Erste Unterredung.
Vom Denken überhaupt.
»^2<s hat wol noch Keiner unter euch, Geliebte!- soHub einst Noema an — »mit Ernst betrachtet, mos in einemJeden von euch verborgen liegt. Keiner har noch mit Auf-merksamkeit in sein Inneres geblikr, Keiner die reiche Tiefezu durchspähen gesucht, die ein Jeder von euch in sich schließt.
Die meisten der Sterblichen, vornehmlich in den ersten Jah-ren ihres Daseins, leben nur in dem, was sie außcnher um-gibt. Erst durch irgend einen gütigen Wink, durch irgend ein gün-stiges Ereignis wird der Eine oder Andere gewckt, sein Augevon den ihn umgebenden, sinnlichen Dingen abzulenken undauf sein höheres inneres Eigenlhuni zu richten. Solch einEinkehren aber in sich selbst, solch ein Aufmerken auf dasjenige,was in unserer Binnenmelt, in unserem Geiste, beim Erkennenund Handeln vorgeht, ist der erste Schritt zur wissenschaftlichenBildung, und ist zum Erreichen eines Vortheils auf scientisischemGebiete für Jeden unerläßig. Deshalb hat schon in alter Zeitder weiseste aller Sterblichen, Sokrates, seinen Schülernund Mitbürgern zugcrufen, und auch über der Pforte des Apollo-tempels zu Delphi stand es mit goldenen Buchstaben geschrie-ben: »Mensch, kenne dich selbst, wenn du weiseund glüklich sein willst!- — und so soll denn auch meinWorc das innere Heiligthum eures unsterblichen Geistes eucherschließen, auf daß ihr eure Vorzüge und Kräfte, sowie euredarauf gegründete hohe sittliche Würde kennen leint.
Die höchste Kraft im Menschen, gleichsam die oberste /-Gewalt in seinem ganzen in vieler Beziehung einem Staate ^'
1