Neuntes Kapitel: Das Häfsliche. Ergänzung d.Modifikationen d.Schönen. 597
dem Dunkel hervorleuchtet; deren Licht schliefslich auch ausder Pfütze noch uns entgegentritt.
Und was hier von der Sonne gesagt ist, gilt von allemLichten, d. h. allem Lebendigen, allem positiv Menschlichen undjedem Analogon eines solchen.
Und das Negative oder Häfsliche kann weiterhin dasjenigesein, wodurch das Positive oder Gute erst geweckt wird; oderdas Positive entsteht im Kampf mit ihm oder es wird dadurchein höheres; das Negative ist das Läuternde oder Reinigende.
Das Häfsliche als Träger einer „Geschichte“.
Oder endlich das an sich Häfsliche vollbringt keine derhier bezeichneten ästhetischen Leistungen; aber es erzählt eineGeschichte, die einen positiven Inhalt hat. Wir sehen oderhören etwa die Ruine eine Geschichte erzählen vom Kampfzwischen dem Bauwerk und den Kräften der Natur. So er-zählen auch Lumpen eine Geschichte von Menschenschicksal,die das neue Kleid nicht erzählen kann. Indem sie aber vonMenschenschicksal erzählen, erzählen sie vom Menschen undbringen den Menschen uns menschlich näher. Oder Falten undRunzeln eines Gesichtes erzählen die Geschichte des Menschen,eine Geschichte von Arbeit und Mühen, Hoffnungen und Sorgen,Freude und Leid, die ein Mensch getragen hat.
Ich zähle hier alle diese Momente auf für sich; aber die-selben können sich mannigfach verweben. Die Falten undRunzeln, sage ich, erzählen eine Geschichte; daneben könnensie für mich unmittelbar Träger sein eines eigenartigen geistigenLebens. Einmal kann das spezifisch Geistige oder Seelische,weil der Gedanke des blühenden körperlichen Lebens ver-schwunden ist, beherrschend hervortreten. Im übrigen gibt esaber auch einen Ausdruck des Geistigen oder Vergeistigten,der erfahrungsgemäfs an das Alter und die Zeichen des Altersgebunden ist.
So erzählt auch das vergilbte herbstliche Laub nicht nureine Geschichte, nämlich die Geschichte des vergangenenSommers, sondern es spricht sich auch in ihm unmittelbar