84 Erster Theil. Uranfang des Verbrechens.
oder militärischen Verfehlungen, wie Verrath, Feigheit unddergl. (Bak, a. a. 0.)
So beginnt auch die Strafe bei den Wilden wie bei denThieren mit dem Charakter der Privatrache, also mit einerneuen Art von Verbrechen. Die Reaktion gegen die Stärkerenund Mächtigeren führt zu gemeinschaftlichen Racheakten undVerbindung mit Anderen. Wenn diese dann ihren Zweckerreichen, so wird das Verbrechen seinerseits zum Vorgang derSittlichkeit. Aber diese Art von Rache war im Anfang keineGerechtigkeit. Die Reaktion schwankte genau nach Maassgabeder Schwere der Verletzung, und was schlimmer ist, nach derEmpfindlichkeit des Opfers und seiner Freunde. Deshalb liefsie fast immer hinaus auf den Tod oder auf die Talion, Augeum Auge, Zahn um Zahn (5. Moses XV., 21), Verstümmelungdes Finger für die Diebe (Manu) oder Zurückgabe der ge-stohlenen Gegenstände.
Nooh heute kann man an unseren Kleinen beobachten, wiesie sich nicht beruhigen, ehe sie auf Schläge reagirt haben, undzwar nach Maassgabe ihrer Heftigkeit, oft sogar schlagen siedabei einen Andern auf denselben Punkt, wo sie Schläge be-kommen hatten.
4. Macht der Häuptlinge. — Verbrechen gegendas Eigenthum.
Das menschliche Leben hat wenig Werth bei den Wilden.Deshalb rief auch der Todtschlag eine geringere oder keineReaktion hervor. Ja, er war kaum ein schweres Verbrechen,wenn es nicht einen Häuptling oder einen Priester, den Stell-vertreter Gottes auf Erden, betroffen hatte, oder wenn es vonden Angehörigen eines fremden Stammes verübt war. Um-gekehrt war eine Tödtung, wenn vom Häuptling oder Priesterverübt, nie ein schweres Verbrechen.
Bei den Aschantis in Afrika ist die Tödtung einesSklaven etwas absolut Gleichgültiges. Dagegen ist die Tödtungeiner grossen Persönlichkeit mit Todesstrafe belegt, wobei je-doch dem Schuldigen gestattet wird, sich selbst den Tod zugeben. Umgekehrt wird nie eines der königlichen Kinder be-straft, es mag begangen haben, was es wolle.