Zweites Kapitel. Verbrechen und Prostitution bei Wilden. 43
geben.* Auf Tahiti standen derartige Versammlungen unterdem Schutze eines besonderen Gottes. (Letoürneau, S. 63.)Auch unter den alten Mexikanern war dieses Laster sehr ver-breitet und keineswegs verpönt, durften doch die Cinädi öffent-lich in weiblicher Tracht auftreten. 2
Wie schlimm es in dieser Hinsicht bei den alten Griechenund Römern um die öffentlicbe Sittlichkeit stand, ist allgemeinbekannt.
Zu des Alcibiades Zeiten wurde den Cinädi ein be-sonderer Platz bei den öffentlichen Vergnügungen angewiesen;dieselben waren die Lieblinge der Philosophen.
Ueber die Normannen klagte der Abt von Olairvaux (1117),dass sie die Zeiten des alten Sodom erneuert und überall, wosie landeten, die Knabenschändung verbreitet haben.
Die Ausdrücke Hörnerträger, hebräisch lehren, italienischfar le corna, far becco, cervo, womit man den beschimpftenGatten verspottet, scheinen darauf hinzudeuten, dass unsereVoreltern sich schamlos mit den Thieren vermischten, wie esauch jetzt die Finnen mit ihren Rennkühen thun, wenn siemonatelang von ihren Frauen getrennt leben. Und auch hierhat die Religion der schändlichen Gewohnheit in dem Sinn-bilde des Ziegenbockes von Hendes das Siegel der Heiligkeitaufgedrückt, sowie sie dem Gotte Pan eine Ziege zur Gemahlinangewiesen; und zu den Zeiten des Romulus hat ein Orakeldiesen Ausspruch (der zu den Luperkalien Veranlassung gab)gethan: v Italidas matres caper hirtus inito. a (Ovid: Fasti.II. 441.)
5. Religiöse Prostitution. — Wie überhaupt dieReligion alle alten Gebräuche ohne viel Unterschied als heiliggelten zu lassen pflegt, so that sie es auch mit der ursprüng-lichen Weibergemeinschaft und förderte dieselbe in Gestalteiner besonderen Art von Prostitution, der heiligen, die eben-falls im Alterthume sehr verbreitet war und es in Indiennoch heutzutage ist.
1 Bouegarel: Des races de VOceanie. II. 389-
2 Dian: Histoire de la conquete de la Nouvelle Espagne. II. 594.