Sechstes Kapitel: Die Naturkräfte.
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Streben des Steines jetzt nicht mehr als ein Widerstreben „gegen“den Versuch, seinen Fall aufzuhalten, seine Lage oder Form zuverändern. Sondern dies Streben ist jetzt ein positives Streben„nach“ jener natürlichen Verhaltungsweise. Und dies Strebenist zugleich notwendig „mein“ Streben, weil ich eben jetztbetrachtend i n dem Stein und seinem Gerichtetsein auf dieihm natürliche Verhaltungsweise bin und weile. Ich erlebe esals mein aktives Streben, nur eben in der Betrachtung desSteines. Damit erst ist die eigentlich ästhetische Einfühlungdes Strebens vollzogen.
Mit dem „Streben“ des Steines ist nun zugleich auch die„Kraft“ des Steines gegeben. Sie trägt in diesem Falle denNamen der Schwerkraft oder der Schwere. Die „Kraft“, sosagte ich, ist nichts als die Intensität meines Gefühls derSpannung oder Anstrengung. Indem ich aber die Spannungvom Gesichtspunkt des Steines aus betrachte, und demgemäfsdas Streben auf diesen beziehe, beziehe ich auch die In-tensität desselben auf den Stein. Der Stein widerstrebt meinerBemühung, ihn zu halten, mit bestimmter Kraft, oder strebtmit bestimmter Kraft herabzusinken. Niemand kann zweifeln,dafs diese Kraft nichts anderes ist, als die Kraft meinerAnstrengung, dafs ich in jener Bemühung nicht ein doppeltes,sondern ein einfaches Gefühl dieser Kraft, d. h. der Intensitätder Anstrengung habe. Die Kraft des Steines ist mein Kraft-gefühl, auf den Stein bezogen. Oder es ist das Kraftgefühl,das ich habe, wenn ich die Spannung mit ihrer Intensität vomGesichtspunkt des Steines aus betrachte.
Wie aber von dem Streben, so gilt auch von dieser Kraft,dafs ich dergleichen auch erlebe, wenn ich blofs den gedank-lichen Versuch mache, den Stein am Fallen zu verhindern,oder seine Lage oder Form zu ändern. Die „Kraft“ ist hier dieKraft oder die Dringlichkeit der Einsprache, welche die Er-fahrung gegen diesen gedanklichen Versuch erhebt.
Und mit dem Streben und der Kraft ist weiterhin ge-geben das Tun und das Erleiden. Das Tun ist das zur Ver-wirklichung eines Zieles fortgehende Streben. Gesetzt also, derStein, den ich mich bemühe emporzuhalten, sinkt herab, so ist
Lipps, Ästhetik. 12