1876
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gierig, wie zu Ende der Session die nationalliberale Partei aussehen wird, be-zweifle, ob ich noch dabei sein werde. Angenehm ist diese gespannte Situationnicht.
Berlin, den 21. Mai 1879. Mittwoch.
Heute wurde Herr von Seydewitz von der Rechten an Stelle von Forckenbeckzum Präsidenten gewählt. Die Nationalliberalen gaben meist weiße Zettel ab.Der Zurücktritt Forckenbeck's mar kaum zu vermeiden, nachdem er letzten Samstagbei dem aus Veranlassung des Städtetags gehaltenen Bankett sich als Führer der zubildenden großen liberalen Partei, deren Kern das freie Bürgerthum bilden solleund die auch wirtschaftlich freisinnig, d. h. freihändlerisch sein müsse, proklamierenließ'). Die Gegensätze in der Fraktion schärfen sich, die Freihändler werfen unsvor, wir seien — wenn auch unbewußt — an der Verschiebung der Parteistellnngdurch unfern Beitritt zu den 204 (freie wirtschaftliche Vereinigung) schuld. Wir er-widern, sie hätten nur die Zollfrage nicht zu einer Parteifrage aufbauschen sollen, siesei noch nie und nirgends eine Frage des Liberalismus gewesen. Bennigsen bemerkthierzu, die wirtschaftliche Frage sei eine viel zu schmale Basis zur Bildung einerPartei; Streit in der Fraktion wegen des Verhaltens bei der Präsidentenwahl. Mög-licherweise hätten wir mit Hülfe der Freikonservativen Bennigsen durchsetzen können.Allein dies wäre die Sprengung der Partei gewesen, da der linke Flügel erklärt,er würde bei dieser Lage keinem Mitgliede unserer Partei die Stimme geben.Bennigsen hatte also vollkommen Recht, unbedingt abzulehnen, und wir warendaher nicht in der Lage, den Präsidenten zu stellen. Der rechte Flügel willjedoch die Fühlung mit den Freikonservativen nicht anfgeben, während der linkesie „reißen" will, selbst aus die Gefahr, daß ein Centrumsmann erster oder(wenn der kranke Stauffenberg niederlegt) wenigstens zweiter Präsident wird. Esfällt das Wort, das würde der Situation entsprechen, thatsächlich seien das Cen-trnm und die konservative Partei doch einig, Bismarck habe es so gewollt; dannwiederholt sich die Bemerkung, die 204 resp. wir Nationalliberale unter den-selben seien daran schuld. Völk erwidert kräftig. Bennigsen konstatirt, es seikein bindender Beschluß darüber zu fassen, ob weiße Zettel abzugeben seien odernicht, die Mehrheit sei für ersteres. Die Gefahr eines Centrnmsmannes alserster Präsident werde aber beseitigt sein, wenn die Minderheit der Nationalliberalenbeschriebene Zettel abgebe. Nach der Fraktionssitzung erfahren wir, daß beidekonservative Fraktionen, und Centrnm sich auf Seydewitz vereinigt hätten. Waswurde letzterem dafür versprochen?
Bei den Freikonservativen scheint es auch heftige Semen gegeben zu haben.Schmid erzählt mir davon: Freiherr von Varnbüler und Graf Wilhelm Bismarcksollen darauf gedrungen haben, jede Verbindung mit den Nationalliberalen ab-zubrechen. Er (Schmid) habe opponiert. Viele, selbst der Botschafter Hohenloheseien ihm beigetreten, von dem Wunsche beseelt, die Beziehungen zum rechtenFlügel der Nationalliberalen aufrecht zu halten. In gleicher Weise sprachen sich
-) Vergl. oben S. 327.