Fünftes Kapitel: Die monarchische Unterordnung und das ästhet. Ganze. 75
herrschende Element, das wir als zunächst gegeben ansehen,nicht mit umfafst ist
Hier sind aber sogleich wiederum zwei Möglichkeiten zuunterscheiden. Die eine ist diese: Jenes erste herrschendeElement herrscht und fafst zusammen in einer Hinsicht oderRichtung. In anderer Hinsicht oder Richtung dagegen bleibtdas Mannigfaltige frei oder für sich. Dann erscheint es natür-lich, dars ein zweiter Einheitspunkt nun in dieser anderen Hin-sicht oder Richtung zusammenfassend wirke.
So ist etwa im gotischen Dom der ganze Bau der Längenach im Turm auf das bestimmteste zusammengefarst. DerLängsbau „mündet“ sichtlich in diesen Turm. Aber der Domgeht auch, im Querschiff, obgleich in untergeordneter Weise, indie Breite. Er erstreckt sich da, wo das Querschiff auftritt,in beiden Richtungen zumal. Und darauf hat der Turm keineBeziehung. Diese von einer Mitte ausgehende Bewegung hatnicht im Turm ihren Einheitspunkt. Um so sicherer findetsie ihren natürlichen Einheitspunkt in ihrer Mitte. DieserSachverhalt wird durch das Türmchen über der Vierung an-erkannt.
Die zweite Möglichkeit ist diese: Es ist nicht das Mannig-faltige in einer Hinsicht oder Richtung von einem Elementbeherrscht oder in einem Punkte zusammengefafst, in eineranderen dagegen frei. Sondern es ist nur der Umfang oderdie Ausdehnung des Ganzen zu groîs, oder die Herrscher-macht des beherrschenden Elementes, sei es vermöge seinerStellung, sei es vermöge seiner eigenen Beschaffenheit undGröfse, zu gering, als dafs das ganze zu beherrschende Gebietvon diesem Elemente umfafst, oder genügend sicher umfafstwerden könnte. Dann werden weitere, und zwar zunächstgleichartige, herrschende Elemente zu jenem ersten hinzutreten.
Dies Moment kommt auch schon bei jenem Türmchenüber der gotischen Vierung mit in Betracht. Im übrigen sinddafür die vielen einander koordinierten Fialen des gotischenDomes, die Türme, die eine langgestreckte Mauer in bestimmtenIntervallen dominieren und in sich zusammenschliefsen oder„verdichten“, die wiederkehrenden Betonungen in einer Silben-