- 242 —
malt, um die Virtuosität des Künstlers zu zeigen, nicht,um darzustellen.
Unsere neuere Genremalerei, welche den idealen Be-strebungen bald nachfolgte, ist in ihrer Weise der Richtung,welche die Regeneratoren der Kunst angaben, gefolgt undunterscheidet sich deshalb einiger Maassen von der Genre-malerei der alten Schulen; sie strebt mehr nach dem In-haltlichen als nach dem Formellen der Darstellung, siewill erzählen und wählt häufig novellistische Gegenstände,sie tritt sogar manchmal tendentiös und moralisirend auf.Alles das kommt freilich bei den alten Schulen auch vor,doch nicht so vorherrschend und allgemein wie bei den(__ unseren.
Am Schlüsse der ersten Hälfte unseres Jahrhundertsentwickelt sich die Genremalerei sehr bedeutend und scheintdas eigentliche Kunstfach der Neuzeit zu werden, wennnicht schon zu sein. Es ist der Boden, auf welchem unserebesten Lorberen wachsen, das Fach, worin wir folgerechtfortgeschritten sind und fortschreiten.
Auf den höheren Gebieten der Kunst zeigt sich wohlhier und dort ein Rückschritt, wenigstens ein Schwanken,das kritische Urtheil äussert sich häufig unsicher undwidersprechend und die Kunstübung demgemäss. Zwischenidealistischer und realistischer Anschauung wechselt dieNeigung, zahllose Reminiscenzen von ungemessenem, sichausgleichendem Werthe lassen kaum mehr eine Entschei-dung über geistige und materielle Formenbildung zu, überdie höchste und beste sind die Meinungen höchst verschie-den, ja, entgegengesetzt und unvereinbar; die Romantikerhaben die Antike abgethan und die Realisten die Roman-tiker, wenigstens in der Meinung des grossen Publicum s;fremde Tendenzen mischen sich ein, politische und religiöseAnsichten wollen sich geltend machen, und es fehlt demPublicum an einer rechten Ueberzeugung, damit an Liebeund dadurch dem Künstler an dem rechten Boden fürseine Kunst.