— 171 —.
Stellung, welche in den Werken der besseren Schüler Scha-dow's sich zeigt, erreichen sie nicht immer.
„Mignon" nach Göthe's Wilhelm Meister von dem-selben Künstler ist ein Versuch, diese wunderliche Gestaltbildlich vor Augen zu stellen. Jeder denkt sich dergleichenauf seine Weise, die Auffassung in diesem Bilde erscheintmir eine recht glückliche. Die malerische Erscheinung imBilde ist sehr hübsch und Farbe und Behandlung höchstmeisterhaft.
„Der Frühling" von Bernhard Neher ist eine Allegorie,in sehr gewöhnlicher Weise erfunden und in der Ausführungfreilich fleissig und anerkennenswerth, jedoch etwas süss-lich und überzart von Farbe; es fehlt dem Bilde an Kraftund Originalität in der Erfindung wie in der Ausführung.
Cartons zu Wandgemälden, welche derselbe Künstlerin Weimar ausführte, nach Göthe'schen Gedichten und nacheiner Scene aus Faust sind phantasievolle Werke einesgewandten Darstellers. Dass bildliche Darstellungen, odersoll ich sie Umschreibungen nennen, von Gedichten wie„Meine Göttin", „Wanderers Sturmlied" und „Prometheus"nicht eben sehr verständlich und klar sind, ist nicht zuverwundern, denn die Aufgabe, welche der Künstler indiesen Werken übernahm, ist wohl nicht zu lösen; ebenso ist die Scene, wo die Engel Faust's Seele retten undden Teufeln entreissen, eine sehr nebulistische und für diebildende Kunst schlecht geeignet.
Die Zeichnung in diesen Carton's ist wohl verstandenund nicht ohne Schönheiten, jedoch im Allgemeinen etwasschwächlich.
E. Bendemann hat eine homerische Scene dargestellt:Odysseus und Nausikaa. Es ist ein Bild voll ernsten undedlen Strebens, welche antike Tracht und Sitte recht wahr-scheinlich und natürlich darstellt; eine gewisse Eleganzund Glätte jedoch giebt dem Bilde einen zu modernen undetwas schwächlichen Charakter, der mit dem Wesen desalten Dichters nicht ganz im Einklang steht.