318 Dic zweite Session der IV- Legislatur-Periode des Reichstags
wisse aber, daß in der ersten Zeit der Christenheit, wo noch Heiden-Christenehenvorkamen, die bürgerliche Ehe von der Kirche anerkannt worden seiZ. —
Die Session brachte eine Reihe sehr wichtiger Verhandlungen, von denenwir zunächst die Regelung der Verfassung von Elsaß-Lothringen ins Augefassen wollen.
Die am 30. Juli 1878 stattgehabten Reichstagswahlen hatten eine Schwächungder autonomistischen Partei zur Folge °), indem in Straßburg-Stadt der bisherigeAbgeordnete Bergmann durch den Protestkandidaten Kablö ersetzt worden warund der Wahlkreis Hagenau — der bisherige Abgeordnete Nessel ließ sich nichtwieder aufstellen — ebenfalls an einen Protestler verloren ging. Hingegenwurde ein autonomistischer Kandidat, Lorette, in Lothringen gewählt. Es warenalso ihrer vier: Lorette, North, I)r. Rack und Schneegans. Die Wahl derHauptstadt konnte nicht ermangeln, eine besondere Bedeutung zu gewinnen. Inder deutschen Presse wurde dieselbe allgemein dahin gedeutet, daß die autono-mistischen Bestrebungen, wenn nicht sofort aufs Spiel gesetzt, so doch sistiertund aufgehalten seien.
Indessen hatte sich diese Befürchtung erfreulicherweise nicht bewahrheitet.Schon am 22. Februar 1879 konnte sich der zur Eröffnung des Reichstagsnach Berlin gereiste Abgeordnete Schneegans überzeugen, daß der Kronprinz ent-schlossen war, seinen ganzen Einfluß im Sinne einer Sanierung der elsaß-lothringischen Verhältnisse in die Wagschale zu werfen. An demselben Tagewohnte dieser Abgeordnete einer parlamentarischen Soiree beim Reichskanzler bei,der alsbald die Frage an ihn richtete, wie es um die Zukunft von Elsaß-Lothringen bestellt sei. Auf die Äußerung des Abgeordneten Schneegans, dieHoffnung der Autonomisten sei nicht geschwunden, nur glaubten sie nach denAttentaten vom Sommer 1878 nicht mehr an eine Verwirklichung des „Kron-prinzenlandes", erwiderte Fürst Bismarck, nach seiner Ansicht dürfe man nichtverzweifeln; es sei an der Zeit, nunmehr einen entscheidenden Schritt nach vor-wärts zu machen, ob in der ehedem gedachten Art, das sei zu untersuchen.„Halten Sie sich in meiner Nähe, ich will mit Ihnen darüber sprechen."
Schneegans that, wie der Fürst es gewünscht; aber nach mehreren Versuchen,wobei der Reichskanzler durch Vorstellungen immer aufs neue unterbrochen wurde,sagte er zu dem Abgeordneten, hier ginge es nicht, er möchte am folgenden Tageum 2 Uhr zu ihm kommen.
Am 23. Februar, zu besagter Stunde, stellte sich Schneegans bei dem Reichs-kanzler ein. Derselbe empfing ihn in seinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß, undals er denselben in Geseüschaftstoilette sah, bemerkte er, diese Förmlichkeit sei ganz
') Nach der „Post" hatte Freiherr von Franckeustein auch am lv. März 1879 eine Unter-redung mit dem Kanzler.
H Wegen der früheren Versuche zur Lösung der elsaß-lothringischen Verfassungsfrages. oben S. 281.