Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
212
Einzelbild herunterladen
 

— 212 —

Ohne die Bravour Gallait's und seiner MünchenerNachfolger, aber mit fast noch grösserer Geschicklichkeitund mit wirklich grösserer Feinheit der Behandlung ist indem Lessing'schen Bilde das Stoffliche der Gegenständewiedergegeben; ich glaube, ein Geschichtsforscher in diesemFache könnte an dem Bilde lernen — Weber und Stickerkönnten uns darin nachweisen, wie es mit Kette und Ein-schlag, und mit Nadel und Faden beschaffen ist; ein Ju-welier wird uns jeden Edelstein und Perle schätzen können.Und doch ist dieses alles keineswegs ängstlich und still-lebenartig behandelt, und, was noch mehr ist, es stört diesedetaillirte Naturnachahmung durchaus nicht die Wirkungdes Ganzen oder beeinträchtigt das Wesentliche, die geistigeBedeutung des Bildes. Aber ein anderes tritt störend indem Bilde auf, das ist die portraitartige Erscheinung derPersonen, welche, mag es direct oder indirect geschehensein, alle bestimmten Individuen nachgebildet sind.

Leute von heute sehen aber jedenfalls anders aus, alsLeute aus dem zwölften Jahrhundert; jedes Säculum, jajedes halbe, hat seine ganz bestimmten Physiognomieen;Lebensweise, Sitte, Gedankenrichtung, Bildungsstufe, Allesvereint bildet die physische Form um und aus; jedePortraitsammlung beweist es.

Weniger in den Geistlichen, als in dem Kaiser undseinen Rittern fällt dieser Widerspruch auf; die Geistlich-keit hat zu allen Zeiten mehr als andere Classen der Ge-sellschaft auf ähnlicher Bildungsstufe gestanden, und ausser-dem sind wir gewohnt, die altherkömmliche kirchlicheTracht von anderen Menschen getragen zu sehen; jeneRitter aber im Bilde erinnern doch beinahe an moderneCavallerie-Offiziere auf einem Maskenballe. Diese portrait-artigen Physiognomieen sind aber wieder so vortrefflichgemalt, so sprechend, dass unwillkürlich der Beschauersich dabei an diesen oder jenen Bekannten erinnert undsich fragt: sollte wirklich der X. zu dieser Figur gesessenhaben oder der Z. zu jener? Aber trotz alledem und alle-