Der Charakter und die massgebenden Ideender Epoche.
Zwei Jahrhunderte bilden in der Weltgeschichte eineschnell verrauschende Episode, im Leben eines Volkes bedeutensie schon einen wichtigen Abschnitt der Entwicklung. Nun istes wahr, dass die Völker, gleich den einzelnen Menschen, durchalle Erfahrungen und Wandlungen hindurch, den Grundzugihres Charakters treu bewahren. Aber zu verschiedenen Zeitenerscheinen sie doch verschieden geartet. Wechselnde Bestre-bungen erheischen einen Wechsel im Gebrauch der Kräfte undlassen Eigenschaften walten, die früher wenig zu Tage tretenkonnten. So erhalten die Völker zeitweise einen Ausdruck, deruns fremdartig anmuthet und erst bei einiger Aufmerksamkeitdie wohlbekannten Züge wieder erkennen lässt.
Wie verschieden erscheinen die Franzosen des siebzehntenJahrhundertes von ihren Vorgängern, welche die Beligionskriegeausfochten, ein Marquis Ludwig’s XIV. von den Rittern desKönigs Franz, und wie wenig gleichen die Dichter der clas-sischen Zeit, ein Corneille oder Boileau, den skeptischen, ele-ganten und hohlen Dichterlingen, welche das folgende Jahr-hundert ergötzten!
Eine jede Epoche erhält ihren Charakter durch die An-schauungen, die sich zur allgemeinen Geltung emporringen.Solcher Ideen gibt es immer nur wenige, und je einfacher undbestimmter sie sind, desto mächtiger wird ihre Herrschaft.Doch ihr Walten währt nicht lange. Ihre Stärke erweist sichhauptsächlich, so lange sie noch zu kämpfen haben. Ist ihneneinmal der Sieg zu Theil geworden, dann beginnt eine Reaction,