— 207 —
nun es aber dasteht, mag es stehen bleiben, ein bezeichnen-deres finde ich doch nicht.
Das ist nämlich die Schwäche des Bildes, dass es ganzdirect an eine theatralische Scene erinnert. Es ist Allesganz vortrefflich darin, aber überall schaut die Absichthervor, auf den Beschauer zu wirken, sämmtliche darge-stellte Personen spielen, wie man beim Theater sagt, aufden Zuschauer, und gerade weil man diese Absicht zu deut-lich spürt, wird sie nicht ganz erreicht.
Der Nero ist eine vortrefflich gelungene Figur; über-sättigt kommt er vom nächtlichen Schmause, noch be-kränzt mit vollblühenden Rosen, bekleidet mit weissen,weiten Seidengewändern in lang nachschleppender weisserToga; ein weibischer Wollüstling mit finsterem, feistem,müdem, blassem Gesicht, blickt er verachtend hinunter aufdie Gruppe der getödteten Christen; jenseits hinter ihmstehen zwei weinende Kinder, neben der Leiche ihrer Mutter,zur Seite des Weges, den der Kaiser einschlägt, drückensich scheu einige Proletarier an die Mauer und blicken,halb gebückt, ängstlich nach dem Schreckensherrscher hin;das Gefolge des Kaisers nimmt ebenfalls Antheil an derChristengruppe, in allen Gesichtern ist eine gewisse ängst-liche Spannung ausgedrückt, Gedanken und Gefühle, welchesie nicht auszusprechen wagen. Aber auch in allem diesemist bei aller Lebendigkeit eine gewisse Absichtlichkeit nichtzu verkennen, es ist etwas zu viel gethan, der Künstler istetwas zu deutlich. Die merkwürdige Naturwahrheit dieserMalerei lässt uns die stärksten Ansprüche erheben an derWahrheit und Wahrscheinlichkeit der Darstellung, es ge-nügt uns nicht ein Bild zu sehen, wir machen Ansprüche,wie an die wirkliche Erscheinung solcher Begebenheiten,und diese werden nicht ganz erfüllt.
Der Vorgang ist im Ganzen bei der übergrossen Be-stimmtheit und Deutlichkeit des Einzelnen nicht ganz klarund verständlich. Wie kommen diese Christen-Leichen da-her? Wie sind diese Leute dort umgekommen, vor dem