-Z0 —
Anlaß zum Dünkel — und damit freilich auch zum Neide —gegeben hat wie hier und damals.
Es ist selten, daß Schönheit und Wissenschaft sich auf Erdenzusammensinden. Wohl oder übel ist man gewöhnt, die Ge-lehrsamkeit als häßlich, die Anmut aber als geistlos, undzwar — was eben zur Anmut gehört — als geistlos mit gutemGewissen vorzustellen, da sie Schrift, Geist und Weisheitnicht nur nicht nötig hat, sondern sogar Gefahr liefe, durchsie entstellt und zerstört zu werden. Die exemplarische Über-brückung der Kluft nun aber, die zwischen Geist und Schön-heit gesetzt ist, die Vereinigung beider Auszeichnungen imEinzelwesen erscheint als Aufhebung einer Spannung, dieman als im Natürlich-Menschlichen begründet anzusehengewohnt ist, und läßt ganz unwillkürlich an Göttlichesdenken. Das unbefangene Auge ruht auf solchem Vor-kommnis göttlicher Spannungslosigkeit notwendig mit rein-stem Entzücken, während es ganz danach angetan ist, diebittersten Empfindungen auszulösen bei solchen, die Grundhaben, sich durch sein Licht verkürzt und verdunkelt zu finden.
So war es hier. Das glückliche Einverständnis, das ge-wisse Erscheinungen im Menschenherzen erregen und dasman sachlich ihre Schönheit nennt, machte im Falle vonRahels Erstgeborenem sich mit solcher Unverbrüchlichkeitfühlbar; man fand ihn — ob wir nun diesen, Enthusiasmusganz zu folgen vermögen oder nicht — dermaßen hübsch, daßseine Anmut frühzeitig und ein gutes Stück ins Land hineinsprichwörtlich wurde. Und ihr war es gegeben, das Geistigeund seine Künste in sich einzubeziehen, es mit heiterem Eiferzu ergreifen, in sich zu nehmen und es, geprägt mit ihremSiegel, dem Siegel der Anmut, wieder aus sich zu entlassen.