Druckschrift 
2 (1895) 1847 - 1879
Entstehung
Seite
360
Einzelbild herunterladen
 

380 Die zweite Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags

im Hotel Magdeburg, es waren 15 Abgeordnete anwesend; 23 fehlten. Völkbrachte zur Besprechung, ob er dem Ansinnen einer Erklärung wegen seinerRede entsprechen soll. Er für sich allein wolle die Verantwortlichkeit, den Bruchder nationalliberalen Partei herbeigeführt zu haben, nicht auf sich nehmen. Ertrug uns seine Gedanken über den Inhalt einer Erklärung vor, die er für denFall abgeben könnte, wenn der Mißbilligungsantrag vorher zurückgenommen wäre.Seine Erklärung müsse aber eine freie sein, sie dürfe nicht als durch Drohungeiner Mißbilligung erzwungen erscheinen. Wir sind mit seinen Anschauungeneinverstanden. Während der Reichstagssitznng verhandelt Benda mit Volk. Sieverständigen sich über ein Schreiben des letzteren an den Vorstand der Partei,das womöglich noch nichtssagender als die von uns in Aussicht genommeneErklärung ist. Die mittlere Richtung in der Fraktion will absolut jeden Bruchvermeiden; allein mit den Männern des linken Flügels ist unseres Erachtensbeim Wiederzusammentritt des Reichstags ein Zusammengehen nicht möglich.

Abends 6 Uhr.

Die Würfel sind gefallen. Unerwarteterweise erklärten die Antragsteller mit derErklärung Völk's die Sache nicht für abgethan. Sie beharrten darauf, daß die Fraktionmindestens ihr Bedauern über Völk's Rede auszusprechen habe. Bennigsen,Benda u. s. w. widersprachen vergeblich; Schauß bot als letzten Vermittelungs-versuch unsererseits an, diesen Ausspruch mit dem Beisatz anzunehmen: dieFraktion erkläre damit die Sache für erledigt, oder: gebe ihr keine weitere Folge.Bei namentlicher Abstimmung wurde mit 40 gegen 39 Stimmen dieser Antragabgelehnt, und dann das bloße Bedauern mit ca. 45 gegen 35 Stimmen an-genommen, 34 der gemäßigten Partei fehlten, die Gegner hatten alle Mann aufdem Platze. Sie haben gestern Abend eine bis 12 Uhr dauernde Versammlunggehalten, worin sie sich verpflichteten, auszutreten, wenn sie keine ausreichendeGenugthuung erlangen könnten.

Bennigsen mit seinen speziellen Anhängern hatte für die Milderung unddann gegen den Antrag selbst gestimmt. Große Aufregung; Verhandlungenherüber und hinüber. In unserem engeren Kreise erklärte Völk, der aus An-suchen Bennigsen's in der Sitzung nicht erschienen war, er trete heute noch aus.Ich erklärte dies ebenfalls, da ich Völk nicht allein ziehen lasse; Zinn, Schaußdesgl. Schließlich gaben 15 die Austrittserklärung ab. Treitschke war schonvorher für sich ausgetreten, Gneist, Cuny, Boretius wollen noch abwacken.Einige, die sich vorgestern mit Völk solidarisch erklärt hatten, haben uns imentscheidenden Augenblick verlassen. Ausgetreten sind: Zinn, Schauß, Römer,Klein, Kreutz, Rentzsch, Servais, Feustel, Jäger, v. Ohlen, Bähr-Kassel, Bauer,Puttkamer, Vopel und ich.

Heute Abend 10 Uhr reise ich ab st.

0 Zu vergl. ist noch der am Tage nach Völk's Rede erscheinende Censur-Artikel derNational-Zeitnng" und die daselbst abgedruckte Erklärung der 15 Austretenden.