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1 (1894)
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101
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Drittes Kapitel. Moralisches Irresein und Verbrechen bei Kindern. 101

als ob sie keinen Tadel verdient hätten. So hatte einkleiner Knabe seine Mutter garstig genannt, als sie ihnwusch, und als man ihn fragte, wen er damit meine, sagte er:Das Wasser!

Manchmal lügen sie, um einen Leckerbissen zu bekommen,indem sie der Wahrheit zuwider versichern, noch nichts davongegessen zu haben. Oder sie lügen unter dem Eindrucke eineslebhaften Schmerzes nach einem Falle, entweder um sich starkzu zeigen, oder um die demüthige Lage, in der sie sich be-finden, vor sich selbst zu verbergen. Einige lügen aus Eifer-sucht (ein Mädchen z. B. suchte ihren kleinen Bruder dadurchbei der Mutter, die ihn liebkoste, herabzusetzen, dass sie angab,er habe den Papagei geschlagen); andere aus Trägheit(sie stellen sich z. B. krank, wenn sie an einen gewissen Ortgehen sollen). Ich selbst erinnere mich, dass ich im Altervon 5 bis 6 Jahren unter einem ähnlichen Vorwande diemir langweilige Rechenstunde mehrere Monate lang geschwänzt und sogar die Aerzte getäuscht habe.

Nach dem dritten oder vierten Jahre lügen Kinder ausFurcht vor Strafe und zwar infolge der Art und Weise, in derwir unsere Fragen an sie stellen und ihre Antworten erwarten.

Häufig jedoch lügen sie zum Vergnügen und aus Eitelkeit.Fallebam innumerabilibus mendaciis paedagogos amore ludendi"etc. bekennt St. Auöustin. Es giebt Kinder, die sich ausEitelkeit unmögliche Belohnungen vorspiegeln. Ein Mädchenz. B. erzählte sich selbst Märchen, in denen sie die Rolle derKönigin spielte und tagelang entzückt davon war.

Eine der häufigsten Ursachen davon, dass Kinder lügen,ist ihr triebartiges Wesen und das mangelhafte, minder tiefeGefühl für Wahrheit. Daher fällt es ihnen nicht so schwerwie andern, die Wahrheit zu verheimlichen oder zu entstellen,wenn es gilt, einen Zweck leichter zu erreichen, ganz sowie bei den Wilden und Verbrechern.

Sie können sich oft in einer unglaublichen Weise ver-stellen, wie wir es kaum Personen in reiferen Jahren zutrauen.So kannte ich ein Mädchen, welches im Alter von 4 Jahrenso geschickt Zucker stahl, dass es nie dabei ertappt wurde