Einleitung. 5
die Schule, auf die Umstände, unter welchen der Künstler sichentwickelt hat.
Aus allem dem aber ist das Kunstwerk nicht eigentlich ge-worden. Sondern es ist hervorgegangen aus der Seek desKünstlers, seinen künstlerischen Kräften, seinem künstlerischenGefühl. Dies ist ein Gefühl gleichartig demjenigen, das imBeschauer des Kunstwerkes sich findet, und verdankt gleich-artigen Gründen sein Dasein. Die schaffenden Kräfte imKünstler, so hat man mit Recht gesagt, sind die gleichen wiedie geniefsenden Kräfte im geniersenden Subjekt. Das Geniefsenist eine Art des Nachschaffens.
Wie es aber damit sein mag, in jedem Falle heifst „dasDasein dieses Kunstwerkes verstehen“ vor allem: den Prozefsverstehen, vermöge dessen es im Künstler geworden ist, dieinneren Bedingungen kennen, denen es sein Dasein verdankt,und die Gesetzmäfsigkeit,- nach welcher dieselben wirken. Diesaber ist wiederum Aufgabe der Ästhetik.
Dazu kommt, dafs auch die Weise, wie ein Zeitcharakter ineinem Kunstwerk sich ausspricht, andererseits die Wirkung des-selben auf seine Zeit, mit zur Historie des Kunstwerkes gehört.Auch das Verständnis solcher Tatsachen aber liegt der Ästhetikob. Sie können wirklich „verstanden“ werden nur von einerÄsthetik, die eine ernste und umfassende und auf sichere psy-chologische Grundlagen gestellte Wissenschaft ist.
So ist die historische Kunstwissenschaft zugleich Ästhetik,oder — sie verfehlt einen wesentlichen oder den wesentlichstenTeil ihrer wissenschaftlichen Aufgabe.