Druckschrift 
1 (1894)
Entstehung
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102
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102 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.

und ausserdem noch den Verdacht auf das Dienstmädchen zulenken verstand.

Noch durchtriebener zeigte sich eine andere, die, bloss umAufsehen zu erregen, die Lüge ersann, es gingen ihr Knochenaus der Vagina ab, und jahrelang erfahrene Aerzte damittäuschte. Ein anderes fünf- bis sechsjähriges Mädchen hatte ihrePflegemutter einen Zeitungsbericht über einen Skandalprocesslesen hören. Wenige Tage darauf erlog sie, dass ihr Vaterund Grossvater schmutzige Dinge mit ihr verübt hätten; einProcess "war die Folge davon; die objektive Untersuchung er-gab jedoch, dass alles auf Erfindung beruhte, deren einzigerBeweggrund in dem Wunsche des Kindes lag, im Zeitungs-blättcben von sich sprechen zu hören. (Botjrdin : Des enfantsmenteurs. Paris 1883, und Kosibk: Aus den Papieren einesVertheidigers. Graz 1885.)

Bourdin, der von der Häufigkeit des Lügens unter denKindern so sehr betroffen war, dass er obengenanntes Buchdarüber veröffentlicht hat, erzählt: In der Schule stellte sichein Knabe, in der Absicht frei zu kommen, als ob er eineErbse im Ohre habe, und schrie darüber so entsetzlich, dassihm die Meisten glaubten. Ein anderer Knabe simulirte zudemselben Zwecke einen sehr komplicirten Veitstanz.

Ein erst dreijähriges Mädchen, dem seine Mutter verbotenhatte, um Esssachen zu betteln, sagte zu einer Dame, sie möchteihr nur geben und der Mutter nicht sagen, dass sie etwas an-genommen habe. Dieses Mädchen war zugleich eitel undwünschte sich ein besseres Kleid; um das zu erlangen, logsie ihrer Mutter vor, obige Dame habe ihr vorgeworfen,dass sie nicht anständig angezogen sei. Ueber diese neue Lügezur Rede gestellt, leugnete sie hartnäckig. Einmal behauptetesie, kein Frühstück bekommen zu haben, und verlangte zumzweitenmal ihre Portion. Das ist übrigens ein Fall, der beiKindern häufig vorkommt.

5. Moralischer Sinn fehlt den Kindern in den erstenLebensmonaten, ja im ersten Lebensjahre gänzlich. Gutoder böse ist für sie nur das, was vom Vater oder von derMutter erlaubt oder verboten wird; von selbst fühlen sie