Ferdinand Lotheissen.
Am 19. December 1887 erlag der Professor der französi-schen Sprache und Literatur an der Universität Wien langwie-rigen Leiden. Nur mit äusserster Selbstüberwindung hatte Loth-eissen im Sommermester seinen akademischen Pflichten auf derLehrkanzel und im Seminar genügt; die Ferien verbrachte er inder Krankenstube, grausam gequält durch ein nicht zu bannendesHerz- und Augenleiden; zu Beginn des Winters musste er aufärztliches Geheiss seine Vorlesungen und die Vollendung weitangelegter und gediehener literarischer Lieblings arbeiten ein-stellen. Gleichwohl konnte und mochte Niemand, der den auchin dieser schweren Leidenszeit ungewöhnlich milden und liebens-würdigen Mann sah und sprach, glauben, dass sein Ende so nahebevorstehe. Bis in die allerletzten Tage war er so mittheilsam undgeistig angeregt, wie in seiner besten Zeit; die bedeutendstenneuen Erscheinungen der französischen Literatur, Sorel’s „Mon-tesquieu“, Taine’s „Napoleon“,, Renan’s „Geschichte Israels“waren ihm wohlbekannt. Zwei treffliche Kinder, wahre Musterder Erziehungskunst dieses liebevollen Vaters, wussten, dass diesorgsamste ärztliche Pflege bei einem Patienten seines Schlagesnicht ausreiche: unermüdlich betätigten und bewährten sie sichdeshalb als geschmackvolle, sachkundige .Vorleser. Und Loth-eissen selbst urtheilte, wie allezeit: klar, selbstsicher, gescheidt,entschieden in der Sache, milde in der Form.
Von seinen Plänen und Entwürfen — einer CharakteristikVoltaire’s als Briefsteller, einer Culturgeschichte Frankreichs imsiebzehnten und achtzehnten Jahrhunderte — sprach er, wie