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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
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Neuntes Kapitel: Zusätze zur Natureinfühlung.

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zunächst vermittelt durch Auge und Ohr. Und es bestehendafür zunächst zwei Gründe.

Einmal: die Inhalte dieser höheren Sinne schliefsen sichzusammen zu reicheren Bildungen, die demgemäfs zu Trägerneines mehr oder minder reichen seelischen Inhaltes werdenkönnen. Dagegen trifft dies nicht zu bei den Inhalten derniedrigeren Sinne. Gerüche, Geschmäcke, Temperaturen, ordnensich weder zu räumlichen Bildungen zusammen, noch ergebensie in ihrer zeitlichen Folge ein Ganzes, das mit der mensch-lichen Rede, oder dem musikalischen Kunstwerk, sich vergleichenkönnte.

Geschmäcke können freilich in reicherem Wechsel sichfolgen. Aber es fehlt dabei die den mannigfachen Stufen derKonsonanz und Dissonanz der Töne entsprechende Art derinneren Einheitlichkeit und Gegensätzlichkeit, der Verwandtschaftund Fremdheit, welche sie zu einheitlichen, zugleich mehr oderminder reich differenzierten, und nach eigener innerer Gesetz-mäfsigkeit sich gestaltenden Gesamtgebilden zusammenschliefsenkönnte.

Hierbei verweile ich einen Moment, um ein übles Mifs-verständnis auszuschliefsen. Ein Mahl sei geschickt angeord-net; die Speisen, die aufeinander folgen,passen zueinander.Hier, meint man vielleicht, liege etwas der Melodie oder derschönen Farbenverbindung Vergleichbares vor. Aber jeder weifs,was hier diesPassen besagen will: Die vorangehende Speisemacht jedesmal die folgende schmackhafter, reizt oder erhältden Appetit für dieselbe, d. h. sie macht das sinnliche Ge-schmacksorgan für dieselbe disponierter.

DiesPassen nun ist grundsätzlich verschieden von demZueinanderpassen der aufeinanderfolgenden Töne der Melodieoder der nebeneinander gegebenen Farben einer schönen Farben-zusammenstellung. In diesen Fällen gewinne ich, indem ichdie Töne bezw. Farben apperzeptiv zueinander hinzunehme undzu einem Ganzen vereinige, in der blofsen Betrachtung diesesGanzen ein Gefühl der inneren Einstimmigkeit oder Einheitlich-keit eben dieses Ganzen. Dies Ganze erscheint mir, in solcherzusammenfassenden Betrachtung, in sich selbst innerlich

Lipps, Ästhetik. 14