3?6 Die zweite Session der IV. Legislatur-Periode des Reichstags
Hölder's Gewährsmann erklärte, er würde es für unpolitisch halten, wennWürttemberg dagegen stimmte und dadurch den Reichskanzler reizte. Gedanktwerde es Württemberg von niemandem; die Nationalliberalen hätten selbst indem Gesetzentwurf einen gesunden Kern anerkannt. Das Empfehlenswerthestewürde im unterstellten Fall Stimmenthaltung sein.
Stuttgart, den 2. März 1879.
Der Reichstag ist am 12. Februar znsammengetreten. Bis zum 22. Februarwar ich durch die Sitzungen des Landtags entschuldigt. Max Römer ist schonseit 3 Wochen zum Reichstag abgereist. Er hat mir über die Situation geschrieben,die noch voll Unklarheit ist. Man mache sich aus eine Auflösung gefaßt. Über-einstimmend sagte mir ein Bevollmächtigter zum Bnndesrat, Bismarck sei zuallem entschlossen; es sei gegenwärtig sehr schwer mit ihm verkehren.
Den Gedanken, der mich seit Jahr und Tag bewegte, führte ich aus: ichschrieb an Herrn von Bennigsen, eine Wiederwahl in den Vorstand der national-liberalen Partei müßte ich ablehnen; der wesentlichste Grund seien die Partei-verhältnisse in Württemberg in Verbindung mit meiner Vertrauensstellung alsPräsident der württembergischen Kammer der Abgeordneten, welche mir diese Zu-rückhaltung auserlegcn. Einer näheren Erläuterung wird es hier kaum bedürfen.
Von der deutschen Partei in Württemberg stehen mindestens ^ bis ^ vielnäher der sreikonservativen Partei als der nationalliberalen. Von den gegen-wärtigen Kammermitgliedern würden in Berlin kaum 6 zur nationalliberalenFraktion gehen. Letztere hat in Württemberg überhaupt so gut wie keinen Boden.Die centralisierende Richtung ihrer Führer schreckt die Württemberger ab. Sieist ferner überwiegend sreihändlerisch, während wir in Schwaben überwiegendfür mäßige Schutzzölle sind. Lasker und seine Freunde, die bei den Wahlenund in der Presse das große Wort führten, neigen entschieden zur Fortschritts-partei, von dieser will unsere deutsche Partei und die Masse der Bevölkerungnichts wissen, während unsere Volkspartei früher oder später in deren Lager ein-treten wird, es teilweise schon gethan hat.
In allen diesen Punkten stimme ich mit der hiesigen Partei überein, werdealso häufig in Berlin im Widerspruch mit der Mehrheit der nationalliberalenPartei sein. Da würde es sich sonderbar ausnehmen, wenn ich in deren Vor-stand wäre, und ich kann bei dieser Sachlage auch die moralische Verantwortung,welche auch ein dissentierendes Vorstandsmitglied immerhin hat, für die national-liberale Partei nicht übernehmen. Persönlich bin ich rnhebedürftig und willmich in Berlin von aktiver Thätigkeit möglichst fern halten. Als Vorstandsmit-glied müßte ich aber, zumal im Fall abweichender Ansichten, diese in öffentlicherRede vertreten, was wieder mißlich für die Fraktion wäre. Endlich haben dieHerren an der Spitze^seit lange mit mir wenig oder gar nicht über die zu ent-scheidenden Fragen verhandelt, während ich den Eindruck habe, daß das Meisteunter ihnen schon vor der Vorstandssitzung aus- und abgemacht ist. EinenPrivatverkehr mit mir suchten sie seit.lange nicht, der vertrauliche Gedankenaus-