534
Die Modifikationen des Schönen.
aber auf das Geheifs des Objektes. Sie ist ein Anspruch, dendas Objekt an mich stellt, und den doch zugleich ich an michselbst stelle. Das Erhabene fordert von mir eine ideelle An-spannung meines Wesens. Und diesen Anspruch und dieseAnspannung fühle ich. Dadurch kommt in das Erhabenheits-gefühl ein eigentümliches Moment der Spannung. Ich fühle,dafs ich nicht mühelos den Inhalt des Erhabenen in mich auf-nehme, richtiger gesagt, in mir selbst ausgestalte; dafs ich nichtleicht und spielend den Anforderungen, die das Objekt an michstellt, gerecht werde. Das Gefühl der Erhabenheit ist so einGefühl der Steigerung und Ausweitung, und doch zugleich eineArt von Gefühl der Beengung.
Dies nun hat man wohl so ausgedrückt: Ich fühle michgegenüber dem Erhabenen klein. Dies ist, so weit es sich umdas ästhetisch Erhabene handelt, nicht richtig gesagt. Ich fühlemich in der ästhetischen Betrachtung überhaupt nicht „gegen-über“ dem Objekt; ich vergleiche mich nicht mit ihm, messenicht an ihm mein reales Ich. Von diesem bin ich ja in derästhetischen Betrachtung befreit; es bleibt weit dahinten. Ichkann mich also auch nicht dem ästhetischen Objekte gegenüberklein fühlen.
Es kann aber mit diesem Gefühl der Kleinheit allerlei ge-meint sein. Einmal: — Ich fühle mich klein in meiner Auf-fassung des sinnlich Gegebenen. Was ich auffassen soll,übersteigt die Grenzen meiner Auffassungsfähigkeit. Ein starkanwachsender Ton etwa wird schliefslich überstark. Indem erfordert, von mir aufgefafst zu werden, stellt er an mich eineZumutung, die zu meiner natürlichen Bereitschaft des Auffassensin Gegensatz tritt.
Aber solche sinnliche Übergröfse ist nicht ästhetische Er-habenheit; sondern durch sie werde ich aus der ästhetischenBetrachtung überhaupt herausgeschleudert. Der Klang, der durchseine Lautheit das Ohr beleidigt, das Licht, das das Augeblendet, lenkt den Blick auf mein sinnliches Vermögen, undy hebt damit die Bedingung der ästhetischen Betrachtung auf, diedarin besteht, dafs das Sinnliche gar nicht um seiner selbstwillen für mich da ist, sondern dem Inhalte absolut sich unter-