— 102 —
einzeln abgeschlossen, sondern nur durch Nähe und Fernegetrennt werden, eine symbolische Kunstform, deren Ver-ständniss schwierig ist und vom Beschauer verlangt, dasser materiell Unmögliches und thatsächlich Unwahres imGeist umwandle und die Form, bloss als Symbol betrach-tend, vergesse; wir sollen bei solchen Darstellungen alsoeigentlich nicht das Dargestellte, sondern eine Darstellung,welche darunter verborgen ist, sehen.
Die heilige Euphrosyne verlässt ihr väterliches Haus,um der Hochzeit zu entgehen, flieht als Mönch verkleidet,in ein Kloster und wird mit Verkennung ihres Geschlechtes,darin als Bruder aufgenommen. Es folgen nun allerleiSchicksale, von welchen wir im Bilde weniger sehen, bisendlich auf dem Todesbette der vermeintliche Mönch, vondem trauernden Vater, der sie überall gesucht hatte, er-kannt und wiedergefunden wird.
Um diese Geschichte nun in der angegebenen Formdarstellen zu können, ist es nöthig gewesen, die einzelnenFiguren mehrfach auftreten zu lassen, und zwar hat derKünstler unserer geistigen Auffassung sehr viel zugemuthet.Da kommt zum Beispiel der Vater mit dem Bräutigam andie Hausthür, und schaut auch sogleich oben zum Fensterhinaus, in Verzweiflung über die entflohene Tochter, wel-che an der anderen Seite des thurmartigen (des Raumesweges) schmalen Hauses hinaus eilt, in den Kahn, welchenein Mönch führt, und gleich dahinter sehen wir denselbenKahn hingleiten mit zwei Figuren, deren eine die als Mönchverkappte Jungfrau ist. Und so geht es fort.
Eine grosse Zeichnung nach Shakespeare's Kaufmann
von Venedig hat wieder einen ganz anderen Charakter.
Wir sehen den Marcusplatz im Mondschein, Shylock irrt
in Verzweiflung umher und jammert:
my daughter — oh my ducats — oh my daughter,fled with a Christian! — oh my Christian ducats!
Gassenbuben umspringen ihn verhöhnend, die Matrosenauf den .Schiffen, auf Bord und Mastwerk herumliegend,