47
Aufzeichnungen von Peter Reichensperger
schwoll dieselbe zu 70—80 Mitgliedern an, welche sich als: „Katholische Fraktion"konstituierte. Dieser Wandel hatte sich dadurch begeben, daß Erlasse des Kultus-Ministeriums vom 22. Mai und 16. Juli 1852 die durch Artikel 12 der Ver-fassung garantierte Religionsfreiheit auf den Gebieten der geistlichen Missionenund des kirchlichen Unterrichtswesens beschränkt hatten. Nachdem der Hane Kampfgegen diese Reaktion von der katholischen Fraktion mit Erfolg durchgefochten war,schmolz dieselbe allmählich wieder sehr zusammen, da man die Religionsfreiheit fürvollkommen gesichert erachtete. Im Verfolg bezeichnet^ sich die Fraktion sogarals „Fraktion des Centrums" unter Beifügung der Bezeichnung „KatholischeFraktion" in Klammern, um so die Kontinuität zu wahren.
Als der deutsche Reichstag znsammentrat, beschloß die große Mehrzahl seinerkatholischen Mitglieder, ebenfalls als Fraktion des Centrums sich zu vereinigen.
Die vorstehende Notiz über die Entstehung des Centrums verdanke ich der Gütedes Appellationsgerichtsrats vr. August Reichensperger. Dieselbe ist sehr beachtens-wert, weil über den Gegenstand so viel gefabelt worden ist. Wurde doch sogarschon der Abgeordnete Windthorst als der Begründer der Centrums-Fraktion be-zeichnet!
III. Abschnitt.
Ais Indemnität und die Pntumketnng rn Frensseu mährend derIX. und X. Ilegrstntnr-Pertode').
(1866—1870.)
Am 5. Jnli 1866, also bereits drei Tage nach der Schlacht von Königgrätz,erklärte sich Bismarck aus Horschwitz mit dem Vorschlag des Ministers v. d. Heydteinverstanden, nach dem günstigen Ausfall der Landtagswahlen Schritte zurBeendigung des Vcrfassnngsstreites zu thun^). Den Konservativen, welche hiervonWind bekommen haben mußten, war diese Entwickelung natürlich in hohem Gradeunsympathisch.
Anfangs August erschien Herr von Kleist-Retzow an der Spitze einerDeputation von Gesinnungsgenossen bei dein Ministerpräsidenten in Prag, nmdenselben zu bewegen, die äußeren Erfolge zu einem Siege des „konservativen
si Die IX. Legislatur-Periode wurde von zwei Sessionen nusgefüllt; die erste währte vom
5. August 1866 bis 9. Februar 1867, die zweite vom 24. April 1867 bis 29. Juni 1867. DieX. Legislatur-Periode brachte drei Sessionen: I. Session vom 15. November 1867 bis29. Februar 1868, II. Session vom 4. November 1868 bis 6. März 1869, III. Session vom
6. Oktober 1869 bis 12. Februar 1870.
2) Roon a. a. O., S. 310 und von Sybel V, S. 343. Angeregt war der Ausgleich bereitsfrüher (28. Juni) durch ein Schreiben deS Ministers des Innern an Bismarck, betreffend denEntwurf der Thronrede. Vcrgl. Roon's Denkwürdigkeiten Bd. II, S. 309. Die Urwahlen fürdaS neue Abgeordnetenhaus waren am 25. Juni, die Wahlen der Abgeordneten am 3. Jnli1866 vorgenommen morden.