236 Die erste Session der III. Legislatur-Periode des Reichstags
Der Abgeordnete Klöppel*), welcher vorstehend erwähnt wurde, empfingdie Einladung zu einer Unterredung mit Bismarck im Foyer des Reichstags. FürstBismarck legte auch ihm die Frage vor, ob die Kreis-Ordnung in den westlichenProvinzen nach dem von dein Geheimen Rat Wählers ausgearbeiteten, von demGrasen Enlenburg genehmigten liberalen Entwürfe eingeführt, oder ob dieseEinführung, wie Herr von Sybel riet, auf unbestimmte Zeit Wert, oder endlichnach Ansicht der überwiegenden Mehrheit der nicht ultramontanen Abgeordnetender betreffenden Provinzen nur mit gewissen Abänderungen zur Sicherung derobrigkeitlichen Autorität gegen die zu erwartenden ultramoutanen Mehrheiten derVertretungskörper stattfinden solle. Diese dritte Ansicht vertrat auch der Abge-ordnete Kloeppel, aber ohne Erfolg. Fürst Bismarck machte gegen seine Dar-legung einige Einwendungen im Sinne der Sybel'schen Ansicht, behielt sich aberden Entschluß vor, der erst bei den Verhandlungen des Abgeordnetenhauses überden Entwurf in der zweiten Februarwoche bekannt wurde ^).
Nachdem dieser Gegenstand erschöpft war, führte Fürst Bismarck in der ihmeigenen zwanglosen Weise die Unterhaltung auf andre Gebiete hinüber. Somachte er dem Abgeordneten aus den während der Unterredung eingehenden neuestenDepeschen die Mitteilung der Erledigung der Podgorizza-Affaire, dem Vorspielder einige Monate später beginnenden orientalischen Verwickelung.
XII. Abschnitt.
Ars ersts Josslon dsr III. HLgi'sst>tui'-)?ottosiv dos Hsirhssirgs.
(22. Februar bis 3. Mai 1877.)
Am 22. Dezember 1876 war die vierte und letzte Session der II. Legislatur-Periode des Reichstags geschlossen worden. Die Neuwahlen fanden am 10. Januar1877 statt; sie ergaben eine Schwächung der Nationalliberalen (128 Mann,Verlust 25 Sitzes), eine Zunahme der Freikonservativen (5 Sitze) und ein An-schwellen der Konservativen (35 statt 22). Die Agitation, welche die „Nord-deutsche Allgemeine Zeitung" zum Zwecke einer konservativen Gestaltung der
') Klöppel, Peler, geboren den 1. Znli 1840 zn Cöln, katholisch, seit 1865 Advokat erstin Cöln später in Jena, z. Z. in Leipzig, seit 1872 Leiter der „Rheinischen Zeitung", Mitglieddes Abgeordnetenhauses von 1873 — 1876, des Reichstags von 1874—1876. Derselbe gehörte derFortschrittspartei nur vorübergehend an.
2) Der Minister des Innern Graf zu Enlenburg erklärte sich gegen den Antrag Virchom,weil die Gemeinde- und Kreis-Ordnung für Rheinland-Westfalen im Ministerium noch nicht fest-gestellt sei und noch Verhandlungen darüber nötig seien. Stenographischer Bericht S. 208und 21!. Trotz dieser keineswegs ablehnenden Erklärung wurde der Antrag Virchow mit 292Stimmen (unter 320) angenommen.
-*) Eine merkwürdige Rede Miquel's, der kein Mandat mehr annehmen wollte, vom4. Zanuar 1877 findet sich abgedrnckt in Schnltheß' Geschichtskalcnder 1877, S. 36.