Vorwort des Verfassers. XXIII
bedroht, und Solon erdachte in seinem Deicterion das erstesociale Präventivmittel gegen Nothzucht und Päderastie.
Doch dieser Vorwurf des revolutionären Bestrebens istmir z. Th. sehr lieb, weil er mir zur Vertheidigung dientgegen den entgegengesetzten Vorwurf, der mir auch von Vielengemacht wird, ich hätte in meinen letzten Schlüssen (Noth-wendigkeit des Verbrechens, Theorie des strafrechtlichenSchutzes) eine veraltete Lehre wieder ins Leben rufen wollen,oder doch eine solche, die sich nicht mehr der Gunst Derjenigenerfreut, welche ich die Dandys der Wissenschaft nennenmöchte, Leute, die gewohnt sind, vor der Formulirung einerwissenschaftlichen Ueberzeugung die neueste Mode der Sor-bonne oder der Leipziger Messe abzuwarten. Der Vorwurfist nicht einmal gerecht, da hervorragende Männer, wie Bre-ton, Ortolan, Tarde, Despine in Frankreich, v. Holtzendorff,Grollmann, Hofmann, Hommel, Ruf, Feuerbach in Deutsch-,land, "Wilson, Thompson, Bentham, Hobbes in England,Eller, Poletti, Seraeini in Italien, alle, mit neuen Waffen,die von Beccaria, Carmignani, Romagnosi verfochtene alteUeberlieferung verfechten.
Und wäre der Vorwurf auch wahr, dürfte deshalb eineWahrheit zurückgewiesen werden? Ist es nicht eben einesder Kennzeichen der Wahrheit, dass sie ewig bleibt, dass sieimmer üppiger wieder aufschiesst, wenn sie eine Weile durchden Modetand, durch den Pedantismus der Rhetorik unddurch die vergeblichen Bemühungen grosser aber verirrterGeister unterdrückt war? Sind die Theorien der molekularenBewegung, der Ewigkeit des Stoffes nicht immer noch frischund lebendig, obwohl sie von den Zeiten der Pythagoräer herdatiren?
Ein anderer Einwand scheint mir auch wenig begründet,der nämlich, ich beschäftige mich nicht genug mit der Psycho-logie des Verbrechers. Ist ja doch mein ganzes Buch nichtsanderes als eine Darstellung der Kriminalpsychologie, gegründet