354 Die zweite Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
sich daher zur Annahme des Gesetzes auch mit dem Antrag Franckenstein. Ichneige mich ans principiellen Gründen mehr zum „Nein" sagen; behalte mir aber,wie überhaupt Alle unserer spezifischen Richtung, meine letzte Entscheidung vor.
Der linke Flügel benützte aber die Gunst des Augenblicks und drang aufeine Fraktionssitznng, welche gestern stattfand. In derselben beantragt derselbe,es zur Fraktionssache zu machen, daß, so lange der Franckenstein'sche Antrag be-stehe (wohl als Mehrheitsbeschluß der Kommission), die Fraktion bei der Einzel-beratnng gegen die Finanzzölle und gegen das Gesetz stimmen solle. Sie wollendamit offenbar unseren rechten Flügel hinausdrängen. Du kannst Dir denken,mit welcher Schärfe Rickert, Lasker, Forckenbeck diesen Antrag begründeten. Völktrat entgegen, indem er die relative Harmlosigkeit des Franckenstein'schen Antragsnnchwies. Treitschke argumentierte ähnlich, nur mit einer etwas stärkeren Nuancegegen den Antrag. Er schloß: die süddeutschen Freunde könnten versichert sein,daß, wenn sie austreten, bald andere (wegen der allgemeinen Lage in der Partei)folgen würden. Daneben äußerte er sich scharf gegen Forckenbeck, Bnnsen u. s. w.Bennigsen nahm seine Stellung so: der Antrag (der Linken) wie er liege, könnezunächst nicht angenommen werden, so lange noch kein Beschluß des Reichstagsgefaßt sei. Dann allerdings müsse auch nach seiner Ansicht die Fraktion gegendie Finanzzölle und das Gesetz stimmen. Hierauf folgten die heftigsten Angriffevon Seiten Lasker's und Forckenbeck's gegen Bennigsen persönlich; sie warfenihm seine Rede über den Zolltarif vor. Forckenbeck bemerkte: Bennigsen suchewieder die Energie der Fraktion zu lähmen. Hieraus erfolgte die Vertagungder Beratung ans heute oder morgen.
Man sagt, der linke Flügel wolle austreten, wenn sein Antrag nicht an-genommen werden sollte. Dies würde, wie auch die Angriffe auf Bennigsen(die wohl in der Leidenschaft gemacht wurden) mit meiner obigen Ansicht, daß siedie- Situation benützen wollten, um das Centrum der Fraktion ans ihre Seiteherüber zu ziehen, allerdings nicht harmonieren. Ich sehe hier über ihre Absichtnoch nicht ganz klar.
Meine Ansicht, die ich in der nächsten Fraktionssitzung möglichst milde dar-legen oder andeuten werde, ist folgende: Die Fraktion in dieser Zusammensetzungkann nicht bei einander bleiben, und diese Frage muß jetzt zum Austrag kommen.Am richtigsten wäre die Ausscheidung des linken Flügels. In diesem Fallekönnte neben den andern Gründen schon aus Rücksicht auf Bennigsen der rechteFlügel sich wohl dazu verstehen, schließlich zum Gesetz mit dem Franckenstein'schenAntrag „Nein" zu sagen. Gelingt dies nicht, so muß der rechte Flügel, aller-dings zunächst in kleiner Zahl, austreten, ich mitinbegriffen, ganz unabhängig vonder Frage, ob ich zum Gesetz schließlich „ja" oder „nein" sage. Wie dann Ben-nigsen mit Forckenbeck, Lasker und Rickert zurecht kommt, weiß ich nicht. Dieunerquicklichen Zustände innerhalb der Partei würden dann eben fortdauern. Obwir (etwa mit Löwe, der auch zum eventuellen Stimmen gegen das Gesetz neigt,im übrigen aber mit mir bezüglich der politischen und Parteiverhältnisse sästganz übereiustimmt) dann eine Gruppe oder Fraktion bilden können, steht dahin.