Schlözer, August Ludwig von. »
er wohl dann und wann ein ungnädiges Rescript. Unter Anderem fehlte es nicht an demherkömmlichen Borwurfe, daß er in seinen Schriften und seinen Vorlesungen die christlicheReligion antaste. Endlich ließ er sich beigehen, auch eine in Hannover selbst misbräuch«lich bestehende Posteinrichtung zu tadeln und in einem der Postbeamten die noch herr-schende Beamtenwillkür scharf zu züchtigen. Darin erblickte die Regierung einen Ueber-griff des kühnen Unterthanen in das eigene Privilegium der Tadellosigkeit; und von Ver-weisen kam es endlich (1796) zur Suspension seiner Censurfreiheit und zum Verbot derferneren Herausgabe seiner Zeitschrift so wie jeder anderen periodischen Schrift. Zwarwurde ihm auf Fürsprache des Ministers von Steinberg im Jahre 1800 wieder Censur«freiheit gegeben, aber die Publicalion eines politischen Journals blieb ihm ferner unter-sagt, und Schlözer verwandte also fortan die Zeit, die ihm seine Berussgeschäfte übrigließen, auf die Ausarbeitung historischer Werke.
In den letzten Jahren ihres Bestandes hatte sich indessen der Vertrieb der Staatsan-zeigen etwas vermindert, wenngleich ihre Verbreitung immer noch eine sehr ausgedehnteblieb. Die Ursache davon lag theils in der Eoncurrenz anderer Zeitschriften, theils in derAct, wie Schlözer die großen Ereignisse seiner Zeit auffaßte, und in der Stellung, inwelche er dadurch zu den Parteien kam. Denn dieser Mitschöpfer einer bessern Geschicht-schreibung war nicht frei von manchen Vorurtheilen und Einseitigkeiten in der Beurlhei-lung der Gegenwart. Ec theilte damit nur das Schicksal von Tausenden seiner geistvoll-sten Zeitgenossen. Als sich die neue Zeit in den blutigen Wehen der Revolution gebar,stand sie urplötzlich io riesengroß da, daß selbst die früheren Pfleger und Nährer des Ge-dankens der Völkerfreiheit ihr Kind verkannten und mit Entsetzen es von sich stießen.S chlözer hatte eine entschiedene Abneigung gegen alles Oligarchische und verwechselttdieses, nach seinen Erfahrungen über die Äslerdemokratiecn der Schweiz, allzu leicht mitdem Republikanischen. Dies zeigte sich zunächst in der Beurtheilung der nordamerikani-schen Revolution, die bei ihm sicher aus gutem Glauben kam, ohne daß er nach demBeispiele der meisten anderen Göttinger Professoren geflissentlich darauf ausgegangenwäre, das Lied Dessen zu singen, dessen Brod er aß. Für die Anerkennung der repräsen-tativen Demokratie Nordamerikas, eines ganz neuen Becfassungswerkes, für dessen Be-urtheilung ihn die Classificationen eines Montesquieu und seine eigenen historischenForschungen im Stiche ließen, hatte er noch keinen Maßstab; noch weniger konnte ihmeinsallen, daß der Staat in dieser jüngsten und neuen Gestalt auf gleiche Weise daraufAnspruch machen würde, die Zukunft des Völkerlebens zu beherrschen, wie periodischdie feudalistisch-ständische, die absolute und repräsentative Monarchie in Vergangenheitund Gegenwart überwogen haben oder noch jetzt überwiegen. Von diesem beschränkterenGesichtskreise aus warf er den Amerikanern Ungerechtigkeit und Undankbarkeit vor, undglaubte noch 1782, daß sie an einem Abgrunde von Anarchie und oligarchischer Despotieständen. Indessen finden sich in späteren Schriften einige Spuren veränderter Ansichten.
Aehnlich erging es ihm mit der Beurtheilung der französischen Revolution. Solange sich die französische Revolution noch innerhalb der Schranken des Monarchenthumsbewegte, wurde sie von Schlözer freudig begrüßt. „Die ckeclsrstion cke« ckroits cleI'Iivmme et cku cito^en", so schrieb er noch 1791, „ist ein Codex der ganzen, durch allge-meine Cultur der Volljährigkeit sich nähernden Menschheit." Bald aber ging ihm derMaßstab für die Beurtheilung der Ereignisse verloren. Der statistisch-ökonomische Pro-fessor tauchte in ihm auf und er rechnete z. B. dem blutenden Frankreich die Summen vor,di« ihm durch die Emigration verloren gegangen und nun im Auslande verzehrt würden.Denn selbst die Gelehrtesten in Deutschland hatten damals noch keine Ahnung davon,welche überallhin schaffenden Kräfte durch die erst nur in der Form der Zerstörung sich dar-stellende Revolution geweckt wurden, und wie leicht die Freiheit, nachdem sie eine müßigeAristokratie über die Gränze gestoßen hatte, selbst die ersten materiellen Nachtheilenicht blos einfach zu ersetzen wußte. Aus Haß gegen die Oligarchie gab Schlözer inseinen Staatsanzeigen eher Auszüge aus Schriften gegen als für die Revolution; undwie der Wunsch zugleich seine Hoffnungen und Erwartungen erzeugte, so weissagte er,