840 Die zweite Session der IV. Legislntnr-Periode deS Reichstags
schleppung der Steuer- und Zollreform vorzubereiten. Einstweilen gelang dies,indem der Präsident versprach, wenn möglich bis 4. oder 5. April sortzutagen.
Abends hatten Römer und Zinn eine Besprechung derjenigen Nationalliberalenveranlaßt, die zugleich Mitglieder der volkswirthschastlichen Vereinigung sind:also Gegner der Freihändler. Es kamen etwa lO zusammen. Wir fanden beiRubrizierung des Mitgliederverzeichnisses der Nationalliberalen etwa 32 unsererRichtung, etwa 42 entschiedene Freihändler und etwa 28, die in einer Mittel-stellung eine Verständigung nicht ablehnen würden. Zu letzteren rechnen wirauch die stark rechts Stehenden (Behr, Treitschke, Wehreupfcnnig re.), die, wennauch ihrer Überzeugung nach Freihändler, einen Bruch mit der Regierungunbedingt vermeiden und nicht mit Bamberger, Lasker und Rickert gehen werden.Ferner rechnen wir dazu Bennigsen mit seiner Leibgarde, der aus politischerKlugheit einen Bruch vermeiden, die Partei Zusammenhalten, Bismarck seineeinflußreiche Stellung fühlbar machen wird und dann sich mit demselben wirdverständigen wollen.
Wir kamen mit einander überein, daß die Frage der Verweisung der zuerwartenden Vorlagen an eine Kommission für uns zunächst offen bleiben soll.Dabei betrachten wir aber als unbedingte Voraussetzung der Zustimmung zueiner Kommission deren loyale Zusammensetzung nach Verhältnis der wirtschaft-lichen Richtungen. Wenn z. B. bei einer Kommission von 28 die National-liberalen 8—9 Mitglieder zu stellen haben, so müssen wir 2—3 davon für unsin Anspruch nehmen. Buhl soll in dieser Richtung offen mit Bennigsen reden.
Die politischen und persönlichen Gegensätze innerhalb der Fraktion wirkenselbstverständlich auf diese wirtschaftliche Gruppierung. Mit wenigen Ausnahmensind, sit vsnig. vsrbo, die Schutzzöllner zugleich gegen die radikalen NeigungenLasker's uud Rickert's, sowie Gegner der bisherigen oligarchischen Herrschaftinnerhalb der Fraktion. Andererseits mag der eine oder andere unserer Gruppetrotz wirtschaftlich gleichen Anschauungen ferne bleiben, wenn er persönlich mitden regierenden Herren eng verbunden ist.
Berlin, den 30. März 1879.
Bericht über diejenigen Personen, welche Holder am 29. abends auf derparlamentarischen Soiree bei Bismarck gesprochen hatte. Ein sehr gut unter-richteter Landsmann erzählte ihm: „Im großen bestehe über die Zoll- undSteuerprojekte Bismarck's unter den maßgebenden Regierungen Einigkeit. AmMittwoch (den 3. April) sei die entscheidende Sitzung des Bundesrats, amFreitag soll die Zolltarifvorlage formell beim Reichstag eingebracht, sofortgedruckt uud den Abgeordneten während der Osterferien nachgesandt werden.Zinn behauptet, Bennigsen sei, von einem Essen bei Lucius kommend, sehr an-geheitert bei Bismarck erschienen, was dieser sofort bemerkt habe,
Berlin, den 31. März 1879.
Die Situation scheint sich etwas zu klären. Wenn es auch nach Osternheftige Kämpfe geben wird, so bildet sich doch allmählich für die Zollpolitik des