinnige für wirkliche Verbrecher gelten konnten. Kbafft-Ebings Meinung zufolge sind die Zuchthäuser voll von moralisch Irrsinnigen, weil man das Wesen des Irrsinnes in Störungen des Verstandes gesucht hat. Die Sache ist die, und darum hat jede der Parteien recht, weil ein und dasselbe Individuum beides, Verbrecher und irrsinnig ist. 3. Einfluss der Epilepsie. — Die Theorie vom Atavismus erhält nun noch einen sicheren Halt durch den Nachweis einer mangelhaften Ernährung des Gehirnes, einer fehlerhaften Leitungsfähigkeit der Nerven, einer Gleichgewichtsstörung der Hemisphären durch den epileptischen Zustand. Dieser ist, kurz gesagt, die Krankheit, die zu der Monstrosität hinzutritt, —■ wie Sbegi und Bonvecchiato schon 1883 vermutungsweise es ausgesprochen haben. Die Epilepsie erklärt die Plagiokephalie, die ungleichen Zustände auf beiden Körperhälften, die Schädelsklerose, die Osteophyten am Clivus, die Meningealblutungen, Verwachsungen der Dura und der Hinterhöiner, Erweichung und Sklerose des Grosshirnes, die Klappeninsufficienz, die Pigmentirung der Nervenzellen und die Hyperplasie der Nervenbündel infolge abgelaufener Kongestion und Hämorrhagie, endlich das Oedem der Hirnrinde und die Atherose der Schläfenarterien. Daraus wiederum erfolgen: Ungleichheit oder Erweiterung der Pupillen, Störungen der Sehnenreflexe, Muskelkontraktionen, Chorea, Analgesie und Anästhesie, fehlende Gefässreaktion, launenhaftes widersinniges Gebahren, Grausamkeit, Lust am Bösen, Gefühllosigkeit, die den pathologischen Charakter ganz allein bestimmt und ohne erkennbare Verstandesstörung einhergehen kann. Nur auf dem Gesicht, vor allem im Blick und in den Anomalien des Schädels findet man die Spuren davon wieder. 4. Ent wickelungshemmung. —■ Es wäre mir ein Leichtes, die Genese des Leidens zu erklären, wenn ich der grossen Anzahl von Irrenärzten unbedingte Folge leistete, nach deren Ansicht die Ursache in der somatischen und psychischen Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung. 533 Degeneration infolge ererbter Krankheitszustände, die schliesslich mit Sterilität enden, zu suchen wäre. Beruht diese Theorie auch zum Theil auf Wahrheit, so dass ich ihr nicht abhold sein kann, so scheint mir doch das Gebiet, auf dem sie sich bewegt, zu weit ausgedehnt zu sein, da es vom Kretin bis zum Genie, vom Taubstummen bis zum Krebskranken sich erstreckt. Ich begnüge mich daher für jetzt mit dem, wofür eine anatomische Basis gefunden ist, aus welcher die atavistischen Verhältnisse mit denen des krankhaften Zustandes zugleich sieb erklären lassen. Wir wissen also, dass die zufolge einer Entwickelungsbemmung mangelhaft ernährten psychischen Centren jeder Einwirkung von aussen einen Locum minoris resistentiae entgegensetzen. Daraus entstehen Hyperämie, Entzündung, Pigmentirung, epileptoide Anfälle einerseits, Impulse und Wahnvorstellungen andererseits, deren grenzenlose Ueberschwenglichkeit den Zusammenhang mit Atavismus verdunkelt. Folge hiervon ist die unendliche Abwechselung in deu Formen, unter denen Verbrechen und moralisches Irresein erscheinen, je nachdem diese oder jene Partie der Hirnrinde ergriffen ist, während die anderen nicht, oder nicht erheblich leiden. Aus meinen Studien über die mittlere Hinterhauptsgrube bei wilden Volksstämmen und über Mancinismuß bei uns ergab sich als eine allgemeine Hegel, dass atavistische Anomalien oft zu mehreren, dass jedoch manche von ihnen bei gewissen Kassen und weiter entwickelten Individuen nur vereinzelt auftreten. 1 Dagegen fehlten sie wieder ganz bei niederen Rassen. Daraus entsteht eine Art von Mosaik, aus welcher sich nicht leicht erkennen lässt, wie alles auf eine Entwickelunghemmung hinausläuft, sogar unter Verhältnissen, die das Gegentheil 1 z. B. das Inkabein und die mittlere Hinterhauptsgrube bei den amerikanischen Rassen, der Schläfenfo rtsatz des Stirnbeines bei den Schwarzen, während dieses bei den ersteren, jene bei den letzteren fehlen. Desgleichen fand ich bald Mancinismus der Bewegung (Linkshändigkeit), bald der Sinnesorgane unabhängig voneinander bei Verbrechern wie bei den ehrlichen Leuten. 534 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des Verbrechers. zu bekunden scheinen, z. B. normale Intelligenz, Wuchs, Gewicht u. s. w. Von diesem Gesichtspunkt aus wird es klar, warum manche sehr auffällige, physiologische und atavistische Erscheinung (z. B. der Mancinismus hei den Gaunern) hei Verbrechern vorkommen, denen die anatomischen Anomalien fehlen, desgleichen, warum bei moralisch Irrsinnigen und Verbrechern jede Spur von Gemüth fehlen, die Intelligenz dagegen intakt bleiben kann. 5. Atavismus des Verbrechens. — Die Entwicklungshemmung und der epileptoide Zustand vertragen sich sehr wohl mit dem Atavismus, der sich bei dem Verbrechen in hervorragender Weise geltend macht. Der grösste Theil der in dem vorliegenden Werke bezeichneten Eigenschaften des Wilden, sowohl der körperlichen als auch der geistigen, findet sich bei dem Verbrecher wieder. So die Anomalien am Schädel und Gesicht, von denen wir nur einzelne hervorheben, als: die Stirnnaht, die Interparietalnaht, die Einfachheit der Nähte und ihre frühzeitige Verwachsung, die Schaltknochen, die mittlere Hinterhauptsgrube, die Prognathie, die vorspringende Supraorbital- und Wangengegend, die Schläfenenge, die Anomalien an den Ohren; die Behaarung der Stirn; ferner die Analgesie und Anästhesie besonders bei den Frauen, die Aehnlichkeit beider Geschlechter, die Frühreife, Leichtsinn, Eitelkeit, Grausamkeit, Trägheit, Aberglaube. Die Aehnlichkeit lässt sich bis in die kleinsten Dinge hinein verfolgen; es genügt indes nur noch auf das Tättowiren, auf die Zeichensprache und die Vorliebe für poetische Form hinzuweisen, in welcher das Verbrechen verherrlicht wird, wie in den heroischen Zeiten des Alterthumes. 6. Anwendung. — Der Atavismus erklärt uns den Charakter und die Fortpflanzung gewisser Verbrechen. Ohne ihn wäre die ungeheure Verbreitung der Päderastie und des Kindermordes, die im Grossen und in Gesellschaften, wie in Griechenland, Rom, 1 China, Tahiti betrieben wurden, kaum begreiflich, Vgl. Tit. Livii: Hist. XXXIX. 8—13. Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung. 535 wenn nicht als Ueberbleibsel verkehrter Geschmacksrichtung aus vorhistorischen Zeiten und Mittelalter, wie es die von Geschlecht zu Geschlecht sich forterbenden Vorurtheile und Gewohnheiten sind, die in dem Judenhass der Neuzeit und in dem nicht zu unterdrückenden Vorurtheil für den Zweikampf sich Luft machen. Steigen wir noch tiefer auf der Stufenleiter der Geschöpfe bis in die Reihe der niederen Thiere hinab, so finden wir bei ihnen die Dinge, die uns auf einem anderen Wege bei den Verbrechern unerklärlich erscheinen würden. So die Verwachsung des Atlas, das Vorspringen der Hundszähne, die Abplattung des Gaumendaches, den konkaven Processus basilaris, die stark entwickelte mittlere Hinterhauptsgrube, wie bei Lemuren und Nagern, die Behaarung des Gesichtes, die Ent- wickelungshemmung des Gehirnes — z. B. das von Flesch entdeckte Operculum des Occipitallappens, die Weite der Fossa Sylvii, die Trennung des Sulcus calcar. und occipital., die Hyperthrophie des Vermis oder des ganzen Kleinhirnes —, ferner den Kannibalismus und den Lustmord — bei Gille, Verzeni, Garayo, Logier, Bertrand, Artusio und Marquis de Sade. Bei diesen Verbrechern war zwar fast immer der atavistische Trieb von der Epilepsie, Imbecilität oder Dementia paralytica begünstigt, gleichwohl werden wir dabei an die blutigen Kämpfe bei Mensch und Thier erinnert, die dem Widerstand des Weibes oder der Besiegung von Nebenbuhlern gelten. In den Hochzeitsgebräuchen verschiedener Völker und Stämme sind noch Spuren davon zu finden. Sogar bei der gewöhnlichen Vereinigung der Geschlechter findet, wie Lücretiüs {De rerum natura. IV. 1070) bemerkt, ein solcher Zug barbarischer Wildheit gegen das Weib statt. 1 Welchen anderen Schluss kann man aus diesen Dingen ziehen, als den, dass sogar die scheusslichsten Verbrechen 1 Oscula adfigunt, quia non est pura voluptas; Et Stimuli subsunt, qui instigant laedere id ipsum, Quodcunque est, rabies unde illa germina surgunt. 536 Dritter Theil. Biologie uud Psychologie des Verbrechers. einem physiologischen, auf thierischen Trieben beruhenden Zustande entspringen, der sich beim Menschen infolge der Erziehung oder aus Furcht vor Strafe zwar abstumpft, aber unter dem Einfluss von Krankheit, Liebesrausch, von schädlichen Beispielen u. dgl. m. plötzlich wieder hervorbrechen kann. Krankheiten, wie Kopfwunden, Meningitis, Intoxikation und gewisse physiologische Zustände, wie Puerperium und Senium, können Entwicklungshemmung und Reizung der Gre- hirncentren, infolge dessen epileptische und atavistische Zustände hervorbringen und also auch die verbrecherischen Neigungen befördern. Da wir ferner wissen, dass der Unterschied zwischen dem Verbrecher, zwischen dem Ungebildeten und dem Wilden sehr gering ist, so sehen wir oft, dass das Volk eine gewisse Vorliebe für den Verbrecher hat, ihn zum Helden stempelt und ihm zuweilen sogar nocb nach seinem Tode eine Art von göttlicher Ehre bezeugt. Andererseits fühlen sich auch die Sträflinge zu den Wilden hingezogen, nehmen ihre Sitten an und schrecken selbst vor dem Kannibalismus nicht zurück. (Bouvibr: Voyage ä la Guayane. 1866.) Wenn wir sehen, wie unsere Kinder vor Beginn ihrer Erziehung lügen, stehlen, schlagen, so darf es uns nicht überraschen, dass Kinder ohne richtige Erziehung sehr früh dem Laster verfallen — und dass dieser Mangel allein schon im stände ist, auf den Weg zum Verbrechen und zum moralischen Irrsein zu führen. Der schlimmste Charakterzug, der diesen beiden gemein ist, der angeborene böse Muth, für den eine Ursache sich nicht finden lässt, kann übrigens geradezu für einen Zustand von verlängerter Kindheit angesehen werden. Mit Hülfe des Atavismus wird es ferner erklärlich, warum die Strafe so wenig wirksam ist, warum eine gewisse Zahl von Verbrechen so beständig und regelmässig zu gewissen Zeiten wieder auftaucht, — wie z. B. die Verbrechen gegen die Person (nach Maury und Gtüerry) nie mehr als 1 /± und die gegen das Eigenthum nicht mehr als l /a aller Verbrechen betragen. Darum kann man mit Maury 1 sagen: „Wir stehen Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung. 537 unter stummen, unabänderlichen Gesetzen, welchen die Gesellschaft mehr gehorcht, als den geschriebenen." Das Verbrechen tritt demnach wie eine Naturerscheinung — die Philosophen würden sagen, wie eine noth- wendige Erscheinung — auf, gleich denen der Geburt, des Todes, der Geisteskrankheit, von welcher es oft eine traurige Abart bildet. Demnach stehen die instinktiven, grausamen Handlungen der Thiere — und sogar die der Pflanzen — denen des Verbrechers und seiner brutalen Bosheit nicht so fern, wie man anzunehmen pflegt. 1 Maury: Mouvement moral de la societe. Paris 1860. Inhaltsverzeichniss. Zur Einführung. Von A. von Kirchexheim ..................... III Vorwort des Verfassers........................................ XIV Erster Theil. Uranfang des Verbrechens. Erstes Kapitel. Das Verbrechen und die niederen Organism en. I. Verhalten der Pflanzen und Thiere ......................... 1 II. Das wahre Aequivalent des Verbrechens und der Strafe bei den Thieren ............................................. 10 III. Was als Strafe beim Menschen und bei Thieren gilt.......... 30 Zweites Kapitel. Das Verbrechen und die Prostitution bei Wilden und Urvölkern. Einleitung.................................................... 35 I. Verbrechen der Unzucht................................... 38 II. Tödtung.................................................. 50 III. Diebstahl und andere Verbrechen........................... 73 IV. Die wahren Verbrechen der Wilden sind die gegen das Herkommen ............................................ 77 V. Ursprung der Strafen...................................... 82 Drittes Kapitel. Das moralische Irresein und das Verbrechen bei den Kindern. I. Einleitung................................................ 97 II. Weitere Beispiele......................................... 112 III. Anthropometrie. Statistik.................................. 124 IV. Strafe und sonstige Mittel, den Vergehen der Kinder vorzubeugen 133 • Zweiter Theil. Pathologische Anatomie und Messungen an Verbrechern. Erstes Kapitel. Untersuchung von 383 Verbrecherschädeln. I. Messungen........... ,. .................................... 136 II. Schädelanomalien ......................................... 163 540 Inhaltsverzeichniss. Seite Zweites Kapitel. Abnorme Beschaffenheit des Gehirns und der Eingeweide bei den Verbrechern. I. Wägungen................................................ 182 II. Histologie und pathologische Anatomie...................... 191 III. Pathologische Anatomie des Herzens, der Gefässe, der Leber u. s. w. 197 Drittes Kapitel. Maasse und Gesichtsausdruck von 3839 Verbrechern. I. Einleitung................................................ 202 II. Die Physiognomie der Verbrecher........................... 228 III. Verbrechertypen nach Photographien........................ 234 IV. Verbrecherische Weiber................................... 237 V. Einwürfe. Das ehrliche Gesicht. Was das Volk davon hält. Allgemeine Schlüsse .................................. 242 Dritter Theil. Biologie und Psychologie des geborenen Verbrechers. Erstes Kapitel. Vom Tättowiren der Verbrecher................. 253 Zweites Kapitel............................................... 272 Drittes Kapitel. Vom Gemüthszustande der Verbrecher........... 300 Viertes Kapitel. Der Selbstmord bei den Verbrechern............ 307 Fünftes Kapitel. Gefühle und Leidenschaften bei den Verbrechern. 315 Sechstes Kapitel. Rückfall im eigentlichen und uneigentlichen Sinne. Moral der Verbrecher................................. 333 Siebentes Kapitel. Die Religion der Verbrecher................. 360 Achtes Kapitel. Verstand und Bildung der Verbrecher........... 366 Neuntes Kapitel. Gaunersprache................................ 383 Zehntes Kapitel. Die Handschrift der Verbrecher................ 399 Elftes Kapitel. Litteratur der Verbrecher....................... 406 Zwölftes Kapitel. Das Bandenwesen............................ 432 Dreizehntes Kapitel. Moralisches Irresein und angeborenes Verbrechen 450 Vierzehntes Kapitel. Epileptoide Verbrecher..................... 478 Fünfzehntes Kapitel. Die Widerstandsunfähigkeit................ 520 Sechzehntes Kapitel. Ueberschau und Schlussfolgerung........... 529 Sachregister. Aberglaube 65 370. Abessinien 50. Ablass 94 363. Abortus 50. Affen 4 5 31. Arnos 88. Alienberg 143. Alter 294. Altruismus 460. Ambidexterität 279. Ambrosianiscbe Bibliothek 304. Ameisen 7 9 17. Amulette 363. Amylnitrit 283. Analgesie 274. Angorakatze 15. Anomalien 163 171. Anthropometrie 124. Anthropophagie 64. Antilopen 6. Arbeitsunfähige 53. Argot, Pariser, 391. Armbreite s. Spannweite 209. Arval 6. Assooiationstrieb 469. Asymmetrie 172 224 226. Atavismus 96 518. Atheismus 361. Atlasverwachsung 174. Atta-Klubbor 55. Augen, Raubvögel- 29. Augenhöhle 160 178. Aura 510. Autobiographen 470. Avioenna 380. Azteken 77. Axencylinder 473. Baldower 436. Bananen 51. Banden 432. Bandspieler 388. Bartlose 244. Bayern 141. Belgische Schädel 141. Berauschung 25. Beschneidung 93. Besitzthum 88. Besserungsanstalten 135. Bestechung 77. Bestrafung 11 12 134. Betrug 23. Bettler 378. Beweglichkeit 278. Bildung 366. Blick 230 247. Blinde 115. Blutgefässe 190. Blutrache 72 88. Blutschande 45 81. 542 Sachregister. Bonner Schädel 145. Bravi 231. Brigantaggie 64. Briten 63. Brustumfang 212. Buffons 377. Bucklige 212. Cadger-Map 399. Caligula 231. Cambrioleur 372. Camorra 258 436 445 446. Carbon ari 258. Carobaru 413. Cephalotus follic. 2. Cheops-Pyramide 44. Chessen 388 393. • Cinäden 43 230. Clairvaux, Gefängniss, 337. Coltellarii 434. Couvade 42. Cumae 49. Deadlurker 372. Degenerationszeichen 129 171 191. Deikterien 50. Diebstahl 23 73. Dionaea muscipula 3. Doppelblick 248. Drohnen 6. Dromedare 16. Droseraceen 2. Druck-, Zugkraft 278. Ductus Botalli 197. Ehebruch 20 48 76. Eifersucht 5 6. Einzelhaft 341. Eitelkeit 318. Elephanten 26. Epilepsie 138 478 496 498 515. Erblichkeit 128. Erbschaftspulver 363. Erröthen 282. Erziehung 133. Euphemismen 395. Farbenblindheit 275. Federschmuck 61. Feigheit der Verbrecher 305. Felsina 180. Fidschi s. Viti-Inseln 54 68. Flashgirl 330. Fleischer 326. Fötalzustand 93. Foramen infraorb. 172, — occipit. 172. Fra Diavoli 412. Frauen, kleine, 49. Freda 91. Freier Wille 528. Freya 91. FruchtabtreibuDg 50. Furcht 515. Gaunersprache s. Argot 383 ff. Gefühl 315, moralisches 332. Gehör 276 367. Geldstrafe s. Talion 87. Gemeinsame Bache 22 32. Gemüthlose 300. Genlisea 3. Germanen 86 332. Geruch 277. Geschlechtstrieb 119, -theile 236. Gesetzbücher der Verbrecher 447. Gesicht, ehrliches, 242, -schärfe 367, -winkel 227. Giftmischer 374. Glotzauge 248. Gnooser 372. Gorillaschädel 181. Gottesgerichte 90. Gragas 88. Graphologie 405. Grausamkeit der Kinder, Verbrecher 324. Greise 53. Grosshirn 182, -furchen 187, -Windungen 183. Gryllus 8. Gudrun 83. Sachregister. 543 Gundahs 13. Gurami 10. Haar 230 232 239. Habits noirs 434. Habitus 211. Habsucht 7. Halbrasirt 74. Hand 210. Handschrift 401. Haute volee 228. Häuptlinge 84 89. Herkommen 77. Herzfehler 198. Hieroglyphen 399. Hinterhaupt 149, mittlere-----grübe 170 172 180. Hirnwindungen 183. Histologie 191. Hypospadiäus 226. Inion 164. Inkabein 174 534. Insektenfressende Pflanzen 2 3 4. Instinktives Erkennen 245. Intermaxillarnaht s. Zwischenkiefer 173. Iren 63. Iris 233 240. Irre 138 145 149 152 155 172 195 217 226 271 331 358 383 398 405. Ischia 439. Jochbeinquernaht 165. Jus primae noctis 49. Kaama 6. Kannibalismus 9 62—73. Kassiber 388. Katzen 34. Kauderwelsch 107 394. Kerkerleben 379. Khillo 51. Kinder, Diebe 100. Kinderträgerin 53. Kindesmord 51. Kindheit, verlängerte, 536. Kinn 159, -lade 249. Kirchenbesuch 361. Kleinhirn 189. Knochennadeln, prähist., 269. Kochemer 388. Königsberger Schädel 148. Konservative Hunde 28. Kopf 217. Körpergewicht 206, -länge 203. Kranznahtschneppe 168 171. Kretinen 150. Kreuznaht 169 174. Kriegslust, Thiere 7. Krokodil 9. Kteis 39. latrocinium 359. Leber 201. Levirat 50. Liber vagatorum 407. Lieder, corsische, 415, sardische, 414, russische, 408. Liebe zu Hausthieren 490. Lingam 39. Lingua zerga, erotica 397 398. Locken s. Ciuffo 231. Logudoresischer Dialekt 414. Londoner Diebesmeeting 354. Loreto 255. Luperkalien 41. Lügen, der Kinder, 100. Lüsternheit 109 116. Lynchgericht 33. Maccaroni, vergiftete, 439. Mafia 441. Magen 202. Magnet 276. Mala s. Keisbranntwein 81. Maler 382. Mancinismus 279 298 484. Manie 81 90. 544 Sachregister. Mano fraterna 449. Marat 403. Marcatori 256. Massaniello 478. Masturbation 119. Matriarchat 41. Mattoide 128. Memoiren 320. Menschenopfer 57, -rassen 17t!. Minderjährige 203 344. Mirca 359. Mongolen 56. Moral Insanity 97 464 531. Mord und Selbstmord 311. Mörder, berüchtigte 151. Mtesa 60 89. Muskelsinn 276. Muttergottesöl 438. Mylloi 40. Nanokephalie 166. Nasaumonen 41. Nase 233, -nindex 157, -wurzelkurve 148. Neanderthalschädel 177. Nero 231. Neukaledonien 50 54. Newgate, Gefängniss 330. Niam-Niam 69. Nothzucht 46. Nymphomanie 19. Oberlippe 241. Ohr 233. Olekranon 176. Omertä 442. Opfer und Sünde 90. Ordalien 90. Orgie 331. Osteom 195. Osteophyten 162. Pachymeningitis 196. Päderasten 262 375. Paria 179 414. Phallus 39. Phimosis 226. Photographien 234. Physiognomie 228 245. Picciotto 436. Pikten 269. Pietra dei falliti 396. Plagiokephalie 173. Platonische Liebe 331. Prähistorische Eassen 177 178. Promiskuität 49. Prostitution 40 43. Psychometrie 366. Pterion 176. Pyromanie 112 516. Rache 83. Rachsucht 313 323. Eaubbienen 24. Eeligion 89 360. Eeue 347 350. Eiesenskelet 205. Eipuarisches Gesetz 86. Eitueller Mord 56. Eolandosche Spalte 187. Eückfälle 333 ff. Sachsenspiegel 81. Sarden 179. Satyriasis 19. Scham 39. Schädel, Pferde-, 13, -anomalien 239, Bayerische 140, -kapacität 136, -nähte 169, -umfang 144 ff. Schielen 229. Schlaflichte 363. Schläfenfortsatz 176. Schneider, Marie, 301. Schnupftabak 277. Schürzendieb 117. Schwarze Hand 447. Schwurgericht 96. Sehkraft 275. Sekten 91. Selbstmord 308, Doppel-S. 314, simulirter 312, bei Irren 314. Sachregister. 545 Sensibilität 272. Sexualempfindung, konträre, 119. Simulation von Geistesstörung 472. Sing-Sing, Gefängniss, 306. Sodomie bei Thieren 20 21. Spannweite 209. Specialisten unter Verbrechern 371. Spiel- und Trunksucht bei Kindern 108. Stirnnaht 169. Stolz der Mörder 319. Strafe, bei Thieren 31, — bei Kindern 133. Streitsucht auf Fleischkost 26. Stromer 392. Sühnopfer 90. Tabu 80. Tabun 5. Talion 84. Taly 39. Tarpan 5. Tättowiren 253. Thätigkeitsdrang 468. Thesmophorien 39. Thin-tang 49. Tiberius 231 280. Tobsucht bei Thieren 15. Tödtung, fahrlässige 88. Tritonen 477. Unterkiefer 157 159. Unterricht in Gefängnissen 341. Unverwundbarkeit 295. Unzucht 39. Urningsliebe 375. Vaches taureliennes 21. Verbrechen, Eigenthums-, 84. Verbrecherlitteratur 406,-physiogno- mie 228, -typus 234. Verstand 366. Vicaria, Gefängniss, 411. Viertelstunde, böse, 326. Volkslieder 409. Vorbedacht bei Thieren 22 469. Waid 269. Weiberkauf, -raub 48, verbrecherische 237. Wein und Spiel 326. Wiener Schädel 143. Wilde 73. Witterungseinfluss 276. Wormsche Knochen 173. Wuth aus Angst 18, Brunst 19, Schmerz 18. Yxquir.ami-Verein 53. Zähne 233. Zigeuner 316 383. Zinken 397 399. Zorn 97. Zweikampf 86. Zwillinge 53. Zwischenkiefer 177. Buch ei nband S. Köhler Köln, Tel. 724643 ^■H SB 9k H