100 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.
Es giebt Kinder, die allmählich verkümmern, weil sie siehweniger geliebt fühlen als andere. .
Tiedemann bemerkte an einem 22 Monate alten Knaben,dass er gelobt sein wollte, wenn man seine Schwester lobte,und dass er diese schlug, wenn sie ihm nicht abtrat, was siegeschenkt bekommen hatte.
Ein Knabe von 3 Jahren, der mit vielem Vergnügen vonseiner zu erwartenden Schwester sprach, fragte sofort, als ersie auf die Welt gekommen und geliebkost sah, „ob sie nichtbald sterben müsse".
Ich habe dies Gefühl im ersten Monat entwickelt ge-sehen, ja in den erten Lebenstagen, bei einem kleinen Mäd-chen, das nicht mehr saugte, wenn es an der andern Brustseine Zwillingsschwester säugen sah, so dass man sie soforttrennen musste.
Als sie 4 Jahr alt war, hörte sie auf zu essen, wenn sievom Fenster aus auf der Strasse ein Kind sah, das wie siegekleidet war. Im 15. Lebensjahre schien es nach einemüberstandenen Typhus, als ob sie sich gebessert hätte; späterjedoch im Alter von 25 Jahren war sie mehr heuchlerisch alsgut. Bei hydrokephaler Schädelbildung litt sie an hysterischerHyperästhesie; ihr Vater hatte an Moral insanity gelitten.
Valbust (Moreau, S, 57) erzählt von einem sechsjährigenKnaben, der auf seinen jüngeren Bruder so eifersüchtig war,dass er seinen Eltern oft ein Messer reichte und sie aufforderte,ihn zu tödten.
4. Lüge. — Montaigne sagt, die Lüge und der Eigen-sinn wächst bei den Kindern in gleichem Maasse wie ihrKörper. Boudin sagt, alle Kinder sind Lügner, vor allenaber die Findelkinder, die sich ein Vergnügen daraus machenzu lügen.
Pekez ist derselben Meinung und sieht als hauptsächlich-sten Grund dafür die Leichtfertigkeit an, mit der wir dieKinder schon in ihren ersten Lebensmonaten täuschen, wennwir sie beim Waschen u. s. w. beruhigen wollen. Sie lügen vum das zu erreichen, was man ihnen versagt, oft um einenTadel zu vermeiden, oft auch, um den Schein zu erwecken,