Druckschrift 
Deutsche Maler : von Asmus Jakob Carstens an bis auf die neuere Zeit
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

Gesellschaft, welche das französische Volk repräsentirte,entzückte sich an den Gebilden, welche ihrer Bildung undihren Anschauungen vollkommen entsprachen; die Künstlerund ihr Publicum waren eins und einverstanden.

Und unter so günstigen Umständen erwuchsen be-deutende Kunstkräfte, ich brauche nur an Lebrun und seineZeitgenossen zu erinnern, welche ohne Zweifel das Be-deutendste geschaffen haben, was ihre Zeit überhaupt inder bildenden Kunst geschaffen hat.

Es war auch hier das nationale Wesen, welches dieKünstler trug und hob; sie lebten mit ihren Bandes- undZeitg-enossen in derselben Sinnesrichtung und verkörpertendie Ideen, welche Jedermann anerkannte, die Gedanken,Avelche Jedermann verstand und mitdenken konnte; Jeder-mann, das heisst die gute Gesellschaft, der Hof, denn vonAnderen war damals in Frankreich keine Rede, der Staatwar der König, das Volk war der Hof, Frankreich war inVersailles.

Aber ein solches Volk in einem solchen Zustandekonnte nicht dauern. Die höchstgesteigerte Bildung einesgeschlossenen Kreises übersteigerte sich; die höchste Ver-feinerung führte zur aberwitzigsten Unnatur, eine bis insKleinste geregelte Sitte hinderte jede individuelle Ent-wicklung; die festgeschlossene Grenze, welche die Gesell-schaft umschloss, hinderte jeden freien Blick auf Welt undMenschen; wer nicht als Marionette am leitenden Fadenmittanzen wollte, musste ein Sonderling werden.

Seit dem Verluste der individuellen Freiheit entschwandjede Kraft, im behaglichen Schlender gesicherten Daseinsblieb nur noch das Streben nach bequemem Genuss, jederErnst verschwand, und wenn der Geist nicht verflüchtete, sodiente er doch nur noch, um mit seiner Hülfe besser undfeiner zu geniessen. Die Männer wurden Weiber und dieWeiber wurden Männer; es entstand ein allgemeiner Ban-kerott an Seele und Charakter. Und die Kunst folgte ge-treu auf dem Wege, welchen die Nation in ihren Repräsen-