— 101 —
Es liegt in diesen Bildern eine eigenthtimliche Zartheitdes Gefühls, welches sich bald in warmer Frömmigkeit,mit einem Anflug von ascetischer Entsagungsfreudigkeit,äussert, bald auch in einer Art von träumerischer Poesieund Humor; nur ist Steinle's Humor ein ganz anderer, alsder Humor in Schwind's oder Schrödter's oder Neureuther'shumoristischen Figuren und Episoden.
Wie eigen, kindlich, wunderlich, so realistisch im Ein-zelnen, und doch so ganz phantastisch und märchenhaft imGanzen, ist das Aquarell, in welchem Spindel, Webeschiffund Nadel dem fleissigen Mädchen den Freier in's Hausführen! Freilich ohne die Inschrift, und noch einige Phan-tasie und guten Willen, kann man die Geschichte nichtwohl verstehen, aber mit diesen Hülfen lässt sich die Ge-schichte so lieblich ausspinnen; Steinle will nicht, wie Ge-nelli, eine Geschichte wirklich erzählen, sondern deutet sienur an, und überlässt uns, sie nur nach unserem Gut-dünken fort- und auszudichten. Wie ist die Mädchen-gestalt so allerliebst, züchtig, häuslich und doch so coquett,nur in ihrer Weise; wie seltsam träumerisch reitet derfürstliche Jüngling daher, umstrickt von dem Zauber desihn umschlingenden, einfangenden Fadens, und wie ge-winnt dies durch die eigene Form der Darstellung; esklingt ein so eigener, alterthümlich verschollener Ton dar-aus hervor.
Eine andere vortreffliche Zeichnung ist die, worin dieFegende der heiligen Margaretha von Cortonä dargestelltist. Wie lebendig ist der seelische Ausdruck dieser Figuren!
Weniger sagt mir die Legende der heiligen Euphro-syne zu, wo der Meister eine bei den altdeutschen undaltitalienischen Künstlern übliche Form der Darstellung ge-wählt hat, welche denn doch nicht ganz empfehlenswerthsein dürfte.
Er hat nämlich, wie auch in einigen anderen legenda-rischen Darstellungen, die verschiedenen Momente der Ge-schichte in ein Bild gebracht, und zwar so,, dass sie nicht