Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
410
Einzelbild herunterladen
 

410

sein, wie ja derselbe Gang der Dinge in der Kunst unsererfranzösischen Nachbarn bereits damals Rückschritte ver-ursacht hatte, die uns bisher noch erspart waren werweiss, vielleicht nur, weil wir auf jenem Wege noch nichtso weit fortgeschritten waren. Noch sind wir im Jahre1868 nicht zu jenem rücksichtslosen Realismus gelangt, derüber die Grenzen der Kunst hinausstrebend, die Kunstselbst verlässt und verliert. Die Wiener Ausstellung zeigtekaum ein Beispiel dieser Richtung, und wir dürfen sie alseine für den damaligen Zustand deutscher Kunst vollgültigeMustersammlung betrachten.

Sie war es in der That. Die einzelnen Schulen Deutsch-lands hatten so viel als möglich ihre besten neueren Werkehingesandt, so viel als möglich, denn sie konnten die einzel-nen Künstler nicht zwingen, Anderes zu senden, als wasihnen genehm war, sie haben aber für eine strenge Aus-wahl unter dem Eingelieferten gesorgt.

Die Folge dieses Verfahrens war die, dass die WienerAusstellung gar kein schlechtes Werk enthielt, wenigemittelmässige, eine ungemeine Anzahl guter und einigeganz vortreffliche Werke. Dass die Anzahl solcher Werke,die man gewöhnlich alsbedeutende" bezeichnet, grosser,historischer, monumentaler Arbeiten, idealer Compositionen,nicht so reich war, wie in den früheren grossen Ausstel-lungen, erklärt sich aus dem zuvor Gesagten. Theilweisewurde aber dieser Mangel ausserhalb der Ausstellung er-setzt. Das neuere Wien hat eine ganze Reihe von monu-mentalen Werken der Malerei aufzuweisen, welche dasFehlende ergänzten.

Unter den Historienmalern stehen zwei Meister, dereine der Wiener, der andere der Münchener Schule ange-hörend, obenan, deren Namen bereits historisch gewordensind. Ich meine nicht in dem Sinne, wie ich in der Ein-leitung andeutete: die Werke Führich's und Kaulbach'swerden zu allen Zeiten gleiche Bedeutung und gleichen