Reichskanzlers und für seine Steuer-Projekte in ihren Grnndzügen eine Mehrheit.Die Konservativen und das Centrnm werden wohl in ihrer überwiegenden Mehr-heit dafür sein; die — übrigens nur etwa 25 Köpfe zählende — Fortschrittsparteidagegen! Bei den Nationalliberalen steht die Sache etwa so, wie wir kürzlichgeschätzt haben. Für die Pläne im großen Ganzen etwa 30, absolute Frei-händler und Gegner der Reform etwa 40—45, solche, die zwar freihändlerischsind, aber teils weil sie in der Fraktion auf der rechten Seite stehen, teilsweil sie aus allgemeinen Gründen eine Verständigung wünschen werden, etwa30 mit Bennigsen au der Spitze. Die Anhänger der wirtschaftlichen Politikdes Kanzlers (jene ersten 30), zu denen ich mich rechne, suchen nun in derFraktion eine sebständige Stellung zu erlangen. Wir haben zu diesem Zweckeam Samstag eine Sonderbesprechung gehalten. Gestern um 12 Uhr war dannSitzung der „wirtschaftlichen Vereinigung", an der Mitglieder aus allenFraktionen Teil nahmen, welche dieser Richtung huldigen. Frage, ob die zuerwartenden Zoll- und Steuervorlagen an eine Kommission verwiesen werdensollen oder nicht; das Centrum neigt sich elfterer Ansicht zu. Beschlußfassungaus später ausgesetzt.
Berlin, den 2. April 1879.
Bennigsen hat den neuen Zolltarif schon in der Hand und studierte denselbenin heutiger Sitzung fleißig. Rickert sagte zu ihm: „Auch Du, Brutus!"
Allein Anschein nach bahnt sich zwischen Bennigsen und Bismarck eine Ver-ständigung an, bei der letzterer der Hauptsache nach bei seinen Vorschlägenbleiben wird, die nötigenfalls auch ohne Bennigsen eine Mehrh.eit erhaltenwürden. So dürfte nach menschlicher Berechnung die Steuer- und Zollreformgesichert sein.
Stuttgart, den 8. April 1879.
Letzten Donnerstag (3. April) war die letzte Sitzung des Reichstags vorOsteru. Bis zum Schluß der Sitzung wußte mau nicht, ob nicht auch noch amFreitag Sitzung sein soll. Die nächste Sitzung wurde auf den 28. April an-beraumt. Fürst von Langenbnrg sprach für den 23. April, ich stimmte dafürmit wenigen Nationalliberalen und den Konservativen, wir blieben aber in derMinderheit. Der Kaiser hat sich nachher gegen den Fürsten Langenbnrg sehr-ungehalten über Forckenbeck ausgesprochen wegen der langen Ferien. Die Zoll-und Steuerangelegenheit müsse einmal zum Abschluß kommen, sie dürfte nichtverschleppt werden. Die Anhänger der Zollerhöhungen müssen allerdings aufder Hut sein, damit die Freihändler nicht mit allen möglichen Kunstgriffen dieSache am Ende verderben.
Interessantes kam in den letzten Tagen des Reichstags nicht mehr vor, allesist auf die Hauptschlacht nach Ostern gespannt si.
0 Am 23. April fand in Stuttgart eine Berscunmlnng zur Besprechung der Zoll- undWirtschaftsfragen statt, wozu der Abgeordnete Holder die Vorstände der deutschen und deutsch-konservativen Partei daselbst eingeladeu hatte. Referate über den Vortrag Hülder's findet manim „Schwäbischen Merkur" vom 25. April und im „Neuen Stuttgarter Tageblatt" vom25. und 26. April 187V.