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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
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Zweites Kapitel: Spezielleres zur Ästhetik einfacher Formen. 245

schaffenheit meiner sukzessiven Betrachtung. Dies gilt insonder-heit etwa von der vertikalen Linie. Gesetzt eine solche Linie stehtfür sich, so habe ich Freiheit, in meiner sukzessiven Auffassungderselben unten und oben zu beginnen. Beginne ich nununten, dann fordert die Linie den Fortgang in der Richtungnach oben; sie entsteht in dieser Richtung. Und dies Ent-stehen wird dann, für die empirische Einfühlung, zu einem Ent-stehen durch sukzessive Überwindung der Schwere. Einandermal beginne ich die Betrachtung am oberen Ende. Jetztentsteht die Linie in der umgekehrten Richtung. Und nun ist auchihr mechanisches Wesen ein anderes. Sie sinkt vermöge derSchwere herab, so lange, bis die Wirkung der Schwere mitder Gegenwirkung des inneren Zusammenhaltes der Linie sichins Gleichgewicht gesetzt hat. Hier erweist sich deutlich die,unabhängig von der mechanischen Gesetzmäfsigkeit bestehendeapperzeptive Einfühlung als das Erste. Sie bestimmt, wie ge-sagt, die Richtung, in welcher die hinzutretende Naturgesetz-mäfsigkeit wirkt, und damit auch die Art derselben.

Wichtiger aber noch ist dieser Sachverhalt, wenn der Aus-gangspunkt, und demnach auch die Richtung der sukzessivenAuffassung nicht willkürlich, sondern mir durch die Naturmeiner Auffassungstätigkeit, oder der Linie, bezw. durch ihreBeziehung zu anderen Linien, vorgeschrieben ist.

Eine vertikale Linie erstrecke sich von der Mitte einerhorizontalen Linie aus nach oben. Hier besteht zunächst dieForderung der Auffassung des Liniensystems als eines Ganzen,oder genauer, die Forderung, das Liniensystem als Ganzessukzessive entstehen zu lassen.

Dieser Forderung nun kann ich nur genügen, indem ichdas Liniensystem von einem einzigen Ausgangspunkt ent-stehen lasse. Als solcher aber bietet sich mir der den beidenLinien gemeinsame Punkt dar. Es liegt in der Natur meinerAuffassungstätigkeit, dafs ich von diesem gemeinsamen Punktausgehe, und von ihm nach rechts und links, andererseits längsder vertikalen Linie, also nach oben, betrachtend mich wende,und demgemäfs in diesen und keinen anderen Richtungen dieLinien entstehen lasse. Und damit ist nun wiederum die