— 403 —
Und so wäre ich denn am Ende meines Berichtes.Ich hatte mir das Ziel gesteckt, den Lesern dieses Buchesund mit ihnen einem möglichst grossen Theil des deutschengebildeten Publicums im Worte das vorzuführen, was mirvon den Werken der deutschen Künstler vor 1862 werth-voll erschien, und damit eine Uebersicht über den Stand-punct der bildenden Kunst im Vaterlande zu geben. Aller-dings konnte ich nicht jeden Künstler und jedes Werkanführen, weil deren gar zu viele sind, und dann auch wollteich ein Urtheil nur abgeben über Werke, die ich selbstgesehen und auf ihren Werth geprüft habe.
Aelteres und für uns schon Geschichtliches reiht sichan, aus Vergangenheit und Gegenwart darf man aber aufZukünftiges schliessen oder doch hoffen. Die bildendenKünste sind die höchste Ausblüthe der Cultur eines Volkesund es scheint naturgemäss zu sein, dass sich diese feinsteBlume am spätesten entwickelt; die Culturgeschichte zeigtuns bei allen Völkern, welche eine Kunst gehabt haben,die Künste des Wortes in früherer Entwicklung, als diebildenden. Auch bei unserer neuen nationalen Entwicklunggeht eine Periode der grossartigsten Entfaltung der Kunstdes Wortes dem neuen Aufschwung der Bildkunst zuvorund es ist, als ob sich die Kunstkraft der Nation, auf demeinen Gebiete ermüdet und bis zu den augenblicklichenGrenzen ihres Vermögens gelangt, dem anderen zugewandthabe, um auf neuem Gebiete mit neuen Kräften zu schaffen.
Manchen scheint es, als ob auch in der bildendenKunst während der ersten sechs Jahrzehnte dieses Jahr-hunderts der Gipfel schon erreicht worden und vielleichtschon überschritten worden wäre, und in der That gehörendie Männer, welche die grössten und bedeutendsten Werkeunserer neueren idealen Kunst geschaffen haben, zu denAlten, und in ihren besten Werken gehören 1862 wenigenur noch der Gegenwart an; ihres Gleichen zeigt sich kaumunter den Zeitgenossen am Schluss des sechsten Jahrzehnts.Aber die ungemeine Strebsamkeit und der allgemeine Wett-
26*