Neuntes Kapitel: Zusätze zur Natureinfühlung. 223
das dies Ganze in unsagbarer Weise umwebt und umspielt.Ich kann auch hier dies „Etwas“ mit allgemeinen Namen be-nennen. Ich nenne die Stimmung fröhlich, melancholisch, heiter,ernst, düster u. s. w. Aber ich kann dies Etwas nicht fassen,analysieren, definieren. Es ist für mich da nur in Gestalt desGefühls, und des begleitenden Bewußtseins, dafs dasselbe aufetwas Allgemeines, im wahrgenommenen Ganzen Waltendes,aber eben Unsagbares, nicht Bestimmbares, zielt, nicht diesemoder jenem gilt, was in der Landschaft lebt, sondern demallgemeinen Pulsschlag des Lebens im Ganzen der Landschaft.
Die besondere ästhetische Bedeutung dieser Stimmungenliegt darin, dafs ich in ihnen in besonderer Weise mich ganz,d. h. so allgemein, so umfassend, nicht als den in bestimmterRichtung Tätigen oder sich Betätigenden, in das Objekt einfühle.Andererseits hat doch dieser Sachverhalt wieder in diesem Un-bestimmten, diesem Zerfliefsenden, diesem Mangel des konkretenInhaltes seine negative Kehrseite. 1 )
*) Eine Ergänzung des in diesem Abschnitt Vorgebrachten bieten, inmehrfacher Hinsicht, die psychologisch-ethischen Betrachtungen, die ich inmeinen „Ethischen Grundfragen“, Hamburg und Leipzig 1899, ange-stellt habe. Ich verweise insbesondere auf die drei ersten Kapitel diesesBuches. Für das 5. und 6. Kapitel dieses Abschnittes verweise ich außer-dem auf meine Schrift „Vom Fühlen, Wollen und Denken“, Leipzig 1902,und meine „Grundzüge der Logik“. — Ich mufs überhaupt bitten, daß meineästhetischen Anschauungen in den Gesamtzusammenhang meiner psycho-logischen und vor allem psychologisch-ethischen Anschauungen hinein-gestellt werden. Die Ästhetik, so wurde schon in der Einleitung gesagt,ist eine psychologische Disziplin, ünd Ästhetik und Ethik hängen bei allerVerschiedenheit aufs Innigste zusammen.