Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
244
Einzelbild herunterladen
 

244

den, seinen Sinn heben, den Geschmack auf den richtigenWeg- lenken und ihn darauf halten.

So reden die Optimisten und behaupten, das Publicumsteigere seine Geschmacksbildung, wenn die Kunst ihm nurwürdige Gegenstände bringt; die Künstler selbst, sagt man,verderben den Sinn des Publicums, indem sie schlechtenNeigungen desselben Nahrung bieten. Die Pessimisten abersagen: Die Kunst geht nach Brod und nach Beifall undleistet nur, was diese bringt; was nicht gefordert wird,kommt nicht zu Markte, oder, wenn es gebracht wird, istI es vergebens gebracht worden.

Sollten die Letzteren nicht Recht haben?

Klima und Boden bedingen, was der Acker bringenkann, Blumen und Früchte; wollt ihr anderes, so müsst ihrkünstliche Mittel anwenden: Treibhäuser und künstlicheDüngung bringen auch wohl fremde Wunderpflanzen ausunserer Erde hervor.

Jene bietet das Volk der Kunst, diese die einzelnenMäcenaten, und wenn wir zurückblicken auf die Entwick-lung der grossen Meister idealer Kunst, so können wiruns nicht verhehlen, dass sie ohne ihre Mäcenaten unmög-lich zu dem hätten erblühen können, wozu sie erblüht sind.

Da aber unser Volk noch nicht der grösste und besteMäcen der Kunst ist, wie es wohl eigentlich sein sollte,wird die Kunst, wenn sie nicht für den Einzelnen undseinem Sinn und Geschmack thätig sein kann, sich demherrschenden Geschmack und Sinn der Majorität des Publi-cums anbequemen müssen.

So folgt denn die Kunst der allgemeinen Geistesrich-tung, schaut sich um, erforscht die wirkliche Welt umher,beobachtet das Gegebene und stellt es dar, und macht ihrWerk zum möglichst treuen Spiegelbilde der wirklichen| Welt. Das ist das Genre.

Und damit ist Allen gedient; Künstler und Publicumbegegnen sich hier auf gleichem Boden, verstehen sichgegenseitig und sind einverstanden. Hier bedarf es keiner