XXIV Vorwort des Verfassers.
auf die Untersuchung der Thatsachen. Psychologie ist das Stu-dium der Leidenschaften, der Schriften, des Jargons, der Religion,der Moral, der Erziehung, der Geistesstörungen, der geschicht-lichen, Witterungs-, Erblichkeits-, Ernährungseinflüsse auf dasVerbrechen, so dass der anatomische Theil, der von denKritikern aufs Korn genommen wird, obgleich er bloss derUntergrund des Bildes ist, nur ein Anhang der Psychologieheissen kann, welch letztere aber eine anatomische Grundlagebraucht, soll sie nicht in den Wolken schweben und sich dortverlieren.
Aber zu diesen, von ernsten Gelehrten erhobenen Ein-wänden haben Andere, an Kenntnissen und Redlichkeit vielniedriger stehende Gegner einen um so gefährlicheren Einwandhinzugefügt, als derselbe anonym, unbestimmt, ungreifbar undder Erörterung unwürdig erscheint: den Einwand, den ich denlegendenhaften nennen will.
Dieser behauptet, dass man durch solche Studien dasStrafgesetz umstürzen, alle Bösewichte in volle Freiheit setzenund die menschliche Freiheit untergraben will. 1
Wer sieht aber nicht ein, dass, wenn wir die individuelleVerantwortlichkeit einschränken, wir an deren Stelle die derGesellschaft setzen, welche viel strenger und unnachsichtigerist; dass, wenn wir die Verantwortlichkeit einer Gruppe vonVerbrechern vermindern, wir damit ihr Schicksal keineswegsmildern, sondern eher erschweren wollen, indem wir auf ihrelebenslängliche Detention dringen, während die Gesellschaft,entweder von tbeoretischen Voraussetzungen ausgehend, die
1 Es ist merkwürdig, dass eine ähnliche Legende auch gegenBbccaria ersonnen wurde. Die Legende erzählt in der That, er habeauf die Frage, welche Strafe ein Uebelthäter verdiene, der Frau undKinder getödtet und verzehrt habe, geantwortet: „Verurtheilt ihn, seinLeben lang von Gemüsen zu leben." Auch die Anklage der Unsittlich-keit, die man uns nicht erspart, erhob man gegen jeden Neuerer, auchden rechtgläubigsten, selbst gegen den, der die Findelhäuser, den Kaffeeund Tabak einführte.